Ich kann auch ganz normal wirken!

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Auch depressive Menschen haben stabile Phasen, gute Tage, lichte Momente.

Ich glaube (und hoffe sehr!), dass ich dann auf meine Umwelt einfach vollkommen normal wirke. Und genau so möchte ich auch wahrgenommen werden. Genau so möchte ich gerne sein!
Wenn mir die „Normalität“ dann doch wieder einmal wegbröselt und es mir nicht mehr gelingt, auch nur den Anschein aufrecht zu erhalten, verkrieche ich mich und werde unsichtbar.

Was die ganze Sache vermutlich nicht einfacher macht: Sichtbar, augenscheinlich, offensichtlich ist ja, dass ich ticke, wie jeder andere auch.
Nur, dass ich dann plötzlich für mich reklamiere, krank zu sein …

Kein Wunder also, dass Menschen glauben, meine schlechten Tage seien so wie die ihren. Meine guten Tage scheinen ihnen das ja auch zu sein.
Anders würde ich es auch gar nicht haben wollen!

Wenn ich mich tatsächlich entspannt und unbeschwert in der Welt und unter Menschen bewegen kann, wenn ich über Nichtigkeiten reden, mich ereifern oder mich halb totlachen kann, dann möchte ich nichts mehr, als dass dieser Zustand normal sein möge. Dann möchte ich natürlich nicht, dass Menschen mich beobachten und sich denken „schau, heute hat sie einen guten Tag…“.

Wenn es mir an weniger guten Tagen schwer fällt, zu „funktionieren“, bin ich froh um jeden, der nicht so genau hinschaut, der mir erlaubt, den Schein zu wahren.
Blöderweise würde ich an schlechten Tagen genau das Gegenteil brauchen: Dass Menschen sehr genau hinschauen, kleinste Anzeichen bemerken und daraus schließen, „heute hat sie einen schlechten Tag“.

Es gibt Wechselwirkungen zwischen Gefühlen und Gefühlsäußerungen. Wer ein freundliches Gefühl hat, lächelt. Aber auch wer lächelt, empfindet in der Folge Freundlichkeit.
Bei kurzen Kontakten zu fremden Menschen, ist es relativ einfach, den Schein zu wahren: Ich bestelle lächelnd 3 Brötchen, die Verkäuferin lächelt zurück … geschafft!
Wenn ich vorher 10 Minuten Schlange stehen musste, kann es sein, dass aller Schein verbraucht ist – dann gibt es keine Brötchen.

Es hängt sehr von der Situation und den beteiligten Menschen ab, ob ich noch „normal funktionieren“ kann.
Smalltalk war mir schon immer ein Mysterium und ich bin sehr unsicher im Umgang mit Menschen. Wenn ich mich aber in einer Arbeitssituation befinde, wenn es nicht um meine Person, sondern um die Sache geht, fühle ich mich sehr viel sicherer.
Deswegen kann es mir passieren, dass ich problemlos in der Lage bin, ein Seminar zu leiten, mich zu einem netten Beisammensein aber nicht hintraue.
Selbst an ganz schlechten Tagen ist es regelmäßig vorgekommen, dass ich mich mit Müh‘ und Not zu einem Gruppentraining geschleppt habe – um dort eine Stunde lang völlig unbeschwert zu zaubern – und dann zitternd und völlig entkräftet nach Hause gefahren bin.

Und es hängt – ganz konkret –von dem einzelnen Menschen ab, mit dem ich es gerade zu tun habe.
Eine Freundin, der ich sagen kann, dass es mir heute scheiße geht, die nicht verlegen wird, wenn ich dabei weinen muss, mit der ich aber eigentlich in erster Linie einen Hundespaziergang machen möchte. Ich sage, ich weine, und dann gehen wir spazieren als wäre nichts.

Eine Freundin, sie selber depressiv ist. Die sehe ich vielleicht seltener – weil es in diesem Falle ja zwei Leuten gut gehen muss, damit ein Treffen zustande kommt – aber dann müssen wir nicht viel erklären um einander zu verstehen.

Tja, und dann die Menschen, die mir wirklich nahe stehen …
Diejenigen also, die mich regelmäßig in allen Lebenssituationen gut, irgendwie oder gerade so eben klarkommen sehen.
Die aber auch die einzigen sind, die mich noch zu sehen bekommen, wenn gar nichts mehr geht.
Die, von denen ich mir wünschen würde, dass sie akribisch vermerken „schau, jetzt hat sie einen schlechten Tag!“ …

Von diesen Menschen ist es vielleicht einfach sehr (oder gar zu) viel verlangt, immer und immer wieder zu wissen, wie das Verhältnis der Kräfte gerade jetzt aussieht. Und sie sind im Zweifel immer die, die mich vom Boden aufkratzen müssen – selbst dann, wenn es auch für sie so aussah, als würde ich durchaus klarkommen.

Gerade von diesen Menschen möchte ich verstanden werden! Ich brauche ihre Hilfe und Unterstützung und ich habe nicht immer die Kraft für lange Erklärungen.

Es muß anstrengend für sie sein, mit mir zu leben. Für mich ist es das jedenfalls …

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