Der Sommer ist vorbei

Es war ein guter Sommer! Man kann es an meiner Stimmungstabelle ablesen: Erfreulich viele weiße Kästchen (für schlicht und einfach ganz normale Tage) und auch etliche zart- oder gar sattgrüne (für richtig gute).
Ich bin morgens einfach so aufgewacht, oder weil der Wecker klingelte – nicht, weil ich Schmerzen hatte.
Und ich hab tatsächlich angefangen, mich ein wenig in diesem angenehmen Zustand einzurichten.
Ich hab mich sogar getraut, zu einem Fest auf dem Hof einzuladen!

IMG_14101-q-webUnd dann hat ein einziger Rückschlag ausgereicht, all das zunichte zu machen.
Nichts Existenzielles glücklicherweise, einfach nur ein Projekt, eine gute Sache, an die ich mein Herz gehängt hatte.
Die mir das Gefühl gegeben hat, ein Teil von etwas zu sein, etwas zu bewegen, auch dann noch etwas Sinnvolles tun zu können, wenn ich objektiv nicht so fürchterlich viel hingekriegt habe.
Vermutlich kennen wir das alle: Sich voller Engagement und Euphorie in eine Unternehmung stürzen und nach einiger Zeit bemerken, dass man da eigentlich sehr alleine unterwegs ist. Dass man gar nicht wirklich etwas bewegt. Und auch gar niemand da ist, der die eigenen Bemühungen so recht zu schätzen weiß.
Ernüchterung, Enttäuschung, Trauer … womöglich auch Verletztheit, Verbitterung. Aber letztlich gehören solche Erfahrungen zu Leben: Wir lassen los und wenden uns anderen Dingen zu.
Womöglich, um diese Erfahrung ein ums andere Mal zu wiederholen, aber darum geht es mir hier nicht.

Ich bin einfach erschrocken über die Konsequenzen, die diese eine „Pleite“ nach sich zieht.
Nicht nur, dass ich traurig bin. Enttäuscht, verletzt. Im Verlauf weniger Tage rutsche ich in ein depressives Tief ab, liege morgens weinend im Bett, quäle mich durch bleierne Tage. Als wir Gäste zum Mittagessen haben, gelingt es mir nicht, die Mahlzeit bis zum Ende durchzustehen: Ich bekomme keine Luft mehr und befürchte, jeden Moment in Tränen auszubrechen.
Die Schmerzen sind wieder da. Und mein Sehvermögen ist schlechter als je zuvor.

Ich komme mir vor, wie eine dieser Reihen von Dominosteinen: Kippt einer um, fallen alle.
Nur, dass die Steine in meinem Falle nicht auf kleinen Wippen stehen und auch sonst keine lustigen Effekte auslösen. Es entstehen auch keine Muster, wenn sie fallen. Nur ein großer Haufen Elend.

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Das Yoga Projekt III

Mein erster Yogakurs ist zu Ende und rückblickend staune ich, dass ich mich das tatsächlich getraut habe: Einfach mal darauf zu vertrauen, dass ich schon klarkommen, schon irgendwie begreifen werde, was ich tun soll, auch wenn ich die Anleitung nicht verstehe.
Das hat lustigerweise auch damit zu tun, dass ich jetzt sehr viel mehr verstehe. Mir wird ganz allmählich klar, was ich anfangs alles nicht mitbekommen habe.

Was mir nach wie vor schwer fällt, ist, Dinge für mich zu übersetzen und sie mir gleichzeitig zu merken: Wenn ich verstanden habe, dass ich die Knie anziehen und wieder locker lassen und dabei jeweils ein- und ausatmen soll, dann habe ich garantiert hinterher nicht parat, wann was ist …
Andererseits beginne ich, einzelne Wörter im Redefluß zu identifizieren und plötzlich wird aus „kaschtorassiek“ „cage thoracique“ (Brustkorb). Ganz einfach macht es einem die französische Sprache allerdings nicht: „oh de fess“ zum Beispiel ist der obere Teil des Gesäßes – „oh dü doh“ jedoch nicht der obere Rücken, sondern die Knochen desselben …
Unbekannte Wörter versuche ich mir zu merken, um sie später nachzuschlagen und auch hier ringe ich regelmäßig mit den Tücken der Aussprache: Dass Nathalie immer wieder über Engel (ange) spricht, vermag ich mir nicht vorzustellen … und tatsächlich meint sie hanche (Hüfte).
Englisch spricht sie nur noch selten mit mir: Wenn ich etwas nicht mitbekommen habe, wiederholt sie es einfach noch einmal langsam, das klappt auch.

Bei einer Gelegenheit allerdings bin ich mir ganz sicher, dass sie unmöglich gemeint haben kann, was ich gerade verstanden habe. Ich soll jetzt auch noch die Hand hoch … ??? Ich soll! Und plumpse bei dem Versuch kichernd aus der posture

***

Als Victor im Sterben liegt, habe ich Sorge, sofort in Tränen auszubrechen, wenn ich mich entspanne. Stattdessen weine ich schon, bevor ich auch nur einen Fuß in die Halle gesetzt habe.
Ich erzähle Nathalie, warum ich so traurig bin und sie erklärt mir, ich würde während der Übungen durch die Energie und die Liebe mit ihm verbunden sein. Überflüssig zu sagen, dass ich daraufhin vollends die Fassung verliere.
Ich liege rücklings auf der Matte, schenke mir die Atemübungen und versuche einfach nur, nicht allzu laut zu schluchzen, während mir die Tränen in die Haare laufen. Im Laufe des Trainings beruhige ich mich dann allmählich, und am Ende verkneife ich mir das Weinen nicht mehr, sondern empfinde Gelassenheit. Dass wir die „Bienenatmung“, deren Summen Stress reduzieren soll, heute ganz besonders gründlich üben, mag Zufall sein, ich traue Nathalie jedoch durchaus zu, dass sie mich zu stabilisieren versucht.

Victor stirbt wenige Minuten nach meiner Heimkehr und ich kann in seinen letzten Momenten bei ihm sein. Ich würde sehr gerne glauben, dass es diese Verbundenheit gab und sie den Abschied auch für ihn leichter gemacht hat.

***

img_16215-q-webAnlässlich des Journée Mondiale du Yoga sollen sich die TeilnehmerInnen aller Kurse zu einem gemeinsamen Training in St Étienne treffen. Anschließend wird dann zusammen gegessen.
Innerlich winke ich sofort ab: Ich sehe zu viele Menschen in einem Raum. In einem unvertrauten Raum in einem Dorf, von dem ich nur eine ganz vage Vorstellung habe, wo es zu finden ist. Und dann auch noch zusammen essen! Und sich unterhalten womöglich …
Nee, besten Dank!
Und dann lass ich mich doch von Nathalie breitschlagen: Ich könne mich ja in die Nähe der Tür legen, meint sie, und jederzeit gehen, wenn es mir zuviel werde. Und natürlich müsse ich nicht am Essen teilnehmen. Wenn ich mich nicht unterhalten wolle, sei das gar kein Problem – Yogis würden akzeptieren, wenn jemand schweigen wolle …

Lustigerweise gilt am Tag X meine größte Sorge meiner Yogamatte. Wer eine eigene besitzt, ist gebeten, diese mitzubringen … Was gar kein Problem wäre, hätte ich mir nicht ein extradickes, überbreites Luxusteil geleistet, auf dem man auch bequem mal eine Nacht schlafen könnte. Peinlich, peinlich … Ich kann nur hoffen, dass das olle Badelaken, das ich benutze, weil ich keine Decke habe, für das ortsübliche Understatement sorgt … Zwischendurch überlege ich, ob ich die alte Isomatte ausgraben soll, die noch in irgendeiner staubigen Ecke liegt. Aber diese kleine Extravaganz nur heimlich auszuleben, wäre irgendwie noch peinlicher …

Getragen von einer Welle des Wagemutes fahre ich ohne Navi los: Da ich nur einmal rechts abbiegen und anschließend mehr oder weniger geradeaus fahren muss, sollte es ohne gehen! Okay, eine einzige Weggabelung gibt es, an dieser soll ich mich Richtung Serres halten.
Links geht es nach Serres, rechts nach Le Serre … Jetzt bloß nicht zu viel nachdenken, Serres war das Stichwort!
An den nächsten Gabelungen, die aus welchem Grund auch immer nicht in meiner Wegbeschreibung auftauchen, halte ich mich an das, was mir mehr wie eine Straße auszusehen scheint … ein Sträßchen eher, einspurig und nur nachlässig asphaltiert, das in Serpentinen die cevenolen Hügel durchquert.
Die angepeilte Fahrzeit ist unterdessen überschritten und ich befinde mich mitten in der Wildnis. Okay, da ich die Straße nicht kenne, bin ich langsam gefahren. Und so richtig verfahren kann man sich hier nicht – dazu gibt es schlicht nicht genug Straßen. Aber wenn ich zurückfahren muss, werde ich zu spät kommen! Dann platze ich entweder mitten ins Training, oder ich muss bis zum Essen warten. Und wenn ich einfach wieder fahre, was wird dann aus dem Salat, den ich vorbereitet habe?
Ich bekomme Magenschmerzen.

Als ich die Betonbrücke sehe, die mir als weiterer Orientierungspunkt genannt worden ist, geht (Hurra, eine Betonbrücke!) sozusagen die Sonne auf. Der Ortseingang von St Étienne! Jetzt muss ich nur noch die Mairie finden, neben dieser liegt la grande salle polyvalente. „Am Ende des Ortes rechts von der Durchgangsstraße“ sollte jetzt keine große Herausforderung mehr sein, aber richtig beruhigt bin ich erst, als ich auf dem Parkplatz stehe. Nein: Als neben mir zwei Gestalten mit Yogamatten aus ihrem Auto steigen! Unauffällig hefte ich mich an ihre Fersen …

In der Halle angekommen, zögere ich zu lange, mir einen Platz zu suchen und lande schließlich in größtmöglicher Entfernung zur Tür. Nathalie allerdings kann ich von hier aus gut sehen und hören, das macht die Sache leichter. Die Übungen sind unkompliziert, die Stimmung entspannt und gegen Ende bin ich wider Erwarten völlig gelöst. Vorher hatte ich noch herumgeflachst, es mache nichts, wenn es kein oder nur wenig vegetarisches Essen gebe, ich würde vor lauter Stress sowieso nichts hinunterbringen – jetzt merke ich, dass ich einen Bärenhunger habe.

Um nicht dumm herumzustehen, helfe ich, die Tische für das gemeinsame Essen aufzubauen. Meine Befürchtung, ich könne angesprochen werden, erfüllt sich natürlich, aber obwohl sich keine wirklichen Gespräche entwickeln, empfinde ich die Situation nicht als unangenehm. Für meine pomfortionöse Yogamatte interessiert sich kein Mensch, aber meine Zehenschuhe lösen allgemeine Heiterkeit aus. Das kenne ich schon und habe so immerhin die nötigen Vokabeln für zwei, drei Sätze parat. Es ist okay. Dass ich mir fremd vorkomme und keinen Zugang zum allgemeinen Smalltalk finde, ist nicht neu für mich. Hier bin ich tatsächlich fremd und kann mich nicht am Gespräch beteiligen, weil meine Sprachkenntnisse das nicht hergeben, dennoch empfinde ich die Menschen als zugewandt und freundlich. Verstehen würde ich schon eine Menge, nur das Sprechen falle noch schwer, soviel kann ich erklären. Und so höre ich eben zu.
Und esse. Essen ist ein sensibles Thema für mich: Sobald ich Stress habe oder unglücklich bin, bringe ich nichts mehr hinunter. Wenn ich mich früher genötigt sah, auf mein Gewicht zu achten, galt das immer meinem Untergewicht …
Jetzt habe ich mich einmal quer durch das Buffet schnabuliert und – eigentlich schon pappsatt – ein angebotenes Stück Pfirsichtarte angenommen. Es abzulehnen und dann die Charlotte zu probieren, wäre unhöflich gewesen … Mit etwas gutem Willen geht beides. Und hej: Es lohnt sich!

Auf dem Heimweg habe ich dann auch meine helle Freude an dem einspurigen Sträßchen: Mit höchst verwegenen 50 km/h jage ich den Caddy durch die Dämmerung und fühle mich großartig.

Ich bin ungeheuer froh, dass ich mich das getraut habe!

Der 5tägige Workshop im Juli, der das Ganze womöglich noch getoppt hätte, ist seit Januar ausgebucht …

Also freue ich mich auf den nächsten Kurs im September. Und ich freu mich wirklich!

Ich und die anderen

Andy Gage wurde 1965 geboren und nicht lange danach von seinem Stiefvater, einem sehr bösen Menschen namens Horace Rollins, ermordet. Es war kein normaler Mord: die Mißhandlungen und Schändungen, die ihn töteten, waren zwar real, sein Tod aber nicht. Tatsächlich starb nur seine Seele, und als sie starb, zersplitterte sie.“

Ich erinnere mich noch lebhaft, wie „Ich und die anderen“ mich gefunden hat: Ich ging die Treppe zum Untergeschoss meiner bevorzugten Buchhandlung hinab, als ich plötzlich einen schreiend bunten Einband genau in Augenhöhe hatte. Der Autor, Matt Ruff, war mir ein Begriff, hatte ich doch „Fool on the hill“ mit großem Vergnügen gelesen. „Das ist schon … also … ziemlich anders …“, wandte die Buchhändlerin ein, aber für mich war – ohne auch nur den Klappentext gelesen zu haben – klar: meins!

Heute gehört eine Buchhandlung, in der ich stöbern und mich finden lassen kann, vor allem aber eine gutsortierte Leihbücherei, die mir das für kleines Geld ermöglicht, zu den wenigen Dingen, die mir ab und zu fehlen. Und so habe ich – wenn die letzte amazon-Bestellung wieder einmal „leergelesen“ war – begonnen, diejenigen Bücher noch einmal zu lesen, die mir hinreichend lieb und wert waren, sie bis in die Cevennen mitzunehmen.
„Ich und die anderen“ ist eines davon. Und über 10 Jahre nach der ersten Lektüre ist mir klargeworden, dass es für mich eines der liebevollsten Bücher ist, die ich je gelesen habe.

Andrew Gage leidet unter einer dissoziativen Identitätsstörung oder multipler Persönlichkeitsstörung – die Splitter seiner ursprünglichen Seele (Matt Ruff spricht hier von Seelen, nicht von Persönlichkeiten) sind zu eigenständigen Seelen geworden. Aber „Ich und die anderen“ ist nicht die Geschichte eines Leidenden, ihr Protagonist ist nicht gestört. Er mag sich zuweilen gestört fühlen, so wie es Menschen halt ergeht, die in einer – sagen wir: sehr buntgemischten – Wohngemeinschaft leben. Denn in dem, was einmal Andy Gages Kopf war, ist mit Hilfe einer Therapeutin ein Haus entstanden, das sich über hundert Seelen teilen. Die wenigsten von ihnen treten in den Vordergrund und das ist kompliziert genug, wenn sie – nachdem jeder seine private Zeit im Badezimmer hatte – sich zum Beispiel bemühen, bei einem einzigen Frühstück sowohl kaffee- oder aber teetrinkenden Erwachsenen, als auch den Fünfjährigen unter ihnen gerecht zu werden.
Es ist kompliziert, aber es liest sich nicht so. Vielmehr bekommt man den Eindruck einer liebevoll gezeichneten Großfamilie – das dazugehörige gelegentliche Chaos inklusive.

Mouse (eigentlich Penny) dagegen leidet. Sie weiß zum Beispiel, dass sie ihren Job ordentlich macht, aber weder, wie sie ihn bekommen hat, noch, was genau sie dort eigentlich tut. Oder warum sie ihn plötzlich doch verliert. Sie erwacht in fremden Betten und fragt sich nicht, was sie am Vorabend gemacht hat, sondern gleich, wieviele Tage oder womöglich Wochen diesmal vergangen sein mögen, ohne dass sie es mitbekommen hätte. Penny hat keine Ahnung, was mit ihr los ist.
Daher erkennt sie, als sie Andrew begegnet, ihre Gemeinsamkeiten nicht. Einige ihrer Seelen jedoch tun das sehr wohl. Und so sind sie es, die hinter Pennys Rücken ebenfalls Kontakt zu ihm aufnehmen. Zu ihm selbst oder einer der Seelen in seinem Körper.
Mit der beginnenden Freundschaft zwischen den beiden (?) wird die Geschichte zunächst tatsächlich ein wenig unübersichtlich, handelt es sich doch um eine Beziehung zwischen sehr vielen und höchst unterschiedlichen Beteiligten. Die durchaus witzige Blüten treibt, wenn zum Beispiel die freundliche Tante Sam und die aggressive und vulgäre Maledicta ihr gemeinsame Vorliebe für Billardspiele und Kuchenorgien entdecken.
Den Roadtrip und Krimi, zu dem sie sich später entwickelt, hätte ich persönlich nicht unbedingt gebraucht, hatte ich doch allein an der Interaktion der verschiedenen Seelen schon meine helle Freude, aber natürlich benötigen diese ein wenig Bewegungsspielraum.
Leserin und Leser wachsen dabei an ihren Aufgaben: Werden die einzelnen Seelen – wobei es sich durchaus auch um zwei Seelen in einer Brust handeln kann, die sich gerade unterhalten – zunächst durch die Gesprächssituation oder bestimmte Attribute (ein großes Interesse an Dinosauriern zum Beispiel weist darauf hin, dass es der kleine Jake ist, der sich gerade zu Wort meldet) kenntlich gemacht, kommt es später auch zu Dialogen, bei denen man plötzlich merkt, dass man auch ganz ohne Erklärung weiß, mit wem man es gerade zu tun hat. Was anfangs befremdlich gewirkt hat, ist ganz unmerklich zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Es ist diese Selbstverständlichkeit, die mich so für „Ich und die anderen“ einnimmt.
Matt Ruff verschweigt keineswegs, dass es sexuelle Gewalt gegen Kinder ist, die Seelen zersplittern lässt. Und so sind die Schilderungen derjenigen Seelen, die sich immerhin an die Begleitumstände, den Machtmißbrauch, die Hilflosigkeit erinnern können, anrührend und verstörend, selbst wenn sie den sexuellen Akt als solchen mit keinem Wort erwähnen.
Wie schmerzhaft die Erkenntnis ist, wie schwierig, eine geeignete Therapeutin / einen geeigneten Therapeuten zu finden, wie grauenvoll, sich zu erinnern … all das findet Erwähnung.
Aber der Fokus liegt im Jetzt. Jetzt ist es so. Jetzt sind sie da, die Seelen. Und müssen einen Weg finden, irgendwie miteinander klarzukommen.
Es geht nicht um Ursprung, Diagnose und Behandlung einer Störung, sondern um einen Haufen sehr unterschiedlicher Leute, die sich unfreiwillig einen Lebensraum teilen und mit so liebevollem Blick gezeichnet sind, dass man nicht einmal die unsympathischen und nervigen unter ihnen wirklich missen möchte.
„Ich und die anderen“ ist auch ein Buch über den liebevollen Umgang mit sich selbst. Eine Geschichte über das Klarkommen.
Schön, dass es mich gefunden hat!

Startschwierigkeiten

Und dann denk‘ ich wieder, ich habe überhaupt keine Depressionen. Ich bin einfach nur undiszipliniert, faul und scheiße. Lahmarschig nicht zu vergessen.
Dass solche Gedanken nicht förderlich sind, ist mir bewußt. Bei anderen jedenfalls. Aber vielleicht sind sie bei mir nur unangenehme Wahrheiten?

Ich liege morgens im Bett und bin durchaus wach. Nicht so zerschlagen und bleiern wie an manchen Tagen. Wach. Vor mir liegt ein ganz normaler Tag, nichts Beängstigendes. Okay, die Aussicht „ein Tag wie alle anderen“ kann unter Umständen hinreichend beängstigend sein, aber so empfinde ich meine Tage auf dem Hof nicht. Ich liege im Bett, starre die Decke an und denke an die Dinge, die ich mir für heute zu tun vorgenommen habe. Meist sind es solche, die ich tatsächlich tun möchte. Irgendwann beginne ich, diejenigen auszusortieren, die ich vor dem Mittagessen sowieso nicht mehr schaffen werde. Später werde ich meine Planung auf die wenigen Dinge eindampfen, die ich tatsächlich erledigen muss. Für „möchte“ ist dann keine Zeit mehr.
Objektiv hindert mich nichts daran, einfach aufzustehen. Ich bleibe liegen. Ich liege da und verachte mich für meine Disziplinlosigkeit. Denn was sonst sollte mich hindern?
Jetzt nochmal einschlafen wäre schön! Wenn ich nochmal aufwache, den Tag noch einmal beginne, dann hab ich zwar TOTAL verpennt, aber das passiert anderen Leuten auch und vielleicht klappt der zweite Anlauf dann besser. Ich starre die Decke an.
Ein Bodyscan trägt häufig dazu bei, dass es mir besser geht, selbst an solchen Tagen, an denen ich mich tatsächlich depressiv fühle oder starke Schmerzen habe. Aber da geht dann noch eine halbe Stunde bei drauf und ich wollte doch längst aufgestanden sein! Stattdessen liege ich da und tue gar nichts.
Bis es mir irgendwann im Laufe des Vormittages doch noch gelingt, mich aufzurappeln. Aber auch dann bin ich immer noch extrem langsam, verbringe mehr Zeit damit, zu überlegen, wie ich das jetzt sinnvollerweise anfange, als ich brauche, um es tatsächlich zu tun. Um rückblickend festzustellen, dass es mir heute doch wahrhaftig gelungen ist, noch vor dem Mittagessen den Tisch zu decken! In solchen Momenten könnte man dann wirklich Depressionen kriegen …

Ein süßes Getränk und ein paar bittere Worte

Schon vor geraumer Zeit habe ich auf der Suche nach dem „warum?“ solcher Tage, an denen ich mich morgens unter einer bleiernen Bettdecke wiederfinde, eine Tabelle angelegt, in der ich neben meiner Stimmung an dem betreffenden Tag alles notiere, was diese beeinflusst haben könnte.
Besondere Vorkommnisse, Konflikte, Schmerzen, aber auch die Mondphasen (man weiß ja nie …).
Gleichzeitig dient sie als Traum-Tagebuch.
Ich bin zwar keine große Traumdeuterin, aber ich glaube schon, dass sich wiederholende Motive eine Bedeutung haben (hierzu ein andermal mehr). An bleiernen Tagen wache ich meist aus zutiefst bedrückenden Träumen auf – wobei ich natürlich nicht wissen kann, ob die Träume das Tief aulösen, oder das Tief die Träume …

Als ich im letzten Herbst eine Ausschlussdiät begonnen habe, bot es sich an, das, was ich gegessen und getrunken hatte, auch gleich hier einzutragen. Eine Angewohnheit, die ich beibehalten habe, da ich zwar unterdessen weiss, dass es ein paar Dinge gibt, die ich nicht oder nur in Maßen essen sollte, aber nicht „sauber“ genug ausgeschlossen habe, um ganz sicher zu sein.

Weil es so praktisch ist (und ich – falls das bisher nicht aufgefallen sein sollte – echt einen Spleen mit Tabellen habe), trage ich mittlerweile auch Geburten und Todesfälle der Weidetiere hier ein.
Aber das nur am Rande …

Als die Tabelle immer größer und unübersichtlicher wurde, kam die Idee auf, Farbmarkierungen zu nutzen. Okay … ich hab nen Knall mit Tabellen …
Depressive Tage erkennt man – wenig originell – an verschiedenen Grauschattierungen. Wut ist rot, Angst violett. Große Weinerlichkeit blau – des Wassers wegen. Instabilität und Reizbarkeit sind gelb bis orange. Und *Tusch!* grün steht für „okay“!
Spannend ist das im Rück- und Überblick: Wenn es mir schlecht geht, kommt es mir immer gleich vor, als sei das der Dauerzustand – ich habe bis heute nicht wirklich gelernt, mir zu sagen „okay, das ist jetzt mal ein blöder Tag …“. Früher war das auch nicht so, da hatte ich graue Phasen, keine Tage. Und so fühlt es sich häufig immer noch an. An der Tabelle kann ich jedoch ablesen, dass es häufig tatsächlich nur einzelne Tage sind.
Rückblickend fällt mir dann auch auf, dass ich manchmal tage- und wochenlang „keine Meinung“ hatte, da waren meine Tage dann weder bemerkenswert gut, noch sonderlich schlecht, sondern einfach normal. So normal, dass ich mich glatt mal nicht mit meiner Befindlichkeit beschäftigt habe. Auch schön!

Dass es einen Zusammenhang zwischen einer längeren „normalen“ Phase und einem Getränk geben könnte, ist mir eher zufällig aufgefallen. Und nein: Damit meine ich kein Pils!
Während meiner Ausschlußdiät, obwohl diese ja recht turbulent begonnen hatte, war ich offenbar recht stabil und guter Dinge: Wenige Kommentare, viele ungefärbte Tabellenkästchen …
In dieser Zeit hatte ich, da es gut für die Verdauung sein soll (und – um ehrlich zu sein – weil das Rezept so lecker klang!) auch eine Kur mit Curcuma in Form von so genannter „goldener Milch“ begonnen. Nach deren Ende mehrten sich die farbigen Kästchen wieder. Grün waren sie eher selten …
Natürlich könnte es auch an der Diät gelegen haben!
Vor die Wahl gestellt, ob ich jetzt entweder wieder jeden Tag einen Becher leckere heiße Milch trinke, oder erneut mit dem Verzicht auf Lebensmittel beginne, die ich gerne esse, hab ich mir halt die Freiheit genommen, mit der lustvolleren Variante anzufangen.
Sollte diese sich als wirkungslos erweisen, kann ich die Diät ja immer noch wieder aufnehmen.
Das scheint aber gar nicht nötig zu sein:
Wenn meine Tabelle nicht lügt und die Götter des Placebo mir kein Bein gestellt haben, trägt Curcuma bei mir zu einer Stabilisierung meiner Stimmung bei.
Eine bahnbrechende Entdeckung ist das nicht: Man sagt Curcuma nach, dass es unter anderem gegen Depressionen helfen soll. Allerdings ist das auf den selben Websites nachzulesen, nach denen auch Achtzigjährige ihren Krebs mit Kokosöl besiegen. Und alle Speckröllchen sich in Wohlgefallen auflösen, wenn man folgende 5 Lebensmittel meidet …
Kurz: Ich bin da eine große Skeptikerin. Und bei Ratschlägen des Tenors „Ach, du hast Depressionen? Da musst du doch nur …!“ prinzipiell bockig.
Sagen wir, bei mir scheint die „goldene Milch“ in meiner jetzigen Lebenssituation eine positive Wirkung zu haben, obwohl ich sie ja anfangs gar nicht deswegen zu mir genommen habe.
Mich freut das sehr und ich genieße jeden „normalen“ Tag! …

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… Dennoch schreibe ich diesen Text mit einem gewissen Unbehagen. Curcuma scheint mir zu helfen. Mir. Jetzt. Auf keinen Fall möchte ich als Ratgeberin der Kategorie „wie Du mit einem einfachen Hausmittel Deine Depressionen besiegen kannst“ mißverstanden werden.
Und ich möchte alle, die erst seit Kurzem mitlesen, sehr eindringlich um etwas bitten:
Wenn Ihr in nächster Zeit einem depressiven Menschen begegnet, fallt bitte nicht mit der Tür ins Haus und ratet ihm zu Curcuma, weil Ihr gelesen habt, dass es Depressionen zu lindern vermag!
Möglicherweise verbringen depressive Menschen mehr Zeit als Ihr in den Wartezimmern von Ärzten, wo man beim Blättern in den Zeitschriften Ratschläge wie diesen in großer Zahl finden kann. Mit einiger Sicherheit ist ihnen bekannt, dass es neben der Schulmedizin alternative Therapieformen gibt. Sie sind in der Lage, zu recherchieren, wenn sie etwas in Erfahrung bringen möchten. Etliche konsultieren sicher nicht nur ÄrztInnen und TherapeutInnen, sondern ziehen auch HeilpraktikerInnen hinzu. Womöglich studieren sie auch Fachbücher und -artikel, die sich mit ihrer Erkrankung befassen.
Vielleicht auch nicht.
Vielleicht ist ihre Erkrankung noch ganz neu für sie und sie müssen erst einmal mit der Tatsache klarkommen, dass in ihrem Kopf etwas nicht stimmt.
Oder sie gehören zu denjenigen, die mit der Erkenntnis zu leben lernen müssen, dass ihre Form der Depression nicht heilbar ist, sondern für immer ein Teil ihres Lebens sein wird.
Aber ganz egal, welcher Typ Depri gerade vor Euch steht: Was lässt Euch glauben, dass Ihr die ersten seid, die mit genau diesem Tip um die Ecke kommen? Ausdauersporthaustierentspannungstraininglichttherapiejohanniskrautnahrungsergänzungsmittelheißesbadbeikerzenscheincurcuma …
Wir haben das alles schon gehört. Ichzichmal. Versprochen!

Ja, Ihr meint es gut!
Und das wäre vollkommen in Ordnung, wenn wir über eine Erkältung oder Dünnpfiff reden würden. Da rät man reflexhaft zu Dampfbädern, Pfefferminzöl, Kamillentee, Flohsamenschalen, Coca Cola und Salzstangen und niemand denkt sich etwas dabei.
Würde Euer Gegenüber Euch erzählen, es leide an Diabetes, Multipler Sklerose oder womöglich Krebs, würdet Ihr dagegen den Teufel tun, zu irgendwelchen Hausmitteln zu raten, selbst wenn Ihr gelesen habt, dass Kokosöl gegen Krebs wirkt.
Denn DAS sind ja richtig ernsthafte Erkrankungen! … klingelt’s?
Depressionen sind ernsthafte Erkrankungen. Unbehandelt können sie durchaus tödlich verlaufen.
Wenn Ihr hier mit sorgenvoller Miene feststellt, dass Psychopharmaka ja abhängig machen (was a. durchaus nicht alle tun und b. bei akuter Suizidgefahr auch nicht das dringlichste aller Probleme ist), sondern stattdessen zitiert, was die Zeitschrift im Wartezimmer Eures Arztes für diesen Fall rät, dann sprecht Ihr uns genau das ab: Dass wir an einer ernsthaften Erkrankung leiden.
Und nicht nur das: Ihr sprecht uns auch schuldig.
Solange wir nicht den letzten Schnickschnack abseits der Schulmedizin ausprobiert haben, sind wir doch selber schuld daran, dass es uns immer noch schlecht geht …
Neeschonklar, so ist das nicht gemeint! Aber genau so kommt es an.

Ich bin selbst ein wenig verwundert darüber, wie bitter mich das immer noch werden lässt …
Oder anders: Es macht mich jetzt bitter. Früher hab ich derlei „Hilfe“ einfach abtropfen lassen und so schnell wie möglich zu vergessen versucht. Heute habe ich die Kapazitäten frei, mich darüber zu ärgern.
Da ich sie aber lieber anders nutzen würde:
Wenn Ihr erfahrt, dass ein Mensch in Eurem Freundes- oder Bekanntenkreis an Depressionen leidet, dann klemmt Euch doch einfach sämtliche tollen Ratschläge und fragt stattdessen, was Ihr tun könnt, wenn es ihm richtig scheiße geht. Und wenn Ihr nichts tun könnt, dann tut halt nichts. Haltet die Normalität aufrecht. Seid da!

Wenn Ihr an die Wirkung von goldener Milch glaubt, dann kocht welche! Trinkt sie gemeinsam!
Aber quatscht keine Opern …

Das Yoga Projekt II

An einem Nachmittag im Oktober habe ich meine zweite Yogastunde und mir wird schon bei dem Versuch, am Morgen aufzustehen klar, dass mir bei der Planung dieses Tages ein gravierender Fehler unterlaufen ist.
Da wir am nächsten Tag Gäste erwarten, habe ich mir vorgenommen, Seitangulasch zu machen, was – wenn es denn was werden soll – eine Menge Arbeit ist. Eigentlich tut mir das gut: kochen. In Krisenfällen bin ich manchmal eigens einkaufen gefahren, um dann stundenlang in der Küche irgendetwas zu schnibbeln und zu köcheln. Wenn ich das anschließend alles einfrieren musste, weil grad gar keiner da war, um diese ganzen Mengen zu vertilgen, war’s auch recht. Ich hab dabei zu meiner Ruhe zurückgefunden. Aber erstens entspricht „Yogakurs“ nicht einmal in meiner Welt einem Krisenfall und zweitens setzt er mir einen Termin, zu dem ich mit der Kocherei fertig sein muss. Fertig gekocht, geduscht und umgezogen. Das kann auf keinen Fall klappen. Ich erwäge kurzfristig, gleich im Bett zu bleiben.
Konzentrieren muss man sich außerdem (beim Kochen, nicht beim „im Bett bleiben“). Und es ist nicht nur die mentale Vorbereitung auf das Abenteuer Yoga, die mich dafür viel zu sehr in Anspruch nimmt. Ich habe mir außerdem vorgenommen, Nathalie, der Kursleiterin, zu sagen, dass ich an Depressionen und Panikattacken leide. Dass sich eine Panikattacke soundso äußern werde, falls ich denn eine hätte, man sich aber keine Sorgen machen und mir auch nicht helfen müsse. Natürlich kann man mir in solchen Momenten durchaus helfen: Man kann mich an diese Sache mit dem Atmen, vor allem mit dem Ausatmen erinnern (meine Mutter hat das, als sie zum ersten Mal eine meiner Attacken miterlebt hat, ganz formidabel hingekriegt: „Du mußt atmen, Mädchen!“, hat sie gesagt, „Guck mal: Einatmen … ausatmen … einatmen … ausatmen …“). Ein Glas Wasser hilft auch – warum auch immer. Vor allem anderen hilft es mir, gesagt zu haben, dass da was kommen kann: Wenn ich erste Paniksymptome einfach „kommen“ lassen kann und nicht versuche, mich zusammenzureißen und „normal“ zu wirken, stauen sie sich gar nicht erst zu eine Woge auf. Aber wenn ich mich darauf hätte vorbereiten wollen, das alles auf Französisch zu erklären, gäb’s morgen trocken Brot und klares Wasser.
Natürlich hätte ich auch jemanden bitten können, zu dolmetschen, aber ehrlich gesagt bin ich es leid: Ich möchte selber für mich sprechen!
Das Gulasch zu streichen, wäre so oder so eine Möglichkeit gewesen.
Aber ich bin hier unter anderem angetreten, um zu erklären, dass für jemanden wie mich „Gulasch kochen“ (oookay, wir kochen das Zeug ein, es waren also schon ein paar mehr Mahlzeiten, die ich da heute vorbereitet habe) und „Yogakurs“ an ein und demselben Tag eine echte Herausforderung sind. In einer Welt, in der „normale“ Menschen Yoga nach einem kompletten Arbeitstag zu ihrer Entspannung einplanen.
Jetzt mal ehrlich, schon das ist schräg, oder?
Ich mag nicht die sein, die sich tatsächlich einen ganzen Tag lang ausschließlich auf die ungeheure Herausforderung der Teilnahme an einem Yogakurs vorbereiten muss.

Und tatsächlich renne ich zwar (unterbrochen von gelegentlicher Schockstarre) wie ein aufgescheuchtes Huhn in der Küche herum, aber soweit ich sagen kann, gelingt das Gulasch und ich bin auch pünktlich (nunja … auf den allerletzten Drücker) fertig.
Die Paniksymptome übrigens halten sich in Grenzen, es fühlt sich eher an wie sehr heftiges Lampenfieber. Und ich heiße nicht Streisand … ich hab’s bisher noch immer auf die Bühne geschafft …
Dünnpfiff sollte nach reichlichem Konsum von Flohsamenschalen physikalisch eigentlich unmöglich sein … schon erstaunlich, was Streß dennoch zu bewirken vermag …

Gleichwohl: Ich stehe pünktlich und in Sportklamotten auf der (Yoga)matte!
Nathalie ist gut vorbereitet und streut ganz en passant den einen oder anderen englischen Satz in ihre Erläuterungen ein. Die meisten benötige ich jedoch nur zur Bestätigung, dass ich sie vorher einigermaßen richtig verstanden habe: Wenn ich nicht gar so gestresst bin, verstehe ich eine Menge. Das Heraussuchen erster Vokabeln hat natürlich auch geholfen …
Ich habe das Gefühl, klarzukommen. Es macht Spaß! Und während einiger Momente fühle ich mich tatsächlich entspannt und bei mir.
Das anschließende Gespräch geht gut über die Bühne und ich muss nur für einen einzigen Satz ins Englische ausweichen.

Daheim angekommen bin ich immer noch so beschwingt, dass ich mich an der Unterhaltung mit einem französischen Essensgast beteilige. Nicht alle Sätze, die ich da beginne, kann ich auch beenden … aber hej, ich hab einen Anfang gemacht!

***

Am schönsten ist es, wenn Nathalie die Übungen auf Französisch erklärt und dann nur „yes!“ sagt – dann weiß ich, dass ich alles richtig verstanden habe.

***

img_16215-q-webEin paar Unterrichtsstunden später fahre ich schon fast entspannt zum Training.
Bis eines Abends plötzlich sehr viel mehr Leute da sind, als sonst: Offenbar ist ein anderer Kurs ausgefallen …
Also, genau genommen sind mit mir nur 13 Menschen im (gar nicht mal so kleinen) Raum, Matten sind auch genug da, eigentlich alles gar kein Problem …
Trotzdem ist es mir zu voll. Zu laut auch … Wohlgemerkt: Geschätzt die Hälfte der Teilnehmer hat bereits das Rentenalter erreicht, die benehmen sich objektiv ganz und gar ruhig und gesittet. Dennoch, zu viele Schritte, zu viel Geraschel, zu viel …
Zum ersten Mal fällt mir auf, dass in solchen Momenten sofort mein Sehvermögen nachlässt: Trotz Brille habe ich plötzlich Schwierigkeiten, die Gesichter der Menschen auf der anderen Seite des Raumes zu erkennen.
Und obwohl das in den letzten Wochen schon prima geklappt hat, verstehe ich jetzt die Anleitungen nicht mehr.
Zu allem Überfluß liege ich ungünstig: Ich achte immer darauf, nicht am Rand zu liegen – so kann ich jederzeit nach rechts und links spingsen, ob die anderen Teilnehmer auch das tun, was ich gerade verstanden habe.
Heute liege ich zwischen einer alten Dame, die sich nur unter Schwierigkeiten überhaupt bewegen kann und einem auch nicht eben jungen Herrn, der sich bezüglich der Details ebenso unsicher zu sein scheint, wie ich …
Ich ziehe in Erwägung, das Training abzubrechen, beschließe dann aber, es einfach als Erfahrung zu nehmen – zu beobachten, was passiert, auch wenn vielleicht kein Yoga draus wird.
Nach ca. 20 Minuten habe ich mich tatsächlich beruhigt. Alle liegen ruhig auf ihren Matten, wie gut ich sehen kann, spielt keine Rolle, weil ich eh die Augen zu habe, aber ich nehme zur Kenntnis, dass Nathalie nicht mehr kommt, um mir auf Englisch zu erklären, was ich tun soll. Ich komme auch so klar.

***

Beim letzten Tief habe ich den Kurs ausfallen lassen – ich hätte sofort losgeheult.
Ich bin jedoch nicht bereit, das „einreißen“ zu lassen und mobilisiere beim nächsten Mal die letzten Reserven, um am Training teilzunehmen.
Angenehm ist das nicht. Damit, dass ich unter Stress kein Französisch mehr verstehe, hatte ich gerechnet. Aber ich begreife auch die englischen Anweisungen nur unter Mühen. Und selbst wenn ich kapiere, dass ich den linken Fuß bewegen soll, weiß ich nicht, welcher von den beiden gemeint ist.
Alter Tanzlehrerspruch: „Die Herren beginnen mit dem rechten Fuß. Mit dem anderen rechten!“ …
Mein Problem war das nie, aber heute muß ich lange überlegen, bis ich mich in „posture“ gebracht habe.
Alles ist wahnsinnig anstrengend und teils auch schmerzhaft.
Bei den Atemübungen habe ich die allergrößte Mühe, nicht in Tränen auszubrechen.
Ich bemühe mich sehr, alles einfach geschehen zu lassen und nur zu beobachten.

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Schon mittags stehe ich weinend in der Küche.
Ich habe Angst, dass ich wieder nix verstehe und alle mich für blöd halten. Ich habe Angst, mir wehzutun (nach dem letzten Training hatte ich eine Blockade in der Halswirbelsäule, dabei hab ich doch immer geglaubt, Yoga sei auch gut für meinen Rücken), ich habe Angst vor den Atemübungen, weil ich oft nicht genau verstehe, was ich tun soll und mir besonders eine sehr unangenehm ist.
Ich habe Angst, dass ich mitten im Training losheule. Ich könnte dann ja nicht einmal erklären, was mit mir los ist.
Zu Beginn des Trainings kommt Nathalie zu mir und fragt mich ganz selbstverständlich „which language will you understand today?“ und ich entscheide mich für „I’ll try French!“ …
Und es klappt!
Okay, es kommt vor, dass ich weisungsgemäß die Hände an den Körper nehme, den Hinweis „auf Schulterhöhe“ (was immer das auch auf Französisch heißen mag) jedoch nicht mitbekomme.
Andererseits sehe ich mit Erleichterung, dass auch andere TeilehmerInnen manchmal auf dem Rücken liegen, statt auf dem Bauch, weil ihnen schlicht ein Detail entgangen ist.
Die Übungen fühlen sich wieder angenehm an, ich habe nicht mehr solche Angst, mir wehzutun. Der Schwerpunkt liegt darauf, sich beim Ausatmen zu entspannen – so nimmt man die Positionen nicht ein, sondern gleitet hinein, das gefällt mir sehr.
Mitten im Training flattert plötzlich eine Fledermaus durch den Raum.
Nathalie packt ihr langes Haar unter eine Mütze (jeder kennt Geschichten von Fledermäusen, die sich in langen Haaren verfangen – dabei weiß gleichzeitig auch jeder, dass sie sich mittels Ultraschall orientieren und gar nicht in die Nähe von Hindernissen kommen. Ich habe auch noch nie von jemandem gehört, dem das tatsächlich passiert wäre …) und dann geht das Training mit Fledermaus weiter, bis das Tierchen irgendwo landet. Behutsam wird es von einer Teilnehmerin aufgenommen und in den unbeleuchteten Nebenraum gebracht: Dort haben sie ihr Winterquartier …

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Nach gut vier Monaten fühlen sich „Yoga-Tage“ beinahe normal an …
Den gewohnten Ablauf wirbeln sie zwar immer noch ein wenig durcheinander, weil dann mittags warm gegessen wird und nicht wie sonst am Abend, aber ich muß mich – sofern ich eingermaßen stabil bin – nicht mehr ab dem Morgen mental darauf vorbereiten.
„Den Müll mitnehmen“, was naheliegend ist, wenn man schon mit dem Auto losfährt, klappt noch nicht. Einmal im „Zielanflug“ weiß ich Sportsachenanziehentaschentucheinsteckenwasserflaschedeckeundtaschenlampemitnehmen. Was sonst noch sinnvoll gewesen wäre, fällt mir immer erst ein, wenn ich gerade losgefahren bin.
Ich liege immer noch „mittig“, immer so, dass ich rechts und links spingsen kann. Teils entlastet mich das, teils funktioniert es wie ein phantomimisches Übersetzungsprogramm.
Nur die Atemübungen waren immer ein Wermutstropfen.
Um nicht zu sagen, ich hatte Angst davor …
Vor einer insbesondere, bei der der Atem in kurzen Abständen heftig ausgestoßen wird. Ich hätte (und einmal wäre mir das tatsächlich um ein Haar passiert) schon heulen mögen, wenn Nathalie uns zum Atralalaprana (so, oder ähnlich, ich kann mir nicht einmal die Bezeichnung merken!) eingeladen hat.
Die anderen Teilnehmer machen das dreißig, vierzig mal … Mir rät Nathalie zu zehn bis fünfzehn. Fünf. Drei sind auch prima …
Mich erinnert das fatal an diesen Spruch, dass ich heute Bäume ausreißen könnte. Na gut, Zweige … Grashalme. Grashalme sind okay!
Ich kapiere einfach nicht, was ich tun soll.
Und das liegt nicht an der Sprache. Ich höre die Worte, aber ich kann und kann sie nicht umsetzen.
Das ist, wie wenn man kein Rad schlagen kann und einem jemand erklärt, man solle einfach die Arme ausstrecken, Schwung holen und eine Hand nach der anderen auf den Boden setzen … Das ist leicht zu begreifen, aber der Körper weigert sich schlicht, es auch umzusetzen.
Mich erinnert die Übung an meine Panikattacken. Was objektiv unzutreffend ist: Das Problem bei Panikattacken, bzw. beim Hyperventilieren, besteht ja darin, dass man nicht ausatmet. Dennoch empfinde ich die Übung als quälend und würde mir wünschen, Nathalie würde sich nicht so sehr bemühen, mir dabei behilflich zu sein. Ihre Aufmerksamkeit macht alles noch schlimmer.
Nach vier Monaten nun habe ich plötzlich den Eindruck, zu spüren, was ich tun soll …
Den Bauch loslassen und die Luft hineinfallen lassen! Vorher hab ich immer versucht, bewußt einzuatmen …
Und dann mit dem Bauch wieder rausdrücken. Das geht dann auch mit Schmackes und fühlt sich lange nicht so anstrengend und verkrampft an, wie meine bisherigen Versuche, das mit dem Brustkorb zu bewerkstelligen.
Ich habe keine Ahnung, ob das jetzt so richtig ist, aber es funktioniert und es fühlt sich sehr viel besser an!
Danach bin ich so euphorisch, dass ich mich bei der nächsten Übung, bei der mit einem lauten Summen ausgeatmet wird, nicht mehr an den anderen orientiere – damit man mich nicht womöglich alleine summen hört – sondern tatsächlich meinem eigenen Rhythmus folge. Das ist toll!

alltagstauchlich

Ich habe wahnsinnige Angst vor dem Zahnarzt.
Das mag schräg klingen, weil ich ja ständig mit irgendwelchen Ängsten beschäftigt bin, aber die meisten habe ich erst entwickelt, als ich etwa 30 Jahre alt war. Zahnarzt war schon immer furchtbar. Selbst wenn ich weiß, dass nur der Kiefer geröntgt werden soll, habe ich Angst. Und beim Entfernen von Zahnstein hat die Arzthelferin mich einmal gefragt, ob ich jetzt bitte! mal aufhören könne zu zittern.
Ich gehe seit über 30 Jahren zum selben Zahnarzt. Er hat meine Weisheitszähne gezogen, Kronen gesetzt und Wurzelentzündungen kuriert – immer so, dass der Schrecken mit einer einzigen Behandlung ausgestanden war. Und immer, immer alles mit Betäubung!
Ein einziges Mal hat er mich gefragt, ob „wir“ es denn heute wohl mal ohne Betäubung schaffen würden. Und mich, nachdem ich die Farbe gewechselt hatte, angegrinst und „War nur Spaß!“ gesagt …
Ich erwäge sehr ernsthaft, sollte an meinen Zähnen mal „was gemacht werden“ müssen, dafür nach Deutschland zu reisen.
Und so bin ich völlig erschüttert, als mir mirnixdirnix die Krone von einem meiner Backenzähne fällt. Mit sowas hatte ich nicht gerechnet!
Okay, die Erstversorgung kann der Zahnarzt in Alès machen, zu dem ich auch für die jährliche Kontrolluntersuchung (die man in Frankreich übrigens nicht kennt) gehe. Leider allerdings kann mich ausgerechnet jetzt niemand dorthin begleiten. Die Worte für „Zahn“, „Schmerz“ und „Angst“ kenne ich zwar, auch „Krone“ ist schnell nachgeschlagen, aber ich befürchte sehr, dass ich seine Antwort, sofern sie nicht absolut unkompliziert sein sollte, nicht verstehen werde.
img_21362-webWas, wenn der Schaden größer ist (für meine Zungenspitze jedenfalls fühlt er sich gigantisch an) und er den Zahn ziehen will?
Dass mir ausgerechnet jetzt die Buddenbrooks, insbesondere der Tod von Thomas Buddenbrook, einfallen, macht die Sache keineswegs besser …

Auf der Fahrt nach Alès vergesse ich meine Ängste:
Nach 250 Metern fällt mit einem satten „Plock!“ das Navi von der Windschutzscheibe: Anhalten, Gang raus, Handbremse ziehen, Gummifuß wieder an die Scheibe pappen.
Ungefähr ab „Plock!“ Nummer fünf beginne ich Mord und Brand zu fluchen. Insgesamt werden es 18 oder so und in einem Drittel der Fälle landet Navigatski so unglücklich auf seinem Touchscreen, dass ich die Einstellungen korrigieren muß. Am härtesten trifft es mich, als es ihm die Sprache verschlägt: Man mag das Geplapper nervig finden, aber spätestens wenn ich in Alès bin, möchte ich die Augen ausschließlich auf der Straße haben! Dorthin würde ich auch ohne Navi finden, aber bis ich da bin, sollte dieser vermaledeite Gummifuß verlässlich an der Scheibe haften. Es ist blöd genug, auf dem kurvenreichen, aber einsamen Pass ständig anzuhalten – in der Stadt würde es mir vermutlich zu einem Herzkasper verhelfen. Glücklicherweise habe ich bei einer Stunde Fahrzeit reichlich Gelegentheit für Befestigungsversuche und mit Geduld und (tatsächlich!) Spucke gelingt es irgendwann.

Ich bin manchmal monatelang nicht in der Stadt und wenn, dann als Beifahrerin. Zwar gehört Autofahren zu den Dingen, vor denen ich tatsächlich mal keine Angst habe, die Verkehrsführung in Alès allerdings ist auch so ziemlich gewöhnungsbedürftig. Und die Kreisverkehre sind mir bis heute ein großes Faszinosum: Wenn die Fahrbahn breit genug ist, wird mehrspurig gefahren. Wer bei der nächsten Ausfahrt (oder jedenfalls bald) rausfahren will, hält sich rechts, alle anderen fahren links: Je länger man im Kreisverkehr bleiben will, desto mittiger hält man sich. Nähert man sich der angestrebten Ausfahrt, „driftet“ man nach außen. All das auf einer Fläche, die sehr viel mehr an ein Kinderkarussell gemahnt, als an eine Rennstrecke. Erstaunlicherweise funktioniert das sehr gut, was womöglich daran liegt, dass Südfranzosen sehr viel entspannter und defensiver Auto fahren, als ich es aus Deutschland gewöhnt bin. Trotzdem finde ich es sehr aufregend!
In meiner Aufregung verpasse ich mehr als einmal die richtige Ausfahrt, was glücklicherweise ja kein Problem ist: Ich ziehe also nach innen, ziele sorgfältig und drifte wieder nach außen. Hatte ich erwähnt, dass der Berufsverkehr in Alès ganz genau so ist, wie in allen größeren Städten?
Als Navigatski mir ungefähr eine Minute vor meinem Termin endlich erklärt, ich habe nunmehr mein Ziel erreicht, trifft mich fast der Schlag: Ich stehe irgendwo im Nirgendwo, hinter einem Zaun kläfft ein Hund mein Auto an. Mir fällt wieder ein, dass mir das in Alès trotz korrekter Adresseingabe schon mehrfach passiert ist. Nicht, dass mir die Erkenntnis irgendetwas nutzen würde …
Ich habe Glück im Unglück: Weil er ganz in der Nähe der Zahnarztpraxis liegt, soll ich etwas aus einem Bioladen mitbringen und habe mir vorsichtshalber dessen Adresse aufgeschrieben (auf „beim Zahnarzt raus und dann rechts um die Ecke“ habe ich mich nicht zu verlassen getraut).
Also den Bioladen einkreisen und dabei nach dem Gebäude Ausschau halten, in welchem sich die Praxis befindet … Was tatsächlich funktioniert. Schweißgebadet aber halbwegs pünktlich erscheine ich beim Zahnarzt.
Wo ein kleines Wunder geschieht: Der Zahn ist völlig in Ordnung und die Krone kann er einfach wieder darauf festkleben. Das verstehe ich ohne Probleme und fünf Minuten später ist alles erledigt.
Anschließend bin ich so in Schwung, dass ich mir den folgenden Einkauf (inklusive eines weiteren Driftings) geradewegs aus dem Ärmel schüttele.
Ich bin total stolz auf mich!
Denn natürlich hätte ich darauf bestehen können, dass mich jemand begleitet, mich darauf zurückziehen, dass das alles zu viel für mich ist! Habe ich aber nicht!
Und genauso natürlich war es zu viel:
Am nächsten Tag liege ich auf der Nase. Nicht etwa depressiv, ich bin völlig zufrieden mit mir … aber vollkommen erschöpft. Fix und fertig, weil ich tatsächlich allein in die Stadt gefahren bin und den Zahnarzt aufgesucht habe. Ich bin trotzdem total stolz!