Kelch … vorüber!

Warum ich mich entschieden habe, keine Highly Sensitive Person zu sein.

In letzter Zeit stolpere ich ständig über Artikel und Blogposts zum Thema Hochsensibilität. Frequenz steigend.
Ob mir das wohl etwas sagen will? Ich glaube: Nein.
Und falls doch, dann bestenfalls, dass das Thema derzeit einen Hype erfährt – HSP ist das neue Burnout, wenn man so will.
Nur viel schicker!

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Früher seien Hochsensible als Berater, Weise und Zauberer in Erscheinung getreten, lese ich. Das will zwar nicht so recht zu der Vermutung passen, dass 15 bis 20 Prozent aller Menschen hochsensibel seien – da wäre ja mal richtig was los gewesen in der Zaubererwelt! – klingt aber gut. Klingt richtig gut!
Überhaupt (und wissenschaftlich betrachtet, auch wenn sie sich bislang neurophysiologisch nicht nachweisen lässt) scheinen die Attribute der Hochsensibilität auf den ersten Blick attraktiv:
Hochsensible nehmen Reize jeder Art tiefer, intensiver und detaillierter wahr als andere (sogenannte normalsensible Menschen). Sie verfügen über eine vielschichtige Fantasie, eine ausgeprägte Intuition, sind begeisterungsfähig und vielseitig interessiert. Sie können die Stimmungen und Emotionen anderer Menschen leicht und detailliert erkennen und sind in der Lage, in großen Zusammenhängen zu denken.
Holla die Waldfee, wenn das nicht nach einer Gabe klingt!
Aber schon von den Weisen und Zauberern wissen wir, dass Segnungen dieser Art immer auch Fluch sind.
Diese umfassende, intensive und nachhaltige Wahrnehmung lässt sich nicht nach Bedarf ein- und ausschalten, der Mensch ist seinen Eindrücken geradezu ausgeliefert. Deswegen ermüden hochsensible Menschen rasch, sie sind schnell überfordert, müssen sich vor Reizüberflutung schützen und sorgsam darauf achten, sich Pausen und Rückzugsmöglichkeiten zu organisieren.
Was ich bei Betroffenen über ihr Leben mit der Hochsensibilität gelesen habe, klang dann auch oft eher anstrengend und kompliziert.
Und dennoch: Sensibilität, Empathie, Intuition, Tiefe, Intensität, Kreativität … sind so verdammt positiv belegt!
Damit nehmen sie unter den Menschen mit (psychischen, neurophysiologischen) „Besonderheiten“ eine Sonderstellung ein.
Die Maßnahmen (Auszeiten, Rückzugsmöglichkeiten, Wunsch nach Rücksichtnahme), die sie ergreifen möchten und müssen, um mit ihrer speziellen Besonderheit leben zu können, unterscheiden sich gar nicht mal so sehr von denen, die auch uns anderen nützlich sind oder wären. Aber sie stehen in einem ganz anderen Licht da, sorgen sie doch dafür, dass eine GABE sich entfalten kann.
Für Menschen mit Asperger Autismus gilt das durchaus auch, nur denkt bei denen niemand an Zauberer, sondern alle an Rainman.
Alle anderen – also die Depris, Paniker, Borderliner, PTBSler und wie sie alle heißen – haben zwar ganz ähnliche Bedürfnisse, allein es fehlen die Sympathiewerte.

Aus schierer Neugierde hab ich mal einen der einschlägigen Tests absolviert und „Sapperlot!“:
„Sie sind mit an Gewissheit grenzender Sicherheit eine HSP. … Sie werden sicher noch glücklicher und leistungsfähiger sein, wenn Sie nicht versuchen zu leben wie ein nicht-HSP. Arbeiten Sie daran Wege und Möglichkeiten zu finden, um in einer Ihnen angenehmen Weise Kontakt mit der Welt zu halten. Die Welt braucht Sie und Ihre Empfindsamkeit. Sie sind eine Bereicherung.“

Das Gefühl der starken Erleichterung, von dem Betroffene häufig berichten, weil sie sich endlich nicht mehr „wie vom anderen Stern“ fühlen, wollte sich allerdings nicht einstellen. Mein Gefühl sagte eher etwas wie „Och nö … !“.
Nur um sicher zu gehen, habe ich danach noch ungefähr 10 weitere Tests ausprobiert, so wie Google sie zu Tage förderte.
Half nix: Ich bin hochsensibel. Auffällig fand ich zwar, dass die Mehrzahl der Anbieter mir gerne auch gleich das passende Coaching und / oder ihr Buch zum Thema verkaufen wollten … aber Honi soit qui mal y pense
Lustiger war schon die (natürlich nicht als repräsentativ zu wertende!) Bitte an einige Menschen aus meinem Bekanntenkreis, den Test ebenfalls zu machen:
Ich bin nicht nur selbst eine HSP, ich bin auch von ihnen umgeben!

Ein Ergebnis, das sich vielleicht durch einen Blick auf die Fragen erklären läßt …
Der Test von „zartbesaitet“ zum Beispiel umfasst 29 Aussagen, die mit
1 = nein, überhaupt nicht
2 = nein
3 = eher nein
4 = halb und halb / weiß nicht
5 = eher ja
6 = ja
7 = ja, sehr!
mehr oder weniger zu bestätigen sind.

Spaßeshalber beantworte ich alle mit „weiß nicht“ und „knacke“ schon damit die magische Punktzahl: Hochsensibilität beginnt bei 163 Punkten, ich hab 168 …
Aber Spaß beiseite.
Gehen wir mal einige der Aussagen durch:

Ich habe ein reiches und vielschichtiges Innenleben.
Jetzt mal alle die Hand hoch, deren Innenleben vollkommen hohl und flach ist!
Oookay … jetzt die mit der akuten Depresse die Hände runter …
Na?

Ich bin ein guter Zuhörer.
Ich bin gewissenhaft.
Ich strenge mich an, keine Fehler zu machen und nichts zu vergessen.
Bildende Kunst / Musik / Naturstimmungen bewegen mich tief.
Ich bemerke und genieße zarte oder feine Gerüche, Geschmäcker, Klänge oder Kunstwerke.
Wer soll sich denn da zu einem glasklaren „nein“ durchringen, oder auch nur zu einer Antwort unterhalb des „weiß auch nich“ Durchschnittes?

Lärm ist mir unangenehm.
Wem nicht?
Die Frage ist ja genau nicht, ob er in Wacken okay wäre und nur nervt, wenn er von der Baustelle nebenan kommt.

Es ist mir lästig, wenn gleichzeitig verschiedenste Dinge von mir verlangt werden.
Klingt das wirklich irgendwie ungewöhnlich?

In Wettbewerbssituationen oder unter Beobachtung werde ich so nervös oder unsicher, dass ich schlechtere Leistungen bringe, als ohne diesen Streßfaktor.
Yup. Lampenfieber heißt das Wort. Alternativ: Prüfungsangst.

Natürlich ist der Test anonym! Aber selbst wenn wir ganz allein Kreuzchen auf einer Website hinterlassen, haben wir ein Bild von uns selbst. Und wir möchten nicht von uns sagen, dass wir hohl, leer und ignorant sind, dass wir zu denen gehören, die nix merken. Wir wissen ja, dass es um Sensibilität geht und möchten am Ende nicht als grobe Klötze dastehen. Und dann ist es schwierig, nicht mit dem Ergebnis „hochsensibel“ aus der Nummer rauszukommen.

Letztlich, lese ich (mit sich nun doch einstellender Erleichterung und durchaus erheitert) müsse und könne man aber nur selbst für sich entscheiden, ob man hochsensibel sei.
Das ist ja grade nochmal gutgegangen!

Im Großen und Ganzen bin ich nämlich der festen Überzeugung, dass ich deswegen so hohe Punktwerte erreiche, weil für Menschen mit Depressionen und Angststörungen dieselben Strategien eine Rolle spielen.
Natürlich fühle ich mich schnell überfordert – manchmal ja schon damit, morgens aus dem Bett zu kommen.
Und natürlich machen Trubel und Aktivität, wenn man selbst gerade mal wieder mit einem Heulanfall zu kämpfen hat, die Sache nicht besser.
Wenn ich mich mit zu vielen Menschen in einem geschlossenen Raum aufhalten muss und womöglich noch Lärm hinzukommt, verspüre ich mit einiger Sicherheit Paniksymptome.
Lärm ist mir fast immer unerträglich. Es sei denn, ich mach ihn selber: Wenn ich so richtig schlechte Laune habe, höre ich Hardrock, dass die Wände wackeln und habe überhaupt kein Problem damit.
Das, was für normalgestimmte Menschen (um mal nicht „gesund“ zu sagen) normaler Alltag und Zusammenleben mit anderen Menschen ist, empfinde ich als extrem anstrengend. Ich ermüde rasch, möchte mich häufig zurückziehen und versuche selbstverständlich, mir meine Tage, mein Leben entsprechend einzurichten.
Im zwischenmenschlichen Bereich kriege ich tatsächlich mehr mit, als mir oft lieb ist. Vor allem Wut, Angst und Verzweiflung meiner Mitmenschen prasseln geradezu auf mich ein. Das kann außerordentlich hilfreich sein, wenn es mir gelingt, zu handeln und zum Beispiel dafür zu sorgen, dass ein Konfliktgespräch stattfinden kann, ist aber auch sehr anstrengend – danach bin ich völlig ausgelaugt. Kann ich weder handeln, noch mich abgrenzen, besorgt letzteres relativ schnell die Depression für mich: Sie schubst mich kurzerhand ins Bett.
Hier bin ich noch auf der Suche nach Strategien und schon deswegen werde ich das Thema Hochsensibilität weiter verfolgen, auch wenn dieser Kelch an mir vorübergegangen ist. Außerdem interessieren mich Menschen mit Besonderheiten (ooops … nö … ich bin eher nicht vielseitig interessiert!) – vor allem mit Blick auf unsere Gemeinsamkeiten, nicht so sehr auf das, was uns trennt.

Aus manchen Texten lese ich ein gewisses Maß an Selbstverliebtheit heraus, das ich eher nervig finde … aber okay, der Reiz der Stichworte „tief“, „intensiv“, „reich“ ist vermutlich ganz enorm.
Und eine Tendenz, alles aber auch wirklich alles für die eigene Besonderheit zurechtzuschneidern.
So las ich neulich wahrhaftig, für Hochsensible sei es wichtig, auf Reisen bequeme Kleidung zu tragen. Vermutlich, weil Normalsensible eine kneifende Hose weder bemerken, noch auf einem Langstreckenflug irgendwie als Beeinträchtigung empfinden würden …

Ich glaube, es sind diese Eindrücke, die mich so unwillig machen, mir den Schuh HSP anzuziehen.
Ich lebe seit Jahren mit einer … sagen wir … originellen Gehirnchemie, aber meine Besonderheit ist eine Krankheit. Ein Makel. Ich will gerne glauben, dass hochsensible Menschen sich gut überlegen, wann, mit wem und wie sie über ihre Besonderheit sprechen. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass die diesbezügliche Latte für andere Menschen sehr viel höher liegt. Für Borderliner zum Beispiel …
Wenn ich heute feststellen könnte: Ich habe Depressionen und Panikattacken, weil ich hochsensibel bin (was ich zwar grundsätzlich gar nicht unlogisch finde, worauf meine Psychiaterin und Therapeutin aber vermutlich auch gekommen wären), dann würde sich im Ergebnis genau nichts ändern. Mein Leben wäre exakt dasselbe.
Zugegeben, mir gewisse Zeitgenossen vorzustellen, wie sie sich vor den Kopf schlagen und ausrufen „Ach so! Hochsensibel bist Du! Ja dann …!“ ist unterhaltsam. Es ist jedoch wie mit der Fantasie von der eigenen Beerdigung, auf der dann allen alles ganz schrecklich leid tut. Ist nett, bringt aber nix.
Ich habe (so gut das ging) gelernt, mit einer Krankheit zu leben. Ich habe zu ihr gestanden und offen über sie gesprochen. Jetzt will ich sie auch behalten.

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Veröffentlicht von

dieschattentaucherin

Schreibwütige Depressive auf ihrem Weg ins Sonnenlicht

15 Gedanken zu „Kelch … vorüber!“

  1. Alle anderen – also die Depris, Paniker, Borderliner, PTBSler und wie sie alle Alle anderen – also die Depris, Paniker, Borderliner, PTBSler und wie sie alle heißen – haben zwar ganz ähnliche Bedürfnisse, allein es fehlen die Sympathiewerte.

    Ist halt nur doof, wenn man eben irgendwie „HSP“ ist und deshalb womöglich Panik schiebt. Oder wenn einem die Unempathie der großen Restmenschheit serartig auf den Sack geht, daß man darüber wieder depressiv wird.

    Ich stelle an mir selber auch eine Menge der Symptomatik fest, die meine persönliche Borderline-Bekanntschaft so quälen. Nur ist es bei ihr eben viel gruseliger. Sowas wie Dissoziation gab es in meinem Leben nie. Aber zwei bis drei Leute in meinem Kopf, die erst mal eine Person werden mußten? Check.

    Auch das „vielseitig interessiert“ ist so eine Sache. Ich habe wahnsinnig viel Dinge, die ich interessant finde. aber da Vinci hatte auch zweiunddrölfzig Projekte und aht nur zwei Dutzend fertiggekriegt. Und dann ist da das Problem, daß man für Interessen womöglich vor die Tür gehen muß. Da gibt es Menschen. Viele. Oft. Widerliche Sache.

    Ich habe mir das bezüglich Krankheit ganz einfach gemacht. Nach anderthalb Jahrzehnten intensiven Grübelns – bei dem Lärm übrigens tierisch stört – habe ich folgendes beschlossen: Ich bin gar nicht krank. Die Menschheit hat einen Sprung in der Schüssel, der dringend mal behandelt werden muß.

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  2. Endlich jemand, der es ausspricht! Ich finde diesen HSP-Trend auch furchtbar befremdlich und das gerade weil ich mit Asperger lebe. Die HSP-Tests sind ein Teil des Problems, ja! Lauter schöne Eigenschaften bejahen und schon ist man dabei. Das klappt übrigens auch, wenn man Asperger-sei-dank mal die ganzen tollen Social Skills verneint. Reicht noch immer für die Status-Zuschreibung. Immerhin haben sich ein paar kluge Menschen ja überlegt, dass es noch Subtypen von HSP geben könnte… Das Ding ist nur: Autismus geht ja wirklich mit einer massiv intensivierten Wahrnehmung einher. Da ich aber nun mal in der gleichen Welt lebe wie alle anderen Menschen, kann ich aus folgenden Optionen wählen: 1. Mir mein Leben entsprechend der HSP-Tipps ausschliesslich in einer abgelegenen Wohnung ohne Nachbarn, Pflichten und andere Menschen einrichten. Dann ist das bestimmt immer toll mit der Wahrnehmung – das Leben aber nicht mehr. 2. Etwa 90 Prozent meines Lebens damit verbringen, Grenzen und Probleme dadurch zu erleben. Dann kann das immer noch nett sein, von romantischer Verklärung ist aber nichts übrig. Ich nehme insofern an, dass die meisten,die sich selbst als HSP ansehen und das so hübsch darstellen, einfach mal keine Ahnung haben, wovon sie da sprechen. Mir wollte man diese „Diagnose“ mal in einem Forum aufdrängen. Ich habe dankend abgelehnt…

    Btw ist das mit Autismus und Rainman auch eher ein Problem als eine positive Besetzung der Diagnose. Wer selbstständig leben kann, bekommt die darum schnell durch die lieben Mitmenschen abgesprochen und soll sich mal nicht so anstellen. Aber das ist ein ganz anderes Thema…

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  3. ich find das thema spannend, aber hatte bisher auch widerstände mir den schuh anzuziehen, auch wenn test es bestätigen und ich mich in beiträgen öfters wiederfinde. ich halte für mich persönlich fest, ich habe ein überempfindliches nervensystem. und das war es schon. punkt.

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  4. Hallo 🙂

    Ich selbst halte mich für hochsensibel – und ich muss für mich sagen, dass mir diese Erkenntnis ein unglaublich neues Selbstwertgefühl gegeben hat – nach einem Leben voller Anpassung und Selbstkasteiung.

    Ich finde – sofern man sich selbst in eine Schublade stecken darf – in diesem Falle die Schublade Hochsensibilität, dann ist das eine sehr gute Sache. Denn die Tipps und Tricks, wie ich z.B. mit der Reizüberflutung umgehe oder dass ich tatsächlich auch etwas Gutes für mich selbst tun darf, haben bei mir zu einem ganz anderen und besseren Selbstwertgefühl geführt. Dadurch, dass es nun diese neue Schublade gibt, hat man aktiv die Möglichkeit, seine eigene Lebensqualität zu stärken.
    Wird man hingegen von anderen in eine Schublade gesteckt, so ist das ein passiver Vorgang, den man über sich ergehen lassen muss. Und man kommt leicht in eine Opferhaltung rein.

    Von demher finde ich – auch wenn die Wissenschaft beim Thema Hochsensibilität noch sehr hinterherhinkt – dass die Identifikation mit Hochsensibilität für viele Menschen unglaublich wichtig sein kann.

    Und das Gute daran ist: Man muss dieses Wissen nicht jedem auf die Nase binden! Schon gar nicht als Entschuldigung, dass man dieses oder jenes nicht machen kann. Für mich stellte die Erkenntnis eine Bereicherung dar – im Hinblick darauf, was ich selbst möchte, welche Gefühle in mir stecken, dass ich mich nun tatsächlich so ausdrücken kann wie ich möchte – denn diese Gefühlstiefe und komplexen Gedankengänge sind nicht selbstverständlich! Und genau das bringt der Begriff der Hochsensibilität auch mit sich: Selbstakzeptanz.

    Meine Lebensqualität hat sich durch das Konzept der Hochsensibilität eindeutig verbessert – und wenn man mit guten Freunden über dieses Thema redet, dann tun sich auch neue Türen und Erkenntnisse auf. Für mich ist dieses Wissen eine unglaubliche Bereicherung.

    Soviel zu mir…

    Liebe Grüße,
    Julia

    PS.: Depressionen, BurnOut und Hochsensibilität über einen Kamm zu streichen bzw. als Hype anzusehen, ist zu einfach dahergesagt. Eine tiefergehende Recherche würde helfen, das Thema in einem anderen Licht zu sehen. (fernab aller esoterischen und krankheitsbehafteten Quellen)

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  5. Hallo – ich bins nochmal…

    Was bei der ganzen Diskussion um Hochsensibilität eventuell auch zur Verwirrung beiträgt ist, dass in manchen Berichten und Beiträgen von „dem“ Hochsensiblen die Rede ist.
    Man stellt sich „den“ Hochsensiblen so und so vor, in diesen und jenen Situationen reagiert er so und so. Jeder Hochsensible landet beim Einkaufen in der Überstimulation und bekommt beim ersten Baustellenlärm einen Aggress.
    Einen Agress bekomme ich genau dann, wenn versucht wird, Hochsensibilität auf die und die Eigenschaften festzunageln. Das geht so einfach nicht.

    Warum? Weil es genau 4 Eigenschaften gibt, die allen Hochsensiblen gemein sind – die sich aber nicht sofort konkretisieren lassen. Was ich damit meine? Es sind Eigenschaften, die in unterschiedlichen Ausprägungen vorkommen können – ich werde gleich konkreter.
    Denn an dieser Hürde scheitern sehr viele Berichte – sie können dieses komplexe Thema nicht mit einfachen Beispielen unterlegen.

    Hochsensibilität wird von Elaine Aron mit dem Akronym DOES erklärt.

    D epth of Processing – Tiefe Informationsverarbeitung, tiefere Verarbeitung von inneren und äußeren Reizeinflüssen, langes Nachhallen positiver und negativer Erfahrungen/Ereignisse

    O verstimulation – durch die erhöhte und intensivere Reizverarbeitung kommt ein Hochsensibler schneller in den Zustand der Überstimulation

    E mpathy and Emotional Responsiveness – hohe Empathie, Einfühlungsvermögen für meine Mitmenschen; emotionale Berührbarkeit. Hochsensible zeigen stärkere Gefühlsreaktionen auf positive und auf negative Reize.

    S ubtle to Stimuli – feinfühligere Reaktion auf sensorische Umweltreize, Sinnesreize – alles, was mit Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen zu tun hat – auf positive und negative Art und Weise

    Diese „Meta-Begriffe“ lassen sich sehr unterschiedlich konkretisieren. Reizüberflutung sieht bei einem Hochsensiblen so aus, beim anderen so. Auch Normalsensible landen irgendwann in der Reizüberflutung – nur sehr viel später als Hochsensible.

    Wie auch immer – man entscheidet selbst, ob einem das Konzept etwas gibt oder nicht. Aber ich lege sehr viel Wert darauf, es richtig zu erklären. Denn viele bekommen manche Informationen in den falschen Hals und geben diese dann auch so weiter.
    Das Thema sollte man etwas differenzierter betrachten – denn ich habe schon mit sehr vielen Menschen geredet, denen dieses Thema ein neues Lebensgefühl gegeben hat.
    Und dafür bin ich zutiefst dankbar.

    Liebe Grüße,
    Julia

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    1. Liebe Julia,
      Du gehörst zu den Menschen, die mir einen lebhaften Eindruck davon vermittelt haben, wie es sein muß, wenn man tatsächlich hochsensibel ist.
      Und ich weiß, wie intensiv Du Dich mit dem Thema beschäftigst.
      Das habe ich durchaus auch getan, bevor ich Hochsensibilität für mich ausgeschlossen habe.
      In letzter Zeit scheint mir allerdings die Zahl derjenigen Menschen eklatant anzusteigen, die es zwar bei einem Ankreuztest belassen, dafür aber umso lieber erklären, daß sie HOCHSENSIBEL seien.
      Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, daß damit irgendjemandem geholfen ist …
      Sollte ich Dir damit zu nahe getreten sein, tut mir das leid: das war nicht meine Absicht.
      Menschen, die sich etwas gründlicher mit dem Thema auseinandersetzen wollen, finden bei Dir sicherlich die nötigen Informationen:
      https://hochsensibel1753.wordpress.com

      Liebe Grüße
      Iris

      Gefällt 1 Person

      1. Liebe Iris,

        Alles gut 🙂

        Ich mag es auch nicht, wenn Menschen ihre angebliche oder tatsächliche Hochsensibilität vorschieben, als Entschuldigung sozusagen.
        Viel besser und effektiver ist es, seine eigenen Bedürfnisse zu spüren und auszudrücken. Auch vielen Normalsensiblen fällt dies schwer 😉

        Also: Danke für deinen klärenden Kommentar und alles Gute dir,
        Julia

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  6. Danke für die richtigen Worte. Ich denke das es viel mehr Leute mit HS gibt als man so im Alltag bemerkt. Vor allem Autisten sind ja oft betroffen und die Besonderheiten dieser nimmt man ja auch nicht immer sofort war.
    LG Svenja
    PS Vielleicht will sich ja jemand mehr über Autismus informieren. Ich habe auch eigenen Blog darüber einlebenohnefilter.wordpress.com

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  7. Hallo 🙂

    bin gerade auf deinen Artikel gestoßen, als ich ein bisschen am Rumstöbern war und obwohl ich wirklich sehr fasziniert bin von dem ganzen Thema, fand ich es auch sehr spannend, mal diese Seite anzuhören!
    Ich bin noch mittendrin im Meinungs-Bildungs-Prozess und werde mich auf jeden Fall auch noch mehr damit auseinander setzen.

    Ganz liebe Grüße,
    wolvesnbutterflies

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