Startschwierigkeiten

Und dann denk‘ ich wieder, ich habe überhaupt keine Depressionen. Ich bin einfach nur undiszipliniert, faul und scheiße. Lahmarschig nicht zu vergessen.
Dass solche Gedanken nicht förderlich sind, ist mir bewußt. Bei anderen jedenfalls. Aber vielleicht sind sie bei mir nur unangenehme Wahrheiten?

Ich liege morgens im Bett und bin durchaus wach. Nicht so zerschlagen und bleiern wie an manchen Tagen. Wach. Vor mir liegt ein ganz normaler Tag, nichts Beängstigendes. Okay, die Aussicht „ein Tag wie alle anderen“ kann unter Umständen hinreichend beängstigend sein, aber so empfinde ich meine Tage auf dem Hof nicht. Ich liege im Bett, starre die Decke an und denke an die Dinge, die ich mir für heute zu tun vorgenommen habe. Meist sind es solche, die ich tatsächlich tun möchte. Irgendwann beginne ich, diejenigen auszusortieren, die ich vor dem Mittagessen sowieso nicht mehr schaffen werde. Später werde ich meine Planung auf die wenigen Dinge eindampfen, die ich tatsächlich erledigen muss. Für „möchte“ ist dann keine Zeit mehr.
Objektiv hindert mich nichts daran, einfach aufzustehen. Ich bleibe liegen. Ich liege da und verachte mich für meine Disziplinlosigkeit. Denn was sonst sollte mich hindern?
Jetzt nochmal einschlafen wäre schön! Wenn ich nochmal aufwache, den Tag noch einmal beginne, dann hab ich zwar TOTAL verpennt, aber das passiert anderen Leuten auch und vielleicht klappt der zweite Anlauf dann besser. Ich starre die Decke an.
Ein Bodyscan trägt häufig dazu bei, dass es mir besser geht, selbst an solchen Tagen, an denen ich mich tatsächlich depressiv fühle oder starke Schmerzen habe. Aber da geht dann noch eine halbe Stunde bei drauf und ich wollte doch längst aufgestanden sein! Stattdessen liege ich da und tue gar nichts.
Bis es mir irgendwann im Laufe des Vormittages doch noch gelingt, mich aufzurappeln. Aber auch dann bin ich immer noch extrem langsam, verbringe mehr Zeit damit, zu überlegen, wie ich das jetzt sinnvollerweise anfange, als ich brauche, um es tatsächlich zu tun. Um rückblickend festzustellen, dass es mir heute doch wahrhaftig gelungen ist, noch vor dem Mittagessen den Tisch zu decken! In solchen Momenten könnte man dann wirklich Depressionen kriegen …

Ein süßes Getränk und ein paar bittere Worte

Schon vor geraumer Zeit habe ich auf der Suche nach dem „warum?“ solcher Tage, an denen ich mich morgens unter einer bleiernen Bettdecke wiederfinde, eine Tabelle angelegt, in der ich neben meiner Stimmung an dem betreffenden Tag alles notiere, was diese beeinflusst haben könnte.
Besondere Vorkommnisse, Konflikte, Schmerzen, aber auch die Mondphasen (man weiß ja nie …).
Gleichzeitig dient sie als Traum-Tagebuch.
Ich bin zwar keine große Traumdeuterin, aber ich glaube schon, dass sich wiederholende Motive eine Bedeutung haben (hierzu ein andermal mehr). An bleiernen Tagen wache ich meist aus zutiefst bedrückenden Träumen auf – wobei ich natürlich nicht wissen kann, ob die Träume das Tief aulösen, oder das Tief die Träume …

Als ich im letzten Herbst eine Ausschlussdiät begonnen habe, bot es sich an, das, was ich gegessen und getrunken hatte, auch gleich hier einzutragen. Eine Angewohnheit, die ich beibehalten habe, da ich zwar unterdessen weiss, dass es ein paar Dinge gibt, die ich nicht oder nur in Maßen essen sollte, aber nicht „sauber“ genug ausgeschlossen habe, um ganz sicher zu sein.

Weil es so praktisch ist (und ich – falls das bisher nicht aufgefallen sein sollte – echt einen Spleen mit Tabellen habe), trage ich mittlerweile auch Geburten und Todesfälle der Weidetiere hier ein.
Aber das nur am Rande …

Als die Tabelle immer größer und unübersichtlicher wurde, kam die Idee auf, Farbmarkierungen zu nutzen. Okay … ich hab nen Knall mit Tabellen …
Depressive Tage erkennt man – wenig originell – an verschiedenen Grauschattierungen. Wut ist rot, Angst violett. Große Weinerlichkeit blau – des Wassers wegen. Instabilität und Reizbarkeit sind gelb bis orange. Und *Tusch!* grün steht für „okay“!
Spannend ist das im Rück- und Überblick: Wenn es mir schlecht geht, kommt es mir immer gleich vor, als sei das der Dauerzustand – ich habe bis heute nicht wirklich gelernt, mir zu sagen „okay, das ist jetzt mal ein blöder Tag …“. Früher war das auch nicht so, da hatte ich graue Phasen, keine Tage. Und so fühlt es sich häufig immer noch an. An der Tabelle kann ich jedoch ablesen, dass es häufig tatsächlich nur einzelne Tage sind.
Rückblickend fällt mir dann auch auf, dass ich manchmal tage- und wochenlang „keine Meinung“ hatte, da waren meine Tage dann weder bemerkenswert gut, noch sonderlich schlecht, sondern einfach normal. So normal, dass ich mich glatt mal nicht mit meiner Befindlichkeit beschäftigt habe. Auch schön!

Dass es einen Zusammenhang zwischen einer längeren „normalen“ Phase und einem Getränk geben könnte, ist mir eher zufällig aufgefallen. Und nein: Damit meine ich kein Pils!
Während meiner Ausschlußdiät, obwohl diese ja recht turbulent begonnen hatte, war ich offenbar recht stabil und guter Dinge: Wenige Kommentare, viele ungefärbte Tabellenkästchen …
In dieser Zeit hatte ich, da es gut für die Verdauung sein soll (und – um ehrlich zu sein – weil das Rezept so lecker klang!) auch eine Kur mit Curcuma in Form von so genannter „goldener Milch“ begonnen. Nach deren Ende mehrten sich die farbigen Kästchen wieder. Grün waren sie eher selten …
Natürlich könnte es auch an der Diät gelegen haben!
Vor die Wahl gestellt, ob ich jetzt entweder wieder jeden Tag einen Becher leckere heiße Milch trinke, oder erneut mit dem Verzicht auf Lebensmittel beginne, die ich gerne esse, hab ich mir halt die Freiheit genommen, mit der lustvolleren Variante anzufangen.
Sollte diese sich als wirkungslos erweisen, kann ich die Diät ja immer noch wieder aufnehmen.
Das scheint aber gar nicht nötig zu sein:
Wenn meine Tabelle nicht lügt und die Götter des Placebo mir kein Bein gestellt haben, trägt Curcuma bei mir zu einer Stabilisierung meiner Stimmung bei.
Eine bahnbrechende Entdeckung ist das nicht: Man sagt Curcuma nach, dass es unter anderem gegen Depressionen helfen soll. Allerdings ist das auf den selben Websites nachzulesen, nach denen auch Achtzigjährige ihren Krebs mit Kokosöl besiegen. Und alle Speckröllchen sich in Wohlgefallen auflösen, wenn man folgende 5 Lebensmittel meidet …
Kurz: Ich bin da eine große Skeptikerin. Und bei Ratschlägen des Tenors „Ach, du hast Depressionen? Da musst du doch nur …!“ prinzipiell bockig.
Sagen wir, bei mir scheint die „goldene Milch“ in meiner jetzigen Lebenssituation eine positive Wirkung zu haben, obwohl ich sie ja anfangs gar nicht deswegen zu mir genommen habe.
Mich freut das sehr und ich genieße jeden „normalen“ Tag! …

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… Dennoch schreibe ich diesen Text mit einem gewissen Unbehagen. Curcuma scheint mir zu helfen. Mir. Jetzt. Auf keinen Fall möchte ich als Ratgeberin der Kategorie „wie Du mit einem einfachen Hausmittel Deine Depressionen besiegen kannst“ mißverstanden werden.
Und ich möchte alle, die erst seit Kurzem mitlesen, sehr eindringlich um etwas bitten:
Wenn Ihr in nächster Zeit einem depressiven Menschen begegnet, fallt bitte nicht mit der Tür ins Haus und ratet ihm zu Curcuma, weil Ihr gelesen habt, dass es Depressionen zu lindern vermag!
Möglicherweise verbringen depressive Menschen mehr Zeit als Ihr in den Wartezimmern von Ärzten, wo man beim Blättern in den Zeitschriften Ratschläge wie diesen in großer Zahl finden kann. Mit einiger Sicherheit ist ihnen bekannt, dass es neben der Schulmedizin alternative Therapieformen gibt. Sie sind in der Lage, zu recherchieren, wenn sie etwas in Erfahrung bringen möchten. Etliche konsultieren sicher nicht nur ÄrztInnen und TherapeutInnen, sondern ziehen auch HeilpraktikerInnen hinzu. Womöglich studieren sie auch Fachbücher und -artikel, die sich mit ihrer Erkrankung befassen.
Vielleicht auch nicht.
Vielleicht ist ihre Erkrankung noch ganz neu für sie und sie müssen erst einmal mit der Tatsache klarkommen, dass in ihrem Kopf etwas nicht stimmt.
Oder sie gehören zu denjenigen, die mit der Erkenntnis zu leben lernen müssen, dass ihre Form der Depression nicht heilbar ist, sondern für immer ein Teil ihres Lebens sein wird.
Aber ganz egal, welcher Typ Depri gerade vor Euch steht: Was lässt Euch glauben, dass Ihr die ersten seid, die mit genau diesem Tip um die Ecke kommen? Ausdauersporthaustierentspannungstraininglichttherapiejohanniskrautnahrungsergänzungsmittelheißesbadbeikerzenscheincurcuma …
Wir haben das alles schon gehört. Ichzichmal. Versprochen!

Ja, Ihr meint es gut!
Und das wäre vollkommen in Ordnung, wenn wir über eine Erkältung oder Dünnpfiff reden würden. Da rät man reflexhaft zu Dampfbädern, Pfefferminzöl, Kamillentee, Flohsamenschalen, Coca Cola und Salzstangen und niemand denkt sich etwas dabei.
Würde Euer Gegenüber Euch erzählen, es leide an Diabetes, Multipler Sklerose oder womöglich Krebs, würdet Ihr dagegen den Teufel tun, zu irgendwelchen Hausmitteln zu raten, selbst wenn Ihr gelesen habt, dass Kokosöl gegen Krebs wirkt.
Denn DAS sind ja richtig ernsthafte Erkrankungen! … klingelt’s?
Depressionen sind ernsthafte Erkrankungen. Unbehandelt können sie durchaus tödlich verlaufen.
Wenn Ihr hier mit sorgenvoller Miene feststellt, dass Psychopharmaka ja abhängig machen (was a. durchaus nicht alle tun und b. bei akuter Suizidgefahr auch nicht das dringlichste aller Probleme ist), sondern stattdessen zitiert, was die Zeitschrift im Wartezimmer Eures Arztes für diesen Fall rät, dann sprecht Ihr uns genau das ab: Dass wir an einer ernsthaften Erkrankung leiden.
Und nicht nur das: Ihr sprecht uns auch schuldig.
Solange wir nicht den letzten Schnickschnack abseits der Schulmedizin ausprobiert haben, sind wir doch selber schuld daran, dass es uns immer noch schlecht geht …
Neeschonklar, so ist das nicht gemeint! Aber genau so kommt es an.

Ich bin selbst ein wenig verwundert darüber, wie bitter mich das immer noch werden lässt …
Oder anders: Es macht mich jetzt bitter. Früher hab ich derlei „Hilfe“ einfach abtropfen lassen und so schnell wie möglich zu vergessen versucht. Heute habe ich die Kapazitäten frei, mich darüber zu ärgern.
Da ich sie aber lieber anders nutzen würde:
Wenn Ihr erfahrt, dass ein Mensch in Eurem Freundes- oder Bekanntenkreis an Depressionen leidet, dann klemmt Euch doch einfach sämtliche tollen Ratschläge und fragt stattdessen, was Ihr tun könnt, wenn es ihm richtig scheiße geht. Und wenn Ihr nichts tun könnt, dann tut halt nichts. Haltet die Normalität aufrecht. Seid da!

Wenn Ihr an die Wirkung von goldener Milch glaubt, dann kocht welche! Trinkt sie gemeinsam!
Aber quatscht keine Opern …

Das Yoga Projekt II

An einem Nachmittag im Oktober habe ich meine zweite Yogastunde und mir wird schon bei dem Versuch, am Morgen aufzustehen klar, dass mir bei der Planung dieses Tages ein gravierender Fehler unterlaufen ist.
Da wir am nächsten Tag Gäste erwarten, habe ich mir vorgenommen, Seitangulasch zu machen, was – wenn es denn was werden soll – eine Menge Arbeit ist. Eigentlich tut mir das gut: kochen. In Krisenfällen bin ich manchmal eigens einkaufen gefahren, um dann stundenlang in der Küche irgendetwas zu schnibbeln und zu köcheln. Wenn ich das anschließend alles einfrieren musste, weil grad gar keiner da war, um diese ganzen Mengen zu vertilgen, war’s auch recht. Ich hab dabei zu meiner Ruhe zurückgefunden. Aber erstens entspricht „Yogakurs“ nicht einmal in meiner Welt einem Krisenfall und zweitens setzt er mir einen Termin, zu dem ich mit der Kocherei fertig sein muss. Fertig gekocht, geduscht und umgezogen. Das kann auf keinen Fall klappen. Ich erwäge kurzfristig, gleich im Bett zu bleiben.
Konzentrieren muss man sich außerdem (beim Kochen, nicht beim „im Bett bleiben“). Und es ist nicht nur die mentale Vorbereitung auf das Abenteuer Yoga, die mich dafür viel zu sehr in Anspruch nimmt. Ich habe mir außerdem vorgenommen, Nathalie, der Kursleiterin, zu sagen, dass ich an Depressionen und Panikattacken leide. Dass sich eine Panikattacke soundso äußern werde, falls ich denn eine hätte, man sich aber keine Sorgen machen und mir auch nicht helfen müsse. Natürlich kann man mir in solchen Momenten durchaus helfen: Man kann mich an diese Sache mit dem Atmen, vor allem mit dem Ausatmen erinnern (meine Mutter hat das, als sie zum ersten Mal eine meiner Attacken miterlebt hat, ganz formidabel hingekriegt: „Du mußt atmen, Mädchen!“, hat sie gesagt, „Guck mal: Einatmen … ausatmen … einatmen … ausatmen …“). Ein Glas Wasser hilft auch – warum auch immer. Vor allem anderen hilft es mir, gesagt zu haben, dass da was kommen kann: Wenn ich erste Paniksymptome einfach „kommen“ lassen kann und nicht versuche, mich zusammenzureißen und „normal“ zu wirken, stauen sie sich gar nicht erst zu eine Woge auf. Aber wenn ich mich darauf hätte vorbereiten wollen, das alles auf Französisch zu erklären, gäb’s morgen trocken Brot und klares Wasser.
Natürlich hätte ich auch jemanden bitten können, zu dolmetschen, aber ehrlich gesagt bin ich es leid: Ich möchte selber für mich sprechen!
Das Gulasch zu streichen, wäre so oder so eine Möglichkeit gewesen.
Aber ich bin hier unter anderem angetreten, um zu erklären, dass für jemanden wie mich „Gulasch kochen“ (oookay, wir kochen das Zeug ein, es waren also schon ein paar mehr Mahlzeiten, die ich da heute vorbereitet habe) und „Yogakurs“ an ein und demselben Tag eine echte Herausforderung sind. In einer Welt, in der „normale“ Menschen Yoga nach einem kompletten Arbeitstag zu ihrer Entspannung einplanen.
Jetzt mal ehrlich, schon das ist schräg, oder?
Ich mag nicht die sein, die sich tatsächlich einen ganzen Tag lang ausschließlich auf die ungeheure Herausforderung der Teilnahme an einem Yogakurs vorbereiten muss.

Und tatsächlich renne ich zwar (unterbrochen von gelegentlicher Schockstarre) wie ein aufgescheuchtes Huhn in der Küche herum, aber soweit ich sagen kann, gelingt das Gulasch und ich bin auch pünktlich (nunja … auf den allerletzten Drücker) fertig.
Die Paniksymptome übrigens halten sich in Grenzen, es fühlt sich eher an wie sehr heftiges Lampenfieber. Und ich heiße nicht Streisand … ich hab’s bisher noch immer auf die Bühne geschafft …
Dünnpfiff sollte nach reichlichem Konsum von Flohsamenschalen physikalisch eigentlich unmöglich sein … schon erstaunlich, was Streß dennoch zu bewirken vermag …

Gleichwohl: Ich stehe pünktlich und in Sportklamotten auf der (Yoga)matte!
Nathalie ist gut vorbereitet und streut ganz en passant den einen oder anderen englischen Satz in ihre Erläuterungen ein. Die meisten benötige ich jedoch nur zur Bestätigung, dass ich sie vorher einigermaßen richtig verstanden habe: Wenn ich nicht gar so gestresst bin, verstehe ich eine Menge. Das Heraussuchen erster Vokabeln hat natürlich auch geholfen …
Ich habe das Gefühl, klarzukommen. Es macht Spaß! Und während einiger Momente fühle ich mich tatsächlich entspannt und bei mir.
Das anschließende Gespräch geht gut über die Bühne und ich muss nur für einen einzigen Satz ins Englische ausweichen.

Daheim angekommen bin ich immer noch so beschwingt, dass ich mich an der Unterhaltung mit einem französischen Essensgast beteilige. Nicht alle Sätze, die ich da beginne, kann ich auch beenden … aber hej, ich hab einen Anfang gemacht!

***

Am schönsten ist es, wenn Nathalie die Übungen auf Französisch erklärt und dann nur „yes!“ sagt – dann weiß ich, dass ich alles richtig verstanden habe.

***

img_16215-q-webEin paar Unterrichtsstunden später fahre ich schon fast entspannt zum Training.
Bis eines Abends plötzlich sehr viel mehr Leute da sind, als sonst: Offenbar ist ein anderer Kurs ausgefallen …
Also, genau genommen sind mit mir nur 13 Menschen im (gar nicht mal so kleinen) Raum, Matten sind auch genug da, eigentlich alles gar kein Problem …
Trotzdem ist es mir zu voll. Zu laut auch … Wohlgemerkt: Geschätzt die Hälfte der Teilnehmer hat bereits das Rentenalter erreicht, die benehmen sich objektiv ganz und gar ruhig und gesittet. Dennoch, zu viele Schritte, zu viel Geraschel, zu viel …
Zum ersten Mal fällt mir auf, dass in solchen Momenten sofort mein Sehvermögen nachlässt: Trotz Brille habe ich plötzlich Schwierigkeiten, die Gesichter der Menschen auf der anderen Seite des Raumes zu erkennen.
Und obwohl das in den letzten Wochen schon prima geklappt hat, verstehe ich jetzt die Anleitungen nicht mehr.
Zu allem Überfluß liege ich ungünstig: Ich achte immer darauf, nicht am Rand zu liegen – so kann ich jederzeit nach rechts und links spingsen, ob die anderen Teilnehmer auch das tun, was ich gerade verstanden habe.
Heute liege ich zwischen einer alten Dame, die sich nur unter Schwierigkeiten überhaupt bewegen kann und einem auch nicht eben jungen Herrn, der sich bezüglich der Details ebenso unsicher zu sein scheint, wie ich …
Ich ziehe in Erwägung, das Training abzubrechen, beschließe dann aber, es einfach als Erfahrung zu nehmen – zu beobachten, was passiert, auch wenn vielleicht kein Yoga draus wird.
Nach ca. 20 Minuten habe ich mich tatsächlich beruhigt. Alle liegen ruhig auf ihren Matten, wie gut ich sehen kann, spielt keine Rolle, weil ich eh die Augen zu habe, aber ich nehme zur Kenntnis, dass Nathalie nicht mehr kommt, um mir auf Englisch zu erklären, was ich tun soll. Ich komme auch so klar.

***

Beim letzten Tief habe ich den Kurs ausfallen lassen – ich hätte sofort losgeheult.
Ich bin jedoch nicht bereit, das „einreißen“ zu lassen und mobilisiere beim nächsten Mal die letzten Reserven, um am Training teilzunehmen.
Angenehm ist das nicht. Damit, dass ich unter Stress kein Französisch mehr verstehe, hatte ich gerechnet. Aber ich begreife auch die englischen Anweisungen nur unter Mühen. Und selbst wenn ich kapiere, dass ich den linken Fuß bewegen soll, weiß ich nicht, welcher von den beiden gemeint ist.
Alter Tanzlehrerspruch: „Die Herren beginnen mit dem rechten Fuß. Mit dem anderen rechten!“ …
Mein Problem war das nie, aber heute muß ich lange überlegen, bis ich mich in „posture“ gebracht habe.
Alles ist wahnsinnig anstrengend und teils auch schmerzhaft.
Bei den Atemübungen habe ich die allergrößte Mühe, nicht in Tränen auszubrechen.
Ich bemühe mich sehr, alles einfach geschehen zu lassen und nur zu beobachten.

***

Schon mittags stehe ich weinend in der Küche.
Ich habe Angst, dass ich wieder nix verstehe und alle mich für blöd halten. Ich habe Angst, mir wehzutun (nach dem letzten Training hatte ich eine Blockade in der Halswirbelsäule, dabei hab ich doch immer geglaubt, Yoga sei auch gut für meinen Rücken), ich habe Angst vor den Atemübungen, weil ich oft nicht genau verstehe, was ich tun soll und mir besonders eine sehr unangenehm ist.
Ich habe Angst, dass ich mitten im Training losheule. Ich könnte dann ja nicht einmal erklären, was mit mir los ist.
Zu Beginn des Trainings kommt Nathalie zu mir und fragt mich ganz selbstverständlich „which language will you understand today?“ und ich entscheide mich für „I’ll try French!“ …
Und es klappt!
Okay, es kommt vor, dass ich weisungsgemäß die Hände an den Körper nehme, den Hinweis „auf Schulterhöhe“ (was immer das auch auf Französisch heißen mag) jedoch nicht mitbekomme.
Andererseits sehe ich mit Erleichterung, dass auch andere TeilehmerInnen manchmal auf dem Rücken liegen, statt auf dem Bauch, weil ihnen schlicht ein Detail entgangen ist.
Die Übungen fühlen sich wieder angenehm an, ich habe nicht mehr solche Angst, mir wehzutun. Der Schwerpunkt liegt darauf, sich beim Ausatmen zu entspannen – so nimmt man die Positionen nicht ein, sondern gleitet hinein, das gefällt mir sehr.
Mitten im Training flattert plötzlich eine Fledermaus durch den Raum.
Nathalie packt ihr langes Haar unter eine Mütze (jeder kennt Geschichten von Fledermäusen, die sich in langen Haaren verfangen – dabei weiß gleichzeitig auch jeder, dass sie sich mittels Ultraschall orientieren und gar nicht in die Nähe von Hindernissen kommen. Ich habe auch noch nie von jemandem gehört, dem das tatsächlich passiert wäre …) und dann geht das Training mit Fledermaus weiter, bis das Tierchen irgendwo landet. Behutsam wird es von einer Teilnehmerin aufgenommen und in den unbeleuchteten Nebenraum gebracht: Dort haben sie ihr Winterquartier …

***

Nach gut vier Monaten fühlen sich „Yoga-Tage“ beinahe normal an …
Den gewohnten Ablauf wirbeln sie zwar immer noch ein wenig durcheinander, weil dann mittags warm gegessen wird und nicht wie sonst am Abend, aber ich muß mich – sofern ich eingermaßen stabil bin – nicht mehr ab dem Morgen mental darauf vorbereiten.
„Den Müll mitnehmen“, was naheliegend ist, wenn man schon mit dem Auto losfährt, klappt noch nicht. Einmal im „Zielanflug“ weiß ich Sportsachenanziehentaschentucheinsteckenwasserflaschedeckeundtaschenlampemitnehmen. Was sonst noch sinnvoll gewesen wäre, fällt mir immer erst ein, wenn ich gerade losgefahren bin.
Ich liege immer noch „mittig“, immer so, dass ich rechts und links spingsen kann. Teils entlastet mich das, teils funktioniert es wie ein phantomimisches Übersetzungsprogramm.
Nur die Atemübungen waren immer ein Wermutstropfen.
Um nicht zu sagen, ich hatte Angst davor …
Vor einer insbesondere, bei der der Atem in kurzen Abständen heftig ausgestoßen wird. Ich hätte (und einmal wäre mir das tatsächlich um ein Haar passiert) schon heulen mögen, wenn Nathalie uns zum Atralalaprana (so, oder ähnlich, ich kann mir nicht einmal die Bezeichnung merken!) eingeladen hat.
Die anderen Teilnehmer machen das dreißig, vierzig mal … Mir rät Nathalie zu zehn bis fünfzehn. Fünf. Drei sind auch prima …
Mich erinnert das fatal an diesen Spruch, dass ich heute Bäume ausreißen könnte. Na gut, Zweige … Grashalme. Grashalme sind okay!
Ich kapiere einfach nicht, was ich tun soll.
Und das liegt nicht an der Sprache. Ich höre die Worte, aber ich kann und kann sie nicht umsetzen.
Das ist, wie wenn man kein Rad schlagen kann und einem jemand erklärt, man solle einfach die Arme ausstrecken, Schwung holen und eine Hand nach der anderen auf den Boden setzen … Das ist leicht zu begreifen, aber der Körper weigert sich schlicht, es auch umzusetzen.
Mich erinnert die Übung an meine Panikattacken. Was objektiv unzutreffend ist: Das Problem bei Panikattacken, bzw. beim Hyperventilieren, besteht ja darin, dass man nicht ausatmet. Dennoch empfinde ich die Übung als quälend und würde mir wünschen, Nathalie würde sich nicht so sehr bemühen, mir dabei behilflich zu sein. Ihre Aufmerksamkeit macht alles noch schlimmer.
Nach vier Monaten nun habe ich plötzlich den Eindruck, zu spüren, was ich tun soll …
Den Bauch loslassen und die Luft hineinfallen lassen! Vorher hab ich immer versucht, bewußt einzuatmen …
Und dann mit dem Bauch wieder rausdrücken. Das geht dann auch mit Schmackes und fühlt sich lange nicht so anstrengend und verkrampft an, wie meine bisherigen Versuche, das mit dem Brustkorb zu bewerkstelligen.
Ich habe keine Ahnung, ob das jetzt so richtig ist, aber es funktioniert und es fühlt sich sehr viel besser an!
Danach bin ich so euphorisch, dass ich mich bei der nächsten Übung, bei der mit einem lauten Summen ausgeatmet wird, nicht mehr an den anderen orientiere – damit man mich nicht womöglich alleine summen hört – sondern tatsächlich meinem eigenen Rhythmus folge. Das ist toll!

Shaolin

Als ich ein Kind war, wurde am Samstagnachmittag, wenn nicht „Daktari“ oder „Tarzan“, „Kung Fu“ geguckt – und am Sonntag waren wir dann alle Caine, der tapfere Shaolin-Mönch …
Ich vermute, das Einhorn hat dann auch vor dem Fernseher gesessen – zu meinem Text vom Atmen und vom Weinen bemerkt es jedenfalls folgendes:
„Ich behaupte, das Problem liegt darin, daß wir das Kind immer nur innen lassen sollen. Als Kind hätte ich mir pragmatisch im Wald einen ordentlichen Knüppel gesucht und Shaolin-Mönchsmäßig auf irgendwelche Bäume eingeprügelt. Was ich tatsächlich getan habe als Kind. Das Kind mal nicht innen lassen. Wie immer es heißen mag.“
Ich habe nie auf Bäume eingeprügelt. Caine übrigens auch nicht. Der hat, wenn es gar nicht anders ging (aber es ging nie anders!), die Bösen verdroschen und dem Guten zum Sieg verholfen.
Aber ich verstehe den Gedanken: Es ist sicher besser, Wut, Enttäuschung, Frustration rauszulassen, als mit der Zeit daran zu ersticken. Und wenn dabei nur ein paar Stöcke zu Bruch gehen und Rindenstücke durch die Gegend fliegen, dann scheint mir das grundsätzlich kein schlechter Weg zu sein.
Ich selbst kann mich überhaupt nicht erinnern, als Kind Wutanfälle gehabt zu haben.
Sehr wohl aber daran, dass es meinen Eltern (vor allem meinem Vater, glaube ich) außerordentlich wichtig war, Konflikte ruhig und sachlich zu klären. Im Gespräch. Für kindliches Schreien, mit dem Fuß aufstampfen, oder eben mit Stöcken auf Bäume einprügeln war da vielleicht einfach kein Platz.
Und heute würde es nicht mehr reichen. Wenn mich heute eine Wut überrollt, die womöglich seit Kindertagen darauf gewartet hat, endlich auf etwas einschlagen zu dürfen, dann sind Stöcke und Bäume (sorry!) Kinderkram. Dann will etwas in mir will ich, dass Dinge kaputtgehen, dass es weh tut. Das ist sinnlos und destruktiv und soll (will) es auch sein!

Deswegen hilft zum Beispiel „Holz hacken“ überhaupt nicht (oder mit der Spitzhacke arbeiten): Die körperliche Anstregung tut gut und ja, es macht Spaß, etwas kurz und klein zu schlagen. Ich hacke ausgesprochen gerne Holz! Aber es ist einfach zu konstruktiv, kommt doch etwas Brauchbares, ja Notwendiges dabei heraus …
Und natürlich sollte man seine Finger von der Axt lassen, wenn man nicht gelassen und konzentriert mit ihr zu arbeiten in der Lage ist: Bei aller Zerstörungswut will ich das Ding nicht in meinem Schienbein stecken haben!

In der für mich beeindruckendsten Folge von „Kung Fu“ (jedenfalls ist es die einzige, an die ich mich tatsächlich erinnere) ging es übrigens nicht um Kampfkunst, sondern um den Umgang mit der eigenen Angst: Caine soll in seinem Kloster auf einem schmalen Balken über ein Becken balancieren, das mit Säure gefüllt ist. Auf dessen Boden sieht man die Skelette derer, denen dies mißlungen ist. An sich ist die Aufgabe nicht schwer: Es sind nur wenige Schritte und der Balken bietet genug Platz. Dennoch stürzt er prompt. Und stellt fest, dass es sich bei der vermeintlichen Säure um klares Wasser handelt und die Skelette lediglich Bilder sind, mit weißer Farbe auf schwarze Tücher gemalt, die sein Meister nun milde lächelnd aus dem Wasser zieht. Es war einzig und allein seine Angst, die ihn hat stürzen lassen; die Angst vor einer Gefahr, die lediglich in seiner Vorstellung existierte.
Möglicherweise war ich zu jung, um hieraus eine Erkenntnis zu destillieren, die mich durch mein weiteres Leben zu leiten vermocht hätte. Oder aber die Weisheit der Mönche läßt sich via Fernsehserie dann doch nicht so richtig einprägsam vermitteln. Vielleicht ist genau das aber auch typisch für Angsterkrankungen: Da können noch so viele Mönche bemalte Laken aus klarem Wasser ziehen – für mich bleibt das Säure und ich gerate immer wieder aus dem Gleichgewicht.

Alice Wunder greift den Gedanken des Einhorns auf und fragt
„Warum nicht den Shaolinweg gehen und bewußt die Auseinandersetzung suchen? Die friedvolle, entspannende Meditation scheint ja da an Grenzen zu stoßen, wo die überflutenden dunklen Gedanken als Störung und Fehler wahrgenommen werden. Also warum nicht direkt Kampfkunst, wo die vermutete Angstquelle, das böse, von Beginn an Teil des Systems ist. Da heißt es dann: Selbstverständlich ist die dunkle Gasse bedrohlich und du hast allen Grund mit verkrampften Schultern und krummem Rücken rumzulaufen. Aber wenn du übst, deine Muskeln zu entspannen, kann der gelockerte Körper allem, was da kommen mag, einfach schneller auf die Nase hauen. Und Entspanntheit ist Mittel, damit man die Gefahren besser wahrnimmt. Je nach Vorliebe reichen da die möglichkeiten von engumschlungenem Ringen bis zu freistehenden Schwertübungen ohne jeden Körperkontakt.“

two-on-a-phacelie-q-webEin „Selbstverteidigungskurs!“ hat, als ich noch eine junge Frau war, immer ganz weit oben auf meiner to-do-Liste gestanden – nur gemacht habe ich ihn nie. Dennoch habe ich gelernt, mich zu schützen. Mich nicht wie ein Opfer zu bewegen, zum Beispiel: Mich eben nicht gekrümmt an der Hauswand entlangzudrücken, sondern aufrecht mitten auf dem Bürgersteig zu schreiten. Wenn es mir wirklich unheimlich war, habe ich meinen Schlüsselbund in die Faust genommen, so dass zwischen zwei Fingern jeweils ein Schlüssel hervorstak. Ich kann mich an eine Situation erinnern, wo – bis ich mit dem Arrangieren meiner Schlüssel denn mal fertig war – der entgegenkommende Mann, der mich beunruhigt hatte, die Straßenseite gewechselt hatte …
Statistisch sind, sofern man nicht in einer ganz üblen Gegend unterwegs ist, die dunklen Gassen eh viel weniger gefährlich, als sie erscheinen mögen, dennoch ist die Angst, überfallen zu werden, eine rationale.
Das Nervige an Angsterkrankungen ist eher, dass die Ängste nicht nur irrational sind, sondern man das zu allem Überfluss auch noch weiß … es nützt nur nichts … Selbstverständlich habe ich keine Angst davor, dass ab einer Anzahl von x Menschen in einem geschlossenen Raum diese plötzlich über mich herfallen werden. Ich empfinde in solchen Momenten überhaupt keine Angst. Ich verspüre Paniksymptome und wenn sie zu heftig werden, muss ich raus. Schnell. Deswegen wäre das Bewußtsein, mich im Fall der Fälle wehren zu können, zumindest für mich auch keine Hilfe.
Eher kann ich mir vorstellen, dass das sehr bewusste und konzentrierte körperliche Agieren sich positiv auf die seelische Verfassung auswirkt. In diesem Punkt allerdings ist mir persönlich Yoga lieber, weil es ohne Gegner auskommt.
Aber vielleicht liest jemand mit, der das mal ausprobiert hat und davon berichten mag …?

Hin und wieder habe ich die Auseinandersetzung durchaus gesucht.
Als mir vor einigen Jahren eher zufällig ein Flugblatt in die Hände fiel, das Kletterkurse unter anderem mit dem Argument bewarb, diese würden gegen Höhenangst helfen, habe ich mich kurzerhand zu einem solchen Kurs angemeldet. Und hab schon Schnappatmung bekommen, als mir im Vorgespräch klarwurde, dass geplant war, eine 25 Meter hohe Wand zu erklettern – ich hatte mir so 5 Meter vorgestellt …
Des weiteren hatte ich nicht bedacht, dass es sich bei besagter Wand nicht etwa um glatten Indoor-Beton mit bunten Kunststoff-Nuppies handelte, sondern um einen veritablen Felsen im Westerwald. Für den Fall eines Sturzes ins Seil hab ich mein Kinn schon auf jedem einzelnen Felsklümpchen aufschlagen sehen, das da aus der Wand ragen mochte …
Gemacht hab ich’s trotzdem. Ich hab mich 25 Meter Felswand hochgerauft und bei der Gelegenheit gelernt, dass der Fachmann es „Nähmaschine“ nennt, wenn die Unterschenkel vor Überanstrengung zu zittern beginnen. Hab mir die Knie grün und blau geschlagen, weil ich sie benutzt habe, um mich voller Erleicherung auf die nächste Felsstufe zu rollen anstatt ordentlich zu klettern. Aber ich bin oben angekommen!
Für die Abseilübungen musste ich am Händchen zum Startpunkt geführt werden. Dort habe ich mich mit fest geschlossenen Augen an den Felsen geklammert bis ich eingesichert war. Jetzt nach hinten fallen lassen? Kein Problem: Alles, was mich wieder nach unten brachte, war okay für mich! Nachdem ich mich im ersten Anlauf noch am Seil festgehalten hatte (was a. nichts bringt, denn, wenn der Mensch der einen sichern soll, loslässt, fällt man mitsamt dem Seil, und mir b. den schlimmsten Muskelkater meines Lebens eingetragen hat), habe ich Vertrauen gefaßt und mich freihändig abseilen lassen. Anfangs „geht“ man dabei die Wand hinunter. Später, wenn man den Bogen raushat, stößt man sich davon ab wie die SEKs im Krimi, wenn sie ein Gebäude stürmen. Es war toll!
Der Knoten ist dennoch nicht geplatzt: Höhenangst hatte ich hinterher immer noch.
Mit dem Leiter des Kurses bin ich später auf einen Viertausender gestiegen. Er meinte, ich könne das schaffen und ich hab mich so geehrt gefühlt, dass ich das Wagnis eingegangen bin. Als Teil einer Seilschaft, meinen Eispickel in der Faust, habe ich einen Gletscher überquert und bin über Gletscherspalten gesprungen. Ganz schmale nur, aber wenn man so davorsteht … All das trotz, nein, mit meiner Angst! Und ich glaube nicht, dass ich die einzige war, die auf dem Gipfel heulen musste – nicht vor Erleichterung, sondern schlicht überwältigt.
Damals war ich schon richtig krank (im Sinne von „monatelang krankgeschrieben“), das macht die Erinnerung, einen Berg „bezwungen“ zu haben, für mich zu etwas sehr Besonderem. Auf keinen Fall würde ich diese Tour missen wollen! Aber gesund gemacht hat sie mich nicht.

Bei besagter schwieriger Situation nun, die ich mittels Meditation zu bewältigen versucht habe, ging es nicht um Angst. Vermutlich auch nicht um Wut, sondern eher um Hilflosigkeit, Verletztheit. Um ein Gefühl, das ich vorher nicht einmal hätte benennen können.
Menschen mit einer sehr lebhaften Fantasie, habe ich einmal gelesen, die in der Lage seien, eine verhasste Person in ihrer Vorstellung zum Beispiel umzubringen, zu zerhacken und im Wald zu vergraben, würden im realen Leben nicht zu Gewalttaten neigen. Ich selber morde lieber indirekt: In Fällen echt mörderischer Laune gucke ich gerne Horrorfilme. „From dusk till dawn“ zum Beispiel habe ich zum ersten Mal nach einem echt üblen Tag im Büro gesehen – und bin anschließend sehr heiter und entspannt aus dem Kino gekommen. Wenn ich also wahlweise ein Dutzend Teenager geschlachtet, Aliens und Zombies losgelassen, oder aber die Hölle geöffnet habe, fühle ich mich gleich besser. Kurzfristig jedenfalls.

Ich las andererseits, dass die Energie der Aufmerksamkeit folgt. „Worauf Du Deine Aufmerksamkeit richtest, da geht auch Deine Energie hin!“
Sollte das zutreffen, tue ich mir keinen Gefallen, wenn ich in meiner Fantasie Hindernisse bewältige, Auseinandersetzungen für mich entscheide, Feinde in die Flucht schlage. Oder eben besonders mißliebige Zeitgenossen mit der Axt zu Wildschweinködern verarbeite. Weil ein und dieselben dunklen Gedanken ja immer wieder kommen. Schlag ihnen den Kopf ab und es wachsen zwei neue nach …

Das Achtsamkeitstraining, mit dem ich mich seit einigen Wochen beschäftige, beschreitet einen anderen Weg: Die dunklen, schmerzhaften Gedanken sind Gedanken wie alle anderen auch. Sie kommen und gehen. Sie gehen, sofern man sie nicht festhält. Vor allem aber sind sie Gedanken, keine Tatsachen.
Es geht, auch bei den schwierigen und schmerzhaften Gedanken / Erinnerungen / Situationen, nicht darum, diese zu bekämpfen, sondern mit ihnen zu leben. Mit dem normalen Jucken der Realität, wenn man so will.

Da ich erst kurze Zeit und vor allem fast* ohne Anleitung vor mich hin dilettiere, bin ich guter Dinge, dass bei meinen Meditationsversuchen das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist!
Das Ergebnis meiner Bemühungen ist zwar nicht immer so ganz das erhoffte, aber immerhin gibt es Ergebnisse! Und: Das Gefühl benennen zu können, anstatt einfach nur von ihm überrannt und gebeutelt zu werden, war für mich ein großer Durchbruch, das sieht die Schieferliebe ganz richtig. Ebenso wie die Erkenntnis, dass es nicht jetzt entstanden ist (in diesem Fall würde es wohl eher helfen, auf Bäume einzuschlagen, oder – besser noch – mit der berühmten Faust auf den Tisch zu hauen), sondern schon lange darauf wartet, endlich beachtet zu werden.
Mag sein, dass da noch ein langer Weg vor mir liegt, bis ich mal so friedvoll und gelassen draufkomme, wie man sich das vom Meditieren erhofft …

Als eine liebe Freundin von mir mit ihrer Psychoanalyse begann (wenn ich mich recht erinnere mit drei Terminen pro Woche, immer vor der Arbeit), hab ich sie gefragt, ob da nicht ein bißchen sehr viel Zeit bei draufginge. „Ich war 20 Jahre lang depressiv“, hat sie mir geantwortet „da habe ich Zeit verloren!“.

* MBCT (Mindfulness-Based-Cognitive-Therapy) ist eine Form des Achtsamkeitstrainings, die speziell auf Menschen zugeschnitten ist, die unter Ängsten und Depressionen leiden. Da ich nicht die Möglichkeit habe, an dem dazugehörigen 8-wöchigen Trainingsprogramm teilzunehmen, habe ich mir das entsprechende Buch sowie die CD besorgt.

Wellness mit Schattenseiten

„Wenn das Leben Dir Zitronen gibt, mach Limonade!“ hab ich mir gesagt und nach Kräften versucht, einer an sich unerfreulichen Situation möglichst viel Positives abzugewinnen.
Im Nachhinein scheint mir „denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“ das passendere Motto für das „Experiment Wellness“ zu sein …

Eigentlich halte ich nicht viel vom Fasten.
Unter anderem, weil es bisher nicht gelungen ist, im menschlichen Körper Schlacken zu entdecken, derer man sich auf diesem Wege entledigen müsste. Auch, weil es mich merkwürdig und teilweise unangenehm berührt, wenn Menschen, die sich ansonsten in einer Überflussgesellschaft pudelwohl fühlen, plötzlich den kurzfristigen Verzicht auf einen winzigen Bruchteil davon zum Weg des Heils erklären. Vor allem aber, weil ich zu denjenigen Menschen gehöre, die, wenn sie unter Druck geraten, nicht mehr essen können.
Das mag im ersten Wurf erstrebenswert klingen, wenn man zum Beispiel gegenteilig veranlagt ist und zum Frustfressen neigt. Ist es aber nicht.
Irgendwie ist es mir zwar immer gelungen, nicht in den Bereich zu geraten, in dem Untergewicht gefährlich wird, aber ein Vergnügen war auch das nicht.
Nicht zu essen, obwohl ich es will und kann, wäre mir nicht in den Sinn gekommen.

Jetzt allerdings muss ich zwecks Ausschluss einer Lebensmittelunverträglichkeit eine Zeitlang Diät halten (auch das ist eine Premiere) und habe mich entschlossen, zu Beginn 2 Tage lang nichts zu essen. Einfach, um einen deutlichen Break zu haben.
Allzu schwer wird mir das nicht fallen, denke ich: Auch wenn ich mittlerweile regelmäßig und mit dem größten Vergnügen esse, macht es mir nach wie vor nicht viel aus, auch mal Kohldampf zu schieben. Aber es widerstrebt mir. Und also beschließe ich, meine Fastentage in ein Wellness-Wochenende umzuwidmen und mir neben Tee und Gemüsebrühe Yoga, Meditation und reichlich Freizeit zu gönnen.

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Ich beginne meinen Tag mit einem Bodyscan.
Von den Achtsamkeitsübungen ist diese mir eine der liebsten: Idealerweise praktiziert man sie morgens oder abends und zwar im Liegen. Das passt mir gut.
Oookay, eigentlich auf dem Bett (Sofa, oder Fußboden), aber so groß wird der Unterschied schon nicht sein und ich kann auf diese Weise die Zeit, während derer es mir morgens nicht gelingt, das Bett zu verlassen, wenigstens sinnvoll nutzen.
Interessanterweise bin ich danach meistens so munter, dass ich problemlos aufstehen kann.

Die Idee des Bodyscans ist es, nach und nach jedem einzelnen Körperteil kurz seine Aufmerksamkeit zu schenken, wahrzunehmen, was man dort empfindet und dann weiterzugehen.
Eine Absicht, oder ein Ziel gibt es hierbei nicht: Man kann sich dabei entspannen oder auch nicht, etwas, etwas anderes, oder auch mal gar nichts empfinden und wenn man zwischendurch abgelenkt ist, weil man doch über etwas nachdenkt oder ins Träumen gerät, dann ist auch das kein Fehler, sondern man nimmt es wahr und übt dann weiter.
Gar nicht mal so einfach übrigens!
Es fällt mir nicht leicht, meine Konzentration auf meinen Fuß zu fokussieren während sie nach dem Motto „ich weiß schon, wie das geht!“ schon mit meinem Unterschenkel beschäftigt ist. Unwillkürlich habe ich das Bild einer wuseligen Spinne vor Augen, die zwei, drei mal um meinen Fuß herumrennt und dann an meinem Bein hochflitzen will. Es ist eine drollige, plüschige Spinne, die mich an meinem Bein trotz Phobie nicht weiter stört, ob sie aber auch dann noch zur Visualisierung taugt, wenn sie mir am Rücken hochkrabbelt, wage ich zu bezweifeln. Ich lasse das Tierchen also davonkrabbeln und wende mich wieder meinem Fuß zu.
Die Übungs-CD, die ich mir gekauft habe, um sicherzugehen, dass ich alles richtig mache, nervt leider nach kurzer Zeit mehr, als sie nutzt:
Die Erläuterungen am Rande, die in regelmäßigen Abständen darauf hinweisen, daß man nichts bestimmtes fühlen muss und, falls man zwischendurch abschweift, seine Aufmerksamkeit einfach freundlich und ohne Ärger dorthin zurücklenken soll, wo man sie haben möchte, reißen mich beim wiederholten Anhören eher aus meiner Konzentration, als dass sie noch hilfreich währen.
Vor allem aber macht mich das Timing wahnsinnig!
Auf der linken Seite, mit der man beginnt, habe ich ewig Zeit, in jeden einzelnen Zeh hineinzufühlen, bekomme alle Teile meines Fußes benannt und dann geht es unter wortreichen Erläuterungen langsam am Bein hoch bis zum Oberschenkel.
Dann soll ich das ganze Bein fühlen. Und während ich mich noch bemühe, meinen Fokus auszudehnen – so ein Bein ist schließlich lang! – steuert die CD schon zügig meinen rechten Fuß an.
Die ganzen Erläuterungen brauche ich jetzt natürlich nicht nochmal und so habe ich für das komplette rechte Bein gefühlt in etwa soviel Zeit, wie links für die Zehen.
Ganz besonders fuchst mich der Teil, in dem ich mich meinen Armen widmen soll: Nachdem bis dahin jede Körperregion in einzelnen Teilen erfühlt worden ist, arbeiten wir die Arme mal eben komplett ab. Beide gleichzeitig.
So kann ich nicht meditieren!
Und natürlich lässt einem eine CD nicht die Zeit, zu tun, wozu im Text geraten wird und zum Beispiel wahrzunehmen, ob und wie ein Gedanke die Empfindungen des Körpers verändert.
Eine Schlußformel, wie ich sie vom autogenen Training kenne, vermisse ich ebenfalls.
Irgendwann ertönt ein Gong und man weiß, daß man jetzt auf „stop“ drücken muss, wenn man nicht gleich in die nächste Übung stolpern will.
Immerhin jedoch habe ich nun eine Idee vom genauen Ablauf der Übung und kann sie zukünftig ungestört und mit meinem eigenen Timing praktizieren.
Was genau sie eigentlich bewirkt, vermag ich nicht zu sagen.
Die Empfindungen sind – weder in den einzelnen Körperteilen, noch insgesamt – nicht immer gleich. Oft bin ich anschließend sehr entspannt, manchmal aber auch so unzufrieden und gereizt, daß ich kaum stilliegen kann.
Aber ich bin in letzter Zeit sehr viel ausgeglichener als sonst und hoffe sehr, dass dies kein Zufall ist.

Für meine Yoga-Übungen rolle ich eine alte Isomatte und ein Badelaken auf der Terrasse der Fermette aus: Eine Art Dachterasse mit Holzboden, die um die Mittagszeit in der Sonne liegt.
Ein Plätzchen in der freien Natur wäre sicherlich noch schöner, aber dort wird der „herabschauende Hund“ ganz sicher in anderer Form auftauchen, als ich das brauchen kann.
Der Himmel ist postkartenblau mit Wattewölkchen, die von der Sonne aufgezehrt werden. Ganz hoch oben schwebt ein Raubvogel.
Vermutlich würde man sich schon wunderbar fühlen wenn man einfach nur hier liegt und in den Himmel schaut …

Da ich irgendwo mal gelesen habe, dass beim Heilfasten auch gewandert wird, runde ich den Tag noch mit einem ausgiebigen Hundespaziergang ab.

Der Krimi allerdings, den ich mir am Abend anschaue, bringt ungeahnte Schwierigkeiten mit sich: Ein Teil der Handlung spielt in einem italienischen Restaurant und es werden jede Menge Pizzen verspeist.
Ich merke, dass ich dann doch ziemlichen Hunger habe.

***

Am zweiten Tag wird deutlich, warum es schick ist, zum Fasten eine Kurklinik aufzusuchen. Nicht, dass ich ärztliche Hilfe nötig hätte: Mich holt schlicht und einfach der Alltag ein. Und so ersetze ich meine zweite Fastenwanderung durch eine Suche nach einigen ausgebüxten Schafen. Aus dem gleichen Grund entfällt auch Yoga.
Eine Kur würde mich außerdem der Notwendigkeit entheben, mir meinen eigenen Diätplan auszudenken. Stattdessen erstelle ich Listen erlaubter Lebensmittel und sinniere über entsprechende Rezepte, was meinen Magen in lautstarke Empörung verfallen läßt. Ich beschließe, dann doch lieber zu meditieren und probiere eine der anderen Übungen auf meiner CD aus. Mein Magen beruhigt sich und ich finde, dass zwei Tage ohne Essen sich eigentlich ziemlich gut aushalten lassen.
Wenn ich nachts nur nicht so frieren würde … aber es ist ja so gut wie geschafft!

***

Von einem feierlichen Fastenbrechen kann man vermutlich nicht reden, so nach zwei Tagen. Sagen wir stattdessen, ich hab mich wie Bolle auf meine erste Mahlzeit gefreut, „Diätfraß“ hin oder her!
Dann jedoch gibt es einen Streit und vielleicht bin ich dann doch so ein kleines bißchen angeschlagen. Vermutlich hätte ich mir den normalerweise nicht ganz so sehr zu Herzen genommen. Jetzt aber scheint es mir unmöglich, in dieser Stimmung meine erste Mahlzeit einzunehmen.
Das ist schlimm für mich. Sehr schlimm.
„Ich lasse mich nicht vom Essen abhalten!“ war in den letzten Jahren ein ganz wichtiges Motto für mich: Selbst wenn ich mein Essen unter Tränen heruntergewürgt habe, ich habe gegessen.
Das mag ernährungsphysiologisch, psychologisch und überhaupt fragwürdig sein, aber ich wollte nie wieder auf die Schiene geraten, unter Druck das Essen einzustellen. Nicht mit einer einzigen Mahlzeit! Und hastdunichtgesehen bin ich wieder da …
Das macht mir eine Scheißangst. Ich mache mir eine Scheißangst!
Selbstverständlich ist mir klar, dass ich jederzeit in die Küche gehen und mir etwas zu essen machen kann. Ich kann die komplette Speisekammer plündern. Ich kann meine Fastentage in Schall und Rauch aufgehen lassen! Diät? Andermal …
Ganz genau so, wie Raucher und Trinker jederzeit aufhören können …
„Morgen. Morgen hör ich auf!“
„Heute faste ich noch, ein dritter Tag wird nicht schaden. Morgen ess ich dann wieder was!“
Es gelingt mir, noch am selben Abend etwas zu essen, aber es dauert mehrere Tage, bis ich wieder das Gefühl habe, selbstverständlich an den Mahlzeiten teilnehmen zu können. Mit Hunger und Spaß – ohne mich zu zwingen.
Allmählich lässt auch das Tief wieder nach, in welches ich zwischenzeitlich abgeschmiert bin. Eines der übelsten seit Monaten.

Mittlerweile juckt es mir in den Fingern, das Limonaden-Motto auf meine Ausschlußdiät anzuwenden: Wär doch gelacht, wenn man damit nicht richtig lecker kochen könnte! Anscheinend finde ich zu meiner alten Form zurück …
Ob man Wellnesstage (zumal hier auf dem Land) tatsächlich planen kann, bin ich mir nicht sicher. Vielleicht muß man sie stehlen. Dem lieben Gott die Zeit stehlen …
Ich beschließe, eine trickreiche Diebin zu sein.
Aber nie, niemals wieder will ich fasten!

1 Jahr Tauchfahrt

Was kam ich mir originell vor, als ich mich entschieden habe, über meine Depressionen zu bloggen!
Mutig auch, keine Frage! Ich war ziemlich stolz auf mich.

Es hat nicht lange gedauert, bis mir klar wurde, wie viele von uns das tun – nicht nur über Depressionen, sondern über die unterschiedlichsten psychischen Erkrankungen und Besonderheiten …
Aber wenn man so will, ist jeder dieser Blogs tatsächlich eigenartig, ungewöhnlich, schöpferisch und neu. Und jede einzelne dieser Entscheidungen war mutig. Wir können und dürfen ruhig alle stolz auf uns sein.

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Um über meine Depressionen zu bloggen, muss ich nicht nur akzeptieren, dass ich krank bin, sondern auch, dass das für eine längere Zeit und vielleicht für immer der Fall sein wird: Der eine oder die andere Bloggerin kühmt vielleicht mal über Grippe oder Hexenschuss, aber kein Mensch widmet dem einen eigenen Blog …
Ich muss mich damit auseinandersetzen, sonst habe ich außer „mir geht’s sooo scheiße!“ nix zu sagen.
Und ich muss dazu stehen. Selbst diejenigen von uns, die es vorziehen, anonym zu bleiben (wofür es, je nach Lebenssituation, leider immer noch gute Gründe gibt) teilen mit jedem Beitrag der Welt mit: „Ja. Ich auch. Wir sind viele.“.

Anfangs gibt es ungeheuer viel, über das man schreiben kann, will und muss: Da hat man ja schon eine (Kranken)geschichte hinter sich, die erzählt werden will.
Man schreibt weniger darüber, was Depressionen sind, als man zu erklären versucht, was sie nicht sind: Ich bin nicht traurig!
Man wirbt für Verständnis dafür, dass Ausdauersport, Lichttherapie, Johanniskraut und niedliche Kätzchen tatsächlich nicht über depressive Tiefs hinweghelfen. Oder man erstellt Listen von guten Ratschlägen, die man echt nie wieder hören möchte.
Man versucht, in Worte zu fassen, wie man sich fühlt.
Erzählt von Erfahrungen mit TherapeutInnen, Klinikaufenthalten und Medikamenten. Kleinen Fortschritten und vernichtenden Rückschlägen.

Und irgendwann kommt man im „heute“ an: Die ganze Vorgeschichte ist erzählt.
Dann wird es schwierig, finde ich. Das Bloggen.
Ich habe immer noch Depressionen. Es gibt immer noch Tiefs. Absolute Tiefpunkte. Allmähliches Bekrabbeln und Phasen der Stabilität und Zuversicht. Auf. Ab.
Damit könnte ich vielleicht meine größten Fans beschäftigen, wenn ich ein Promi wäre und das Ganze nicht via Text > 140 Zeichen, sondern mittels einer lesefreundlichen Skala von 1-10 veröffentlichte.

Als ich mit der „Taucherin“ begonnen habe, habe ich Texte „auf Halde“ produziert und nach und nach veröffentlicht. Es gab ja schon so viel zu erzählen und von der Seele zu schreiben, um überhaupt einmal zu erklären, was ich jetzt vorhatte. Und warum.
Ein neues Leben anfangen. Ohne Therapie und vor allem ohne Medikamente.
Dann habe ich über die erste Zeit auf dem Hof geschrieben: Es gab so viel Neues!
Und jetzt, nach einem Jahr „Schattentaucherin“ leide ich immer noch an Depressionen.
Auf. Ab. Auf. Ab. Nichts, was sich noch zu erzählen lohnt.

Ich hab viel Herzblut an dieses Projekt verschmiert und möchte es nicht einfach im Sande verlaufen lassen. Und in diesem Moment zeigt die Taucherin sich auf eine Art und Weise hilfreich, mit der ich nicht gerechnet hätte: Sie fragt mich wieder und wieder „Wirklich nichts Neues?“.
Meinen Kunden im Hundetraining habe ich regelmäßig gepredigt, sie möchten sich doch bitte nicht auf das konzentrieren, was noch nicht klappt, sondern sich in Erinnerung rufen, an welchem Punkt sie begonnen haben und wie weit sie schon gekommen sind.
„Schau hin!“, flüstert sie. „Und?“

Und sie hat recht.
Mich in die Einsamkeit der Cevennen zurückzuziehen, war – auch wenn das nach außen romantisch, abenteuerlich oder mutig aussehen mag – schlicht das Eingeständnis, dass ich keine andere Wahl mehr hatte, als mir meine Welt so passend (will sagen: klein) zu machen, dass ich darin zurechtkommen kann. Ich habe hier einen Ort gefunden, der eine heilsame Wirkung hat und mir viel Zeit genommen (nehmen müssen), einfach nur hier zu sein.
Irgendwann habe ich begonnen, mich wieder was zu trauen. Lächerlich kleine Dinge, objektiv betrachtet: Den Markt in einem Nachbardorf besuchen, die Verantwortung für einen Einkauf übernehmen, alleine zum Tierarzt fahren und den Hund impfen lassen …
Für mich waren das große und spannende Unternehmnungen.
Seit Kurzem nun ist etwas ganz Neues hinzugekommen.
Natürlich ist an Achtsamkeitsübungen und Yoga genau nichts originell. Lebt man in einer deutschen Großstadt, scheinen sie dazuzugehören wie green Smoothies und vegane Eiscreme. Für mich sind sie deswegen etwas Besonderes, weil sie den ersten Versuch seit langem darstellen, mit meiner Erkrankung umzugehen. Die Antidepressiva sollten mich „nicht depressiv“ machen, die Therapien mir helfen, nicht mehr depressiv zu sein. Bis ich nach über 10 Jahren irgendwie die Lust verloren habe …

img_14378-q-webVielleicht ist es jetzt an der Zeit, einen Weg zu finden, mit meinen Depressionen zu leben.

Das Schreiben ist schwieriger geworden, teils auch schmerzhafter, weil die Distanz so viel geringer ist. Spannender allerdings auch!

Weiterschreiben also. Tauchen, paddeln, Wellenreiten, kieloben treiben, auf Grundeis gehen …
Ich glaube und hoffe, wir haben noch ein bißchen was vor (vor uns) – die Taucherin und ich …

3 Jahre ohne

Es ist jetzt gut drei Jahre her, dass ich mir die Frage gestellt habe, ob es nicht vielleicht doch möglich sein müsse, ein Leben ohne Psychopharmaka zu führen.
Bis zu diesem Moment hatte ich etliche Jahre lang ununterbrochen Antidepressiva genommen.
Zu Beginn meiner „Depri-Karriere“ hab ich sie noch abgesetzt, sobald ich Grund zu der Hoffnung hatte, es werde mir nun dauerhaft besser gehen. Aber jedes Mal, wenn diese Hoffnung wieder trog, hat es auch wieder 6 Wochen gedauert, bis das Medikament Wirkung zeigte. Und jedes Mal wieder habe ich mich mit den anfänglichen Nebenwirkungen herumgeschlagen: Die Mundtrockenheit ist leicht zu handeln, man geht einfach nie wieder ohne eine Flasche Wasser aus dem Haus und tröstet sich damit, dass es ja wichtig ist, viel zu trinken. Das unkontrollierte Muskelzucken kann man mit einem Scherz überspielen und es stört eigentlich kaum, wenn man nicht gerade Auto fährt. Und am Straßenverkehr sollte man ja sowieso nicht teilnehmen, wenn einem ständig schwindelig ist. Die bleierne Müdigkeit nervt zwar, unterscheidet sich aber nicht allzu sehr von der depressiven Bleischwere …
img_20289-q-webNach drei, vier Versuchen fand ich es sehr viel komfortabler, auch in guten Phasen eine minimale Dosis meiner Medikamente zu nehmen. So konnte ich beim nächsten Tief schnell und ohne große Nebenwirkungen gegensteuern. Ich habe über die Zeit tatsächlich ein recht gutes Gefühl dafür entwickelt, wieviel ich brauchte, bin also nicht ständig unter maximaler Dröhnung unterwegs gewesen. Aber eben auch nicht ohne.

Bis ich – eher zufällig – einen Schritt aus meinem bisherigen Leben hinaus getan habe. Zufällig und nur für einen Besuch – aber plötzlich schien alles möglich.
Ich habe voller Zuversicht meine Medikamente abgesetzt, bin in mein altes Leben zurückgekehrt … und fürchterlich auf die Fresse gefallen. In diesem Leben ging es nicht, soviel war sehr schnell klar.
Gar nichts ging mehr. Zu meinen demütigendsten Erinnerungen aus dieser Zeit gehört eine Radfahrt zum Freibad: Ich hatte versäumt, frühzeitig zu sagen, dass ich keinesfalls die Hauptstraße entlang fahren könne (zu viel Verkehr, zu nah, zu laut), sondern den Umweg über die kleinen Seitenstraßen nehmen müsse. Bin durch mein verängstigtes Zögern zurückgefallen, wollte aber auch nicht allein eine andere Strecke nehmen und anschließend die anderen im Freibad suchen müssen. Also bin ich ihnen zitternd und weinend hinterhergestrampelt. Ich bin tatsächlich angekommen und ja, ich bin auch geschwommen. Aber stellt Euch eine erwachsene, eine alte Frau vor, die, Badelaken und -anzug auf dem Gepäckträger, tränenblind quer durch die Stadt radelt. Klingt das irgendwie erstrebenswert?

Da es vorkommt, dass es psychisch Kranken an Einsicht fehlt und ich nach all den Jahren großes Vertrauen zu meiner Psychiaterin hatte, habe ich sie vorsichtshalber gefragt, ob ich ihrer Ansicht nach denn überhaupt in der Lage sei, selbst über meinen Medikamentenkonsum zu entscheiden …
Man hört und liest immer wieder von ÄrztInnen, die leichtfertig, ja fahrlässig ihre PatientInnen mit Psychopharmaka abspeisen – die meine hat das Gegenteil getan.
Sie hat mich von meinen Zweifeln und Sorgen erzählen lassen und mich dann gefragt „Möchten Sie Antidepressiva nehmen?“ Um mir dann zurückzugeben, meine verbale Antwort, vor allem aber meine Körpersprache sei ein klares und eindeutiges „Nein!“. Ich dürfe mich ruhig trauen, auf meine innere Stimme zu hören. Offenbar hätte ich einen Weg für mich gefunden, dem dürfe ich dann auch folgen.
Für mich hieß das: Meine Finger von Psychopharmaka lassen und die Brocken hinschmeißen.

Und da bin ich nun. Mit hingeschmissenen Brocken, einem neuen Leben … und einer Vorratspackung Antidepris für alle Fälle.
Ich könnte, sollte es nötig werden …
Aber es sind gar nicht die Tiefs, nicht die bleiernen Tage, die mich in Versuchung führen.
Ganz allmählich habe ich ein bißchen Vertrauen darein entwickelt, dass sie lange vor eventuellen Nebenwirkungen oder gar Wirkungen enden werden.

In Versuchung gerate ich, wenn ich einen dieser Wutanfälle habe, bei denen ich mich mit aller Macht zusammenreißen muss, um nicht alles kurz und klein zu schlagen, oder mit dem Kopf vor die Wand zu rennen.
Oder einen dieser Zusammenbrüche, wenn ich mir wieder einmal sicher bin, dass ich selbst hier niemals klarkommen werde. Wenn ich weinend auf dem Boden zusammensacke und nach meiner Mutter schreien möchte. Wenn ich nur noch nach Hause will – wissend, dass es in Deutschland kein Zuhause mehr für mich gibt.
Dann möchte ich tot sein, bis es mir wieder besser geht. Oder wenigstens im Koma liegen.
Eine Tageshöchstdosis meines gewohnten Medikamentes, von jetzt auf gleich verabreicht, würde das vermutlich leisten.

Bisher ist die Packung jedoch unangetastet und wenn es nach mir geht, bleibt sie das auch.

Hartgummi

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Als ich zu mir komme („aufwachen“ trifft das, was mir da passiert nicht wirklich), scheint mir mein Kopf mit einer kompakten, dumpfgrauen Masse gefüllt zu sein. Darin: Nix. Keinerlei Bewegung. In meinem Körper dagegen scheint etwas zu schwanken, so als wäre ich ein Behälter, in dem eine Flüssigkeit träge schwappt.
Ich habe Schmerzen. Meine Hände und Unterarme fühlen sich an, als würde jemand darauf sitzen. Ich kann das Gewicht spüren. Bei den Unterschenkeln ist es ähnlich. Ich kann mich nicht bewegen.
An guten Tagen fällt mir irgendwann ein, dass ich am Vortag vielleicht eine Schieferplatte gestemmt habe, die so ein klitzekleines bißchen zu schwer war. Oder ein Schaf über einen Zaun gehoben. Dann lohnt sich der Versuch, sich zu bewegen: Es kann zwar sein, dass ich die ersten Meter laut jaulend hinke, aber erfahrungsgemäß hilft die Bewegung.
Erfahrungsgemäß habe ich dann aber auch kein Hartgummi zwischen den Ohren, sondern einzelne Gehirnzellen, auch wenn sie müde und verzagt sein mögen.
Heute ist eindeutig Hartgummi

Und gestern war Einkaufstag. Eine Stunde Autofahrt in die nächste größere Stadt, Abklappern sämtlicher Läden, aus denen für die nächsten 14 Tage etwas benötigt wird, Rückfahrt.
Der große Supermarkt, der regelmäßiger Bestandteil dieser Tour ist, wurde vor einiger Zeit vergrößert und umgebaut – nichts ist mehr da, wo es vorher war. Innerhalb von Sekunden verliere ich die Orientierung. Eigentlich müsste ich jetzt ruhig und strategisch den kompletten Laden ablaufen, mir einmal den Überblick verschaffen, was jetzt wo zu finden ist. Keine Zeit dafür. Unter Mühen finde ich das Regal, an dem meine Entscheidung gefordert ist: Meine alte Haarbürste ist zerbrochen, ich benötige eine neue.
Es scheint ein paar Dinge zu geben, die dem Deutschen selbstverständlich, dem Franzosen jedoch völlig unbekannt sind: Dazu gehören Sauerrahm, Amarettini und Sauerkirschen im Glas. Und – wie sich zeigt – stinknormale Skelettbürsten. Fassungslos stehe ich in einer Abteilung mit geschätzt 35 Sorten Shampoo und 3 verschiedenen Haarbürsten. Für mich ist keine dabei.
Ich verlasse den Supermarkt geschlagen: Zum eigentlichen Einkauf habe ich nichts beigetragen und den einen Punkt, den ich auf meinem Zettel hatte, habe ich nicht erledigen können. Stattdessen habe ich eine Menge Kraft darein verballert, den Ausgang zu finden und nicht zu weinen. Ich hätte keine Panikattacke bekommen so mit Zittern und Hyperventilieren. Ich hätte einfach nur leise geweint. Mich hingehockt, den Rücken irgendwo angelehnt und geweint. Spätestens seit „Streets of London“ gibt es das Bild der alten Frau, die einen Einkaufswagen mit ihrer Habe vor sich herschiebt. Ich habe ein Bild einer alten Frau, die in einem Supermarkt hockt und weint. Und ich will nicht diese Frau sein.
Eines ist seltsam in solchen Momenten, das ist mir auch in Deutschland schon aufgefallen, aber ich kann es mir bis heute nicht erklären: Wildfremde Menschen schauen mich an und lächeln.
Sie haben nicht den irritierten, leicht abgestoßenen Blick von Menschen, die etwas sehr Absonderliches beobachten, sie wirken auch überhaupt nicht befangen oder mitleidig. Sie lächeln ganz offen und freundlich. Ich habe keine Ahnung, womit ich das verdient habe. Ich erwidere es, so gut ich kann. Den Rest heimse ich ein.

Den restlichen Einkauf erledigt mein Autopilot.
(So kommt es mir dann jedenfalls vor. Tatsächlich – habe ich mir kürzlich sagen lassen – bleibe ich zwischendurch immer wieder ohne ersichtlichen Grund stehen. Vor Regalen fällt das nicht weiter auf, solange man nicht bemerkt, dass ich nur dastehe, aber nichts aussuche. Aber offenbar stehe ich manchmal auch mitten im Gang. Irgendwann setze ich mich dann wieder in Bewegung. Seit ich das weiß, frage ich mich, was ich gruseliger finden soll: Die Tatsache, dass ich selbst nichts davon bemerke, oder die Vorstellung, wie ich mich fühlen würde, wenn es mir auffiele …)
Ich bin ja nicht wirklich verantwortlich, sondern laufe nur mit. Ebenso gut könnte ich im Auto sitzen bleiben. Würde ich. Aber es ist zu heiß.
Und wer weiß? Vielleicht wird Tapferkeit doch belohnt?
Vielleicht nimmt mich – über das Lächeln von Fremden hinaus – irgendwann jemand in den Arm und lobt mich dafür, dass ich mich so tapfer schlage? Oder es wenigstens versuche?
Nichts dergleichen. Ich verballere einfach nur meine letzten Reserven.

Und deswegen erwache ich mit Hartgummi im Kopf und Blei in den Gliedmaßen. Ich habe mich vollkommen verausgabt. Bei einer spektakulären Unternehmung, die andere Menschen für ihren Alltag halten.

Hartgummi hat immerhin den Vorteil, dass ich nicht grübeln kann. Ich denke gar nicht erst darüber nach, dass ich nicht kann, obwohl ich doch müsste. Ich denke gar nicht. Stattdessen bin ich sehr damit beschäftigt, mich ab und zu vom Rücken auf die Seite zu drehen. Und wieder zurück. Immerhin.
Es geht mir nicht besser, wenn ich aufstehe, auch wenn das ganz offensichtlich scheint. Ich stehe auf, sobald es mir besser geht. Die Distanz zwischen der Idee, dass ich mich jetzt wohl mal aufrecht hinsetzen könnte und deren Umsetzung ist auch dann noch lang und anstrengend genug. Das Gehen fällt schwer. Da, wo eigentlich mein Herz sein sollte, füllt sich eine große Blase mit Luft. Mir ist schwindelig und es fühlt sich an, als würden meine Arme haltsuchend herumrudern – obwohl sie das nicht tun, ich halte mich nur hie und da ein bißchen an der Wand fest. Nach kurzer Zeit bin ich so erschossen, dass ich zurück ins Bett muss. Ich fühle mich kein bisschen deprimiert. Nur müde. Sehr müde.

Kelch … vorüber!

Warum ich mich entschieden habe, keine Highly Sensitive Person zu sein.

In letzter Zeit stolpere ich ständig über Artikel und Blogposts zum Thema Hochsensibilität. Frequenz steigend.
Ob mir das wohl etwas sagen will? Ich glaube: Nein.
Und falls doch, dann bestenfalls, dass das Thema derzeit einen Hype erfährt – HSP ist das neue Burnout, wenn man so will.
Nur viel schicker!

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Früher seien Hochsensible als Berater, Weise und Zauberer in Erscheinung getreten, lese ich. Das will zwar nicht so recht zu der Vermutung passen, dass 15 bis 20 Prozent aller Menschen hochsensibel seien – da wäre ja mal richtig was los gewesen in der Zaubererwelt! – klingt aber gut. Klingt richtig gut!
Überhaupt (und wissenschaftlich betrachtet, auch wenn sie sich bislang neurophysiologisch nicht nachweisen lässt) scheinen die Attribute der Hochsensibilität auf den ersten Blick attraktiv:
Hochsensible nehmen Reize jeder Art tiefer, intensiver und detaillierter wahr als andere (sogenannte normalsensible Menschen). Sie verfügen über eine vielschichtige Fantasie, eine ausgeprägte Intuition, sind begeisterungsfähig und vielseitig interessiert. Sie können die Stimmungen und Emotionen anderer Menschen leicht und detailliert erkennen und sind in der Lage, in großen Zusammenhängen zu denken.
Holla die Waldfee, wenn das nicht nach einer Gabe klingt!
Aber schon von den Weisen und Zauberern wissen wir, dass Segnungen dieser Art immer auch Fluch sind.
Diese umfassende, intensive und nachhaltige Wahrnehmung lässt sich nicht nach Bedarf ein- und ausschalten, der Mensch ist seinen Eindrücken geradezu ausgeliefert. Deswegen ermüden hochsensible Menschen rasch, sie sind schnell überfordert, müssen sich vor Reizüberflutung schützen und sorgsam darauf achten, sich Pausen und Rückzugsmöglichkeiten zu organisieren.
Was ich bei Betroffenen über ihr Leben mit der Hochsensibilität gelesen habe, klang dann auch oft eher anstrengend und kompliziert.
Und dennoch: Sensibilität, Empathie, Intuition, Tiefe, Intensität, Kreativität … sind so verdammt positiv belegt!
Damit nehmen sie unter den Menschen mit (psychischen, neurophysiologischen) „Besonderheiten“ eine Sonderstellung ein.
Die Maßnahmen (Auszeiten, Rückzugsmöglichkeiten, Wunsch nach Rücksichtnahme), die sie ergreifen möchten und müssen, um mit ihrer speziellen Besonderheit leben zu können, unterscheiden sich gar nicht mal so sehr von denen, die auch uns anderen nützlich sind oder wären. Aber sie stehen in einem ganz anderen Licht da, sorgen sie doch dafür, dass eine GABE sich entfalten kann.
Für Menschen mit Asperger Autismus gilt das durchaus auch, nur denkt bei denen niemand an Zauberer, sondern alle an Rainman.
Alle anderen – also die Depris, Paniker, Borderliner, PTBSler und wie sie alle heißen – haben zwar ganz ähnliche Bedürfnisse, allein es fehlen die Sympathiewerte.

Aus schierer Neugierde hab ich mal einen der einschlägigen Tests absolviert und „Sapperlot!“:
„Sie sind mit an Gewissheit grenzender Sicherheit eine HSP. … Sie werden sicher noch glücklicher und leistungsfähiger sein, wenn Sie nicht versuchen zu leben wie ein nicht-HSP. Arbeiten Sie daran Wege und Möglichkeiten zu finden, um in einer Ihnen angenehmen Weise Kontakt mit der Welt zu halten. Die Welt braucht Sie und Ihre Empfindsamkeit. Sie sind eine Bereicherung.“

Das Gefühl der starken Erleichterung, von dem Betroffene häufig berichten, weil sie sich endlich nicht mehr „wie vom anderen Stern“ fühlen, wollte sich allerdings nicht einstellen. Mein Gefühl sagte eher etwas wie „Och nö … !“.
Nur um sicher zu gehen, habe ich danach noch ungefähr 10 weitere Tests ausprobiert, so wie Google sie zu Tage förderte.
Half nix: Ich bin hochsensibel. Auffällig fand ich zwar, dass die Mehrzahl der Anbieter mir gerne auch gleich das passende Coaching und / oder ihr Buch zum Thema verkaufen wollten … aber Honi soit qui mal y pense
Lustiger war schon die (natürlich nicht als repräsentativ zu wertende!) Bitte an einige Menschen aus meinem Bekanntenkreis, den Test ebenfalls zu machen:
Ich bin nicht nur selbst eine HSP, ich bin auch von ihnen umgeben!

Ein Ergebnis, das sich vielleicht durch einen Blick auf die Fragen erklären läßt …
Der Test von „zartbesaitet“ zum Beispiel umfasst 29 Aussagen, die mit
1 = nein, überhaupt nicht
2 = nein
3 = eher nein
4 = halb und halb / weiß nicht
5 = eher ja
6 = ja
7 = ja, sehr!
mehr oder weniger zu bestätigen sind.

Spaßeshalber beantworte ich alle mit „weiß nicht“ und „knacke“ schon damit die magische Punktzahl: Hochsensibilität beginnt bei 163 Punkten, ich hab 168 …
Aber Spaß beiseite.
Gehen wir mal einige der Aussagen durch:

Ich habe ein reiches und vielschichtiges Innenleben.
Jetzt mal alle die Hand hoch, deren Innenleben vollkommen hohl und flach ist!
Oookay … jetzt die mit der akuten Depresse die Hände runter …
Na?

Ich bin ein guter Zuhörer.
Ich bin gewissenhaft.
Ich strenge mich an, keine Fehler zu machen und nichts zu vergessen.
Bildende Kunst / Musik / Naturstimmungen bewegen mich tief.
Ich bemerke und genieße zarte oder feine Gerüche, Geschmäcker, Klänge oder Kunstwerke.
Wer soll sich denn da zu einem glasklaren „nein“ durchringen, oder auch nur zu einer Antwort unterhalb des „weiß auch nich“ Durchschnittes?

Lärm ist mir unangenehm.
Wem nicht?
Die Frage ist ja genau nicht, ob er in Wacken okay wäre und nur nervt, wenn er von der Baustelle nebenan kommt.

Es ist mir lästig, wenn gleichzeitig verschiedenste Dinge von mir verlangt werden.
Klingt das wirklich irgendwie ungewöhnlich?

In Wettbewerbssituationen oder unter Beobachtung werde ich so nervös oder unsicher, dass ich schlechtere Leistungen bringe, als ohne diesen Streßfaktor.
Yup. Lampenfieber heißt das Wort. Alternativ: Prüfungsangst.

Natürlich ist der Test anonym! Aber selbst wenn wir ganz allein Kreuzchen auf einer Website hinterlassen, haben wir ein Bild von uns selbst. Und wir möchten nicht von uns sagen, dass wir hohl, leer und ignorant sind, dass wir zu denen gehören, die nix merken. Wir wissen ja, dass es um Sensibilität geht und möchten am Ende nicht als grobe Klötze dastehen. Und dann ist es schwierig, nicht mit dem Ergebnis „hochsensibel“ aus der Nummer rauszukommen.

Letztlich, lese ich (mit sich nun doch einstellender Erleichterung und durchaus erheitert) müsse und könne man aber nur selbst für sich entscheiden, ob man hochsensibel sei.
Das ist ja grade nochmal gutgegangen!

Im Großen und Ganzen bin ich nämlich der festen Überzeugung, dass ich deswegen so hohe Punktwerte erreiche, weil für Menschen mit Depressionen und Angststörungen dieselben Strategien eine Rolle spielen.
Natürlich fühle ich mich schnell überfordert – manchmal ja schon damit, morgens aus dem Bett zu kommen.
Und natürlich machen Trubel und Aktivität, wenn man selbst gerade mal wieder mit einem Heulanfall zu kämpfen hat, die Sache nicht besser.
Wenn ich mich mit zu vielen Menschen in einem geschlossenen Raum aufhalten muss und womöglich noch Lärm hinzukommt, verspüre ich mit einiger Sicherheit Paniksymptome.
Lärm ist mir fast immer unerträglich. Es sei denn, ich mach ihn selber: Wenn ich so richtig schlechte Laune habe, höre ich Hardrock, dass die Wände wackeln und habe überhaupt kein Problem damit.
Das, was für normalgestimmte Menschen (um mal nicht „gesund“ zu sagen) normaler Alltag und Zusammenleben mit anderen Menschen ist, empfinde ich als extrem anstrengend. Ich ermüde rasch, möchte mich häufig zurückziehen und versuche selbstverständlich, mir meine Tage, mein Leben entsprechend einzurichten.
Im zwischenmenschlichen Bereich kriege ich tatsächlich mehr mit, als mir oft lieb ist. Vor allem Wut, Angst und Verzweiflung meiner Mitmenschen prasseln geradezu auf mich ein. Das kann außerordentlich hilfreich sein, wenn es mir gelingt, zu handeln und zum Beispiel dafür zu sorgen, dass ein Konfliktgespräch stattfinden kann, ist aber auch sehr anstrengend – danach bin ich völlig ausgelaugt. Kann ich weder handeln, noch mich abgrenzen, besorgt letzteres relativ schnell die Depression für mich: Sie schubst mich kurzerhand ins Bett.
Hier bin ich noch auf der Suche nach Strategien und schon deswegen werde ich das Thema Hochsensibilität weiter verfolgen, auch wenn dieser Kelch an mir vorübergegangen ist. Außerdem interessieren mich Menschen mit Besonderheiten (ooops … nö … ich bin eher nicht vielseitig interessiert!) – vor allem mit Blick auf unsere Gemeinsamkeiten, nicht so sehr auf das, was uns trennt.

Aus manchen Texten lese ich ein gewisses Maß an Selbstverliebtheit heraus, das ich eher nervig finde … aber okay, der Reiz der Stichworte „tief“, „intensiv“, „reich“ ist vermutlich ganz enorm.
Und eine Tendenz, alles aber auch wirklich alles für die eigene Besonderheit zurechtzuschneidern.
So las ich neulich wahrhaftig, für Hochsensible sei es wichtig, auf Reisen bequeme Kleidung zu tragen. Vermutlich, weil Normalsensible eine kneifende Hose weder bemerken, noch auf einem Langstreckenflug irgendwie als Beeinträchtigung empfinden würden …

Ich glaube, es sind diese Eindrücke, die mich so unwillig machen, mir den Schuh HSP anzuziehen.
Ich lebe seit Jahren mit einer … sagen wir … originellen Gehirnchemie, aber meine Besonderheit ist eine Krankheit. Ein Makel. Ich will gerne glauben, dass hochsensible Menschen sich gut überlegen, wann, mit wem und wie sie über ihre Besonderheit sprechen. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass die diesbezügliche Latte für andere Menschen sehr viel höher liegt. Für Borderliner zum Beispiel …
Wenn ich heute feststellen könnte: Ich habe Depressionen und Panikattacken, weil ich hochsensibel bin (was ich zwar grundsätzlich gar nicht unlogisch finde, worauf meine Psychiaterin und Therapeutin aber vermutlich auch gekommen wären), dann würde sich im Ergebnis genau nichts ändern. Mein Leben wäre exakt dasselbe.
Zugegeben, mir gewisse Zeitgenossen vorzustellen, wie sie sich vor den Kopf schlagen und ausrufen „Ach so! Hochsensibel bist Du! Ja dann …!“ ist unterhaltsam. Es ist jedoch wie mit der Fantasie von der eigenen Beerdigung, auf der dann allen alles ganz schrecklich leid tut. Ist nett, bringt aber nix.
Ich habe (so gut das ging) gelernt, mit einer Krankheit zu leben. Ich habe zu ihr gestanden und offen über sie gesprochen. Jetzt will ich sie auch behalten.

Jetzt ist jetzt!

Es fällt mir generell schwer, negative Gefühle loszulassen: Hat mich etwas oder jemand verärgert, kann ich stunden-, ja tagelang darauf herumkauen und innere Dialoge führen. Und mir damit ganz wunderbar den Tag versauen.
Neulich, als es wieder einmal „soweit“ war, ist mir immerhin selber aufgefallen, daß es eigentlich ein sonniger Vormittag war und ich bis dahin ganz zufrieden in der Küche gesessen und Paprika geschnibbelt hatte. Für ein kulinarisches Experiment mal wieder, also etwas, das mir eigentlich Freude macht.
Daher habe ich beschlossen, mein Augenmerk einfach ganz konzentriert auf das zu richten, was bis dahin erfreulich gewesen war: Sonne, Küche, Paprika. Genauer: Sonne, in der man es draußen schon jetzt kaum noch aushält, eine erfreulich kühle Küche, ein Steinboden, der sich angenehm unter meinen nackten Füßen anfühlt, gartenfrischer, knackiger Paprika, der Duft von Knoblauch und Tomaten …
Und tatsächlich ist in meinem Kopf Ruhe eingekehrt. Es hat wieder Spaß gemacht.

Ich frage mich, ob es das ist, was mit Achtsamkeit gemeint ist und erinnere mich in diesem Moment daran, daß eine Bloggerkollegin mich schon vor Monaten gefragt hat, ob Achtsamkeitsübungen mir nicht vielleicht weiterhelfen könnten. Aber manchmal muss man das Rad einfach selbst (er)finden und sei es ein noch so kleines Rädchen …

Ich beginne also, (zugegeben: nicht wirklich planvoll) zu recherchieren.
So ganz ohne Misstrauen bin ich nicht – ich halte durchaus für möglich, dass Achtsamkeitsübungen die Chiasamen der Befindlichkeit sind … Superfood für die Psyche, das über kurz oder lang vom nächsten Wundermittel dovongehypet wird.
Aber sei’s drum: Versuch macht kluch!
Achtsamkeit, so lerne ich, ist eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit, die sich auf den Moment bezieht, ohne jedoch zu werten.
Auf den Moment, nicht auf Vergangenheit oder Zukunft – das klingt schonmal brauchbar. Achtsamkeit soll uns lehren, im Hier und Jetzt zu leben, gelassener zu werden. Perfekt! Nehm ich!

Was für mich zunächst einfach wie eine erstrebenswerte (Lebens)Haltung klingt, geht allerdings mit Meditationseinheiten oder mindestens Übungen einher. Idealerweise unter Anleitung.
Was ich durchaus verstehe: Bis heute erinnere ich mich an die Stimme unseres Betreuers in der Tagesklinik, der die progressive Muskelentspannung nach Jacobson angeleitet hat. Er hat immer gesagt, seine Anleitung spiele gar keine Rolle, wir müssten lernen, das allein und für uns selbst zu tun. Ich hab mir dann auch alle Mühe gegeben, aber sonderlich weit bin ich damit nicht gekommen.
Ich denke auch dankbar an Frau „locker und gelö*t“ zurück, bei der ich autogenes Training kennen lernen durfte.
Jahaha, der Spitzname ist ganz sicher despektierlich, aber ich hatte während des Trainings recht schnell den Eindruck, dass sie selbst scharfe und schneidende Laute zu vermeiden versucht hat: Deswegen haben wir uns am Ende des Trainings nie gelöst gefühlt, sondern – ehrlich, so klang das! – stets gelö*t …
Und ich hatte jedes Mal wieder Schwierigkeiten, ein Kichern zu unterdrücken …
Davon abgesehen war sie eine höchst einfühlsame Trainerin, deren Arbeit oft weit über die schiere Vermittlung von Techniken hinausging. Ich erinnere mich an eine „Sitzung“, bei der ich schlicht nicht in der Lage war, entspannt auf dem Rücken zu liegen, sondern bäuchlings Rotz und Wasser geheult habe, weil meine Mutter im Sterben lag. Es gab nicht viele Situationen, in denen ich mir das „gegönnt“ habe und die Selbstverständlichkeit, mit der sie mein Weinen hingenommen hat, hat mir damals sehr geholfen. Mit einschlägiger Literatur oder gegoogelten Anweisungen, wäre ich nicht halb – ach Quatsch! – nicht einen Bruchteil soweit gekommen.
Nun aber wird es ohne Anleitung gehen müssen.
Nicht, dass es nicht selbst hier auf dem Land das eine oder andere Coaching Angebot geben würde: Aber auch wenn ich absurd lange Anfahrten in Kauf nähme – ich verstehe nach wie vor die Sprache nicht gut genug.
Ich muss allein klarkommen, was – wenn man so will – letztlich ja sowieso Sinn der Übung ist …

Ein paar Dinge weiß ich schon: So kriege ich es zum Beispiel schlicht nicht auf die Reihe, mir regelmäßig x Minuten am Tag für mein wie auch immer geartetes Training freizuschaufeln. Selbst wenn ich den Rest des Tages grenzkomatös herumliegen sollte: Das kriege ich nicht hin. Und falls doch, gibt es ganz sicher irgendeine Störung. Mir das vorzunehmen, generiert also eher Stress.

Ich weiß ganz sicher, dass es Momente gibt, in denen ich mich mal besser nicht auf meine Atmung konzentrieren sollte. Wie man „in den Bauch hinein atmet“, habe ich zwar schon im Schulsport gelernt und meist genieße ich das Gefühl – aber angesichts einer tsunaminös heranrollenden Panikattacke zu erfühlen, ob ich womöglich gar hyperventiliere, bringt genau gar nix, versprochen.
Übungen, bei denen man den Atem einhält sind eher auch nicht meins: Da ich sowieso aufpassen muss, in angespannten Situationen nicht die Luft anzuhalten, fühle ich mich sehr unwohl dabei.
Mich mit der Frage zu befassen, was ich soeben empfinde, ist auch nicht so ganz ohne: Wenn mein Selbstwertgefühl sich gerade mal wieder schmerzerfüllt krümmt, weil sich die Erkenntnis aufdrängt, dass ich nichts, aber auch gar nichts wert bin, tue ich mir damit keinen Gefallen. Und Gefühlen wie Wut und Verletztheit widme ich sowieso schon viel mehr Aufmerksamkeit, als gut für mich ist.

Der Hinweis, dass Achtsamkeitsübungen für Menschen mit Depressionen nur bedingt zu empfehlen sind, kommt insofern nicht überraschend.

Dennoch scheint mir der Weg in die richtige Richtung zu führen und ich beginne, mir meine eigenen Achtsamkeitsübungen zu „basteln“ …
Es gibt keine Zeiten, während derer ich mich zurückziehe, um „achtsam“ zu sein – es geht mir ja auch viel mehr darum, im Leben zu bleiben.
Meine Aufmerksamkeit ist durchaus selektiv: Was ich nicht wahrnehmen kann, ohne es als unangenehm oder schmerzhaft zu werten, bleibt erstmal außen vor.
Stattdessen bemühe ich mich, offen für alle anderen Eindrücke zu sein.

IMG_16418-q-webDer Hof macht es mir leicht.
So gibt es zum Beispiel viele Gelegenheiten, in den Garten zu gehen – irgendetwas muss dort immer erledigt werden.
Das hohe Gras rauscht bei jedem Schritt, ich kann die Stellen, an denen es noch taufeucht ist, an meinen Füßen fühlen. Ich spüre Sonne und Wind und immer mal wieder Brombeerranken, die mir die Haut ritzen. Alle paar Meter kann ich andere Pflanzen riechen. Insekten summen, Eidechsen und vereinzelt Schlangen lassen das Laub rascheln. Meine Arme schlenkern beim Gehen. Die Kante der Kastanienkiste, die ich mitgenommenen habe, schneidet mir in die Handfläche. Nach einigen Metern kann ich fühlen, wie meine Mundwinkel sich entspannen.
Ich kann fühlen, wie ich mich entspanne.

Natürlich drängeln sich ab und zu Gedanken in den Vordergrund: Idealerweise Ideen für’s Abendessen oder für Blogtexte, aber – wie sollte es anders sein – auch mein Ärger.
Das menschliche Bewusstsein sei, hab ich gelernt, wie der Ozean, es schwappe halt ständig hin und her. Ein schönes Bild, fand ich. Weiter unten, in der Tiefe, sei es ruhig … aber so weit bin ich hier noch lange nicht. „Jetzt ist jetzt“ sage ich mir dann. Der Auslöser meines Ärgers ist Vergangenheit, ob er sich beheben lässt, merke ich in der Zukunft, aber jetzt geh‘ ich in den Garten!

Sollten angesichts dessen die Achtsamkeitscoaches dieser Welt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, erkläre ich hiermit meinen Weg in den Garten zur traditionellen cevenolen Schlendermeditation. Mir tut die gut.

To be continued …