Drei Jahre Schattentaucherin: Kurswechsel

Fünf Jahre ist es nun her, dass ich – nach über zehn Jahren mit Psychopharmaka und therapeutischer Unterstützung – begonnen habe, mich zu fragen, ob es richtig sein könne, immer weiter mich für das Leben „passend machen“ zu wollen, oder ob es nicht vielmehr an der Zeit sei, mein Leben an mich, meine Bedürfnisse und meine Möglichkeiten anzupassen.
In der Verfassung, tatsächlich aktiv zu werden, mein Leben neu zu gestalten, war ich damals freilich nicht. Ich hatte schlicht Glück: Ohne dass ich danach gesucht hätte, fand sich ein Platz für mich, an dem ich ein anderes Leben ausprobieren konnte. Mir blieb nur, mich auf den Weg zu machen und das fand ich schwierig und schmerzhaft genug.

Seit vier Jahren lebe ich auf einem Bauernhof in den Cevennen, einer nur spärlich besiedelten Gegend im Süden Frankreichs, von der ich vorher noch nie gehört hatte. Hügelig sind die Cevennen. Und grün. Aber karg, felsig und unwirtlich ebenso. Eine Gegend, in der schon früher Menschen Schutz gesucht haben.
Der Hof ist einsam gelegen, Nachbarn gibt es nicht. Meist ist es so ruhig, dass einem die Stille in den Ohren klingt. Soweit es mir möglich war, hab ich mich an der Hofarbeit beteiligt. Die Strukturen, die das Leben auf dem Land kurzerhand „setzt“, haben mir gutgetan, ebenso wie die Fürsorge für unsere Tiere. Nicht zu vergessen: Die Hofküche! Die ist mir Arbeitsplatz, Ergotherapie und Kreativlabor in einem!
Wer nun aber meint, dass damit, hopp!, mein Leben in Ordnung war, den muss ich enttäuschen. Ich war dieselbe, wie vorher: Immer noch depressiv, immer noch gelegentlich von Panikattacken heimgesucht. Aber immerhin: Eigenständig unterwegs, ohne medikamentöse Unterstützung.

Vor drei Jahren nun, habe ich mich entschieden, mich als Mensch mit einer psychischen Erkrankung zu outen und vom weiteren Verlauf meines Weges zu berichten: Die Schattentaucherin war geboren.

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Während der ersten beiden Jahre auf dem Hof war ich vollauf damit beschäftigt, den Kopf über Wasser zu halten: Am Leben teilzunehmen sofern möglich, Tiefs und Rückschläge durchzustehen, auf baldige Besserung zu hoffen und irgendwann auch zu vertrauen. Bis heute fällt es mir schwer zu unterscheiden, ob es tatsächlich meine Lebenssituation ist, die unerträglich scheint, oder „nur“ die Depression mir wieder einmal einflüstert, dass alles sinnlos sei. „Wenn’s nach zwei, drei Tagen wieder okay ist, war’s nur die Depresse!“, aber das weiß ich dann: An Tag eins möchte ich sterben. Immerhin war irgendwann nur noch von Tagen die Rede – nicht mehr von Wochen und Monaten. Und ganz allmählich hat sich Vertrauen entwickelt: Darauf, dass heute halt mal ein schlechter Tag ist. Mit der Betonung auf „heute“ und „mal“ …

Erst dann war Platz für die Idee, es könne noch „Luft nach oben“ geben und ich aktiv etwas dafür tun, mein Befinden weiter zu stabilisieren. Angefangen habe ich ganz klein: Mit Achtsamkeitsübungen, die ich morgens im Bett absolvieren konnte. Ein Yogakurs, der wundersamerweise just in dem Moment im Dorf angeboten wurde, als ich soeben erfahren hatte, dass Yoga meine Achtsamkeitsbemühungen wirksam unterstützen könne, dagegen, schien mir ein außerordentlich ehrgeiziges Projekt zu sein. Es dennoch in Angriff zu nehmen, hat mich eine Menge Mut und Zähigkeit gekostet – aber es hat sich gelohnt!

Heute denke ich, dass – obwohl auch CBD durchaus hilfreich ist – es vor allem anderen die Yoga-Übungen sind, die mir gut tun. Es hat, zugegeben, eine Weile gedauert – aber es ist ja auch wichtig, auszuprobieren, ob ein Fehler reproduzierbar ist – bis ich eingesehen habe, dass Rückfälle bevorzugt mit dem Ende der Schulferien einhergingen, also immer dann eintraten, wenn das Yoga-Training ein paar Wochen lang ausgefallen war. Seitdem suche ich regelmäßig meine Matte auf.

Im Großen und Ganzen ist meine Stimmung (der Franzose spricht hier drolligerweise von „humeur“) stabil. Wenn ich arg gestresst bin, habe ich hin und wieder immer noch Panikschübe, aber – ganz ehrlich? – das sind Fürze im Orkan. Unangenehm, ja, peinlich auch – aber nicht wirklich ein Problem. Das Weinen bin ich nicht losgeworden: Wenn mich etwas berührt – ganz egal, in welcher Weise – weine ich. Zuweilen weine ich sogar dann, wenn mich etwas zum Lachen bringt. Das finde ich befremdlich und durchaus auch hinderlich. Aber es gibt ganz sicher Schlimmeres.

Viel wichtiger finde ich, dass ich kürzlich ganz allein im großen Supermarkt in der Stadt war!
Okay, es war kein großer Einkauf, aber ich bin da einfach reinmarschiert und hab erst hinterher begriffen, dass da eine Premiere stattgefunden hatte. Das erste Mal seit 5 Jahren und ich hab nicht einmal darüber nachgedacht!

Demnach könnte die Tauchfahrt jetzt und hier enden: Es hat geklappt. Ich habe eine Lebensweise für mich gefunden, bei der es zum Thema Depression nur noch selten etwas zu berichten gibt.
Stattdessen ist ein Schatten ganz anderer Art auf mein Leben gefallen.
Eine chronische Erkrankung des Körpers, das zumindest steht momentan zu befürchten, die mich mindestens ebenso wirksam daran hindert, am Leben teilzunehmen.
Früher habe ich hin und wieder geflachst, ein Vorteil an Depressionen sei, dass sie immerhin nicht weh täten … Das jetzt tut weh. Unter anderem.
Und derzeit scheint es, als hätte ich noch einen langen Weg vor mir: Bislang gibt es keine brauchbare Diagnose, eine Behandlung, die über ein Stochern im Nebel hinausgeht, ist nicht in Sicht. Das ist beängstigend, empörend, frustrierend und – ooops! – deprimierend. Dafür ist mein humeur nach wie vor erfreulich stabil!

Die Taucherin war mir eine gute Begleiterin auf dem Weg aus der Depression. Sie soll mich auch auf dem Weg durch diesen Schatten begleiten.

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Das Yoga Projekt V

Wagnis Workshop

Wer sich erinnert, mit welchen Ängsten und Nöten ich vor knapp zwei Jahren zu meiner ersten Yogastunde aufgebrochen bin, kann vielleicht ermessen, was für ein Abenteuer ein ganzes Yoga-Seminar war.
Fünf Tage lang, jeweils vier Stunden, in französischer Sprache.

Okay, es fand an vertrautem Ort und mit der vertrauten Trainerin statt, aber natürlich mit sehr viel mehr TeilnehmerInnen als der normale Kurs. Ich kann nicht gut mit vielen Menschen in einem Raum sein. Das fällt mir manchmal schon mit solchen Menschen schwer, die ich kenne, und hier war klar, dass die meisten mir fremd sein würden. Sein und wohl auch bleiben: Mein Französisch ist mittlerweile zwar gut genug, um Nathalies Anweisungen zu folgen (bzw. nachzufragen, wenn ich nicht mehr folgen kann), aber für die Sorte Smalltalk, die hier von Nöten wäre, um rasch ein paar Worte von Yogamatte zu Yogamatte zu wechseln, reicht es nicht ansatzweise. Zumal ich dazu auch in meiner Muttersprache nicht recht in der Lage bin – Smalltalk ist mir ein Greuel.

Vier Stunden sind verdammt lang. An schlechten Tagen fällt es mir ja schon schwer, die normale Kursdauer von 90 Minuten durchzuhalten.

Und dann fängt das auch noch um neun Uhr morgens an! Da bin ich normalerweise noch schwer mit der Frage beschäftigt, ob es wohl möglich sei, mich im Bett aufzusetzen! Last not least: Wenn ich etwas Anstrengendes oder Aufregendes erlebt habe, muss ich, auch wenn es etwas Schönes war, damit rechnen, am nächsten Tag auf der Nase zu liegen. Wie ich fünf Tage am Stück durchhalten soll, ist mir ein Rätsel. Und nein: Ich habe keine Ahnung, welcher Teufel mich geritten hat, mich dafür anzumelden!

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Am ersten Tag bin ich so frühzeitig da, dass ich sicher sein kann, meine Matte am gewohnten Platz auszurollen. Das kann man albern finden, aber mir gibt es Sicherheit: Hier kann ich Nathalie gut sehen und hören, bin aber nicht so dichtauf, dass es aufdringlich wirken könnte. Ich bin relativ nah an der Tür und vor allen Dingen habe ich eine Wand im Rücken! Die halbe Stunde bis zum Kursbeginn wird anschließend allerdings lang und immer länger: Immer mehr Leute kommen in den Raum, begrüßen einander, gehen umher, suchen sich einen Platz … Das ist alles viel zu viel! Ich lege mich mit geschlossenen Augen auf meine Matte und gebe mir alle Mühe, meine Umgebung auszublenden.

Das Training selbst klappt prima. Jedenfalls bis zu dem Moment, als wir uns zu Paaren zusammentun sollen: Ich liege genau in der Mitte der Reihe mit der ungeraden TeilnehmerInnenzahl und „bleibe übrig“. Vielleicht war ich auch einfach zu defensiv. Jedenfalls liegt es nicht daran, dass niemand mit mir üben will – daran bemühe ich mich, ganz fest zu denken. Außerdem bleibe ich nicht allein: Nathalies Co-Trainerin gesellt sich zu mir und ich soll in Fetus-Haltung gegen ihre Hände atmen. Kein Problem – diese Art körperlicher Nähe bin ich vom Tanzen gewohnt und sie macht mir nichts aus. Allerdings haben wir so ein bisschen später angefangen als die anderen und während ich mit der Stirn auf dem Boden auf den Knien liege und jemand hinter mir hockt, die Hände auf meinem Rücken, entsteht im Raum plötzlich Unruhe, Bewegung, Gespräche werden begonnen. Und ich kauere auf dem Boden. Ich seh nicht, was um mich herum, ja, über mir passiert! Das ist zu viel! Ich fahre hoch, schnappe nach Luft, die Tränen kommen. Immerhin gelingt es mir, meiner bestürzten Trainingspartnerin – auf Französisch! – zu sagen, dass ich eine Panikattacke habe. Sie reagiert gelassen und kurz darauf üben wir auch schon weiter. Später wird Nathalie erklären, dass es ganz normal ist, wenn beim Yoga Emotionen „hochkommen“: Trauer, Wut, Heiterkeit, Angst. Das hilft mir, meine Reaktion weniger peinlich zu finden.
Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden mit meinem ersten Tag. Und verschlafe den kompletten Nachmittag.

Ein Teil der Übungen wird täglich wiederholt: Die Demi-Pont zum Beispiel, bei der ich mich fast umbringe, weil mir schlicht die Kraft fehlt. Alle anderen, Senioren und Übergewichtige inklusive, so kommt es mir jedenfalls vor, halten die ganz problemlos. Nur ich renne auf den letzten Reserven, um, nachdem ich gerade erst den Rücken durchgebogen habe, wenigstens Wirbel für Wirbel wieder abzurollen und nicht einfach wie ein nasser Sack auf meine Matte zu klatschen.
Und ausgerechnet diejenige Torsion, die mir, als ich sie vor einiger Zeit zum ersten Mal versucht habe, zu einer Panikattacke verholfen hat … Das wiederholt sich glücklicherweise nicht, aber ein paar Tränchen fließen schon. Ich beschließe, sie fürderhin die „tränenreiche Torsion“ zu nennen.
Als für eine weitere Übung erneut Paare gebildet werden sollen, gelingt mir dieses Kunststück. Und dann gleich noch eines: es handelt sich um eine isolierte Bewegung des Brustkorbes, die durchaus tricky, nach zehn Jahren orientalischen Tanzes aber echt kein Problem ist. Ich bin total stolz auf mich!
Ich fühle mich wohl. Muss nicht mehr alles um mich herum ausblenden, sondern kann die Atmosphäre wahrnehmen: Sie ist entspannt und freundlich.

Am dritten Tag bin ich soweit „angekommen“, dass ich mich in der Pause ins Foyer wage.
Bisher habe ich das vermieden: Es ist zu eng, zu laut und ich habe Angst, dass jemand in bester Absicht ein Gespräch mit mir zu beginnen versucht.
Es wird Tee gereicht. Ich vermute, dass er gratis ist, aber mir ist nicht klar, ob man sich einfach welchen nehmen darf, oder darum bitten muss. Mit ein bisschen Nachdenken reicht mein Französisch, um die entsprechende Frage zu formulieren, aber es würde sehr gestelzt klingen, fürchte ich, und das ist mir unangenehm. Außerdem laufe ich in solchen Momenten immer Gefahr, dass es mir zwar gelingt, eine Frage zu stellen, ich die Antwort aber nicht verstehe.
Und prompt passiert es! Eine Frau mit einem Becher Tee in der Hand schaut mich an und fragt etwas.
Pardon?“
Sie wiederholt die Frage. Ich verstehe kein Wort.
Nachdem ich zwei Stunden lang französischen Anleitungen gefolgt bin, kann ich mich kaum noch konzentrieren. Und: Wenn man weiß, worüber gesprochen wird, kann man Gesprächen in einer Fremdsprache relativ gut folgen. Wenn man aber erst einmal herausfinden muss, was überhaupt das Thema ist, verliert man ratzfatz den Anschluss …
Sie scheint ihren Becher zu heben und vor meinem inneren Auge sehe ich mich erfreut danach greifen, während sie mich lediglich gefragt hat, ob ich wisse, wie spät es ist. Wie peinlich wäre das? Ich bin völlig überfordert.
Tu?“ … Pause … „Vouloir?“ … Pause … „Thé?“
Ob ich Tee möchte! „Du wollen Tee?“ um genau zu sein. Ich lache los. Und komme mir weit weniger blöd vor, als ich befürchtet hätte.
Es wird mir noch häufiger passieren, dass ich im ersten Anlauf nicht verstehe, was jemand zu mir sagt, aber alle sind sehr geduldig, sprechen langsam und deutlich, wiederholen das Gesagte und werden dabei – ganz anders, als man es zum Beispiel den Deutschen nachsagt – auch nicht lauter.
Ich fange an, mich nicht mehr nur als Beobachterin eines netten Seminares zu fühlen, sondern tatsächlich als Teilnehmerin.
Körperlich beginnt die Teilnahme, mir ein wenig schwer zu fallen: Ich habe Schmerzen und bin deutlich steifer als zu Beginn. Meine Laune lasse ich mir davon allerdings nicht vermiesen.

Einen Tag später werden die Schmerzen heftig. Nicht, weil ich Muskelkater hätte, oder die Übungen übertreiben würde … es tut einfach ständig irgendwo etwas weh. Als ich bei der Kerze, die ich bislang immer als sehr angenehm empfunden habe, einen solchen Druck auf dem Brustbein verspüre, dass ich kaum noch atmen kann, bekomme ich einen denkwürdigen Rat: „Dann atme in den Rücken!“. Und tatsächlich: Da ist Platz!
In der Pause breche ich dennoch vollends ein, mir wird schwindelig und ich fühle mich außerordentlich unwohl. Abbrechen möchte ich trotzdem nicht. In der zweiten Hälfte liegt der Schwerpunkt auf Atemübungen – die macht man im Sitzen, dabei werd ich schon nicht umkippen.
Und tatsächlich halte ich – wenn auch mit vielen Pausen – bis zum Ende durch.
Das mag klingen, als würde ich mir zu viel zumuten und vielleicht ist das auch tatsächlich so. Aber Tatsache ist, dass ich immer Schmerzen habe. Auch dann, wenn ich nur versuche, mich mit der linken Hand am rechten Oberarm zu kratzen. Oder flach im Bett liege. Mir wird auch dann schwindelig, wenn ich auf einem Stuhl sitze und mir eigentlich gerade ein Brot schmieren will.
Beim Yoga zu üben, nicht trotz dieser Beschwerden weiterzumachen, sondern mit ihnen; zu erfahren, dass ich atmen und mich entspannen kann und nichts Schlimmes passiert, auch wenn der Schmerz da ist, scheint mir durchaus vernünftig zu sein.

Aber mit 5 Tagen habe ich mich ganz offensichtlich übernommen.
Am letzten Tag weine ich bei der tränenreichen Torsion vor Schmerzen und das, obwohl ich sie nur ansatzweise ausführe. Ich beschließe, mich noch vorsichtiger zu bewegen, als ich das sowieso schon tue. Bei der anschließenden Vorwärtsbeuge im Sitzen, bei der meine Mattennachbarin bäuchlings und augenscheinlich völlig entspannt auf ihren ausgestreckten Beinen liegt, halte ich sofort inne, als mir der Schmerz in den Rücken schießt. Und muss feststellen, dass ich immer noch aufrecht sitze. Ich habe nicht einmal angefangen! Mir schießen die Tränen in die Augen, aber diesmal nicht, weil es wehtut.

Ich gehe nach draußen und heule Rotz und Wasser.
Es ist so unfassbar ungerecht! Ich war so stolz, dass ich mich trotz aller Hürden zu diesem Seminar getraut habe. Es hat mich eine Menge Mut und Überwindung gekostet, aber ich habe es hingekriegt. Nein, ich habe es nicht nur hingekriegt, es hat Spaß gemacht! Und jetzt macht mein Körper mir einen Strich durch die Rechnung! Als ob ich es, verdammt nochmal, nicht auch so schon schwer genug hätte!
Und in diesem Moment wird mir klar, dass ich einen Fehler gemacht habe.
Ich hatte sehr viel Zeit, zu der Erkenntnis zu gelangen, dass meine Depressionen nicht heilbar sind. Und hab dann noch mehr Zeit gebraucht, diesen Umstand auch zu akzeptieren – soweit mir das halt möglich war. Ich lebe mit meiner Erkrankung und das gar nicht mal so schlecht.
Okay, das mit der Makula-Degeneration war jetzt nicht sooo eine gute Nachricht, aber bislang komme ich ganz gut damit zurecht.
„Was soll sein?“, hab ich mir also gedacht, als mit der Borreliose noch eine weitere Erkrankung hinzukam, „Wenn ich sowieso schon dabei bin, nehm‘ ich die in einem Aufwasch mit an!“.
Es war eine ungeheure Erleichterung, eine Diagnose zu haben, aber nachdem es derzeit nicht so aussieht, als sei mit einer kurz- oder auch nur mittelfristigen Linderung der Symptome zu rechnen, muss ich mich mit ganz neuen Beeinträchtigungen arrangieren.
Und dafür sollte und darf ich mir Zeit nehmen. Dazusitzen und zu heulen gehört da durchaus dazu. Das ist okay.

Drinnen kommt Unruhe auf. Vermutlich beginnt die Pause und auf keinen Fall möchte ich weinend vor der Tür angetroffen werden. Nicht einmal auf Deutsch könnte ich in zwei, drei Sätzen erklären, was mit mir los ist – auf Französisch: keine Chance. Besser, ich mogele mich unauffällig in den Raum zurück! Dort jedoch werden soeben wieder Paare gebildet und ich ergreife umgehend die Flucht. Jetzt bloß kein Kontakt zu anderen Menschen! Draußen allerdings packt mich die Wut: Das ist ü!ber!haupt! nicht! einzusehen! Das ist nur Yoga! Ich gehe da jetzt rein, setze mich auf meine Matte, atme und gucke zu!

Kaum habe ich den Raum betreten, spricht meine Mattennachbarin, die ich bisher als äußerst reserviert erlebt habe, mich sehr freundlich an: Gerne könne ich mich ihr und ihrer Trainingspartnerin anschließen! Ich versuche, zu erklären, dass es ganz okay für mich sei, einfach eine Pause zu machen. Aber, nee, gar kein Problem, ich könne ja erst einmal zugucken und dann entscheiden, ob ich es auch versuchen will. Ich wär schon froh, wenn ich die „sitzen – atmen – nicht gleich wieder losheulen – Kombi“ hinkriegen würde, aber diese Zugewandtheit macht mich ganz wehrlos. Ich will nicht rumzicken. Und gucken kann ich ja mal …

Sie leitet die Übung sehr kundig an (später erfahre ich, dass sie selbst Trainerin ist) und ihre Partnerin, die sich augenscheinlich auch nicht völlig problemlos bewegen kann, nimmt die Sache souverän und mit Humor. Ich stimme in ihr Lachen ein. Okay … das traue ich mich auch.
Und die Macht des Yoga ist mit mir: Das kann ich auch! Es ziept ein bisschen, aber es tut nicht weh!

Meine Mattennachbarin kann unmöglich ermessen, was für einen riesigen Gefallen sie mir da getan hat: Sie hat mich in das Seminar zurückgeholt. Dafür bin ich ihr aufrichtig dankbar.
Ich bin aber auch hochzufrieden mit mir selbst.

* Und ich lasse diesen Satz jetzt stehen, auch wenn es schwerfällt! *

Weil ich mal losgelassen habe. Aufgegeben. Hemmungslos geweint. Mir verziehen, dass ich meinen Ansprüchen an mich selbst nicht gerecht werde.
Natürlich auch, weil ich mich getraut habe, anschließend weiterzumachen. Hilfe anzunehmen.

In der Pause muss ich wieder einmal nachfragen, als ich angesprochen werde.
Ob ich einen Keks möchte.
Möchte ich! Den hab ich mir verdient!

4 Dinge, die Du im Umgang mit depressiven Menschen gleich wieder vergessen kannst

Menschen, die an Depressionen leiden, fühlen sich häufig (und häufig vollkommen zu Recht) unverstanden, nicht ernst genommen. Und ja: Es ist schwierig bis unmöglich, sich in einen depressiven Menschen hineinzufühlen, wenn man selbst nie unter Depressionen gelitten hat. Deswegen ist es gut und richtig, dass in den letzten Jahren zunehmend über diese und andere psychische Erkrankungen informiert wird, um Vorurteile abzubauen und Hilfestellung im Umgang mit psychisch kranken Menschen zu geben. Meineeine gibt sich da ja auch durchaus Mühe.

Und so ist es vermutlich keine Überraschung, dass es auch zu diesem Thema unterdessen einige dieser inflationär verbreiteten Kurzratgeber gibt, die in aller Regel mit „X Dinge, die Du …“ betitelt sind – und was anderswo ausführlich erläutert wird auf ein paar wenige, leicht verdauliche Stichpunkte eindampfen –, so dass man sich informiert fühlen kann, ohne eine Aufmerksamkeitsspanne von mehr als 3 Minuten zu benötigen.
Ich persönlich mag die nicht leiden und hab in aller Regel schon angesichts der suchmaschinenoptimierten Überschrift keine Lust mehr. Aber sei’s drum: Vielleicht muss man in schnelllebigen Zeiten auch schnelllebig erklären.

Neulich nun stolperte ich über einen, der versprach, zu verraten, was man wissen muss, wenn man einen depressiven Menschen liebt.
Oh! Liebe
Texte, die sich aus diesem Blickwinkel mit dem Thema Depression befassen, hatte ich bisher nicht gesehen. Das hat meine Aufmerksamkeit erregt, mein Interesse geweckt. Tut das Stichwort Liebe das nicht immer?

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Die Illustration stand dem Titel in nichts nach: Ein Portrait einer rothaarigen Schönheit, die – die Frisur leicht zerzaust – mit kokettem Blick und leicht geöffneten Lippen den Betrachter anschaut. Wow! Den Prototyp einer depressiven Frau hätte ich mir so jetzt nicht vorgestellt. Oder sehen so Frauen aus, die depressive Männer lieben? Aber gut: Das ist natürlich ein sehr viel wirksamerer Eyecatcher als irgend so ein Schwarzweißfoto mit See und Bäumen im Nebel …

Leider war das dann aber auch schon alles, was diesen Text zu etwas Außergewöhnlichem machte.
Der Inhalt war der sattsam bekannte und hätte ebenso gut unter der Überschrift „Was Sie tun können, wenn ein Arbeitskollege an Depressionen erkrankt“ stehen können. Vielleicht mit einem Foto einer grauen, zerknitterten Gestalt, die an einem Schreibtisch sitzt.

Clickbaiting“ hätte ich mir gedacht und das ganze Ding rasch vergessen, wären da nicht ein paar wirklich ärgerliche Details gewesen.

„Depressionen gelten als Geisteskrankheit“ lese ich und tatsächlich findet dieser Begriff in der juristischen Diktion und in der forensischen Psychiatrie bis heute Verwendung (wenn auch nicht für Depressionen, sondern für „psychische Störungen von erheblichem Ausmaß wie Schizophrenie oder auch für geistige Behinderung“, Quelle: Wikipedia). Aus dem alltäglichen Sprachgebrauch ist er aus guten Gründen längst verschwunden, stigmatisiert er doch die Betroffenen.
Wenn man einmal die Stichwörter „Depression“ und „Geisteskrankheit“ zusammen bei Google eingibt, erhält man einen ganzen Rattenschwanz von Artikeln, in denen nachzulesen ist, dass und warum Depression keine Geisteskrankheit ist. Aber offenbar ist schon das für „X Dinge, die Du …“ AutorInnen zu viel der Recherche.
Haarspalterei? Ganz ehrlich: Das Etikett „geisteskrank“ empfinde ich als beleidigend. Ich habe schließlich auch, als es mir richtig schlecht ging, eine Klinik aufgesucht und war nicht im Irrenhaus.
Da gibt also jemand hochwichtige Tips, wie mit Menschen wie mir umzugehen sei, und macht sich dabei nicht einmal die Mühe, mich auch nur angemessen anzusprechen.
Da wird mir doch gleich ganz warm ums Herz von dem ganzen Verständnis für meine Erkrankung!
Vielleicht geh ich mal zu meinem schwarzafrikanischen Nachbarn und drücke ihm mein Mitgefühl dafür aus, dass die Neger immer diskriminiert werden …

Die gute Nachricht: Es sei möglich, dass die Depression einen Menschen kreativer, leistungsfähiger und empathischer mache. Untersuchungen hätten außerdem gezeigt, dass depressive Menschen ein besseres Urteilsvermögen und eine schärfere Wahrnehmung hätten. Das mit der Leistungsfähigkeit kann ich nun nicht bestätigen, zumal „Antriebslosigkeit“ ja eines der klassischen Symptome einer Depression ist, und auch das Urteilsvermögen lässt vermutlich eher zu wünschen übrig, wenn man – wie viele depressive Menschen – mit Konzentrationsschwierigkeiten zu kämpfen hat.
Aber „kreativ und empathisch“, „schärfere Wahrnehmung“! Das klingt gut!

Nur … warum muss man das wissen, wenn man mich liebt?
Entweder ich bin kreativ und empathisch, dann sollte ein liebender Mensch das – Depresse hin oder her – irgendwann mal mitgekriegt haben.
Oder ich bin es eben nicht. Dann würde ich mir doch aber trotzdem Verständnis für meine Erkrankung erhoffen, oder?
Oder soll das ein Kriterium für die Partnerwahl sein – so nach dem Motto „okay, sie ist geisteskrank, aber mit ein bisschen Glück ist sie kreativ!“?

Aber es klingt erst einmal so nett: Endlich sagt mal jemand etwas Wertschätzendes über Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Also: Über mich.
Und tatsächlich dauert es eine ganze Weile, bis mit klar wird, warum mir das solches Unbehagen bereitet.
Man ersetze einmal „Depression“ durch eine andere Erkrankung:
„Es ist möglich dass eine Krebserkrankung einen Menschen kreativer, leistungsfähiger und empathischer macht.“,
„Untersuchungen haben gezeigt, dass Diabetiker ein besseres Urteilsvermögen und eine schärfere Wahrnehmung haben.“ …
Klingt komisch, oder? Irgendwie unangemessen.
Schließlich sind das ernsthafte Erkrank … „ooops!“ …

Depression ist eine ernsthafte Erkrankung und wenn man im Umgang mit depressiven Menschen irgend etwas dringend wissen sollte, dann DAS!

Immerhin bringt mich das auf einen Tip, den man gut brauchen kann, wenn man einen depressiven Menschen liebt (oder mag, oder schätzt, oder einfach irgendwie mit ihm klarkommen muss):
Bevor Du etwas sagst, ersetze „Depression“ durch „Krebs“, oder – wenn Dir das zu hart erscheint – durch Oberschenkelhalsbruch oder Fischvergiftung. Wenn es sich dann blöd anhört, behalt es einfach für Dich.

Menschen mit einer psychischen Erkrankung möchten ernst genommen werden!
Und das bringt mich doch wahrhaftig zu einem weiteren ärgerlichen Detail:
Es sei wichtig, werde ich belehrt, zu verstehen, dass der Gemütszustand eines depressiven Menschen nichts mit dessen Partner zu tun habe, sondern nur mit ihm selbst.
Spontan fällt mir dazu ein steinalter Paranoikerwitz ein: „Dass ich Paranoia habe, bedeutet nicht, dass ich nicht verfolgt werde!“. Frauen, die, wenn sie sich über etwas ärgern, darauf reduziert werden, sie hätten wohl ihre Tage, werden das Gefühl ebenfalls kennen.
Wenn ich mich in der Beziehung zu meinem Partner unglücklich fühle, dann könnte das verdammt nochmal durchaus bedeuten, dass dort etwas im Argen liegt! Einen Partner, der dann findet, das habe nichts mit ihm zu tun, brauche ich ungefähr so dringend, wie ein Loch im Kopf.

Das Beste kommt zum Schluss:
Einen Menschen zu lieben, der unter Depressionen leidet, sei eine Herausforderung.
Die Niagarafälle in einer Zinkbadewanne zu befahren, das ist eine Herausforderung! Eine Herausforderung nimmt man an, wenn einen das reizt, weil man (sich) etwas beweisen will. Oder lässt es eben bleiben. Das hat durchaus sportlichen Charakter.
Ich für mein Teil möchte einfach geliebt werden. Weil ich ein liebenswerter Mensch bin. Und nicht, weil oder obwohl das angeblich eine Herausforderung ist.

Warum mich ein paar Zeilen lieblos zusammengenagelter Pseudo-Ratschläge überhaupt so ärgern?
Weil sie tatsächlich verbreitet werden. Und zwar nicht einmal von solchen Menschen, die’s betrifft (den PartnerInnen, FreundInnen, KollegInnen depressiver Menschen), sondern von denen, über die gesprochen wird.
Da vertritt jemand unsere Interessen, wirbt um Verständnis und sagt sogar etwas Nettes über uns!
Jo. Aber mal ernsthaft: meint Ihr nicht, wir hätten was Besseres verdient?
Gründlich recherchiert zum Beispiel? Frei von Vorurteilen? Zusammenhängend womöglich, anstelle von Telegrammstil?
Warum sind wir mit so wenig zufrieden? Weil wir schon selbst verinnerlicht haben, dass wir nur Mühe machen, ihrer aber nicht wert sind?

Ersetzen wir doch noch einmal was und denken uns neue Überschriften aus:
„X Dinge, die Du wissen musst, wenn Du
einen Holländer
eine Hundehalterin
einen Veganer
eine Blondine
liebst.
Keine Frage: das Ergebnis wird satirischer, wenn nicht anzüglich / platter Natur sein.
Dem angesprochenen Personenkreis und den Besonderheiten, die sich in einer solchen Beziehung ergeben mögen, kann es gar nicht gerecht werden. Soll es in diesem Fall auch nicht: Es ist einfach lustig.
Was um alles in der Welt aber lässt uns der Sache mehr Sinngehalt beimessen, wenn es um Menschen mit Depressionen geht?

Ich würde mir von einem Menschen, der mich liebt, ehrlich gesagt ein bisschen mehr wünschen, als dass er sich nach der Lektüre weniger Zeilen der „Herausforderung“ gewachsen fühlt.
Nö, er muss keine einschlägigen Artikel und Bücher lesen. Es wäre toll, ja! Aber der Fairness halber muss ich gestehen, dass ich mich mit Fachliteratur über Dinge, die meinen Partner interessieren, auch nicht zwingend beschäftige.
Ich würde mir wünschen, dass er sich mit mir auseinandersetzt. Ich bin da, ich kann sprechen. Ich kann schildern, wo Schwierigkeiten liegen, ich kann formulieren, was meine Bedürfnisse sind.
Wir können unseren Weg finden, wie alle anderen Paare auch.

Es sei denn, er findet, er habe mit der Lektüre von „X Dinge, die Du …“ sein Teil getan. Dann wird das nix.

P.S.: Ich verlinke den Text, über den ich mich so geärgert habe, hier ganz bewusst nicht. Der ist keinen weiteren Click wert.

Montagsmodell III: „Z“ wie Zauberwort

Das ist ein ganz seltsamer Moment, wenn man plötzlich in den Stand eines Menschen erhoben wird, der an einer „richtigen“ Erkrankung leidet.
Gerade eben hat man noch zu denjenigen gehört, die regelmäßig ihrem Arzt mit unerklärlichen Symptomen auf die Nerven gehen und die auf die Frage „Wie geht’s dir so?“ entweder lügen, oder sich auf längere Gespräche des Inhaltes, ob sie denn dieses schon in Betracht gezogen und jenes schon probiert hätten, gefasst machen müssen.
„Was sagt denn dein Arzt?“
„Der meint, das sei psychosomatisch.“
„Ja … nee … der muss doch … da musst du doch …!“
Gar nix muss der. Ich kann meinen Arzt nicht zwingen, sich für mich in eine Ein-Mann-Forschungsstation zu verwandeln. Zumal ich meine Symptome selber ziemlich merkwürdig finde – ich kann ja nicht einmal lokalisieren, wo ich nun eigentlich Schmerzen habe.
Und dass ein Arzt angesichts eines Menschen, für den es eine Diagnose klipp und klar gibt, nämlich die, dass er psychisch krank ist, irgendwie auf den Gedanken verfällt, dessen Beschwerden könnten daher rühren, kann man ihm auch nicht wirklich vorwerfen.
Und ich muss auch nix. Ich mag auch nicht mehr. Schon wenn ich mir selber zuhöre, wie ich das Sammelsurium meiner Symptome zu schildern versuche, komme ich mir blöd vor – vor einem Arzt tu ich mir das nur an, wenn es gar nicht mehr auszuhalten ist.
Und dann sag ich „Also ich habe seit Monaten solche Schmerzen, dass ich mich kaum noch bewegen kann.“ und frage mich, ob er sich fragt, warum ich – wenn es doch angeblich so schlimm ist – monatelang gezögert habe, ihn aufzusuchen …

Und von jetzt auf gleich gibt es ein Zauberwort, das alles erklärt. Plötzlich passen die Puzzleteilchen zusammen. Keine Rede mehr von Angst oder Depression, ich hab eine richtig handfeste Erkrankung von der Sorte, die man am Blutbild ablesen kann.
Ich würde nicht soweit gehen wollen, von Triumph zu sprechen, aber so ein kleines „Ich hab’s euch doch gesagt!“-Gefühl meldet sich schon. Und eine sehr sehr große Erleichterung.

IMG_15126-webIn meinem Fall lautet das Zauberwort „Borreliose“.
Es ist eine alte Infektion, die nicht behandelt wurde, weil ich sie gar nicht bemerkt hatte. Ich habe bei Zeckenbissen immer sorgsam auf eventuelle Rötungen und anschließende fiebrige Infekte geachtet – dass diese zwar auf eine Infektion hinweisen, ihr Fehlen jedoch nicht garantiert, dass keine stattgefunden hat, habe ich nicht gewusst.
Und bislang gibt es in Südfrankreich so gut wie keine Fälle von Borreliose, deswegen hat auch sonst lange niemand daran gedacht.
Ob sie sich heilen lässt oder einen chronischen Verlauf nehmen wird, kann niemand sagen. Aber so oder so kann man sie behandeln!

Und – und das erscheint mir momentan noch viel gewichtiger – ich werde mich nie wieder fragen müssen, ob ich mich nicht vielleicht doch nur anstelle. Ob ich nicht doch einfach undiszipliniert und faul bin. Mir Schmerzen einbilde, um mich vor dem Leben zu drücken.
Nie! Wieder!

Jetzt erst wird mir klar, wie sehr diese Ungewissheit mich belastet hat: Noch bevor die Behandlung überhaupt begonnen hat, finde ich die Schmerzen sehr viel besser auszuhalten und das, obwohl ich die Schmerzmittel drastisch reduziert habe. Ich schaffe es, morgens aufzustehen – ein Unterfangen, das ich gerade dabei war, aufzugeben: Die ganze Kämpferei schien mir allmählich sinnlos.

Seltsam, nicht wahr? Dass man sich über eine – let’s face it! – ziemlich unangenehme und langwierige Erkrankung so freuen kann. Gut möglich, dass ich das im Laufe der Zeit auch wieder anders sehen werde. Für den Moment sehe ich einen Weg, der sich plötzlich vor mir öffnet. Und bin einfach froh darüber.

Hilft Hanf?

„Hundemenschen …“, denke ich, als ich beginne, mich mit dem Thema CBD-Öl zu beschäftigen. Gehört hatte ich schon davon, aber den Ausschlag hat ein Post in einem Hundeforum gegeben, wo eine Halterin begeistert schreibt, sie habe es am Silvesterabend erfolgreich gegen die Angst ihres Hundes eingesetzt. Sie selbst nehme es auch, um die Symptome ihrer multiplen Sklerose zu lindern. Das erwähnt sie nur am Rande. Aber ist das nicht klasse? Es hilft Hunden!
Hundemenschen halt …

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Cannabidiol gehört zu den Wirkstoffen der Cannabispflanze (sogenannte Cannabinoide), erzeugt jedoch keinen Rausch – dafür ist Tetrahydrocannabinol (kurz: THC) zuständig, welches in CBD-Öl jedoch nur in Spuren enthalten ist. Beide docken an Rezeptoren im menschlichen Körper an, die sich unter anderem im zentralen Nervensystem, im Nervensystem des Darmes und im Immunsystem befinden, und haben so zum Beispiel Einfluss auf das Schmerzempfinden, aber auch auf Depressionen und Ängste.
Mein Ehrgeiz, wirklich zu verstehen, wie das Endocannabinoidsystem (also die Gruppe von Rezeptoren, die nicht nur auf körpereigene Botenstoffe wie zum Beispiel Serotonin, sondern eben auch auf die Cannabinoide reagiert) funktioniert, verpufft – muss ich gestehen – relativ schnell: Ich finde eine ganze Reihe eher hilfloser Erklärungen von Laien für Laien (manche sind ganz offensichtlich automatisch ins Deutsche übersetzt) und ein paar wenige von Fachleuten, die mir zwar seriös erscheinen, für die ich aber meinerseits ein paar Nachhilfestunden bräuchte. Ich beschließe, es damit gut sein zu lassen, dass die Wirkung von Cannabidiol nicht bestritten wird, und es einfach einmal auszuprobieren.

Das Angebot an CBD-Ölen erscheint mir recht unübersichtlich. Es gibt zwar Websites, die Qualitätsvergleiche versprechen, aber wie der Zufall es will, vertreiben sie ihren Testsieger auch gleich selbst. Honi soit qui mal y pense …
Schließlich entscheide ich mich für ein Öl mit Bio-Zertifikat.

Die Bandbreite der Dosierungsempfehlungen entspricht in etwa der Menge der Anbieter: Das Öl soll tropfenweise eingenommen werden – wie oft und wie viel, ob bei Bedarf, kurweise oder dauerhaft, muss jeder für sich selbst herausfinden. Fest steht nur die Tageshöchstdosis. Die allerdings – je nach Anbieter – bei gleichem CBD-Gehalt zwischen 5 und 30 Tropfen pro Tag schwanken kann.
In meinem Fall sind es 5 Tropfen täglich.
Nur interessehalber erkundige ich mich, was eigentlich bei einer Überdosierung passiert: In diesem Fall kann Cannabidiol müde und benommen machen, ohne dass sich dabei die erhoffte Wirkung, wie zum Beispiel Schmerzlinderung, weiter vergrößern ließe.

Auch bei korrekter Einnahme kann es zu Nebenwirkungen kommen.
Mundtrockenheit zum Beispiel … und erst in dem Moment, als ich das lese, fällt mir auf, dass ich wieder begonnen habe, immer und überall eine Wasserflasche dabei zu haben, ganz wie zu den Zeiten, als ich Serotonin-Wiederaufnahmehemmer genommen habe. Das Gefühl war so vertraut, dass ich es tatsächlich nicht bemerkt habe.
Cannabidiol kann außerdem die Wirkunsweise anderer Medikamente beeinflussen, weswegen man gegebenenfalls ärztlichen Rat einholen sollte, wenn man es benutzen möchte.

Das Öl soll sublingual verabreicht, sprich: unter die Zunge getropft werden, was mich vor gewisse Schwierigkeiten stellt: Ich muss den Weg vom Bett bis zum Spiegel schaffen, die Brille anziehen und das Licht anmachen. Treffen würde ich auch so, aber Tropfen zählen kann ich ohne Brille nicht. Und das, wo mein Hauptproblem morgens darin besteht, mich überhaupt zu bewegen …
Alternativ kann man das Öl auch vom Handrücken lecken, wobei man gleich die Erfahrung macht, dass die Geschmacksknospen tatsächlich auf der Zunge sitzen und nicht darunter.
Es schmeckt, wie es in meiner Jugend bei Parties roch … Gar nicht mal unangenehm, finde ich, aber das Öl brennt im Mund. Unter der Zunge macht sich das weit weniger bemerkbar.

Was mich tatsächlich ärgert, ist die fippsige Pipette, mit der das Ölfläschchen verschlossen ist. Wenn man dieses nämlich gemäß der Anweisung vor Gebrauch kräftig schüttelt, quackt das Öl oben aus der Pipette heraus. Abgesehen davon, dass ich nur ungern mit ölverschmierten Gerätschaften hantiere und es auf der Zunge brennt, wenn man das Öl gleich von der Flasche leckt, finde ich das Ganze dafür einfach zu kostspielig.
Ein Fläschchen mit 10 Millilitern kostet knapp 30 Euro, was, finde ich, gar nicht mal sooo teuer ist: Laut Hersteller sind das 200 Tropfen, man kommt also – wenn man es täglich und in der Maximaldosierung von 5 Tropfen einnimmt – 40 Tage lang damit aus. Aber eben nur, wenn es nicht an der Flasche runter kleckert …

Nun robbe ich mich an meine individuelle Dosierung heran …
Da ich vor allem morgens Schmerzen habe, beginne ich mit einem Tropfen am Morgen. Zunächst habe ich den Eindruck, dass das Öl doch „knallt“: Ich habe immer noch Schmerzen, aber sie stören mich nicht mehr so. Und ich bin auffallend guter Dinge.
Nach zwei Tagen lassen die Schmerzen merklich nach. „Placebo-Effekt“ unke ich herum und schelte mich gleich darauf selber: Hätte ich ein Schmerzmittel vom Arzt bekommen, würde ich hierüber überhaupt nicht nachdenken! Is’n Schmerzmittel – wirkt – fertig!
Weil ich trotzdem mit Schmerzen aufwache, nehme ich auch am Abend einen Tropfen in der Hoffnung, dass der bis zum Morgen „vorhält“. Das funktioniert nun nicht ganz wie erhofft, aber ich schlafe besser. Allerdings verschlafe ich, sofern ich das Öl unmittelbar vor dem Schlafengehen nehme. Das ist zwar sehr viel angenehmer, als wie sonst bleiern herumzuliegen und mich nicht bewegen zu können, weil ich nämlich tatsächlich fest schlafe, aber schöner fände ich noch, ich hätte mehr vom Vormittag. Nehme ich es gleich nach dem Abendessen, führt es leider nicht dazu, dass ich mal zu einer vernünftigen Zeit den Weg ins Bett finden würde, aber ich bin ruhiger und habe weniger Angst vor der Nacht. Das macht es mit der Zeit vermutlich auch leichter, zu Bett zu gehen.

Und dann kommt doch wieder ein Tag, an dem ich mit richtig schlimmen Schmerzen aufwache und mich nicht ohne Hilfe im Bett aufsetzen kann. Es ist deprimierend: Ich hatte so sehr gehofft, es werde mir nun besser gehen!
Später fällt mir wieder ein, dass auch Mittel wie Aspirin nicht gegen jeden Schmerz helfen. Manchmal benötigt man halt entweder ein anderes Medikament, oder man muss die Zähne zusammenbeißen – das bedeutet nicht, dass man sich die bisherige Wirkung nur eingebildet hätte.

Mittlerweile halte ich es so, dass ich an Tagen mit heftigen Schmerzen morgens bis zu 4 Tropfen Öl nehme und dann noch einen Moment liegen bleibe. Danach sind die Beschwerden in aller Regel auszuhalten.

Meine Stimmung ist – toi! toi! toi! – durchgängig besser. Das könnte zwar auch an der Jahreszeit liegen, aber ich finde es schon auffällig. Curcuma habe ich während dieser Testphase übrigens weggelassen, um (so weit das möglich ist) zu sehen, ob es wirklich das CBD-Öl ist, das eine Veränderung bewirkt.

Hin und wieder hatte ich den Eindruck, dass das Öl auch positiven Einfluss auf meine „Leichenfinger“ hat – ich leide am Raynaud-Syndrom, welches dazu führt, dass sich durch Kälteeinwirkung die Blutgefäße in meinen Fingern (wenn’s arg kalt ist auch in den Zehen) verkrampfen, wobei die Finger von den Spitzen her weiß werden und absterben. Das ist in aller Regel ungefährlich und läßt nach einger Zeit von selbst wieder nach. Aber es fühlt sich ziemlich blöd an und natürlich kann man mit „Leichenfingern“ nichts greifen …
In letzter Zeit nun werden meine Hände eher rot und bei großer Kälte blau – halt so, wie sich das gehört. Aber auch das kann natürlich an der Jahreszeit liegen.

Sicher allerdings bin ich mir beim Reizdarmsyndrom: Da haben die Symptome definitiv nachgelassen.

Insgesamt bin ich zufrieden: Nicht schmerzfrei zwar, aber meine Lebensqualität hat sich merklich verbessert.
Und nachdem das geklärt ist, kann ich im Bedarfsfall auch die Hunde damit behandeln.

Das Yoga Projekt IV

… mit unverhofften Nebenwirkungen …

Ich mag torsions, solche Übungen, bei denen man quasi den Körper verdreht, indem man zum Beispiel auf dem Rücken liegend die angezogenen Beine vorsichtig zur einen Seite Richtung Boden sinken lässt, während man in die entgegengesetzte Richtung schaut. Das zieht zwar manchmal ganz ordentlich, aber ich finde es sehr entspannend und habe das Gefühl, dass es auch meinem Rücken gut tut. Und ich komme mir nicht so schlapp vor, wie bei den Übungen, für die es Kraft braucht.
Heute machen wir eine, die ich noch nicht kenne und ich denke „Wow! Das ist jetzt aber mal richtig angenehm!“. Obwohl ich rücklings auf meiner Matte liege, fühlt die Haltung sich tänzerisch an, offen, dem Himmel zugewandt. Anfangs habe ich ein bisschen Angst, dass es zwicken könnte in den Schultern, aber tatsächlich werde ich mit jedem Atemzug weicher. Ich merke, wie ich zu lächeln beginne.
Am Ende einer solchen torsion wickelt man sich sozusagen Schritt für Schritt wieder auseinander, kehrt in die schlichte Rückenlage zurück und fühlt in sich hinein. Oft habe ich dann das Gefühl, dass ich auf der gedehnten Körperseite größer oder schwerer bin.
Heute fühle ich dort eine Art dicken Strang, der vom Kopf bis in den Fuß reicht. Und sofern ein Gefühl farbig sein kann, ist er pottschwarz. „Schräg!“ denke ich und beschließe, die Erfahrung zuzulassen. Sekunden später laufen die Tränen und ich schnappe nach Luft: Panikattacke!
Keine allzu heftige glücklicherweise, ich bin in erster Linie verdattert, weil ich damit nun überhaupt nicht gerechnet habe. Nathalie nennt mir zwei Atemübungen, die ich machen soll und obwohl ich immer gedacht habe, wenn ich beim Yoga mal aus der Kurve fliege, dann wegen der Atemübungen, komme ich recht schnell wieder zur Ruhe.
Eine Idee, warum mir das passiert ist, habe ich nicht.

img_16215-q-webNathalie hat mir geraten, die Übung, die ich nach der ersten Hälfte abgebrochen habe, zu Hause noch zu beenden. Dazu komme ich am Abend nicht mehr, weswegen ich am Folgetag den kompletten Ablauf wiederhole.
Obwohl ich ein bisschen Muskelkater habe, empfinde ich den ersten Teil, in dem die rechte Körperseite gedehnt wird, erneut als sehr angenehm, es gelingt mir sogar noch besser als gestern, mich zu entspannen.
Aber als ich anschließend in mich hineinfühle, ist der schwarze Strang wieder da und ich breche in Tränen aus. Immerhin bleibt die Panik aus, wenn ich auch keine Ahnung habe, warum ich eigentlich weine.
Links, stelle ich verblüfft fest, bin ich sehr viel unbeweglicher. Dass nicht beide Körperhälften gleich geschmeidig sind, ist zwar normal, aber hier ist der Unterschied extrem und ich bin sehr vorsichtig, damit ich mir nicht womöglich weh tue.
Anschließend fühlt es sich an, als sei ich links in die Länge gezogen worden (wurde ich ja auch!), aber auch hier kann ich den Strang fühlen. Doch er ist hell! Und er beschreibt einen Bogen, der sich über die rechte Seite wölbt. Diese wird aufs Neue schwarz, fühlt sich ganz kompakt an und bildet dann ebenfalls einen Bogen. Am Ende berühren die beiden Bögen sich an den Spitzen. Das scheint mir richtig zu sein und ich beende die Übung voller Staunen über die eigenartige Erfahrung, aber gelassen.

Nathalie erklärt mir, dass wir während der Asanas, der Haltungen oder postures, zuweilen an alte Erinnerungen rühren, die ontogenetischer (die Entwicklung eines Lebewesens von der Keimzelle bis zu seinem Tod) und sogar phylogenetischer (die stammesgeschichtliche Entwicklung der Gesamtheit aller Lebewesen betreffend) Natur sein können.
Deswegen heißen, so sagt sie, die Asanas „Fötus“ oder „Kind“, aber auch „Kobra“, „Frosch“ oder „Schlange“.
Berühren wir eine solche Erinnerung, werden die dazugehörigen Emotionen offenbart und freigesetzt.
Augenscheinlich sei gerade diese Haltung interessant für mich (den Eindruck habe ich allerdings auch!) und wenn es mir möglich sei, solle ich die Tränen nicht zurückhalten, sondern sie ebenso willkommen heißen, wie alles andere, das ich empfinde, mit Aufmerksamkeit und Empathie.
Und dann loslassen …

Mind Comedy

IMG_22240-webSeit ich mich erinnern kann, ist Lesen mir ebenso sehr Bedürfnis, wie Schreiben.
Und so lese ich, seit ich blogge, die Blogs anderer Menschen …
Einige davon finde ich spannend oder anrührend, manche sind mir regelrecht ans Herz gewachsen – und ich möchte sie Euch vorstellen.
Diesmal ist es zur Abwechslung ein Vlog.

„Huch!“, hab ich gedacht, als ich Leonard zum ersten Mal in einem seiner Videos gesehen habe: „Ist der jung!“ …
Und hab als Allererstes überlegt, ob man einen Menschen wie ihn nicht vor sich selbst und seinem Tun schützen müsste.
Er sitzt da und erzählt von seinem Leben mit einer bipolaren Störung, also dem, was man früher manisch-depressiv nannte, seiner Drogensucht, Aufenthalten in der Psychiatrie, dem Versuch, ohne Medikamente klarzukommen und dessen Scheitern.
Als ich mich entschieden habe, die Texte der Taucherin unter meinem Namen zu veröffentlichen, wusste ich, dass ich in diesem Leben kein Bewerbungsgespräch mehr würde führen müssen. Und kam mir trotzdem ziemlich wagemutig vor.
Er dagegen könnte durchaus eines Tages auf die lustige Idee kommen, zum Beispiel Finanzbuchhalter werden zu wollen. Dann wären Videos wie dieses aber echt mal hinderlich!
Und wie mögen seine LehrerInnen damit umgehen? Wie seine MitschülerInnen? Der wird ja auch mal älter … dann möchte er vielleicht nicht mehr, dass Menschen, die er gerade eben erst kennen lernt, schon so viel über ihn wissen …
Aber er macht das gut, finde ich. Er macht das richtig gut!
Authentisch und dabei sehr liebenswert. Berührend. Selbstironisch, witzig und stellenweise einfach zum Heulen.
Ich hätte es seinerzeit verlogen gefunden, auf meinem Blog psychisch kranke Menschen ermutigen zu wollen, sich zu ihrer Erkrankung zu bekennen, und dabei selbst anonym zu bleiben.
Leonard tut nichts anderes – nur ist seine Lage sehr viel weniger komfortabel, als meine: Mir konnte nicht mehr viel passieren.
Er dagegen macht sich angreifbar. Das ist aufrichtig und sehr mutig!
Wir sollten Menschen nicht daran hindern, aufrichtig und mutig zu sein. Das tut ihnen nicht gut.

Dieses ist das erste Video, das ich mir angeschaut habe. Es handelt davon, wie es sich anfühlt, wenn man einsehen muss, dass es ohne Medikamente nicht geht.

Bipolare Störung – Stimmung stabilisieren? Ich will gute Laune!

Mit Dank an Alice Wunder, der mich auf die Idee zu diesem Text gebracht hat.