Shaolin

Als ich ein Kind war, wurde am Samstagnachmittag, wenn nicht „Daktari“ oder „Tarzan“, „Kung Fu“ geguckt – und am Sonntag waren wir dann alle Caine, der tapfere Shaolin-Mönch …
Ich vermute, das Einhorn hat dann auch vor dem Fernseher gesessen – zu meinem Text vom Atmen und vom Weinen bemerkt es jedenfalls folgendes:
„Ich behaupte, das Problem liegt darin, daß wir das Kind immer nur innen lassen sollen. Als Kind hätte ich mir pragmatisch im Wald einen ordentlichen Knüppel gesucht und Shaolin-Mönchsmäßig auf irgendwelche Bäume eingeprügelt. Was ich tatsächlich getan habe als Kind. Das Kind mal nicht innen lassen. Wie immer es heißen mag.“
Ich habe nie auf Bäume eingeprügelt. Caine übrigens auch nicht. Der hat, wenn es gar nicht anders ging (aber es ging nie anders!), die Bösen verdroschen und dem Guten zum Sieg verholfen.
Aber ich verstehe den Gedanken: Es ist sicher besser, Wut, Enttäuschung, Frustration rauszulassen, als mit der Zeit daran zu ersticken. Und wenn dabei nur ein paar Stöcke zu Bruch gehen und Rindenstücke durch die Gegend fliegen, dann scheint mir das grundsätzlich kein schlechter Weg zu sein.
Ich selbst kann mich überhaupt nicht erinnern, als Kind Wutanfälle gehabt zu haben.
Sehr wohl aber daran, dass es meinen Eltern (vor allem meinem Vater, glaube ich) außerordentlich wichtig war, Konflikte ruhig und sachlich zu klären. Im Gespräch. Für kindliches Schreien, mit dem Fuß aufstampfen, oder eben mit Stöcken auf Bäume einprügeln war da vielleicht einfach kein Platz.
Und heute würde es nicht mehr reichen. Wenn mich heute eine Wut überrollt, die womöglich seit Kindertagen darauf gewartet hat, endlich auf etwas einschlagen zu dürfen, dann sind Stöcke und Bäume (sorry!) Kinderkram. Dann will etwas in mir will ich, dass Dinge kaputtgehen, dass es weh tut. Das ist sinnlos und destruktiv und soll (will) es auch sein!

Deswegen hilft zum Beispiel „Holz hacken“ überhaupt nicht (oder mit der Spitzhacke arbeiten): Die körperliche Anstregung tut gut und ja, es macht Spaß, etwas kurz und klein zu schlagen. Ich hacke ausgesprochen gerne Holz! Aber es ist einfach zu konstruktiv, kommt doch etwas Brauchbares, ja Notwendiges dabei heraus …
Und natürlich sollte man seine Finger von der Axt lassen, wenn man nicht gelassen und konzentriert mit ihr zu arbeiten in der Lage ist: Bei aller Zerstörungswut will ich das Ding nicht in meinem Schienbein stecken haben!

In der für mich beeindruckendsten Folge von „Kung Fu“ (jedenfalls ist es die einzige, an die ich mich tatsächlich erinnere) ging es übrigens nicht um Kampfkunst, sondern um den Umgang mit der eigenen Angst: Caine soll in seinem Kloster auf einem schmalen Balken über ein Becken balancieren, das mit Säure gefüllt ist. Auf dessen Boden sieht man die Skelette derer, denen dies mißlungen ist. An sich ist die Aufgabe nicht schwer: Es sind nur wenige Schritte und der Balken bietet genug Platz. Dennoch stürzt er prompt. Und stellt fest, dass es sich bei der vermeintlichen Säure um klares Wasser handelt und die Skelette lediglich Bilder sind, mit weißer Farbe auf schwarze Tücher gemalt, die sein Meister nun milde lächelnd aus dem Wasser zieht. Es war einzig und allein seine Angst, die ihn hat stürzen lassen; die Angst vor einer Gefahr, die lediglich in seiner Vorstellung existierte.
Möglicherweise war ich zu jung, um hieraus eine Erkenntnis zu destillieren, die mich durch mein weiteres Leben zu leiten vermocht hätte. Oder aber die Weisheit der Mönche läßt sich via Fernsehserie dann doch nicht so richtig einprägsam vermitteln. Vielleicht ist genau das aber auch typisch für Angsterkrankungen: Da können noch so viele Mönche bemalte Laken aus klarem Wasser ziehen – für mich bleibt das Säure und ich gerate immer wieder aus dem Gleichgewicht.

Alice Wunder greift den Gedanken des Einhorns auf und fragt
„Warum nicht den Shaolinweg gehen und bewußt die Auseinandersetzung suchen? Die friedvolle, entspannende Meditation scheint ja da an Grenzen zu stoßen, wo die überflutenden dunklen Gedanken als Störung und Fehler wahrgenommen werden. Also warum nicht direkt Kampfkunst, wo die vermutete Angstquelle, das böse, von Beginn an Teil des Systems ist. Da heißt es dann: Selbstverständlich ist die dunkle Gasse bedrohlich und du hast allen Grund mit verkrampften Schultern und krummem Rücken rumzulaufen. Aber wenn du übst, deine Muskeln zu entspannen, kann der gelockerte Körper allem, was da kommen mag, einfach schneller auf die Nase hauen. Und Entspanntheit ist Mittel, damit man die Gefahren besser wahrnimmt. Je nach Vorliebe reichen da die möglichkeiten von engumschlungenem Ringen bis zu freistehenden Schwertübungen ohne jeden Körperkontakt.“

two-on-a-phacelie-q-webEin „Selbstverteidigungskurs!“ hat, als ich noch eine junge Frau war, immer ganz weit oben auf meiner to-do-Liste gestanden – nur gemacht habe ich ihn nie. Dennoch habe ich gelernt, mich zu schützen. Mich nicht wie ein Opfer zu bewegen, zum Beispiel: Mich eben nicht gekrümmt an der Hauswand entlangzudrücken, sondern aufrecht mitten auf dem Bürgersteig zu schreiten. Wenn es mir wirklich unheimlich war, habe ich meinen Schlüsselbund in die Faust genommen, so dass zwischen zwei Fingern jeweils ein Schlüssel hervorstak. Ich kann mich an eine Situation erinnern, wo – bis ich mit dem Arrangieren meiner Schlüssel denn mal fertig war – der entgegenkommende Mann, der mich beunruhigt hatte, die Straßenseite gewechselt hatte …
Statistisch sind, sofern man nicht in einer ganz üblen Gegend unterwegs ist, die dunklen Gassen eh viel weniger gefährlich, als sie erscheinen mögen, dennoch ist die Angst, überfallen zu werden, eine rationale.
Das Nervige an Angsterkrankungen ist eher, dass die Ängste nicht nur irrational sind, sondern man das zu allem Überfluss auch noch weiß … es nützt nur nichts … Selbstverständlich habe ich keine Angst davor, dass ab einer Anzahl von x Menschen in einem geschlossenen Raum diese plötzlich über mich herfallen werden. Ich empfinde in solchen Momenten überhaupt keine Angst. Ich verspüre Paniksymptome und wenn sie zu heftig werden, muss ich raus. Schnell. Deswegen wäre das Bewußtsein, mich im Fall der Fälle wehren zu können, zumindest für mich auch keine Hilfe.
Eher kann ich mir vorstellen, dass das sehr bewusste und konzentrierte körperliche Agieren sich positiv auf die seelische Verfassung auswirkt. In diesem Punkt allerdings ist mir persönlich Yoga lieber, weil es ohne Gegner auskommt.
Aber vielleicht liest jemand mit, der das mal ausprobiert hat und davon berichten mag …?

Hin und wieder habe ich die Auseinandersetzung durchaus gesucht.
Als mir vor einigen Jahren eher zufällig ein Flugblatt in die Hände fiel, das Kletterkurse unter anderem mit dem Argument bewarb, diese würden gegen Höhenangst helfen, habe ich mich kurzerhand zu einem solchen Kurs angemeldet. Und hab schon Schnappatmung bekommen, als mir im Vorgespräch klarwurde, dass geplant war, eine 25 Meter hohe Wand zu erklettern – ich hatte mir so 5 Meter vorgestellt …
Des weiteren hatte ich nicht bedacht, dass es sich bei besagter Wand nicht etwa um glatten Indoor-Beton mit bunten Kunststoff-Nuppies handelte, sondern um einen veritablen Felsen im Westerwald. Für den Fall eines Sturzes ins Seil hab ich mein Kinn schon auf jedem einzelnen Felsklümpchen aufschlagen sehen, das da aus der Wand ragen mochte …
Gemacht hab ich’s trotzdem. Ich hab mich 25 Meter Felswand hochgerauft und bei der Gelegenheit gelernt, dass der Fachmann es „Nähmaschine“ nennt, wenn die Unterschenkel vor Überanstrengung zu zittern beginnen. Hab mir die Knie grün und blau geschlagen, weil ich sie benutzt habe, um mich voller Erleicherung auf die nächste Felsstufe zu rollen anstatt ordentlich zu klettern. Aber ich bin oben angekommen!
Für die Abseilübungen musste ich am Händchen zum Startpunkt geführt werden. Dort habe ich mich mit fest geschlossenen Augen an den Felsen geklammert bis ich eingesichert war. Jetzt nach hinten fallen lassen? Kein Problem: Alles, was mich wieder nach unten brachte, war okay für mich! Nachdem ich mich im ersten Anlauf noch am Seil festgehalten hatte (was a. nichts bringt, denn, wenn der Mensch der einen sichern soll, loslässt, fällt man mitsamt dem Seil, und mir b. den schlimmsten Muskelkater meines Lebens eingetragen hat), habe ich Vertrauen gefaßt und mich freihändig abseilen lassen. Anfangs „geht“ man dabei die Wand hinunter. Später, wenn man den Bogen raushat, stößt man sich davon ab wie die SEKs im Krimi, wenn sie ein Gebäude stürmen. Es war toll!
Der Knoten ist dennoch nicht geplatzt: Höhenangst hatte ich hinterher immer noch.
Mit dem Leiter des Kurses bin ich später auf einen Viertausender gestiegen. Er meinte, ich könne das schaffen und ich hab mich so geehrt gefühlt, dass ich das Wagnis eingegangen bin. Als Teil einer Seilschaft, meinen Eispickel in der Faust, habe ich einen Gletscher überquert und bin über Gletscherspalten gesprungen. Ganz schmale nur, aber wenn man so davorsteht … All das trotz, nein, mit meiner Angst! Und ich glaube nicht, dass ich die einzige war, die auf dem Gipfel heulen musste – nicht vor Erleichterung, sondern schlicht überwältigt.
Damals war ich schon richtig krank (im Sinne von „monatelang krankgeschrieben“), das macht die Erinnerung, einen Berg „bezwungen“ zu haben, für mich zu etwas sehr Besonderem. Auf keinen Fall würde ich diese Tour missen wollen! Aber gesund gemacht hat sie mich nicht.

Bei besagter schwieriger Situation nun, die ich mittels Meditation zu bewältigen versucht habe, ging es nicht um Angst. Vermutlich auch nicht um Wut, sondern eher um Hilflosigkeit, Verletztheit. Um ein Gefühl, das ich vorher nicht einmal hätte benennen können.
Menschen mit einer sehr lebhaften Fantasie, habe ich einmal gelesen, die in der Lage seien, eine verhasste Person in ihrer Vorstellung zum Beispiel umzubringen, zu zerhacken und im Wald zu vergraben, würden im realen Leben nicht zu Gewalttaten neigen. Ich selber morde lieber indirekt: In Fällen echt mörderischer Laune gucke ich gerne Horrorfilme. „From dusk till dawn“ zum Beispiel habe ich zum ersten Mal nach einem echt üblen Tag im Büro gesehen – und bin anschließend sehr heiter und entspannt aus dem Kino gekommen. Wenn ich also wahlweise ein Dutzend Teenager geschlachtet, Aliens und Zombies losgelassen, oder aber die Hölle geöffnet habe, fühle ich mich gleich besser. Kurzfristig jedenfalls.

Ich las andererseits, dass die Energie der Aufmerksamkeit folgt. „Worauf Du Deine Aufmerksamkeit richtest, da geht auch Deine Energie hin!“
Sollte das zutreffen, tue ich mir keinen Gefallen, wenn ich in meiner Fantasie Hindernisse bewältige, Auseinandersetzungen für mich entscheide, Feinde in die Flucht schlage. Oder eben besonders mißliebige Zeitgenossen mit der Axt zu Wildschweinködern verarbeite. Weil ein und dieselben dunklen Gedanken ja immer wieder kommen. Schlag ihnen den Kopf ab und es wachsen zwei neue nach …

Das Achtsamkeitstraining, mit dem ich mich seit einigen Wochen beschäftige, beschreitet einen anderen Weg: Die dunklen, schmerzhaften Gedanken sind Gedanken wie alle anderen auch. Sie kommen und gehen. Sie gehen, sofern man sie nicht festhält. Vor allem aber sind sie Gedanken, keine Tatsachen.
Es geht, auch bei den schwierigen und schmerzhaften Gedanken / Erinnerungen / Situationen, nicht darum, diese zu bekämpfen, sondern mit ihnen zu leben. Mit dem normalen Jucken der Realität, wenn man so will.

Da ich erst kurze Zeit und vor allem fast* ohne Anleitung vor mich hin dilettiere, bin ich guter Dinge, dass bei meinen Meditationsversuchen das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist!
Das Ergebnis meiner Bemühungen ist zwar nicht immer so ganz das erhoffte, aber immerhin gibt es Ergebnisse! Und: Das Gefühl benennen zu können, anstatt einfach nur von ihm überrannt und gebeutelt zu werden, war für mich ein großer Durchbruch, das sieht die Schieferliebe ganz richtig. Ebenso wie die Erkenntnis, dass es nicht jetzt entstanden ist (in diesem Fall würde es wohl eher helfen, auf Bäume einzuschlagen, oder – besser noch – mit der berühmten Faust auf den Tisch zu hauen), sondern schon lange darauf wartet, endlich beachtet zu werden.
Mag sein, dass da noch ein langer Weg vor mir liegt, bis ich mal so friedvoll und gelassen draufkomme, wie man sich das vom Meditieren erhofft …

Als eine liebe Freundin von mir mit ihrer Psychoanalyse begann (wenn ich mich recht erinnere mit drei Terminen pro Woche, immer vor der Arbeit), hab ich sie gefragt, ob da nicht ein bißchen sehr viel Zeit bei draufginge. „Ich war 20 Jahre lang depressiv“, hat sie mir geantwortet „da habe ich Zeit verloren!“.

* MBCT (Mindfulness-Based-Cognitive-Therapy) ist eine Form des Achtsamkeitstrainings, die speziell auf Menschen zugeschnitten ist, die unter Ängsten und Depressionen leiden. Da ich nicht die Möglichkeit habe, an dem dazugehörigen 8-wöchigen Trainingsprogramm teilzunehmen, habe ich mir das entsprechende Buch sowie die CD besorgt.

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Übungssache

Es heiße Achtsamkeitsübung, habe ich mir gemerkt, weil ich Achtsamkeit üben soll. Regelmäßig und unverzagt – von „Hinkriegen“ war nie die Rede …

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Ein Bloggerkollege beschreibt sehr schön, dass sein Atem jedes Mal, wenn er diesen beobachten will, ganz tief und gleichmäßig wird – weil er es einfach nicht hinkriegt, zu beobachten ohne zu kontrollieren.
Geht mir genauso.
Es sei denn, ich soll mich eigentlich auf mein linkes Knie konzentrieren – dann bemerke ich gelegentlich, dass mein Atem viel leichter und flacher geht. Und versuche, meine Aufmerksamkeit gelassen und freundlich auf mein Knie zurückzulenken.
Seit der Bodyscan allmählich zur Routine wird, scheint mein Körper eine Art vorauseilenden Gehorsams zu entwickeln: Ich versuche, mich darauf zu konzentrieren, wie ich daliege und *fump* werden meine Gliedmaßen schwer. Sekunden später registriert (obwohl „konzentrieren Sie sich auf ihren Atem“ noch gar nicht dran ist) mein linkes Nasenloch kühlen Luftzug. Fast zeitgleich beginnt mein linker Ballen durch eifriges Kribbeln zu „melden“.
Ich übe mich in Nachsicht und tue mein Bestes, der Routine zu folgen.

Mein Körper dagegen scheint regelmäßig andere Pläne zu haben …
Noch bevor ich selber recht bemerke, dass meine Stimmung instabil ist, stelle ich fest, dass diverse Körperteile sich via Kribbeln, Ziehen, Druck oder auch Schmerz bemerkbar machen, bevor ich eine Chance habe, meine Aufmerksamkeit auf sie zu richten.
Wenn Schultern und Nacken sich verkrampfen und regelrecht von der Matratze abzuheben scheinen, obwohl ich doch weiß, dass ich entspannt auf dem Rücken liege, darf ich davon ausgehen, dass ich einen schwierigen Tag vor mir habe.
Es fühlt sich an, als würden Teile meines Körpers an manchen Tagen nach Aufmerksamkeit schreien und nicht warten können, bis sie nach den Spielregeln des Bodyscans „dran“ sind.
Ulkigerweise hat das nichts mit tatsächlichen körperlichen Beschwerden zu tun.
Lange bevor ich morgens wach genug für einen Bodyscan bin, vollzieht sich ein „Check“ anderer Art: Ich bin nicht mehr die Jüngste und meine Wirbelsäule ist ziemlich im Eimer. Kann ich also den Kopf bewegen? Sind die Hände taub? Schmerzen die Ellbogen? Krämpfe irgendwo? Wo tut es heute am wehesten?
Man sollte meinen, dass eine konzentrierte und kleinteilige Betrachtung noch weit mehr Baustellen und Wehwehchen zutage fördert. Tatsächlich wird – zumindest was mich betrifft – umgekehrt ein Schuh daraus.

Schmerzen, die ich vorher durchaus habe, machen sich während des Bodyscans gar nicht und anschließend weniger bemerkbar. Als sei es nur darum gegangen, meine Aufmerksamkeit zu bekommen …

Ein wenig enttäuschend, vor allem aber lästig finde ich den Umstand, dass, seit meine Gedanken nicht mehr damit befasst sind, den Ablauf der Übung zu rekapitulieren, diese munter Bocksprünge vollführen.
Es sei ganz normal, dass immer mal wieder Gedanken oder auch Tagträume aufkämen, das habe ich verstanden. Momentan kommt es mir allerdings vor, als sei in meinem (Unter)bewußtsein ein verrückt gewordener Hund unterwegs, der wie besessen buddelt und alles, was er findet, wahllos in die Höhe schleudert. Gefühlt verbringe ich drei Viertel des Bodyscans ausschließlich damit, freundlich und ohne Ärger zum eigentlichen Gegenstand meiner Konzentration zurückkehren zu wollen.
Bedeutungslose Erinnerungsfetzen, Momentaufnahmen von Menschen und Situationen, die ich ganz sicher nicht kenne, Kränkungen, die Handlung irgendeines Krimis, Kochrezepte, schmerzliche Erinnerungen undundund wirbeln kunterbunt und absolut sinnfrei durcheinander.
Tage, an denen das in extremer Weise der Fall ist, pflegen ebenfalls keine meiner allerbesten zu sein …

Faszinierend finde ich allerdings, dass ich mitkriege, wie die Gedanken auftauchen. Und spurlos wieder verschwinden, wenn ich mich nicht mit ihnen befasse.
Während meiner schlimmsten depressiven Phasen hatte ich oft das Gefühl, von selbstquälerischen Gedanken geradezu überrannt zu werden und ich habe eine Menge Energie in den Versuch investiert, diese Gedanken abzublocken oder durch andere, angenehmere zu ersetzen.
Jetzt kommt es mir vor, als tauchten sie „unter anderem“ auf: Unter all den anderen Ideen, Erinnerungen, Bildern und gelegentlichen Absurditäten, die beim Buddeln in die Höhe fliegen.
Und wenn es mir gelingt, sie nicht aufzufangen, verschwinden sie ebenso, wie der ganze Rest.

Die eigenen Gedanken zu beobachten, ist ein Übungsziel, von dem mich noch das eine oder andere Lichtjahr entfernt, vermute ich.
Eigentlich bemühe ich mich, meine Aufmerksamkeit konzentriert auf meinen Körper zu richten. Im Hier und Jetzt zu sein und nicht in meinem Kopf …
Aber hej, es war nie die Rede davon, etwas Bestimmtes hinzukriegen! Remember?

Für mich ist die – wenn auch noch recht verschwommene – Erkenntnis, dass ich es bin, die durch ihre Aufmerksamkeit entscheidet, welcher der ausgebuddelten Brocken heute meine Welt darstellt, ein enormer Gewinn!

Vom Atmen und vom Weinen

Eine Weile schleiche ich schon um sie herum … die angeleitete Meditation zum Umgang mit schwierigen Gedanken oder Situationen. Die hat sich quasi eingeschlichen … verborgen auf der CD, die mir lediglich helfen sollte, den Bodyscan richtig zu praktizieren …
Genau das, was ich brauche, eigentlich. Vielleicht traue ich mich deswegen nicht heran …

Einen altbekannten, schmerzhaften Gedanken zum Üben hernehmen?
Nicht doch! Ich werd doch keine schlafenden Hunde wecken!
Da warte ich lieber, bis sich eine schwierige Situation von selbst ergibt und meditiere dann ganz authentisch!

Wen soll ich jetzt zuerst zitieren? Meine Therapeutin, oder gleich mich selbst als Hundetrainerin?
„Wir trainieren immer vom Einfachen zum Schwierigen! Deswegen beginnen wir auch nicht in solchen Situationen, in denen der Hund die Fassung verliert, sondern in den vielen anderen, in denen er eine Chance hat, alles richtig zu machen!“.
Notiz an mich selber: Diesbezügliche Gespräche mit der kleinen Inderin noch einmal rekapitulieren und sich endlich daran halten!

Gleichwohl: Ich bin jetzt verärgert und verletzt! Gucken wir also, was die CD so kann …

Gewahr zu werden, dass ich jetzt hier sitze, mich also ins Hier und Jetzt zu bringen, fühlt sich so oder so hilfreich an. Und das Bemühen, auf meinen Atem zu achten, bremst das Rasen meiner Gedanken. Es lässt mich allerdings auch umso deutlicher spüren, dass ich Schwierigkeiten habe, Luft zu bekommen.
Nun soll ich mir den schwierigen Gedanken / die unangenehme Situation vergegenwärtigen. Kein Problem: Ich stecke mittendrin!
Nein … anders … ich stecke in meinem Körper. Der sitzt und atmet und zumindest ersteres funktioniert ohne größere Beanstandungen. Was ich mir zu vergegenwärtigen versuche, passiert nur in meinen Gedanken.
Nur noch elfundneunzig Stunden der Übung, Meditation und Kontemplation und ich hab das völlig klar!

Für’s Erste vergegenwärtige ich mit äußerster Vorsicht und soll nun erspüren, wo in meinem Körper ich die Schwierigkeit fühlen kann.
Faszinierende Sache das: Bilder wie „im Nacken sitzen“, „auf dem Magen liegen“, „Bauchschmerzen machen“ etc. sind uns sowas von vertraut und natürlich kenne ich meine Stellen. Aber ich bin nie auf die Idee gekommen, mein Augenmerk darauf zu richten – ich habe mich im Gegenteil stets bemüht, solche Symptome zu ignorieren.

Im konkreten Fall ist die Frage schnell beantwortet: Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Auf meinem Brustkorb scheint ein Stein zu liegen. Ich kann nicht sprechen. Ich kann einatmen, aber die Luft geht nicht wieder raus!
An diesem Punkt läßt meine liebe Meditations-CD mich hilflos zurück: Ich soll in jenen Ort meines Körpers hineinatmen, an dem ich die Schwierigkeit spüren kann. Und wieder hinaus.
Was man tun kann, wenn die Schwierigkeit sich genau an dem einen Ort manifestiert, in den (mit dem!) man nicht nur bildlich, sondern tatsächlich atmen kann und muss, verrät sie mir nicht.

Ich entscheide mich für den pragmatischen Ansatz und konzentriere mich darauf, überhaupt zu atmen. Dabei fällt mir auf, dass der obere Brustkorb auch beim Bodyscan eine Region ist, die ich nicht erreichen kann. Andere Körperteile „melden“ Druck, Ziehen, Kribbeln … hier fühle ich immer nur eine Art „Platte“.
Sowie das Atmen in Schluchzen übergehen will, halte ich die Luft an.
Das war auch während meiner Therapie schon ein Thema, erinnere ich mich. Seitdem achte ich darauf, in Gesprächen die Schultern zu entspannen und möglichst gleichmäßig zu atmen. Wie vehement ich immer noch den Atem anhalte, wenn ich eigentlich weinen möchte, war mir nicht bewußt.
„Solange Sie atmen, ist mit Ihnen mehr richtig als falsch!“, habe ich gelesen.
Ich halte alles an, wenn die Verzweiflung zu groß wird …

img_12930-q-webWenn ich die Luft nicht anhalte, schreie ich. Da bricht sich kein erlösendes Weinen Bahn: Ich schreie. Sacke in mich zusammen, stürze zu Boden. Und schreie.
Und ja: Es hilft. Ich beruhige mich sehr viel schneller. Vielleicht, weil ich jegliche Energie verpulvert habe. Vielleicht aber auch, weil ich nicht mehr all meine Kraft in Kontrolle investiere, sondern beginne, den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Falls jetzt jemand das Bedürfnis verspüren sollte, zu sagen, das sei gut so, ich möge mal los- und meine Gefühle rauslassen: Darüber sprechen wir nochmal, nachdem DU Dich aus augenscheinlich geringfügigem Grund auf den Boden geschmissen und wie blöd losgeschrien hast, ja?
Mag sein, dass da eine Menge Wut und Verzweiflung darauf warten (gewartet haben) sich endlich einmal Bahn zu brechen, aber wir reden hier nicht von einem heilsamen Ausbruch innerhalb eines therapeutischen Prozesses, sondern von meinem Alltag. Von an sich nichtigen Ärgernissen oder Auseinandersetzungen, die mir komplett den Boden unter den Füßen wegziehen, weil mir plötzlich alles eins zu sein scheint: Es gibt keine alten Wunden und neuen Kratzer – es gibt nur eine einzige tiefe Verletzung.

Die Unangemessenheit meiner Reaktion beschämt mich.
Ich muss dabei an Szenen wie jene denken, in der sich Hinterbliebene in das offene Grab des verstorbenen Menschen zu stürzen versuchen. Da sind sicher große Gefühle im Spiel. Und dennoch wendet man sich peinlich berührt ab …

Ich nehme mir trotzdem vor, zukünftig die Luft nicht mehr anzuhalten.

Inzwischen habe ich mich einigermaßen beruhigt, atme und frage mich, ob es die sowieso geringe Tiefe meiner Meditation wohl arg beeinträchtigt, wenn ich mir zwischendrin die Nase schnäuze.

Nun soll ich das schwierige Gefühl benennen.
Ich bin wütend. Verletzt. Nein, eigentlich fühle ich mich ungerecht behandelt. Es ist ungerecht. Ich möchte wie ein Kind mit dem Fuß auf den Boden stampfen, so ungerecht ist das!
„Das Kind muß schließlich einen Namen haben!“ … „Was ist mit Ihrem inneren Kind?“
Ich hab Fragen nach meinem inneren Kind immer eher quälend gefunden, konnte nicht viel damit anfangen.
Aber vielleicht hat es sich hier ganz unverhofft einmal zu Wort gemeldet: „Das ist einfach ungerecht!“ …
Ruhe kehrt ein.

Ich lasse mir die Worte auf der Zunge zergehen. Ja, das paßt. „Ungerecht“ paßt. Das macht mich sprachlos, nimmt mir den Atem.
Ich richte meine Aufmerksamkeit zurück auf meinen ganzen Körper und beende die Meditation.

Ob das jetzt so im Sinne des Erfinders war? Ich habe keine Ahnung …
Wohl aber eine Idee, wo das hinführen könnte.

To be continued …

Das Yoga Projekt

Wie wahrscheinlich mag es sein, dass just in dem Moment, in dem man mit dem Gedanken zu spielen beginnt, es vielleicht doch mal mit Yoga zu versuchen, im Dorf (wir sprechen hier von einem Örtchen mit weniger als 500 Einwohnern, die nächste Stadt, von der man schonmal etwas gehört hat, ist anderthalb Autostunden entfernt) ein entsprechender Kurs angeboten wird?
Ich für mein Teil habe Neigung, das für Kismet zu halten. Und beschließe, daran teilzunehmen.
Zunächst für eine Probestunde, weil ich keine Ahnung habe, ob ich die Anweisungen verstehen werde – aber nach Jahren des Tanztrainings bin ich guter Dinge, „nachturnen“ zu können, was man mir vormacht. Dass der Kurs schon seit 2 Stunden läuft, scheint mir durchaus von Vorteil, erspart es mir doch eventuelle Vorstellungsrunden.

Ungefähr drei Stunden vor Beginn meines ersten Trainings beginne ich, ernsthaft Panik zu schieben: Atemnot, Weinen und – was ich ganz besonders elend finde – Durchfall. Jeder Mensch kennt sogenannte „Angstschisse“ vermute ich. Biologisch sinnvoll seien die, hab ich gelernt. Aber ich hab mit dem Niederringen einer veritablen Panikattacke echt genug zu tun, ich sollte nicht auch noch in ständig zum Hofklo rennen müssen.
Warum die Panik? Ich muß allein vom Hof weg und ins Dorf. Ich werde mit Menschen, die ich nicht kenne, in einem Raum sein müssen. Ich kenne den Raum nicht und habe Sorge, dass ich mich nicht zurechtfinden werde. Ich verstehe die Sprache nicht gut, selbst nett gemeinte Gesprächsversuche stressen mich ungeheuer, weil ich nicht antworten kann. Ich werde womöglich einen Scheck ausfüllen müssen und habe noch große Mühe, die Zahlen zu verstehen – ob ich sie korrekt schreiben kann, wage ich zu bezweifeln. Ich kenne die sozialen Gepflogenheiten nicht – bevor ich nach Frankreich gekommen bin war mir nicht klar, dass man nicht bis nach Afrika oder Asien reisen muß, um anzuecken, weil man die „Spielregeln“ nicht beherrscht …
Viel zu viel Neues, zu viele Unwägbarkeiten auf einmal!

Zunächst empört es mich, dass mein kläglicher Zustand unter anderem für Erheiterung sorgt (wer tagtäglich mit den „Blüten“ umgehen muß, die meine Erkrankung treibt, darf auch faule Scherze darüber reißen), aber dann muss ich doch selber lachen: Wie bescheuert klingt das denn auch – Angst vor dem Yogakurs …
Demnächst Meditationsphobie … Schließlich reden wir hier nicht von Bungeejumping!
Yoga soll mir helfen, mich besser zu fühlen, verdorri!
Und ich bin, ich bin verdammtnochmal nicht bereit, mich von dieser Scheißangst an Allem und Jedem hindern zu lassen!

Auf ins Dorf also.
Wo ich als allererstes feststelle, dass die Gepflogenheiten in der Tat anders sind: Außer mir sind alle schon in Sportkleidung hergekommen. Ich bin die Einzige, die sich umziehen muß. Einen separaten Raum dafür gibt es nicht und ich habe keine Ahnung, ob man das dann einfach im Trainingsraum tut – weil es ja niemand tut … Ich suche mir also ein Eckchen in der Abstellkammer und stelle immerhin erleichtert fest, dass „Klönschnack beim Umziehen“ anscheinend auch unfranzösisch ist (oder „undörflich“ – vermutlich kennen die sich sowieso alle und haben gegen Abend den Dorftratsch längst durch), jedenfalls lassen sich einfach alle auf ihren Matten nieder und los geht’s.
Auf die Frage der Kursleiterin, ob ich Französisch denn verstehe, radebreche ich, dass ich vieles verstehe und ansonsten ja sehen kann, wie die Übungen aussehen. Sie mache die nicht alle vor, sagt sie. Und sie benutze eine Menge anatomisches Vokabular. Dann würde ich gucken, was die anderen Kursteilnehmer tun, kommuniziere ich nunmehr halb phantomimisch.
img_16215-q-webMinuten später liege ich rücklings und mit geschlossenen Augen auf einer Matte. „Augen zu!“ – soviel immerhin hab ich verstanden …
Der nachfolgende Text könnte auch auf Chinesisch gesprochen sein, klingt aber beruhigend und ich vermute, dass entspannte Bauchatmung an dieser Stelle schon irgendwie passen wird.
„Les pieds“, „die Füße“ … das hab ich jetzt verstanden! Aber was soll ich tun mit „les pieds“?
Ich spingse möglichst unauffällig nach rechts und links.
„First you fake it, later you make it!“ – alte Tänzerinnenweisheit …
Wenn ich offensichtlich gar nicht mehr kapiere, was ich tun soll, kommt Nathalie, die Kursleiterin zu mir und hilft: Setzt Füße dahin, wo sie hingehören, erklärt noch einmal gaaanz langsam, oder wechselt zur allergrößten Not kurz ins Englische. Ganz kurz: Ich habe eingangs erklärt, dass ich unter anderem da bin, um Französisch zu lernen.
Sie macht das sehr nett und liebevoll, finde ich. Man trifft im Sport immer mal wieder Menschen, die gesprochenen Anleitungen auch dann nicht folgen können, wenn sie die Sprache verstehen, denen muss man beim Sortieren der Arme und Beine schonmal helfen. Bei anderen korrigiert man vielleicht kurz die Haltung oder irgendein Detail. Das tut Nathalie bei mir und allen anderen gleichermaßen – ich komme mir nicht über Gebühr dumm vor.

Wenn der Text zu „singsangen“ beginnt, stelle ich mir vor, dass sie jetzt etwas über die Atmung erzählt. Über Empfindungen und Entspannung. Oder so.
Nach einer guten halben Stunde wird mir klar, dass „sol“ nicht die Sonne, sondern der Boden ist, was ihre Anleitungen weniger ätherisch, aber irgendwie logischer macht.
Aber wieso spricht sie die ganze Zeit über Flöhe?
Der Groschen fällt, als sie nach gut einer Stunde eine neue Position vormacht: „Pouce“ (Daumen) heißt das Zauberwort, nicht „puce“ …

Was ich richtig schwierig finde, ist, in dem „Singsang“, dem Text also, der eine Übung begleitet und unterstützt, den Moment mitzukriegen, in dem das Ganze aufgelöst wird, in dem man wieder in die Ursprungshaltung zurückkehrt.
Ich kriege Visionen davon, wie ich daliege und versuche, mir einen Knoten ins Bein zu machen, während alle anderen schon ihre Matten aufrollen. Und lausche daher sehr aufmerksam auf verdächtige Bewegungen.

Das Lauschen rettet mich über die abschließenden Atemübungen. Ich kann recht gut hören, was ich tun soll. Als wir aber gemeinsam summen, habe ich die allergrößten Schwierigkeiten, einen hysterischen Lachanfall zu unterdrücken. Ich weiß gar nicht recht warum – eigentlich ist die Vibration, die man dabei ganz deutlich spürt, durchaus beeindruckend. Vielleicht ist es die Tatsache, dass jeder in seinem Rhythmus und seiner Tonlage summt: Ich höre einen sehr sehr sonoren Bass und einen Moment später eine heiter gestimmte Biene – wenn ich die Augen öffnete, wüsste ich sogar, wer wer ist …
Vielleicht bin ich aber auch einfach mit meinen Kräften am Ende.

Nichtsdestotrotz: Ich habe meine erste Yoga-Stunde überstanden. Ohne Zittern, Keuchen und Weinen! Diesen Angang noch weitere 26 Wochen lang auf mich zu nehmen, wird mich hart ankommen, soviel ist mir klar. Aber ich glaube, das ist es wert.
Ich beginne, die ersten anatomischen Vokabeln nachzuschlagen. Und wer hätte gedacht, dass „pouce“ auch „großer Zeh“ heißen kann?

Ich hätt‘ getanzt …

Bei der Lektüre eines Beitrages auf Meine Drogenpolitik hab ich mich erinnert, wann und unter welchen Umständen ich zuletzt getanzt habe …
Eigentlich ging es um bei dem Text um Erfahrungen mit dem Konsum von Ecstasy – ein Thema das mich lediglich in Hinblick darauf interessiert, was Menschen sich alles trauen, mit sich anzustellen. Ich hab ja so schon meine liebe Not damit, mit einer etwas „strubbeligen“ Gehirnchemie klarzukommen …
Aber am Rande ging es eben auch ums Tanzen.

img_8243-q-webIch habe immer wahnsinnig gerne getanzt. Standard und Latein (da steh ich zu: ich liebe Wiener Walzer!), Rock’n‘ Roll, Improvisationstanz, Flamenco und viel viel orientalischer Tanz. Oder einfach abzappeln …
In meinem jetzigen Leben weiß ich gar nicht, wie viele Autostunden die nächste Diskothek weg wäre. Und ob es dort Ü50 Parties gibt. So oder so trifft man Bauern recht selten des nachts beim Abfeiern an …
Vor allem aber würde mich vermutlich schon eine kleine Schlange am Eingang wirksam in die Flucht schlagen. Ich kann Menschenansammlungen nicht gut ertragen. Schon gar nicht in geschlossenen Räumen.
Im Allgemeinen vermiss ich nix. Wenn ich Lust hab, tanz ich in der Küche.

Keine Ahnung, was mich geritten hat, als mir auf dem Plakat für eine Feier im Nachbardorf das Stichwort „Batucada“ ins Auge sprang …
Batucada ist Samba. Die Sorte, bei der ganze Truppen von MusikerInnen und TänzerInnen durch die Straßen ziehen. Wenn eine richtig gute Sambatruppe Vollgas gibt, dann ist das, wie wenn ein großer Chor das tut: Da macht man sich fast in die Hose.

Die Menschenmengen, in die man auf den hiesigen Dorffesten geraten könnte, sind – nun ja – überschaubar … am meisten knubbelt es sich bei den Petanque Turnieren … Dennoch sind solche Veranstaltungen für mich sehr anstrengend. Man wird gesehen, beobachtet, eingeschätzt. Womöglich muss man Smalltalk halten, was ich schon furchtbar finde, wenn ich die Sprache beherrsche. Mein Französisch ist immer noch auf einem Niveau, das Gesprächsversuche schnell versanden lässt – dann hab ich sie zwar hinter mir, aber es ist peinlich. Ich muss schon einen ziemlich guten Tag haben, um mir das anzutun.

Aber ich wollte diese Batucada-Truppe sehen!
Wie sich zeigte, wurde das Musikprogramm von der dörflichen Musikschule organisiert und auch dargeboten und so haben wir zunächst einigen angehenden Gitarristen und Pianisten im Teenager-Alter sowie einem Laienchor gelauscht. Auch die ersehnte Batucada-Truppe hatte deutlich Anfänger-Niveau. Aber Spaß! Und im Finale haben die Leute Gas gegeben, so gut das eben ging! Das reicht, damit die Füße ein Eigenleben entwickeln und man auf den Oberschenkeln trommeln muss.
Und was ich eigentlich erhofft hatte, ist geschehen: Eine kleine Handvoll von Frauen ist aufgestanden und hat getanzt. Keinen brasilianischen Samba, einfach so …
Und ich hab mich einfach so dazugesellt – auf meinem Stuhl hätte man mich anbinden müssen.
Ich kann auch keinen Samba, aber die Bewegungen sind denen des orientalischen Tanzes recht ähnlich, alles ist sehr vertraut. Und der Rhythmus ist zwingend. Man muss nichts tun, einfach nur die Kontrolle vom Kopf an die Füße übergeben.
Es war ein kurzer, aber wunderbarer Moment: Wenn ich tanze, ist alles richtig! Es stört mich nicht, unter Menschen zu sein, auch wenn es vielleicht zu laut und zu voll ist. Ich muss mich nicht bemühen, normal zu wirken, ich bin richtig.

Wenn ich tanze, bin ich ganz und gar bei mir. Kein Grund, vor irgendetwas Angst zu haben.
Vielleicht sollte ich doch häufiger auf Dorffeste gehen …

Jetzt ist jetzt!

Es fällt mir generell schwer, negative Gefühle loszulassen: Hat mich etwas oder jemand verärgert, kann ich stunden-, ja tagelang darauf herumkauen und innere Dialoge führen. Und mir damit ganz wunderbar den Tag versauen.
Neulich, als es wieder einmal „soweit“ war, ist mir immerhin selber aufgefallen, daß es eigentlich ein sonniger Vormittag war und ich bis dahin ganz zufrieden in der Küche gesessen und Paprika geschnibbelt hatte. Für ein kulinarisches Experiment mal wieder, also etwas, das mir eigentlich Freude macht.
Daher habe ich beschlossen, mein Augenmerk einfach ganz konzentriert auf das zu richten, was bis dahin erfreulich gewesen war: Sonne, Küche, Paprika. Genauer: Sonne, in der man es draußen schon jetzt kaum noch aushält, eine erfreulich kühle Küche, ein Steinboden, der sich angenehm unter meinen nackten Füßen anfühlt, gartenfrischer, knackiger Paprika, der Duft von Knoblauch und Tomaten …
Und tatsächlich ist in meinem Kopf Ruhe eingekehrt. Es hat wieder Spaß gemacht.

Ich frage mich, ob es das ist, was mit Achtsamkeit gemeint ist und erinnere mich in diesem Moment daran, daß eine Bloggerkollegin mich schon vor Monaten gefragt hat, ob Achtsamkeitsübungen mir nicht vielleicht weiterhelfen könnten. Aber manchmal muss man das Rad einfach selbst (er)finden und sei es ein noch so kleines Rädchen …

Ich beginne also, (zugegeben: nicht wirklich planvoll) zu recherchieren.
So ganz ohne Misstrauen bin ich nicht – ich halte durchaus für möglich, dass Achtsamkeitsübungen die Chiasamen der Befindlichkeit sind … Superfood für die Psyche, das über kurz oder lang vom nächsten Wundermittel dovongehypet wird.
Aber sei’s drum: Versuch macht kluch!
Achtsamkeit, so lerne ich, ist eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit, die sich auf den Moment bezieht, ohne jedoch zu werten.
Auf den Moment, nicht auf Vergangenheit oder Zukunft – das klingt schonmal brauchbar. Achtsamkeit soll uns lehren, im Hier und Jetzt zu leben, gelassener zu werden. Perfekt! Nehm ich!

Was für mich zunächst einfach wie eine erstrebenswerte (Lebens)Haltung klingt, geht allerdings mit Meditationseinheiten oder mindestens Übungen einher. Idealerweise unter Anleitung.
Was ich durchaus verstehe: Bis heute erinnere ich mich an die Stimme unseres Betreuers in der Tagesklinik, der die progressive Muskelentspannung nach Jacobson angeleitet hat. Er hat immer gesagt, seine Anleitung spiele gar keine Rolle, wir müssten lernen, das allein und für uns selbst zu tun. Ich hab mir dann auch alle Mühe gegeben, aber sonderlich weit bin ich damit nicht gekommen.
Ich denke auch dankbar an Frau „locker und gelö*t“ zurück, bei der ich autogenes Training kennen lernen durfte.
Jahaha, der Spitzname ist ganz sicher despektierlich, aber ich hatte während des Trainings recht schnell den Eindruck, dass sie selbst scharfe und schneidende Laute zu vermeiden versucht hat: Deswegen haben wir uns am Ende des Trainings nie gelöst gefühlt, sondern – ehrlich, so klang das! – stets gelö*t …
Und ich hatte jedes Mal wieder Schwierigkeiten, ein Kichern zu unterdrücken …
Davon abgesehen war sie eine höchst einfühlsame Trainerin, deren Arbeit oft weit über die schiere Vermittlung von Techniken hinausging. Ich erinnere mich an eine „Sitzung“, bei der ich schlicht nicht in der Lage war, entspannt auf dem Rücken zu liegen, sondern bäuchlings Rotz und Wasser geheult habe, weil meine Mutter im Sterben lag. Es gab nicht viele Situationen, in denen ich mir das „gegönnt“ habe und die Selbstverständlichkeit, mit der sie mein Weinen hingenommen hat, hat mir damals sehr geholfen. Mit einschlägiger Literatur oder gegoogelten Anweisungen, wäre ich nicht halb – ach Quatsch! – nicht einen Bruchteil soweit gekommen.
Nun aber wird es ohne Anleitung gehen müssen.
Nicht, dass es nicht selbst hier auf dem Land das eine oder andere Coaching Angebot geben würde: Aber auch wenn ich absurd lange Anfahrten in Kauf nähme – ich verstehe nach wie vor die Sprache nicht gut genug.
Ich muss allein klarkommen, was – wenn man so will – letztlich ja sowieso Sinn der Übung ist …

Ein paar Dinge weiß ich schon: So kriege ich es zum Beispiel schlicht nicht auf die Reihe, mir regelmäßig x Minuten am Tag für mein wie auch immer geartetes Training freizuschaufeln. Selbst wenn ich den Rest des Tages grenzkomatös herumliegen sollte: Das kriege ich nicht hin. Und falls doch, gibt es ganz sicher irgendeine Störung. Mir das vorzunehmen, generiert also eher Stress.

Ich weiß ganz sicher, dass es Momente gibt, in denen ich mich mal besser nicht auf meine Atmung konzentrieren sollte. Wie man „in den Bauch hinein atmet“, habe ich zwar schon im Schulsport gelernt und meist genieße ich das Gefühl – aber angesichts einer tsunaminös heranrollenden Panikattacke zu erfühlen, ob ich womöglich gar hyperventiliere, bringt genau gar nix, versprochen.
Übungen, bei denen man den Atem einhält sind eher auch nicht meins: Da ich sowieso aufpassen muss, in angespannten Situationen nicht die Luft anzuhalten, fühle ich mich sehr unwohl dabei.
Mich mit der Frage zu befassen, was ich soeben empfinde, ist auch nicht so ganz ohne: Wenn mein Selbstwertgefühl sich gerade mal wieder schmerzerfüllt krümmt, weil sich die Erkenntnis aufdrängt, dass ich nichts, aber auch gar nichts wert bin, tue ich mir damit keinen Gefallen. Und Gefühlen wie Wut und Verletztheit widme ich sowieso schon viel mehr Aufmerksamkeit, als gut für mich ist.

Der Hinweis, dass Achtsamkeitsübungen für Menschen mit Depressionen nur bedingt zu empfehlen sind, kommt insofern nicht überraschend.

Dennoch scheint mir der Weg in die richtige Richtung zu führen und ich beginne, mir meine eigenen Achtsamkeitsübungen zu „basteln“ …
Es gibt keine Zeiten, während derer ich mich zurückziehe, um „achtsam“ zu sein – es geht mir ja auch viel mehr darum, im Leben zu bleiben.
Meine Aufmerksamkeit ist durchaus selektiv: Was ich nicht wahrnehmen kann, ohne es als unangenehm oder schmerzhaft zu werten, bleibt erstmal außen vor.
Stattdessen bemühe ich mich, offen für alle anderen Eindrücke zu sein.

IMG_16418-q-webDer Hof macht es mir leicht.
So gibt es zum Beispiel viele Gelegenheiten, in den Garten zu gehen – irgendetwas muss dort immer erledigt werden.
Das hohe Gras rauscht bei jedem Schritt, ich kann die Stellen, an denen es noch taufeucht ist, an meinen Füßen fühlen. Ich spüre Sonne und Wind und immer mal wieder Brombeerranken, die mir die Haut ritzen. Alle paar Meter kann ich andere Pflanzen riechen. Insekten summen, Eidechsen und vereinzelt Schlangen lassen das Laub rascheln. Meine Arme schlenkern beim Gehen. Die Kante der Kastanienkiste, die ich mitgenommenen habe, schneidet mir in die Handfläche. Nach einigen Metern kann ich fühlen, wie meine Mundwinkel sich entspannen.
Ich kann fühlen, wie ich mich entspanne.

Natürlich drängeln sich ab und zu Gedanken in den Vordergrund: Idealerweise Ideen für’s Abendessen oder für Blogtexte, aber – wie sollte es anders sein – auch mein Ärger.
Das menschliche Bewusstsein sei, hab ich gelernt, wie der Ozean, es schwappe halt ständig hin und her. Ein schönes Bild, fand ich. Weiter unten, in der Tiefe, sei es ruhig … aber so weit bin ich hier noch lange nicht. „Jetzt ist jetzt“ sage ich mir dann. Der Auslöser meines Ärgers ist Vergangenheit, ob er sich beheben lässt, merke ich in der Zukunft, aber jetzt geh‘ ich in den Garten!

Sollten angesichts dessen die Achtsamkeitscoaches dieser Welt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, erkläre ich hiermit meinen Weg in den Garten zur traditionellen cevenolen Schlendermeditation. Mir tut die gut.

To be continued …

Distanz und Nähe

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immer noch der Frage auf der Spur, warum es mir hier so viel leichter fällt, in die Gänge zu kommen …

Bei umfangreichen Aktivitäten werde ich häufig gar nicht erst eingeplant: Man weiß ja nie, ob ich am nächsten Tag tatsächlich einsatzfähig sein werde, ich halte nicht immer mehrere Stunden lang durch und für viele der anfallenden Tätigkeiten fehlt es mir an den nötigen handwerklichen Fähigkeiten, oder schlicht an Körperkraft. Klingt frustrierend und ist es auch.
Aber let’s face it: allein der Gedanke an eine größere „Baustelle“ kann mich morgens so dermaßen überfordern, dass ich gar nicht erst aus dem Bett komme.

Ich zeichne also eher für das Kleinklein verantwortlich.
Nicht, dass das nicht ebenso existenziell wäre …
Das scheint mir ein ganz deutlicher Unterschied zu meinem bisherigen Leben zu sein – da gab es deutlich mehr Dinge, die ich nach dem Motto „kommste heut nicht, kommste morgen“ angehen konnte.
Im Winter zum Beispiel ist es nicht wirklich eine gute Idee, den Küchenofen ausgehen zu lassen. Klar kann man ihn jederzeit wieder einheizen, aber das ist viel mehr Arbeit und in der Zwischenzeit kühlt das ganze Haus aus. Gerade an Tagen, an denen es mir schwerfällt, den Weg nach draußen zu finden und körperlich zu arbeiten, bin ich aber die erste, die friert …
Oooookay, niemand wird erfrieren, wenn ich das nicht auf die Reihe kriege, aber mir ist es wichtig. Also raus aus dem Bett!
Da der Weg in die Küche über den Hof führt, ist Anziehen unabdingbar – das wäre also auch erledigt.
Sollte ich widrigerweise die Asche wegbringen, oder neues Holz holen müssen, komme ich geradewegs auf dem Hofgelände herum. Und stolpere spätestens dann über ein Hundekind, das sich nicht nur bannig freut, mich nach der nächtlichen Trennung endlich wiederzusehen, sondern auch ganz dringend sein Frühstück haben möchte.
Aus dem Augenwinkel sehe ich die Tomatenpflänzchen dastehen … die müssen tagsüber nach draußen …
Und so reiht sich eine Kleinigkeit an die andere.
All diese Aktivitäten sind lächerlich geringfügig – die Konsequenzen, wenn sie unerledigt bleiben, sind es jedoch nicht.
Oft genug nehme ich mir vor, nur schnell Holz in den Ofen zu legen und vielleicht eine Tasse Tee zu trinken und dann SOFORT zurück ins Bett zu flüchten.
Und dann regnet es und das Hundekind mag nicht alleine draußen bleiben, alleine in der Küche kann ich sie aber auch nicht lassen, also mach ich mehr Tee, lese schonmal meine Mails, räume, weil ich sowieso in der Küche bin, die Spülmaschine aus undsoweiterundsoweiterundsoweiter …
Und wupp! ist Mittag!

Die anschließende Siesta kann ich dann zwar durchaus brauchen, sie bringt aber auch eine Hürde mit sich: Aufstehen die Zwote …
Andererseits beginnt hier der Zielanflug auf das Abendessen: Idealerweise soll um 19:00 Uhr gegessen werden, also muß ich spätestens um 18:00 Uhr in der Küche sein und sollte vorher nach den Schafen und Ziegen geschaut, den Hund bespaßt, die Tomatenpflanzen reingeholt, die Wäsche abgehängt haben undsoweiterundsoweiterundsoweiter …
Der Hund mag ein „tut mir leid, wir holen das morgen nach, versprochen!“ noch gelten lassen, ein Schaf, das eine Nacht lang im Zaun oder in den Brombeeren festhängt, leidet Qualen, die Tomatenpflanzen werden sich von einer kalten Nacht womöglich nie wieder erholen und Wäsche, auf die es nachts geregnet hat, duftet zwar wunderbar, braucht aber ewig, bis sie dann trocken ist.

Was mir die Sache sehr erleichtert ist die Tatsache, dass der ganze Hof quasi erweiterte Wohnung ist. Das Verlassen der Wohnung, die „Gefahr“, auf andere Menschen zu treffen, der Druck, dann normal wirken zu müssen, war immer eine große Hürde. Die fällt hier weitgehend weg.
Schwierig wird es, wenn ich versuche, einzelne Arbeiten ganz geschickt miteinander zu verbinden: Da ich dann Entscheidungen treffen muss, passiert es mir schnell, dass ich mehr Zeit mit dem Ersinnen total effizienter Abläufe verbringe, als mit deren tatsächlicher Erledigung.
Aber auch hierfür gibt es einfache Lösungen: Wenn ich nicht so sehr nachdenke, was ich alles erledigen muß, sondern einfach meine Augen offen halte, kann ich lauter klitzekleinen Tätigkeiten folgen wie einer Krümelspur. Ich erledige einfach das Nächstliegende.
Vieles wird auch gar nicht entschieden, sondern ist gesetzt: Etliche Arbeiten fallen zu bestimmten Jahreszeiten an, werden vom Mondkalender empfohlen, gehen mit den Bedürfnissen der Tiere und Pflanzen einher. Häufig hängt die Entscheidung, was nun sinnvollerweise zu tun ist, ganz platt vom Wetter ab.
Mein persönliches Motto ist darüber hinaus „immer erst die Lebenden!“.
Heißt, ich kümmere mich im Zweifel zuerst um die Tiere, dann um die Pflanzen und anschließend um alles weitere.
Ich habe Sorge, an dieser Stelle ins Schwärmen und Romantisieren zu verfallen, aber es ist tatsächlich ein Leben und Arbeiten, das sich sehr am Rhythmus der Natur orientiert. Am Puls des Lebens sozusagen.

Zu begreifen und zu akzeptieren, dass hierzu auch das Sterben auf eine ganz andere Art und Weise gehört, als ich das bisher gewohnt war, ist mir sehr viel schwerer gefallen.
Ich meine das Sterben unserer Tiere.
Bis vor kurzem kannte ich Haustiere, die innig geliebt und im Todesfalle aufrichtig betrauert werden. Und anonyme Nutztiere, deren Tötung wie selbstverständlich zu ihrer Nutzung gehört.
Unsere Weidetiere sind Nutztiere: Sie halten das Gelände frei. Aber obwohl die wenigsten von ihnen einen Namen haben, sind sie nicht anonym. Anhand ihres Aussehens, ihres Charakters und ihrer Fähigkeiten kann man sie sehr wohl voneinander unterscheiden. Und wir töten sie nicht: Unsere Tiere dürfen eines natürlichen Todes sterben.
Das allerdings tun sie schneller und häufiger, als ich das naiverweise erwartet hatte.
Lämmer, die in ihrer ersten Nacht der Fuchs holt, Zicklein, die zu früh und zu schwach geboren werden, Schafe, die chronischen Organ-Erkrankungen erliegen …
Für mich ist das die Kehrseite des aufrichtigen Vergnügens, das mir der Umgang mit unseren Schafen und Ziegen macht: In aller Regel bin ich es, die sich um sie kümmert, auch dann, wenn es schwierig und traurig wird.
Besonders getroffen hat mich das Schicksal einer unserer Ziegen, einer erfahrenen Mutter, die ich sehr mochte, weil sie so freundlich, zutraulich und unkompliziert war. Ich konnte meine Sorge gar nicht begründen, hatte nur die vage Idee „irgendwie gefällt die mir nicht so recht …“ und habe gemutmaßt, dass sie vielleicht um eine ihrer Töchter trauert, die kürzlich bei einer Zwillingsgeburt verstorben war.
Ein paar Tage später hab ich sie im Stall gefunden: Sie hatte ebenfalls Zwillinge geboren und diese auch versorgt, muß dann aber gestorben sein. Und mit ihr die Zicklein.
Es hat sich angefühlt, als würde etwas in mir in sich zusammensacken. „Da kann man gar nichts mehr machen“ hab ich gedacht – von jetzt auf gleich war dieses Leben ganz unabänderlich zu Ende, ohne dass ich auch nur eine Chance gehabt hätte, irgendetwas zu unternehmen. Natürlich hätte ich auch nicht viel tun können, wenn ich das Problem rechtzeitig erkannt hätte, aber ich hätte es wenigstens versuchen können. Ich hätte alles versucht!
So bleibt mir nur, das naheliegende zu tun: um die Ziege und ihre Kinder weinen, sie noch einmal streicheln … und dann die toten Körper wegbringen, damit sie keine Raubtiere zu den Lebenden locken.
Meiner Krümelspur weiter zu folgen.

Nur ein Tier, nur eine Ziege …
aber der Rhythmus der Natur, der Puls des Lebens würde auch in jedem anderen Falle weiter schlagen. Nicht mehr ganz so idyllisch anmutend, sondern eher unbarmherzig, aber weiter, immer weiter …
Vielleicht aber auch tröstlich: es geht trotz allem weiter
Und ich mit.

To be continued …