Wenn Taucherinnen hoch hinauswollen

„…Ich empfinde in solchen Momenten überhaupt keine Angst. Ich verspüre Paniksymptome…“ hatte ich neulich geschrieben und die Schieferliebe hat kommentiert, sie würde sehr gerne verstehen, was der Unterschied zwischen Angst und Panik ist.

Ich nehme zwar nicht an, dass die offizielle Definition gemeint ist, habe aber – der guten Ordnung halber – dennoch nachgeschlagen …
Wenn man es ganz genau nimmt, sind schon Angst und Furcht nicht das selbe: Angst ist ein eher ungerichtetes, diffuses Gefühl, Furcht dagegen bezieht sich auf ein bestimmtes Objekt, eine konkrete Situation. „Angst kommt von innen, die Furcht von der Außenwelt“ ist, finde ich, eine ganz schöne Beschreibung dafür. Im Alltag werden Angst und Furcht jedoch synonym verwendet.
Panik wird als abrupt auftretender Angst- oder Furchtzustand beschrieben, der mit vielfältigen körperlichen Symptomen einhergeht. Dabei, so lese ich, könne es zu einer Einschränkung der höheren menschlichen Fähigkeiten kommen. Treffender scheint mir Beschreibung, Panik sei durch planlose, ungezielte, chaotische Flucht gekennzeichnet. Das scheint mir, was das Gefühl betrifft, selbst für solche Momente passend, in denen ich in meiner Panik irgendwo „festfriere“.

Was aber bedeuten Angst, Furcht und Panik für mich?

Wenn ich bei feuchtem Wetter über Felsen klettern muß, befürchte ich, auszurutschen und zu stürzen. Wenn man die hiesigen Felsen nebst dem unangenehmen „Glitsch“ kennt, der bei Nässe an ihnen haftet und auf dem man selbst mit Bergschuhen keinen vernünftigen Halt findet, dann ist das eine realistische Einschätzung eines riskanten Unterfangens.
Dass ich mich dabei immer gleich mehrere Meter tief abstürzen und schwer verletzt daliegen sehe, dürfte eher meiner Angst geschuldet sein. An ganz schlechten Tagen fällt mir die Geschichte von der Frau ein, die hier bei einem Spaziergang von einer Mauer gestürzt ist und erst Monate später gefunden wurde … sollte ich dann bemerken, dass mein Handy nicht an der Frau, sondern zum Aufladen an der Steckdose hängt, fange ich an, mich sehr unwohl zu fühlen.
Dann beginne ich, meine Schritte übervorsichtig zu setzen, halte mich an Ästen fest, oder rutsche zur Not auf dem Allerwertesten bergab.

Die einzige Befürchtung, die ich jemals in Bezug auf Supermärkte gehegt habe, war die, ausfallend zu werden und das x-te Papaschiebtganzlangsamdeneinkaufswagenmamaschlendertdanebendiekinderumkreisendasganzemitihrenscheißgelbenminieinkaufswagen-Gespann kurzerhand lauthals aus dem Weg zu fluchen. Oder ehrlicher: Anlauf zu nehmen und sie mit meinem Einkaufswagen beiseite zu rammen.
Das hätte Ärger gegeben – insofern eine realistische Einschätzung.
Ich empfinde keine Bedrohung. Es gibt keinerlei Kopfkino, was im schlimmsten Falle passieren könnte. Ich fühle keine Angst.
Dennoch steht „Supermarkt“ auf der Hitliste meiner Auslöser für eine Panikattacke nach wie vor ganz weit oben.

Der erste Vorbote der Panik ist – was mich betrifft – ein trockenes Hüsteln.
Unterdessen habe ich begonnen, es als Warnsignal zu nutzen: Wenn ich mich selber hüsteln höre, ist es an der Zeit, nach Störfaktoren Ausschau zu halten und Entlastungsmöglichkeiten zu suchen.
Im zweiten Schritt wächst der Druck auf den Brustkorb, ich kann nur noch unter Schwierigkeiten Luft holen. Lange bevor ich tatsächlich zu zittern beginne, kann ich das Zittern in mir spüren. Messen kann man es auch: Wenn ich beginne, mich zittrig zu fühlen, ist mein Blutdruck extrem hoch. Ich muß aufpassen, beim Gehen nicht zu stolpern und mich sehr konzentrieren wenn ich zum Beispiel ein Glas hochheben will. Irgendwann kommen mir die Tränen. Wenn es arg ist, beginne ich dann auch zu hyperventilieren.
Dennoch habe ich keine Angst. Mir ist bewußt, dass die Situation, in der ich mich befinde, objektiv ungefährlich ist. Ich weiß, dass ich weder ersticken, noch einen Herzinfarkt bekommen werde.

Ich muß also nicht unbedingt Angst haben, um Panik bekommen. Andererseits stellt sie sich sehr zuverlässig ein, wenn ich meine Angst zu ignorieren versuche.
Die leider recht zahlreichen Gelegenheiten, bei denen ich mit zusammengebissen Zähnen versucht habe, über meine Höhenangst hinwegzugehen, haben in der Regel so ihr Ende gefunden. Ich erinnere mich an eine Bergtour, bei der ich irgendwann ganz ruhig mitgeteilt habe, ich müsse mich kurz mal setzen und dann nicht mehr hochgekommen bin. Ich konnte nicht nur nicht aufstehen, sondern mich überhaupt nicht mehr bewegen.
Sie bleibt jedoch aus (was ich sehr zu schätzen weiß!), wenn es tatsächlich Grund zur Furcht gibt:
Auf einem der wenigen Gipfel, die es mir tatsächlich doch zu erklimmen gelungen ist, sind wir in ein Gewitter geraten und damit war völlig klar „wir müssen auf dem schnellsten Weg hier runter!“.
Besagter schnellster Weg war ein seilversicherter Steig von der Sorte, die ich normalerweise meide wie der Teufel das Weihwasser. Aber da half nun alles nichts.
Wenn es auf solchen Wegen ein Stahlseil gibt, klammere ich mich daran fest. Auch wenn es gar nicht nötig oder auch nur sinnvoll ist, selbst wenn ich mir an solchen Stellen, wo es auf dem Fels aufliegt, die Fingerknöchel blutig schlage: Ich kann nicht anders. Ich kann das Seil nicht loslassen! Aber natürlich darf man bei Gewitter das Seil gar nicht erst anfassen
Also habe ich noch eine gallige Bemerkung im Sinne von „Rumzicken ist jetzt wohl nicht opportun …“ gemacht und bin dann zügig und freihändig Richtung Tal abgestiegen.
Also alles nur Rumzickerei? Ich denke nicht.
Meine Höhenangst ist irrational. Panik ebenfalls.
Die Einschätzung dagegen, bei Gewitter auf einem Berggipfel und in unmittelbarer Nähe von Metallteilen in Gefahr zu sein, ist rational. Und auch, wenn ich sonst ab und zu irrational reagiere: ich bin nicht verpflichtet, das immer zu tun!

Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, wie wenig meine Ängste mit tatsächlichen Gefahren zu tun haben – und wie wenig ängstlich ich diesen gegenüber manchmal bin.
Wie gesagt, ich befürchte nicht nur, zu stürzen, ich stürze immer gleich ab. Und selbst wenn das objektiv unmöglich ist und ich höchstens auf dem Hintern landen werde, habe ich Angst, mir wehzutun, mich zu verletzen.
Passiert ist mir das nur ein einziges Mal, als ich ganz und gar angstfrei in meinen lieben „Pfötchenschuhen“ einen Waldweg entlanggelaufen bin – da hab ich mir einen toten Ast so unglücklich in den Fuß gebohrt, dass die Wunde mit 5 Stichen genäht werden musste. Was mich keineswegs davon abgehalten hat – nachdem die Wunde halbwegs verheilt war – weiterhin in denselben Schuhen durch den Wald zu streifen.

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Bei meinem ersten Versuch, hier in den Cevennen weglos zu wandern, habe ich mich zum ersten Mal in meinem ganzen Leben im Gelände verlaufen. Ich hatte lediglich vorgehabt, einen Hügelkamm zu überqueren, um von einem mir bekannten Weg auf einen anderen zu gelangen. Der Felssturz, der dies verhinderte, hat mich nicht weiter angefochten, ebenso wenig wie der Umstand, dass es mir nicht gelungen ist, auf genau dem selben Weg zurück zu gehen. Die hiesigen Hügel sind von einem Netz von vermeintlichen Trampelpfaden und Wildwechseln überzogen, welches so engmaschig ist, dass sich alle paar Meter der Weg zu gabeln scheint: Dreht man sich um, sieht man anstelle des einen Weges, auf dem man gekommen ist, plötzlich drei. Ohne Ariadnefaden oder Brotkrumen ein schier unmögliches Unterfangen. Selbst die Jäger, die sich in den Hügeln bestens auskennen, helfen sich mit Steinmännchen. Die meisten dieser Wege enden in einer Wildscheinsuhle, an einer Felswand, oder schlicht in undurchdringlichem Gestrüpp.
Ein Problem schien mir das nicht zu sein: Ich habe ein Gefühl dafür, in welcher Richtung sich mein Ausgangspunkt befindet und finde stets dorthin zurück. Nicht immer auf dem geraden Weg, versteht sich – Felswände oder Schluchten kann ich natürlich nicht vorausahnen – aber ich weiß immer, wohin ich mich wenden muß.
Zumindest wusste ich es immer. Vermutlich orientiere ich mich unbewusst an Landmarken und genau die fehlen weitgehend, wenn man sich zwischen lauter identisch aussehenden grünen Hügeln bewegt. Gemauerte Terassen, Felsformationen, skurril aussehende tote Bäume … all das wiederholt sich in einer solchen Masse, dass nichts davon mehr einen brauchbaren Hinweis ergibt. Wenn man gerade mal wieder bäuchlings durchs Gestrüpp kriecht, sowieso nicht …
An diesem besonderen Tag war es überdies regnerisch und neblig …
Ich habe den Weg, auf dem ich gekommen war, nicht wiedergefunden. Und da ich den Hügelkamm nicht überqueren konnte, habe ich beschlossen, ihn zu umrunden. Als mir das gelungen war, riß der Nebel auf … und gewährte den Blick in ein mir vollkommen unbekanntes Tal. Da hab ich mich dann auch kurz mal setzen müssen. Mein Handy hatte ich nicht dabei, wohl aber meine Hundepfeife und mit der habe ich SOS gepfiffen. So macht man das in den Bergen. Ich hab nicht lange gepfiffen bis mir klar wurde, dass weit und breit niemand war, der mich hätte hören können. Da hab ich dann ein bißchen geweint. Und mich wieder aufgerappelt.
Letztlich war es Oskar, der mich aus der Bredouille geholt hat: Er ist gut darin, Trampelpfade zu finden und er bevorzugt solche, die von Menschen benutzt werden. Und so hat er mich tatsächlich auf einen Jägerpfad geführt, der an einem Wirtschaftsweg endete. Wo ich war, wusste ich da immer noch nicht, aber hej! Zivilisation!
Nach insgesamt vier Stunden habe ich nass, verfroren, mit diversen blauen Flecken und blutigen Schrammen (der Glitsch!) den Hof erreicht, den ich nur für ein kurzes Gassi hatte verlassen wollen.
Wo ich eigentlich gewesen und wie ich dort hingeraten bin, hat sich auch mit Hilfe von Karten und Luftbildern bisher nicht klären lassen – womöglich ein cevenoles Brigadoon
Diese Erfahrung hat mich zwar gelehrt, bei Nebel und Regen auf den Wirtschaftswegen zu bleiben, meine Unternehmungslust ansonsten jedoch keineswegs geschmälert. Es ist mir noch mehr als einmal passiert, dass meine Spaziergänge … nun ja … dann doch mehr Zeit in Anspruch nahmen. Wenn mir die Richtung zu stimmen scheint, robbe ich immer noch bäuchlings durchs Gestrüpp und hangele mich an Felsen hoch – wohl wissend, da es da ganz sicher nicht zurück geht. Ich gehe nicht mehr ohne Handy los, auch wenn es wenig nutzt sofern man nicht sagen kann, wo man verletzt liegt. Das GPS Gerät mitzunehmen allerdings, ist mir nie in den Sinn gekommen …
Wo bliebe die Herausforderung?

Ich bin in’s Erzählen gekommen und stelle fest, dass ich mich von der eigentlichen Frage nach dem Unterschied zwischen Angst und Panik weit entfernt habe. Für mich spielt er keine große Rolle: Beide suchen mich hin und wieder auf, jede zu ihren Bedingungen.
Sie am Beispiel meiner Höhenangst zu betrachten, bot sich an, finde ich: Die ist so schön abgezirkelt und nachvollziehbar. Und sie ist – obwohl vergleichsweise leicht vermeidbar – diejenige meiner Ängste, gegen die ich am erbittertsten angerannt bin. Wir haben schon eine Menge Zeit miteinander verbracht.
Dennoch habe ich nie wirklich darüber nachgedacht, wie es für mich ist, mit ihr zu leben.
Danke für die Gelegenheit, das endlich einmal zu tun!

 

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Shaolin

Als ich ein Kind war, wurde am Samstagnachmittag, wenn nicht „Daktari“ oder „Tarzan“, „Kung Fu“ geguckt – und am Sonntag waren wir dann alle Caine, der tapfere Shaolin-Mönch …
Ich vermute, das Einhorn hat dann auch vor dem Fernseher gesessen – zu meinem Text vom Atmen und vom Weinen bemerkt es jedenfalls folgendes:
„Ich behaupte, das Problem liegt darin, daß wir das Kind immer nur innen lassen sollen. Als Kind hätte ich mir pragmatisch im Wald einen ordentlichen Knüppel gesucht und Shaolin-Mönchsmäßig auf irgendwelche Bäume eingeprügelt. Was ich tatsächlich getan habe als Kind. Das Kind mal nicht innen lassen. Wie immer es heißen mag.“
Ich habe nie auf Bäume eingeprügelt. Caine übrigens auch nicht. Der hat, wenn es gar nicht anders ging (aber es ging nie anders!), die Bösen verdroschen und dem Guten zum Sieg verholfen.
Aber ich verstehe den Gedanken: Es ist sicher besser, Wut, Enttäuschung, Frustration rauszulassen, als mit der Zeit daran zu ersticken. Und wenn dabei nur ein paar Stöcke zu Bruch gehen und Rindenstücke durch die Gegend fliegen, dann scheint mir das grundsätzlich kein schlechter Weg zu sein.
Ich selbst kann mich überhaupt nicht erinnern, als Kind Wutanfälle gehabt zu haben.
Sehr wohl aber daran, dass es meinen Eltern (vor allem meinem Vater, glaube ich) außerordentlich wichtig war, Konflikte ruhig und sachlich zu klären. Im Gespräch. Für kindliches Schreien, mit dem Fuß aufstampfen, oder eben mit Stöcken auf Bäume einprügeln war da vielleicht einfach kein Platz.
Und heute würde es nicht mehr reichen. Wenn mich heute eine Wut überrollt, die womöglich seit Kindertagen darauf gewartet hat, endlich auf etwas einschlagen zu dürfen, dann sind Stöcke und Bäume (sorry!) Kinderkram. Dann will etwas in mir will ich, dass Dinge kaputtgehen, dass es weh tut. Das ist sinnlos und destruktiv und soll (will) es auch sein!

Deswegen hilft zum Beispiel „Holz hacken“ überhaupt nicht (oder mit der Spitzhacke arbeiten): Die körperliche Anstregung tut gut und ja, es macht Spaß, etwas kurz und klein zu schlagen. Ich hacke ausgesprochen gerne Holz! Aber es ist einfach zu konstruktiv, kommt doch etwas Brauchbares, ja Notwendiges dabei heraus …
Und natürlich sollte man seine Finger von der Axt lassen, wenn man nicht gelassen und konzentriert mit ihr zu arbeiten in der Lage ist: Bei aller Zerstörungswut will ich das Ding nicht in meinem Schienbein stecken haben!

In der für mich beeindruckendsten Folge von „Kung Fu“ (jedenfalls ist es die einzige, an die ich mich tatsächlich erinnere) ging es übrigens nicht um Kampfkunst, sondern um den Umgang mit der eigenen Angst: Caine soll in seinem Kloster auf einem schmalen Balken über ein Becken balancieren, das mit Säure gefüllt ist. Auf dessen Boden sieht man die Skelette derer, denen dies mißlungen ist. An sich ist die Aufgabe nicht schwer: Es sind nur wenige Schritte und der Balken bietet genug Platz. Dennoch stürzt er prompt. Und stellt fest, dass es sich bei der vermeintlichen Säure um klares Wasser handelt und die Skelette lediglich Bilder sind, mit weißer Farbe auf schwarze Tücher gemalt, die sein Meister nun milde lächelnd aus dem Wasser zieht. Es war einzig und allein seine Angst, die ihn hat stürzen lassen; die Angst vor einer Gefahr, die lediglich in seiner Vorstellung existierte.
Möglicherweise war ich zu jung, um hieraus eine Erkenntnis zu destillieren, die mich durch mein weiteres Leben zu leiten vermocht hätte. Oder aber die Weisheit der Mönche läßt sich via Fernsehserie dann doch nicht so richtig einprägsam vermitteln. Vielleicht ist genau das aber auch typisch für Angsterkrankungen: Da können noch so viele Mönche bemalte Laken aus klarem Wasser ziehen – für mich bleibt das Säure und ich gerate immer wieder aus dem Gleichgewicht.

Alice Wunder greift den Gedanken des Einhorns auf und fragt
„Warum nicht den Shaolinweg gehen und bewußt die Auseinandersetzung suchen? Die friedvolle, entspannende Meditation scheint ja da an Grenzen zu stoßen, wo die überflutenden dunklen Gedanken als Störung und Fehler wahrgenommen werden. Also warum nicht direkt Kampfkunst, wo die vermutete Angstquelle, das böse, von Beginn an Teil des Systems ist. Da heißt es dann: Selbstverständlich ist die dunkle Gasse bedrohlich und du hast allen Grund mit verkrampften Schultern und krummem Rücken rumzulaufen. Aber wenn du übst, deine Muskeln zu entspannen, kann der gelockerte Körper allem, was da kommen mag, einfach schneller auf die Nase hauen. Und Entspanntheit ist Mittel, damit man die Gefahren besser wahrnimmt. Je nach Vorliebe reichen da die möglichkeiten von engumschlungenem Ringen bis zu freistehenden Schwertübungen ohne jeden Körperkontakt.“

two-on-a-phacelie-q-webEin „Selbstverteidigungskurs!“ hat, als ich noch eine junge Frau war, immer ganz weit oben auf meiner to-do-Liste gestanden – nur gemacht habe ich ihn nie. Dennoch habe ich gelernt, mich zu schützen. Mich nicht wie ein Opfer zu bewegen, zum Beispiel: Mich eben nicht gekrümmt an der Hauswand entlangzudrücken, sondern aufrecht mitten auf dem Bürgersteig zu schreiten. Wenn es mir wirklich unheimlich war, habe ich meinen Schlüsselbund in die Faust genommen, so dass zwischen zwei Fingern jeweils ein Schlüssel hervorstak. Ich kann mich an eine Situation erinnern, wo – bis ich mit dem Arrangieren meiner Schlüssel denn mal fertig war – der entgegenkommende Mann, der mich beunruhigt hatte, die Straßenseite gewechselt hatte …
Statistisch sind, sofern man nicht in einer ganz üblen Gegend unterwegs ist, die dunklen Gassen eh viel weniger gefährlich, als sie erscheinen mögen, dennoch ist die Angst, überfallen zu werden, eine rationale.
Das Nervige an Angsterkrankungen ist eher, dass die Ängste nicht nur irrational sind, sondern man das zu allem Überfluss auch noch weiß … es nützt nur nichts … Selbstverständlich habe ich keine Angst davor, dass ab einer Anzahl von x Menschen in einem geschlossenen Raum diese plötzlich über mich herfallen werden. Ich empfinde in solchen Momenten überhaupt keine Angst. Ich verspüre Paniksymptome und wenn sie zu heftig werden, muss ich raus. Schnell. Deswegen wäre das Bewußtsein, mich im Fall der Fälle wehren zu können, zumindest für mich auch keine Hilfe.
Eher kann ich mir vorstellen, dass das sehr bewusste und konzentrierte körperliche Agieren sich positiv auf die seelische Verfassung auswirkt. In diesem Punkt allerdings ist mir persönlich Yoga lieber, weil es ohne Gegner auskommt.
Aber vielleicht liest jemand mit, der das mal ausprobiert hat und davon berichten mag …?

Hin und wieder habe ich die Auseinandersetzung durchaus gesucht.
Als mir vor einigen Jahren eher zufällig ein Flugblatt in die Hände fiel, das Kletterkurse unter anderem mit dem Argument bewarb, diese würden gegen Höhenangst helfen, habe ich mich kurzerhand zu einem solchen Kurs angemeldet. Und hab schon Schnappatmung bekommen, als mir im Vorgespräch klarwurde, dass geplant war, eine 25 Meter hohe Wand zu erklettern – ich hatte mir so 5 Meter vorgestellt …
Des weiteren hatte ich nicht bedacht, dass es sich bei besagter Wand nicht etwa um glatten Indoor-Beton mit bunten Kunststoff-Nuppies handelte, sondern um einen veritablen Felsen im Westerwald. Für den Fall eines Sturzes ins Seil hab ich mein Kinn schon auf jedem einzelnen Felsklümpchen aufschlagen sehen, das da aus der Wand ragen mochte …
Gemacht hab ich’s trotzdem. Ich hab mich 25 Meter Felswand hochgerauft und bei der Gelegenheit gelernt, dass der Fachmann es „Nähmaschine“ nennt, wenn die Unterschenkel vor Überanstrengung zu zittern beginnen. Hab mir die Knie grün und blau geschlagen, weil ich sie benutzt habe, um mich voller Erleicherung auf die nächste Felsstufe zu rollen anstatt ordentlich zu klettern. Aber ich bin oben angekommen!
Für die Abseilübungen musste ich am Händchen zum Startpunkt geführt werden. Dort habe ich mich mit fest geschlossenen Augen an den Felsen geklammert bis ich eingesichert war. Jetzt nach hinten fallen lassen? Kein Problem: Alles, was mich wieder nach unten brachte, war okay für mich! Nachdem ich mich im ersten Anlauf noch am Seil festgehalten hatte (was a. nichts bringt, denn, wenn der Mensch der einen sichern soll, loslässt, fällt man mitsamt dem Seil, und mir b. den schlimmsten Muskelkater meines Lebens eingetragen hat), habe ich Vertrauen gefaßt und mich freihändig abseilen lassen. Anfangs „geht“ man dabei die Wand hinunter. Später, wenn man den Bogen raushat, stößt man sich davon ab wie die SEKs im Krimi, wenn sie ein Gebäude stürmen. Es war toll!
Der Knoten ist dennoch nicht geplatzt: Höhenangst hatte ich hinterher immer noch.
Mit dem Leiter des Kurses bin ich später auf einen Viertausender gestiegen. Er meinte, ich könne das schaffen und ich hab mich so geehrt gefühlt, dass ich das Wagnis eingegangen bin. Als Teil einer Seilschaft, meinen Eispickel in der Faust, habe ich einen Gletscher überquert und bin über Gletscherspalten gesprungen. Ganz schmale nur, aber wenn man so davorsteht … All das trotz, nein, mit meiner Angst! Und ich glaube nicht, dass ich die einzige war, die auf dem Gipfel heulen musste – nicht vor Erleichterung, sondern schlicht überwältigt.
Damals war ich schon richtig krank (im Sinne von „monatelang krankgeschrieben“), das macht die Erinnerung, einen Berg „bezwungen“ zu haben, für mich zu etwas sehr Besonderem. Auf keinen Fall würde ich diese Tour missen wollen! Aber gesund gemacht hat sie mich nicht.

Bei besagter schwieriger Situation nun, die ich mittels Meditation zu bewältigen versucht habe, ging es nicht um Angst. Vermutlich auch nicht um Wut, sondern eher um Hilflosigkeit, Verletztheit. Um ein Gefühl, das ich vorher nicht einmal hätte benennen können.
Menschen mit einer sehr lebhaften Fantasie, habe ich einmal gelesen, die in der Lage seien, eine verhasste Person in ihrer Vorstellung zum Beispiel umzubringen, zu zerhacken und im Wald zu vergraben, würden im realen Leben nicht zu Gewalttaten neigen. Ich selber morde lieber indirekt: In Fällen echt mörderischer Laune gucke ich gerne Horrorfilme. „From dusk till dawn“ zum Beispiel habe ich zum ersten Mal nach einem echt üblen Tag im Büro gesehen – und bin anschließend sehr heiter und entspannt aus dem Kino gekommen. Wenn ich also wahlweise ein Dutzend Teenager geschlachtet, Aliens und Zombies losgelassen, oder aber die Hölle geöffnet habe, fühle ich mich gleich besser. Kurzfristig jedenfalls.

Ich las andererseits, dass die Energie der Aufmerksamkeit folgt. „Worauf Du Deine Aufmerksamkeit richtest, da geht auch Deine Energie hin!“
Sollte das zutreffen, tue ich mir keinen Gefallen, wenn ich in meiner Fantasie Hindernisse bewältige, Auseinandersetzungen für mich entscheide, Feinde in die Flucht schlage. Oder eben besonders mißliebige Zeitgenossen mit der Axt zu Wildschweinködern verarbeite. Weil ein und dieselben dunklen Gedanken ja immer wieder kommen. Schlag ihnen den Kopf ab und es wachsen zwei neue nach …

Das Achtsamkeitstraining, mit dem ich mich seit einigen Wochen beschäftige, beschreitet einen anderen Weg: Die dunklen, schmerzhaften Gedanken sind Gedanken wie alle anderen auch. Sie kommen und gehen. Sie gehen, sofern man sie nicht festhält. Vor allem aber sind sie Gedanken, keine Tatsachen.
Es geht, auch bei den schwierigen und schmerzhaften Gedanken / Erinnerungen / Situationen, nicht darum, diese zu bekämpfen, sondern mit ihnen zu leben. Mit dem normalen Jucken der Realität, wenn man so will.

Da ich erst kurze Zeit und vor allem fast* ohne Anleitung vor mich hin dilettiere, bin ich guter Dinge, dass bei meinen Meditationsversuchen das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist!
Das Ergebnis meiner Bemühungen ist zwar nicht immer so ganz das erhoffte, aber immerhin gibt es Ergebnisse! Und: Das Gefühl benennen zu können, anstatt einfach nur von ihm überrannt und gebeutelt zu werden, war für mich ein großer Durchbruch, das sieht die Schieferliebe ganz richtig. Ebenso wie die Erkenntnis, dass es nicht jetzt entstanden ist (in diesem Fall würde es wohl eher helfen, auf Bäume einzuschlagen, oder – besser noch – mit der berühmten Faust auf den Tisch zu hauen), sondern schon lange darauf wartet, endlich beachtet zu werden.
Mag sein, dass da noch ein langer Weg vor mir liegt, bis ich mal so friedvoll und gelassen draufkomme, wie man sich das vom Meditieren erhofft …

Als eine liebe Freundin von mir mit ihrer Psychoanalyse begann (wenn ich mich recht erinnere mit drei Terminen pro Woche, immer vor der Arbeit), hab ich sie gefragt, ob da nicht ein bißchen sehr viel Zeit bei draufginge. „Ich war 20 Jahre lang depressiv“, hat sie mir geantwortet „da habe ich Zeit verloren!“.

* MBCT (Mindfulness-Based-Cognitive-Therapy) ist eine Form des Achtsamkeitstrainings, die speziell auf Menschen zugeschnitten ist, die unter Ängsten und Depressionen leiden. Da ich nicht die Möglichkeit habe, an dem dazugehörigen 8-wöchigen Trainingsprogramm teilzunehmen, habe ich mir das entsprechende Buch sowie die CD besorgt.

Wellness mit Schattenseiten

„Wenn das Leben Dir Zitronen gibt, mach Limonade!“ hab ich mir gesagt und nach Kräften versucht, einer an sich unerfreulichen Situation möglichst viel Positives abzugewinnen.
Im Nachhinein scheint mir „denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“ das passendere Motto für das „Experiment Wellness“ zu sein …

Eigentlich halte ich nicht viel vom Fasten.
Unter anderem, weil es bisher nicht gelungen ist, im menschlichen Körper Schlacken zu entdecken, derer man sich auf diesem Wege entledigen müsste. Auch, weil es mich merkwürdig und teilweise unangenehm berührt, wenn Menschen, die sich ansonsten in einer Überflussgesellschaft pudelwohl fühlen, plötzlich den kurzfristigen Verzicht auf einen winzigen Bruchteil davon zum Weg des Heils erklären. Vor allem aber, weil ich zu denjenigen Menschen gehöre, die, wenn sie unter Druck geraten, nicht mehr essen können.
Das mag im ersten Wurf erstrebenswert klingen, wenn man zum Beispiel gegenteilig veranlagt ist und zum Frustfressen neigt. Ist es aber nicht.
Irgendwie ist es mir zwar immer gelungen, nicht in den Bereich zu geraten, in dem Untergewicht gefährlich wird, aber ein Vergnügen war auch das nicht.
Nicht zu essen, obwohl ich es will und kann, wäre mir nicht in den Sinn gekommen.

Jetzt allerdings muss ich zwecks Ausschluss einer Lebensmittelunverträglichkeit eine Zeitlang Diät halten (auch das ist eine Premiere) und habe mich entschlossen, zu Beginn 2 Tage lang nichts zu essen. Einfach, um einen deutlichen Break zu haben.
Allzu schwer wird mir das nicht fallen, denke ich: Auch wenn ich mittlerweile regelmäßig und mit dem größten Vergnügen esse, macht es mir nach wie vor nicht viel aus, auch mal Kohldampf zu schieben. Aber es widerstrebt mir. Und also beschließe ich, meine Fastentage in ein Wellness-Wochenende umzuwidmen und mir neben Tee und Gemüsebrühe Yoga, Meditation und reichlich Freizeit zu gönnen.

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Ich beginne meinen Tag mit einem Bodyscan.
Von den Achtsamkeitsübungen ist diese mir eine der liebsten: Idealerweise praktiziert man sie morgens oder abends und zwar im Liegen. Das passt mir gut.
Oookay, eigentlich auf dem Bett (Sofa, oder Fußboden), aber so groß wird der Unterschied schon nicht sein und ich kann auf diese Weise die Zeit, während derer es mir morgens nicht gelingt, das Bett zu verlassen, wenigstens sinnvoll nutzen.
Interessanterweise bin ich danach meistens so munter, dass ich problemlos aufstehen kann.

Die Idee des Bodyscans ist es, nach und nach jedem einzelnen Körperteil kurz seine Aufmerksamkeit zu schenken, wahrzunehmen, was man dort empfindet und dann weiterzugehen.
Eine Absicht, oder ein Ziel gibt es hierbei nicht: Man kann sich dabei entspannen oder auch nicht, etwas, etwas anderes, oder auch mal gar nichts empfinden und wenn man zwischendurch abgelenkt ist, weil man doch über etwas nachdenkt oder ins Träumen gerät, dann ist auch das kein Fehler, sondern man nimmt es wahr und übt dann weiter.
Gar nicht mal so einfach übrigens!
Es fällt mir nicht leicht, meine Konzentration auf meinen Fuß zu fokussieren während sie nach dem Motto „ich weiß schon, wie das geht!“ schon mit meinem Unterschenkel beschäftigt ist. Unwillkürlich habe ich das Bild einer wuseligen Spinne vor Augen, die zwei, drei mal um meinen Fuß herumrennt und dann an meinem Bein hochflitzen will. Es ist eine drollige, plüschige Spinne, die mich an meinem Bein trotz Phobie nicht weiter stört, ob sie aber auch dann noch zur Visualisierung taugt, wenn sie mir am Rücken hochkrabbelt, wage ich zu bezweifeln. Ich lasse das Tierchen also davonkrabbeln und wende mich wieder meinem Fuß zu.
Die Übungs-CD, die ich mir gekauft habe, um sicherzugehen, dass ich alles richtig mache, nervt leider nach kurzer Zeit mehr, als sie nutzt:
Die Erläuterungen am Rande, die in regelmäßigen Abständen darauf hinweisen, daß man nichts bestimmtes fühlen muss und, falls man zwischendurch abschweift, seine Aufmerksamkeit einfach freundlich und ohne Ärger dorthin zurücklenken soll, wo man sie haben möchte, reißen mich beim wiederholten Anhören eher aus meiner Konzentration, als dass sie noch hilfreich währen.
Vor allem aber macht mich das Timing wahnsinnig!
Auf der linken Seite, mit der man beginnt, habe ich ewig Zeit, in jeden einzelnen Zeh hineinzufühlen, bekomme alle Teile meines Fußes benannt und dann geht es unter wortreichen Erläuterungen langsam am Bein hoch bis zum Oberschenkel.
Dann soll ich das ganze Bein fühlen. Und während ich mich noch bemühe, meinen Fokus auszudehnen – so ein Bein ist schließlich lang! – steuert die CD schon zügig meinen rechten Fuß an.
Die ganzen Erläuterungen brauche ich jetzt natürlich nicht nochmal und so habe ich für das komplette rechte Bein gefühlt in etwa soviel Zeit, wie links für die Zehen.
Ganz besonders fuchst mich der Teil, in dem ich mich meinen Armen widmen soll: Nachdem bis dahin jede Körperregion in einzelnen Teilen erfühlt worden ist, arbeiten wir die Arme mal eben komplett ab. Beide gleichzeitig.
So kann ich nicht meditieren!
Und natürlich lässt einem eine CD nicht die Zeit, zu tun, wozu im Text geraten wird und zum Beispiel wahrzunehmen, ob und wie ein Gedanke die Empfindungen des Körpers verändert.
Eine Schlußformel, wie ich sie vom autogenen Training kenne, vermisse ich ebenfalls.
Irgendwann ertönt ein Gong und man weiß, daß man jetzt auf „stop“ drücken muss, wenn man nicht gleich in die nächste Übung stolpern will.
Immerhin jedoch habe ich nun eine Idee vom genauen Ablauf der Übung und kann sie zukünftig ungestört und mit meinem eigenen Timing praktizieren.
Was genau sie eigentlich bewirkt, vermag ich nicht zu sagen.
Die Empfindungen sind – weder in den einzelnen Körperteilen, noch insgesamt – nicht immer gleich. Oft bin ich anschließend sehr entspannt, manchmal aber auch so unzufrieden und gereizt, daß ich kaum stilliegen kann.
Aber ich bin in letzter Zeit sehr viel ausgeglichener als sonst und hoffe sehr, dass dies kein Zufall ist.

Für meine Yoga-Übungen rolle ich eine alte Isomatte und ein Badelaken auf der Terrasse der Fermette aus: Eine Art Dachterasse mit Holzboden, die um die Mittagszeit in der Sonne liegt.
Ein Plätzchen in der freien Natur wäre sicherlich noch schöner, aber dort wird der „herabschauende Hund“ ganz sicher in anderer Form auftauchen, als ich das brauchen kann.
Der Himmel ist postkartenblau mit Wattewölkchen, die von der Sonne aufgezehrt werden. Ganz hoch oben schwebt ein Raubvogel.
Vermutlich würde man sich schon wunderbar fühlen wenn man einfach nur hier liegt und in den Himmel schaut …

Da ich irgendwo mal gelesen habe, dass beim Heilfasten auch gewandert wird, runde ich den Tag noch mit einem ausgiebigen Hundespaziergang ab.

Der Krimi allerdings, den ich mir am Abend anschaue, bringt ungeahnte Schwierigkeiten mit sich: Ein Teil der Handlung spielt in einem italienischen Restaurant und es werden jede Menge Pizzen verspeist.
Ich merke, dass ich dann doch ziemlichen Hunger habe.

***

Am zweiten Tag wird deutlich, warum es schick ist, zum Fasten eine Kurklinik aufzusuchen. Nicht, dass ich ärztliche Hilfe nötig hätte: Mich holt schlicht und einfach der Alltag ein. Und so ersetze ich meine zweite Fastenwanderung durch eine Suche nach einigen ausgebüxten Schafen. Aus dem gleichen Grund entfällt auch Yoga.
Eine Kur würde mich außerdem der Notwendigkeit entheben, mir meinen eigenen Diätplan auszudenken. Stattdessen erstelle ich Listen erlaubter Lebensmittel und sinniere über entsprechende Rezepte, was meinen Magen in lautstarke Empörung verfallen läßt. Ich beschließe, dann doch lieber zu meditieren und probiere eine der anderen Übungen auf meiner CD aus. Mein Magen beruhigt sich und ich finde, dass zwei Tage ohne Essen sich eigentlich ziemlich gut aushalten lassen.
Wenn ich nachts nur nicht so frieren würde … aber es ist ja so gut wie geschafft!

***

Von einem feierlichen Fastenbrechen kann man vermutlich nicht reden, so nach zwei Tagen. Sagen wir stattdessen, ich hab mich wie Bolle auf meine erste Mahlzeit gefreut, „Diätfraß“ hin oder her!
Dann jedoch gibt es einen Streit und vielleicht bin ich dann doch so ein kleines bißchen angeschlagen. Vermutlich hätte ich mir den normalerweise nicht ganz so sehr zu Herzen genommen. Jetzt aber scheint es mir unmöglich, in dieser Stimmung meine erste Mahlzeit einzunehmen.
Das ist schlimm für mich. Sehr schlimm.
„Ich lasse mich nicht vom Essen abhalten!“ war in den letzten Jahren ein ganz wichtiges Motto für mich: Selbst wenn ich mein Essen unter Tränen heruntergewürgt habe, ich habe gegessen.
Das mag ernährungsphysiologisch, psychologisch und überhaupt fragwürdig sein, aber ich wollte nie wieder auf die Schiene geraten, unter Druck das Essen einzustellen. Nicht mit einer einzigen Mahlzeit! Und hastdunichtgesehen bin ich wieder da …
Das macht mir eine Scheißangst. Ich mache mir eine Scheißangst!
Selbstverständlich ist mir klar, dass ich jederzeit in die Küche gehen und mir etwas zu essen machen kann. Ich kann die komplette Speisekammer plündern. Ich kann meine Fastentage in Schall und Rauch aufgehen lassen! Diät? Andermal …
Ganz genau so, wie Raucher und Trinker jederzeit aufhören können …
„Morgen. Morgen hör ich auf!“
„Heute faste ich noch, ein dritter Tag wird nicht schaden. Morgen ess ich dann wieder was!“
Es gelingt mir, noch am selben Abend etwas zu essen, aber es dauert mehrere Tage, bis ich wieder das Gefühl habe, selbstverständlich an den Mahlzeiten teilnehmen zu können. Mit Hunger und Spaß – ohne mich zu zwingen.
Allmählich lässt auch das Tief wieder nach, in welches ich zwischenzeitlich abgeschmiert bin. Eines der übelsten seit Monaten.

Mittlerweile juckt es mir in den Fingern, das Limonaden-Motto auf meine Ausschlußdiät anzuwenden: Wär doch gelacht, wenn man damit nicht richtig lecker kochen könnte! Anscheinend finde ich zu meiner alten Form zurück …
Ob man Wellnesstage (zumal hier auf dem Land) tatsächlich planen kann, bin ich mir nicht sicher. Vielleicht muß man sie stehlen. Dem lieben Gott die Zeit stehlen …
Ich beschließe, eine trickreiche Diebin zu sein.
Aber nie, niemals wieder will ich fasten!

1 Jahr Tauchfahrt

Was kam ich mir originell vor, als ich mich entschieden habe, über meine Depressionen zu bloggen!
Mutig auch, keine Frage! Ich war ziemlich stolz auf mich.

Es hat nicht lange gedauert, bis mir klar wurde, wie viele von uns das tun – nicht nur über Depressionen, sondern über die unterschiedlichsten psychischen Erkrankungen und Besonderheiten …
Aber wenn man so will, ist jeder dieser Blogs tatsächlich eigenartig, ungewöhnlich, schöpferisch und neu. Und jede einzelne dieser Entscheidungen war mutig. Wir können und dürfen ruhig alle stolz auf uns sein.

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Um über meine Depressionen zu bloggen, muss ich nicht nur akzeptieren, dass ich krank bin, sondern auch, dass das für eine längere Zeit und vielleicht für immer der Fall sein wird: Der eine oder die andere Bloggerin kühmt vielleicht mal über Grippe oder Hexenschuss, aber kein Mensch widmet dem einen eigenen Blog …
Ich muss mich damit auseinandersetzen, sonst habe ich außer „mir geht’s sooo scheiße!“ nix zu sagen.
Und ich muss dazu stehen. Selbst diejenigen von uns, die es vorziehen, anonym zu bleiben (wofür es, je nach Lebenssituation, leider immer noch gute Gründe gibt) teilen mit jedem Beitrag der Welt mit: „Ja. Ich auch. Wir sind viele.“.

Anfangs gibt es ungeheuer viel, über das man schreiben kann, will und muss: Da hat man ja schon eine (Kranken)geschichte hinter sich, die erzählt werden will.
Man schreibt weniger darüber, was Depressionen sind, als man zu erklären versucht, was sie nicht sind: Ich bin nicht traurig!
Man wirbt für Verständnis dafür, dass Ausdauersport, Lichttherapie, Johanniskraut und niedliche Kätzchen tatsächlich nicht über depressive Tiefs hinweghelfen. Oder man erstellt Listen von guten Ratschlägen, die man echt nie wieder hören möchte.
Man versucht, in Worte zu fassen, wie man sich fühlt.
Erzählt von Erfahrungen mit TherapeutInnen, Klinikaufenthalten und Medikamenten. Kleinen Fortschritten und vernichtenden Rückschlägen.

Und irgendwann kommt man im „heute“ an: Die ganze Vorgeschichte ist erzählt.
Dann wird es schwierig, finde ich. Das Bloggen.
Ich habe immer noch Depressionen. Es gibt immer noch Tiefs. Absolute Tiefpunkte. Allmähliches Bekrabbeln und Phasen der Stabilität und Zuversicht. Auf. Ab.
Damit könnte ich vielleicht meine größten Fans beschäftigen, wenn ich ein Promi wäre und das Ganze nicht via Text > 140 Zeichen, sondern mittels einer lesefreundlichen Skala von 1-10 veröffentlichte.

Als ich mit der „Taucherin“ begonnen habe, habe ich Texte „auf Halde“ produziert und nach und nach veröffentlicht. Es gab ja schon so viel zu erzählen und von der Seele zu schreiben, um überhaupt einmal zu erklären, was ich jetzt vorhatte. Und warum.
Ein neues Leben anfangen. Ohne Therapie und vor allem ohne Medikamente.
Dann habe ich über die erste Zeit auf dem Hof geschrieben: Es gab so viel Neues!
Und jetzt, nach einem Jahr „Schattentaucherin“ leide ich immer noch an Depressionen.
Auf. Ab. Auf. Ab. Nichts, was sich noch zu erzählen lohnt.

Ich hab viel Herzblut an dieses Projekt verschmiert und möchte es nicht einfach im Sande verlaufen lassen. Und in diesem Moment zeigt die Taucherin sich auf eine Art und Weise hilfreich, mit der ich nicht gerechnet hätte: Sie fragt mich wieder und wieder „Wirklich nichts Neues?“.
Meinen Kunden im Hundetraining habe ich regelmäßig gepredigt, sie möchten sich doch bitte nicht auf das konzentrieren, was noch nicht klappt, sondern sich in Erinnerung rufen, an welchem Punkt sie begonnen haben und wie weit sie schon gekommen sind.
„Schau hin!“, flüstert sie. „Und?“

Und sie hat recht.
Mich in die Einsamkeit der Cevennen zurückzuziehen, war – auch wenn das nach außen romantisch, abenteuerlich oder mutig aussehen mag – schlicht das Eingeständnis, dass ich keine andere Wahl mehr hatte, als mir meine Welt so passend (will sagen: klein) zu machen, dass ich darin zurechtkommen kann. Ich habe hier einen Ort gefunden, der eine heilsame Wirkung hat und mir viel Zeit genommen (nehmen müssen), einfach nur hier zu sein.
Irgendwann habe ich begonnen, mich wieder was zu trauen. Lächerlich kleine Dinge, objektiv betrachtet: Den Markt in einem Nachbardorf besuchen, die Verantwortung für einen Einkauf übernehmen, alleine zum Tierarzt fahren und den Hund impfen lassen …
Für mich waren das große und spannende Unternehmnungen.
Seit Kurzem nun ist etwas ganz Neues hinzugekommen.
Natürlich ist an Achtsamkeitsübungen und Yoga genau nichts originell. Lebt man in einer deutschen Großstadt, scheinen sie dazuzugehören wie green Smoothies und vegane Eiscreme. Für mich sind sie deswegen etwas Besonderes, weil sie den ersten Versuch seit langem darstellen, mit meiner Erkrankung umzugehen. Die Antidepressiva sollten mich „nicht depressiv“ machen, die Therapien mir helfen, nicht mehr depressiv zu sein. Bis ich nach über 10 Jahren irgendwie die Lust verloren habe …

img_14378-q-webVielleicht ist es jetzt an der Zeit, einen Weg zu finden, mit meinen Depressionen zu leben.

Das Schreiben ist schwieriger geworden, teils auch schmerzhafter, weil die Distanz so viel geringer ist. Spannender allerdings auch!

Weiterschreiben also. Tauchen, paddeln, Wellenreiten, kieloben treiben, auf Grundeis gehen …
Ich glaube und hoffe, wir haben noch ein bißchen was vor (vor uns) – die Taucherin und ich …

Das Yoga Projekt

Wie wahrscheinlich mag es sein, dass just in dem Moment, in dem man mit dem Gedanken zu spielen beginnt, es vielleicht doch mal mit Yoga zu versuchen, im Dorf (wir sprechen hier von einem Örtchen mit weniger als 500 Einwohnern, die nächste Stadt, von der man schonmal etwas gehört hat, ist anderthalb Autostunden entfernt) ein entsprechender Kurs angeboten wird?
Ich für mein Teil habe Neigung, das für Kismet zu halten. Und beschließe, daran teilzunehmen.
Zunächst für eine Probestunde, weil ich keine Ahnung habe, ob ich die Anweisungen verstehen werde – aber nach Jahren des Tanztrainings bin ich guter Dinge, „nachturnen“ zu können, was man mir vormacht. Dass der Kurs schon seit 2 Stunden läuft, scheint mir durchaus von Vorteil, erspart es mir doch eventuelle Vorstellungsrunden.

Ungefähr drei Stunden vor Beginn meines ersten Trainings beginne ich, ernsthaft Panik zu schieben: Atemnot, Weinen und – was ich ganz besonders elend finde – Durchfall. Jeder Mensch kennt sogenannte „Angstschisse“ vermute ich. Biologisch sinnvoll seien die, hab ich gelernt. Aber ich hab mit dem Niederringen einer veritablen Panikattacke echt genug zu tun, ich sollte nicht auch noch in ständig zum Hofklo rennen müssen.
Warum die Panik? Ich muß allein vom Hof weg und ins Dorf. Ich werde mit Menschen, die ich nicht kenne, in einem Raum sein müssen. Ich kenne den Raum nicht und habe Sorge, dass ich mich nicht zurechtfinden werde. Ich verstehe die Sprache nicht gut, selbst nett gemeinte Gesprächsversuche stressen mich ungeheuer, weil ich nicht antworten kann. Ich werde womöglich einen Scheck ausfüllen müssen und habe noch große Mühe, die Zahlen zu verstehen – ob ich sie korrekt schreiben kann, wage ich zu bezweifeln. Ich kenne die sozialen Gepflogenheiten nicht – bevor ich nach Frankreich gekommen bin war mir nicht klar, dass man nicht bis nach Afrika oder Asien reisen muß, um anzuecken, weil man die „Spielregeln“ nicht beherrscht …
Viel zu viel Neues, zu viele Unwägbarkeiten auf einmal!

Zunächst empört es mich, dass mein kläglicher Zustand unter anderem für Erheiterung sorgt (wer tagtäglich mit den „Blüten“ umgehen muß, die meine Erkrankung treibt, darf auch faule Scherze darüber reißen), aber dann muss ich doch selber lachen: Wie bescheuert klingt das denn auch – Angst vor dem Yogakurs …
Demnächst Meditationsphobie … Schließlich reden wir hier nicht von Bungeejumping!
Yoga soll mir helfen, mich besser zu fühlen, verdorri!
Und ich bin, ich bin verdammtnochmal nicht bereit, mich von dieser Scheißangst an Allem und Jedem hindern zu lassen!

Auf ins Dorf also.
Wo ich als allererstes feststelle, dass die Gepflogenheiten in der Tat anders sind: Außer mir sind alle schon in Sportkleidung hergekommen. Ich bin die Einzige, die sich umziehen muß. Einen separaten Raum dafür gibt es nicht und ich habe keine Ahnung, ob man das dann einfach im Trainingsraum tut – weil es ja niemand tut … Ich suche mir also ein Eckchen in der Abstellkammer und stelle immerhin erleichtert fest, dass „Klönschnack beim Umziehen“ anscheinend auch unfranzösisch ist (oder „undörflich“ – vermutlich kennen die sich sowieso alle und haben gegen Abend den Dorftratsch längst durch), jedenfalls lassen sich einfach alle auf ihren Matten nieder und los geht’s.
Auf die Frage der Kursleiterin, ob ich Französisch denn verstehe, radebreche ich, dass ich vieles verstehe und ansonsten ja sehen kann, wie die Übungen aussehen. Sie mache die nicht alle vor, sagt sie. Und sie benutze eine Menge anatomisches Vokabular. Dann würde ich gucken, was die anderen Kursteilnehmer tun, kommuniziere ich nunmehr halb phantomimisch.
img_16215-q-webMinuten später liege ich rücklings und mit geschlossenen Augen auf einer Matte. „Augen zu!“ – soviel immerhin hab ich verstanden …
Der nachfolgende Text könnte auch auf Chinesisch gesprochen sein, klingt aber beruhigend und ich vermute, dass entspannte Bauchatmung an dieser Stelle schon irgendwie passen wird.
„Les pieds“, „die Füße“ … das hab ich jetzt verstanden! Aber was soll ich tun mit „les pieds“?
Ich spingse möglichst unauffällig nach rechts und links.
„First you fake it, later you make it!“ – alte Tänzerinnenweisheit …
Wenn ich offensichtlich gar nicht mehr kapiere, was ich tun soll, kommt Nathalie, die Kursleiterin zu mir und hilft: Setzt Füße dahin, wo sie hingehören, erklärt noch einmal gaaanz langsam, oder wechselt zur allergrößten Not kurz ins Englische. Ganz kurz: Ich habe eingangs erklärt, dass ich unter anderem da bin, um Französisch zu lernen.
Sie macht das sehr nett und liebevoll, finde ich. Man trifft im Sport immer mal wieder Menschen, die gesprochenen Anleitungen auch dann nicht folgen können, wenn sie die Sprache verstehen, denen muss man beim Sortieren der Arme und Beine schonmal helfen. Bei anderen korrigiert man vielleicht kurz die Haltung oder irgendein Detail. Das tut Nathalie bei mir und allen anderen gleichermaßen – ich komme mir nicht über Gebühr dumm vor.

Wenn der Text zu „singsangen“ beginnt, stelle ich mir vor, dass sie jetzt etwas über die Atmung erzählt. Über Empfindungen und Entspannung. Oder so.
Nach einer guten halben Stunde wird mir klar, dass „sol“ nicht die Sonne, sondern der Boden ist, was ihre Anleitungen weniger ätherisch, aber irgendwie logischer macht.
Aber wieso spricht sie die ganze Zeit über Flöhe?
Der Groschen fällt, als sie nach gut einer Stunde eine neue Position vormacht: „Pouce“ (Daumen) heißt das Zauberwort, nicht „puce“ …

Was ich richtig schwierig finde, ist, in dem „Singsang“, dem Text also, der eine Übung begleitet und unterstützt, den Moment mitzukriegen, in dem das Ganze aufgelöst wird, in dem man wieder in die Ursprungshaltung zurückkehrt.
Ich kriege Visionen davon, wie ich daliege und versuche, mir einen Knoten ins Bein zu machen, während alle anderen schon ihre Matten aufrollen. Und lausche daher sehr aufmerksam auf verdächtige Bewegungen.

Das Lauschen rettet mich über die abschließenden Atemübungen. Ich kann recht gut hören, was ich tun soll. Als wir aber gemeinsam summen, habe ich die allergrößten Schwierigkeiten, einen hysterischen Lachanfall zu unterdrücken. Ich weiß gar nicht recht warum – eigentlich ist die Vibration, die man dabei ganz deutlich spürt, durchaus beeindruckend. Vielleicht ist es die Tatsache, dass jeder in seinem Rhythmus und seiner Tonlage summt: Ich höre einen sehr sehr sonoren Bass und einen Moment später eine heiter gestimmte Biene – wenn ich die Augen öffnete, wüsste ich sogar, wer wer ist …
Vielleicht bin ich aber auch einfach mit meinen Kräften am Ende.

Nichtsdestotrotz: Ich habe meine erste Yoga-Stunde überstanden. Ohne Zittern, Keuchen und Weinen! Diesen Angang noch weitere 26 Wochen lang auf mich zu nehmen, wird mich hart ankommen, soviel ist mir klar. Aber ich glaube, das ist es wert.
Ich beginne, die ersten anatomischen Vokabeln nachzuschlagen. Und wer hätte gedacht, dass „pouce“ auch „großer Zeh“ heißen kann?

3 Jahre ohne

Es ist jetzt gut drei Jahre her, dass ich mir die Frage gestellt habe, ob es nicht vielleicht doch möglich sein müsse, ein Leben ohne Psychopharmaka zu führen.
Bis zu diesem Moment hatte ich etliche Jahre lang ununterbrochen Antidepressiva genommen.
Zu Beginn meiner „Depri-Karriere“ hab ich sie noch abgesetzt, sobald ich Grund zu der Hoffnung hatte, es werde mir nun dauerhaft besser gehen. Aber jedes Mal, wenn diese Hoffnung wieder trog, hat es auch wieder 6 Wochen gedauert, bis das Medikament Wirkung zeigte. Und jedes Mal wieder habe ich mich mit den anfänglichen Nebenwirkungen herumgeschlagen: Die Mundtrockenheit ist leicht zu handeln, man geht einfach nie wieder ohne eine Flasche Wasser aus dem Haus und tröstet sich damit, dass es ja wichtig ist, viel zu trinken. Das unkontrollierte Muskelzucken kann man mit einem Scherz überspielen und es stört eigentlich kaum, wenn man nicht gerade Auto fährt. Und am Straßenverkehr sollte man ja sowieso nicht teilnehmen, wenn einem ständig schwindelig ist. Die bleierne Müdigkeit nervt zwar, unterscheidet sich aber nicht allzu sehr von der depressiven Bleischwere …
img_20289-q-webNach drei, vier Versuchen fand ich es sehr viel komfortabler, auch in guten Phasen eine minimale Dosis meiner Medikamente zu nehmen. So konnte ich beim nächsten Tief schnell und ohne große Nebenwirkungen gegensteuern. Ich habe über die Zeit tatsächlich ein recht gutes Gefühl dafür entwickelt, wieviel ich brauchte, bin also nicht ständig unter maximaler Dröhnung unterwegs gewesen. Aber eben auch nicht ohne.

Bis ich – eher zufällig – einen Schritt aus meinem bisherigen Leben hinaus getan habe. Zufällig und nur für einen Besuch – aber plötzlich schien alles möglich.
Ich habe voller Zuversicht meine Medikamente abgesetzt, bin in mein altes Leben zurückgekehrt … und fürchterlich auf die Fresse gefallen. In diesem Leben ging es nicht, soviel war sehr schnell klar.
Gar nichts ging mehr. Zu meinen demütigendsten Erinnerungen aus dieser Zeit gehört eine Radfahrt zum Freibad: Ich hatte versäumt, frühzeitig zu sagen, dass ich keinesfalls die Hauptstraße entlang fahren könne (zu viel Verkehr, zu nah, zu laut), sondern den Umweg über die kleinen Seitenstraßen nehmen müsse. Bin durch mein verängstigtes Zögern zurückgefallen, wollte aber auch nicht allein eine andere Strecke nehmen und anschließend die anderen im Freibad suchen müssen. Also bin ich ihnen zitternd und weinend hinterhergestrampelt. Ich bin tatsächlich angekommen und ja, ich bin auch geschwommen. Aber stellt Euch eine erwachsene, eine alte Frau vor, die, Badelaken und -anzug auf dem Gepäckträger, tränenblind quer durch die Stadt radelt. Klingt das irgendwie erstrebenswert?

Da es vorkommt, dass es psychisch Kranken an Einsicht fehlt und ich nach all den Jahren großes Vertrauen zu meiner Psychiaterin hatte, habe ich sie vorsichtshalber gefragt, ob ich ihrer Ansicht nach denn überhaupt in der Lage sei, selbst über meinen Medikamentenkonsum zu entscheiden …
Man hört und liest immer wieder von ÄrztInnen, die leichtfertig, ja fahrlässig ihre PatientInnen mit Psychopharmaka abspeisen – die meine hat das Gegenteil getan.
Sie hat mich von meinen Zweifeln und Sorgen erzählen lassen und mich dann gefragt „Möchten Sie Antidepressiva nehmen?“ Um mir dann zurückzugeben, meine verbale Antwort, vor allem aber meine Körpersprache sei ein klares und eindeutiges „Nein!“. Ich dürfe mich ruhig trauen, auf meine innere Stimme zu hören. Offenbar hätte ich einen Weg für mich gefunden, dem dürfe ich dann auch folgen.
Für mich hieß das: Meine Finger von Psychopharmaka lassen und die Brocken hinschmeißen.

Und da bin ich nun. Mit hingeschmissenen Brocken, einem neuen Leben … und einer Vorratspackung Antidepris für alle Fälle.
Ich könnte, sollte es nötig werden …
Aber es sind gar nicht die Tiefs, nicht die bleiernen Tage, die mich in Versuchung führen.
Ganz allmählich habe ich ein bißchen Vertrauen darein entwickelt, dass sie lange vor eventuellen Nebenwirkungen oder gar Wirkungen enden werden.

In Versuchung gerate ich, wenn ich einen dieser Wutanfälle habe, bei denen ich mich mit aller Macht zusammenreißen muss, um nicht alles kurz und klein zu schlagen, oder mit dem Kopf vor die Wand zu rennen.
Oder einen dieser Zusammenbrüche, wenn ich mir wieder einmal sicher bin, dass ich selbst hier niemals klarkommen werde. Wenn ich weinend auf dem Boden zusammensacke und nach meiner Mutter schreien möchte. Wenn ich nur noch nach Hause will – wissend, dass es in Deutschland kein Zuhause mehr für mich gibt.
Dann möchte ich tot sein, bis es mir wieder besser geht. Oder wenigstens im Koma liegen.
Eine Tageshöchstdosis meines gewohnten Medikamentes, von jetzt auf gleich verabreicht, würde das vermutlich leisten.

Bisher ist die Packung jedoch unangetastet und wenn es nach mir geht, bleibt sie das auch.

Ich hätt‘ getanzt …

Bei der Lektüre eines Beitrages auf Meine Drogenpolitik hab ich mich erinnert, wann und unter welchen Umständen ich zuletzt getanzt habe …
Eigentlich ging es um bei dem Text um Erfahrungen mit dem Konsum von Ecstasy – ein Thema das mich lediglich in Hinblick darauf interessiert, was Menschen sich alles trauen, mit sich anzustellen. Ich hab ja so schon meine liebe Not damit, mit einer etwas „strubbeligen“ Gehirnchemie klarzukommen …
Aber am Rande ging es eben auch ums Tanzen.

img_8243-q-webIch habe immer wahnsinnig gerne getanzt. Standard und Latein (da steh ich zu: ich liebe Wiener Walzer!), Rock’n‘ Roll, Improvisationstanz, Flamenco und viel viel orientalischer Tanz. Oder einfach abzappeln …
In meinem jetzigen Leben weiß ich gar nicht, wie viele Autostunden die nächste Diskothek weg wäre. Und ob es dort Ü50 Parties gibt. So oder so trifft man Bauern recht selten des nachts beim Abfeiern an …
Vor allem aber würde mich vermutlich schon eine kleine Schlange am Eingang wirksam in die Flucht schlagen. Ich kann Menschenansammlungen nicht gut ertragen. Schon gar nicht in geschlossenen Räumen.
Im Allgemeinen vermiss ich nix. Wenn ich Lust hab, tanz ich in der Küche.

Keine Ahnung, was mich geritten hat, als mir auf dem Plakat für eine Feier im Nachbardorf das Stichwort „Batucada“ ins Auge sprang …
Batucada ist Samba. Die Sorte, bei der ganze Truppen von MusikerInnen und TänzerInnen durch die Straßen ziehen. Wenn eine richtig gute Sambatruppe Vollgas gibt, dann ist das, wie wenn ein großer Chor das tut: Da macht man sich fast in die Hose.

Die Menschenmengen, in die man auf den hiesigen Dorffesten geraten könnte, sind – nun ja – überschaubar … am meisten knubbelt es sich bei den Petanque Turnieren … Dennoch sind solche Veranstaltungen für mich sehr anstrengend. Man wird gesehen, beobachtet, eingeschätzt. Womöglich muss man Smalltalk halten, was ich schon furchtbar finde, wenn ich die Sprache beherrsche. Mein Französisch ist immer noch auf einem Niveau, das Gesprächsversuche schnell versanden lässt – dann hab ich sie zwar hinter mir, aber es ist peinlich. Ich muss schon einen ziemlich guten Tag haben, um mir das anzutun.

Aber ich wollte diese Batucada-Truppe sehen!
Wie sich zeigte, wurde das Musikprogramm von der dörflichen Musikschule organisiert und auch dargeboten und so haben wir zunächst einigen angehenden Gitarristen und Pianisten im Teenager-Alter sowie einem Laienchor gelauscht. Auch die ersehnte Batucada-Truppe hatte deutlich Anfänger-Niveau. Aber Spaß! Und im Finale haben die Leute Gas gegeben, so gut das eben ging! Das reicht, damit die Füße ein Eigenleben entwickeln und man auf den Oberschenkeln trommeln muss.
Und was ich eigentlich erhofft hatte, ist geschehen: Eine kleine Handvoll von Frauen ist aufgestanden und hat getanzt. Keinen brasilianischen Samba, einfach so …
Und ich hab mich einfach so dazugesellt – auf meinem Stuhl hätte man mich anbinden müssen.
Ich kann auch keinen Samba, aber die Bewegungen sind denen des orientalischen Tanzes recht ähnlich, alles ist sehr vertraut. Und der Rhythmus ist zwingend. Man muss nichts tun, einfach nur die Kontrolle vom Kopf an die Füße übergeben.
Es war ein kurzer, aber wunderbarer Moment: Wenn ich tanze, ist alles richtig! Es stört mich nicht, unter Menschen zu sein, auch wenn es vielleicht zu laut und zu voll ist. Ich muss mich nicht bemühen, normal zu wirken, ich bin richtig.

Wenn ich tanze, bin ich ganz und gar bei mir. Kein Grund, vor irgendetwas Angst zu haben.
Vielleicht sollte ich doch häufiger auf Dorffeste gehen …