Tobi Katze: „Morgen ist leider auch noch ein Tag“

katze-titel-h-webEinfach so, weil es auf der Bestsellerliste des SPIEGEL steht, hätte ich „Morgen ist leider auch noch ein Tag“ eher nicht gekauft. Auch nicht aus persönlichem Interesse? Aus dem schon mal gar nicht!
Ganz bestimmt muss mir niemand erklären, wie es ist, Depressionen zu haben. Wie man sie von der heiteren Seite nehmen kann, auch nicht, danke der Nachfrage.

Aber es ist fast unmöglich, über Depressionen zu bloggen und nicht über Tobi Katze (http://blogs.stern.de/dasgegenteilvontraurig/) zu stolpern. Dort habe ich mit großem Vergnügen herumgestöbert und recht schnell innerlich meinen Hut gezogen:
Da hatte sich jemand nicht einfach nur selbstmitleidig (das können wir alle!), sondern mit einem sehr klaren Blick beobachtet und, so fand ich, ganz wunderbar einprägsame Bilder für Zustände gefunden, die sich sonst gerne einer allgemeinverständlichen Beschreibung entziehen mögen.

Natürlich kann ich nicht wissen, ob besagte Bilder tatsächlich allgemein verständlich sind
Mir kamen sie ungeheuer einleuchtend vor: „Jahaha, wunderbar, genau so fühlt sich das an!“.
Objektiv ist anders, keine Frage. Normal sowieso.

Deswegen habe ich das Buch gekauft.
Trotz durchaus ambivalenter Gefühlslage (nee, echt jetzt – auch wenn ich generell dazu neige, kann ich die ja auch mal aus Gründen haben!):
Einerseits finde ich, dass gerade Menschen mit Depressionen unbedingt Humor brauchen, wenn sie die Nummer überleben wollen.
Aber müssen wir uns unbedingt von der heiteren Seite präsentieren, um verstanden und angenommen zu werden? Andererseits: Können und wollen wir anders?
Ich für mein Teil glaube, dass ich, wenn ich nicht mehr in der Lage bin, blöde Witze zu reißen, einen guten Freund brauche, der mich erschießt.
Andererseits möchte ich mich und meine Erkrankung, ihre Symptome, die alltäglichen Widrigkeiten, die sie mit sich bringt, endlich einmal ernst genommen wissen!
Nochmal andererseits ist es sehr viel schöner, von jemandem zu lesen, dem die Schilderung seiner Erkrankung zu Prominenz verhilft, als von Prominenten, deren Depressionen nach ihrem Suizid an die Öffentlichkeit kommen.

Tatsächlich mache ich mir bei der Lektüre der ersten Kapitel fast in die Hose vor Lachen!
Das ist das Schöne am „persönlich betroffen“ sein: Ich darf das!

An anderen Stellen breche ich fast ebenso vehement in Tränen aus: Das sind die, an denen mir klar wird, dass ich auch dieses Problem, von dem ich nun wirklich immer dachte, es sei mein ganz eigenes, mit anderen teile. Dabei hätte ich gedacht, ich sei lange genug dabei, um mich in allen Spielarten meines Nicht-Dazugehörens auszukennen …

Wieder andere Kapitel befremden mich: So bin ich nicht! Ich möchte nicht, dass Menschen denken, ich sei auch so.
Und ich weiß nicht, was befremdlicher ist: Das Gefühl, dass die soeben entdeckte vertraute Seele dann doch anders ist, oder die Rückmeldung meiner Umgebung, dass ich sehr wohl so sei, das aber nicht wahrhaben wolle …

Manche Passagen wirken auf mich verstörend.
Es sind solche, in denen der Protagonist seine Mitmenschen aggressiv und letztlich selbstzerstörerisch zu zwingen versucht, ihn endlich wahrzunehmen. Nicht, dass depressive Menschen nicht aggressiv sein könnten oder dürften. Und warum sollte das Gefühl (ach was: die Überzeugung!), nicht dazuzugehören, ja, geradezu unsichtbar zu sein, nicht irgendwann in verzweifelte Wutausbrüche münden?
Aber die Schilderung überzeugt nicht, ist voll von Mißtönen und das erzeugt zumindest bei mir Beklemmungen.

Das Bemühen, das Fähnchen des Humors immerzu wacker hochzuhalten, berührt mich an diesen Stellen unangenehm.
Es gelingt sehr gut, wenn es um die Beschreibung von solchen Situationen geht, durch die – soweit ich sagen kann – nun wirklich jeder Depri wieder und wieder durch muss. Vielleicht ist es das: Das üben wir täglich. Und das Lachen darüber ebenso.
Wenn es aber wirklich wehtut, wenn die Selbstachtung ihren Jahresurlaub nimmt und man Dinge tut, von denen man selbst im Suff noch weiß, dass das jetzt mal richtig Kacke ist, dann sind Scherze für mein Empfinden einfach fehl am Platz.
Sie sind dann auch anders platziert: In solchen Momenten wird ein eher randständiges Detail auf die Schippe genommen und verhilft zu der erhofften humorvollen Betrachtungsweise. Das Sujet als solches bleibt bedrückend.

Was mir, obwohl es weh tut, wirklich gut gefällt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der bei aller sonstigen Selbstironie und Lustigkeit dem Umstand Rechnung getragen wird, dass Depression eine lebensgefährliche Erkrankung ist, die wir nicht alle überleben. An dieser Stelle ist der Ton herzzerreißend authentisch.

Fazit für die Depris unter Euch:
Wenn wir ungefähr ähnlich ticken, werdet Ihr an einigen Stellen fürchterlich heulen müssen – aber hej, wir sind Kummer gewöhnt, oder?
Und an anderen Stellen hoffentlich auch den Moment genießen, in dem das vertraute, alltägliche Elend plötzlich so witzig gespiegelt wird, dass Ihr ihm laut ins Gesicht lachen könnt.
Es tut gut, wenn jemand stellvertretend Menschen, die mit vermeintlich hilfreichen Kommentaren einfach nur nerven, ganz leichter Hand durch den Kakao zieht.
(Mein Lieblingszitat diesbezüglich ist „Ich schäme mich fast ein wenig dafür, nichts Anständiges zu haben. Krebs oder so. Da sagt keiner: ,Ich hab manchmal auch so Geschwüre. Aber dann hab ich mir lachende Katzenbabys angeschaut, da ging das wieder. Ich hab mich da eben nicht so reinfallen lassen in dieses Krebs-Ding. Ist alles ’ne Frage der Einstellung.‘ “ Ihr wisst, was ich meine …)

Für die „anderen“:
Ich glaube schon, dass das Buch hilft, Menschen wie mich besser zu verstehen – jedenfalls finde ich Bilder und Erklärungen darin, die ich auch verwenden würde, wenn mich Scharfsinn, Witz und Eloquenz in Situationen, in denen ich sie dringend bräuchte, nicht regelmäßig verlassen würden.
Tobi Katze kommt nicht mit langatmigen Erklärungen (die lassen sich bei Bedarf auch prima anderswo nachlesen) und vor allem nicht mit erhobenem Zeigefinger daher – er schreibt im Gegenteil höchst unterhaltsam und brennt ganz nebenbei Gefühlschaos und gedankliche Sackgassen auf eine Art und Weise in Bilder, die sie unmittelbar einleuchten lässt. Auch warnt er en passant vor den beliebtesten Fettnäpfen im Umgang mit psychisch kranken Menschen.

Muss man das Buch gelesen haben?
Nö. Ein Klassiker der Weltliteratur wird das nicht.

Aber seid versichert, Ihr habt Menschen wie uns in Eurem Bekannten- und Freundeskreis, unter Euren Arbeitskollegen oder in der Familie!
Dann ist es hilfreich.
Und es macht Spaß!

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Veröffentlicht von

dieschattentaucherin

Schreibwütige Depressive auf ihrem Weg ins Sonnenlicht

6 Gedanken zu „Tobi Katze: „Morgen ist leider auch noch ein Tag““

  1. Ich habe das Buch auch letzte Woche gelesen und ich fand es prima, das Zitat, das du oben geschrieben hast ist recht bezeichnend für den Stil und nachdem ich selbst eine Menge schwarzen Humor habe, fand ich die Lektüre echt mal erfrischend, weil sie völlig ohne ewig lange, wissenschaftliche Erklärungen auskommt und gleichzeitig echt treffende Beschreibungen von etwas drin sind, das wirklich schwer zu beschreiben ist…

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  2. Das sind die, an denen mir klar wird, dass ich auch dieses Problem, von dem ich nun wirklich immer dachte, es sei mein ganz eigenes, mit anderen teile. Dabei hätte ich gedacht, ich sei lange genug dabei, um mich in allen Spielarten meines Nicht-Dazugehörens auszukennen …

    Tja…falsch gedacht.
    Ich bin zufälligerweise Anfang diesen Jahres über jemanden gestolpert. Da ergab sich dann irgendwie erst ein Gespräch…dann eine Diskussion. Bis mir an einem Punkt entfuhr: „Ich komme mir oft so vor, als lebte ich auf dem falschen Planeten!“

    Da sagt doch der Kerl zu mir: „Willkommen im Klub.“

    Ich war sprachlos. Und ich bin normalerweise nie sprachlos. So ein Ding. Vor anderen Leuten auch noch. Es war sehr erhellend, festzustellen, daß man nicht allein ist.

    Schön erklärt das übrigens auch hier Torsten Sträter, wie ich finde. Wir sind so viele.

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  3. Von den beliebtesten und auch den vielleicht weniger beliebten Fettnäpfchen im Umgang mit psychisch kranken Menschen würde ich gerne etwas erfahren. Womöglich trample ich da gerade ein einem oder mehreren herum 🙂

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    1. Wenn Du darüber nachdenkst, ob Du vielleicht trampelst, ist das schon die halbe Miete … 🙂
      Über Fettnäpfe kannst Du bei vielen Menschen nachlesen, die sich mit psychischen Erkrankungen befassen. Hier zum Beispiel: https://borderlettersingerman.wordpress.com/2015/12/05/kommentare-die-gar-nicht-helfen/
      Die Idee nehme ich gerne auf, aber ich glaube, ich mag auch lieber die Menschen und Reaktionen sammeln, die hilfreich sind und waren.
      Schöne Idee … ist sozusagen schon in Arbeit …

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