Distanz

IMG_14009-q-webDas Foto zu diesem Beitrag habe ich ausgesucht, weil es – zumindest für mich – „springt“. Je nachdem, wie man darauf schaut, sieht man eine Vertiefung oder eine Erhebung … Der Blickwinkel macht das Ergebnis …

Neulich bin ich gefragt worden, ob es mir manchmal gelänge, an schlechten Tagen quasi von außen auf mich zu schauen. Also sozusagen Abstand von mir selbst zu halten und mich nicht in die eigenen miesen Gefühle zu verstricken.
Im ersten Moment hätte ich das gerne empört von mir weisen wollen: An meinen schlechten Tagen habe ich mein ganzes Leben verpfuscht und es gibt keinerlei Aussicht auf Besserung. Da denke ich über Suizid nach und ganz bestimmt stell ich mich dann nicht neben mich und gucke mal, ob ich mich dann besser fühle!
Wenn ich aber ehrlich bin, dann habe ich das nie versucht, bin gar nicht auf die Idee gekommen …
Also eine Reaktion nach dem Motto „Haben wir nicht probiert und funktioniert auch gar nicht!“ …

Zu verlieren habe ich sowieso nix, also starte ich den Selbstversuch.
An meinen wirklich schlechten Tagen würde ich auch mit emotionaler Distanz nicht viel ausrichten, da bin ich mir sicher: ein verpfuschtes Leben ist ein verpfuschtes Leben, das kann ich dann mit der nötigen Distanz ganz objektiv feststellen, das Ergebnis bleibt jedoch das selbe.
Objektiv müsste mir klar sein, dass ich das zu negativ sehe?
Wenn es mir gelänge, sooo objektiv auf mein Leben zu schauen, wäre das hier ein Foodblog …

Aber nicht all meine schlechten Tage sind wirklich schlecht.
Nicht an allen schlechten Tagen ziehe ich alles in Zweifel, nicht immer bin ich verzweifelt.
Häufig bin ich einfach nur sehr müde. Langsam. Alles passiert in Zeitlupe und schon das ist total anstrengend. Entscheidungen kosten mich wahnsinnig viel Zeit. Ich kann von Glück sagen, dass ich morgens definitiv immer Tee trinke – ansonsten würde mich die Frage „Tee oder Kaffee?“ vermutlich den kompletten Vormittag kosten. Nicht, dass der noch allzu lang wäre, bis ich mich mal aus dem Bett gequält habe …

Ich bemühe mich, mich selber mit liebevollem Blick zu betrachten, wie ich versuche, meine Arbeit auch dann zu erledigen, wenn ich jeden Weg drei mal mache, weil ich immer wieder vergesse, warum ich überhaupt losgegangen bin. Und das – nicht vergessen! – jedes mal wieder in Slow Motion …
Keine Ahnung, warum ich dabei immer wieder an Zombie-Filme denken muss …
Aber da ich grundsätzlich eine große Freundin des Horrorfilmes bin, ist das vermutlich in Ordnung so.
Ist ja auch nicht wichtig, ob ich meine Lage eher als Komödie, als Gruselfilm, oder als Mischung aus beidem sehe: Es ist nur ein Film, ich habe Distanz. Das war der Plan!

Warum habe ich diesen Tip nicht schon viel früher bekommen?
Nun, ich glaube, weil er mir nicht geholfen hätte …
Ich hatte ja weitgehend meinen Frieden damit gemacht, meine Tage in einer Schleife zwischen Bett und Sofa zu verbringen. Und viel mehr war vielleicht auch gar nicht möglich.

Warum es heute anders ist? Ich weiß es noch nicht …

To be continued …

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Aus dem Quark kommen und Milch kaufen

IMG_8687-q-webZu den klassischen Symptomen einer Depression gehört Antriebslosigkeit.

Ich finde Tage, an denen man zu nichts Lust hat, an denen man nicht einmal aufstehen mag, sondern sich einfach nur mopst, ganz normal. Jeder sollte sich ab und zu einen gönnen!

Es ist aber gar nicht so, dass ich keine Lust hätte: Ich kann mich nicht bewegen.

Ich liege in meinem Bett und die Decke scheint mir aus Blei zu sein: Ich komme nicht hoch. An einem „guten“ Tag döse ich einfach wieder ein. Nein, ich meine nicht das „nicht hochkommen und noch mal wegdämmern“, wenn man abends zu spät im Bett war: Das ist Verschlafen. Bei mir kann das Stunden oder ganze Tage lang dauern. „Gut“ sind diese Tage deswegen, weil ich, wenn ich schlafe, mein Elend wenigstens nicht bemerke.

An weniger guten nehme ich mir Dinge vor (den Weg vom Bett bis zum Sofa schaffen, mich waschen und anziehen) und scheitere wieder und wieder. Stunden später liege ich immer noch da.

Existenzielle Nöte wie eine volle Blase vermögen durchaus, mich in Bewegung zu versetzen. Allerdings kann es mir passieren, dass ich auf dem Klo wieder in Starre verfalle.

Alles, jede Bewegung, jeder Atemzug ist ungeheuer anstrengend.

Es fühlt sich an, als müsse ich mich durch zähen Sirup kämpfen und als läge ein Klotz auf meiner Brust, der mich am Atmen hindert.

Die Zeit verläuft anders als gewohnt.

IMG_12392-q-webWährend eines akuten Tiefs habe ich einmal zufällig auf die Uhr geschaut, als ich versuchte, mir eine Socke anzuziehen. Ich habe 10 Minuten für die linke Socke gebraucht. Wie weit ich mit der rechten gekommen bin, weiß ich nicht mehr.

Ich habe mir morgens vorgenommen, die Waschmaschine anzuwerfen und irgendwann war einfach der Tag vorbei. Nicht, dass ich mein Vorhaben vergessen hätte …, ich habe mich nur einfach nicht bewegt. Hatte nicht das Gefühl, dass hierbei viel Zeit verstrichen wäre …

Hinzu kommt, dass es schier unmöglich ist, auch nur die allerkleinsten Entscheidungen zu treffen – auch das ist charakteristisch für eine Depression.

Ich hab immer meinen Ehrgeiz darein gesetzt, meinen Alltag noch zu bewältigen. Irgendwann doch aufstehen, mich womöglich sogar waschen und anziehen …

Bei der beschriebenen Geschwindigkeit, mit der ich an solchen Tagen unterwegs bin, schon ein ziemliches Unterfangen.

An manchen Tagen bin ich regelrecht über mich selbst hinausgewachsen. Habe nicht nur das Bett verlassen, mich gewaschen, gekämmt, angezogen, sondern habe mich aus dem Haus und bis in den Supermarkt gewagt. Und dann die Katastrophe: Bio-Vollmilch, 3,8% ausverkauft …

Was tun? Bio fettarm? 3,8%ige Bergbauernmilch? Irgendwas aus der Region? Oder doch Landliebe? Irgendeine, damit ich endlich aus diesem Laden rauskomme?

Klingt albern, ich weiß. Ich weiß auch in diesem Moment, dass ich eigentlich kein Problem habe. Trotzdem blockiere ich komplett, stehe minutenlang vor dem Regal und weiß nicht, was ich tun soll. Um mich Sekunden später, nachdem ich endlich irgendeine Milchpackung gegriffen habe, an der Frage „Welcher Joghurt?“ erneut aufzuhängen.