Das Yoga Projekt IV

… mit unverhofften Nebenwirkungen …

Ich mag torsions, solche Übungen, bei denen man quasi den Körper verdreht, indem man zum Beispiel auf dem Rücken liegend die angezogenen Beine vorsichtig zur einen Seite Richtung Boden sinken lässt, während man in die entgegengesetzte Richtung schaut. Das zieht zwar manchmal ganz ordentlich, aber ich finde es sehr entspannend und habe das Gefühl, dass es auch meinem Rücken gut tut. Und ich komme mir nicht so schlapp vor, wie bei den Übungen, für die es Kraft braucht.
Heute machen wir eine, die ich noch nicht kenne und ich denke „Wow! Das ist jetzt aber mal richtig angenehm!“. Obwohl ich rücklings auf meiner Matte liege, fühlt die Haltung sich tänzerisch an, offen, dem Himmel zugewandt. Anfangs habe ich ein bisschen Angst, dass es zwicken könnte in den Schultern, aber tatsächlich werde ich mit jedem Atemzug weicher. Ich merke, wie ich zu lächeln beginne.
Am Ende einer solchen torsion wickelt man sich sozusagen Schritt für Schritt wieder auseinander, kehrt in die schlichte Rückenlage zurück und fühlt in sich hinein. Oft habe ich dann das Gefühl, dass ich auf der gedehnten Körperseite größer oder schwerer bin.
Heute fühle ich dort eine Art dicken Strang, der vom Kopf bis in den Fuß reicht. Und sofern ein Gefühl farbig sein kann, ist er pottschwarz. „Schräg!“ denke ich und beschließe, die Erfahrung zuzulassen. Sekunden später laufen die Tränen und ich schnappe nach Luft: Panikattacke!
Keine allzu heftige glücklicherweise, ich bin in erster Linie verdattert, weil ich damit nun überhaupt nicht gerechnet habe. Nathalie nennt mir zwei Atemübungen, die ich machen soll und obwohl ich immer gedacht habe, wenn ich beim Yoga mal aus der Kurve fliege, dann wegen der Atemübungen, komme ich recht schnell wieder zur Ruhe.
Eine Idee, warum mir das passiert ist, habe ich nicht.

img_16215-q-webNathalie hat mir geraten, die Übung, die ich nach der ersten Hälfte abgebrochen habe, zu Hause noch zu beenden. Dazu komme ich am Abend nicht mehr, weswegen ich am Folgetag den kompletten Ablauf wiederhole.
Obwohl ich ein bisschen Muskelkater habe, empfinde ich den ersten Teil, in dem die rechte Körperseite gedehnt wird, erneut als sehr angenehm, es gelingt mir sogar noch besser als gestern, mich zu entspannen.
Aber als ich anschließend in mich hineinfühle, ist der schwarze Strang wieder da und ich breche in Tränen aus. Immerhin bleibt die Panik aus, wenn ich auch keine Ahnung habe, warum ich eigentlich weine.
Links, stelle ich verblüfft fest, bin ich sehr viel unbeweglicher. Dass nicht beide Körperhälften gleich geschmeidig sind, ist zwar normal, aber hier ist der Unterschied extrem und ich bin sehr vorsichtig, damit ich mir nicht womöglich weh tue.
Anschließend fühlt es sich an, als sei ich links in die Länge gezogen worden (wurde ich ja auch!), aber auch hier kann ich den Strang fühlen. Doch er ist hell! Und er beschreibt einen Bogen, der sich über die rechte Seite wölbt. Diese wird aufs Neue schwarz, fühlt sich ganz kompakt an und bildet dann ebenfalls einen Bogen. Am Ende berühren die beiden Bögen sich an den Spitzen. Das scheint mir richtig zu sein und ich beende die Übung voller Staunen über die eigenartige Erfahrung, aber gelassen.

Nathalie erklärt mir, dass wir während der Asanas, der Haltungen oder postures, zuweilen an alte Erinnerungen rühren, die ontogenetischer (die Entwicklung eines Lebewesens von der Keimzelle bis zu seinem Tod) und sogar phylogenetischer (die stammesgeschichtliche Entwicklung der Gesamtheit aller Lebewesen betreffend) Natur sein können.
Deswegen heißen, so sagt sie, die Asanas „Fötus“ oder „Kind“, aber auch „Kobra“, „Frosch“ oder „Schlange“.
Berühren wir eine solche Erinnerung, werden die dazugehörigen Emotionen offenbart und freigesetzt.
Augenscheinlich sei gerade diese Haltung interessant für mich (den Eindruck habe ich allerdings auch!) und wenn es mir möglich sei, solle ich die Tränen nicht zurückhalten, sondern sie ebenso willkommen heißen, wie alles andere, das ich empfinde, mit Aufmerksamkeit und Empathie.
Und dann loslassen …

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Das Yoga Projekt II

An einem Nachmittag im Oktober habe ich meine zweite Yogastunde und mir wird schon bei dem Versuch, am Morgen aufzustehen klar, dass mir bei der Planung dieses Tages ein gravierender Fehler unterlaufen ist.
Da wir am nächsten Tag Gäste erwarten, habe ich mir vorgenommen, Seitangulasch zu machen, was – wenn es denn was werden soll – eine Menge Arbeit ist. Eigentlich tut mir das gut: kochen. In Krisenfällen bin ich manchmal eigens einkaufen gefahren, um dann stundenlang in der Küche irgendetwas zu schnibbeln und zu köcheln. Wenn ich das anschließend alles einfrieren musste, weil grad gar keiner da war, um diese ganzen Mengen zu vertilgen, war’s auch recht. Ich hab dabei zu meiner Ruhe zurückgefunden. Aber erstens entspricht „Yogakurs“ nicht einmal in meiner Welt einem Krisenfall und zweitens setzt er mir einen Termin, zu dem ich mit der Kocherei fertig sein muss. Fertig gekocht, geduscht und umgezogen. Das kann auf keinen Fall klappen. Ich erwäge kurzfristig, gleich im Bett zu bleiben.
Konzentrieren muss man sich außerdem (beim Kochen, nicht beim „im Bett bleiben“). Und es ist nicht nur die mentale Vorbereitung auf das Abenteuer Yoga, die mich dafür viel zu sehr in Anspruch nimmt. Ich habe mir außerdem vorgenommen, Nathalie, der Kursleiterin, zu sagen, dass ich an Depressionen und Panikattacken leide. Dass sich eine Panikattacke soundso äußern werde, falls ich denn eine hätte, man sich aber keine Sorgen machen und mir auch nicht helfen müsse. Natürlich kann man mir in solchen Momenten durchaus helfen: Man kann mich an diese Sache mit dem Atmen, vor allem mit dem Ausatmen erinnern (meine Mutter hat das, als sie zum ersten Mal eine meiner Attacken miterlebt hat, ganz formidabel hingekriegt: „Du mußt atmen, Mädchen!“, hat sie gesagt, „Guck mal: Einatmen … ausatmen … einatmen … ausatmen …“). Ein Glas Wasser hilft auch – warum auch immer. Vor allem anderen hilft es mir, gesagt zu haben, dass da was kommen kann: Wenn ich erste Paniksymptome einfach „kommen“ lassen kann und nicht versuche, mich zusammenzureißen und „normal“ zu wirken, stauen sie sich gar nicht erst zu eine Woge auf. Aber wenn ich mich darauf hätte vorbereiten wollen, das alles auf Französisch zu erklären, gäb’s morgen trocken Brot und klares Wasser.
Natürlich hätte ich auch jemanden bitten können, zu dolmetschen, aber ehrlich gesagt bin ich es leid: Ich möchte selber für mich sprechen!
Das Gulasch zu streichen, wäre so oder so eine Möglichkeit gewesen.
Aber ich bin hier unter anderem angetreten, um zu erklären, dass für jemanden wie mich „Gulasch kochen“ (oookay, wir kochen das Zeug ein, es waren also schon ein paar mehr Mahlzeiten, die ich da heute vorbereitet habe) und „Yogakurs“ an ein und demselben Tag eine echte Herausforderung sind. In einer Welt, in der „normale“ Menschen Yoga nach einem kompletten Arbeitstag zu ihrer Entspannung einplanen.
Jetzt mal ehrlich, schon das ist schräg, oder?
Ich mag nicht die sein, die sich tatsächlich einen ganzen Tag lang ausschließlich auf die ungeheure Herausforderung der Teilnahme an einem Yogakurs vorbereiten muss.

Und tatsächlich renne ich zwar (unterbrochen von gelegentlicher Schockstarre) wie ein aufgescheuchtes Huhn in der Küche herum, aber soweit ich sagen kann, gelingt das Gulasch und ich bin auch pünktlich (nunja … auf den allerletzten Drücker) fertig.
Die Paniksymptome übrigens halten sich in Grenzen, es fühlt sich eher an wie sehr heftiges Lampenfieber. Und ich heiße nicht Streisand … ich hab’s bisher noch immer auf die Bühne geschafft …
Dünnpfiff sollte nach reichlichem Konsum von Flohsamenschalen physikalisch eigentlich unmöglich sein … schon erstaunlich, was Streß dennoch zu bewirken vermag …

Gleichwohl: Ich stehe pünktlich und in Sportklamotten auf der (Yoga)matte!
Nathalie ist gut vorbereitet und streut ganz en passant den einen oder anderen englischen Satz in ihre Erläuterungen ein. Die meisten benötige ich jedoch nur zur Bestätigung, dass ich sie vorher einigermaßen richtig verstanden habe: Wenn ich nicht gar so gestresst bin, verstehe ich eine Menge. Das Heraussuchen erster Vokabeln hat natürlich auch geholfen …
Ich habe das Gefühl, klarzukommen. Es macht Spaß! Und während einiger Momente fühle ich mich tatsächlich entspannt und bei mir.
Das anschließende Gespräch geht gut über die Bühne und ich muss nur für einen einzigen Satz ins Englische ausweichen.

Daheim angekommen bin ich immer noch so beschwingt, dass ich mich an der Unterhaltung mit einem französischen Essensgast beteilige. Nicht alle Sätze, die ich da beginne, kann ich auch beenden … aber hej, ich hab einen Anfang gemacht!

***

Am schönsten ist es, wenn Nathalie die Übungen auf Französisch erklärt und dann nur „yes!“ sagt – dann weiß ich, dass ich alles richtig verstanden habe.

***

img_16215-q-webEin paar Unterrichtsstunden später fahre ich schon fast entspannt zum Training.
Bis eines Abends plötzlich sehr viel mehr Leute da sind, als sonst: Offenbar ist ein anderer Kurs ausgefallen …
Also, genau genommen sind mit mir nur 13 Menschen im (gar nicht mal so kleinen) Raum, Matten sind auch genug da, eigentlich alles gar kein Problem …
Trotzdem ist es mir zu voll. Zu laut auch … Wohlgemerkt: Geschätzt die Hälfte der Teilnehmer hat bereits das Rentenalter erreicht, die benehmen sich objektiv ganz und gar ruhig und gesittet. Dennoch, zu viele Schritte, zu viel Geraschel, zu viel …
Zum ersten Mal fällt mir auf, dass in solchen Momenten sofort mein Sehvermögen nachlässt: Trotz Brille habe ich plötzlich Schwierigkeiten, die Gesichter der Menschen auf der anderen Seite des Raumes zu erkennen.
Und obwohl das in den letzten Wochen schon prima geklappt hat, verstehe ich jetzt die Anleitungen nicht mehr.
Zu allem Überfluß liege ich ungünstig: Ich achte immer darauf, nicht am Rand zu liegen – so kann ich jederzeit nach rechts und links spingsen, ob die anderen Teilnehmer auch das tun, was ich gerade verstanden habe.
Heute liege ich zwischen einer alten Dame, die sich nur unter Schwierigkeiten überhaupt bewegen kann und einem auch nicht eben jungen Herrn, der sich bezüglich der Details ebenso unsicher zu sein scheint, wie ich …
Ich ziehe in Erwägung, das Training abzubrechen, beschließe dann aber, es einfach als Erfahrung zu nehmen – zu beobachten, was passiert, auch wenn vielleicht kein Yoga draus wird.
Nach ca. 20 Minuten habe ich mich tatsächlich beruhigt. Alle liegen ruhig auf ihren Matten, wie gut ich sehen kann, spielt keine Rolle, weil ich eh die Augen zu habe, aber ich nehme zur Kenntnis, dass Nathalie nicht mehr kommt, um mir auf Englisch zu erklären, was ich tun soll. Ich komme auch so klar.

***

Beim letzten Tief habe ich den Kurs ausfallen lassen – ich hätte sofort losgeheult.
Ich bin jedoch nicht bereit, das „einreißen“ zu lassen und mobilisiere beim nächsten Mal die letzten Reserven, um am Training teilzunehmen.
Angenehm ist das nicht. Damit, dass ich unter Stress kein Französisch mehr verstehe, hatte ich gerechnet. Aber ich begreife auch die englischen Anweisungen nur unter Mühen. Und selbst wenn ich kapiere, dass ich den linken Fuß bewegen soll, weiß ich nicht, welcher von den beiden gemeint ist.
Alter Tanzlehrerspruch: „Die Herren beginnen mit dem rechten Fuß. Mit dem anderen rechten!“ …
Mein Problem war das nie, aber heute muß ich lange überlegen, bis ich mich in „posture“ gebracht habe.
Alles ist wahnsinnig anstrengend und teils auch schmerzhaft.
Bei den Atemübungen habe ich die allergrößte Mühe, nicht in Tränen auszubrechen.
Ich bemühe mich sehr, alles einfach geschehen zu lassen und nur zu beobachten.

***

Schon mittags stehe ich weinend in der Küche.
Ich habe Angst, dass ich wieder nix verstehe und alle mich für blöd halten. Ich habe Angst, mir wehzutun (nach dem letzten Training hatte ich eine Blockade in der Halswirbelsäule, dabei hab ich doch immer geglaubt, Yoga sei auch gut für meinen Rücken), ich habe Angst vor den Atemübungen, weil ich oft nicht genau verstehe, was ich tun soll und mir besonders eine sehr unangenehm ist.
Ich habe Angst, dass ich mitten im Training losheule. Ich könnte dann ja nicht einmal erklären, was mit mir los ist.
Zu Beginn des Trainings kommt Nathalie zu mir und fragt mich ganz selbstverständlich „which language will you understand today?“ und ich entscheide mich für „I’ll try French!“ …
Und es klappt!
Okay, es kommt vor, dass ich weisungsgemäß die Hände an den Körper nehme, den Hinweis „auf Schulterhöhe“ (was immer das auch auf Französisch heißen mag) jedoch nicht mitbekomme.
Andererseits sehe ich mit Erleichterung, dass auch andere TeilehmerInnen manchmal auf dem Rücken liegen, statt auf dem Bauch, weil ihnen schlicht ein Detail entgangen ist.
Die Übungen fühlen sich wieder angenehm an, ich habe nicht mehr solche Angst, mir wehzutun. Der Schwerpunkt liegt darauf, sich beim Ausatmen zu entspannen – so nimmt man die Positionen nicht ein, sondern gleitet hinein, das gefällt mir sehr.
Mitten im Training flattert plötzlich eine Fledermaus durch den Raum.
Nathalie packt ihr langes Haar unter eine Mütze (jeder kennt Geschichten von Fledermäusen, die sich in langen Haaren verfangen – dabei weiß gleichzeitig auch jeder, dass sie sich mittels Ultraschall orientieren und gar nicht in die Nähe von Hindernissen kommen. Ich habe auch noch nie von jemandem gehört, dem das tatsächlich passiert wäre …) und dann geht das Training mit Fledermaus weiter, bis das Tierchen irgendwo landet. Behutsam wird es von einer Teilnehmerin aufgenommen und in den unbeleuchteten Nebenraum gebracht: Dort haben sie ihr Winterquartier …

***

Nach gut vier Monaten fühlen sich „Yoga-Tage“ beinahe normal an …
Den gewohnten Ablauf wirbeln sie zwar immer noch ein wenig durcheinander, weil dann mittags warm gegessen wird und nicht wie sonst am Abend, aber ich muß mich – sofern ich eingermaßen stabil bin – nicht mehr ab dem Morgen mental darauf vorbereiten.
„Den Müll mitnehmen“, was naheliegend ist, wenn man schon mit dem Auto losfährt, klappt noch nicht. Einmal im „Zielanflug“ weiß ich Sportsachenanziehentaschentucheinsteckenwasserflaschedeckeundtaschenlampemitnehmen. Was sonst noch sinnvoll gewesen wäre, fällt mir immer erst ein, wenn ich gerade losgefahren bin.
Ich liege immer noch „mittig“, immer so, dass ich rechts und links spingsen kann. Teils entlastet mich das, teils funktioniert es wie ein phantomimisches Übersetzungsprogramm.
Nur die Atemübungen waren immer ein Wermutstropfen.
Um nicht zu sagen, ich hatte Angst davor …
Vor einer insbesondere, bei der der Atem in kurzen Abständen heftig ausgestoßen wird. Ich hätte (und einmal wäre mir das tatsächlich um ein Haar passiert) schon heulen mögen, wenn Nathalie uns zum Atralalaprana (so, oder ähnlich, ich kann mir nicht einmal die Bezeichnung merken!) eingeladen hat.
Die anderen Teilnehmer machen das dreißig, vierzig mal … Mir rät Nathalie zu zehn bis fünfzehn. Fünf. Drei sind auch prima …
Mich erinnert das fatal an diesen Spruch, dass ich heute Bäume ausreißen könnte. Na gut, Zweige … Grashalme. Grashalme sind okay!
Ich kapiere einfach nicht, was ich tun soll.
Und das liegt nicht an der Sprache. Ich höre die Worte, aber ich kann und kann sie nicht umsetzen.
Das ist, wie wenn man kein Rad schlagen kann und einem jemand erklärt, man solle einfach die Arme ausstrecken, Schwung holen und eine Hand nach der anderen auf den Boden setzen … Das ist leicht zu begreifen, aber der Körper weigert sich schlicht, es auch umzusetzen.
Mich erinnert die Übung an meine Panikattacken. Was objektiv unzutreffend ist: Das Problem bei Panikattacken, bzw. beim Hyperventilieren, besteht ja darin, dass man nicht ausatmet. Dennoch empfinde ich die Übung als quälend und würde mir wünschen, Nathalie würde sich nicht so sehr bemühen, mir dabei behilflich zu sein. Ihre Aufmerksamkeit macht alles noch schlimmer.
Nach vier Monaten nun habe ich plötzlich den Eindruck, zu spüren, was ich tun soll …
Den Bauch loslassen und die Luft hineinfallen lassen! Vorher hab ich immer versucht, bewußt einzuatmen …
Und dann mit dem Bauch wieder rausdrücken. Das geht dann auch mit Schmackes und fühlt sich lange nicht so anstrengend und verkrampft an, wie meine bisherigen Versuche, das mit dem Brustkorb zu bewerkstelligen.
Ich habe keine Ahnung, ob das jetzt so richtig ist, aber es funktioniert und es fühlt sich sehr viel besser an!
Danach bin ich so euphorisch, dass ich mich bei der nächsten Übung, bei der mit einem lauten Summen ausgeatmet wird, nicht mehr an den anderen orientiere – damit man mich nicht womöglich alleine summen hört – sondern tatsächlich meinem eigenen Rhythmus folge. Das ist toll!

Jetzt ist jetzt!

Es fällt mir generell schwer, negative Gefühle loszulassen: Hat mich etwas oder jemand verärgert, kann ich stunden-, ja tagelang darauf herumkauen und innere Dialoge führen. Und mir damit ganz wunderbar den Tag versauen.
Neulich, als es wieder einmal „soweit“ war, ist mir immerhin selber aufgefallen, daß es eigentlich ein sonniger Vormittag war und ich bis dahin ganz zufrieden in der Küche gesessen und Paprika geschnibbelt hatte. Für ein kulinarisches Experiment mal wieder, also etwas, das mir eigentlich Freude macht.
Daher habe ich beschlossen, mein Augenmerk einfach ganz konzentriert auf das zu richten, was bis dahin erfreulich gewesen war: Sonne, Küche, Paprika. Genauer: Sonne, in der man es draußen schon jetzt kaum noch aushält, eine erfreulich kühle Küche, ein Steinboden, der sich angenehm unter meinen nackten Füßen anfühlt, gartenfrischer, knackiger Paprika, der Duft von Knoblauch und Tomaten …
Und tatsächlich ist in meinem Kopf Ruhe eingekehrt. Es hat wieder Spaß gemacht.

Ich frage mich, ob es das ist, was mit Achtsamkeit gemeint ist und erinnere mich in diesem Moment daran, daß eine Bloggerkollegin mich schon vor Monaten gefragt hat, ob Achtsamkeitsübungen mir nicht vielleicht weiterhelfen könnten. Aber manchmal muss man das Rad einfach selbst (er)finden und sei es ein noch so kleines Rädchen …

Ich beginne also, (zugegeben: nicht wirklich planvoll) zu recherchieren.
So ganz ohne Misstrauen bin ich nicht – ich halte durchaus für möglich, dass Achtsamkeitsübungen die Chiasamen der Befindlichkeit sind … Superfood für die Psyche, das über kurz oder lang vom nächsten Wundermittel dovongehypet wird.
Aber sei’s drum: Versuch macht kluch!
Achtsamkeit, so lerne ich, ist eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit, die sich auf den Moment bezieht, ohne jedoch zu werten.
Auf den Moment, nicht auf Vergangenheit oder Zukunft – das klingt schonmal brauchbar. Achtsamkeit soll uns lehren, im Hier und Jetzt zu leben, gelassener zu werden. Perfekt! Nehm ich!

Was für mich zunächst einfach wie eine erstrebenswerte (Lebens)Haltung klingt, geht allerdings mit Meditationseinheiten oder mindestens Übungen einher. Idealerweise unter Anleitung.
Was ich durchaus verstehe: Bis heute erinnere ich mich an die Stimme unseres Betreuers in der Tagesklinik, der die progressive Muskelentspannung nach Jacobson angeleitet hat. Er hat immer gesagt, seine Anleitung spiele gar keine Rolle, wir müssten lernen, das allein und für uns selbst zu tun. Ich hab mir dann auch alle Mühe gegeben, aber sonderlich weit bin ich damit nicht gekommen.
Ich denke auch dankbar an Frau „locker und gelö*t“ zurück, bei der ich autogenes Training kennen lernen durfte.
Jahaha, der Spitzname ist ganz sicher despektierlich, aber ich hatte während des Trainings recht schnell den Eindruck, dass sie selbst scharfe und schneidende Laute zu vermeiden versucht hat: Deswegen haben wir uns am Ende des Trainings nie gelöst gefühlt, sondern – ehrlich, so klang das! – stets gelö*t …
Und ich hatte jedes Mal wieder Schwierigkeiten, ein Kichern zu unterdrücken …
Davon abgesehen war sie eine höchst einfühlsame Trainerin, deren Arbeit oft weit über die schiere Vermittlung von Techniken hinausging. Ich erinnere mich an eine „Sitzung“, bei der ich schlicht nicht in der Lage war, entspannt auf dem Rücken zu liegen, sondern bäuchlings Rotz und Wasser geheult habe, weil meine Mutter im Sterben lag. Es gab nicht viele Situationen, in denen ich mir das „gegönnt“ habe und die Selbstverständlichkeit, mit der sie mein Weinen hingenommen hat, hat mir damals sehr geholfen. Mit einschlägiger Literatur oder gegoogelten Anweisungen, wäre ich nicht halb – ach Quatsch! – nicht einen Bruchteil soweit gekommen.
Nun aber wird es ohne Anleitung gehen müssen.
Nicht, dass es nicht selbst hier auf dem Land das eine oder andere Coaching Angebot geben würde: Aber auch wenn ich absurd lange Anfahrten in Kauf nähme – ich verstehe nach wie vor die Sprache nicht gut genug.
Ich muss allein klarkommen, was – wenn man so will – letztlich ja sowieso Sinn der Übung ist …

Ein paar Dinge weiß ich schon: So kriege ich es zum Beispiel schlicht nicht auf die Reihe, mir regelmäßig x Minuten am Tag für mein wie auch immer geartetes Training freizuschaufeln. Selbst wenn ich den Rest des Tages grenzkomatös herumliegen sollte: Das kriege ich nicht hin. Und falls doch, gibt es ganz sicher irgendeine Störung. Mir das vorzunehmen, generiert also eher Stress.

Ich weiß ganz sicher, dass es Momente gibt, in denen ich mich mal besser nicht auf meine Atmung konzentrieren sollte. Wie man „in den Bauch hinein atmet“, habe ich zwar schon im Schulsport gelernt und meist genieße ich das Gefühl – aber angesichts einer tsunaminös heranrollenden Panikattacke zu erfühlen, ob ich womöglich gar hyperventiliere, bringt genau gar nix, versprochen.
Übungen, bei denen man den Atem einhält sind eher auch nicht meins: Da ich sowieso aufpassen muss, in angespannten Situationen nicht die Luft anzuhalten, fühle ich mich sehr unwohl dabei.
Mich mit der Frage zu befassen, was ich soeben empfinde, ist auch nicht so ganz ohne: Wenn mein Selbstwertgefühl sich gerade mal wieder schmerzerfüllt krümmt, weil sich die Erkenntnis aufdrängt, dass ich nichts, aber auch gar nichts wert bin, tue ich mir damit keinen Gefallen. Und Gefühlen wie Wut und Verletztheit widme ich sowieso schon viel mehr Aufmerksamkeit, als gut für mich ist.

Der Hinweis, dass Achtsamkeitsübungen für Menschen mit Depressionen nur bedingt zu empfehlen sind, kommt insofern nicht überraschend.

Dennoch scheint mir der Weg in die richtige Richtung zu führen und ich beginne, mir meine eigenen Achtsamkeitsübungen zu „basteln“ …
Es gibt keine Zeiten, während derer ich mich zurückziehe, um „achtsam“ zu sein – es geht mir ja auch viel mehr darum, im Leben zu bleiben.
Meine Aufmerksamkeit ist durchaus selektiv: Was ich nicht wahrnehmen kann, ohne es als unangenehm oder schmerzhaft zu werten, bleibt erstmal außen vor.
Stattdessen bemühe ich mich, offen für alle anderen Eindrücke zu sein.

IMG_16418-q-webDer Hof macht es mir leicht.
So gibt es zum Beispiel viele Gelegenheiten, in den Garten zu gehen – irgendetwas muss dort immer erledigt werden.
Das hohe Gras rauscht bei jedem Schritt, ich kann die Stellen, an denen es noch taufeucht ist, an meinen Füßen fühlen. Ich spüre Sonne und Wind und immer mal wieder Brombeerranken, die mir die Haut ritzen. Alle paar Meter kann ich andere Pflanzen riechen. Insekten summen, Eidechsen und vereinzelt Schlangen lassen das Laub rascheln. Meine Arme schlenkern beim Gehen. Die Kante der Kastanienkiste, die ich mitgenommenen habe, schneidet mir in die Handfläche. Nach einigen Metern kann ich fühlen, wie meine Mundwinkel sich entspannen.
Ich kann fühlen, wie ich mich entspanne.

Natürlich drängeln sich ab und zu Gedanken in den Vordergrund: Idealerweise Ideen für’s Abendessen oder für Blogtexte, aber – wie sollte es anders sein – auch mein Ärger.
Das menschliche Bewusstsein sei, hab ich gelernt, wie der Ozean, es schwappe halt ständig hin und her. Ein schönes Bild, fand ich. Weiter unten, in der Tiefe, sei es ruhig … aber so weit bin ich hier noch lange nicht. „Jetzt ist jetzt“ sage ich mir dann. Der Auslöser meines Ärgers ist Vergangenheit, ob er sich beheben lässt, merke ich in der Zukunft, aber jetzt geh‘ ich in den Garten!

Sollten angesichts dessen die Achtsamkeitscoaches dieser Welt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, erkläre ich hiermit meinen Weg in den Garten zur traditionellen cevenolen Schlendermeditation. Mir tut die gut.

To be continued …

Ein Ort in mir

Beim autogenen Training sollten wir uns einmal einen Ort vorstellen, an dem wir uns gut entspannen könnten.

Ich hatte den meinen innerhalb von Sekundenbruchteilen gefunden: Ein realer Ort, an dem ich viel Zeit verbracht habe und meistenteils glücklich war. Ich konnte ihn nicht nur deutlich und in allen Details vor mir sehen, sondern sogar beim Öffnen der Tür seinen ganz eigenen Geruch wahrnehmen.
Eine Erinnerung, die mich heute eher traurig macht, weswegen ich ihn nur noch selten aufsuche.

Ich merke, dass ich dringend einen Ort in mir selbst brauche, an dem ich mich verstecken kann, wenn das Rasen in meinem Kopf unerträglich wird. In solchen Momenten denke ich daran, wieder Medikamente zu nehmen und das möchte ich, wenn es irgend geht, vermeiden.
Ich muß mir einen neuen Ort schaffen.

Zunächst stelle ich mir Licht vor. Warmes, goldenes Licht, wie es entsteht, wenn die Sonne im Wald zwischen den Bäumen hindurch scheint.
„WarmesgoldenesLichtwarmesgoldenesLicht“ murmele ich lautlos vor mich hin, weil selbst ein solches Mantra mein Gehirn ein klein wenig ausbremsen kann.
„Einatmen – Ausatmen“ würde vermutlich auch funktionieren …

IMG_12517-q-webPlötzlich erscheint vor meinem inneren Auge eine Badewanne.
Eine altmodische weiße Badewanne mit Löwentatzen um genau zu sein.
Ich sehe meine Knie aus dickem Badeschaum ragen, in dessen Bläschen sich das Licht spiegelt.

Ändere also den Text meines Behelfsmantras in „WeißeBadewannemitLöwentatzen“ und versuche, mir den Rest dazu vorzustellen:
Goldene Wasserhähne? Bestimmt! Aber Löwenköpfe, aus deren Mäulern das Wasser sprudelt? Nee … eher nicht. Weiße Wände, die das Auge ausruhen lassen und außerdem zur Wanne passen? Oder doch lieber orientalisch opulent?

Es kommt kein Bild zustande.
Stattdessen ein sehr deutlicher Eindruck vom Weg dorthin: Schon als Kind habe ich mir, wenn ich ganz allein sein wollte, einen Raum tief unter der Erde vorgestellt, zu dem ein schmaler Gang führte.
Ich sehe ihn vor mir: Nur wenig breiter als meine Schultern, schwarzer, leicht glänzender Fels, eine Beleuchtung wie von Fackeln und eine steile Treppe, die ich aber hinuntereilen kann ohne Angst vor einem Sturz zu haben. Überhaupt ist die ganze Szenerie kein bißchen unheimlich, sondern verspricht im Gegenteil Geborgenheit. Ich versehe den Gang mit einer Tür aus massivem Holz, die ich an einem dicken Metallring hinter mir zuziehen kann. An seinem Ende soll es eine weitere Tür geben.

Ein schwarzer Gang und eine weiße Badewanne also …

to be continued …