Montagsmodell I: Blindfisch

„Selbst Hypochonder können mal krank sein!“, hat meine Hausärztin in Deutschland geflachst, als sie mich überredet hat, meine Schilddrüse röntgen zu lassen. Da ich keinerlei Beschwerden verspürte, hatte ich zunächst nicht die Notwendigkeit für eine Untersuchung gesehen …
In diesem Falle hat sie Recht behalten (seitdem lebe ich ohne Schilddrüse), aber sie hat mir auch einmal gesagt, wie frustrierend es für sie sei, wenn ich wieder einmal mit Symptomen vorspräche, die sie sich schlicht nicht erklären könne. Damit war sie in guter Gesellschaft …

Teils hab ich einfach Pech gehabt:

Als sich im Teenageralter die Endometriose bemerkbar machte, kamen Menstruationsbeschwerden noch gleich nach Haarspitzenkatarrh. Sie stellten sich an, wurde den Frauen bedeutet, oder hätten ein Problem mit ihrer Weiblichkeit. Ich habe Schmerzmittel geschluckt, Sport getrieben, heiße Bäder genommen, Kräutertee getrunken, mir Wärmflaschen vor den Bauch gebunden und ja: ich habe mir alle Mühe gegeben, ein positives Verhältnis zu meiner Gebärmutter zu entwickeln. Und mir im Zweifel vorgebetet, dass man an Unterleibskrämpfen nicht stirbt – auch wenn es sich so anfühlt. Nachdem einer mir ein Rheumamittel dagegen verordnet hatte (und zwar just zur Zeit des großen Skandales um deren Nebenwirkungen), habe ich meine Beschwerden Ärzten gegenüber nicht mehr groß thematisiert, sondern mich einfach bemüht, sie anzunehmen. Und so war ich über 40, als ich meiner Gynäkologin gegenüber beiläufig erwähnte, ich hätte Bauchweh vom Magen bis zu den Knien …
Seitdem lebe ich ohne Gebärmutter.

Glomus Tumore im Nagelbett sind – im Gegensatz zu Endometriose – selten, was womöglich erklärt, warum bis zur Diagnose über 20 Jahre ins Land gegangen sind, obwohl ich mit meinen Beschwerden von Pontius zu Pilatus gerannt bin. Hier flachste zum guten Schluss der Dermatologe: „Keine Sorge, wenn der bösartig wäre, wären sie schon lange tot!“ …
Das war mir nach der ganzen Zeit schon selber klar, aber diese Sorte Tumore verursacht unerträgliche Schmerzen, wenn Druck auf sie ausgeübt wird. Beim Zuknöpfen meiner Jacke mit dem Fingernagel an einen Knopf zu stoßen, hat ausgereicht, mir die Tränen in die Augen zu treiben.
Ich hätte mir das oberste Fingerglied amputieren lassen, wenn das nötig gewesen wäre, aber tatsächlich fehlt mir nach der Operation nur der Nagel. Das fällt kaum auf.

Der Tumor in meiner Brust darf bleiben, obwohl er manchmal ordentlich kneift. Er ist gutartig und ich habe schlicht keine Lust, mir noch irgend etwas wegoperieren zu lassen.

Anderes ist rätselhaft geblieben:
Ich bin fünf, sechs Mal in verschiedene Krankenhäuser eingeliefert worden, weil ich mich übergeben habe und nicht mehr damit aufhören konnte. „Unstillbares Erbrechen“ nennt das der Fachmann, aber mehr ist nicht dabei herausgekommen. Es ließ sich keine Ursache finden.

IMG_20404-web

Ein weiteres Rätsel immerhin ist soeben gelöst worden.
Seit ca. 10 Jahren schwebt ein trüber Fleck vor meinem rechten Auge, der, wenn mir jemand gegenüber sitzt, ziemlich genau über dessen Gesicht liegt und es ein wenig verschwimmen lässt. Etwas später fiel mir auf, dass ich keine geraden Linien mehr sehen konnte: Im ersten Augenblick sehe ich Bögen. Einen Sekundenbruchteil später „ziehen sie sich grade“, aber das gilt für jede Linie, die ich anschaue auf’s Neue, was sich ziemlich seltsam anfühlt, wenn ich zum Beispiel beim Autofahren auf die Mittellinie schaue. Wupp! Wupp! Wupp!
Nicht, dass ich damit nicht bei diversen Ärzten vorgesprochen hätte …
Die mich stets dem üblichen Sehtest mit schwarzen Blockbuchstaben auf weißem Grund unterzogen haben, um hocherfreut festzustellen, dass ich völlig normal sehe.
Seit ich lesen gelernt habe, verbringe ich weite Teile meiner Zeit mit Lesen: Natürlich erkenne ich Buchstaben! Zur Not an ihrem Umriß …
Stellt man mich dagegen vor ein Supermarktregal, in dem zum Beispiel viele kleine bunte Verpackungen nebeneinander stehen, brauche ich ewig lange, bis ich jede einzelne angeschaut und „gerade gerückt“ habe. Und das muss ich, wenn ich etwas Bestimmtes suche …
Das allerdings interessiert die Ärzte nicht. Stattdessen untersuchen sie unverdrossen ein Problem, das ich erklärtermaßen gar nicht habe. Ich komme mir vor, als ginge ich mit Hämorrhoiden zum Arzt und würde nach einem Blick in meinen Rachen mit dem Hinweis, da sei nichts entzündet, wieder weggeschickt.

Vor einigen Monaten nun habe ich festgestellt, dass ich doppelt sehe. In der Nähe sind es nur sich überlappende Bilder, exponierte Objekte in größerer Entfernung dagegen sehe ich klar (für meine Verhältnisse jedenfalls) abgegrenzt doppelt. Den Mond zum Beispiel, oder einen Raubvogel (wenn sie absolut synchron fliegen, weiß ich, es ist nur einer …).
Ich hab begonnen, ein bisschen herumzuprobieren: mit beiden Augen gucken = zwei Vögel, nur mit links = ein Vogel, nur mit rechts = kein Vogel.
Weniger lustig fand ich den Umstand, dass ich manche Dinge jetzt tatsächlich gar nicht mehr erkenne.
Es fiel mir auf, als ich auf der Suche nach unseren Ziegen war: Ich sah etwas Weißes in ca. 100 Metern Entfernung und war mir sicher, dass es sich dabei nicht um einen Felsen handelte – einfach, weil ich mittlerweile weiß, wo auffällige Felsen zu sehen sind und wo nicht. Aber ob dieses Weiße nun Schaf oder Ziege war, habe ich beim besten Willen nicht erkennen können.
Also wieder einmal zum Augenarzt …, der nach dem üblichen Sehtest und dem üblichen Ergebnis wegen der Doppelbilder zu Augengymnastik rät. Der trübe Fleck interessiert ihn nicht: Mit meinen Augen sei alles okay. Sonst müsse man ein MRT machen.
Mein Hausarzt tippt zunächst auf ein psychosomatisches Phänomen: Es sei womöglich meine Angst, die mir im Supermarkt das Sehen erschwert. Dass ich schlechter sehe, wenn ich Angst oder aber ein depressives Tief habe, ist mir ja auch schon aufgefallen, aber in Supermärkten komme ich mittlerweile erstaunlich gut klar und warum um alles in der Welt sollte ich bei der Suche nach ausgebüxten Ziegen Angst haben?
Ich entscheide mich für ein MRT.
Anscheinend habe ich ja an allen möglichen Ecken und Enden Tumore, warum nicht auch am Sehnerv? Und bisher – toi!toi!toi! – waren alle harmlos.
Als ich anschließend zum CT gebeten werde, um zu klären, ob ich womöglich an einem Aneurisma leide, kriege ich dann aber doch Angst. Das finde ich sehr unheimlich!
Natürlich habe ich mich untersuchen lassen, damit endlich einmal festgestellt wird, was mit meinem Sehvermögen nicht stimmt, aber an etwas potentiell Lebensbedrohliches hatte ich keinen Moment lang gedacht!
Und so denke ich beim Stemmen der nächsten Schieferplatte nicht an meinen Rücken, sondern „was, wenn das jetzt platzt?“ …
Aber zumindest was das betrifft, ist in meinem Oberstübchen alles in Ordnung.

Nächste Station ist die Augenklinik und auch die verlasse ich um ein Haar ohne Befund.
Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was die junge Ärztin schließlich stutzen lässt. Womöglich ist es meine vehemente Reaktion als ich, obwohl wie immer mit „Dolmetscher“ unterwegs, zu verstehen meine, dass sie über trübe Partikel im Glaskörper des Auges spricht, die ganz normal seien. GENAU damit hat mich vor 10 Jahren der erste Augenarzt nach Hause geschickt! Und das ist nicht das, was ich sehe!
Sie kommt mit einem Foto, auf dem ein Fleck über dem eigentlichen Motiv liegt …
Ob ich so etwas sehen würde?
JA! Genau so!
Und diese Linien?
Krumm!
Offenbar sind meine Symptome so typisch, dass man mit dem Krückstock dran kloppen kann …
Oder wären es, wenn ich deutlich älter wäre.
Einen weiteren Klinikbesuch und ein fluoreszierendes Kontrastmittel mit sehr lustigen Nebenwirkungen später steht die Diagnose: Fortgeschrittene Makuladegeneration im rechten Auge.
Die gute Nachricht: Es macht nichts, dass es so lange gedauert hat, bis die Diagnose gestellt wurde. Makuladegeneration ist nicht heilbar.
(Wenn sonst niemand blöde Sprüche klopft, muss man es halt selber tun …)
Man kann mit Nahrungsergänzungsmitteln und einer gesunden Lebensführung gegensteuern, aber Stand heute war es das dann auch.
Im linken Auge sind ebenfalls erste Schäden feststellbar, die bemerke ich allerdings selbst noch nicht.
Wenn die Beeinträchtigungen von jetzt auf gleich über mich hereingebrochen wären, würde ich sie vermutlich grauenvoll finden, aber so hatte ich ja über Jahre hinweg Zeit, mich allmählich daran zu gewöhnen. Und eine Erkrankung wird nicht schlimmer, wenn man eine Diagnose hat: Man hatte sie ja vorher schon. Außerdem wird man, auch wenn Makuladegeneration als Altersblindheit bezeichnet wird, nicht wirklich blind: An der Peripherie bleibt das Sehvermögen erhalten, man kann sich also nach wie vor orientieren.
Das linke Auge macht mir allerdings schon Sorgen.
Bisher kann ich mit Brille zwar problemlos lesen, aber ich tue es mit dem linken Auge. Halte ich es zu, sehe ich nur noch ein Gewoge, in dem ich selbst in Großdruck nur mit Mühe einzelne Buchstaben identifizieren kann. Nicht mehr lesen und schreiben zu können, würde mich sehr hart ankommen. Andererseits hat es Jahre gedauert, bis das Sehvermögen rechts so stark nachgelassen hat …
Ich habe also hoffentlich noch ein paar Jahre Zeit.

Advertisements

mysteriös

Als ich zum ersten Mal für einen Blogger Award nominiert worden bin, fand ich das sehr aufregend! Und habe mich tatsächlich geehrt gefühlt, war doch diejenige, die mich nominiert hatte, eine Bloggerkollegin, die ich ebenfalls schätzte.
Dass es sich dabei nicht um einen echten Award (es bleibt ja bei der Nominierung – eine Auszeichnung, für was und von wem auch immer, erhält man nicht) handelt und eine Nominierung durch eine beliebige Einzelperson darüber hinaus … nun ja … ein wenig schwach auf der Brust ist, hat mich nicht allzusehr gestört. Ich hab mich gefreut.
Trotzdem bin ich in aller Regel froh, wenn diese Sorte Kelch an mir vorübergeht: Eigentlich mag ich mich nicht damit beschäftigen, originelle Antworten auf (ebenso bemüht originelle) Fragen zu ersinnen, die – seien wir doch ehrlich – weder mich noch den Fragesteller wirklich interessieren.
Der Umstand, dass man in Bloggergruppen mit ermüdender Regelmäßigkeit „Ich soll für den Schlagmichtot-Award Blogger nominieren, wer von Euch will denn mal?“ liest, hat auch nicht zur Motivation beigetragen: Wer sich für die Inhalte anderer Blogs interessiert und deswegen ab und an welche liest, sollte eine solche Frage gar nicht stellen müssen.

Die Nominierung für den Mystery Award, die ich kürzlich erhalten habe, hat mich dennoch berührt.
Zugegeben, angesichts der Beschreibung
„Der Mystery Blogger Award ist eine Auszeichnung für erstaunliche Blogger*innen mit genialen Beiträgen. Dieser Blog fasziniert nicht nur, er inspiriert und motiviert.“
habe ich mich ein weiteres Mal geehrt gefühlt: Erstaunlich! Nicht nur faszinierend, nein, auch inspirierend und motivierend! Wow …

Vor allem aber ist mir beim Stöbern im Blog von Ut, die mich da nominiert hat, klargeworden, dass ich ihr Ansinnen nicht mit „Danke … aber nein.“ abtun möchte. Vielleicht wegen gewisser Ähnlichkeiten (und damit meine ich nicht nur die Namen der Blogs): Wir leben beide auf einem Bauernhof, schätzen die Gesellschaft der dort lebenden Tiere, lieben Hunde und essen vegetarisch. Und bei dem Stichwort „Cillit BANG“ habe ich breit grinsen müssen.
Ut hört Stimmen. Und erzählt authentisch, aber ganz ohne Larmoyanz von einem Leben in sehr kleinen Schritten. Mir gefällt das sehr.

Also habe ich beschlossen, mir zwar die Fragen zu sparen, wohl aber ein paar Dinge über mich zu erzählen – auch ein paar seltsame. Anstelle einer Liste von Nominierungen möchte ich einige Blogs nennen, die ich regelmäßig lese, weil ich sie erstaunlich und / oder inspirierend finde, oder schlicht Spaß an ihnen habe.

Über mich:

IMG_22853-b-web

Ich hasse es, wenn beim Essen mein Besteck nicht zueinander passt: Eine Gabel mit eckigem Griff im Stil der 70er zu einem Messer mit ovalem, womöglich noch mit Ornamenten? Geht gar nicht. Dass der Rest des Geschirres „bei Hofe“ ebenfalls höchstens zufällig mal zusammenpasst, stört mich überhaupt nicht, aber bei meinem Besteck bin ich empfindlich. Aufmerksame TischgenossInnen decken den Tisch entsprechend, oder tauschen gegebenenfalls unauffällig.

Spiegeleier, deren Eigelb beim Servieren ausläuft, kann ich ebenfalls überhaupt nicht leiden. Die verderben mir geradewegs den Spaß am Essen, weswegen auch da im Zweifel getauscht wird. Sowie ich dann das Ei wohlbehalten auf meinem Essen platziert habe, wird als erstes das Eigelb angepiekt, so dass es nach unten sickert. Das muss so!

Ich kann nicht in einem Raum schlafen, in dem eine Schranktür offensteht.

Seit meiner Teenagerzeit habe ich ein großes Faible für Horrorfilme. Als ich im Alter von 14 Jahren in England die Wahl zwischen „Little orphan Annie“ und „Dawn of the dead“ hatte, habe ich keinen Moment überlegen müssen. Wenn es zu arg ist, halte ich mir noch heute die Augen zu.

Wenn ich nicht gerade im Schatten tauche, lebe ich im sonnigen Süden und denke mir vegetarische Rezepte aus. Auch darüber blogge ich.

Über Blogs, die ich besonders mag:

Drogen, ihre Zubereitung sowie Erfahrungen mit dem Konsum derselben sind – von Tee und Bier (Kaffee und Wein scheint Chefredakteur Alice Wunder weniger zu schätzen) jetzt mal abgesehen – eigentlich überhaupt nicht mein Thema. Dennoch bin ich – nach einem kurzen Blick aus schierer Neugierde – treue Leserin der „Drogenpolitik“ geworden. Die Bandbreite der Themen ist sehr viel größer als gedacht und man merkt den Texten an, dass der Verfasser nicht nur schreibt, sondern auch liest. Romane zum Beispiel, ohne gleich Rezensionen verfassen zu wollen. Und weitere Blogs (die mich regelmäßig staunen lassen, auf was für Erfahrungen Menschen sich zum Beispiel einzulassen wagen), welche en passant vorgestellt werden.

Kassandra befasst sich mit Visionen anderer Art: Die Zukunft der Menschheit, wie sie vermutlich aussehen wird, wenn diese ihre bisherige Energie-, Finanz- und Gesellschaftspolitik unverändert beibehält. Das klingt sehr viel trockener, als es sich liest, zumal der Autor offensichtlich Science Fiction Fan ist und seine Texte gern mit Zitaten aus den einschlägigen Klassikern illustriert. Kassandra ist einer der wortgewaltigsten und bilderreichsten Blogs, die ich kenne und das liegt nicht an der Länge der Texte. Ich mag den ironischen bis bissigen Stil und habe meinen Spaß an den Anspielungen – auch wir haben offenbar dieselben Bücher gelesen …

Über Soja Koala bin ich gestolpert, als sie wöchentlich berichtet hat, wie es ist, sich die Haare nicht mehr zu waschen. Das fand ich im ersten Wurf mehr als schräg – Konzepte wie No Poo und NW/SO waren mir zu diesem Zeitpunkt noch völlig fremd. Ansonsten befasst die Autorin sich mit Nachhaltigkeit (und probiert dabei von Menstruationstassen, über handgestrickte Spülschwämme bis hin zu so originellen Erfindungen wie Stofftaschentüchern hemmungslos alles aus, was sich als nützlich erweisen könnte), veganer Küche, einem Leben ohne Pille … all das mit einer Schreibe, die ich einfach herzerfrischend finde.

Vegan & heimatlos ist einer der originellsten Foodblogs, die ich kenne – da ist jemand mit einer Menge Spaß, Kreativität und einem nicht geringen Spieltrieb in der Küche unterwegs. Und Marktfrau Jenny kocht nicht nur, sie erzählt auch Geschichten aus ihrem Alltag. Man meint, den Menschen hinter dem Marktstand / Kochtopf geradewegs persönlich zu kennen.

S.ina schlägt sich nicht nur mit ihrer Pubertät herum, sondern auch mit der Erkenntnis, dass sie Asperger Autistin ist. In ihrem Blog „Plötzlich Autistin“ (schon das Zitat hat mir gefallen!) hält sie ihre Erfahrungen auf Karteikarten fest, was ich so passend wie charmant finde. Ein ambitioniertes und mutiges Projekt! Außerdem hatten wir mal eine sehr lustige Diskussion über Spiegeleier …

Solltet Ihr nun Lust bekommen haben, ein paar seltsame Dinge über Euch zu erzählen, oder andere BloggerInnen wissen zu lassen, dass Ihr sie schätzt: Zögert nicht!

Eight shades of grey

… oder das Geheimnis des Morgentiefs

„Guck mal an!“ hab ich gedacht, als ich bei Bloggerkollegin Annie über einen sogenannten Mood-Tracker gestolpert bin … das ist wie die Spalte mit den Farbmarkierungen in meiner Stimmungstabelle – aber sehr viel detaillierter.
Und fand das zwar ein bisschen aufwendig, aber spontan einleuchtend: In meiner Tabelle sind solche Tage grün (für „okay“), an denen es mir schon am Morgen einigermaßen gut geht. Tage, an denen ich mich morgens elend, verzagt oder jämmerlich fühle, sind grau (für „depressiv“), obwohl es mir am Nachmittag fast immer besser geht.

United-colors-of-schist-web

An diesem Punkt stutze ich und beginne zu überlegen, ob es anderen Depris eigentlich genauso geht. Ich stelle die Frage in einer einschlägigen Facebook-Gruppe und abgesehen von ein paar wenigen, die ihr Tagewerk gleich nach dem Aufwachen erledigen und anschließend einbrechen, berichten die meisten von ganz ähnlichen Erfahrungen: Morgens kommt man beim besten Willen nicht hoch, alles erscheint absolut sinnlos … und nachmittags ist es plötzlich, als würde ein Schalter umgelegt. Die Antriebslosigkeit ist wie weggeblasen und man schmiedet womöglich Pläne für den nächsten Tag. Um dann erneut in grauem Sumpf zu erwachen. Jemand erwähnt das Stichwort „Morgentief“, aber niemand kann mir sagen, was dieses Phänomen eigentlich auslöst …
Ich bin neugierig geworden und beginne, im Internet zu stöbern: Das Morgentief gilt als eines der typischen Symptome für eine Depression.
Warum das so ist, vermag ich bei meiner bescheidenen Recherche zunächst nicht herauszufinden.
Depressive Menschen schliefen schlecht, weil sie so viel grübeln, lautet eine Vermutung. Das kann ich zwar bestätigen, aber nach einer Nacht (oder auch mehreren) mit schlechtem Schlaf sind „normale“ Menschen müde. Übermüdet, todmüde … allerdings – auch wenn es schwerfällt – immer noch in der Lage, aufzustehen. Ich erinnere mich zahlreicher Morgen, an denen ich nach viel zu wenig Schlaf die allergrößte Mühe hatte, nicht beim Frühstück im Sitzen wieder einzuschlafen. An Schulstunden und Vorlesungen, während derer wir einander gegenseitig gepiekt haben, wenn wieder mal die Augen zufielen. Trotzdem war es möglich, sich irgendwie aufzurappeln. Das war nicht dasselbe!
An anderer Stelle lese ich, dass, wer beim zu Bett gehen bedrückt ist und sich einsam fühlt, am nächsten Tag erhöhte Werte des Stresshormons Cortisol hat …
Cortisol schüttet der Körper insbesondere bei Langzeitstress aus, es aktiviert Stoffwechselvorgänge, stellt also sozusagen dem Körper Energie zur Verfügung. Gleichzeitig unterdrückt es das Immunsystem, weswegen ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel krank macht.
Ich googele „Depression und Cortisol“ und stoße in einer Doktorarbeit auf den Hinweis, dass bei einer typischen Depression der morgendliche Peak der Cortisolsekretion ausbleibe. Der was???
Also erst noch einmal „Cortisol“ nachschlagen und siehe da: Der höchste Wert (Peak) wird morgens kurz nach dem Aufwachen erreicht (Cortisol Awakening Response, CAR). Man nimmt an, dass auf diese Weise die Energiereserven des Körpers mobilisiert werden, um diesen auf den bevorstehenden Tag vorzubereiten.
Das scheint sich mir auf den ersten Blick zu widersprechen: Wenn Gefühle von Trauer und Einsamkeit bewirken, dass am nächsten Tag ein ausgeprägter Cortisolschub den Körper in Schwung bringt, dann müssten doch gerade Depressive wie Raketen aus ihren Betten schießen?
In der US National Library of Medicine werde ich – wenn auch unter Mühen (wissenschaftliche Texte in einer Fremdsprache zu lesen, ist dann doch recht anstrengend) – fündig.
Bei gesunden Menschen ist das so. Haben sie einen stressigen Tag oder ein belastendes Ereignis hinter sich, erwachen sie mit einer ausgeprägten Cortisolausschüttung, die ihnen hilft, den nächsten Tag zu bewältigen. Ebenso, wenn sie einen stressigen Tag vor sich haben: Ihre CAR ist flexibel und fällt zum Beispiel je nach Wochentag unterschiedlich aus – so kommen sie am Wochendenende weit gemächlicher in die Gänge, als während einer Arbeitswoche.
Bei depressiven Menschen dagegen ist die CAR häufig unflexibel und/oder wenig ausgeprägt.
Allerdings liefern verschiedene Studien einander widersprechende Ergebnisse und bislang scheint mir das Fazit darin zu bestehen, dass es irgendeinen Zusammenhang zwischen CAR und Depression gibt, auch wenn man noch nicht verstanden hat, welchen genau.

„Die bisherigen Ergebnisse weisen darauf hin, dass in gesunden Populationen ein Anstieg der CAR die Fähigkeit, den Erfordernissen des kommenden Tages gerecht zu werden, besonders begünstigt (zum Beispiel an Arbeitstagen im Gegensatz zu Wochenenden), Stress an diesem bestimmten Tag vermindert und so mit der Bewältigung desselben zusammenhängt. Es ließe sich spekulieren, dass es zu einer Dysregulation (Fehlregulierung) dieses Zusammenhanges kommen könnte, sobald Stressgefühle über längere Zeit nicht mehr effizient bewältigt werden. In diesem Fall könnte eine erhöhte (und möglicherweise unflexible oder steife) CAR sich von einem Signal für Stressbewältigung in eines für Stresserwartung verwandeln. Wie bereits angedeutet ist es wahrscheinlich, dass ab einer gewissen Schwelle eine andauernd erhöhte CAR heruntergeregelt und gedämpft wird. Das könnte erklären, warum einige Studien erhöhte und andere gedämpfte CAR in Zusammenhang mit einer schlechten psychischen Verfassung in Bezug auf Depression beobachten.
Beide Hypothesen müssen in weiteren Studien untersucht werden. Insgesamt offenbaren die Studien eine komplexe und wichtige Verbindung zwischen CAR und der Anfälligkeit für Depressionen.“

Ob eine gedämpfte Cortisolausschüttung die Erklärung für eine bleierne Bettdecke ist? Und was löst dann das „Umlegen des Schalters“ am Nachmittag bzw. Abend aus? Müssten Hormone wie Serotonin und Melatonin nicht ebenfalls eine Rolle spielen? Fragen über Fragen …

Einstweilen tröste ich mich damit, dass mir die Themen für die Schattentaucherin so schnell wohl nicht ausgehen werden und wende mich wieder meinem Mood-Tracker zu.
MoodtrackerIch beschließe, die Tage fortan in Morgen, Vormittag, Nachmittag, Abend und Nacht zu unterteilen und erstelle eine Liste mit verschiedenen Befindlichkeiten und den dazu passenden Farben bzw. Schattierungen.
Eigentlich brauche ich keine 8 Graustufen für depressive Phasen, aber die ganz dunklen Töne sollen mich daran erinnern, dass es mir schon sehr viel schlechter gegangen ist, als das in der letzten Zeit der Fall ist – auch wenn die Tage grau sind, ist es tröstlich, dass es immerhin hellgrau ist.
Und auch keine 5 Grüntöne für „okay“, da müsste mir bei dunkelgrün ja geradewegs die Sonne aus dem Allerwertesten scheinen. Aber noch weniger grün als grau zur Verfügung zu haben, fand ich auch keine schöne Vorstellung. Wenn ich davon ausgehe, dass die Energie der Aufmerksamkeit folgt, dann sollte ich mich der Frage, ob’s heute nicht noch ein bißchen grüner sein darf, sehr aufmerksam widmen.
Weiße Kästchen nach dem Motto „ich hab grad keine Meinung“ wollte ich nicht mehr – so ist, als das dann aber doch einmal der Fall war, „indifferent“ entstanden.
Ruhig und entschlossen rangieren zwar im grünen Bereich, sind aber nicht wirklich positiv: „Ruhig“ bin ich unter anderem, wenn ich nach einem Wein- oder Wutanfall schlicht erschöpft bin. „Entschlossen“, wenn ich vorher sehr wütend war und einen Weg gefunden habe, mich auf konstruktive Weise auszutoben.
„Geschlafen“ steht für solche Momente, in denen ich mich in den Schlaf geflüchtet habe. Dann weiß ich nicht, wie ich mich fühle – genau das ist der Sinn der Sache.
Instabil fühle ich mich, wenn ich merke, dass meine Stimmung zu kippen beginnt, aber selbst nicht weiß, ob ich gereizt oder jämmerlich bin.
Den Rest finde ich mehr oder weniger selbsterklärend: Resignation hat zwar noch einen Blauton wie Trauer und Verzweiflung, mutet aber nicht ohne Grund eher grau an. Aufregung kann auch positiv sein und hat deswegen ein helles Magenta.

Natürlich frage ich mich ab und an, ob ich dem nicht zu viel Aufmerksamkeit widme – man kann es ja auch übertreiben mit der Nabelschau …
Aber schon nach relativ kurzer Zeit fällt mir auf, dass, auch wenn ich ingesamt den Eindruck habe, dass es mir nicht allzu gut geht, das Bild lichter wirkt, als ich vermutet hätte: Auch wenn die dunklen Töne besser in Erinnerung bleiben, die Felder, die ich mal als „nur ein bisschen depressiv“ oder ganz vorsichtig als „vielleicht ganz okay“ markiert habe, läppern sich dann doch.
Und so stelle ich mir vor, dass, sollte ich eines Tages ein paar Jahre nebeneinander legen, eine pointillistische Frühlingslandschaft entsteht …

Der Sommer ist vorbei

Es war ein guter Sommer! Man kann es an meiner Stimmungstabelle ablesen: Erfreulich viele weiße Kästchen (für schlicht und einfach ganz normale Tage) und auch etliche zart- oder gar sattgrüne (für richtig gute).
Ich bin morgens einfach so aufgewacht, oder weil der Wecker klingelte – nicht, weil ich Schmerzen hatte.
Und ich hab tatsächlich angefangen, mich ein wenig in diesem angenehmen Zustand einzurichten.
Ich hab mich sogar getraut, zu einem Fest auf dem Hof einzuladen!

IMG_14101-q-webUnd dann hat ein einziger Rückschlag ausgereicht, all das zunichte zu machen.
Nichts Existenzielles glücklicherweise, einfach nur ein Projekt, eine gute Sache, an die ich mein Herz gehängt hatte.
Die mir das Gefühl gegeben hat, ein Teil von etwas zu sein, etwas zu bewegen, auch dann noch etwas Sinnvolles tun zu können, wenn ich objektiv nicht so fürchterlich viel hingekriegt habe.
Vermutlich kennen wir das alle: Sich voller Engagement und Euphorie in eine Unternehmung stürzen und nach einiger Zeit bemerken, dass man da eigentlich sehr alleine unterwegs ist. Dass man gar nicht wirklich etwas bewegt. Und auch gar niemand da ist, der die eigenen Bemühungen so recht zu schätzen weiß.
Ernüchterung, Enttäuschung, Trauer … womöglich auch Verletztheit, Verbitterung. Aber letztlich gehören solche Erfahrungen zu Leben: Wir lassen los und wenden uns anderen Dingen zu.
Womöglich, um diese Erfahrung ein ums andere Mal zu wiederholen, aber darum geht es mir hier nicht.

Ich bin einfach erschrocken über die Konsequenzen, die diese eine „Pleite“ nach sich zieht.
Nicht nur, dass ich traurig bin. Enttäuscht, verletzt. Im Verlauf weniger Tage rutsche ich in ein depressives Tief ab, liege morgens weinend im Bett, quäle mich durch bleierne Tage. Als wir Gäste zum Mittagessen haben, gelingt es mir nicht, die Mahlzeit bis zum Ende durchzustehen: Ich bekomme keine Luft mehr und befürchte, jeden Moment in Tränen auszubrechen.
Die Schmerzen sind wieder da. Und mein Sehvermögen ist schlechter als je zuvor.

Ich komme mir vor, wie eine dieser Reihen von Dominosteinen: Kippt einer um, fallen alle.
Nur, dass die Steine in meinem Falle nicht auf kleinen Wippen stehen und auch sonst keine lustigen Effekte auslösen. Es entstehen auch keine Muster, wenn sie fallen. Nur ein großer Haufen Elend.

Das Yoga Projekt III

Mein erster Yogakurs ist zu Ende und rückblickend staune ich, dass ich mich das tatsächlich getraut habe: Einfach mal darauf zu vertrauen, dass ich schon klarkommen, schon irgendwie begreifen werde, was ich tun soll, auch wenn ich die Anleitung nicht verstehe.
Das hat lustigerweise auch damit zu tun, dass ich jetzt sehr viel mehr verstehe. Mir wird ganz allmählich klar, was ich anfangs alles nicht mitbekommen habe.

Was mir nach wie vor schwer fällt, ist, Dinge für mich zu übersetzen und sie mir gleichzeitig zu merken: Wenn ich verstanden habe, dass ich die Knie anziehen und wieder locker lassen und dabei jeweils ein- und ausatmen soll, dann habe ich garantiert hinterher nicht parat, wann was ist …
Andererseits beginne ich, einzelne Wörter im Redefluß zu identifizieren und plötzlich wird aus „kaschtorassiek“ „cage thoracique“ (Brustkorb). Ganz einfach macht es einem die französische Sprache allerdings nicht: „oh de fess“ zum Beispiel ist der obere Teil des Gesäßes – „oh dü doh“ jedoch nicht der obere Rücken, sondern die Knochen desselben …
Unbekannte Wörter versuche ich mir zu merken, um sie später nachzuschlagen und auch hier ringe ich regelmäßig mit den Tücken der Aussprache: Dass Nathalie immer wieder über Engel (ange) spricht, vermag ich mir nicht vorzustellen … und tatsächlich meint sie hanche (Hüfte).
Englisch spricht sie nur noch selten mit mir: Wenn ich etwas nicht mitbekommen habe, wiederholt sie es einfach noch einmal langsam, das klappt auch.

Bei einer Gelegenheit allerdings bin ich mir ganz sicher, dass sie unmöglich gemeint haben kann, was ich gerade verstanden habe. Ich soll jetzt auch noch die Hand hoch … ??? Ich soll! Und plumpse bei dem Versuch kichernd aus der posture

***

Als Victor im Sterben liegt, habe ich Sorge, sofort in Tränen auszubrechen, wenn ich mich entspanne. Stattdessen weine ich schon, bevor ich auch nur einen Fuß in die Halle gesetzt habe.
Ich erzähle Nathalie, warum ich so traurig bin und sie erklärt mir, ich würde während der Übungen durch die Energie und die Liebe mit ihm verbunden sein. Überflüssig zu sagen, dass ich daraufhin vollends die Fassung verliere.
Ich liege rücklings auf der Matte, schenke mir die Atemübungen und versuche einfach nur, nicht allzu laut zu schluchzen, während mir die Tränen in die Haare laufen. Im Laufe des Trainings beruhige ich mich dann allmählich, und am Ende verkneife ich mir das Weinen nicht mehr, sondern empfinde Gelassenheit. Dass wir die „Bienenatmung“, deren Summen Stress reduzieren soll, heute ganz besonders gründlich üben, mag Zufall sein, ich traue Nathalie jedoch durchaus zu, dass sie mich zu stabilisieren versucht.

Victor stirbt wenige Minuten nach meiner Heimkehr und ich kann in seinen letzten Momenten bei ihm sein. Ich würde sehr gerne glauben, dass es diese Verbundenheit gab und sie den Abschied auch für ihn leichter gemacht hat.

***

img_16215-q-webAnlässlich des Journée Mondiale du Yoga sollen sich die TeilnehmerInnen aller Kurse zu einem gemeinsamen Training in St Étienne treffen. Anschließend wird dann zusammen gegessen.
Innerlich winke ich sofort ab: Ich sehe zu viele Menschen in einem Raum. In einem unvertrauten Raum in einem Dorf, von dem ich nur eine ganz vage Vorstellung habe, wo es zu finden ist. Und dann auch noch zusammen essen! Und sich unterhalten womöglich …
Nee, besten Dank!
Und dann lass ich mich doch von Nathalie breitschlagen: Ich könne mich ja in die Nähe der Tür legen, meint sie, und jederzeit gehen, wenn es mir zuviel werde. Und natürlich müsse ich nicht am Essen teilnehmen. Wenn ich mich nicht unterhalten wolle, sei das gar kein Problem – Yogis würden akzeptieren, wenn jemand schweigen wolle …

Lustigerweise gilt am Tag X meine größte Sorge meiner Yogamatte. Wer eine eigene besitzt, ist gebeten, diese mitzubringen … Was gar kein Problem wäre, hätte ich mir nicht ein extradickes, überbreites Luxusteil geleistet, auf dem man auch bequem mal eine Nacht schlafen könnte. Peinlich, peinlich … Ich kann nur hoffen, dass das olle Badelaken, das ich benutze, weil ich keine Decke habe, für das ortsübliche Understatement sorgt … Zwischendurch überlege ich, ob ich die alte Isomatte ausgraben soll, die noch in irgendeiner staubigen Ecke liegt. Aber diese kleine Extravaganz nur heimlich auszuleben, wäre irgendwie noch peinlicher …

Getragen von einer Welle des Wagemutes fahre ich ohne Navi los: Da ich nur einmal rechts abbiegen und anschließend mehr oder weniger geradeaus fahren muss, sollte es ohne gehen! Okay, eine einzige Weggabelung gibt es, an dieser soll ich mich Richtung Serres halten.
Links geht es nach Serres, rechts nach Le Serre … Jetzt bloß nicht zu viel nachdenken, Serres war das Stichwort!
An den nächsten Gabelungen, die aus welchem Grund auch immer nicht in meiner Wegbeschreibung auftauchen, halte ich mich an das, was mir mehr wie eine Straße auszusehen scheint … ein Sträßchen eher, einspurig und nur nachlässig asphaltiert, das in Serpentinen die cevenolen Hügel durchquert.
Die angepeilte Fahrzeit ist unterdessen überschritten und ich befinde mich mitten in der Wildnis. Okay, da ich die Straße nicht kenne, bin ich langsam gefahren. Und so richtig verfahren kann man sich hier nicht – dazu gibt es schlicht nicht genug Straßen. Aber wenn ich zurückfahren muss, werde ich zu spät kommen! Dann platze ich entweder mitten ins Training, oder ich muss bis zum Essen warten. Und wenn ich einfach wieder fahre, was wird dann aus dem Salat, den ich vorbereitet habe?
Ich bekomme Magenschmerzen.

Als ich die Betonbrücke sehe, die mir als weiterer Orientierungspunkt genannt worden ist, geht (Hurra, eine Betonbrücke!) sozusagen die Sonne auf. Der Ortseingang von St Étienne! Jetzt muss ich nur noch die Mairie finden, neben dieser liegt la grande salle polyvalente. „Am Ende des Ortes rechts von der Durchgangsstraße“ sollte jetzt keine große Herausforderung mehr sein, aber richtig beruhigt bin ich erst, als ich auf dem Parkplatz stehe. Nein: Als neben mir zwei Gestalten mit Yogamatten aus ihrem Auto steigen! Unauffällig hefte ich mich an ihre Fersen …

In der Halle angekommen, zögere ich zu lange, mir einen Platz zu suchen und lande schließlich in größtmöglicher Entfernung zur Tür. Nathalie allerdings kann ich von hier aus gut sehen und hören, das macht die Sache leichter. Die Übungen sind unkompliziert, die Stimmung entspannt und gegen Ende bin ich wider Erwarten völlig gelöst. Vorher hatte ich noch herumgeflachst, es mache nichts, wenn es kein oder nur wenig vegetarisches Essen gebe, ich würde vor lauter Stress sowieso nichts hinunterbringen – jetzt merke ich, dass ich einen Bärenhunger habe.

Um nicht dumm herumzustehen, helfe ich, die Tische für das gemeinsame Essen aufzubauen. Meine Befürchtung, ich könne angesprochen werden, erfüllt sich natürlich, aber obwohl sich keine wirklichen Gespräche entwickeln, empfinde ich die Situation nicht als unangenehm. Für meine pomfortionöse Yogamatte interessiert sich kein Mensch, aber meine Zehenschuhe lösen allgemeine Heiterkeit aus. Das kenne ich schon und habe so immerhin die nötigen Vokabeln für zwei, drei Sätze parat. Es ist okay. Dass ich mir fremd vorkomme und keinen Zugang zum allgemeinen Smalltalk finde, ist nicht neu für mich. Hier bin ich tatsächlich fremd und kann mich nicht am Gespräch beteiligen, weil meine Sprachkenntnisse das nicht hergeben, dennoch empfinde ich die Menschen als zugewandt und freundlich. Verstehen würde ich schon eine Menge, nur das Sprechen falle noch schwer, soviel kann ich erklären. Und so höre ich eben zu.
Und esse. Essen ist ein sensibles Thema für mich: Sobald ich Stress habe oder unglücklich bin, bringe ich nichts mehr hinunter. Wenn ich mich früher genötigt sah, auf mein Gewicht zu achten, galt das immer meinem Untergewicht …
Jetzt habe ich mich einmal quer durch das Buffet schnabuliert und – eigentlich schon pappsatt – ein angebotenes Stück Pfirsichtarte angenommen. Es abzulehnen und dann die Charlotte zu probieren, wäre unhöflich gewesen … Mit etwas gutem Willen geht beides. Und hej: Es lohnt sich!

Auf dem Heimweg habe ich dann auch meine helle Freude an dem einspurigen Sträßchen: Mit höchst verwegenen 50 km/h jage ich den Caddy durch die Dämmerung und fühle mich großartig.

Ich bin ungeheuer froh, dass ich mich das getraut habe!

Der 5tägige Workshop im Juli, der das Ganze womöglich noch getoppt hätte, ist seit Januar ausgebucht …

Also freue ich mich auf den nächsten Kurs im September. Und ich freu mich wirklich!

Ich und die anderen

Andy Gage wurde 1965 geboren und nicht lange danach von seinem Stiefvater, einem sehr bösen Menschen namens Horace Rollins, ermordet. Es war kein normaler Mord: die Mißhandlungen und Schändungen, die ihn töteten, waren zwar real, sein Tod aber nicht. Tatsächlich starb nur seine Seele, und als sie starb, zersplitterte sie.“

Ich erinnere mich noch lebhaft, wie „Ich und die anderen“ mich gefunden hat: Ich ging die Treppe zum Untergeschoss meiner bevorzugten Buchhandlung hinab, als ich plötzlich einen schreiend bunten Einband genau in Augenhöhe hatte. Der Autor, Matt Ruff, war mir ein Begriff, hatte ich doch „Fool on the hill“ mit großem Vergnügen gelesen. „Das ist schon … also … ziemlich anders …“, wandte die Buchhändlerin ein, aber für mich war – ohne auch nur den Klappentext gelesen zu haben – klar: meins!

Heute gehört eine Buchhandlung, in der ich stöbern und mich finden lassen kann, vor allem aber eine gutsortierte Leihbücherei, die mir das für kleines Geld ermöglicht, zu den wenigen Dingen, die mir ab und zu fehlen. Und so habe ich – wenn die letzte amazon-Bestellung wieder einmal „leergelesen“ war – begonnen, diejenigen Bücher noch einmal zu lesen, die mir hinreichend lieb und wert waren, sie bis in die Cevennen mitzunehmen.
„Ich und die anderen“ ist eines davon. Und über 10 Jahre nach der ersten Lektüre ist mir klargeworden, dass es für mich eines der liebevollsten Bücher ist, die ich je gelesen habe.

Andrew Gage leidet unter einer dissoziativen Identitätsstörung oder multipler Persönlichkeitsstörung – die Splitter seiner ursprünglichen Seele (Matt Ruff spricht hier von Seelen, nicht von Persönlichkeiten) sind zu eigenständigen Seelen geworden. Aber „Ich und die anderen“ ist nicht die Geschichte eines Leidenden, ihr Protagonist ist nicht gestört. Er mag sich zuweilen gestört fühlen, so wie es Menschen halt ergeht, die in einer – sagen wir: sehr buntgemischten – Wohngemeinschaft leben. Denn in dem, was einmal Andy Gages Kopf war, ist mit Hilfe einer Therapeutin ein Haus entstanden, das sich über hundert Seelen teilen. Die wenigsten von ihnen treten in den Vordergrund und das ist kompliziert genug, wenn sie – nachdem jeder seine private Zeit im Badezimmer hatte – sich zum Beispiel bemühen, bei einem einzigen Frühstück sowohl kaffee- oder aber teetrinkenden Erwachsenen, als auch den Fünfjährigen unter ihnen gerecht zu werden.
Es ist kompliziert, aber es liest sich nicht so. Vielmehr bekommt man den Eindruck einer liebevoll gezeichneten Großfamilie – das dazugehörige gelegentliche Chaos inklusive.

Mouse (eigentlich Penny) dagegen leidet. Sie weiß zum Beispiel, dass sie ihren Job ordentlich macht, aber weder, wie sie ihn bekommen hat, noch, was genau sie dort eigentlich tut. Oder warum sie ihn plötzlich doch verliert. Sie erwacht in fremden Betten und fragt sich nicht, was sie am Vorabend gemacht hat, sondern gleich, wieviele Tage oder womöglich Wochen diesmal vergangen sein mögen, ohne dass sie es mitbekommen hätte. Penny hat keine Ahnung, was mit ihr los ist.
Daher erkennt sie, als sie Andrew begegnet, ihre Gemeinsamkeiten nicht. Einige ihrer Seelen jedoch tun das sehr wohl. Und so sind sie es, die hinter Pennys Rücken ebenfalls Kontakt zu ihm aufnehmen. Zu ihm selbst oder einer der Seelen in seinem Körper.
Mit der beginnenden Freundschaft zwischen den beiden (?) wird die Geschichte zunächst tatsächlich ein wenig unübersichtlich, handelt es sich doch um eine Beziehung zwischen sehr vielen und höchst unterschiedlichen Beteiligten. Die durchaus witzige Blüten treibt, wenn zum Beispiel die freundliche Tante Sam und die aggressive und vulgäre Maledicta ihr gemeinsame Vorliebe für Billardspiele und Kuchenorgien entdecken.
Den Roadtrip und Krimi, zu dem sie sich später entwickelt, hätte ich persönlich nicht unbedingt gebraucht, hatte ich doch allein an der Interaktion der verschiedenen Seelen schon meine helle Freude, aber natürlich benötigen diese ein wenig Bewegungsspielraum.
Leserin und Leser wachsen dabei an ihren Aufgaben: Werden die einzelnen Seelen – wobei es sich durchaus auch um zwei Seelen in einer Brust handeln kann, die sich gerade unterhalten – zunächst durch die Gesprächssituation oder bestimmte Attribute (ein großes Interesse an Dinosauriern zum Beispiel weist darauf hin, dass es der kleine Jake ist, der sich gerade zu Wort meldet) kenntlich gemacht, kommt es später auch zu Dialogen, bei denen man plötzlich merkt, dass man auch ganz ohne Erklärung weiß, mit wem man es gerade zu tun hat. Was anfangs befremdlich gewirkt hat, ist ganz unmerklich zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Es ist diese Selbstverständlichkeit, die mich so für „Ich und die anderen“ einnimmt.
Matt Ruff verschweigt keineswegs, dass es sexuelle Gewalt gegen Kinder ist, die Seelen zersplittern lässt. Und so sind die Schilderungen derjenigen Seelen, die sich immerhin an die Begleitumstände, den Machtmißbrauch, die Hilflosigkeit erinnern können, anrührend und verstörend, selbst wenn sie den sexuellen Akt als solchen mit keinem Wort erwähnen.
Wie schmerzhaft die Erkenntnis ist, wie schwierig, eine geeignete Therapeutin / einen geeigneten Therapeuten zu finden, wie grauenvoll, sich zu erinnern … all das findet Erwähnung.
Aber der Fokus liegt im Jetzt. Jetzt ist es so. Jetzt sind sie da, die Seelen. Und müssen einen Weg finden, irgendwie miteinander klarzukommen.
Es geht nicht um Ursprung, Diagnose und Behandlung einer Störung, sondern um einen Haufen sehr unterschiedlicher Leute, die sich unfreiwillig einen Lebensraum teilen und mit so liebevollem Blick gezeichnet sind, dass man nicht einmal die unsympathischen und nervigen unter ihnen wirklich missen möchte.
„Ich und die anderen“ ist auch ein Buch über den liebevollen Umgang mit sich selbst. Eine Geschichte über das Klarkommen.
Schön, dass es mich gefunden hat!

Startschwierigkeiten

Und dann denk‘ ich wieder, ich habe überhaupt keine Depressionen. Ich bin einfach nur undiszipliniert, faul und scheiße. Lahmarschig nicht zu vergessen.
Dass solche Gedanken nicht förderlich sind, ist mir bewußt. Bei anderen jedenfalls. Aber vielleicht sind sie bei mir nur unangenehme Wahrheiten?

Ich liege morgens im Bett und bin durchaus wach. Nicht so zerschlagen und bleiern wie an manchen Tagen. Wach. Vor mir liegt ein ganz normaler Tag, nichts Beängstigendes. Okay, die Aussicht „ein Tag wie alle anderen“ kann unter Umständen hinreichend beängstigend sein, aber so empfinde ich meine Tage auf dem Hof nicht. Ich liege im Bett, starre die Decke an und denke an die Dinge, die ich mir für heute zu tun vorgenommen habe. Meist sind es solche, die ich tatsächlich tun möchte. Irgendwann beginne ich, diejenigen auszusortieren, die ich vor dem Mittagessen sowieso nicht mehr schaffen werde. Später werde ich meine Planung auf die wenigen Dinge eindampfen, die ich tatsächlich erledigen muss. Für „möchte“ ist dann keine Zeit mehr.
Objektiv hindert mich nichts daran, einfach aufzustehen. Ich bleibe liegen. Ich liege da und verachte mich für meine Disziplinlosigkeit. Denn was sonst sollte mich hindern?
Jetzt nochmal einschlafen wäre schön! Wenn ich nochmal aufwache, den Tag noch einmal beginne, dann hab ich zwar TOTAL verpennt, aber das passiert anderen Leuten auch und vielleicht klappt der zweite Anlauf dann besser. Ich starre die Decke an.
Ein Bodyscan trägt häufig dazu bei, dass es mir besser geht, selbst an solchen Tagen, an denen ich mich tatsächlich depressiv fühle oder starke Schmerzen habe. Aber da geht dann noch eine halbe Stunde bei drauf und ich wollte doch längst aufgestanden sein! Stattdessen liege ich da und tue gar nichts.
Bis es mir irgendwann im Laufe des Vormittages doch noch gelingt, mich aufzurappeln. Aber auch dann bin ich immer noch extrem langsam, verbringe mehr Zeit damit, zu überlegen, wie ich das jetzt sinnvollerweise anfange, als ich brauche, um es tatsächlich zu tun. Um rückblickend festzustellen, dass es mir heute doch wahrhaftig gelungen ist, noch vor dem Mittagessen den Tisch zu decken! In solchen Momenten könnte man dann wirklich Depressionen kriegen …