Zauberlehrling

Diesmal beginnt der Achtsamkeitsworkshop mit einer kurzen Übung, die uns helfen soll, erst einmal dort „anzukommen“. Das passt mit gut: Ich hab heute wieder einmal viel Zeit verloren und würde jetzt gerne wirklich dabei sein.
Als das „Ankommen“ allerdings beginnt, mir ungewöhnlich lang vorzukommen, muss ich feststellen, dass ich keineswegs dabei bin. Das Internet hat wieder mal den Löffel rübergereicht …
Also aus der Kuscheldecke pellen, von der Yogamatte aufrappeln, den Küchenstuhl erklimmen und die Technik erneut in Betrieb nehmen.
Auf dieser Übung wird für mich heute der Schwerpunkt des Workshops liegen.

Danach ist eine Meditation geplant, die das, was wir bisher geübt haben, kombiniert … spannende Sache!
Der Satz, den ich mir für Mettā, die liebende Güte, ausgesucht habe, lautet „Mögest Du leicht und freudig durchs Leben gehen!“.
Das innere Bild dazu ist der Moment, wenn ich, nachdem wir Holz gemacht haben, zum Haus zurückgehe: Holz machen wir nur bei gutem Wetter, also scheint die Sonne. Holz machen ist Knochenarbeit: Ich bin rechtschaffen müde, Arme und Rücken tun mir weh. Ich freu mich auf ein kaltes Bier und eine heiße Dusche! Aber zunächst sieht der Hund seinen Moment gekommen! Er hat uns selbstverständlich begleitet, musste aber Abstand halten und warten, bis wir mit der Arbeit fertig waren. Jetzt will er mit mir toben! Dieser riesige, furchteinflößende Hund hüpft fiepsend um mich herum, hascht nach meinen Händen und möchte Fangen spielen. Ich kann nicht anders: Ich muss lachen! Und ganz egal, wie müde ich bin: Natürlich mache ich mit!
Es sind Momente vollkommener Leichtigkeit und Freude.
Ich bin außerordentlich dankbar dafür, dass meine inneren Bilder mir häufig schlicht das Leben zeigen, welches ich sowieso führe …

Um die liebende Güte einem Menschen zu senden, dem ich neutral gegenüberstehe, vergegenwärtige ich mir den Physiotherapeuten des Nachbardorfes. Ich schätze seine Fähigkeiten, finde ihn aber auch sehr sympathisch. Das ist vielleicht nicht so wirklich neutral, aber er kann seit einem Unfall nicht mehr normal gehen und insofern scheint mir mein Wunsch für ihn gut geeignet zu sein.
Als ich jedoch eingeladen bin, mir sein Lächeln vorzustellen, wenn mein Wunsch ihn erreicht, verwandelt er sich in einen Schemen, eine männliche Silhouette, die sich mir bedrohlich nähert.
„Ganz schlechte Idee!“ denke ich noch „Ich hätte keinen Mann wählen dürfen!“ und schiele dann zu meinem Rechner. Ich bin offline …

Nach dieser kurzen Pause versuche ich, bei der Atembetrachtung wieder einzusteigen …
Es wird dunkel und ich habe einen Moment lang Angst, dass die Schwärze wiederkommt. Aber ich fühle mich sicher, kann den Boden unter mir, die Kuscheldecke über mir deutlich spüren.
Ich entscheide, dass die Schwärze sein darf.
Eines der Bilder, die uns zur Meditation vorgeschlagen werden, ist das einer Sonne in unserem Herzen, deren Strahlen wir unseren ganzen Körper erfüllen lassen können.
„Okay!“, denke ich mir, „Dann wollen wir mal Licht ins Dunkel bringen!“.
Es wird tatsächlich heller: Die Dunkelheit ist jetzt eher graubraun, nicht mehr tiefschwarz – so ist das, glaube ich, ganz normal mit geschlossenen Augen.
Ich beginne schemenhafte Gesichter zu sehen. Das ist ein bisschen so, wie wenn man eine Lichtquelle angeschaut hat und dann die Augen schließt: dann sieht man eine Art Negativ. Ich seh in dem Moment halt nicht nur eine Glühbirne, sondern Gesichtszüge. Das passiert mir nicht zum ersten Mal, weswegen es mich nicht weiter wundert oder gar beunruhigt.

Jetzt allerdings sehe ich plötzlich klar, als würde ich Fotos anschauen, deren Farben ein wenig verblichen sind.
Ich sehe einen Mann in einem hellblauen Oberhemd, der auf einem Gartenstuhl sitzt, eine alte Frau in einem gepunkteten Kleid (es scheint mir pinkfarben zu sein, aber kann das sein in ihrem Alter?). Die Farben der Bilder und der Stil der Kleidung lassen mich vermuten, dass diese aus den 60er, 70er Jahren stammen – dabei weiß ich nicht einmal, seit wann es Farbfilme gibt.
Ein Bild zeigt mir ein Mädchen mit großen, traurigen Augen. Frisur und Kleid wirken sehr viel altmodischer und das Bild ist schwarz-weiß – es wirkt fast wie eine Zeichnung.

Die Bilder drehen sich – wie die Figürchen in alten Spieluhren.

Das nächste Bild ist in dunklen Brauntönen gehalten, ein großer, aber nur spärlich beleuchteter Raum. Ich sehe den nackten Rücken eines Mannes, sein Kopf ist gesenkt, aber ich kann erkennen dass er langes Haar hat.
Plötzlich wird mir klar, warum er sich dreht: Er steht nicht auf einem sich drehenden Podest, er hängt! Er ist erhängt worden.

Bevor er sich so weit drehen kann, dass er mir das Gesicht zuwenden würde, beginnt „der Film zu brennen“.
Das hab ich als Teenager mal im Kino erlebt: Mitten auf der Leinwand sieht man plötzlich einen winzigen Punkt, der sich rasend schnell ausbreitet und nur eine weiße Fläche hinterlässt – wer sich noch an Bonanza erinnert, kennt den Effekt.
In meinem Fall breitet sich die Dunkelheit aus – ich sehe nichts mehr.
„Ich habe etwas gesehen, das ich nicht hätte sehen sollen!“, denke ich.
Und beginne zu schluchzen. Versuche, auch das zuzulassen, weiter zu atmen, und spüre, wie mir die Tränen in die Haare laufen.
Grad ist es eine Erleichterung, dass ich schon wieder offline bin.

Eigentlich mag ich den Workshop für heute beenden – andererseits möchte ich nichts verpassen. Und eigentlich fühle ich mich auch schon wieder ganz gut! Ich kann es ja wenigstens mal versuchen …

Jetzt soll es darum gehen, uns mit den Elementen – Erde, Wasser, Luft, Feuer – zu verbinden.
Ich weiß gar nicht, was gerade im OFF war, die Internet-Verbindung oder meine Konzentration, aber ich habe eine vage Idee, was der Plan ist. Und ich tue, was ich kann.
Normalerweise komme ich gut klar mit Bildern, kann mich gut auf Geschichten einlassen …
Und so kann ich wirklich fühlen, wie meine Schultern vom Wasser getragen werden (ich schwimme leidenschaftlich gern!), aber eine krakeelende Stimme, die all das zu einem großen Blödsinn erklärt, ist beim besten Willen nicht zu überhören …
Mit solchem Quatsch kann ich wirklich nichts anfangen!
So kenn ich mich gar nicht …

Ich versuche, mich trotz der Widerworte mit den Elementen zu verbinden.
„Zeitverschwendung!“, höre ich im nächsten Moment. „Da kommt eh nix bei raus, in der Zeit kannst du auch Brotaufstrich machen!“
Und „Ich muss Pipi!“.
Mir bleibt wirklich nichts erspart …
Ich schleiche mich aus dem Meeting und verbinde mich anders als geplant, aber höchst lebensnah mit Wasser und Erde.

In der Abschlussrunde sind wir eingeladen, ein Wort für das Gefühl zu nennen, mit dem wir heute aus dem Workshop gehen. Bei mir sind es zwei und sie benennen gar keine Gefühle, aber sei’s drum: Ich empfinde Hilfsbereitschaft und Schutz.
Meine Anteile sind bereit, mir Dinge zu zeigen, die bislang in der Dunkelheit verborgen waren. Und sie beschützen mich, wenn alles zu viel wird.
Das Internet streicht endgültig die Segel.


Es dauert einen Moment, bis ich realisiere, wie erschüttert ich bin.
Weder bin ich eingeschlafen, noch habe ich halluziniert – aber was um alles in der Welt habe ich da gesehen?
Es gibt tatsächlich Anteile, las ich, die sich schützend vor oder zwischen andere stellen. In einer Traumatherapie werden sie gebeten, einen Moment lang beiseite zu treten und zu zeigen, was oder wer sich hinter ihnen verbirgt. Aber selbst wenn ich annehme, dass sie mich – als ich Licht ins Dunkel bringen wollte – etwas haben sehen lassen …
Das war ganz sicher keine Erinnerung! Oder jedenfalls nicht meine …

Offenbar habe ich auch solche Anteile, die „was ich anfange, bringe ich auch zu Ende!“ nicht auf ihre Fahnen geschrieben haben, auch wenn ich mein Leben lang auf Gedeih und Verderb danach verfahren bin.
Die fanden, für heute sei genug meditiert.

Das Bild von den Geistern, die ich rief, hab ich ja bereits bemüht und es war gut gewählt, wie mir scheint: Meine Anteile beginnen, sich zu zeigen. Zuweilen kann ich sie fast diskutieren hören:
„Nur weil wir uns beim Meditieren irgendwas eingebildet haben, stellen wir uns jetzt nicht an!“
„Wir haben etwas Schlimmes gesehen und mussten weinen! Wir wollen nicht mehr!“
„Wenn wir uns nicht um den Brotaufstrich kümmern, werden die Zutaten schlecht. Gespült ist auch noch nicht! Das Abendessen muss fertig werden!“
„Mit den Elementen verbinden … Schwachsinn!“
„Ich muss Pipi!“

Überflüssig zu erwähnen, dass ich Angst habe, verrückt zu werden, oder?
Ich mag sie! Ihre Existenz erklärt so vieles, was bisher völlig rätselhaft war!
Und ich kann erkennen, dass sie alles versuchen, um gut für mich und füreinander zu sorgen.
Ich mag sie sehr gerne in meinem /unserem Leben willkommen heißen!

Und habe furchtbare Angst, dass ich mir all das nur einrede. Schön rede.
Mir etwas ausdenke, obwohl ich eigentlich nur … ja was eigentlich? … bin.
Witzig … als ob es wichtig wäre, ob ich die Latten längs oder quer nicht alle am Zaun habe …

Für’s Erste hat mein Körper die Notbremse gezogen.
Schluss mit den Gedankenspielchen: Ich benötige meine volle Konzentration, um nicht über meine eigenen Füße zu stolpern. Nichts fallen zu lassen.
Neulich hab ich mit dem Gedanken gespielt, meinen Anteilen Indianer-Namen zu geben …
Grad hat Laufente Lisbeth das Zepter in der Ha … unter dem Flügel.

Veröffentlicht von

dieschattentaucherin

Schreibwütige Depressive auf ihrem Weg ins Sonnenlicht

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