Wellness mit Schattenseiten

„Wenn das Leben Dir Zitronen gibt, mach Limonade!“ hab ich mir gesagt und nach Kräften versucht, einer an sich unerfreulichen Situation möglichst viel Positives abzugewinnen.
Im Nachhinein scheint mir „denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“ das passendere Motto für das „Experiment Wellness“ zu sein …

Eigentlich halte ich nicht viel vom Fasten.
Unter anderem, weil es bisher nicht gelungen ist, im menschlichen Körper Schlacken zu entdecken, derer man sich auf diesem Wege entledigen müsste. Auch, weil es mich merkwürdig und teilweise unangenehm berührt, wenn Menschen, die sich ansonsten in einer Überflussgesellschaft pudelwohl fühlen, plötzlich den kurzfristigen Verzicht auf einen winzigen Bruchteil davon zum Weg des Heils erklären. Vor allem aber, weil ich zu denjenigen Menschen gehöre, die, wenn sie unter Druck geraten, nicht mehr essen können.
Das mag im ersten Wurf erstrebenswert klingen, wenn man zum Beispiel gegenteilig veranlagt ist und zum Frustfressen neigt. Ist es aber nicht.
Irgendwie ist es mir zwar immer gelungen, nicht in den Bereich zu geraten, in dem Untergewicht gefährlich wird, aber ein Vergnügen war auch das nicht.
Nicht zu essen, obwohl ich es will und kann, wäre mir nicht in den Sinn gekommen.

Jetzt allerdings muss ich zwecks Ausschluss einer Lebensmittelunverträglichkeit eine Zeitlang Diät halten (auch das ist eine Premiere) und habe mich entschlossen, zu Beginn 2 Tage lang nichts zu essen. Einfach, um einen deutlichen Break zu haben.
Allzu schwer wird mir das nicht fallen, denke ich: Auch wenn ich mittlerweile regelmäßig und mit dem größten Vergnügen esse, macht es mir nach wie vor nicht viel aus, auch mal Kohldampf zu schieben. Aber es widerstrebt mir. Und also beschließe ich, meine Fastentage in ein Wellness-Wochenende umzuwidmen und mir neben Tee und Gemüsebrühe Yoga, Meditation und reichlich Freizeit zu gönnen.

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Ich beginne meinen Tag mit einem Bodyscan.
Von den Achtsamkeitsübungen ist diese mir eine der liebsten: Idealerweise praktiziert man sie morgens oder abends und zwar im Liegen. Das passt mir gut.
Oookay, eigentlich auf dem Bett (Sofa, oder Fußboden), aber so groß wird der Unterschied schon nicht sein und ich kann auf diese Weise die Zeit, während derer es mir morgens nicht gelingt, das Bett zu verlassen, wenigstens sinnvoll nutzen.
Interessanterweise bin ich danach meistens so munter, dass ich problemlos aufstehen kann.

Die Idee des Bodyscans ist es, nach und nach jedem einzelnen Körperteil kurz seine Aufmerksamkeit zu schenken, wahrzunehmen, was man dort empfindet und dann weiterzugehen.
Eine Absicht, oder ein Ziel gibt es hierbei nicht: Man kann sich dabei entspannen oder auch nicht, etwas, etwas anderes, oder auch mal gar nichts empfinden und wenn man zwischendurch abgelenkt ist, weil man doch über etwas nachdenkt oder ins Träumen gerät, dann ist auch das kein Fehler, sondern man nimmt es wahr und übt dann weiter.
Gar nicht mal so einfach übrigens!
Es fällt mir nicht leicht, meine Konzentration auf meinen Fuß zu fokussieren während sie nach dem Motto „ich weiß schon, wie das geht!“ schon mit meinem Unterschenkel beschäftigt ist. Unwillkürlich habe ich das Bild einer wuseligen Spinne vor Augen, die zwei, drei mal um meinen Fuß herumrennt und dann an meinem Bein hochflitzen will. Es ist eine drollige, plüschige Spinne, die mich an meinem Bein trotz Phobie nicht weiter stört, ob sie aber auch dann noch zur Visualisierung taugt, wenn sie mir am Rücken hochkrabbelt, wage ich zu bezweifeln. Ich lasse das Tierchen also davonkrabbeln und wende mich wieder meinem Fuß zu.
Die Übungs-CD, die ich mir gekauft habe, um sicherzugehen, dass ich alles richtig mache, nervt leider nach kurzer Zeit mehr, als sie nutzt:
Die Erläuterungen am Rande, die in regelmäßigen Abständen darauf hinweisen, daß man nichts bestimmtes fühlen muss und, falls man zwischendurch abschweift, seine Aufmerksamkeit einfach freundlich und ohne Ärger dorthin zurücklenken soll, wo man sie haben möchte, reißen mich beim wiederholten Anhören eher aus meiner Konzentration, als dass sie noch hilfreich währen.
Vor allem aber macht mich das Timing wahnsinnig!
Auf der linken Seite, mit der man beginnt, habe ich ewig Zeit, in jeden einzelnen Zeh hineinzufühlen, bekomme alle Teile meines Fußes benannt und dann geht es unter wortreichen Erläuterungen langsam am Bein hoch bis zum Oberschenkel.
Dann soll ich das ganze Bein fühlen. Und während ich mich noch bemühe, meinen Fokus auszudehnen – so ein Bein ist schließlich lang! – steuert die CD schon zügig meinen rechten Fuß an.
Die ganzen Erläuterungen brauche ich jetzt natürlich nicht nochmal und so habe ich für das komplette rechte Bein gefühlt in etwa soviel Zeit, wie links für die Zehen.
Ganz besonders fuchst mich der Teil, in dem ich mich meinen Armen widmen soll: Nachdem bis dahin jede Körperregion in einzelnen Teilen erfühlt worden ist, arbeiten wir die Arme mal eben komplett ab. Beide gleichzeitig.
So kann ich nicht meditieren!
Und natürlich lässt einem eine CD nicht die Zeit, zu tun, wozu im Text geraten wird und zum Beispiel wahrzunehmen, ob und wie ein Gedanke die Empfindungen des Körpers verändert.
Eine Schlußformel, wie ich sie vom autogenen Training kenne, vermisse ich ebenfalls.
Irgendwann ertönt ein Gong und man weiß, daß man jetzt auf „stop“ drücken muss, wenn man nicht gleich in die nächste Übung stolpern will.
Immerhin jedoch habe ich nun eine Idee vom genauen Ablauf der Übung und kann sie zukünftig ungestört und mit meinem eigenen Timing praktizieren.
Was genau sie eigentlich bewirkt, vermag ich nicht zu sagen.
Die Empfindungen sind – weder in den einzelnen Körperteilen, noch insgesamt – nicht immer gleich. Oft bin ich anschließend sehr entspannt, manchmal aber auch so unzufrieden und gereizt, daß ich kaum stilliegen kann.
Aber ich bin in letzter Zeit sehr viel ausgeglichener als sonst und hoffe sehr, dass dies kein Zufall ist.

Für meine Yoga-Übungen rolle ich eine alte Isomatte und ein Badelaken auf der Terrasse der Fermette aus: Eine Art Dachterasse mit Holzboden, die um die Mittagszeit in der Sonne liegt.
Ein Plätzchen in der freien Natur wäre sicherlich noch schöner, aber dort wird der „herabschauende Hund“ ganz sicher in anderer Form auftauchen, als ich das brauchen kann.
Der Himmel ist postkartenblau mit Wattewölkchen, die von der Sonne aufgezehrt werden. Ganz hoch oben schwebt ein Raubvogel.
Vermutlich würde man sich schon wunderbar fühlen wenn man einfach nur hier liegt und in den Himmel schaut …

Da ich irgendwo mal gelesen habe, dass beim Heilfasten auch gewandert wird, runde ich den Tag noch mit einem ausgiebigen Hundespaziergang ab.

Der Krimi allerdings, den ich mir am Abend anschaue, bringt ungeahnte Schwierigkeiten mit sich: Ein Teil der Handlung spielt in einem italienischen Restaurant und es werden jede Menge Pizzen verspeist.
Ich merke, dass ich dann doch ziemlichen Hunger habe.

***

Am zweiten Tag wird deutlich, warum es schick ist, zum Fasten eine Kurklinik aufzusuchen. Nicht, dass ich ärztliche Hilfe nötig hätte: Mich holt schlicht und einfach der Alltag ein. Und so ersetze ich meine zweite Fastenwanderung durch eine Suche nach einigen ausgebüxten Schafen. Aus dem gleichen Grund entfällt auch Yoga.
Eine Kur würde mich außerdem der Notwendigkeit entheben, mir meinen eigenen Diätplan auszudenken. Stattdessen erstelle ich Listen erlaubter Lebensmittel und sinniere über entsprechende Rezepte, was meinen Magen in lautstarke Empörung verfallen läßt. Ich beschließe, dann doch lieber zu meditieren und probiere eine der anderen Übungen auf meiner CD aus. Mein Magen beruhigt sich und ich finde, dass zwei Tage ohne Essen sich eigentlich ziemlich gut aushalten lassen.
Wenn ich nachts nur nicht so frieren würde … aber es ist ja so gut wie geschafft!

***

Von einem feierlichen Fastenbrechen kann man vermutlich nicht reden, so nach zwei Tagen. Sagen wir stattdessen, ich hab mich wie Bolle auf meine erste Mahlzeit gefreut, „Diätfraß“ hin oder her!
Dann jedoch gibt es einen Streit und vielleicht bin ich dann doch so ein kleines bißchen angeschlagen. Vermutlich hätte ich mir den normalerweise nicht ganz so sehr zu Herzen genommen. Jetzt aber scheint es mir unmöglich, in dieser Stimmung meine erste Mahlzeit einzunehmen.
Das ist schlimm für mich. Sehr schlimm.
„Ich lasse mich nicht vom Essen abhalten!“ war in den letzten Jahren ein ganz wichtiges Motto für mich: Selbst wenn ich mein Essen unter Tränen heruntergewürgt habe, ich habe gegessen.
Das mag ernährungsphysiologisch, psychologisch und überhaupt fragwürdig sein, aber ich wollte nie wieder auf die Schiene geraten, unter Druck das Essen einzustellen. Nicht mit einer einzigen Mahlzeit! Und hastdunichtgesehen bin ich wieder da …
Das macht mir eine Scheißangst. Ich mache mir eine Scheißangst!
Selbstverständlich ist mir klar, dass ich jederzeit in die Küche gehen und mir etwas zu essen machen kann. Ich kann die komplette Speisekammer plündern. Ich kann meine Fastentage in Schall und Rauch aufgehen lassen! Diät? Andermal …
Ganz genau so, wie Raucher und Trinker jederzeit aufhören können …
„Morgen. Morgen hör ich auf!“
„Heute faste ich noch, ein dritter Tag wird nicht schaden. Morgen ess ich dann wieder was!“
Es gelingt mir, noch am selben Abend etwas zu essen, aber es dauert mehrere Tage, bis ich wieder das Gefühl habe, selbstverständlich an den Mahlzeiten teilnehmen zu können. Mit Hunger und Spaß – ohne mich zu zwingen.
Allmählich lässt auch das Tief wieder nach, in welches ich zwischenzeitlich abgeschmiert bin. Eines der übelsten seit Monaten.

Mittlerweile juckt es mir in den Fingern, das Limonaden-Motto auf meine Ausschlußdiät anzuwenden: Wär doch gelacht, wenn man damit nicht richtig lecker kochen könnte! Anscheinend finde ich zu meiner alten Form zurück …
Ob man Wellnesstage (zumal hier auf dem Land) tatsächlich planen kann, bin ich mir nicht sicher. Vielleicht muß man sie stehlen. Dem lieben Gott die Zeit stehlen …
Ich beschließe, eine trickreiche Diebin zu sein.
Aber nie, niemals wieder will ich fasten!

1 Jahr Tauchfahrt

Was kam ich mir originell vor, als ich mich entschieden habe, über meine Depressionen zu bloggen!
Mutig auch, keine Frage! Ich war ziemlich stolz auf mich.

Es hat nicht lange gedauert, bis mir klar wurde, wie viele von uns das tun – nicht nur über Depressionen, sondern über die unterschiedlichsten psychischen Erkrankungen und Besonderheiten …
Aber wenn man so will, ist jeder dieser Blogs tatsächlich eigenartig, ungewöhnlich, schöpferisch und neu. Und jede einzelne dieser Entscheidungen war mutig. Wir können und dürfen ruhig alle stolz auf uns sein.

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Um über meine Depressionen zu bloggen, muss ich nicht nur akzeptieren, dass ich krank bin, sondern auch, dass das für eine längere Zeit und vielleicht für immer der Fall sein wird: Der eine oder die andere Bloggerin kühmt vielleicht mal über Grippe oder Hexenschuss, aber kein Mensch widmet dem einen eigenen Blog …
Ich muss mich damit auseinandersetzen, sonst habe ich außer „mir geht’s sooo scheiße!“ nix zu sagen.
Und ich muss dazu stehen. Selbst diejenigen von uns, die es vorziehen, anonym zu bleiben (wofür es, je nach Lebenssituation, leider immer noch gute Gründe gibt) teilen mit jedem Beitrag der Welt mit: „Ja. Ich auch. Wir sind viele.“.

Anfangs gibt es ungeheuer viel, über das man schreiben kann, will und muss: Da hat man ja schon eine (Kranken)geschichte hinter sich, die erzählt werden will.
Man schreibt weniger darüber, was Depressionen sind, als man zu erklären versucht, was sie nicht sind: Ich bin nicht traurig!
Man wirbt für Verständnis dafür, dass Ausdauersport, Lichttherapie, Johanniskraut und niedliche Kätzchen tatsächlich nicht über depressive Tiefs hinweghelfen. Oder man erstellt Listen von guten Ratschlägen, die man echt nie wieder hören möchte.
Man versucht, in Worte zu fassen, wie man sich fühlt.
Erzählt von Erfahrungen mit TherapeutInnen, Klinikaufenthalten und Medikamenten. Kleinen Fortschritten und vernichtenden Rückschlägen.

Und irgendwann kommt man im „heute“ an: Die ganze Vorgeschichte ist erzählt.
Dann wird es schwierig, finde ich. Das Bloggen.
Ich habe immer noch Depressionen. Es gibt immer noch Tiefs. Absolute Tiefpunkte. Allmähliches Bekrabbeln und Phasen der Stabilität und Zuversicht. Auf. Ab.
Damit könnte ich vielleicht meine größten Fans beschäftigen, wenn ich ein Promi wäre und das Ganze nicht via Text > 140 Zeichen, sondern mittels einer lesefreundlichen Skala von 1-10 veröffentlichte.

Als ich mit der „Taucherin“ begonnen habe, habe ich Texte „auf Halde“ produziert und nach und nach veröffentlicht. Es gab ja schon so viel zu erzählen und von der Seele zu schreiben, um überhaupt einmal zu erklären, was ich jetzt vorhatte. Und warum.
Ein neues Leben anfangen. Ohne Therapie und vor allem ohne Medikamente.
Dann habe ich über die erste Zeit auf dem Hof geschrieben: Es gab so viel Neues!
Und jetzt, nach einem Jahr „Schattentaucherin“ leide ich immer noch an Depressionen.
Auf. Ab. Auf. Ab. Nichts, was sich noch zu erzählen lohnt.

Ich hab viel Herzblut an dieses Projekt verschmiert und möchte es nicht einfach im Sande verlaufen lassen. Und in diesem Moment zeigt die Taucherin sich auf eine Art und Weise hilfreich, mit der ich nicht gerechnet hätte: Sie fragt mich wieder und wieder „Wirklich nichts Neues?“.
Meinen Kunden im Hundetraining habe ich regelmäßig gepredigt, sie möchten sich doch bitte nicht auf das konzentrieren, was noch nicht klappt, sondern sich in Erinnerung rufen, an welchem Punkt sie begonnen haben und wie weit sie schon gekommen sind.
„Schau hin!“, flüstert sie. „Und?“

Und sie hat recht.
Mich in die Einsamkeit der Cevennen zurückzuziehen, war – auch wenn das nach außen romantisch, abenteuerlich oder mutig aussehen mag – schlicht das Eingeständnis, dass ich keine andere Wahl mehr hatte, als mir meine Welt so passend (will sagen: klein) zu machen, dass ich darin zurechtkommen kann. Ich habe hier einen Ort gefunden, der eine heilsame Wirkung hat und mir viel Zeit genommen (nehmen müssen), einfach nur hier zu sein.
Irgendwann habe ich begonnen, mich wieder was zu trauen. Lächerlich kleine Dinge, objektiv betrachtet: Den Markt in einem Nachbardorf besuchen, die Verantwortung für einen Einkauf übernehmen, alleine zum Tierarzt fahren und den Hund impfen lassen …
Für mich waren das große und spannende Unternehmnungen.
Seit Kurzem nun ist etwas ganz Neues hinzugekommen.
Natürlich ist an Achtsamkeitsübungen und Yoga genau nichts originell. Lebt man in einer deutschen Großstadt, scheinen sie dazuzugehören wie green Smoothies und vegane Eiscreme. Für mich sind sie deswegen etwas Besonderes, weil sie den ersten Versuch seit langem darstellen, mit meiner Erkrankung umzugehen. Die Antidepressiva sollten mich „nicht depressiv“ machen, die Therapien mir helfen, nicht mehr depressiv zu sein. Bis ich nach über 10 Jahren irgendwie die Lust verloren habe …

img_14378-q-webVielleicht ist es jetzt an der Zeit, einen Weg zu finden, mit meinen Depressionen zu leben.

Das Schreiben ist schwieriger geworden, teils auch schmerzhafter, weil die Distanz so viel geringer ist. Spannender allerdings auch!

Weiterschreiben also. Tauchen, paddeln, Wellenreiten, kieloben treiben, auf Grundeis gehen …
Ich glaube und hoffe, wir haben noch ein bißchen was vor (vor uns) – die Taucherin und ich …

Das Yoga Projekt

Wie wahrscheinlich mag es sein, dass just in dem Moment, in dem man mit dem Gedanken zu spielen beginnt, es vielleicht doch mal mit Yoga zu versuchen, im Dorf (wir sprechen hier von einem Örtchen mit weniger als 500 Einwohnern, die nächste Stadt, von der man schonmal etwas gehört hat, ist anderthalb Autostunden entfernt) ein entsprechender Kurs angeboten wird?
Ich für mein Teil habe Neigung, das für Kismet zu halten. Und beschließe, daran teilzunehmen.
Zunächst für eine Probestunde, weil ich keine Ahnung habe, ob ich die Anweisungen verstehen werde – aber nach Jahren des Tanztrainings bin ich guter Dinge, „nachturnen“ zu können, was man mir vormacht. Dass der Kurs schon seit 2 Stunden läuft, scheint mir durchaus von Vorteil, erspart es mir doch eventuelle Vorstellungsrunden.

Ungefähr drei Stunden vor Beginn meines ersten Trainings beginne ich, ernsthaft Panik zu schieben: Atemnot, Weinen und – was ich ganz besonders elend finde – Durchfall. Jeder Mensch kennt sogenannte „Angstschisse“ vermute ich. Biologisch sinnvoll seien die, hab ich gelernt. Aber ich hab mit dem Niederringen einer veritablen Panikattacke echt genug zu tun, ich sollte nicht auch noch in ständig zum Hofklo rennen müssen.
Warum die Panik? Ich muß allein vom Hof weg und ins Dorf. Ich werde mit Menschen, die ich nicht kenne, in einem Raum sein müssen. Ich kenne den Raum nicht und habe Sorge, dass ich mich nicht zurechtfinden werde. Ich verstehe die Sprache nicht gut, selbst nett gemeinte Gesprächsversuche stressen mich ungeheuer, weil ich nicht antworten kann. Ich werde womöglich einen Scheck ausfüllen müssen und habe noch große Mühe, die Zahlen zu verstehen – ob ich sie korrekt schreiben kann, wage ich zu bezweifeln. Ich kenne die sozialen Gepflogenheiten nicht – bevor ich nach Frankreich gekommen bin war mir nicht klar, dass man nicht bis nach Afrika oder Asien reisen muß, um anzuecken, weil man die „Spielregeln“ nicht beherrscht …
Viel zu viel Neues, zu viele Unwägbarkeiten auf einmal!

Zunächst empört es mich, dass mein kläglicher Zustand unter anderem für Erheiterung sorgt (wer tagtäglich mit den „Blüten“ umgehen muß, die meine Erkrankung treibt, darf auch faule Scherze darüber reißen), aber dann muss ich doch selber lachen: Wie bescheuert klingt das denn auch – Angst vor dem Yogakurs …
Demnächst Meditationsphobie … Schließlich reden wir hier nicht von Bungeejumping!
Yoga soll mir helfen, mich besser zu fühlen, verdorri!
Und ich bin, ich bin verdammtnochmal nicht bereit, mich von dieser Scheißangst an Allem und Jedem hindern zu lassen!

Auf ins Dorf also.
Wo ich als allererstes feststelle, dass die Gepflogenheiten in der Tat anders sind: Außer mir sind alle schon in Sportkleidung hergekommen. Ich bin die Einzige, die sich umziehen muß. Einen separaten Raum dafür gibt es nicht und ich habe keine Ahnung, ob man das dann einfach im Trainingsraum tut – weil es ja niemand tut … Ich suche mir also ein Eckchen in der Abstellkammer und stelle immerhin erleichtert fest, dass „Klönschnack beim Umziehen“ anscheinend auch unfranzösisch ist (oder „undörflich“ – vermutlich kennen die sich sowieso alle und haben gegen Abend den Dorftratsch längst durch), jedenfalls lassen sich einfach alle auf ihren Matten nieder und los geht’s.
Auf die Frage der Kursleiterin, ob ich Französisch denn verstehe, radebreche ich, dass ich vieles verstehe und ansonsten ja sehen kann, wie die Übungen aussehen. Sie mache die nicht alle vor, sagt sie. Und sie benutze eine Menge anatomisches Vokabular. Dann würde ich gucken, was die anderen Kursteilnehmer tun, kommuniziere ich nunmehr halb phantomimisch.
img_16215-q-webMinuten später liege ich rücklings und mit geschlossenen Augen auf einer Matte. „Augen zu!“ – soviel immerhin hab ich verstanden …
Der nachfolgende Text könnte auch auf Chinesisch gesprochen sein, klingt aber beruhigend und ich vermute, dass entspannte Bauchatmung an dieser Stelle schon irgendwie passen wird.
„Les pieds“, „die Füße“ … das hab ich jetzt verstanden! Aber was soll ich tun mit „les pieds“?
Ich spingse möglichst unauffällig nach rechts und links.
„First you fake it, later you make it!“ – alte Tänzerinnenweisheit …
Wenn ich offensichtlich gar nicht mehr kapiere, was ich tun soll, kommt Nathalie, die Kursleiterin zu mir und hilft: Setzt Füße dahin, wo sie hingehören, erklärt noch einmal gaaanz langsam, oder wechselt zur allergrößten Not kurz ins Englische. Ganz kurz: Ich habe eingangs erklärt, dass ich unter anderem da bin, um Französisch zu lernen.
Sie macht das sehr nett und liebevoll, finde ich. Man trifft im Sport immer mal wieder Menschen, die gesprochenen Anleitungen auch dann nicht folgen können, wenn sie die Sprache verstehen, denen muss man beim Sortieren der Arme und Beine schonmal helfen. Bei anderen korrigiert man vielleicht kurz die Haltung oder irgendein Detail. Das tut Nathalie bei mir und allen anderen gleichermaßen – ich komme mir nicht über Gebühr dumm vor.

Wenn der Text zu „singsangen“ beginnt, stelle ich mir vor, dass sie jetzt etwas über die Atmung erzählt. Über Empfindungen und Entspannung. Oder so.
Nach einer guten halben Stunde wird mir klar, dass „sol“ nicht die Sonne, sondern der Boden ist, was ihre Anleitungen weniger ätherisch, aber irgendwie logischer macht.
Aber wieso spricht sie die ganze Zeit über Flöhe?
Der Groschen fällt, als sie nach gut einer Stunde eine neue Position vormacht: „Pouce“ (Daumen) heißt das Zauberwort, nicht „puce“ …

Was ich richtig schwierig finde, ist, in dem „Singsang“, dem Text also, der eine Übung begleitet und unterstützt, den Moment mitzukriegen, in dem das Ganze aufgelöst wird, in dem man wieder in die Ursprungshaltung zurückkehrt.
Ich kriege Visionen davon, wie ich daliege und versuche, mir einen Knoten ins Bein zu machen, während alle anderen schon ihre Matten aufrollen. Und lausche daher sehr aufmerksam auf verdächtige Bewegungen.

Das Lauschen rettet mich über die abschließenden Atemübungen. Ich kann recht gut hören, was ich tun soll. Als wir aber gemeinsam summen, habe ich die allergrößten Schwierigkeiten, einen hysterischen Lachanfall zu unterdrücken. Ich weiß gar nicht recht warum – eigentlich ist die Vibration, die man dabei ganz deutlich spürt, durchaus beeindruckend. Vielleicht ist es die Tatsache, dass jeder in seinem Rhythmus und seiner Tonlage summt: Ich höre einen sehr sehr sonoren Bass und einen Moment später eine heiter gestimmte Biene – wenn ich die Augen öffnete, wüsste ich sogar, wer wer ist …
Vielleicht bin ich aber auch einfach mit meinen Kräften am Ende.

Nichtsdestotrotz: Ich habe meine erste Yoga-Stunde überstanden. Ohne Zittern, Keuchen und Weinen! Diesen Angang noch weitere 26 Wochen lang auf mich zu nehmen, wird mich hart ankommen, soviel ist mir klar. Aber ich glaube, das ist es wert.
Ich beginne, die ersten anatomischen Vokabeln nachzuschlagen. Und wer hätte gedacht, dass „pouce“ auch „großer Zeh“ heißen kann?

Ich hätt‘ getanzt …

Bei der Lektüre eines Beitrages auf Meine Drogenpolitik hab ich mich erinnert, wann und unter welchen Umständen ich zuletzt getanzt habe …
Eigentlich ging es um bei dem Text um Erfahrungen mit dem Konsum von Ecstasy – ein Thema das mich lediglich in Hinblick darauf interessiert, was Menschen sich alles trauen, mit sich anzustellen. Ich hab ja so schon meine liebe Not damit, mit einer etwas „strubbeligen“ Gehirnchemie klarzukommen …
Aber am Rande ging es eben auch ums Tanzen.

img_8243-q-webIch habe immer wahnsinnig gerne getanzt. Standard und Latein (da steh ich zu: ich liebe Wiener Walzer!), Rock’n‘ Roll, Improvisationstanz, Flamenco und viel viel orientalischer Tanz. Oder einfach abzappeln …
In meinem jetzigen Leben weiß ich gar nicht, wie viele Autostunden die nächste Diskothek weg wäre. Und ob es dort Ü50 Parties gibt. So oder so trifft man Bauern recht selten des nachts beim Abfeiern an …
Vor allem aber würde mich vermutlich schon eine kleine Schlange am Eingang wirksam in die Flucht schlagen. Ich kann Menschenansammlungen nicht gut ertragen. Schon gar nicht in geschlossenen Räumen.
Im Allgemeinen vermiss ich nix. Wenn ich Lust hab, tanz ich in der Küche.

Keine Ahnung, was mich geritten hat, als mir auf dem Plakat für eine Feier im Nachbardorf das Stichwort „Batucada“ ins Auge sprang …
Batucada ist Samba. Die Sorte, bei der ganze Truppen von MusikerInnen und TänzerInnen durch die Straßen ziehen. Wenn eine richtig gute Sambatruppe Vollgas gibt, dann ist das, wie wenn ein großer Chor das tut: Da macht man sich fast in die Hose.

Die Menschenmengen, in die man auf den hiesigen Dorffesten geraten könnte, sind – nun ja – überschaubar … am meisten knubbelt es sich bei den Petanque Turnieren … Dennoch sind solche Veranstaltungen für mich sehr anstrengend. Man wird gesehen, beobachtet, eingeschätzt. Womöglich muss man Smalltalk halten, was ich schon furchtbar finde, wenn ich die Sprache beherrsche. Mein Französisch ist immer noch auf einem Niveau, das Gesprächsversuche schnell versanden lässt – dann hab ich sie zwar hinter mir, aber es ist peinlich. Ich muss schon einen ziemlich guten Tag haben, um mir das anzutun.

Aber ich wollte diese Batucada-Truppe sehen!
Wie sich zeigte, wurde das Musikprogramm von der dörflichen Musikschule organisiert und auch dargeboten und so haben wir zunächst einigen angehenden Gitarristen und Pianisten im Teenager-Alter sowie einem Laienchor gelauscht. Auch die ersehnte Batucada-Truppe hatte deutlich Anfänger-Niveau. Aber Spaß! Und im Finale haben die Leute Gas gegeben, so gut das eben ging! Das reicht, damit die Füße ein Eigenleben entwickeln und man auf den Oberschenkeln trommeln muss.
Und was ich eigentlich erhofft hatte, ist geschehen: Eine kleine Handvoll von Frauen ist aufgestanden und hat getanzt. Keinen brasilianischen Samba, einfach so …
Und ich hab mich einfach so dazugesellt – auf meinem Stuhl hätte man mich anbinden müssen.
Ich kann auch keinen Samba, aber die Bewegungen sind denen des orientalischen Tanzes recht ähnlich, alles ist sehr vertraut. Und der Rhythmus ist zwingend. Man muss nichts tun, einfach nur die Kontrolle vom Kopf an die Füße übergeben.
Es war ein kurzer, aber wunderbarer Moment: Wenn ich tanze, ist alles richtig! Es stört mich nicht, unter Menschen zu sein, auch wenn es vielleicht zu laut und zu voll ist. Ich muss mich nicht bemühen, normal zu wirken, ich bin richtig.

Wenn ich tanze, bin ich ganz und gar bei mir. Kein Grund, vor irgendetwas Angst zu haben.
Vielleicht sollte ich doch häufiger auf Dorffeste gehen …

Komfortzone verlassen? Oder lieber doch nicht?!

Blogs zum Thema Depression haben auf Blogparaden nicht wirklich was zu suchen, oder! Wenn ich „Parade“ höre, krieg ich Kopfkino in Richtung brasilianischer Karneval in Textform. Und ich mittendrin … brrrrrr … besten Dank“!
Aber irgendwie bin ich über „Komfortzone verlassen? Oder lieber doch nicht?!“ von Christine Winter auf Stille-Stärken.de im wahrsten Sinne des Wortes gestolpert – Stolpern im Sinne von „aus dem Tritt geraten, aufgehalten werden“. Das Wörtchen „Komfortzone“ war’s, das mir ein Bein gestellt hat …

Man hört das ja immer mal wieder, aber ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, ob es da eine allgemeine Definition gibt. Klingt irgendwie nach „den A**** nicht vom Sofa hochkriegen“ … sich arrangiert haben, bei Altbewährtem bleiben, nix Neues ausprobieren wollen. Sich nicht bewegen wollen.

Gestolpert bin ich über den Gedanken, dass ich mein ganzes Leben erst einmal komplett umkrempeln musste, um meine persönliche Komfortzone überhaupt zu erreichen.
Wenn Komfortzone das Umfeld ist, in dem ich mich wohl fühle, das mir Sicherheit vermittelt und wo ich klarkommen kann, dann ist das eindeutig der Fall.

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Eigentlich, vermute ich, bedeutet „Komfortzone verlassen“ mal etwas Neues auszuprobieren, das Abenteuer zu suchen. Oder auch „sich anstrengen“, „kämpfen“.
Mich angestrengt und gekämpft habe ich vorher:
Ich habe mir jahrzehntelang durchaus Mühe gegeben, mich in einer Welt komfortabel einzurichten, in die ich nicht gepasst habe. Ein dauerhaftes Wohlgefühl wollte sich trotzdem nicht einstellen, im Gegenteil. Und in den letzten Jahren halfen nur noch Psychopharmaka.
Der Gedanke, auf- oder auszubrechen, ist mir dennoch nicht gekommen: Veränderungen machen mir Angst und meine Abenteuerlust hält sich in äußerst engen Grenzen.
Für mich war schon die Idee, für ein paar Tage allein nach Südfrankreich zu fahren ziemlich ungewöhnlich: Dafür, dass meine Energie meist kaum dafür gereicht hat, das Haus zu verlassen, und schon eine Fahrt in die (Klein)stadt regelmäßig Angstschübe auslöste, war dieser Kurztrip ein ziemlich verwegenes Unterfangen. Hin hab ich’s geschafft, zurück nicht …
Auf einem abgelegenen Bauernhof in einer sowieso eher menschenleeren Gegend hatte ich plötzlich das deutliche Gefühl, es müsse möglich sein, ohne Antidepressiva zu existieren.
Sagen wir, zumindest die medikamentöse Komfortzone war mir schlagartig zu eng. Da wollte ich raus!
Und hab’s in Deutschland nicht mehr ausgehalten.
Nein, ich bin nicht nach einer Art Befreiungsschlag strahlend aufgebrochen, eher hab ich mit letzter Kraft die Flucht ergriffen.
Aber angekommen bin ich: In einer Welt, in die ich ohne allzuviel Reibung hineinpasse.

Und so habe ich absolut keinen Grund, diese meine neu eroberte Komfortzone gleich wieder verlassen zu wollen!
Ich darf sie genießen und Kräfte sammeln.
Nicht, dass sie mich nicht auch Kräfte kosten würde; ein Bauernhof ist schließlich kein Sanatorium, aber das „Oh bitte, ich will da nicht hin!“ Gefühl, das sich einzustellen pflegte, wenn ich zur Arbeit musste, ist weg. „Ich kann nicht da raus gehen!“ meldet sich an schlechten Tagen ab und zu, lässt aber mit sich verhandeln.
Ich fülle eine Art „Tagekonto“: Tage, die okay waren, an denen ich es geschafft habe, morgens aufzustehen, an denen ich produktiv war, an denen ich nicht geweint habe, die frei von Ängsten waren, an denen ich fröhlich war und bei der Arbeit gesungen habe.
Noch viel zu tun in der Komfortzone …

Größer wird sie von selber.
Bei aller Affinität zum Landleben bin ich doch ein Stadtkind und deutlich mehr Betriebs- als Landwirtin. Manchmal habe ich jetzt noch das Gefühl, ich kann und weiß gar nix …
Aber es mehren sich die Momente, in denen ich denke, „das schaff ich jetzt auch alleine“, „das entscheid ich jetzt einfach“ …
Und so hab ich irgendwann entschieden „den Einkauf in der Stadt schaff ich jetzt“ – obwohl eigentlich alles daran mir Angst macht. Oder „Ich komme mal zu dieser und jener Veranstaltung mit“ – obwohl eine Gruppe von Menschen in einem geschlossenen Raum der blanke Horror für mich sein kann.
Ich hab mir nicht vorgenommen, meinen Radius zu vergrößern, ich hatte einfach das Gefühl „das geht jetzt!“ …

Gesund werde ich auch hier nicht. Ich bin im Gegenteil ohne Wenn und Aber verrentet.
An den Gedanken, daß meine Depression mich für den Rest meines Lebens immer mal wieder aufsuchen wird, habe ich mich noch nicht recht gewöhnen können, ein wenig „gönne“ ich mir das „Aufgeben“ aber auch: Ich verkneife mir viel weniger – wenn ich weinen oder zittern muß, dann ist das eben so. Und merke, dass das angestrengte Verkneifen mich viel mehr behindert, als das Loslassen. Nach einem Abenteuer wie einem Einkauf einen Ruhetag zu benötigen, ist zwar lästig, aber insgesamt vergrößert sich mein Bewegungsspielraum. Ich finde das sehr komfortabel!

 

Small world

IMG_17836-q-webManchmal, wenn ich von meinem Leben auf dem Hof erzähle, habe ich Sorge, missverstanden zu werden.
Von solchen Menschen, die gerne lesen möchten, daß „es“ geht. Dass man sich einfach nur zusammenreißen muss.
Stimmt ja auch: Wenn die Schafe in meinem in liebevoller Kleinarbeit angelegten Blumenbeet stehen, dann reiße ich mich zusammen!
Und wenn das Hundekind Hilfe benötigt, kann ich mein Krankenlager tatsächlich in ganz erstaunlicher Geschwindigkeit verlassen.
Wer Antriebslosigkeit für ein Symptom der Depression hält, hat mich noch nicht in Pantoffeln und ohne Brille über den Hof flitzen sehen …
Geht doch!
Klar geht das.
Aber es geht tatsächlich nur so: Wenn es nottut, mobilisiere ich die letzten Reserven.
Dabei muss ich allerdings keinerlei Kapazitäten für etwaige Gesellschaftsfähigkeit vergeuden – wenn ich barfuß und im Nachthemd losmarschiere, ist das im Zweifel auch recht.
Und wenn ich mich bei einer solchen Aktion so sehr verausgabe, daß ich für den Rest des Tages in einen Status mentaler Beschäftigung (ich denke intensiv darüber nach, was ich alles erledigen könnte) verfalle, dann ist das so.

Ich freue mich, wenn wir Gäste haben. Es ist schön, mal andere Gesichter zu sehen, sich über andere Dinge zu unterhalten. Es stresst mich auch nicht, für viele Leute zu kochen – im Gegenteil, mir macht das Spaß. Aber ich kann nicht wie gewohnt meine Kreise ziehen. Ich beteilige mich am Gespräch (oder bemühe mich jedenfalls), versuche, möglichst „normal“ zu wirken und reiße mich zusammen, wenn was ist, weil ich weder Lust noch die Kraft habe, mich ständig zu erklären. Und weil es doof ist, beim Essen in Tränen auszubrechen … da kann man noch so selbstbewußt zu seiner wackligen Psyche stehen.
„Besuch“ bringt mich ganz schnell an meine Grenzen. Und dann empfinde ich jeden Schritt auf mich zu als unerträgliche Grenzüberschreitung. Gegen die ich mich nicht verwahren kann, weil meine Kapazitäten ja sowieso und so weiter …
„Gäste haben“ kostet mich Kraft, die dann anderswo fehlt und es kann mir passieren, daß ich anschließend komplett auf der Nase liege.
Ich nehme das gerne in Kauf. Wie gesagt: Ich habe gerne Gäste!
Wer in seiner Freizeit Marathon läuft, nimmt ja auch in Kauf, daß er am nächsten Tag arg müde ist (jedenfalls stelle ich mir das so vor). Bei mir liegt die Marathon Marke halt eher bei der Sprintdistanz …

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wieviel ich tatsächlich arbeite.
Ich kümmere mich.
Ich bereite Essen zu. Ich denke mir Rezepte aus, experimentiere herum und gebe mir alle Mühe, aus dem. was der Hof gerade bietet, das Beste und Leckerste zu machen.
Das mag so aussehen, als würde ich stundenlang einfach leise singend in der Küche stehen. Und vielleicht ist es ja auch so. Objektiv gesehen.
Ich versorge Tiere. Ich suche verloren gegangene Schafe und verarzte verletzte Hunde.
Das mag so aussehen, als würde ich stundenlang leise vor mich hin plappernd einen Hund kraulen …
Die Messlatte für mein Tun hängt denkbar niedrig.

Ja, es stimmt, ich muss mich einfach nur aufraffen, mich lediglich zusammenreißen, aber was die Höhe der Latte betrifft, ist jeder Limbo-Tänzer ein Niemand gegen mich!
Ja, ich fasse jeden Tag auf’s Neue den Mut, der Welt ins Auge zu sehen. Ich erhebe mich aus meinem Bett und trete ihr entgegen.
Ich musste nur die Welt auf Erbsengröße schrumpfen lassen und schon war alles gut.

Ich will das nicht noch kleiner reden, als es sowieso schon ist.
Schließlich habe ich es über Jahrzehnte trotz aller Bemühungen nicht geschafft, mich der Welt anzupassen.
Nun habe ich das Glück, mir eine Welt maßschneidern zu können, in der ich leidlich normal funktionieren kann.
Wer nun also einem depressiven Menschen „Erhebe Dich!“, „Nimm Dir ein Beispiel, raffe Dich auf!“ zurufen möchte, der biete bitteschön auch die entsprechende erbsgroße Welt an. Alles andere ist unfair.

Gift

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Gerade eben erst bin ich gefragt worden, ob es mir hilft, die Texte anderer BloggerInnen mit … sagen wir … psychischen Besonderheiten zu lesen …
Doch! Ja! Tut es!
Es tut allein schon gut, zu sehen, wie viele wir sind.
Manchmal macht es mich hadern, zugegeben: Bei meiner vergleichsweise unauffälligen Vorgeschichte und Familienkonstellation hätte ich doch bitteschön auch ganz normal werden können!
Manchmal schäme ich mich auch ein wenig: Wenn ich lese, was man sonst noch so kriegen kann, sollte ich mich mit meiner Standardnormaldepresse vielleicht einfach nicht so anstellen …
Meistens aber gibt es mir Kraft, von Menschen zu lesen, die entschlossen sind, nicht nur trotz ihrer Besonderheiten klarzukommen, sondern auch mit ihnen.
Mich zum Beispiel haben sie gelehrt, nicht immer nur „Erkrankung“, sondern tatsächlich „Besonderheit“ zu denken: Ich habe PTBSler, Borderliner, Hochsensible, Asperger und etliche andere „kennen gelernt“ und die wollen sich einfach nicht unter dem Stichwort „krank“ zusammenfassen lassen. „Anders“, „schräg“, „besonders“, „vom zweiten Planeten links“, wie auch immer, aber nicht einfach nur alle „krank“. Wenn ich nun aber die nicht als krank ansehe, dann gelingt mir vielleicht auch ein etwas liebevollerer Blick auf mich selbst …
Ansonsten finde ich hochspannend, wie viele Gemeinsamkeiten wir trotz allem haben!
Dass Hochsensible und Asperger überhaupt Gemeinsamkeiten haben, sollte ein Widerspruch in sich und deswegen lustig sein – ist aber nicht der Fall, da bin ich mir ganz sicher! Wir haben viele Stränge, an denen wir gemeinsam ziehen können.

Und manchmal ist jemand bei einem ganz bestimmten Thema einfach schon einen Schritt weiter, als man selbst …
Ich erinnere mich, dass meine Therapeutin mich einmal darauf hingewiesen hat, ich möge im Gespräch doch bitte nicht ständig die Luft anhalten und auch nicht die ganze Zeit meine Schultern hochziehen. Sie hat mich auch gefragt, wer in mir das ist, der jetzt weint – oder weinen würde, wenn ich nicht krampfhaft die Luft anhielte …
Wut, rasende, brüllende, kreischende Wut war in all den Jahren nie Gegenstand der Therapie. Wie auch? Die meiste Zeit habe ich Psychopharmaka genommen und gar nicht bemerkt, dass unter dieser künstlichen Gelassenheit und Friedfertigkeit noch ein „Thema“ lauerte, das zu besprechen gewesen wäre …

Ich merke es jetzt. Den entsprechenden Auslöser vorausgesetzt, möchte ich mir nicht nur den Kopf blutig schlagen, sondern gleich den ganzen Hof in Schutt und Asche legen.
Und das ist der Grund, warum der Text meiner Bloggerkollegin Nintschgo mich so sehr berührt hat:
„ … ich bin weit entfernt von all dem Schreien und Brüllen und Kreischen, das ich aufholen muss.“
„Ich wünsche mir fast, dass mich jemand provoziert, bis ich anfange, zu kreischen und zu schreien und zu brüllen bis die letzte dieser Erinnerungen ihren Schrecken verliert. Ich wünsche mir auch, dass dieser jemand mich festhält, wenn die Tränen dann kommen.“

Wenn Taucherinnen sich freischwimmen

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Einkaufen war über lange Jahre eine Aktivität, für die ich mich regelrecht wappnen musste und nach der ich stets erholungsbedürftig war:
Menschenansammlungen, zumal in geschlossenen Räumen verursachen mir Beklemmungen. Und Supermärkte sind einfach … zu … bunt. Zu grell ausgeleuchtet. Zu viele Details, zu viele Entscheidungen. Zu alles. Kommen dann noch Musikberieselung, Lautsprecherdurchsagen und womöglich eine gewisse Hektik hinzu, hab ich ganz schnell meine Grenzen erreicht.

Die hiesigen Einkaufstouren, bei denen alles, aber auch wirklich alles von Bioladen bis Baustoffhändler in einem Aufwasch erledigt wird, weil der Weg in die Stadt so weit ist, dass Einzelfahrten sich nicht lohnen, hätten demnach alle Aspekte von Flooding aufweisen müssen, was zu meiner großen Erleichterung jedoch nicht der Fall war.
Das liegt ganz sicher unter anderem daran, dass ich nicht nur in, sondern die Begleitung bin – die Verantwortung für den Einkauf ruht nicht auf meinen Schultern: Wenn ich mittendrin völlig entschleunige und nur noch dastehe und das Keksregal anstaune, geht der Einkauf trotzdem weiter. Wenn das Warten an der Kasse zu viel wird, weil ich statische Situationen in großer körperlicher Nähe anderer Menschen nicht gut aushalten kann, dann geh ich halt raus.
Es scheint mir aber auch an der Mentalität der Südfranzosen zu liegen.
Obwohl die Gänge in den großen Supermärkten sehr viel breiter sind, als ich das aus Deutschland gewöhnt bin, gibt es natürlich auch hier jene begnadeten Einkäufer, die mit tödlicher Sicherheit einen Weg finden, diese maximal zu blockieren. Nur scheint es niemanden aufzuregen. Dann wartet man halt kurz. Und wenn man doch mal vorsichtig um jemanden herummanövriert, reagiert dieser meist mit einem charmanten, aber völlig gelassenen „Pardon!“. Lächelnd …
Auch hier kommt es vor, dass man in der Kassenschlange mal mit einem Einkaufswagen „angedotzt“ wird, aber das subtile, permanente „nur ein bißchen zu nah auf die Pelle rücken“, das mir schnell heftiges körperliches Unbehagen verursacht, gibt es kaum.
Selbst kurz vor Weihnachten ist diese latent aggressive Eile nicht zu spüren, die einen darüber nachdenken lässt, ob womöglich die Supermärkte nie wieder öffnen werden und die Leute zum letzten Mal die Gelegenheit haben, Lebensmittel einzukaufen.
Am faszinierendsten finde ich, was passiert, wenn eine neue Kasse öffnet: Gewohnheitsmäßig rechne ich damit, dass diejenigen, die am weitesten hinten in der Schlange standen, Vollgas geben, um an der neuen Kasse die ersten zu sein. Stattdessen gibt es eine Art wortloser Verständigung, auf die hin der hintere Teil der Schlange zur neuen Kasse umschwenkt, ohne dass die Reihenfolge sich ändern würde.
Einmal habe ich erleben dürfen, dass es an der neu eröffneten Kasse technische Schwierigkeiten gab, und die Menschen, die hierher gewechselt waren, umso länger warten mussten. Es war keinerlei Aufregung zu spüren.

Neulich nun ist es mir tatsächlich passiert, dass ich „den Hut für den Einkauf aufhatte“.
Zwar hat mich einer unserer Volontäre begleitet (alleine hätte ich mich das schwerlich getraut), aber der kannte nicht die Läden, wusste nicht, was benötigt wurde und auch seine Französischkenntnisse blieben ein wenig hinter meinen Hoffnungen zurück. Letzteres wäre mir als die größte Hürde erschienen, hätte ich es vorher gewusst. Einen Menschen dabei zu haben, hinter dem man sich – für alle verständlich – verstecken kann, weil man die Landessprache nicht beherrscht, bietet eine Menge Schutz; man muss nur achtgeben, dass man nicht unverhofft angesprochen wird, wenn der „Dolmetscher“ gerade außer Sicht ist. So aber habe ich mich (haben wir uns) ohne Schutzwall und ohne sicherheitshalber nachgeschlagenes Vokabular munter radebrechend ins pralle Leben gestürzt. Ging auch!

Meinem Begleiter wird das nicht weiter spektakulär erschienen sein …
Für mich war es ein Durchbruch, auch wenn ich das erst später so richtig begriffen habe.
In erster Linie war ich stolz, dass wir alles alleine hingekriegt haben. Und wir hatten Spaß dabei!
Dinge hingekriegt, weil sie nun mal nötig waren, habe ich früher auch. Zur Not halt mit fest zusammengebissenen Zähnen.
Der Spaß ist neu!

Ein Ort in mir

Beim autogenen Training sollten wir uns einmal einen Ort vorstellen, an dem wir uns gut entspannen könnten.

Ich hatte den meinen innerhalb von Sekundenbruchteilen gefunden: Ein realer Ort, an dem ich viel Zeit verbracht habe und meistenteils glücklich war. Ich konnte ihn nicht nur deutlich und in allen Details vor mir sehen, sondern sogar beim Öffnen der Tür seinen ganz eigenen Geruch wahrnehmen.
Eine Erinnerung, die mich heute eher traurig macht, weswegen ich ihn nur noch selten aufsuche.

Ich merke, dass ich dringend einen Ort in mir selbst brauche, an dem ich mich verstecken kann, wenn das Rasen in meinem Kopf unerträglich wird. In solchen Momenten denke ich daran, wieder Medikamente zu nehmen und das möchte ich, wenn es irgend geht, vermeiden.
Ich muß mir einen neuen Ort schaffen.

Zunächst stelle ich mir Licht vor. Warmes, goldenes Licht, wie es entsteht, wenn die Sonne im Wald zwischen den Bäumen hindurch scheint.
„WarmesgoldenesLichtwarmesgoldenesLicht“ murmele ich lautlos vor mich hin, weil selbst ein solches Mantra mein Gehirn ein klein wenig ausbremsen kann.
„Einatmen – Ausatmen“ würde vermutlich auch funktionieren …

IMG_12517-q-webPlötzlich erscheint vor meinem inneren Auge eine Badewanne.
Eine altmodische weiße Badewanne mit Löwentatzen um genau zu sein.
Ich sehe meine Knie aus dickem Badeschaum ragen, in dessen Bläschen sich das Licht spiegelt.

Ändere also den Text meines Behelfsmantras in „WeißeBadewannemitLöwentatzen“ und versuche, mir den Rest dazu vorzustellen:
Goldene Wasserhähne? Bestimmt! Aber Löwenköpfe, aus deren Mäulern das Wasser sprudelt? Nee … eher nicht. Weiße Wände, die das Auge ausruhen lassen und außerdem zur Wanne passen? Oder doch lieber orientalisch opulent?

Es kommt kein Bild zustande.
Stattdessen ein sehr deutlicher Eindruck vom Weg dorthin: Schon als Kind habe ich mir, wenn ich ganz allein sein wollte, einen Raum tief unter der Erde vorgestellt, zu dem ein schmaler Gang führte.
Ich sehe ihn vor mir: Nur wenig breiter als meine Schultern, schwarzer, leicht glänzender Fels, eine Beleuchtung wie von Fackeln und eine steile Treppe, die ich aber hinuntereilen kann ohne Angst vor einem Sturz zu haben. Überhaupt ist die ganze Szenerie kein bißchen unheimlich, sondern verspricht im Gegenteil Geborgenheit. Ich versehe den Gang mit einer Tür aus massivem Holz, die ich an einem dicken Metallring hinter mir zuziehen kann. An seinem Ende soll es eine weitere Tür geben.

Ein schwarzer Gang und eine weiße Badewanne also …

to be continued …

Status panicus

… ist die Bezeichnung, die ich mir für einen ziemlich unangenehmen Zustand ausgedacht habe, mit dem ich mich zuweilen herumschlage.

Auf die Idee, das mal zu googeln, hat mich erst eine Bloggerkollegin gebracht und in der Tat fand ich in einem medizinischen Wörterbuch folgendes:
„Eine Panikattacke, die nicht abklingt, sondern über viele Stunden, Tage oder Wochen anhält, ohne sich zurückzubilden.“

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Dass es sich hier um eine richtig ausgeprägte Panikattacke handelt, nehme ich mal nicht an – zumindest würde ich das echt niemandem wünschen.
Es sind sind einfach einzelne Symptome, die leicht bis mittelschwer ständig da sind: Druck auf dem Brustkorb, Schwierigkeiten beim Atmen, Zittern und das Gefühl, jederzeit in Tränen ausbrechen zu müssen. Ohne dass sich ohne weiteres ein Auslöser identifizieren ließe.
Wie, wenn man niesen muss und nicht kann – nur sehr viel unangenehmer. Außerdem wirkt ein kräftiger Nieser, wenn er denn kommt, befreiend, was ich von einer Panikattacke nicht behaupten kann. Trotzdem sehne ich sie irgendwann geradezu herbei.

Das Gefühl, dass meine Grenzen überschritten werden, scheint mir dazu beizutragen. Ich finde das Verhalten anderer Menschen schnell auf eine Art und Weise übergriffig, die ich ganz schlecht ertragen kann.

Nur …, was tun?
Ich käme mir blöd vor, jeden Menschen, den ich kennenlerne als erstes über meine „no-go-area“ zu informieren. Es ist auch nicht immer Zeit und Gelegenheit dafür. Und wenn „es“ erst einmal passiert ist, bin ich viel zu aufgeregt.
Ich fühle mich dann vollkommen wehrlos, zu Unrecht angegriffen, befürchte weitere Übergriffe und gerate in eine Spirale, aus der ich so ohne Weiteres nicht mehr herauskomme.
Ein hilfsbereiter Mensch, der dann statt meiner erklärt, wo meine Grenzen sind, löst dieses Problem zwar, aber dann komme ich mir endgültig lächerlich vor.

Einmal in der Spirale, können schon ganz geringfügige Vorfälle mich weiter in die Höhe treiben: Eine doofe Diskussion bei facebook und der Tag ist gelaufen …
Zumindest was facebook betrifft, weiß ich, was ich tun kann: Großzügiger Einsatz des Scroll-Balkens und ggf. ein Tag Abstinenz – danach wird dort eh eine andere Sau durchs Dorf gejagt.
Der Rest der Welt macht mich bislang etwas ratlos …

Entspannungstraining wirkt geradezu kontraproduktiv. Mich Einigeln und in den Schlaf flüchten will ich eigentlich nicht mehr.
Irgendwann, meist nach einigen Tagen, verschwindet der Spuk von selbst ohne zwingend mit einer Attacke zu enden. Die habe ich glücklicherweise eher selten.
Vielleicht wüsste ich besser, was diesen Zustand zu beenden hilft, wenn ich ihn genauer beobachten würde. Andererseits habe ich den Eindruck, dass wenn ich auch noch anfange, meinem Zittern und der Atemnot große Aufmerksamkeit zu widmen, statt mich zu bemühen, sie so weit als möglich zu ignorieren, ich um so schneller um die Lampe tobe.

Eigentlich habe ich auch gar nicht den Ehrgeiz, dass alles zu erkennen und zu verstehen: ein Knopf zum Abschalten würde mir vollkommen genügen.