Aus dem Quark kommen und Milch kaufen

IMG_8687-q-webZu den klassischen Symptomen einer Depression gehört Antriebslosigkeit.

Ich finde Tage, an denen man zu nichts Lust hat, an denen man nicht einmal aufstehen mag, sondern sich einfach nur mopst, ganz normal. Jeder sollte sich ab und zu einen gönnen!

Es ist aber gar nicht so, dass ich keine Lust hätte: Ich kann mich nicht bewegen.

Ich liege in meinem Bett und die Decke scheint mir aus Blei zu sein: Ich komme nicht hoch. An einem „guten“ Tag döse ich einfach wieder ein. Nein, ich meine nicht das „nicht hochkommen und noch mal wegdämmern“, wenn man abends zu spät im Bett war: Das ist Verschlafen. Bei mir kann das Stunden oder ganze Tage lang dauern. „Gut“ sind diese Tage deswegen, weil ich, wenn ich schlafe, mein Elend wenigstens nicht bemerke.

An weniger guten nehme ich mir Dinge vor (den Weg vom Bett bis zum Sofa schaffen, mich waschen und anziehen) und scheitere wieder und wieder. Stunden später liege ich immer noch da.

Existenzielle Nöte wie eine volle Blase vermögen durchaus, mich in Bewegung zu versetzen. Allerdings kann es mir passieren, dass ich auf dem Klo wieder in Starre verfalle.

Alles, jede Bewegung, jeder Atemzug ist ungeheuer anstrengend.

Es fühlt sich an, als müsse ich mich durch zähen Sirup kämpfen und als läge ein Klotz auf meiner Brust, der mich am Atmen hindert.

Die Zeit verläuft anders als gewohnt.

IMG_12392-q-webWährend eines akuten Tiefs habe ich einmal zufällig auf die Uhr geschaut, als ich versuchte, mir eine Socke anzuziehen. Ich habe 10 Minuten für die linke Socke gebraucht. Wie weit ich mit der rechten gekommen bin, weiß ich nicht mehr.

Ich habe mir morgens vorgenommen, die Waschmaschine anzuwerfen und irgendwann war einfach der Tag vorbei. Nicht, dass ich mein Vorhaben vergessen hätte …, ich habe mich nur einfach nicht bewegt. Hatte nicht das Gefühl, dass hierbei viel Zeit verstrichen wäre …

Hinzu kommt, dass es schier unmöglich ist, auch nur die allerkleinsten Entscheidungen zu treffen – auch das ist charakteristisch für eine Depression.

Ich hab immer meinen Ehrgeiz darein gesetzt, meinen Alltag noch zu bewältigen. Irgendwann doch aufstehen, mich womöglich sogar waschen und anziehen …

Bei der beschriebenen Geschwindigkeit, mit der ich an solchen Tagen unterwegs bin, schon ein ziemliches Unterfangen.

An manchen Tagen bin ich regelrecht über mich selbst hinausgewachsen. Habe nicht nur das Bett verlassen, mich gewaschen, gekämmt, angezogen, sondern habe mich aus dem Haus und bis in den Supermarkt gewagt. Und dann die Katastrophe: Bio-Vollmilch, 3,8% ausverkauft …

Was tun? Bio fettarm? 3,8%ige Bergbauernmilch? Irgendwas aus der Region? Oder doch Landliebe? Irgendeine, damit ich endlich aus diesem Laden rauskomme?

Klingt albern, ich weiß. Ich weiß auch in diesem Moment, dass ich eigentlich kein Problem habe. Trotzdem blockiere ich komplett, stehe minutenlang vor dem Regal und weiß nicht, was ich tun soll. Um mich Sekunden später, nachdem ich endlich irgendeine Milchpackung gegriffen habe, an der Frage „Welcher Joghurt?“ erneut aufzuhängen.

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Wie fühlt sich „depressiv sein“ an?

IMG_11134-h-webJeder Mensch fühlt sich manchmal deprimiert, niedergeschlagen oder trauert. Meistens weiß man dann aber, warum.

Eine Depression dagegen kommt ohne Grund. Es kann Ereignisse geben, die sie auslösen, aber notwendig ist das nicht. Mir passiert es, dass ich morgens aufwache und merke, „es ist wieder soweit“.

Das fühlt sich für mich dann nicht traurig, sondern vielmehr hohl und leer an. Grau. Still. Einsam. Es gibt nichts, das jetzt trösten oder gar helfen könnte. Absoluter Stillstand.

Wenn man traurig ist, hilft weinen: Es erleichtert. Während einer Depression weine ich am ehesten, wenn ich in Kontakt zu meiner Umwelt treten (mich krank melden oder einen Termin absagen) muss. Oder wenn ich merke, dass ich mich nicht verständlich machen kann. Ich weine dann aus Überforderung und Verzweiflung und es erleichtert mich kein bißchen.

Die Begleiterscheinungen ähneln sich allerdings.

IMG_11418-kl-webWer trauert, hat das Gefühl, nie wieder über etwas lachen, oder sich über etwas aufregen zu können. Man kann sich nicht zu alltäglichen Aktivitäten aufraffen, weil sie so unwichtig und belanglos erscheinen. Bei einer Depression ist das genauso, nur dass an Stelle der Trauer nichts ist.

Richtig klar geworden ist mir der Unterschied zwischen Trauer und Depression, als meine Mutter im Sterben lag.

Zunächst hatte ich beschlossen, meine Medikamente auf die Maximaldosis zu erhöhen um mich so möglichst stabil durch diese schwere Zeit zu manövrieren.

Aber ich habe schnell gemerkt, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat. Trauer mag scharf und schmerzhaft sein, sie mag einen schier zerreißen, aber sie ist letztlich ein hilfreiches Gefühl. Trauer braucht ihre Zeit, aber sie ist ein Prozess. Depression ist ein Zustand.