Das indische Sofa

Nein, ich habe während meiner Therapie nie auf der Couch gelegen.
Es stand eine im Raum, aber wir haben einander immer in Sesseln gegenüber gesessen.
Bei dem Sofa ging es um meinen beständigen Kampf gegen meine Erkrankung.
Denn gekämpft habe ich!

Seltsam … man hört nie, jemand habe gegen die Masern angekämpft. Oder gegen seinen Herzinfarkt. Die hat man einfach. Die übersteht man, oder auch nicht. Von Kampf ist nur bei Krebs die Rede, als sei es ein persönlicher Verdienst, diesen zu überleben. Und eine Niederlage, es nicht zu tun.

Und bei Depressionen. Ich jedenfalls fand, dass dagegen angekämpft gehört!
Man hat mich vielleicht nicht so kämpfen sehen, wenn ich mal wieder stundenlang bewegungslos dasaß, aber ich habe mich bemüht, wahnsinnig bemüht, in Bewegung zu kommen.
Und ich bin wieder und wieder mit zusammengebissenen Zähnen gegen meine Ängste angerannt.

Wenn ich Situationen noch irgendwie aushalten konnte, ohne völlig zusammenzubrechen, dann hab ich das durchgezogen. Und wenn ich doch zusammengeklappt bin, dann war das eben so.
Jadochja, das hat meinen Aktionsradius vergleichsweise groß gehalten. Aber der Preis war auch entsprechend hoch.

Da ist sie dann regelrecht grob geworden,  die kleine Inderin.
„Wenn es Ihnen so schlecht geht, dann legen Sie sich verdammt noch mal hin und seien Sie krank!“. Ich bin mir sicher, sie hat tatsächlich „verdammt“ gesagt …
Und, dass ich so lange liegen bleiben möge, bis ich Lust hätte, wieder aufzustehen.

Ganz ehrlich, ich fand ihren Rat unseriös. Gefährlich.
Wäre ich zu diesem Zeitpunkt nicht schon einige Zeit ihre Patientin gewesen, ich hätte ihn ganz sicher nicht befolgt.

IMG_12508-q-webSo jedoch habe ich das Experiment gewagt:
Ich bin morgens (okay, eher mittags) vom Bett bis zum Sofa geschlufft und hab den Fernseher angemacht. Zu meiner Ehrenrettung: Talkshows bei RTL habe ich immer gemieden! Aber ich habe sehr genau gewusst, wann auf welchem Sender welche uralte Serie wiederholt wurde und bin auch vor „unsere kleine Farm“ nicht zurückgeschreckt.

Irgendwann in der Nacht (wenn ich mit Star Trek und den Wiederholungen der Pathologenkrimis durch war) hab ich den Rückweg ins Bett angetreten.
Dieses Programm hat sich gar nicht mal so sehr von meinem vorherigen Tagesablauf unterschieden …
In erster Linie hab ich einfach aufgehört, mir vorzunehmen, mich jetzt mal zusammenzureißen.
Ich hab aufgehört, mich zu bemühen.

Wundersamerweise begann ich nach ca. einer Woche, mich zu langweilen. Und kleinere Aktivitäten in Erwägung zu ziehen, weil ich Lust dazu hatte.
Und so ist es mir tatsächlich gelungen, mich ganz unbeschadet wieder von meinem Lotterbett zu erheben.

Eine ganze Woche habe ich seitdem nie wieder gebraucht.
Aber wenn ich das Gefühl habe, dass es mir richtig schlecht geht, dass jetzt wirklich alles zu viel ist, dann schreibe ich mir selber eine Entschuldigung und stelle jegliche Bemühung ein. Dann bleib ich im Bett!
Mittlerweile (wenn ich Glück habe) ist „ich bleib heute im Bett!“ um 10 Uhr ausgestanden. An schlechten Tagen erst mittags. Aber es funktioniert tatsächlich, ohne dass ich kämpfe. Weil ich nicht kämpfe.

Außer vielleicht gegen die wohlmeinenden Menschen um mich herum, die nicht müde werden, mich aus meinem Bett holen zu wollen, weil das doch nicht gut sein kann …

Werbeanzeigen

Veröffentlicht von

dieschattentaucherin

Schreibwütige Depressive auf ihrem Weg ins Sonnenlicht

4 Gedanken zu „Das indische Sofa“

  1. Sorry…ich habe grade einen Lachflash…
    Unsere kleine Farm….ja, das kenn ich doch…ist auch eine meiner „Lieblingssendungen“ für Entspannung oder das Bemühen, den Tag stressfrei rumzubekommen.

    Gefällt 1 Person

  2. das Bett war schon immer mein Rückzugsgebiet, allerdings ohne dass ich das so bewusst wahrgenommen hätte. Ich hab dazu immer ein „Krankheitsgefühl“ für meine Umwelt gebraucht, sonst hätte man mich nicht in Ruhe gelassen. Mach weiter so!

    Gefällt mir

  3. superschön geschrieben …
    Wenn jemand sich den Fuß verknackst oder ein Band reißt, ist jeder der Ansicht, dass es völlig in Ordnung ist, mal nicht rumzurennen. Wenn die Seele sich meldet, Ruhe fordert und verhindert, wie immer zu funktionieren, trauen wir uns selbst nicht. Dabei sind die Signale doch eindeutig … Wenn ich mich nicht unter Druck setze (kämpfe) und mir gebe, was die Gefühle wollen, kommt die Energie auch schnell wieder. Lieben Gruß, Regine

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s