Therapiehund

Oskar wurde nicht „angeschafft, weil Hunde depressiven Menschen gut tun“ .
Dennoch hat er sich den Job ganz eigenständig an Land gezogen und macht ihn ausgesprochen gut – wenn auch nicht ganz so, wie der gängige Ratschlag es vorsieht …

Ob ich einen richtig schlechten Tag habe, scheint er noch vor mir zu wissen: Wenn ich es schaffe, ein Auge aufzumachen, liegt er schon dicht neben meinem Bett (wozu er sonst eher nicht neigt) und mag auch dann dort bleiben, wenn er Gelegenheit hätte, nach draußen zu gehen. Er schläft.
Es ist genau dieses völlig entspannte Bei-mir und Für-mich-da sein, das mir gut tut: Kein besorgter Blick, kein „Es ist 9:00 (11:00, 15:00) Uhr! Willst Du nicht doch mal versuchen, ob Du aufstehen kannst?“.
„Du bleibst liegen? Dann schlaf ich noch ne Runde!“ …

Auch wenn es mir irgendwann gelingt, aufzustehen, bleibt er stets in meiner Nähe.
Dass die Gassigänge an solchen Tagen ultrakurz sind, scheint den bewegungsfreudigen Workaholic nicht weiter zu stören.
Bei einem Seminar zum Thema „Depressionen beim Hund“ (auch die gibt’s) hab ich vorsichtshalber den Dozenten gefragt, ob ich meinem Hund möglicherweise Schaden zufüge, ob der vielleicht einfach resigniert.
Ein zugewandter, initiativer Charakter wie Oskar, meinte er, ließe sich von meiner Stimmung nicht anstecken – der würde die aussitzen. Nun: Ausliegen …

Meine erste Amtshandlung wenn dann wieder irgendwas geht, ist natürlich eine gemeinsame Unternehmung!
Hundebegegnungen, die immer ein wenig heikel sind, werden schwieriger, wenn es mir nicht gut geht. Da ich in diesen Phasen aber sowieso in möglichst einsame Gegenden ausweiche, fällt das nicht allzu sehr ins Gewicht.
Seine Jagdpassion dagegen, die sonst meine ungeteilte Aufmerksamkeit oder aber eine Leine erfordert, läßt extrem nach: Offenbar hat er nicht den Eindruck, er könne mich grade mal für ein paar Minuten allein lassen …

Sofern es ihm irgend möglich ist, übernimmt er die Führung, wenn er merkt, dass ich Angst habe. Am deutlichsten sieht man das in den Bergen: Normalerweise ist er ein großer Stöberer und Jeden-Meter-drei-Mal-Raser, wenn sich aber meine Höhenangst „meldet“, ist er plötzlich ganz bei mir. Dann läuft er ein paar Meter, schaut sich nach mir um und wartet, dass ich nachkomme. Gegebenenfalls kommt er zu mir zurück und „holt“ mich.
Und tatsächlich habe ich mit seiner Hilfe schon mehr als eine Passage bewältigt, während derer ich ansonsten in bewährter Manier festgefroren wäre.
Ist die Wackelpartie überstanden, ist mein Hund wieder auf und davon …

Panikattacken überfordern ihn. Er hat jedoch beobachten können, dass es Menschen gibt, die mir in solchen Momenten helfen können. Also wendet er sich an sie: Stupst sie an und fordert Hilfe ein.

Am meisten beeindruckt mich jedoch, dass sein Verhalten beim gemeinsamen Spiel sich verändert.

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„Angeberball“ ist ein Spiel, das Oskar mir beigebracht hat: Monatelang hab ich mich darüber geärgert, dass er ein bestimmtes Spielzeug (einen Ball an einer Schnur) einfach nicht apportieren wollte. Stattdessen ist er laut knurrend damit im Kreis herumgerannt, hat es sich um die Ohren geschlagen, oder mit herausforderndem Blick darüber gestanden (also damit angegeben wie eine Tüte Mücken), um bei meiner Annäherung gleich wieder wegzuspringen. Da konnte ich schimpfen oder locken soviel ich nur wollte, ihn mit der Schleppleine zu mir dirigieren oder völlig frustriert davonstapfen. Nichts half.
Bis ich endlich begriffen habe, dass er mir ein Spiel angeboten hat: Ich sollte mit ihm rennen und ihm den Ball abjagen!

Natürlich hatte ich keine Chance! Er hat dann auch nur kurze Sprints eingelegt und ist anschließend wieder in meine Richtung gelaufen um mir die Chance zu geben, ihm – ebenso erfolglos – den Weg abzuscheiden. Immer ganz knapp außerhalb meiner Reichweite.
Hat er sich zwischendurch, den Ball zwischen den Vorderpfoten, hingelegt, habe ich versucht, mich rücklings anzupirschen, bin unter wüsten Drohgebärden auf ihn zu gestampft, in Vorderkörper-Tiefstellung gekrochen oder johlend und winkend losgerannt. Immer wenn ich den Ball beinahe hatte, war mein Hund wieder auf und davon. Zufällige Beobachter mögen sich ihren Teil gedacht haben …
Ich kann das Spiel beenden, indem ich ihm ein „Sitz“-Signal gebe, aber meist toben wir herum bis er beschließt, ich dürfe den Ball jetzt zur Abwechslung auch mal werfen.
Die pädagogische Sinnhaftigkeit mag diskutieren, wer will: Wir haben einen Mordsspaß dabei!

Das Spielen mit meinem Hund hilft mir besonders an solchen Tagen, an denen ich mich mit diffusen Ängsten herumschlage. Zwar bewege ich mich langsam und kann nur sehr begrenzt den Kasper machen, aber ich merke, dass es mir gut tut. Und ich erwische den Ball!

IMG_1141-q-webAn richtig miesen Tagen lässt mein Hund mich gewinnen!
Ich bin schon lange überzeugt, dass Hunde „Erfolg“ kennen, dass sie stolz sind und sich freuen, wenn sie etwas richtig gut hingekriegt haben – auch ohne Rückmeldung durch Lob oder Belohnung.
Dass Oskar augenscheinlich zu der Annahme in der Lage ist, auch ich werde mich freuen, wenn es mir denn ausnahmsweise einmal gelänge, ihm den Ball abzuluchsen, und dass er mir die Freude tatsächlich macht, haut mich – ehrlich gesagt – um.

Mir tut mein Hund gut!
Aber nicht, weil seine hundlichen Bedürfnisse mich aus dem Haus zwingen (im Gegenteil, er stellt sie ja für mich zurück), sondern weil er tatsächlich in der Lage ist, meine Bedürfnisse zu erspüren. Und sie erfüllt, so gut er kann.
Dafür bin ich dankbar. Sehr dankbar.

Das indische Sofa

Nein, ich habe während meiner Therapie nie auf der Couch gelegen.
Es stand eine im Raum, aber wir haben einander immer in Sesseln gegenüber gesessen.
Bei dem Sofa ging es um meinen beständigen Kampf gegen meine Erkrankung.
Denn gekämpft habe ich!

Seltsam … man hört nie, jemand habe gegen die Masern angekämpft. Oder gegen seinen Herzinfarkt. Die hat man einfach. Die übersteht man, oder auch nicht. Von Kampf ist nur bei Krebs die Rede, als sei es ein persönlicher Verdienst, diesen zu überleben. Und eine Niederlage, es nicht zu tun.

Und bei Depressionen. Ich jedenfalls fand, dass dagegen angekämpft gehört!
Man hat mich vielleicht nicht so kämpfen sehen, wenn ich mal wieder stundenlang bewegungslos dasaß, aber ich habe mich bemüht, wahnsinnig bemüht, in Bewegung zu kommen.
Und ich bin wieder und wieder mit zusammengebissenen Zähnen gegen meine Ängste angerannt.

Wenn ich Situationen noch irgendwie aushalten konnte, ohne völlig zusammenzubrechen, dann hab ich das durchgezogen. Und wenn ich doch zusammengeklappt bin, dann war das eben so.
Jadochja, das hat meinen Aktionsradius vergleichsweise groß gehalten. Aber der Preis war auch entsprechend hoch.

Da ist sie dann regelrecht grob geworden,  die kleine Inderin.
„Wenn es Ihnen so schlecht geht, dann legen Sie sich verdammt noch mal hin und seien Sie krank!“. Ich bin mir sicher, sie hat tatsächlich „verdammt“ gesagt …
Und, dass ich so lange liegen bleiben möge, bis ich Lust hätte, wieder aufzustehen.

Ganz ehrlich, ich fand ihren Rat unseriös. Gefährlich.
Wäre ich zu diesem Zeitpunkt nicht schon einige Zeit ihre Patientin gewesen, ich hätte ihn ganz sicher nicht befolgt.

IMG_12508-q-webSo jedoch habe ich das Experiment gewagt:
Ich bin morgens (okay, eher mittags) vom Bett bis zum Sofa geschlufft und hab den Fernseher angemacht. Zu meiner Ehrenrettung: Talkshows bei RTL habe ich immer gemieden! Aber ich habe sehr genau gewusst, wann auf welchem Sender welche uralte Serie wiederholt wurde und bin auch vor „unsere kleine Farm“ nicht zurückgeschreckt.

Irgendwann in der Nacht (wenn ich mit Star Trek und den Wiederholungen der Pathologenkrimis durch war) hab ich den Rückweg ins Bett angetreten.
Dieses Programm hat sich gar nicht mal so sehr von meinem vorherigen Tagesablauf unterschieden …
In erster Linie hab ich einfach aufgehört, mir vorzunehmen, mich jetzt mal zusammenzureißen.
Ich hab aufgehört, mich zu bemühen.

Wundersamerweise begann ich nach ca. einer Woche, mich zu langweilen. Und kleinere Aktivitäten in Erwägung zu ziehen, weil ich Lust dazu hatte.
Und so ist es mir tatsächlich gelungen, mich ganz unbeschadet wieder von meinem Lotterbett zu erheben.

Eine ganze Woche habe ich seitdem nie wieder gebraucht.
Aber wenn ich das Gefühl habe, dass es mir richtig schlecht geht, dass jetzt wirklich alles zu viel ist, dann schreibe ich mir selber eine Entschuldigung und stelle jegliche Bemühung ein. Dann bleib ich im Bett!
Mittlerweile (wenn ich Glück habe) ist „ich bleib heute im Bett!“ um 10 Uhr ausgestanden. An schlechten Tagen erst mittags. Aber es funktioniert tatsächlich, ohne dass ich kämpfe. Weil ich nicht kämpfe.

Außer vielleicht gegen die wohlmeinenden Menschen um mich herum, die nicht müde werden, mich aus meinem Bett holen zu wollen, weil das doch nicht gut sein kann …

Die kleine Inderin

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Bei meiner Suche nach therapeutischer Unterstützung habe ich großes Glück gehabt.
Nach relativ wenigen Anläufen bin ich bei einer Frau gelandet, deren Gesamteindruck – Aussehen, Kleidung, Attitüde – mir freundlich, sanft und warm erschien.

Ich hab sie nie danach gefragt, aber auf mich hat sie den Eindruck gemacht, als müsse sie indische Vorfahren haben, weswegen ich mir irgendwann angewöhnt habe, sie solchen Menschen gegenüber, die wussten, von wem ich spreche, als „die kleine Inderin“ zu bezeichnen. Das scheint mir bis heute sehr viel angemessener, als von „Frau Sowienoch“ oder „meiner Therapeutin“ zu sprechen.

Sie war warm und freundlich! Wenn sie es jedoch für notwendig hielt, wusste sie die Dinge auch ganz unsanft auf den Punkt zu bringen: Knochentrocken, schonungslos und überaus treffend.
Ich erinnere mich an ein Gespräch, in dessen Verlauf ich ihr erklärt habe, ich wolle mit meiner Erkrankung niemandem lästig fallen. Auch meinen Freunden und meiner Familie nicht.
An dieser Stelle hat sie mich ganz freundlich und verständnisvoll angeschaut und mit ihrer sanften Stimme gesagt: „Dann bringen Sie sich am besten um!“ …
Ich hab geschluckt. Schwer geschluckt. Bevor ich dann doch losgelacht habe …

Keine noch so wortreiche und liebevolle Erläuterung der Tatsache, dass ich gar keine andere Wahl habe, als mich der Welt so zuzumuten, wie ich nun mal bin, hätte jemals so eindrucksvoll und nachhaltig sein können!
Ich habe diesen explizit freundlichen und verständnisvollen, tatsächlich aber eher verschmitzten Blick noch häufiger gesehen …
Und mir noch etliche sehr trockene Kommentare angehört.
Für mich hat das gepasst.

Je nachdem, welches Thema wir gerade „auf dem Zettel“ hatten, bin ich unter großen Ängsten zu meinen Terminen gereist (das ist ähnlich, wie beim Zahnarzt: Man fürchtet zwar, dass es wehtun wird, aber man weiß auch, dass man da jetzt durch muß). Manchmal hatte ich vorher überlegt, worüber ich gerne sprechen würde und habe dann doch etwas ganz anderes erzählt. Manchmal habe ich auch einfach nur losgeweint. Es war immer in Ordnung wie es war.

Ich habe während meiner Therapie viele Dinge für mich klären können und einiges über mich gelernt, aber ich glaube, einer der wichtigsten Punkte war tatsächlich der, dass es eine Anlaufstelle für mich gab, die – ganz egal, was gerade los war – für einen Moment Ruhe und Klarheit brachte.
Mein Leben war nach 50 Minuten Gespräch natürlich nie besser als davor, aber ich konnte es für diesen Moment gefasster betrachten. Manchmal sogar mit einem Lachen.

Vom Suchen und Finden von Hilfe

Man muss kein fettes psychisches Problem haben, um therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

IMG_11693-q-webPsychotherapeuten können Hilfestellung bei schwierigen Lebensentscheidungen bieten, Menschen bei der Aufarbeitung schmerzhafter Erinnerungen unterstützen, ihnen helfen, sich selber besser zu verstehen, liebevoll und achtsam mit sich umzugehen. Für mein Empfinden ist die Hemmschwelle, sich helfen zu lassen, viel viel höher, als es für die meisten von uns förderlich ist.

Man benötigt allerdings ein fettes psychisches Problem, um das nötige Durchhaltevermögen für die meist monatelange Wartezeit auf einen Termin zu entwickeln.

Es ist verrückt: Dass Therapeut/Therapeutin und Methode zum erkrankten Menschen passen müssen, ist meines Wissens unumstritten. Dass beide es auch „miteinander können“ müssen, kann sich jeder Depp an den Fingern einer Hand abzählen. Trotzdem kann man im „richtigen Leben“ froh sein, wenn man nach einigen Monaten einen Termin bei irgendeinem Therapeuten bekommt. Daraus muss dann natürlich nicht zwingend etwas werden. Der Therapeut entscheidet, ob sein Gegenüber seiner Meinung nach therapiewillig und -fähig ist. Und ob es „passt“.

So kann es einem psychisch kranken Menschen, der nach Hilfe sucht, tatsächlich passieren, dass nicht einmal sein potentieller Therapeut Lust hat, sich mit ihm und seinen Problemen zu befassen!
Objektiv mag sich das anders darstellen: Ganz bestimmt kann ein Therapeut einschätzen, ob er einem Patienten helfen können wird, oder eher nicht. Und natürlich handelt er nur verantwortlich, wenn er diesen zu einem Fachkollegen schickt.

Nur, dass das „Schicken zum Fachkollegen“ ein Zurückschubsen in die Warteschleife ist: Telefoniere Dich weiter durch die Liste und warte weitere x Monate, bis Du einen neuen Termin hast.

Und mehr als das: Einem psychisch kranken Menschen, der den Mut gefunden hat, sich helfen lassen zu wollen, zu signalisieren „Du bist nicht einmal dafür gut genug“ (und genau so kommt die Nachricht an!) schubst diesen womöglich an einen Punkt zurück, von welchem aus er gar keine Hilfe mehr suchen mag.

Diejenigen unter uns, die akut suizidgefährdet sind, können sich selbstverständlich jederzeit an die psychosomatische Ambulanz wenden. Aber muss ich mich denn, verdammt noch mal, gleich ernsthaft umbringen wollen, um zeitnah Hilfe zu bekommen?

Schaffen Sie sich doch einen Hund an!

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Der Ratschlag „Schaffen Sie sich doch einen Hund an!“, muß von einem Menschen stammen, der keine Depressionen hat. Oder keinen Hund.

Die Anwesenheit eines Hundes (oder auch einer Katze) tut gut, keine Frage!
Weil sie völlig vorbehaltlos und ohne Wertung ist.
Mein Hund mag es langweilig finden, wenn ich den halben Tag im Bett liege, aber er findet es blöd. Nicht mich. Es stört ihn überhaupt nicht, wenn ich mich nicht zum Duschen aufraffen kann. Er hält es auch nicht für bedenklich, dass ich mich so einigele.
Er ist einfach da, leistet mir Gesellschaft, kuschelt mit mir und leckt mir gelegentlich über die Nase.
Soweit alles schick.

Aber er soll ja auch dafür sorgen, dass ich regelmäßig an die frische Luft komme. Bewegung habe.
Okay, wer keinen Garten hat, schafft es irgendwie bis vor die Haustür damit der Hund sich lösen kann. Oder schlufft mal um den Block. Natürlich ist der ausgedehnte Spaziergang in der Natur viel besser für Mensch und Hund, aber an schlimmen Tagen reicht es dafür einfach nicht.
An diesen Tagen läuft der Ratschlag ebenso ins Leere, wie der, zu joggen – nur, dass den kein Hund ausbaden muß.

Zu zwischenmenschlichen Kontakten soll er mir auch verhelfen.
Ganz ehrlich: Den Menschen, der mir vom Horizont aus zuruft, sein Hund wolle nur spielen, will ich überhaupt nicht kennenlernen! Mir wäre im Gegenteil sehr geholfen, wenn er und sein Hund mal fix aus meinem Leben verschwänden.
Und ich mag mich auch nicht zwingend mit jedem, in den ich aus Versehen reinrenne, über die gravierenden Fehler unterhalten, die ich seiner Meinung nach bei der Erziehung meines Hundes mache.

Mit einem souveränen, pflegeleichten Hund kommt man auch an schwierigen Tagen recht gut durch die Welt.

Und ganz manchmal werden Hunde so geboren. Bei den meisten jedoch steckt sorgfältige und liebevolle Erziehung dahinter.
Welpen sind unfaßbar niedlich, sie erobern Herzen im Sturm, sie sind aber auch selbst noch sehr bedürftig. Und das rund um die Uhr. Und kaum hat man sie nach ein paar Monaten aus dem Welpenalter raus, kommen sie auch schon in die Pubertät und treiben ihre Besitzer schier zur Verzweiflung. Die gute Nachricht: Mit 3 bis 4 Jahren ist ein Hund geistig ausgereift und kann dann tatsächlich ein allzeit verlässlicher Begleiter sein.

Wer einen „second hand“ Hund zu sich nimmt, erspart sich die ersten, turbulenten Jahre und tut gleichzeitig etwas Gutes. Selbst wenn einem bewusst ist, dass man dem Hund keine ganz optimalen Bedingungen bieten kann: Besser als im Tierheim oder gar in der Tötungsstation geht es ihm auf jeden Fall!
Und natürlich kann man sie hier finden: Hunde, die trotz ihrer Vorgeschichte souverän, unkompliziert und einfach nett sind.
Die meisten landen allerdings deswegen im Tierheim, weil ihre Vorbesitzer genau diese Eigenschaften bei ihnen vermisst haben. Und ein Hund aus einer Tötungsstation leidet unter Umständen an Traumata, gegen die die eigene Angststörung ein Niemand ist.

Wer einen Hund besitzt, der angesichts anderer Hunde senkrecht in der Leine steht, ist einem sozialen Druck ausgesetzt, der selbst bei psychisch absolut stabilen Menschen dazu führen kann, dass sie es vorziehen, ganz früh morgens oder nach Einbruch der Dunkelheit Gassi zu gehen.
Wessen Hund nicht allein bleiben kann, kommt auch nicht häufiger vor die Tür – jedenfalls nicht mehr ohne Hund.

Und immer dann, wenn der Mensch sogenanntes Problemverhalten seines Hundes ganz bestimmt nicht brauchen kann, weil es ihm gerade selber dreckig geht, werden Stimmungsübertragung und die Sensibilität des Hundes für das Gegenteil sorgen: Ein Hund, der dazu neigt, Ressourcen wie „mein Revier“ und „mein Mensch“ zu verteidigen, wird das umso heftiger tun, je schutzbedürftiger ihm sein Mensch scheint. Ein ängstlicher Hund, dessen menschlicher Bodyguard erkennbar schwächelt, ist seinen Ängsten sehr viel stärker ausgesetzt.

Die Erkenntnis, bei der Erziehung des eigenen Hundes wohl den einen oder anderen Fehler gemacht zu haben, verschont keinen Hundebesitzer, der einigermaßen ehrlich mit sich selber ist. Wenn das Selbstwertgefühl aber sowieso schon am Boden ist, tut sie umso weher.

Die Notwendigkeit, sich abzugrenzen („Nein, mein Hund möchte nicht gestreichelt werden, der darf kein Leckerchen haben und der will auch jetzt nicht spielen!“) kann eine permanente Überforderung darstellen.

Und am schlimmsten – jedenfalls für mich – ist das schlechte Gewissen wenn ich wieder einmal das Gefühl habe, meinem Hund nicht gerecht zu werden.

Schaffen Sie sich also keinen Hund an?
Was soll ich sagen?
Während ich dies schreibe, liegt der meine neben mir und pennt …

Das Leben mit Hund ist immer auch eine Chance:
Wer sollte einen Hund mit Ängsten besser verstehen, als ein Mensch, der das selbe Problem hat?
Das Leben mit einem komplizierten, unangepassten, störenden Hund ist eine Herausforderung, keine Frage, aber keine, an der man nicht auch wachsen könnte.
Wenn ich es (noch) nicht schaffe, für mich selber einzustehen, dann vielleicht für meinen Hund?

Menschen mit psychischen Erkrankungen und Hund, brauchen andere, loyale Hundemenschen.
Die auch Fehler machen, die auch manchmal an ihrem Hund verzweifeln, die sie bei Spaziergängen begleiten und die, wenn es ganz arg ist, den Hund auch mal übernehmen können.

Damit sie das Leben mit Hund auch genießen können.

Papp – O – Meter

Dass meine lieben Antidepris ganz unauffällige Nebenwirkungen hatten, ist mir erst sehr viel später klargeworden.

Serotonin-Wiederaufnahmehemmer haben keine beruhigende Wirkung, sie machen nicht langsam und tranfunzelig, sie machen ausgeglichen. Es war eine Erleichterung, nur noch bei solchen Gelegenheiten weinen zu müssen, bei denen normale Menschen das auch tun. Und vor allem: Nicht mehr bei allen Gelegenheiten, die einem mal die Tränen in die Augen treiben können.

Das gleichzeitige Ausbleiben anderer Gefühlsspitzen wie Wut, Empörung, Begeisterung, Heiterkeit ist mir nicht aufgefallen: Man merkt nicht, wann man sich nicht aufregt …
Aber vermutlich – nein, ganz sicher! – hätte ich die auch wissentlich in Kauf genommen.
Ich wollte einfach nur wieder normal sein.

Die Tabletten waren morgens zu nehmen und die Packung lag neben meinem Bett: Eine Papp-Versicherung, daß ich in der Lage sein würde, auch heute wieder am Leben teilzunehmen.

IMG_7529-q-webAn meinem Verhältnis zu dem Papp-Schächtelchen konnte ich meine psychische Stabilität ablesen: Galt ihm mein erster Blick, war ich eher wacklig. Begann ich, meine Tabletten mit Unwillen zu beäugen, kündigte sich eine gute Phase an.
Und genau so bin ich – in Absprache mit meiner Ärztin – mit der Dosierung verfahren: In guten und stabilen Phasen habe ich meine Medikamente nur mit Unmut genommen und immer mal wieder vergessen. Dann habe ich die Dosis minimiert.
Während eines Tiefs wäre mir das nie passiert. Dann bin ich je nach Situation auch bis zur Maximaldosis gegangen.

Nur sie ganz abzusetzen habe ich mich nach ein, zwei Versuchen nicht mehr getraut: Die Nebenwirkungen, die bei längerer Einnahme völlig verschwanden, setzten dann stets auf’s Neue ein. Die lästigen wohlgemerkt: Die Clown – Phase gab es nur ein einziges Mal …

Depris little helpers

Ich hör mich noch reden: „Sollte mir ein Arzt jemals mit Psychopharmaka kommen, marschier‘ ich rückwärts aus der Praxis und geh‘ da nie wieder hin!“
Es war meine felsenfeste Überzeugung, dass Psychopharmaka nur verordnet werden, um Menschen ruhigzustellen und sie daran zu hindern, ihre Probleme anzugehen statt sie zu übertünchen.

Als es dann soweit war, war ich gar nicht in der Lage, irgendwohin zu marschieren, ich hab nur dagesessen und Rotz und Wasser geheult. Und war dankbar für alles, was Abhilfe versprach.

Mit den Tranquilizern, die mir im ersten Wurf gegen die Angst verordnet wurden, war ich allerdings schnell durch: Ich kenne zwar Menschen, die damit erst in der Lage sind, morgens das Haus zu verlassen, aber mich haben sie umgehauen – ich hab nur noch geschlafen. Noch ging es mir nicht so schlecht, dass ich Koma für eine Lösung gehalten hätte.
Und zu meinem Glück war ich noch renitent genug, nicht bei einem Arzt zu verbleiben, von dem ich mich arrogant und gefühllos abgefertigt fühlte. Der mir mit einer Einweisung in die Psychiatrie gedroht hat, falls ich mit den von ihm verordneten Medikamenten nicht klarkäme.

Ich hab den Arzt also gewechselt und bin seitdem mit sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmern behandelt worden.

IMG_12501-q-web„Mother’s little helpers“ also. Deren Wirksamkeit ist, habe ich unterdessen nachgelesen, durchaus umstritten, aber das hätte mich damals nicht angefochten und tut es bis heute nicht.
Bei mir haben sie gewirkt und ich war gottfroh darüber.

In den ersten Tagen hab ich viel geschlafen und mir war schwindelig – was mich nicht weiter gestört hat, da sich an meinem Pendeln zwischen Bett und Sofa dadurch ja nicht viel geändert hat. Zu den gängigen Nebenwirkungen gehören auch Muskelzuckungen (hoppla!) und ein ständig trockener Mund (ich bin wochenlang nicht ohne Wasserflasche aus dem Haus gegangen). Und, wenn man zu den Glücklichen unter den Depris gehört: Eine leicht manische Phase.
Plötzlich war ich so aktiv, dass ich gleich ein paar Nächte durchgemacht habe. Ich war voll von heiteren Einfällen und hab gequasselt wie aufgezogen. Hatte meine Freude an meinen zuckenden Beinen und insgesamt deutlich ’nen Clown gefrühstückt. War auch irgendwie verdient nach dem ganzen Elend vorher …

Allerdings ist nach spätestens 14 Tagen zumindest der lustige Teil unwiederbringlich vorbei. Das Zucken und der Durst bleiben einem sehr viel länger erhalten.
Nach ca. 6 Wochen tritt die eigentliche Wirkung ein: Man fühlt sich normal.

Antidepressiva machen nicht glücklich! Sie machen einfach nur nicht-depressiv.
Antidepressiva versetzen Menschen in die Lage, ihr Bett zu verlassen, sich zu waschen und anzuziehen und am Leben teilzunehmen.
Das ist, soweit ich sagen kann, das einzige große Risiko, das mit ihrer Einnahme einhergeht: Antidepressiva können einen Menschen gerade soweit handlungsfähig machen, dass er seine Suizidgedanken in die Tat umsetzt.

Mich haben sie in die Lage versetzt, das Haus wieder zu verlassen. Zur Arbeit zu gehen. Meine Tage zu verbringen wie jeder normale Mensch.

Ich hab die Male nicht gezählt, die ich gefragt worden bin, ob „das“ denn sein muß, ob es denn nicht ohne gehe, ob meine Ärztin da wirklich seriös sei, ob ich keine Angst habe, süchtig zu werden …
Von den selben Menschen übrigens, denen es überhaupt keine Sorgen zu bereiten schien, wenn ich wochenlang nur unter Schwierigkeiten in der Lage war, auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen.

Lala-Farm

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Monate, vielleicht ein Jahr später zeichnete sich ab, dass Medikamente allein mir nicht würden helfen können.
Ich war einer Psychotherapie auch durchaus nicht abgeneigt – hatte ich doch schon während meines Studiums eine sehr belastende Lebenssituation mit therapeutischer Hilfe überstanden …
Aber ich hatte schlicht keine Lust, monatelang ein bis zweimal wöchentlich zur Therapie zu latschen. Ich wollte endlich wieder am Leben teilnehmen!

Also habe ich mich auf eigenen Wunsch (teilstationär) einweisen lassen – in der Hoffnung, sozusagen im Kurzwaschgang wieder auf die Beine gestellt zu werden.

Was ich stattdessen bekam, war eine Atempause.

Einmal eingewiesen musste ich nicht mehr regelmäßig glaubhaft machen, dass ich „bittebitteschickmichnichtdahin!“ arbeitsunfähig sei. Nicht, dass das mehr als eine Formalität gewesen wäre, aber ich hatte jedes Mal wieder entsetzliche Angst.
Eingewiesen ist man, bis man wieder Boden unter den Füßen hat. Wenn es soweit ist, wird man gesundgeschrieben.

Unter lauter mehr oder weniger ausgeprägt psychisch Kranken spielt der Anschein von Normalität keine große Rolle mehr. Und man spart eine Unmenge von Energie, wenn man nicht mehr versucht, gegen „Ausrutscher“ wie panisches Hyperventilieren anzukämpfen.
Es macht ja auch sonst niemand viel Aufhebens darum:
„Holmaeinernglaswasserunnenblutdruckmesser“!

Komischerweise hab ich nie hinterfragt, wozu das Wasser eigentlich gut sein soll …
Weil die Zufuhr von Flüssigkeit den Kreislauf stabilisiert? Weil man beim Trinken nicht hyperventilieren kann?
Das Blutdruckmessen als solches bewirkt natürlich nix – aber man weiß hinterher, wieviel „Umdrehungen“ man gehabt hat …

Bis dahin hatte ich mein Wissen über die Psychiatrie vorwiegend aus „Einer flog über’s Kuckucksnest“ und „Durchgeknallt“ bezogen. Und natürlich hatte ich eine Menge furchtbarer Geschichten mit dem Tenor „Hilflosausgeliefertunterdrogengesetztundniewiederrausgelassen“ gehört. Andererseits kannte ich eine Reihe von Leuten, die ihren Zivildienst im Landeskrankenhaus absolviert hatten oder als PflegerInnen dort arbeiteten, und die mir keine Unmenschen zu sein schienen.

Angst hatte ich keine. Aber beim abendlichen Zähneputzen in den Spiegel zu schauen und „morgen komm ich in die Klapsmühle“ zu denken, war deutlich keine meiner Sternstunden.

Der Großteil des Zusammenlebens in der „Klapsmühle“ spielte sich in einem großen Aufenthaltsraum ab, in dem ca. 20 Menschen die Zeit zwischen den verschiedenen Aktivitäten und Therapien herumbrachten. In meiner Erinnerung haben wir uns über lange Phasen hinweg einfach unglaublich gelangweilt. Beisammen gesessen, geplaudert, uns gegenseitig Handarbeiten oder Kartenspiele beigebracht und oft erstaunlich viel Spaß gehabt. Während eines Gruppengespräches hat der Klinikleiter einmal erklärt, auch wenn man das nicht meinen solle, wären Depressionen tatsächlich nicht ansteckend. Und so war es: In diesem geschützten Rahmen haben wir einander eher gegenseitig stabilisiert.

Und natürlich haben wir uns nicht andauernd gegenseitig die Ohren vollgeheult, wie schlecht es uns ginge! Eigentlich haben wir nur sehr wenig darüber gesprochen, warum genau jede/r einzelne da war, den „Jagdschein“ hatten wir schließlich alle.

Es gab Gruppentherapie, Ergotherapie, Ausdauersport, Entspannungstraining und Massage für die, die wollten, eine freiwillige Gartengruppe und – für mich ein großes Faszinosum: Die Kochgruppe.
Jeweils vier oder fünf PatientInnen waren eine Woche lang für die Zubereitung der Mahlzeiten (Frühstück und Mittagessen für ca. 25 Personen*) verantwortlich. Wozu neben der Planung natürlich auch der Großeinkauf im Supermarkt gehörte. In Begleitung eines Pflegers, versteht sich.

IMG_10108-q-webWas ich viel faszinierender fand, war allerdings die Tatsache, dass es jeden Mittag pünktlich genießbares bis richtig leckeres Essen gab. Nach dem Motto: Man spanne fünf nahezu Handlungsunfähige zusammen, setze sie auf eine Herausforderung an und voilà: Mittagessen!

* In den sogenannten Tageskliniken sind die PatientInnen von morgens bis nachmittags untergebracht, weswegen ein Abendessen nicht benötigt wird.
Folgerichtig trifft man hier solche Menschen, die noch in der Lage sind, sich morgens auf den Weg in die Klinik zu machen und auch die Zeit vom „Feierabend“ bis zum nächsten Morgen überstehen.

Lebenslange Freundschaften sind mir aus dem Aufenthalt in der Klinik nicht erwachsen (im „richtigen“ Leben gehen die Gemeinsamkeiten dann doch schnell verloren), aber ich habe einige der Menschen, die ich dort kennengelernt habe, sehr gemocht.

Und ich habe den Blick gemocht, mit dem wir uns selbst betrachtet haben.
Unter den PatientInnen war es üblich, die Klinik als Lala–Farm zu bezeichnen. Und sich selber als die Lalas.
Als komische, unangepasste Menschen, die merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag legen. Und das auch dürfen! Weil sie die Lalas sind …

Gemeinsam haben wir es immer mal wieder hinbekommen, über uns und unsere Schwierigkeiten zu lachen. Manchmal denke ich, dass es nicht so sehr das Therapieangebot, sondern vielmehr dieses Lachen war, das mir seitdem durch’s Leben hilft.

***

Was eine Tagesklinik nicht leisten kann: Einen Menschen heilen.

Der Aufenthalt ist auf drei Monate begrenzt, während derer eine begrenzte Zahl von TherapeutInnen und PflegerInnen sich um ca. 20 Menschen mit ganz unterschiedlichen Problemen kümmert.
Aber wenn alles gut läuft, traut man sich am Ende wieder zu, dem eigenen Alltag ohne Hilfe in die Augen zu schauen.

Die Probleme, die man dort zurückgelassen hat, erwidern den Blick gelassen.