Aglaia

Ich habe mich entschieden, meinem Trauma einen Namen zu geben.
Also … nicht dem Trauma selbst – jedenfalls nicht nur – sondern der Summe der Phänomene, die damit einhergehen.
Schließlich leben wir zusammen.

Die Idee kam mir ganz spontan. Dicht gefolgt vom Namen selbst.
In der Erwartung, meine Intuition sei da zweifellos nach dem Motto „nomen est omen“ verfahren und habe mir die Schutzheilige der Angeschlagenen oder Ähnliches zugeflüstert, habe ich dessen Bedeutung sogleich nachgeschlagen:
Altgriechisch und Mythologie klang schonmal nicht schlecht …
Aglaia kommt von aglaós (glänzend, prächtig) und ist die Göttin der Anmut. Sie gehört neben Thalia und Euphrosyne zu den drei Grazien.
Was mich vermuten lässt, dass meine Intuition zwar kein Latein versteht, dafür aber ein großes Faible für Ironie hat.

Wozu überhaupt ein Name?
Neulich las ich, es sei wichtig, die diversen Reaktionen von Menschen auf Traumata nicht ausschließlich als behandlungsbedürftige Störungen anzusehen, sondern sich bewusst zu machen, dass es sich dabei um Mechanismen handelt, die ein Weiter- bzw. Überleben ermöglicht haben.
Wenn ich versuche, meine Depression, die Ängste, den Rattenschwanz an unerklärlichen körperlichen Symptomen einmal nicht nur als etwas wahrzunehmen, das es zu bekämpfen, auszumerzen, oder doch wenigstens zu lindern gilt, sondern als schützende Macht, die mich in der Vergangenheit vor einer existenziellen Bedrohung bewahrt hat, dann tun meine Schmerzen davon natürlich keinen Fatz weniger weh. Und an einem schlechten Tag hat mein Gang in etwa die Anmut eines Nilpferdes im Tütü – Göttin hin oder her.
Aber es macht einen Unterschied, ob ich eine Gefängnismauer sehe, oder einen Schutzwall, der – so hoffe ich! – allmählich nicht mehr benötigt wird und Stück für Stück abgebaut werden kann.


Mein Schutzwall bekommt Risse, durch die ich in die Vergangenheit schauen kann.
Das ist in meinem Falle sehr viel weniger spektakulär, als man meinen könnte: Da kommen keine lange verdrängten Erinnerungen ans Licht. Stattdessen kann ich hin und wieder Dinge, von denen ich schon immer wusste, ganz plötzlich als das erkennen, was sie sind. Und schon immer waren.
Das ist ein bisschen so, wie wenn man weiß, dass im Flur ein Paar Schuhe steht. Ein Paar genau gleicher Schuhe. Ganz genau gleich. Und plötzlich guckt man hin und … das sind zwei Rechte!
Kein Wunder, dass man in denen nie vernünftig gehen konnte!
Das ist kein bisschen spektakulär: Ein Paar oller Schuhe, die schon immer da gestanden haben.
Und dann wieder doch: Wie hat man jahrelang, ein Leben lang nicht bemerken können, dass es nicht an den eigenen Füßen liegt, wenn man darin nur schmerzhaft hinken kann?
Das ist befreiend und zutiefst erschütternd zugleich.

Eine kluge Frau – bemerkenswerterweise Psychotherapeutin und Hebamme in einer Person – hat mir auf die Frage, warum um alles in der Welt ich jahrzehntelang nicht begriffen habe, was schon immer offen vor meinen Augen lag, schon vor geraumer Zeit geantwortet, es handele sich dabei um einen Schutzmechanismus: Wir sind erst dann in der Lage, bestimmte Dinge zu erkennen, wenn wir die Erkenntnis auch ertragen können.

Demnach ist ein solcher psychischer Schutzwall keine Betonmauer, sondern kann Filter, Membran, Fenster sein
(oder Gummizelle. Entschuldigung! Der musste raus …).
Ein Medium, mit dem ich arbeiten kann.

Und dennoch gleichzeitig eine Vorrichtung, die mich vor einem Übermaß an Erkenntnis zu schützen bemüht ist.
Anders jedenfalls kann ich mir kaum erklären, warum ausgerechnet jetzt, wo ich endlich das Gefühl habe, da löst sich was, es geht voran! – die Schmerzen, die ich schon medikamentös gebändigt sah, mit Macht zurückgekehrt sind.
Eine solche Zusammenarbeit bedarf – bis sie mal ohne Verwerfungen läuft – ganz offensichtlich der Übung.
Wenn wir jetzt also nicht nur Wohngemeinschaft, sondern auch Arbeitskolleginnen sind, ein Team werden wollen, sollten wir einander beim Namen nennen.

Welcome Aglaia!

Veröffentlicht von

dieschattentaucherin

Schreibwütige Depressive auf ihrem Weg ins Sonnenlicht

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