Gift

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Gerade eben erst bin ich gefragt worden, ob es mir hilft, die Texte anderer BloggerInnen mit … sagen wir … psychischen Besonderheiten zu lesen …
Doch! Ja! Tut es!
Es tut allein schon gut, zu sehen, wie viele wir sind.
Manchmal macht es mich hadern, zugegeben: Bei meiner vergleichsweise unauffälligen Vorgeschichte und Familienkonstellation hätte ich doch bitteschön auch ganz normal werden können!
Manchmal schäme ich mich auch ein wenig: Wenn ich lese, was man sonst noch so kriegen kann, sollte ich mich mit meiner Standardnormaldepresse vielleicht einfach nicht so anstellen …
Meistens aber gibt es mir Kraft, von Menschen zu lesen, die entschlossen sind, nicht nur trotz ihrer Besonderheiten klarzukommen, sondern auch mit ihnen.
Mich zum Beispiel haben sie gelehrt, nicht immer nur „Erkrankung“, sondern tatsächlich „Besonderheit“ zu denken: Ich habe PTBSler, Borderliner, Hochsensible, Asperger und etliche andere „kennen gelernt“ und die wollen sich einfach nicht unter dem Stichwort „krank“ zusammenfassen lassen. „Anders“, „schräg“, „besonders“, „vom zweiten Planeten links“, wie auch immer, aber nicht einfach nur alle „krank“. Wenn ich nun aber die nicht als krank ansehe, dann gelingt mir vielleicht auch ein etwas liebevollerer Blick auf mich selbst …
Ansonsten finde ich hochspannend, wie viele Gemeinsamkeiten wir trotz allem haben!
Dass Hochsensible und Asperger überhaupt Gemeinsamkeiten haben, sollte ein Widerspruch in sich und deswegen lustig sein – ist aber nicht der Fall, da bin ich mir ganz sicher! Wir haben viele Stränge, an denen wir gemeinsam ziehen können.

Und manchmal ist jemand bei einem ganz bestimmten Thema einfach schon einen Schritt weiter, als man selbst …
Ich erinnere mich, dass meine Therapeutin mich einmal darauf hingewiesen hat, ich möge im Gespräch doch bitte nicht ständig die Luft anhalten und auch nicht die ganze Zeit meine Schultern hochziehen. Sie hat mich auch gefragt, wer in mir das ist, der jetzt weint – oder weinen würde, wenn ich nicht krampfhaft die Luft anhielte …
Wut, rasende, brüllende, kreischende Wut war in all den Jahren nie Gegenstand der Therapie. Wie auch? Die meiste Zeit habe ich Psychopharmaka genommen und gar nicht bemerkt, dass unter dieser künstlichen Gelassenheit und Friedfertigkeit noch ein „Thema“ lauerte, das zu besprechen gewesen wäre …

Ich merke es jetzt. Den entsprechenden Auslöser vorausgesetzt, möchte ich mir nicht nur den Kopf blutig schlagen, sondern gleich den ganzen Hof in Schutt und Asche legen.
Und das ist der Grund, warum der Text meiner Bloggerkollegin Nintschgo mich so sehr berührt hat:
„ … ich bin weit entfernt von all dem Schreien und Brüllen und Kreischen, das ich aufholen muss.“
„Ich wünsche mir fast, dass mich jemand provoziert, bis ich anfange, zu kreischen und zu schreien und zu brüllen bis die letzte dieser Erinnerungen ihren Schrecken verliert. Ich wünsche mir auch, dass dieser jemand mich festhält, wenn die Tränen dann kommen.“

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Veröffentlicht von

dieschattentaucherin

Schreibwütige Depressive auf ihrem Weg ins Sonnenlicht

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