Montagsmodell II: Ein Kind ohne Namen

Als ich angefangen habe, körperlich zu arbeiten, habe ich nachts oft nicht gewusst, wie ich liegen soll, weil mir so dermaßen die Knochen wehgetan haben. Mit der Zeit – und ein paar Muskeln mehr – ist das besser geworden und ich hatte nur noch dann arge Schmerzen, wenn ich etwas getan habe, von dem mir vorher klar war, dass ich es besser lassen sollte.
Ich erinnere mich lebhaft an einen Moment, in dem ich ein Schaf über den Zaun gehoben und vorsichtig abgesetzt hatte, damit es sich nicht wehtun solle. Ich hing über’m Zaun, kam nicht mehr hoch und dachte noch „Das. War. Nicht. Gut!“ …
Schieferplatten hangaufwärts rollen oder schieben zu wollen, weil ich sie nicht hochgehoben kriege, ist ebenfalls „Nicht. Gut!“. Dann kommt es vor, dass ich am nächsten Tag erst einmal eine Weile jaulend humpele, bevor mir aufrechter Gang gelingt.
Außerdem steht mein Becken schief. Und ich neige zu Verspannungen: das Schleudertrauma, das ich mir mit Mitte 20 bei einem Sportunfall eingehandelt, aber nicht vernünftig auskuriert habe – schließlich war ich Mitte 20 und wollte Sport treiben! – tut da sicher das seine. Und die Allerjüngste bin ich ja auch nicht mehr …

Kurzum: Ich hab mir nicht viel dabei gedacht, als die Rücken- und Gelenkschmerzen kamen. Bin, weil sie so gar nicht wieder verschwinden wollten, monatelang zur Physiotherapie gegangen, die durchaus hilfreich, aber auch frustrierend war: Kaum war ich an einer Stelle „kuriert“, schmerzte eine andere. Und ich habe mich geschont, soweit das irgend möglich war. Den Sommer über ging das auch recht gut, aber seit dem Herbst ist die Frage nicht mehr, ob ich Schmerzen habe, sondern nur noch wo. Und wie stark.

Es steckt keinerlei Logik hinter diesen Schmerzen. Über Wochen bin ich morgens von unangenehmen Magenschmerzen aufgewacht, die sich dann in einer Linie in den Unterleib zogen. Um einen Moment später in meinen Rücken zu sacken …
Ich bin also aufgewacht und dachte mir: „Mist! Magenkrämpfe …“ … „Nee, Bauchschmerzen!“ … „Quatsch! Rücken! Mir tut der Rücken weh!“ …
Oft wird es besser, wenn es mir gelingt, aufzustehen und mich zu bewegen, aber das fällt verdammt schwer.
Und manchmal geht es gar nicht: Dann habe ich solche Schmerzen, dass ich mich nicht einmal im Bett aufsetzen kann. Das fühlt sich an, als stecke ein Messer in meinem Rücken.
An solchen Tagen muss mich jemand beherzt an den Schultern packen und das Aufsetzen für mich erledigen. Ich schreie dann und weine meist auch erst einmal – aber immerhin sitze ich.
An diesen Tagen weiß ich nie, welche Bewegungen es sind, die das Messer in meinem Rücken herumdrehen. Aber wenn ich es erst einmal geschafft habe, mich überhaupt in Gang zu setzen, geht es – wenn auch unter gelegentlichem Aufschreien.

Häufig sind meine Arme und Hände taub und kribbeln. Links krampfen unter Belastung gerne die Finger, was zwar nicht allzu schmerzhaft, aber extrem lästig ist: Meine Finger zeigen dann völlig willkürlich in irgendwelche Richtungen und wenn ich gerade Gemüse schneide, muss ich immer wieder alles beiseite legen und sie erst einmal wieder gerade biegen. Wenn es ganz arg ist, setze ich mich eine Weile auf meine Hand.

Zum Arzt gehen mag ich mit meinen Beschwerden zunächst nicht: Selbst für die, die ich zuverlässig lokalisieren konnte, ist bisher kaum jemals ein greifbarer Grund gefunden worden. Dass ich zeitweise selbst nicht weiß, ob ich Bauch- oder Rückenschmerzen habe, mag ich grad gar niemandem schildern.

Als eine Freundin mir erzählt, sie glaube, an Fibromyalgie zu leiden, gebe ich – was ansonsten gar nicht meine Art ist – bevor ich nachschlage, was sich dahinter verbirgt, meine eigenen Symptome in eine Suchmaschine ein: Wandernde Schmerzen.
Et voilà: Ich lande ebenda.
Und muss beinahe lachen, als ich die Liste der Symptome sehe: Wenn ich die streiche, die ich nicht habe, bin ich schnell fertig!

Ich bin fasziniert und beginne, weiter zu recherchieren. Fibromyalgie ist eine Erkrankung, die ich nun wirklich niemandem wünschen würde … außer mir selbst. Ich würde mich geradewegs über die Diagnose freuen!
Das ist weniger seltsam, als es klingt, finde ich: So viele Phänomene, mit denen ich mich mehr oder weniger häufig herumschlage, wären plötzlich erklärlich!
Ich müsste mich nicht mehr in regelmäßigen Abständen fragen, was eigentlich mit mir nicht stimmt: ich wüsste es.

Zum Beispiel, warum es mir morgens selbst dann, wenn ich kaum Schmerzen habe, oft einfach nicht gelingt, mich zu bewegen.
Und ich rede da gar nicht von Unternehmungen wie „Aufstehen“ …
Ich bekomme morgens eine Tasse Tee ans Bett – die liebevolle Geste tut mir gut und ich habe tatsächlich auch den Eindruck, dass der Tee mir beim Wachwerden hilft.
Aber es kommt natürlich vor, dass ich „verkehrt herum“ liege, mit dem Rücken zur Teetasse. Und dann erwisch ich mich regelmäßig bei dem Gedanken „hoffentlich schaffe ich das, solange der Tee noch heiß ist! Oder wenigstens warm …“ …
Mich im Bett herumdrehen. Und dann den Arm nach der Tasse ausstrecken …

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Unser Hausarzt indes teilt meine „Begeisterung“ nicht.
Fibromyalgie, meint er, sei lediglich ein Begriff für ein Bündel von Symptomen, die sich niemand erklären könne. Man müsse, da es sich um eine Ausschlussdiagnose handelt, einen Rattenschwanz von Untersuchungen durchführen und sei anschließend auch nicht klüger.
Ganz Unrecht hat er da nicht: Man weiß nicht, warum Menschen an Fibromyalgie erkranken. Sie geht regelmäßig mit Depressionen einher, aber man weiß nicht einmal, ob die körperlichen Symptome die Depression auslösen, oder umgekehrt.
Fibromyalgie ist behandel-, aber nicht heilbar. Und zu den gängigen Medikamenten gehören Antidepressiva, die man in meinem Fall auch ohne gesonderte Diagnose verschreiben könnte. Für Psychotherapie gilt dasselbe, obwohl es schwierig bis unmöglich sein dürfte, in unserer Nähe überhaupt einen Therapieplatz für mich zu finden – geschweige denn bei einem Menschen, der Deutsch spricht. Was man unterstützend tun kann: Stress reduzieren, Entspannungs- oder Achtsamkeitstraining, Yoga … mache ich sowieso schon.

Er nehme psychosomatische Symptome durchaus ernst, versichert er mir, verursachten sie doch echtes Leiden – aber auch ohne ausgefuchste Diagnose hätte ich die Auswahl zwischen Psychotherapie, Antidepressiva, oder aber – wenn ich das so will – einem Annehmen der Symptome.
Das glaube ich dem Mann durchaus. Und der Witz ist: Ich will gar nicht behandelt werden! Abgesehen von den genannten Schwierigkeiten, einen Therapieplatz zu finden, habe ich derzeit absolut nicht das Gefühl, therapeutische Unterstützung zu benötigen. Und ganz bestimmt habe ich nicht mein Leben komplett umgekrempelt, damit ich ohne Antidepressiva leben kann, um jetzt wieder damit anzufangen! Ich fühle mich verdammt nochmal nicht depressiv! Graue Tage und verzweifelte Phasen gibt es, keine Frage, aber ich kann mich noch ganz gut erinnern, wie das war, wenn es mir richtig schlecht ging. Dagegen sind die Einbrüche, die ich jetzt erlebe, bestenfalls Mulden. Und im Annehmen von Schmerzen habe ich eine Menge Übung.

Was ich mir gewünscht hätte, ist ein Name.
Eine Bezeichnung, die ich anstelle langatmiger Erklärungen nennen kann. Die mich vor Nachfragen und Ratschlägen bewahrt. Eine richtige Krankheit.
Vor dummen Fragen und vor allem vor klugen Ratschlägen (dann womöglich auch noch von Ärzten), wendet er ein, könne das Zauberwort Fibromyalgie mich auch nicht bewahren, und vermutlich hat er auch damit Recht.

„Psychosomatische Symptome“ argumentiere ich, seien eine Botschaft des Körpers, dass irgendetwas schief laufe im eigenen Leben, dass man etwas ändern müsse. Ich sei der Meinung, ich hätte durchaus genug verändert und wolle nun endlich meine Ruhe.
Auch vor mir selbst: Ich wolle mich nicht mehr fragen müssen, ob ich nicht vielleicht doch disziplinlos und faul sei …
Und muss mich darauf hinweisen lassen, dass in diesem Fall vielleicht doch ein Gespräch mit einem Therapeuten …

Für’s Erste lassen wir das so stehen. Ich möchte keine Behandlung, und da ich selbst nicht daran glaube, womöglich an einer der Erkrankungen zu leiden, die man ausschließen müsste, bestehe ich nicht auf weiteren Untersuchungen. Ich muss das erst einmal sacken lassen …

Eines übrigens rechne ich unserem „Dorfarzt“ hoch an: Er hätte es sich bequem machen und sich meine Worte komplett übersetzen lassen können. Aber obwohl es langwierig und ziemlich anstrengend war, fand er es wichtig, von mir zu hören, worum es mir geht.
Bestimmt sei mein Französisch sehr viel besser, als ich dächte, meinte er. Nun ja …

***

Ich hätte immer noch gerne eine Diagnose. Einen Namen für das Kind. Und kreise um die Frage, warum mir das eigentlich so wichtig ist.
Da ist kein Arbeitgeber, dem ich Rechenschaft schuldig wäre, ich bin im Gegenteil bereits in Rente. Niemand auf dem Hof zweifelt daran, dass ich tatsächlich Schmerzen habe. Dass ich dennoch tue, was ich kann. Die kleine Inderin, vermute ich, würde jetzt fragen, wer das ist, dem ich beweisen muss, dass ich mich nicht einfach nur anstelle …

Derweil übe ich mich im Annehmen und beobachte meine Schmerzen beim Wandern, während ich auf den Moment warte, in dem ich es schaffe, mich im Bett aufzusetzen. Zuweilen hilft ein Bodyscan, der eine Art „wer will nochmal, wer hat noch nicht?“ Effekt auslöst und die Schmerzen für einen Moment gleichmäßig über den ganzen Körper verteilt. Das tut dann pro Körperteil nicht mehr allzu weh …
Und an guten Tagen kann ich darüber lachen, wenn ich mich kurz sammeln muss, bevor ich den Weg von der Küchentür zum Wäscheständer (das sind immerhin 20 Meter mit 25% Steigung!) in Angriff nehme. Von da aus muss ich dann nur noch 8 Treppenstufen schaffen, um das Badezimmer zu erreichen!
An schlechten, also an den ganz schlechten, denke ich darüber nach, ob ich doch wieder Psychopharmaka nehmen muss.

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1 Jahr Tauchfahrt

Was kam ich mir originell vor, als ich mich entschieden habe, über meine Depressionen zu bloggen!
Mutig auch, keine Frage! Ich war ziemlich stolz auf mich.

Es hat nicht lange gedauert, bis mir klar wurde, wie viele von uns das tun – nicht nur über Depressionen, sondern über die unterschiedlichsten psychischen Erkrankungen und Besonderheiten …
Aber wenn man so will, ist jeder dieser Blogs tatsächlich eigenartig, ungewöhnlich, schöpferisch und neu. Und jede einzelne dieser Entscheidungen war mutig. Wir können und dürfen ruhig alle stolz auf uns sein.

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Um über meine Depressionen zu bloggen, muss ich nicht nur akzeptieren, dass ich krank bin, sondern auch, dass das für eine längere Zeit und vielleicht für immer der Fall sein wird: Der eine oder die andere Bloggerin kühmt vielleicht mal über Grippe oder Hexenschuss, aber kein Mensch widmet dem einen eigenen Blog …
Ich muss mich damit auseinandersetzen, sonst habe ich außer „mir geht’s sooo scheiße!“ nix zu sagen.
Und ich muss dazu stehen. Selbst diejenigen von uns, die es vorziehen, anonym zu bleiben (wofür es, je nach Lebenssituation, leider immer noch gute Gründe gibt) teilen mit jedem Beitrag der Welt mit: „Ja. Ich auch. Wir sind viele.“.

Anfangs gibt es ungeheuer viel, über das man schreiben kann, will und muss: Da hat man ja schon eine (Kranken)geschichte hinter sich, die erzählt werden will.
Man schreibt weniger darüber, was Depressionen sind, als man zu erklären versucht, was sie nicht sind: Ich bin nicht traurig!
Man wirbt für Verständnis dafür, dass Ausdauersport, Lichttherapie, Johanniskraut und niedliche Kätzchen tatsächlich nicht über depressive Tiefs hinweghelfen. Oder man erstellt Listen von guten Ratschlägen, die man echt nie wieder hören möchte.
Man versucht, in Worte zu fassen, wie man sich fühlt.
Erzählt von Erfahrungen mit TherapeutInnen, Klinikaufenthalten und Medikamenten. Kleinen Fortschritten und vernichtenden Rückschlägen.

Und irgendwann kommt man im „heute“ an: Die ganze Vorgeschichte ist erzählt.
Dann wird es schwierig, finde ich. Das Bloggen.
Ich habe immer noch Depressionen. Es gibt immer noch Tiefs. Absolute Tiefpunkte. Allmähliches Bekrabbeln und Phasen der Stabilität und Zuversicht. Auf. Ab.
Damit könnte ich vielleicht meine größten Fans beschäftigen, wenn ich ein Promi wäre und das Ganze nicht via Text > 140 Zeichen, sondern mittels einer lesefreundlichen Skala von 1-10 veröffentlichte.

Als ich mit der „Taucherin“ begonnen habe, habe ich Texte „auf Halde“ produziert und nach und nach veröffentlicht. Es gab ja schon so viel zu erzählen und von der Seele zu schreiben, um überhaupt einmal zu erklären, was ich jetzt vorhatte. Und warum.
Ein neues Leben anfangen. Ohne Therapie und vor allem ohne Medikamente.
Dann habe ich über die erste Zeit auf dem Hof geschrieben: Es gab so viel Neues!
Und jetzt, nach einem Jahr „Schattentaucherin“ leide ich immer noch an Depressionen.
Auf. Ab. Auf. Ab. Nichts, was sich noch zu erzählen lohnt.

Ich hab viel Herzblut an dieses Projekt verschmiert und möchte es nicht einfach im Sande verlaufen lassen. Und in diesem Moment zeigt die Taucherin sich auf eine Art und Weise hilfreich, mit der ich nicht gerechnet hätte: Sie fragt mich wieder und wieder „Wirklich nichts Neues?“.
Meinen Kunden im Hundetraining habe ich regelmäßig gepredigt, sie möchten sich doch bitte nicht auf das konzentrieren, was noch nicht klappt, sondern sich in Erinnerung rufen, an welchem Punkt sie begonnen haben und wie weit sie schon gekommen sind.
„Schau hin!“, flüstert sie. „Und?“

Und sie hat recht.
Mich in die Einsamkeit der Cevennen zurückzuziehen, war – auch wenn das nach außen romantisch, abenteuerlich oder mutig aussehen mag – schlicht das Eingeständnis, dass ich keine andere Wahl mehr hatte, als mir meine Welt so passend (will sagen: klein) zu machen, dass ich darin zurechtkommen kann. Ich habe hier einen Ort gefunden, der eine heilsame Wirkung hat und mir viel Zeit genommen (nehmen müssen), einfach nur hier zu sein.
Irgendwann habe ich begonnen, mich wieder was zu trauen. Lächerlich kleine Dinge, objektiv betrachtet: Den Markt in einem Nachbardorf besuchen, die Verantwortung für einen Einkauf übernehmen, alleine zum Tierarzt fahren und den Hund impfen lassen …
Für mich waren das große und spannende Unternehmnungen.
Seit Kurzem nun ist etwas ganz Neues hinzugekommen.
Natürlich ist an Achtsamkeitsübungen und Yoga genau nichts originell. Lebt man in einer deutschen Großstadt, scheinen sie dazuzugehören wie green Smoothies und vegane Eiscreme. Für mich sind sie deswegen etwas Besonderes, weil sie den ersten Versuch seit langem darstellen, mit meiner Erkrankung umzugehen. Die Antidepressiva sollten mich „nicht depressiv“ machen, die Therapien mir helfen, nicht mehr depressiv zu sein. Bis ich nach über 10 Jahren irgendwie die Lust verloren habe …

img_14378-q-webVielleicht ist es jetzt an der Zeit, einen Weg zu finden, mit meinen Depressionen zu leben.

Das Schreiben ist schwieriger geworden, teils auch schmerzhafter, weil die Distanz so viel geringer ist. Spannender allerdings auch!

Weiterschreiben also. Tauchen, paddeln, Wellenreiten, kieloben treiben, auf Grundeis gehen …
Ich glaube und hoffe, wir haben noch ein bißchen was vor (vor uns) – die Taucherin und ich …

3 Jahre ohne

Es ist jetzt gut drei Jahre her, dass ich mir die Frage gestellt habe, ob es nicht vielleicht doch möglich sein müsse, ein Leben ohne Psychopharmaka zu führen.
Bis zu diesem Moment hatte ich etliche Jahre lang ununterbrochen Antidepressiva genommen.
Zu Beginn meiner „Depri-Karriere“ hab ich sie noch abgesetzt, sobald ich Grund zu der Hoffnung hatte, es werde mir nun dauerhaft besser gehen. Aber jedes Mal, wenn diese Hoffnung wieder trog, hat es auch wieder 6 Wochen gedauert, bis das Medikament Wirkung zeigte. Und jedes Mal wieder habe ich mich mit den anfänglichen Nebenwirkungen herumgeschlagen: Die Mundtrockenheit ist leicht zu handeln, man geht einfach nie wieder ohne eine Flasche Wasser aus dem Haus und tröstet sich damit, dass es ja wichtig ist, viel zu trinken. Das unkontrollierte Muskelzucken kann man mit einem Scherz überspielen und es stört eigentlich kaum, wenn man nicht gerade Auto fährt. Und am Straßenverkehr sollte man ja sowieso nicht teilnehmen, wenn einem ständig schwindelig ist. Die bleierne Müdigkeit nervt zwar, unterscheidet sich aber nicht allzu sehr von der depressiven Bleischwere …
img_20289-q-webNach drei, vier Versuchen fand ich es sehr viel komfortabler, auch in guten Phasen eine minimale Dosis meiner Medikamente zu nehmen. So konnte ich beim nächsten Tief schnell und ohne große Nebenwirkungen gegensteuern. Ich habe über die Zeit tatsächlich ein recht gutes Gefühl dafür entwickelt, wieviel ich brauchte, bin also nicht ständig unter maximaler Dröhnung unterwegs gewesen. Aber eben auch nicht ohne.

Bis ich – eher zufällig – einen Schritt aus meinem bisherigen Leben hinaus getan habe. Zufällig und nur für einen Besuch – aber plötzlich schien alles möglich.
Ich habe voller Zuversicht meine Medikamente abgesetzt, bin in mein altes Leben zurückgekehrt … und fürchterlich auf die Fresse gefallen. In diesem Leben ging es nicht, soviel war sehr schnell klar.
Gar nichts ging mehr. Zu meinen demütigendsten Erinnerungen aus dieser Zeit gehört eine Radfahrt zum Freibad: Ich hatte versäumt, frühzeitig zu sagen, dass ich keinesfalls die Hauptstraße entlang fahren könne (zu viel Verkehr, zu nah, zu laut), sondern den Umweg über die kleinen Seitenstraßen nehmen müsse. Bin durch mein verängstigtes Zögern zurückgefallen, wollte aber auch nicht allein eine andere Strecke nehmen und anschließend die anderen im Freibad suchen müssen. Also bin ich ihnen zitternd und weinend hinterhergestrampelt. Ich bin tatsächlich angekommen und ja, ich bin auch geschwommen. Aber stellt Euch eine erwachsene, eine alte Frau vor, die, Badelaken und -anzug auf dem Gepäckträger, tränenblind quer durch die Stadt radelt. Klingt das irgendwie erstrebenswert?

Da es vorkommt, dass es psychisch Kranken an Einsicht fehlt und ich nach all den Jahren großes Vertrauen zu meiner Psychiaterin hatte, habe ich sie vorsichtshalber gefragt, ob ich ihrer Ansicht nach denn überhaupt in der Lage sei, selbst über meinen Medikamentenkonsum zu entscheiden …
Man hört und liest immer wieder von ÄrztInnen, die leichtfertig, ja fahrlässig ihre PatientInnen mit Psychopharmaka abspeisen – die meine hat das Gegenteil getan.
Sie hat mich von meinen Zweifeln und Sorgen erzählen lassen und mich dann gefragt „Möchten Sie Antidepressiva nehmen?“ Um mir dann zurückzugeben, meine verbale Antwort, vor allem aber meine Körpersprache sei ein klares und eindeutiges „Nein!“. Ich dürfe mich ruhig trauen, auf meine innere Stimme zu hören. Offenbar hätte ich einen Weg für mich gefunden, dem dürfe ich dann auch folgen.
Für mich hieß das: Meine Finger von Psychopharmaka lassen und die Brocken hinschmeißen.

Und da bin ich nun. Mit hingeschmissenen Brocken, einem neuen Leben … und einer Vorratspackung Antidepris für alle Fälle.
Ich könnte, sollte es nötig werden …
Aber es sind gar nicht die Tiefs, nicht die bleiernen Tage, die mich in Versuchung führen.
Ganz allmählich habe ich ein bißchen Vertrauen darein entwickelt, dass sie lange vor eventuellen Nebenwirkungen oder gar Wirkungen enden werden.

In Versuchung gerate ich, wenn ich einen dieser Wutanfälle habe, bei denen ich mich mit aller Macht zusammenreißen muss, um nicht alles kurz und klein zu schlagen, oder mit dem Kopf vor die Wand zu rennen.
Oder einen dieser Zusammenbrüche, wenn ich mir wieder einmal sicher bin, dass ich selbst hier niemals klarkommen werde. Wenn ich weinend auf dem Boden zusammensacke und nach meiner Mutter schreien möchte. Wenn ich nur noch nach Hause will – wissend, dass es in Deutschland kein Zuhause mehr für mich gibt.
Dann möchte ich tot sein, bis es mir wieder besser geht. Oder wenigstens im Koma liegen.
Eine Tageshöchstdosis meines gewohnten Medikamentes, von jetzt auf gleich verabreicht, würde das vermutlich leisten.

Bisher ist die Packung jedoch unangetastet und wenn es nach mir geht, bleibt sie das auch.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …

… der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“.

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Es muss wohl dieser Zauber gewesen sein, der mir den Mut verliehen hat, mein Leben vollkommen umzukrempeln und hinfort zu versuchen, es ohne Psychopharmaka zu führen.
Unterdessen liegt der Anfang hinter mir und der Zauber leuchtet zwar noch hier und da auf, wölbt sich aber längst nicht mehr wie eine Glocke, deren voller Ton meine Tage durchdringt.
All das Neue wird Schritt für Schritt Alltag – mitsamt der alltäglichen Leiden und Nöte.
Natürlich war mir klar, dass auch ein Umzug in die Idylle eines cevenolen Bauernhofes keine Wunderheilung bewirken würde. Mehr noch, dass es einfach keine vollkommene Idylle gibt, auch wenn einem das zunächst vielleicht so scheinen mag.
Und natürlich habe ich trotzdem ganz heimlich genau darauf gehofft: Vielleicht würde die mediterrane Sonne ja nicht nur gegen Winterdepressionen helfen, sondern auch die meinen einfach wegbrennen.

Nun, ich habe immer noch Depressionen. Und ich schaffe es immer noch ohne Psychopharmaka.
Ich habe eine Packung meiner gewohnten „Antidepris“ dabei (falls mal was ist), verspüre aber selbst an ganz finsteren Tagen nach wie vor nicht das Bedürfnis, sie zu nehmen.

Irgendwann würde es an der Zeit sein, ein Fazit zu ziehen, einen Blick auf die Ergebnisse dieses „Selbstversuches“ zu werfen, hab ich gedacht.
Dabei habe ich mir eigentlich vorgestellt, das nach einer bestimmten Zeit – einem Jahr, drei Jahren, 1000 Tagen etc. – zu tun.
Dass es mich jetzt dazu drängt, hat eher mit einer Entwicklung zu tun, mit der ich – obwohl sie doch erhofft und beabsichtigt war – dennoch nicht gerechnet habe.
Ich habe schon immer gerne geschrieben. Nein, Schreiben war und ist mir ein Bedürfnis. Schreiben über die Dinge, die mich bewegen.

In den letzten Wochen hatte ich – auch wenn das vielleicht seltsam klingen mag – die allergrößte Lust, über Schafe und Wildschweine zu schreiben, über meine Versuche, Pflanzen zu ziehen, über meine Bemühungen, Wildkräuter zu bestimmen und mit den Essbaren darunter leckere Gerichte auszuprobieren. Über das, was mich bewegt halt …
Meine depressiven Tage oder womöglich Phasen sind etwas, das mir dabei im Wege ist. Sie sind lästig und fressen eine Unmenge von Zeit. Ich habe momentan nur wenig Lust, auch noch Zeit darein zu investieren, über sie nachzudenken.

Vor ein paar Tagen ist dann noch etwas hinzugekommen, das man wohl einen „Sachzwang“ nennen kann: Uns ist ein Hundewelpe zugelaufen.
Die klaren Strukturen, die Bestandteile meines „Starter Kits“, die mir im Laufe eines winterlichen Tiefs allesamt abhanden gekommen waren, sind mit einem Schlag „gesetzt“: Zumindest bei mir gehen Antriebslosigkeit und Gleichgültigkeit in Hörweite eines laut weinenden Hundekindes in Schall und Rauch auf. Ich wanke im Morgengrauen wie ein Zombie aus meinem Bett wenn der erste „Pipigang“ fällig ist und auch der Rest des Tages orientiert sich an den Bedürfnissen dieses kleinen Wesens.
Nein, das ist definitiv kein Plädoyer dafür, dass depressive Menschen sich einfach einen Hund anschaffen sollten (siehe: „Schaffen Sie sich doch einen Hund an!“).
Aber mir tut es gut: Hunde zu erziehen war mir Beruf, ist immer noch Berufung und Leidenschaft. Dieser kleine „Schubs“, dieser plötzlich auftauchende Sachzwang, schiebt genau das in den Vordergrund. Da ist gerade schlicht kein Platz für Depresse.

Das wird nicht auf Dauer so bleiben, soviel ist klar.
Aber jetzt ist es so und ich genieße es sehr!

Ich bin ein wenig schlechtgewissig, weil ich das Gefühl habe, die Schattentaucherin (also diesen Blog) zu vernachlässigen, die mir durchaus auch ein großes Anliegen ist.
Andererseits bin ich mir sicher, dass sie schon verstehen wird, sich wieder in das Zentrum meiner Aufmerksamkeit zu schieben: Das nächste Tief kommt garantiert.

Wer bis dahin verfolgen mag, was die Taucherin treibt, wenn sie sich in der Sonne bewegt, ist herzlich eingeladen, das hier zu tun: Durantis en blogue.

Ruhe

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Es kann unglaublich still sein auf dem Hof. Sogar das „Grundrauschen“ aus Insektengesumm und Vogelzwitschern verstummt manchmal und dann ist es selbst tagsüber vollkommen still.

Den Großteil der Zeit kommt es mir vielleicht deswegen so still vor, weil die Geräusche, die ich höre, so zuordenbar sind: Jemand ist mit dem Traktor unterwegs oder schneidet irgendwo frei – und ich kann ziemlich deutlich hören, wo genau. Ich höre nicht nur Hunde bellen, sondern welcher Hund und häufig auch, weswegen. Die zahlreichen Raubvögel kann ich zwar nicht identifizieren, wohl aber anhand ihrer Rufe unterscheiden. Nicht nur ungewohnte Geräusche fallen sofort auf, sondern auch solche, die zwar vertraut, aber im falschen Moment zu hören sind: Ich stehe in der Küche und höre ein vertrautes „Mäh! Mäh!“. Denke noch „ach ja, die Schafe …“ als mir klar wird, dass ich die ganz sicher nicht hören sollte, wenn ich in der Küche stehe!

Es gibt keinen mehr oder weniger konstanten, lärmenden Geräuschebrei, sondern tatsächlich einzelne Geräusche, jedes für sich zu identifizieren. Und manchmal ihre vollständige Abwesenheit: Dann möchte man ebenfalls innehalten, tief einatmen und ganz leise sein.

Auch die Ruhe ist umfassend: Es gibt weder Fernseher noch Radio, noch haben wir eine überregionale Zeitung abonniert. Doch, doch, na klar: Wir haben Internet! Könnten also problemlos Radio hören oder Nachrichten schauen. Tun wir auch. Aber nur ganz selten.
Mir tut das gut: Seit ich mit Informationen nicht mehr überschüttet werde, sondern nach denen suchen muß, die mich tatsächlich interessieren, scheint mir in meinem Kopf mehr Platz für anderes, naheliegenderes zu sein.

Seit ich keine Antidepressiva mehr nehme, ist außerdem das Weinen wieder da: Was mich auch nur im Mindesten berührt, läßt mich gleich die Fassung verlieren.
Ich mag mich dem nicht völlig entziehen: Ich kann vor Flüchtlingsdramen und Attentaten nicht die Augen verschließen, auch wenn sie mir immer gleich überlaufen. Aber ich muß mir meine Kräfte einteilen. Und brauche Rückzugsmöglichkeiten.

Das Weinen nervt, ehrlich gesagt, extrem.
Dafür ist mit ihm auch das Lachen zurückgekehrt: Ich bin eigentlich leicht zu erheitern und vielleicht bin ich ganz tief in meinem Inneren sogar eine höchst alberne Person. Schon aus geringstem Anlaß kann ich Lachanfälle bekommen, die mich mit Atemnot und Bauchweh zurücklassen. Und natürlich mit Tränen in den Augen.

Die Antidepris haben auch das unterdrückt …
Sagen wir: Die Heulerei nervt, aber das ist mir der Spaß wert …

***

Immer wieder lese ich, dass soziale Kontakte ungeheuer wichtig seien für Menschen wie mich …
Mir für mein Teil scheint das Gegenteil richtig zu sein: Je weniger Sozialkontakte ich habe, desto besser geht es mir …
Wenn ich solche Dinge sage, bekomme ich Angst vor mir selber.
Nein, ich bekomme eine Scheißangst vor den Reaktionen derer, die das lesen und sich den Schuh anziehen könnten. Nein! Natürlich meine ich nicht Dich!
Ich bin froh und dankbar für jeden Freund, jede Freundin, die ich habe! Ich möchte keine/n von Euch missen!
Ich hab mich immer für einen geselligen Menschen gehalten. Ich gehe gerne mit Menschen um!
Aber je weniger Menschen tatsächlich um mich sind, desto ruhiger ist es in meinem Kopf.

Natürlich bin ich hier nicht ganz allein.
Aber selbst mit gelegentlichen Volontären (Menschen die gegen Kost und Logis eine Zeit lang auf dem Hof mitarbeiten) und / oder Gästen bleibt die Anzahl der Hofbewohner immer sehr überschaubar.
Etliche von ihnen gehen vermutlich sowieso davon aus, dass man ein wenig … nun … speziell sein muß, um auf Dauer hier zu leben. Und scheinen mir nicht allzu überrascht, wenn ich dann nochmal auf andere Weise speziell bin, was mir einige Verrenkungen in Sachen „normal wirken“ erspart.
Meine Art, speziell, seltsam, oder was auch immer zu sein, hat hier ihren Platz, gehört dazu. Sie macht mich nicht anders. Erklärungsbedürftig mag sie ein ums andere Mal sein, wenn Menschen zum Beispiel nicht wissen, dass das, was sie da gerade sehen, eine Panikattacke ist. Aber dann liegt der Fokus auf ihrem Informationsdefizit, nicht auf einem Defizit meiner Person. Für mich fühlt sich das völlig anders an.

Still ist sie nicht, die Ruhe in meinem Kopf.
Man kann „Dinge vor seinem inneren Auge sehen“ – wenn es auch ein „inneres Ohr“ gibt, höre ich damit gerne Musik. Oder erzähle mir selbst Geschichten. In richtig guten Momenten schreibe ich – und tippe den fertigen Text hinterher nur noch ab. Natürlich überlege ich auch, was ich noch alles erledigen möchte (möchte, nicht muß!).
Was fehlt, ist der unerträgliche Lärm aus Selbstzweifeln und -vorwürfen, längst vergangenen Konflikten, Verletzungen und Niederlagen.
An schlechten Tagen lauert er im Hintergrund, dann muß ich sozusagen den Regler für Insektengesumm und Vogelgezwitscher manuell etwas höher drehen.
Es funktioniert.

Papp – O – Meter

Dass meine lieben Antidepris ganz unauffällige Nebenwirkungen hatten, ist mir erst sehr viel später klargeworden.

Serotonin-Wiederaufnahmehemmer haben keine beruhigende Wirkung, sie machen nicht langsam und tranfunzelig, sie machen ausgeglichen. Es war eine Erleichterung, nur noch bei solchen Gelegenheiten weinen zu müssen, bei denen normale Menschen das auch tun. Und vor allem: Nicht mehr bei allen Gelegenheiten, die einem mal die Tränen in die Augen treiben können.

Das gleichzeitige Ausbleiben anderer Gefühlsspitzen wie Wut, Empörung, Begeisterung, Heiterkeit ist mir nicht aufgefallen: Man merkt nicht, wann man sich nicht aufregt …
Aber vermutlich – nein, ganz sicher! – hätte ich die auch wissentlich in Kauf genommen.
Ich wollte einfach nur wieder normal sein.

Die Tabletten waren morgens zu nehmen und die Packung lag neben meinem Bett: Eine Papp-Versicherung, daß ich in der Lage sein würde, auch heute wieder am Leben teilzunehmen.

IMG_7529-q-webAn meinem Verhältnis zu dem Papp-Schächtelchen konnte ich meine psychische Stabilität ablesen: Galt ihm mein erster Blick, war ich eher wacklig. Begann ich, meine Tabletten mit Unwillen zu beäugen, kündigte sich eine gute Phase an.
Und genau so bin ich – in Absprache mit meiner Ärztin – mit der Dosierung verfahren: In guten und stabilen Phasen habe ich meine Medikamente nur mit Unmut genommen und immer mal wieder vergessen. Dann habe ich die Dosis minimiert.
Während eines Tiefs wäre mir das nie passiert. Dann bin ich je nach Situation auch bis zur Maximaldosis gegangen.

Nur sie ganz abzusetzen habe ich mich nach ein, zwei Versuchen nicht mehr getraut: Die Nebenwirkungen, die bei längerer Einnahme völlig verschwanden, setzten dann stets auf’s Neue ein. Die lästigen wohlgemerkt: Die Clown – Phase gab es nur ein einziges Mal …

Depris little helpers

Ich hör mich noch reden: „Sollte mir ein Arzt jemals mit Psychopharmaka kommen, marschier‘ ich rückwärts aus der Praxis und geh‘ da nie wieder hin!“
Es war meine felsenfeste Überzeugung, dass Psychopharmaka nur verordnet werden, um Menschen ruhigzustellen und sie daran zu hindern, ihre Probleme anzugehen statt sie zu übertünchen.

Als es dann soweit war, war ich gar nicht in der Lage, irgendwohin zu marschieren, ich hab nur dagesessen und Rotz und Wasser geheult. Und war dankbar für alles, was Abhilfe versprach.

Mit den Tranquilizern, die mir im ersten Wurf gegen die Angst verordnet wurden, war ich allerdings schnell durch: Ich kenne zwar Menschen, die damit erst in der Lage sind, morgens das Haus zu verlassen, aber mich haben sie umgehauen – ich hab nur noch geschlafen. Noch ging es mir nicht so schlecht, dass ich Koma für eine Lösung gehalten hätte.
Und zu meinem Glück war ich noch renitent genug, nicht bei einem Arzt zu verbleiben, von dem ich mich arrogant und gefühllos abgefertigt fühlte. Der mir mit einer Einweisung in die Psychiatrie gedroht hat, falls ich mit den von ihm verordneten Medikamenten nicht klarkäme.

Ich hab den Arzt also gewechselt und bin seitdem mit sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmern behandelt worden.

IMG_12501-q-web„Mother’s little helpers“ also. Deren Wirksamkeit ist, habe ich unterdessen nachgelesen, durchaus umstritten, aber das hätte mich damals nicht angefochten und tut es bis heute nicht.
Bei mir haben sie gewirkt und ich war gottfroh darüber.

In den ersten Tagen hab ich viel geschlafen und mir war schwindelig – was mich nicht weiter gestört hat, da sich an meinem Pendeln zwischen Bett und Sofa dadurch ja nicht viel geändert hat. Zu den gängigen Nebenwirkungen gehören auch Muskelzuckungen (hoppla!) und ein ständig trockener Mund (ich bin wochenlang nicht ohne Wasserflasche aus dem Haus gegangen). Und, wenn man zu den Glücklichen unter den Depris gehört: Eine leicht manische Phase.
Plötzlich war ich so aktiv, dass ich gleich ein paar Nächte durchgemacht habe. Ich war voll von heiteren Einfällen und hab gequasselt wie aufgezogen. Hatte meine Freude an meinen zuckenden Beinen und insgesamt deutlich ’nen Clown gefrühstückt. War auch irgendwie verdient nach dem ganzen Elend vorher …

Allerdings ist nach spätestens 14 Tagen zumindest der lustige Teil unwiederbringlich vorbei. Das Zucken und der Durst bleiben einem sehr viel länger erhalten.
Nach ca. 6 Wochen tritt die eigentliche Wirkung ein: Man fühlt sich normal.

Antidepressiva machen nicht glücklich! Sie machen einfach nur nicht-depressiv.
Antidepressiva versetzen Menschen in die Lage, ihr Bett zu verlassen, sich zu waschen und anzuziehen und am Leben teilzunehmen.
Das ist, soweit ich sagen kann, das einzige große Risiko, das mit ihrer Einnahme einhergeht: Antidepressiva können einen Menschen gerade soweit handlungsfähig machen, dass er seine Suizidgedanken in die Tat umsetzt.

Mich haben sie in die Lage versetzt, das Haus wieder zu verlassen. Zur Arbeit zu gehen. Meine Tage zu verbringen wie jeder normale Mensch.

Ich hab die Male nicht gezählt, die ich gefragt worden bin, ob „das“ denn sein muß, ob es denn nicht ohne gehe, ob meine Ärztin da wirklich seriös sei, ob ich keine Angst habe, süchtig zu werden …
Von den selben Menschen übrigens, denen es überhaupt keine Sorgen zu bereiten schien, wenn ich wochenlang nur unter Schwierigkeiten in der Lage war, auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen.