Selbstversuche

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Ich hab mir immer große Mühe gegeben, mich nicht ganz und gar von meinen Ängsten beherrschen zu lassen.

Und hab mir nur zu gerne sagen lassen, es sei wichtig, sich zu „konfrontieren“.

Als ich begonnen habe, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, war es augenscheinlich gerade hip genug, dass es Fernsehdokus darüber gab. Da konnte man kopfschüttelnd und sich wohlig gruselnd anderen Leuten dabei zuschauen, wie sie versuchten, ihre Ängste zu überwinden. Und nein – ich meine nicht das Dschungelcamp.
Da ging es um Phobiker und Zwangsneurotiker wie dich und mich – nur schlimmer, weswegen das Anschauen irgendwie tröstlich war.

Diejenige meiner Ängste, gegen die ich mit der größten Ausdauer angerannt bin, ist meine Höhenangst.

Eigentlich eine, deren Auslöser sich im Alltag recht gut meiden lassen. Aber ich bin als Kind gern in den Bergen herumgekraxelt, ich hatte mal ein Leben ohne Angst! Und ich habe es überhaupt nicht eingesehen, mir von dieser schittigen Höhenangst den Bergurlaub versauen zu lassen.

Wenn man so will war das auch eine ganz gute Versuchsanordnung:
Berge, Höhe, Weitblick, Ausgesetztheit waren immer zuverlässig vor Ort, die einzige Variable war ich selbst.
Ich habe auf Hängen, über die Familien mit kleinen Kindern singend gezogen sind, weinend am Boden gesessen und mich an Grassoden festgeklammert. Ich bin diverse Male festgefroren, gekrochen, auf dem Allerwertesten gerutscht oder an der Hand geführt worden.
Bei Gruppentouren bin ich im Zweifel irgendwo geparkt worden. Und in einem Falle fast gegrillt: Die Sonne kam raus, aber ich konnte die Hände nicht vom Boden nehmen, um die Jacke auszuziehen.
Ich hab in Klettergärten vor Angst in den Wald gekotzt.

Klettersteige – falls sich jemand nicht mit der Materie auskennt – sind Einbahnstraßen: Man steigt an einer Stelle ein, klettert bis zum Ziel und steigt dann über einen sogenannten Normalweg wieder ab.
Ich war die, die von ihrem Bergführer angeseilt und unter beruhigendem Zureden gegen Fahrtrichtung geführt werden musste, da ich unterwegs beschlossen hatte, mit fest geschlossenen Augen einen Felsen liebzuhalten und diesen nicht mehr loszulassen. Mein ganz besonderer Dank gilt dem anonymen Kletterer unter mir, der ganz behutsam meine Füße genommen und sie an die richtigen Stellen gesetzt hat – ich selber hätte sie ganz bestimmt auf keinen Fall bewegt.
Ich habe allen zu danken, die ich an diesem Tag aufgehalten und damit auch gefährdet habe. Obwohl ein kräftiger Anschiss ob dieses Unfuges durchaus verdient gewesen wäre, waren alle sehr geduldig und verständnisvoll.

Eine Panikattacke dauert – wenn man in der Situation verbleibt – maximal 45 Minuten. Danach hat das Gehirn sich so sehr verausgabt, dass es ganz ruhig wird.

Anläßlich einer Kammwanderung hatte ich Gelegenheit, das auszuprobieren: Nach ca. 45 Minuten, die ich, die Augen fest auf den Weg gerichtet, unaufhörlich „weitergehenweitergehenblossnichtstehenbleiben“ murmelnd, mit pfeifendem Atem und beeindruckendem Blutdruck vor mich hingestapft war, war der Spuk vorbei. Die Angst war weg.

Richtig genießen habe ich das nicht können: Wenn das Gehirn fix und fertig ist, ist der Rest des Körpers es auch.
Und auch, wenn man in Fernsehdokus spektakulären Therapieerfolgen beiwohnen kann: Bei mir war der Erfolg genau von so langer Dauer, wie mein Gehirn brauchte, neue Kräfte zu schöpfen.

Als ich meiner Therapeutin von meinen Bemühungen berichtet habe, hat sie mich gefragt, wie ich denn vorgehen würde, wenn es um einen anderen Menschen ginge, eine Freundin mit Höhenangst zum Beispiel.
Meine Antwort war ganz spontan: „Das würde ich meinem ärgsten Feind nicht zumuten!“.
Wir haben das Thema dann nicht weiter verfolgt.

IMG_7333-q-webSeitdem gehe ich achtsamer mit mir und meinen Ängsten um.
Es zieht mich immer noch in die Berge, aber ich kehre jetzt um, wenn ich anfange, mich unwohl zu fühlen. Nicht erst dann, wenn es nicht mehr zu leugnen ist. Das erspart mir nicht nur dramatische Niederlagen. Ich mache wieder und wieder die Erfahrung, dass ich alleine zurechtkomme, dass ich, wo ich hochgekraxelt bin, auch ohne Hilfe wieder runterkomme. An guten Tagen sogar aufrechten Ganges.

Albern, das mühselig lernen und immer wieder üben zu müssen?
Willkommen in meiner Welt …

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