Depris little helpers

Ich hör mich noch reden: „Sollte mir ein Arzt jemals mit Psychopharmaka kommen, marschier‘ ich rückwärts aus der Praxis und geh‘ da nie wieder hin!“
Es war meine felsenfeste Überzeugung, dass Psychopharmaka nur verordnet werden, um Menschen ruhigzustellen und sie daran zu hindern, ihre Probleme anzugehen statt sie zu übertünchen.

Als es dann soweit war, war ich gar nicht in der Lage, irgendwohin zu marschieren, ich hab nur dagesessen und Rotz und Wasser geheult. Und war dankbar für alles, was Abhilfe versprach.

Mit den Tranquilizern, die mir im ersten Wurf gegen die Angst verordnet wurden, war ich allerdings schnell durch: Ich kenne zwar Menschen, die damit erst in der Lage sind, morgens das Haus zu verlassen, aber mich haben sie umgehauen – ich hab nur noch geschlafen. Noch ging es mir nicht so schlecht, dass ich Koma für eine Lösung gehalten hätte.
Und zu meinem Glück war ich noch renitent genug, nicht bei einem Arzt zu verbleiben, von dem ich mich arrogant und gefühllos abgefertigt fühlte. Der mir mit einer Einweisung in die Psychiatrie gedroht hat, falls ich mit den von ihm verordneten Medikamenten nicht klarkäme.

Ich hab den Arzt also gewechselt und bin seitdem mit sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmern behandelt worden.

IMG_12501-q-web„Mother’s little helpers“ also. Deren Wirksamkeit ist, habe ich unterdessen nachgelesen, durchaus umstritten, aber das hätte mich damals nicht angefochten und tut es bis heute nicht.
Bei mir haben sie gewirkt und ich war gottfroh darüber.

In den ersten Tagen hab ich viel geschlafen und mir war schwindelig – was mich nicht weiter gestört hat, da sich an meinem Pendeln zwischen Bett und Sofa dadurch ja nicht viel geändert hat. Zu den gängigen Nebenwirkungen gehören auch Muskelzuckungen (hoppla!) und ein ständig trockener Mund (ich bin wochenlang nicht ohne Wasserflasche aus dem Haus gegangen). Und, wenn man zu den Glücklichen unter den Depris gehört: Eine leicht manische Phase.
Plötzlich war ich so aktiv, dass ich gleich ein paar Nächte durchgemacht habe. Ich war voll von heiteren Einfällen und hab gequasselt wie aufgezogen. Hatte meine Freude an meinen zuckenden Beinen und insgesamt deutlich ’nen Clown gefrühstückt. War auch irgendwie verdient nach dem ganzen Elend vorher …

Allerdings ist nach spätestens 14 Tagen zumindest der lustige Teil unwiederbringlich vorbei. Das Zucken und der Durst bleiben einem sehr viel länger erhalten.
Nach ca. 6 Wochen tritt die eigentliche Wirkung ein: Man fühlt sich normal.

Antidepressiva machen nicht glücklich! Sie machen einfach nur nicht-depressiv.
Antidepressiva versetzen Menschen in die Lage, ihr Bett zu verlassen, sich zu waschen und anzuziehen und am Leben teilzunehmen.
Das ist, soweit ich sagen kann, das einzige große Risiko, das mit ihrer Einnahme einhergeht: Antidepressiva können einen Menschen gerade soweit handlungsfähig machen, dass er seine Suizidgedanken in die Tat umsetzt.

Mich haben sie in die Lage versetzt, das Haus wieder zu verlassen. Zur Arbeit zu gehen. Meine Tage zu verbringen wie jeder normale Mensch.

Ich hab die Male nicht gezählt, die ich gefragt worden bin, ob „das“ denn sein muß, ob es denn nicht ohne gehe, ob meine Ärztin da wirklich seriös sei, ob ich keine Angst habe, süchtig zu werden …
Von den selben Menschen übrigens, denen es überhaupt keine Sorgen zu bereiten schien, wenn ich wochenlang nur unter Schwierigkeiten in der Lage war, auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen.

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Lala-Farm

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Monate, vielleicht ein Jahr später zeichnete sich ab, dass Medikamente allein mir nicht würden helfen können.
Ich war einer Psychotherapie auch durchaus nicht abgeneigt – hatte ich doch schon während meines Studiums eine sehr belastende Lebenssituation mit therapeutischer Hilfe überstanden …
Aber ich hatte schlicht keine Lust, monatelang ein bis zweimal wöchentlich zur Therapie zu latschen. Ich wollte endlich wieder am Leben teilnehmen!

Also habe ich mich auf eigenen Wunsch (teilstationär) einweisen lassen – in der Hoffnung, sozusagen im Kurzwaschgang wieder auf die Beine gestellt zu werden.

Was ich stattdessen bekam, war eine Atempause.

Einmal eingewiesen musste ich nicht mehr regelmäßig glaubhaft machen, dass ich „bittebitteschickmichnichtdahin!“ arbeitsunfähig sei. Nicht, dass das mehr als eine Formalität gewesen wäre, aber ich hatte jedes Mal wieder entsetzliche Angst.
Eingewiesen ist man, bis man wieder Boden unter den Füßen hat. Wenn es soweit ist, wird man gesundgeschrieben.

Unter lauter mehr oder weniger ausgeprägt psychisch Kranken spielt der Anschein von Normalität keine große Rolle mehr. Und man spart eine Unmenge von Energie, wenn man nicht mehr versucht, gegen „Ausrutscher“ wie panisches Hyperventilieren anzukämpfen.
Es macht ja auch sonst niemand viel Aufhebens darum:
„Holmaeinernglaswasserunnenblutdruckmesser“!

Komischerweise hab ich nie hinterfragt, wozu das Wasser eigentlich gut sein soll …
Weil die Zufuhr von Flüssigkeit den Kreislauf stabilisiert? Weil man beim Trinken nicht hyperventilieren kann?
Das Blutdruckmessen als solches bewirkt natürlich nix – aber man weiß hinterher, wieviel „Umdrehungen“ man gehabt hat …

Bis dahin hatte ich mein Wissen über die Psychiatrie vorwiegend aus „Einer flog über’s Kuckucksnest“ und „Durchgeknallt“ bezogen. Und natürlich hatte ich eine Menge furchtbarer Geschichten mit dem Tenor „Hilflosausgeliefertunterdrogengesetztundniewiederrausgelassen“ gehört. Andererseits kannte ich eine Reihe von Leuten, die ihren Zivildienst im Landeskrankenhaus absolviert hatten oder als PflegerInnen dort arbeiteten, und die mir keine Unmenschen zu sein schienen.

Angst hatte ich keine. Aber beim abendlichen Zähneputzen in den Spiegel zu schauen und „morgen komm ich in die Klapsmühle“ zu denken, war deutlich keine meiner Sternstunden.

Der Großteil des Zusammenlebens in der „Klapsmühle“ spielte sich in einem großen Aufenthaltsraum ab, in dem ca. 20 Menschen die Zeit zwischen den verschiedenen Aktivitäten und Therapien herumbrachten. In meiner Erinnerung haben wir uns über lange Phasen hinweg einfach unglaublich gelangweilt. Beisammen gesessen, geplaudert, uns gegenseitig Handarbeiten oder Kartenspiele beigebracht und oft erstaunlich viel Spaß gehabt. Während eines Gruppengespräches hat der Klinikleiter einmal erklärt, auch wenn man das nicht meinen solle, wären Depressionen tatsächlich nicht ansteckend. Und so war es: In diesem geschützten Rahmen haben wir einander eher gegenseitig stabilisiert.

Und natürlich haben wir uns nicht andauernd gegenseitig die Ohren vollgeheult, wie schlecht es uns ginge! Eigentlich haben wir nur sehr wenig darüber gesprochen, warum genau jede/r einzelne da war, den „Jagdschein“ hatten wir schließlich alle.

Es gab Gruppentherapie, Ergotherapie, Ausdauersport, Entspannungstraining und Massage für die, die wollten, eine freiwillige Gartengruppe und – für mich ein großes Faszinosum: Die Kochgruppe.
Jeweils vier oder fünf PatientInnen waren eine Woche lang für die Zubereitung der Mahlzeiten (Frühstück und Mittagessen für ca. 25 Personen*) verantwortlich. Wozu neben der Planung natürlich auch der Großeinkauf im Supermarkt gehörte. In Begleitung eines Pflegers, versteht sich.

IMG_10108-q-webWas ich viel faszinierender fand, war allerdings die Tatsache, dass es jeden Mittag pünktlich genießbares bis richtig leckeres Essen gab. Nach dem Motto: Man spanne fünf nahezu Handlungsunfähige zusammen, setze sie auf eine Herausforderung an und voilà: Mittagessen!

* In den sogenannten Tageskliniken sind die PatientInnen von morgens bis nachmittags untergebracht, weswegen ein Abendessen nicht benötigt wird.
Folgerichtig trifft man hier solche Menschen, die noch in der Lage sind, sich morgens auf den Weg in die Klinik zu machen und auch die Zeit vom „Feierabend“ bis zum nächsten Morgen überstehen.

Lebenslange Freundschaften sind mir aus dem Aufenthalt in der Klinik nicht erwachsen (im „richtigen“ Leben gehen die Gemeinsamkeiten dann doch schnell verloren), aber ich habe einige der Menschen, die ich dort kennengelernt habe, sehr gemocht.

Und ich habe den Blick gemocht, mit dem wir uns selbst betrachtet haben.
Unter den PatientInnen war es üblich, die Klinik als Lala–Farm zu bezeichnen. Und sich selber als die Lalas.
Als komische, unangepasste Menschen, die merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag legen. Und das auch dürfen! Weil sie die Lalas sind …

Gemeinsam haben wir es immer mal wieder hinbekommen, über uns und unsere Schwierigkeiten zu lachen. Manchmal denke ich, dass es nicht so sehr das Therapieangebot, sondern vielmehr dieses Lachen war, das mir seitdem durch’s Leben hilft.

***

Was eine Tagesklinik nicht leisten kann: Einen Menschen heilen.

Der Aufenthalt ist auf drei Monate begrenzt, während derer eine begrenzte Zahl von TherapeutInnen und PflegerInnen sich um ca. 20 Menschen mit ganz unterschiedlichen Problemen kümmert.
Aber wenn alles gut läuft, traut man sich am Ende wieder zu, dem eigenen Alltag ohne Hilfe in die Augen zu schauen.

Die Probleme, die man dort zurückgelassen hat, erwidern den Blick gelassen.