Segel streichen oder setzen?

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Im Sommer 2013 bin ich zum ersten Mal für einen kurzen Besuch auf Durantis, einem Biohof in den südfranzösischen Cevennen zu Gast gewesen, um dort eine alte Liebe zu besuchen, die ich seit 25 Jahren nicht gesehen hatte.

Vom ersten Augenblick an hatte ich das sichere Gefühl, an einen guten Ort gekommen zu sein.
Nicht einfach sonnig und idyllisch – heilsam.

Hier hatte ich plötzlich das Gefühl, es müsse möglich sein, ein wenig mehr am Leben teilzunehmen, anstatt die Mehrzahl meiner Tage in der Bett – Sofa – Bett – Schleife zu verbringen.
Womöglich könne ich sogar ohne Antidepressiva leben.
Mit Macht hat es mich immer wieder hierhin gezogen. Es war, als hätte der Hof auf mich gewartet.

Und tatsächlich bin ich hier auch ohne Psychopharmaka zurechtgekommen. Nicht immer gut. Aber besser als in Deutschland mit ihnen.
Dort kam ich ohne medikamentöse Unterstützung überhaupt nicht mehr klar. Eine Erledigung in der Stadt zum Beispiel war nur an richtig guten Tagen möglich. Und auch dann nur, wenn es schnell ging. Die meiste Zeit habe ich mich vollkommen eingeigelt.

Nach relativ kurzer Zeit war ich in so schlechter Verfassung, dass ich meine Psychiaterin* gefragt habe, ob ich ihrer Meinung nach überhaupt noch in der Lage sei, eigenständig zu entscheiden, ob ich Medikamente benötigen würde.
Das sei ich, meinte sie. Meine Körpersprache zu der Frage, ob ich Medikamente nehmen wolle, sei ein eindeutiges „Nein!“ und ich möge mir da einfach mal vertrauen. Wenn es mir in Frankreich gutgehe, solle ich dort hingehen.

* Da Psychotherapeuten nicht verschreiben dürfen und Psychiater zwar therapieren können, aber meist auf Jahre ausgebucht sind, war ich stets bei beiden in Behandlung.

Nur um ganz sicher zu gehen, habe ich auch noch meine Therapeutin dazu befragt, die mir versichert hat, dass ich ihrer Meinung nach „klar“ (im Sinne von „nicht in irgendwelchen Hirngespinsten gefangen“) sei.

Das hat mich ein wenig beruhigt. Die Entscheidungsfindung hat es nicht leichter gemacht.
Ich hab ja nicht meine Krankheit in Deutschland zurückgelassen und bin frohen Mutes in ein neues Leben aufgebrochen. Ich habe eine Ehe hinter mir gelassen, mit der unzufrieden zu sein, ich keinen Grund hatte. Meine Entscheidung hat mich etliche Freunde und meine Familie gekostet. Ich habe eine Wohnung nebst Hausrat zurückgelassen. Und einen Lebensentwurf.

Im Frühjahr 2015 habe ich mich entschlossen, ganz auf Durantis zu bleiben:
Mit meinem Hund, meinem Auto, ein paar wenigen Habseligkeiten, an denen mein Herz ganz besonders hing und natürlich mit all meinen Schwächen und Einschränkungen.
Und war zu meinem Glück auch mit letzteren willkommen: Möglichkeiten, am Leben auf dem Hof teilzuhaben und es mitzugestalten würden sich schon finden …

Die Gedanken an alles, was zurückbleiben musste, schmerzen. Sehr. Immer wieder.
Ich hoffe dennoch, getan zu haben, was für mich das Richtige ist.

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Veröffentlicht von

dieschattentaucherin

Schreibwütige Depressive auf ihrem Weg ins Sonnenlicht

4 Gedanken zu „Segel streichen oder setzen?“

  1. Ja, dein letzter Satz trifft auch auf mich zu. Allerdings habe ich nicht mit Krankheiten zu kämpfen, aber ich habe alle Freunde, Familie zurück gelassen, um an einem neuen Ort mit einem neuen Partner neu durchzustarten. Manchmal schmerzt es sehr, aber meistens fühlt sich alles gut an. Dir alles Gute! LG ☼Sigrid☼

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  2. Ich finde das war sehr mutig von Dir! Ob ein gesunder Mensch das gewagt hätte, bezweifel ich. Das soll nicht beurteilend sein, bitte nicht falsch verstehen. Manche Orte haben so eine Anziehungskraft auf uns und wirkend auch heilend. War die Entscheidung richtig für Dich? Bist Du am richtigen Ort angekommen?
    Ich bewundere Dich und beneide Dich auch ein ganz klein bisschen, um Dein neues Leben. Wenn ich die verdammte Sprache könnte, würde ich schon lange in Frankreich leben. 😉
    LG Susanne

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    1. Wenn überhaupt, dann war das wohl eher der Mut der Verzweiflung. 😉
      Aber richtig ist ganz sicher, dass bei einem gesunden Menschen der Leidensdruck meist nicht hoch genug ist, alles hinter sich zu lassen.
      Natürlich gibt es Momente, in denen ich mich frage, welcher Teufel mich eigentlich geritten hat, aber insgesamt denke ich, dass es die richtige Entscheidung war.
      Mit der Sprache hab ich noch sehr zu ringen – guck mal in den ersten Teil des Yoga-Projektes … 😀

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