1 Jahr Tauchfahrt

Was kam ich mir originell vor, als ich mich entschieden habe, über meine Depressionen zu bloggen!
Mutig auch, keine Frage! Ich war ziemlich stolz auf mich.

Es hat nicht lange gedauert, bis mir klar wurde, wie viele von uns das tun – nicht nur über Depressionen, sondern über die unterschiedlichsten psychischen Erkrankungen und Besonderheiten …
Aber wenn man so will, ist jeder dieser Blogs tatsächlich eigenartig, ungewöhnlich, schöpferisch und neu. Und jede einzelne dieser Entscheidungen war mutig. Wir können und dürfen ruhig alle stolz auf uns sein.

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Um über meine Depressionen zu bloggen, muss ich nicht nur akzeptieren, dass ich krank bin, sondern auch, dass das für eine längere Zeit und vielleicht für immer der Fall sein wird: Der eine oder die andere Bloggerin kühmt vielleicht mal über Grippe oder Hexenschuss, aber kein Mensch widmet dem einen eigenen Blog …
Ich muss mich damit auseinandersetzen, sonst habe ich außer „mir geht’s sooo scheiße!“ nix zu sagen.
Und ich muss dazu stehen. Selbst diejenigen von uns, die es vorziehen, anonym zu bleiben (wofür es, je nach Lebenssituation, leider immer noch gute Gründe gibt) teilen mit jedem Beitrag der Welt mit: „Ja. Ich auch. Wir sind viele.“.

Anfangs gibt es ungeheuer viel, über das man schreiben kann, will und muss: Da hat man ja schon eine (Kranken)geschichte hinter sich, die erzählt werden will.
Man schreibt weniger darüber, was Depressionen sind, als man zu erklären versucht, was sie nicht sind: Ich bin nicht traurig!
Man wirbt für Verständnis dafür, dass Ausdauersport, Lichttherapie, Johanniskraut und niedliche Kätzchen tatsächlich nicht über depressive Tiefs hinweghelfen. Oder man erstellt Listen von guten Ratschlägen, die man echt nie wieder hören möchte.
Man versucht, in Worte zu fassen, wie man sich fühlt.
Erzählt von Erfahrungen mit TherapeutInnen, Klinikaufenthalten und Medikamenten. Kleinen Fortschritten und vernichtenden Rückschlägen.

Und irgendwann kommt man im „heute“ an: Die ganze Vorgeschichte ist erzählt.
Dann wird es schwierig, finde ich. Das Bloggen.
Ich habe immer noch Depressionen. Es gibt immer noch Tiefs. Absolute Tiefpunkte. Allmähliches Bekrabbeln und Phasen der Stabilität und Zuversicht. Auf. Ab.
Damit könnte ich vielleicht meine größten Fans beschäftigen, wenn ich ein Promi wäre und das Ganze nicht via Text > 140 Zeichen, sondern mittels einer lesefreundlichen Skala von 1-10 veröffentlichte.

Als ich mit der „Taucherin“ begonnen habe, habe ich Texte „auf Halde“ produziert und nach und nach veröffentlicht. Es gab ja schon so viel zu erzählen und von der Seele zu schreiben, um überhaupt einmal zu erklären, was ich jetzt vorhatte. Und warum.
Ein neues Leben anfangen. Ohne Therapie und vor allem ohne Medikamente.
Dann habe ich über die erste Zeit auf dem Hof geschrieben: Es gab so viel Neues!
Und jetzt, nach einem Jahr „Schattentaucherin“ leide ich immer noch an Depressionen.
Auf. Ab. Auf. Ab. Nichts, was sich noch zu erzählen lohnt.

Ich hab viel Herzblut an dieses Projekt verschmiert und möchte es nicht einfach im Sande verlaufen lassen. Und in diesem Moment zeigt die Taucherin sich auf eine Art und Weise hilfreich, mit der ich nicht gerechnet hätte: Sie fragt mich wieder und wieder „Wirklich nichts Neues?“.
Meinen Kunden im Hundetraining habe ich regelmäßig gepredigt, sie möchten sich doch bitte nicht auf das konzentrieren, was noch nicht klappt, sondern sich in Erinnerung rufen, an welchem Punkt sie begonnen haben und wie weit sie schon gekommen sind.
„Schau hin!“, flüstert sie. „Und?“

Und sie hat recht.
Mich in die Einsamkeit der Cevennen zurückzuziehen, war – auch wenn das nach außen romantisch, abenteuerlich oder mutig aussehen mag – schlicht das Eingeständnis, dass ich keine andere Wahl mehr hatte, als mir meine Welt so passend (will sagen: klein) zu machen, dass ich darin zurechtkommen kann. Ich habe hier einen Ort gefunden, der eine heilsame Wirkung hat und mir viel Zeit genommen (nehmen müssen), einfach nur hier zu sein.
Irgendwann habe ich begonnen, mich wieder was zu trauen. Lächerlich kleine Dinge, objektiv betrachtet: Den Markt in einem Nachbardorf besuchen, die Verantwortung für einen Einkauf übernehmen, alleine zum Tierarzt fahren und den Hund impfen lassen …
Für mich waren das große und spannende Unternehmnungen.
Seit Kurzem nun ist etwas ganz Neues hinzugekommen.
Natürlich ist an Achtsamkeitsübungen und Yoga genau nichts originell. Lebt man in einer deutschen Großstadt, scheinen sie dazuzugehören wie green Smoothies und vegane Eiscreme. Für mich sind sie deswegen etwas Besonderes, weil sie den ersten Versuch seit langem darstellen, mit meiner Erkrankung umzugehen. Die Antidepressiva sollten mich „nicht depressiv“ machen, die Therapien mir helfen, nicht mehr depressiv zu sein. Bis ich nach über 10 Jahren irgendwie die Lust verloren habe …

img_14378-q-webVielleicht ist es jetzt an der Zeit, einen Weg zu finden, mit meinen Depressionen zu leben.

Das Schreiben ist schwieriger geworden, teils auch schmerzhafter, weil die Distanz so viel geringer ist. Spannender allerdings auch!

Weiterschreiben also. Tauchen, paddeln, Wellenreiten, kieloben treiben, auf Grundeis gehen …
Ich glaube und hoffe, wir haben noch ein bißchen was vor (vor uns) – die Taucherin und ich …

Das Yoga Projekt

Wie wahrscheinlich mag es sein, dass just in dem Moment, in dem man mit dem Gedanken zu spielen beginnt, es vielleicht doch mal mit Yoga zu versuchen, im Dorf (wir sprechen hier von einem Örtchen mit weniger als 500 Einwohnern, die nächste Stadt, von der man schonmal etwas gehört hat, ist anderthalb Autostunden entfernt) ein entsprechender Kurs angeboten wird?
Ich für mein Teil habe Neigung, das für Kismet zu halten. Und beschließe, daran teilzunehmen.
Zunächst für eine Probestunde, weil ich keine Ahnung habe, ob ich die Anweisungen verstehen werde – aber nach Jahren des Tanztrainings bin ich guter Dinge, „nachturnen“ zu können, was man mir vormacht. Dass der Kurs schon seit 2 Stunden läuft, scheint mir durchaus von Vorteil, erspart es mir doch eventuelle Vorstellungsrunden.

Ungefähr drei Stunden vor Beginn meines ersten Trainings beginne ich, ernsthaft Panik zu schieben: Atemnot, Weinen und – was ich ganz besonders elend finde – Durchfall. Jeder Mensch kennt sogenannte „Angstschisse“ vermute ich. Biologisch sinnvoll seien die, hab ich gelernt. Aber ich hab mit dem Niederringen einer veritablen Panikattacke echt genug zu tun, ich sollte nicht auch noch in ständig zum Hofklo rennen müssen.
Warum die Panik? Ich muß allein vom Hof weg und ins Dorf. Ich werde mit Menschen, die ich nicht kenne, in einem Raum sein müssen. Ich kenne den Raum nicht und habe Sorge, dass ich mich nicht zurechtfinden werde. Ich verstehe die Sprache nicht gut, selbst nett gemeinte Gesprächsversuche stressen mich ungeheuer, weil ich nicht antworten kann. Ich werde womöglich einen Scheck ausfüllen müssen und habe noch große Mühe, die Zahlen zu verstehen – ob ich sie korrekt schreiben kann, wage ich zu bezweifeln. Ich kenne die sozialen Gepflogenheiten nicht – bevor ich nach Frankreich gekommen bin war mir nicht klar, dass man nicht bis nach Afrika oder Asien reisen muß, um anzuecken, weil man die „Spielregeln“ nicht beherrscht …
Viel zu viel Neues, zu viele Unwägbarkeiten auf einmal!

Zunächst empört es mich, dass mein kläglicher Zustand unter anderem für Erheiterung sorgt (wer tagtäglich mit den „Blüten“ umgehen muß, die meine Erkrankung treibt, darf auch faule Scherze darüber reißen), aber dann muss ich doch selber lachen: Wie bescheuert klingt das denn auch – Angst vor dem Yogakurs …
Demnächst Meditationsphobie … Schließlich reden wir hier nicht von Bungeejumping!
Yoga soll mir helfen, mich besser zu fühlen, verdorri!
Und ich bin, ich bin verdammtnochmal nicht bereit, mich von dieser Scheißangst an Allem und Jedem hindern zu lassen!

Auf ins Dorf also.
Wo ich als allererstes feststelle, dass die Gepflogenheiten in der Tat anders sind: Außer mir sind alle schon in Sportkleidung hergekommen. Ich bin die Einzige, die sich umziehen muß. Einen separaten Raum dafür gibt es nicht und ich habe keine Ahnung, ob man das dann einfach im Trainingsraum tut – weil es ja niemand tut … Ich suche mir also ein Eckchen in der Abstellkammer und stelle immerhin erleichtert fest, dass „Klönschnack beim Umziehen“ anscheinend auch unfranzösisch ist (oder „undörflich“ – vermutlich kennen die sich sowieso alle und haben gegen Abend den Dorftratsch längst durch), jedenfalls lassen sich einfach alle auf ihren Matten nieder und los geht’s.
Auf die Frage der Kursleiterin, ob ich Französisch denn verstehe, radebreche ich, dass ich vieles verstehe und ansonsten ja sehen kann, wie die Übungen aussehen. Sie mache die nicht alle vor, sagt sie. Und sie benutze eine Menge anatomisches Vokabular. Dann würde ich gucken, was die anderen Kursteilnehmer tun, kommuniziere ich nunmehr halb phantomimisch.
img_16215-q-webMinuten später liege ich rücklings und mit geschlossenen Augen auf einer Matte. „Augen zu!“ – soviel immerhin hab ich verstanden …
Der nachfolgende Text könnte auch auf Chinesisch gesprochen sein, klingt aber beruhigend und ich vermute, dass entspannte Bauchatmung an dieser Stelle schon irgendwie passen wird.
„Les pieds“, „die Füße“ … das hab ich jetzt verstanden! Aber was soll ich tun mit „les pieds“?
Ich spingse möglichst unauffällig nach rechts und links.
„First you fake it, later you make it!“ – alte Tänzerinnenweisheit …
Wenn ich offensichtlich gar nicht mehr kapiere, was ich tun soll, kommt Nathalie, die Kursleiterin zu mir und hilft: Setzt Füße dahin, wo sie hingehören, erklärt noch einmal gaaanz langsam, oder wechselt zur allergrößten Not kurz ins Englische. Ganz kurz: Ich habe eingangs erklärt, dass ich unter anderem da bin, um Französisch zu lernen.
Sie macht das sehr nett und liebevoll, finde ich. Man trifft im Sport immer mal wieder Menschen, die gesprochenen Anleitungen auch dann nicht folgen können, wenn sie die Sprache verstehen, denen muss man beim Sortieren der Arme und Beine schonmal helfen. Bei anderen korrigiert man vielleicht kurz die Haltung oder irgendein Detail. Das tut Nathalie bei mir und allen anderen gleichermaßen – ich komme mir nicht über Gebühr dumm vor.

Wenn der Text zu „singsangen“ beginnt, stelle ich mir vor, dass sie jetzt etwas über die Atmung erzählt. Über Empfindungen und Entspannung. Oder so.
Nach einer guten halben Stunde wird mir klar, dass „sol“ nicht die Sonne, sondern der Boden ist, was ihre Anleitungen weniger ätherisch, aber irgendwie logischer macht.
Aber wieso spricht sie die ganze Zeit über Flöhe?
Der Groschen fällt, als sie nach gut einer Stunde eine neue Position vormacht: „Pouce“ (Daumen) heißt das Zauberwort, nicht „puce“ …

Was ich richtig schwierig finde, ist, in dem „Singsang“, dem Text also, der eine Übung begleitet und unterstützt, den Moment mitzukriegen, in dem das Ganze aufgelöst wird, in dem man wieder in die Ursprungshaltung zurückkehrt.
Ich kriege Visionen davon, wie ich daliege und versuche, mir einen Knoten ins Bein zu machen, während alle anderen schon ihre Matten aufrollen. Und lausche daher sehr aufmerksam auf verdächtige Bewegungen.

Das Lauschen rettet mich über die abschließenden Atemübungen. Ich kann recht gut hören, was ich tun soll. Als wir aber gemeinsam summen, habe ich die allergrößten Schwierigkeiten, einen hysterischen Lachanfall zu unterdrücken. Ich weiß gar nicht recht warum – eigentlich ist die Vibration, die man dabei ganz deutlich spürt, durchaus beeindruckend. Vielleicht ist es die Tatsache, dass jeder in seinem Rhythmus und seiner Tonlage summt: Ich höre einen sehr sehr sonoren Bass und einen Moment später eine heiter gestimmte Biene – wenn ich die Augen öffnete, wüsste ich sogar, wer wer ist …
Vielleicht bin ich aber auch einfach mit meinen Kräften am Ende.

Nichtsdestotrotz: Ich habe meine erste Yoga-Stunde überstanden. Ohne Zittern, Keuchen und Weinen! Diesen Angang noch weitere 26 Wochen lang auf mich zu nehmen, wird mich hart ankommen, soviel ist mir klar. Aber ich glaube, das ist es wert.
Ich beginne, die ersten anatomischen Vokabeln nachzuschlagen. Und wer hätte gedacht, dass „pouce“ auch „großer Zeh“ heißen kann?

3 Jahre ohne

Es ist jetzt gut drei Jahre her, dass ich mir die Frage gestellt habe, ob es nicht vielleicht doch möglich sein müsse, ein Leben ohne Psychopharmaka zu führen.
Bis zu diesem Moment hatte ich etliche Jahre lang ununterbrochen Antidepressiva genommen.
Zu Beginn meiner „Depri-Karriere“ hab ich sie noch abgesetzt, sobald ich Grund zu der Hoffnung hatte, es werde mir nun dauerhaft besser gehen. Aber jedes Mal, wenn diese Hoffnung wieder trog, hat es auch wieder 6 Wochen gedauert, bis das Medikament Wirkung zeigte. Und jedes Mal wieder habe ich mich mit den anfänglichen Nebenwirkungen herumgeschlagen: Die Mundtrockenheit ist leicht zu handeln, man geht einfach nie wieder ohne eine Flasche Wasser aus dem Haus und tröstet sich damit, dass es ja wichtig ist, viel zu trinken. Das unkontrollierte Muskelzucken kann man mit einem Scherz überspielen und es stört eigentlich kaum, wenn man nicht gerade Auto fährt. Und am Straßenverkehr sollte man ja sowieso nicht teilnehmen, wenn einem ständig schwindelig ist. Die bleierne Müdigkeit nervt zwar, unterscheidet sich aber nicht allzu sehr von der depressiven Bleischwere …
img_20289-q-webNach drei, vier Versuchen fand ich es sehr viel komfortabler, auch in guten Phasen eine minimale Dosis meiner Medikamente zu nehmen. So konnte ich beim nächsten Tief schnell und ohne große Nebenwirkungen gegensteuern. Ich habe über die Zeit tatsächlich ein recht gutes Gefühl dafür entwickelt, wieviel ich brauchte, bin also nicht ständig unter maximaler Dröhnung unterwegs gewesen. Aber eben auch nicht ohne.

Bis ich – eher zufällig – einen Schritt aus meinem bisherigen Leben hinaus getan habe. Zufällig und nur für einen Besuch – aber plötzlich schien alles möglich.
Ich habe voller Zuversicht meine Medikamente abgesetzt, bin in mein altes Leben zurückgekehrt … und fürchterlich auf die Fresse gefallen. In diesem Leben ging es nicht, soviel war sehr schnell klar.
Gar nichts ging mehr. Zu meinen demütigendsten Erinnerungen aus dieser Zeit gehört eine Radfahrt zum Freibad: Ich hatte versäumt, frühzeitig zu sagen, dass ich keinesfalls die Hauptstraße entlang fahren könne (zu viel Verkehr, zu nah, zu laut), sondern den Umweg über die kleinen Seitenstraßen nehmen müsse. Bin durch mein verängstigtes Zögern zurückgefallen, wollte aber auch nicht allein eine andere Strecke nehmen und anschließend die anderen im Freibad suchen müssen. Also bin ich ihnen zitternd und weinend hinterhergestrampelt. Ich bin tatsächlich angekommen und ja, ich bin auch geschwommen. Aber stellt Euch eine erwachsene, eine alte Frau vor, die, Badelaken und -anzug auf dem Gepäckträger, tränenblind quer durch die Stadt radelt. Klingt das irgendwie erstrebenswert?

Da es vorkommt, dass es psychisch Kranken an Einsicht fehlt und ich nach all den Jahren großes Vertrauen zu meiner Psychiaterin hatte, habe ich sie vorsichtshalber gefragt, ob ich ihrer Ansicht nach denn überhaupt in der Lage sei, selbst über meinen Medikamentenkonsum zu entscheiden …
Man hört und liest immer wieder von ÄrztInnen, die leichtfertig, ja fahrlässig ihre PatientInnen mit Psychopharmaka abspeisen – die meine hat das Gegenteil getan.
Sie hat mich von meinen Zweifeln und Sorgen erzählen lassen und mich dann gefragt „Möchten Sie Antidepressiva nehmen?“ Um mir dann zurückzugeben, meine verbale Antwort, vor allem aber meine Körpersprache sei ein klares und eindeutiges „Nein!“. Ich dürfe mich ruhig trauen, auf meine innere Stimme zu hören. Offenbar hätte ich einen Weg für mich gefunden, dem dürfe ich dann auch folgen.
Für mich hieß das: Meine Finger von Psychopharmaka lassen und die Brocken hinschmeißen.

Und da bin ich nun. Mit hingeschmissenen Brocken, einem neuen Leben … und einer Vorratspackung Antidepris für alle Fälle.
Ich könnte, sollte es nötig werden …
Aber es sind gar nicht die Tiefs, nicht die bleiernen Tage, die mich in Versuchung führen.
Ganz allmählich habe ich ein bißchen Vertrauen darein entwickelt, dass sie lange vor eventuellen Nebenwirkungen oder gar Wirkungen enden werden.

In Versuchung gerate ich, wenn ich einen dieser Wutanfälle habe, bei denen ich mich mit aller Macht zusammenreißen muss, um nicht alles kurz und klein zu schlagen, oder mit dem Kopf vor die Wand zu rennen.
Oder einen dieser Zusammenbrüche, wenn ich mir wieder einmal sicher bin, dass ich selbst hier niemals klarkommen werde. Wenn ich weinend auf dem Boden zusammensacke und nach meiner Mutter schreien möchte. Wenn ich nur noch nach Hause will – wissend, dass es in Deutschland kein Zuhause mehr für mich gibt.
Dann möchte ich tot sein, bis es mir wieder besser geht. Oder wenigstens im Koma liegen.
Eine Tageshöchstdosis meines gewohnten Medikamentes, von jetzt auf gleich verabreicht, würde das vermutlich leisten.

Bisher ist die Packung jedoch unangetastet und wenn es nach mir geht, bleibt sie das auch.

Ich hätt‘ getanzt …

Bei der Lektüre eines Beitrages auf Meine Drogenpolitik hab ich mich erinnert, wann und unter welchen Umständen ich zuletzt getanzt habe …
Eigentlich ging es um bei dem Text um Erfahrungen mit dem Konsum von Ecstasy – ein Thema das mich lediglich in Hinblick darauf interessiert, was Menschen sich alles trauen, mit sich anzustellen. Ich hab ja so schon meine liebe Not damit, mit einer etwas „strubbeligen“ Gehirnchemie klarzukommen …
Aber am Rande ging es eben auch ums Tanzen.

img_8243-q-webIch habe immer wahnsinnig gerne getanzt. Standard und Latein (da steh ich zu: ich liebe Wiener Walzer!), Rock’n‘ Roll, Improvisationstanz, Flamenco und viel viel orientalischer Tanz. Oder einfach abzappeln …
In meinem jetzigen Leben weiß ich gar nicht, wie viele Autostunden die nächste Diskothek weg wäre. Und ob es dort Ü50 Parties gibt. So oder so trifft man Bauern recht selten des nachts beim Abfeiern an …
Vor allem aber würde mich vermutlich schon eine kleine Schlange am Eingang wirksam in die Flucht schlagen. Ich kann Menschenansammlungen nicht gut ertragen. Schon gar nicht in geschlossenen Räumen.
Im Allgemeinen vermiss ich nix. Wenn ich Lust hab, tanz ich in der Küche.

Keine Ahnung, was mich geritten hat, als mir auf dem Plakat für eine Feier im Nachbardorf das Stichwort „Batucada“ ins Auge sprang …
Batucada ist Samba. Die Sorte, bei der ganze Truppen von MusikerInnen und TänzerInnen durch die Straßen ziehen. Wenn eine richtig gute Sambatruppe Vollgas gibt, dann ist das, wie wenn ein großer Chor das tut: Da macht man sich fast in die Hose.

Die Menschenmengen, in die man auf den hiesigen Dorffesten geraten könnte, sind – nun ja – überschaubar … am meisten knubbelt es sich bei den Petanque Turnieren … Dennoch sind solche Veranstaltungen für mich sehr anstrengend. Man wird gesehen, beobachtet, eingeschätzt. Womöglich muss man Smalltalk halten, was ich schon furchtbar finde, wenn ich die Sprache beherrsche. Mein Französisch ist immer noch auf einem Niveau, das Gesprächsversuche schnell versanden lässt – dann hab ich sie zwar hinter mir, aber es ist peinlich. Ich muss schon einen ziemlich guten Tag haben, um mir das anzutun.

Aber ich wollte diese Batucada-Truppe sehen!
Wie sich zeigte, wurde das Musikprogramm von der dörflichen Musikschule organisiert und auch dargeboten und so haben wir zunächst einigen angehenden Gitarristen und Pianisten im Teenager-Alter sowie einem Laienchor gelauscht. Auch die ersehnte Batucada-Truppe hatte deutlich Anfänger-Niveau. Aber Spaß! Und im Finale haben die Leute Gas gegeben, so gut das eben ging! Das reicht, damit die Füße ein Eigenleben entwickeln und man auf den Oberschenkeln trommeln muss.
Und was ich eigentlich erhofft hatte, ist geschehen: Eine kleine Handvoll von Frauen ist aufgestanden und hat getanzt. Keinen brasilianischen Samba, einfach so …
Und ich hab mich einfach so dazugesellt – auf meinem Stuhl hätte man mich anbinden müssen.
Ich kann auch keinen Samba, aber die Bewegungen sind denen des orientalischen Tanzes recht ähnlich, alles ist sehr vertraut. Und der Rhythmus ist zwingend. Man muss nichts tun, einfach nur die Kontrolle vom Kopf an die Füße übergeben.
Es war ein kurzer, aber wunderbarer Moment: Wenn ich tanze, ist alles richtig! Es stört mich nicht, unter Menschen zu sein, auch wenn es vielleicht zu laut und zu voll ist. Ich muss mich nicht bemühen, normal zu wirken, ich bin richtig.

Wenn ich tanze, bin ich ganz und gar bei mir. Kein Grund, vor irgendetwas Angst zu haben.
Vielleicht sollte ich doch häufiger auf Dorffeste gehen …

Komfortzone verlassen? Oder lieber doch nicht?!

Blogs zum Thema Depression haben auf Blogparaden nicht wirklich was zu suchen, oder! Wenn ich „Parade“ höre, krieg ich Kopfkino in Richtung brasilianischer Karneval in Textform. Und ich mittendrin … brrrrrr … besten Dank“!
Aber irgendwie bin ich über „Komfortzone verlassen? Oder lieber doch nicht?!“ von Christine Winter auf Stille-Stärken.de im wahrsten Sinne des Wortes gestolpert – Stolpern im Sinne von „aus dem Tritt geraten, aufgehalten werden“. Das Wörtchen „Komfortzone“ war’s, das mir ein Bein gestellt hat …

Man hört das ja immer mal wieder, aber ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, ob es da eine allgemeine Definition gibt. Klingt irgendwie nach „den A**** nicht vom Sofa hochkriegen“ … sich arrangiert haben, bei Altbewährtem bleiben, nix Neues ausprobieren wollen. Sich nicht bewegen wollen.

Gestolpert bin ich über den Gedanken, dass ich mein ganzes Leben erst einmal komplett umkrempeln musste, um meine persönliche Komfortzone überhaupt zu erreichen.
Wenn Komfortzone das Umfeld ist, in dem ich mich wohl fühle, das mir Sicherheit vermittelt und wo ich klarkommen kann, dann ist das eindeutig der Fall.

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Eigentlich, vermute ich, bedeutet „Komfortzone verlassen“ mal etwas Neues auszuprobieren, das Abenteuer zu suchen. Oder auch „sich anstrengen“, „kämpfen“.
Mich angestrengt und gekämpft habe ich vorher:
Ich habe mir jahrzehntelang durchaus Mühe gegeben, mich in einer Welt komfortabel einzurichten, in die ich nicht gepasst habe. Ein dauerhaftes Wohlgefühl wollte sich trotzdem nicht einstellen, im Gegenteil. Und in den letzten Jahren halfen nur noch Psychopharmaka.
Der Gedanke, auf- oder auszubrechen, ist mir dennoch nicht gekommen: Veränderungen machen mir Angst und meine Abenteuerlust hält sich in äußerst engen Grenzen.
Für mich war schon die Idee, für ein paar Tage allein nach Südfrankreich zu fahren ziemlich ungewöhnlich: Dafür, dass meine Energie meist kaum dafür gereicht hat, das Haus zu verlassen, und schon eine Fahrt in die (Klein)stadt regelmäßig Angstschübe auslöste, war dieser Kurztrip ein ziemlich verwegenes Unterfangen. Hin hab ich’s geschafft, zurück nicht …
Auf einem abgelegenen Bauernhof in einer sowieso eher menschenleeren Gegend hatte ich plötzlich das deutliche Gefühl, es müsse möglich sein, ohne Antidepressiva zu existieren.
Sagen wir, zumindest die medikamentöse Komfortzone war mir schlagartig zu eng. Da wollte ich raus!
Und hab’s in Deutschland nicht mehr ausgehalten.
Nein, ich bin nicht nach einer Art Befreiungsschlag strahlend aufgebrochen, eher hab ich mit letzter Kraft die Flucht ergriffen.
Aber angekommen bin ich: In einer Welt, in die ich ohne allzuviel Reibung hineinpasse.

Und so habe ich absolut keinen Grund, diese meine neu eroberte Komfortzone gleich wieder verlassen zu wollen!
Ich darf sie genießen und Kräfte sammeln.
Nicht, dass sie mich nicht auch Kräfte kosten würde; ein Bauernhof ist schließlich kein Sanatorium, aber das „Oh bitte, ich will da nicht hin!“ Gefühl, das sich einzustellen pflegte, wenn ich zur Arbeit musste, ist weg. „Ich kann nicht da raus gehen!“ meldet sich an schlechten Tagen ab und zu, lässt aber mit sich verhandeln.
Ich fülle eine Art „Tagekonto“: Tage, die okay waren, an denen ich es geschafft habe, morgens aufzustehen, an denen ich produktiv war, an denen ich nicht geweint habe, die frei von Ängsten waren, an denen ich fröhlich war und bei der Arbeit gesungen habe.
Noch viel zu tun in der Komfortzone …

Größer wird sie von selber.
Bei aller Affinität zum Landleben bin ich doch ein Stadtkind und deutlich mehr Betriebs- als Landwirtin. Manchmal habe ich jetzt noch das Gefühl, ich kann und weiß gar nix …
Aber es mehren sich die Momente, in denen ich denke, „das schaff ich jetzt auch alleine“, „das entscheid ich jetzt einfach“ …
Und so hab ich irgendwann entschieden „den Einkauf in der Stadt schaff ich jetzt“ – obwohl eigentlich alles daran mir Angst macht. Oder „Ich komme mal zu dieser und jener Veranstaltung mit“ – obwohl eine Gruppe von Menschen in einem geschlossenen Raum der blanke Horror für mich sein kann.
Ich hab mir nicht vorgenommen, meinen Radius zu vergrößern, ich hatte einfach das Gefühl „das geht jetzt!“ …

Gesund werde ich auch hier nicht. Ich bin im Gegenteil ohne Wenn und Aber verrentet.
An den Gedanken, daß meine Depression mich für den Rest meines Lebens immer mal wieder aufsuchen wird, habe ich mich noch nicht recht gewöhnen können, ein wenig „gönne“ ich mir das „Aufgeben“ aber auch: Ich verkneife mir viel weniger – wenn ich weinen oder zittern muß, dann ist das eben so. Und merke, dass das angestrengte Verkneifen mich viel mehr behindert, als das Loslassen. Nach einem Abenteuer wie einem Einkauf einen Ruhetag zu benötigen, ist zwar lästig, aber insgesamt vergrößert sich mein Bewegungsspielraum. Ich finde das sehr komfortabel!

 

Small world

IMG_17836-q-webManchmal, wenn ich von meinem Leben auf dem Hof erzähle, habe ich Sorge, missverstanden zu werden.
Von solchen Menschen, die gerne lesen möchten, daß „es“ geht. Dass man sich einfach nur zusammenreißen muss.
Stimmt ja auch: Wenn die Schafe in meinem in liebevoller Kleinarbeit angelegten Blumenbeet stehen, dann reiße ich mich zusammen!
Und wenn das Hundekind Hilfe benötigt, kann ich mein Krankenlager tatsächlich in ganz erstaunlicher Geschwindigkeit verlassen.
Wer Antriebslosigkeit für ein Symptom der Depression hält, hat mich noch nicht in Pantoffeln und ohne Brille über den Hof flitzen sehen …
Geht doch!
Klar geht das.
Aber es geht tatsächlich nur so: Wenn es nottut, mobilisiere ich die letzten Reserven.
Dabei muss ich allerdings keinerlei Kapazitäten für etwaige Gesellschaftsfähigkeit vergeuden – wenn ich barfuß und im Nachthemd losmarschiere, ist das im Zweifel auch recht.
Und wenn ich mich bei einer solchen Aktion so sehr verausgabe, daß ich für den Rest des Tages in einen Status mentaler Beschäftigung (ich denke intensiv darüber nach, was ich alles erledigen könnte) verfalle, dann ist das so.

Ich freue mich, wenn wir Gäste haben. Es ist schön, mal andere Gesichter zu sehen, sich über andere Dinge zu unterhalten. Es stresst mich auch nicht, für viele Leute zu kochen – im Gegenteil, mir macht das Spaß. Aber ich kann nicht wie gewohnt meine Kreise ziehen. Ich beteilige mich am Gespräch (oder bemühe mich jedenfalls), versuche, möglichst „normal“ zu wirken und reiße mich zusammen, wenn was ist, weil ich weder Lust noch die Kraft habe, mich ständig zu erklären. Und weil es doof ist, beim Essen in Tränen auszubrechen … da kann man noch so selbstbewußt zu seiner wackligen Psyche stehen.
„Besuch“ bringt mich ganz schnell an meine Grenzen. Und dann empfinde ich jeden Schritt auf mich zu als unerträgliche Grenzüberschreitung. Gegen die ich mich nicht verwahren kann, weil meine Kapazitäten ja sowieso und so weiter …
„Gäste haben“ kostet mich Kraft, die dann anderswo fehlt und es kann mir passieren, daß ich anschließend komplett auf der Nase liege.
Ich nehme das gerne in Kauf. Wie gesagt: Ich habe gerne Gäste!
Wer in seiner Freizeit Marathon läuft, nimmt ja auch in Kauf, daß er am nächsten Tag arg müde ist (jedenfalls stelle ich mir das so vor). Bei mir liegt die Marathon Marke halt eher bei der Sprintdistanz …

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wieviel ich tatsächlich arbeite.
Ich kümmere mich.
Ich bereite Essen zu. Ich denke mir Rezepte aus, experimentiere herum und gebe mir alle Mühe, aus dem. was der Hof gerade bietet, das Beste und Leckerste zu machen.
Das mag so aussehen, als würde ich stundenlang einfach leise singend in der Küche stehen. Und vielleicht ist es ja auch so. Objektiv gesehen.
Ich versorge Tiere. Ich suche verloren gegangene Schafe und verarzte verletzte Hunde.
Das mag so aussehen, als würde ich stundenlang leise vor mich hin plappernd einen Hund kraulen …
Die Messlatte für mein Tun hängt denkbar niedrig.

Ja, es stimmt, ich muss mich einfach nur aufraffen, mich lediglich zusammenreißen, aber was die Höhe der Latte betrifft, ist jeder Limbo-Tänzer ein Niemand gegen mich!
Ja, ich fasse jeden Tag auf’s Neue den Mut, der Welt ins Auge zu sehen. Ich erhebe mich aus meinem Bett und trete ihr entgegen.
Ich musste nur die Welt auf Erbsengröße schrumpfen lassen und schon war alles gut.

Ich will das nicht noch kleiner reden, als es sowieso schon ist.
Schließlich habe ich es über Jahrzehnte trotz aller Bemühungen nicht geschafft, mich der Welt anzupassen.
Nun habe ich das Glück, mir eine Welt maßschneidern zu können, in der ich leidlich normal funktionieren kann.
Wer nun also einem depressiven Menschen „Erhebe Dich!“, „Nimm Dir ein Beispiel, raffe Dich auf!“ zurufen möchte, der biete bitteschön auch die entsprechende erbsgroße Welt an. Alles andere ist unfair.

Wenn Taucherinnen sich freischwimmen

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Einkaufen war über lange Jahre eine Aktivität, für die ich mich regelrecht wappnen musste und nach der ich stets erholungsbedürftig war:
Menschenansammlungen, zumal in geschlossenen Räumen verursachen mir Beklemmungen. Und Supermärkte sind einfach … zu … bunt. Zu grell ausgeleuchtet. Zu viele Details, zu viele Entscheidungen. Zu alles. Kommen dann noch Musikberieselung, Lautsprecherdurchsagen und womöglich eine gewisse Hektik hinzu, hab ich ganz schnell meine Grenzen erreicht.

Die hiesigen Einkaufstouren, bei denen alles, aber auch wirklich alles von Bioladen bis Baustoffhändler in einem Aufwasch erledigt wird, weil der Weg in die Stadt so weit ist, dass Einzelfahrten sich nicht lohnen, hätten demnach alle Aspekte von Flooding aufweisen müssen, was zu meiner großen Erleichterung jedoch nicht der Fall war.
Das liegt ganz sicher unter anderem daran, dass ich nicht nur in, sondern die Begleitung bin – die Verantwortung für den Einkauf ruht nicht auf meinen Schultern: Wenn ich mittendrin völlig entschleunige und nur noch dastehe und das Keksregal anstaune, geht der Einkauf trotzdem weiter. Wenn das Warten an der Kasse zu viel wird, weil ich statische Situationen in großer körperlicher Nähe anderer Menschen nicht gut aushalten kann, dann geh ich halt raus.
Es scheint mir aber auch an der Mentalität der Südfranzosen zu liegen.
Obwohl die Gänge in den großen Supermärkten sehr viel breiter sind, als ich das aus Deutschland gewöhnt bin, gibt es natürlich auch hier jene begnadeten Einkäufer, die mit tödlicher Sicherheit einen Weg finden, diese maximal zu blockieren. Nur scheint es niemanden aufzuregen. Dann wartet man halt kurz. Und wenn man doch mal vorsichtig um jemanden herummanövriert, reagiert dieser meist mit einem charmanten, aber völlig gelassenen „Pardon!“. Lächelnd …
Auch hier kommt es vor, dass man in der Kassenschlange mal mit einem Einkaufswagen „angedotzt“ wird, aber das subtile, permanente „nur ein bißchen zu nah auf die Pelle rücken“, das mir schnell heftiges körperliches Unbehagen verursacht, gibt es kaum.
Selbst kurz vor Weihnachten ist diese latent aggressive Eile nicht zu spüren, die einen darüber nachdenken lässt, ob womöglich die Supermärkte nie wieder öffnen werden und die Leute zum letzten Mal die Gelegenheit haben, Lebensmittel einzukaufen.
Am faszinierendsten finde ich, was passiert, wenn eine neue Kasse öffnet: Gewohnheitsmäßig rechne ich damit, dass diejenigen, die am weitesten hinten in der Schlange standen, Vollgas geben, um an der neuen Kasse die ersten zu sein. Stattdessen gibt es eine Art wortloser Verständigung, auf die hin der hintere Teil der Schlange zur neuen Kasse umschwenkt, ohne dass die Reihenfolge sich ändern würde.
Einmal habe ich erleben dürfen, dass es an der neu eröffneten Kasse technische Schwierigkeiten gab, und die Menschen, die hierher gewechselt waren, umso länger warten mussten. Es war keinerlei Aufregung zu spüren.

Neulich nun ist es mir tatsächlich passiert, dass ich „den Hut für den Einkauf aufhatte“.
Zwar hat mich einer unserer Volontäre begleitet (alleine hätte ich mich das schwerlich getraut), aber der kannte nicht die Läden, wusste nicht, was benötigt wurde und auch seine Französischkenntnisse blieben ein wenig hinter meinen Hoffnungen zurück. Letzteres wäre mir als die größte Hürde erschienen, hätte ich es vorher gewusst. Einen Menschen dabei zu haben, hinter dem man sich – für alle verständlich – verstecken kann, weil man die Landessprache nicht beherrscht, bietet eine Menge Schutz; man muss nur achtgeben, dass man nicht unverhofft angesprochen wird, wenn der „Dolmetscher“ gerade außer Sicht ist. So aber habe ich mich (haben wir uns) ohne Schutzwall und ohne sicherheitshalber nachgeschlagenes Vokabular munter radebrechend ins pralle Leben gestürzt. Ging auch!

Meinem Begleiter wird das nicht weiter spektakulär erschienen sein …
Für mich war es ein Durchbruch, auch wenn ich das erst später so richtig begriffen habe.
In erster Linie war ich stolz, dass wir alles alleine hingekriegt haben. Und wir hatten Spaß dabei!
Dinge hingekriegt, weil sie nun mal nötig waren, habe ich früher auch. Zur Not halt mit fest zusammengebissenen Zähnen.
Der Spaß ist neu!

Ein Ort in mir

Beim autogenen Training sollten wir uns einmal einen Ort vorstellen, an dem wir uns gut entspannen könnten.

Ich hatte den meinen innerhalb von Sekundenbruchteilen gefunden: Ein realer Ort, an dem ich viel Zeit verbracht habe und meistenteils glücklich war. Ich konnte ihn nicht nur deutlich und in allen Details vor mir sehen, sondern sogar beim Öffnen der Tür seinen ganz eigenen Geruch wahrnehmen.
Eine Erinnerung, die mich heute eher traurig macht, weswegen ich ihn nur noch selten aufsuche.

Ich merke, dass ich dringend einen Ort in mir selbst brauche, an dem ich mich verstecken kann, wenn das Rasen in meinem Kopf unerträglich wird. In solchen Momenten denke ich daran, wieder Medikamente zu nehmen und das möchte ich, wenn es irgend geht, vermeiden.
Ich muß mir einen neuen Ort schaffen.

Zunächst stelle ich mir Licht vor. Warmes, goldenes Licht, wie es entsteht, wenn die Sonne im Wald zwischen den Bäumen hindurch scheint.
„WarmesgoldenesLichtwarmesgoldenesLicht“ murmele ich lautlos vor mich hin, weil selbst ein solches Mantra mein Gehirn ein klein wenig ausbremsen kann.
„Einatmen – Ausatmen“ würde vermutlich auch funktionieren …

IMG_12517-q-webPlötzlich erscheint vor meinem inneren Auge eine Badewanne.
Eine altmodische weiße Badewanne mit Löwentatzen um genau zu sein.
Ich sehe meine Knie aus dickem Badeschaum ragen, in dessen Bläschen sich das Licht spiegelt.

Ändere also den Text meines Behelfsmantras in „WeißeBadewannemitLöwentatzen“ und versuche, mir den Rest dazu vorzustellen:
Goldene Wasserhähne? Bestimmt! Aber Löwenköpfe, aus deren Mäulern das Wasser sprudelt? Nee … eher nicht. Weiße Wände, die das Auge ausruhen lassen und außerdem zur Wanne passen? Oder doch lieber orientalisch opulent?

Es kommt kein Bild zustande.
Stattdessen ein sehr deutlicher Eindruck vom Weg dorthin: Schon als Kind habe ich mir, wenn ich ganz allein sein wollte, einen Raum tief unter der Erde vorgestellt, zu dem ein schmaler Gang führte.
Ich sehe ihn vor mir: Nur wenig breiter als meine Schultern, schwarzer, leicht glänzender Fels, eine Beleuchtung wie von Fackeln und eine steile Treppe, die ich aber hinuntereilen kann ohne Angst vor einem Sturz zu haben. Überhaupt ist die ganze Szenerie kein bißchen unheimlich, sondern verspricht im Gegenteil Geborgenheit. Ich versehe den Gang mit einer Tür aus massivem Holz, die ich an einem dicken Metallring hinter mir zuziehen kann. An seinem Ende soll es eine weitere Tür geben.

Ein schwarzer Gang und eine weiße Badewanne also …

to be continued …

Therapiehund

Oskar wurde nicht „angeschafft, weil Hunde depressiven Menschen gut tun“ .
Dennoch hat er sich den Job ganz eigenständig an Land gezogen und macht ihn ausgesprochen gut – wenn auch nicht ganz so, wie der gängige Ratschlag es vorsieht …

Ob ich einen richtig schlechten Tag habe, scheint er noch vor mir zu wissen: Wenn ich es schaffe, ein Auge aufzumachen, liegt er schon dicht neben meinem Bett (wozu er sonst eher nicht neigt) und mag auch dann dort bleiben, wenn er Gelegenheit hätte, nach draußen zu gehen. Er schläft.
Es ist genau dieses völlig entspannte Bei-mir und Für-mich-da sein, das mir gut tut: Kein besorgter Blick, kein „Es ist 9:00 (11:00, 15:00) Uhr! Willst Du nicht doch mal versuchen, ob Du aufstehen kannst?“.
„Du bleibst liegen? Dann schlaf ich noch ne Runde!“ …

Auch wenn es mir irgendwann gelingt, aufzustehen, bleibt er stets in meiner Nähe.
Dass die Gassigänge an solchen Tagen ultrakurz sind, scheint den bewegungsfreudigen Workaholic nicht weiter zu stören.
Bei einem Seminar zum Thema „Depressionen beim Hund“ (auch die gibt’s) hab ich vorsichtshalber den Dozenten gefragt, ob ich meinem Hund möglicherweise Schaden zufüge, ob der vielleicht einfach resigniert.
Ein zugewandter, initiativer Charakter wie Oskar, meinte er, ließe sich von meiner Stimmung nicht anstecken – der würde die aussitzen. Nun: Ausliegen …

Meine erste Amtshandlung wenn dann wieder irgendwas geht, ist natürlich eine gemeinsame Unternehmung!
Hundebegegnungen, die immer ein wenig heikel sind, werden schwieriger, wenn es mir nicht gut geht. Da ich in diesen Phasen aber sowieso in möglichst einsame Gegenden ausweiche, fällt das nicht allzu sehr ins Gewicht.
Seine Jagdpassion dagegen, die sonst meine ungeteilte Aufmerksamkeit oder aber eine Leine erfordert, läßt extrem nach: Offenbar hat er nicht den Eindruck, er könne mich grade mal für ein paar Minuten allein lassen …

Sofern es ihm irgend möglich ist, übernimmt er die Führung, wenn er merkt, dass ich Angst habe. Am deutlichsten sieht man das in den Bergen: Normalerweise ist er ein großer Stöberer und Jeden-Meter-drei-Mal-Raser, wenn sich aber meine Höhenangst „meldet“, ist er plötzlich ganz bei mir. Dann läuft er ein paar Meter, schaut sich nach mir um und wartet, dass ich nachkomme. Gegebenenfalls kommt er zu mir zurück und „holt“ mich.
Und tatsächlich habe ich mit seiner Hilfe schon mehr als eine Passage bewältigt, während derer ich ansonsten in bewährter Manier festgefroren wäre.
Ist die Wackelpartie überstanden, ist mein Hund wieder auf und davon …

Panikattacken überfordern ihn. Er hat jedoch beobachten können, dass es Menschen gibt, die mir in solchen Momenten helfen können. Also wendet er sich an sie: Stupst sie an und fordert Hilfe ein.

Am meisten beeindruckt mich jedoch, dass sein Verhalten beim gemeinsamen Spiel sich verändert.

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„Angeberball“ ist ein Spiel, das Oskar mir beigebracht hat: Monatelang hab ich mich darüber geärgert, dass er ein bestimmtes Spielzeug (einen Ball an einer Schnur) einfach nicht apportieren wollte. Stattdessen ist er laut knurrend damit im Kreis herumgerannt, hat es sich um die Ohren geschlagen, oder mit herausforderndem Blick darüber gestanden (also damit angegeben wie eine Tüte Mücken), um bei meiner Annäherung gleich wieder wegzuspringen. Da konnte ich schimpfen oder locken soviel ich nur wollte, ihn mit der Schleppleine zu mir dirigieren oder völlig frustriert davonstapfen. Nichts half.
Bis ich endlich begriffen habe, dass er mir ein Spiel angeboten hat: Ich sollte mit ihm rennen und ihm den Ball abjagen!

Natürlich hatte ich keine Chance! Er hat dann auch nur kurze Sprints eingelegt und ist anschließend wieder in meine Richtung gelaufen um mir die Chance zu geben, ihm – ebenso erfolglos – den Weg abzuscheiden. Immer ganz knapp außerhalb meiner Reichweite.
Hat er sich zwischendurch, den Ball zwischen den Vorderpfoten, hingelegt, habe ich versucht, mich rücklings anzupirschen, bin unter wüsten Drohgebärden auf ihn zu gestampft, in Vorderkörper-Tiefstellung gekrochen oder johlend und winkend losgerannt. Immer wenn ich den Ball beinahe hatte, war mein Hund wieder auf und davon. Zufällige Beobachter mögen sich ihren Teil gedacht haben …
Ich kann das Spiel beenden, indem ich ihm ein „Sitz“-Signal gebe, aber meist toben wir herum bis er beschließt, ich dürfe den Ball jetzt zur Abwechslung auch mal werfen.
Die pädagogische Sinnhaftigkeit mag diskutieren, wer will: Wir haben einen Mordsspaß dabei!

Das Spielen mit meinem Hund hilft mir besonders an solchen Tagen, an denen ich mich mit diffusen Ängsten herumschlage. Zwar bewege ich mich langsam und kann nur sehr begrenzt den Kasper machen, aber ich merke, dass es mir gut tut. Und ich erwische den Ball!

IMG_1141-q-webAn richtig miesen Tagen lässt mein Hund mich gewinnen!
Ich bin schon lange überzeugt, dass Hunde „Erfolg“ kennen, dass sie stolz sind und sich freuen, wenn sie etwas richtig gut hingekriegt haben – auch ohne Rückmeldung durch Lob oder Belohnung.
Dass Oskar augenscheinlich zu der Annahme in der Lage ist, auch ich werde mich freuen, wenn es mir denn ausnahmsweise einmal gelänge, ihm den Ball abzuluchsen, und dass er mir die Freude tatsächlich macht, haut mich – ehrlich gesagt – um.

Mir tut mein Hund gut!
Aber nicht, weil seine hundlichen Bedürfnisse mich aus dem Haus zwingen (im Gegenteil, er stellt sie ja für mich zurück), sondern weil er tatsächlich in der Lage ist, meine Bedürfnisse zu erspüren. Und sie erfüllt, so gut er kann.
Dafür bin ich dankbar. Sehr dankbar.

Das indische Sofa

Nein, ich habe während meiner Therapie nie auf der Couch gelegen.
Es stand eine im Raum, aber wir haben einander immer in Sesseln gegenüber gesessen.
Bei dem Sofa ging es um meinen beständigen Kampf gegen meine Erkrankung.
Denn gekämpft habe ich!

Seltsam … man hört nie, jemand habe gegen die Masern angekämpft. Oder gegen seinen Herzinfarkt. Die hat man einfach. Die übersteht man, oder auch nicht. Von Kampf ist nur bei Krebs die Rede, als sei es ein persönlicher Verdienst, diesen zu überleben. Und eine Niederlage, es nicht zu tun.

Und bei Depressionen. Ich jedenfalls fand, dass dagegen angekämpft gehört!
Man hat mich vielleicht nicht so kämpfen sehen, wenn ich mal wieder stundenlang bewegungslos dasaß, aber ich habe mich bemüht, wahnsinnig bemüht, in Bewegung zu kommen.
Und ich bin wieder und wieder mit zusammengebissenen Zähnen gegen meine Ängste angerannt.

Wenn ich Situationen noch irgendwie aushalten konnte, ohne völlig zusammenzubrechen, dann hab ich das durchgezogen. Und wenn ich doch zusammengeklappt bin, dann war das eben so.
Jadochja, das hat meinen Aktionsradius vergleichsweise groß gehalten. Aber der Preis war auch entsprechend hoch.

Da ist sie dann regelrecht grob geworden,  die kleine Inderin.
„Wenn es Ihnen so schlecht geht, dann legen Sie sich verdammt noch mal hin und seien Sie krank!“. Ich bin mir sicher, sie hat tatsächlich „verdammt“ gesagt …
Und, dass ich so lange liegen bleiben möge, bis ich Lust hätte, wieder aufzustehen.

Ganz ehrlich, ich fand ihren Rat unseriös. Gefährlich.
Wäre ich zu diesem Zeitpunkt nicht schon einige Zeit ihre Patientin gewesen, ich hätte ihn ganz sicher nicht befolgt.

IMG_12508-q-webSo jedoch habe ich das Experiment gewagt:
Ich bin morgens (okay, eher mittags) vom Bett bis zum Sofa geschlufft und hab den Fernseher angemacht. Zu meiner Ehrenrettung: Talkshows bei RTL habe ich immer gemieden! Aber ich habe sehr genau gewusst, wann auf welchem Sender welche uralte Serie wiederholt wurde und bin auch vor „unsere kleine Farm“ nicht zurückgeschreckt.

Irgendwann in der Nacht (wenn ich mit Star Trek und den Wiederholungen der Pathologenkrimis durch war) hab ich den Rückweg ins Bett angetreten.
Dieses Programm hat sich gar nicht mal so sehr von meinem vorherigen Tagesablauf unterschieden …
In erster Linie hab ich einfach aufgehört, mir vorzunehmen, mich jetzt mal zusammenzureißen.
Ich hab aufgehört, mich zu bemühen.

Wundersamerweise begann ich nach ca. einer Woche, mich zu langweilen. Und kleinere Aktivitäten in Erwägung zu ziehen, weil ich Lust dazu hatte.
Und so ist es mir tatsächlich gelungen, mich ganz unbeschadet wieder von meinem Lotterbett zu erheben.

Eine ganze Woche habe ich seitdem nie wieder gebraucht.
Aber wenn ich das Gefühl habe, dass es mir richtig schlecht geht, dass jetzt wirklich alles zu viel ist, dann schreibe ich mir selber eine Entschuldigung und stelle jegliche Bemühung ein. Dann bleib ich im Bett!
Mittlerweile (wenn ich Glück habe) ist „ich bleib heute im Bett!“ um 10 Uhr ausgestanden. An schlechten Tagen erst mittags. Aber es funktioniert tatsächlich, ohne dass ich kämpfe. Weil ich nicht kämpfe.

Außer vielleicht gegen die wohlmeinenden Menschen um mich herum, die nicht müde werden, mich aus meinem Bett holen zu wollen, weil das doch nicht gut sein kann …