„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …

… der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“.

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Es muss wohl dieser Zauber gewesen sein, der mir den Mut verliehen hat, mein Leben vollkommen umzukrempeln und hinfort zu versuchen, es ohne Psychopharmaka zu führen.
Unterdessen liegt der Anfang hinter mir und der Zauber leuchtet zwar noch hier und da auf, wölbt sich aber längst nicht mehr wie eine Glocke, deren voller Ton meine Tage durchdringt.
All das Neue wird Schritt für Schritt Alltag – mitsamt der alltäglichen Leiden und Nöte.
Natürlich war mir klar, dass auch ein Umzug in die Idylle eines cevenolen Bauernhofes keine Wunderheilung bewirken würde. Mehr noch, dass es einfach keine vollkommene Idylle gibt, auch wenn einem das zunächst vielleicht so scheinen mag.
Und natürlich habe ich trotzdem ganz heimlich genau darauf gehofft: Vielleicht würde die mediterrane Sonne ja nicht nur gegen Winterdepressionen helfen, sondern auch die meinen einfach wegbrennen.

Nun, ich habe immer noch Depressionen. Und ich schaffe es immer noch ohne Psychopharmaka.
Ich habe eine Packung meiner gewohnten „Antidepris“ dabei (falls mal was ist), verspüre aber selbst an ganz finsteren Tagen nach wie vor nicht das Bedürfnis, sie zu nehmen.

Irgendwann würde es an der Zeit sein, ein Fazit zu ziehen, einen Blick auf die Ergebnisse dieses „Selbstversuches“ zu werfen, hab ich gedacht.
Dabei habe ich mir eigentlich vorgestellt, das nach einer bestimmten Zeit – einem Jahr, drei Jahren, 1000 Tagen etc. – zu tun.
Dass es mich jetzt dazu drängt, hat eher mit einer Entwicklung zu tun, mit der ich – obwohl sie doch erhofft und beabsichtigt war – dennoch nicht gerechnet habe.
Ich habe schon immer gerne geschrieben. Nein, Schreiben war und ist mir ein Bedürfnis. Schreiben über die Dinge, die mich bewegen.

In den letzten Wochen hatte ich – auch wenn das vielleicht seltsam klingen mag – die allergrößte Lust, über Schafe und Wildschweine zu schreiben, über meine Versuche, Pflanzen zu ziehen, über meine Bemühungen, Wildkräuter zu bestimmen und mit den Essbaren darunter leckere Gerichte auszuprobieren. Über das, was mich bewegt halt …
Meine depressiven Tage oder womöglich Phasen sind etwas, das mir dabei im Wege ist. Sie sind lästig und fressen eine Unmenge von Zeit. Ich habe momentan nur wenig Lust, auch noch Zeit darein zu investieren, über sie nachzudenken.

Vor ein paar Tagen ist dann noch etwas hinzugekommen, das man wohl einen „Sachzwang“ nennen kann: Uns ist ein Hundewelpe zugelaufen.
Die klaren Strukturen, die Bestandteile meines „Starter Kits“, die mir im Laufe eines winterlichen Tiefs allesamt abhanden gekommen waren, sind mit einem Schlag „gesetzt“: Zumindest bei mir gehen Antriebslosigkeit und Gleichgültigkeit in Hörweite eines laut weinenden Hundekindes in Schall und Rauch auf. Ich wanke im Morgengrauen wie ein Zombie aus meinem Bett wenn der erste „Pipigang“ fällig ist und auch der Rest des Tages orientiert sich an den Bedürfnissen dieses kleinen Wesens.
Nein, das ist definitiv kein Plädoyer dafür, dass depressive Menschen sich einfach einen Hund anschaffen sollten (siehe: „Schaffen Sie sich doch einen Hund an!“).
Aber mir tut es gut: Hunde zu erziehen war mir Beruf, ist immer noch Berufung und Leidenschaft. Dieser kleine „Schubs“, dieser plötzlich auftauchende Sachzwang, schiebt genau das in den Vordergrund. Da ist gerade schlicht kein Platz für Depresse.

Das wird nicht auf Dauer so bleiben, soviel ist klar.
Aber jetzt ist es so und ich genieße es sehr!

Ich bin ein wenig schlechtgewissig, weil ich das Gefühl habe, die Schattentaucherin (also diesen Blog) zu vernachlässigen, die mir durchaus auch ein großes Anliegen ist.
Andererseits bin ich mir sicher, dass sie schon verstehen wird, sich wieder in das Zentrum meiner Aufmerksamkeit zu schieben: Das nächste Tief kommt garantiert.

Wer bis dahin verfolgen mag, was die Taucherin treibt, wenn sie sich in der Sonne bewegt, ist herzlich eingeladen, das hier zu tun: Durantis en blogue.

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Starter Kit

IMG_6438-qMein Starter-Kit für den Tag sind ein, zwei überschaubare Aufgaben, die ich – egal in welchem Zustand – ohne Zutun anderer erledigen kann.

Wachwerden und aufstehen funktioniert bei mir zuweilen erst nach ein paar Stunden bleierner Lähmung zwischen dem einen und dem anderen. Wecker hören, nicht wachwerden, aber trotzdem in Bewegung setzen, klappt zumindest als Selbstzweck auch nicht.
Und es reicht ja auch nicht, mich nur aus dem Bett zu quälen: Wenn ich es lediglich bis zum Rechner schaffe, aber nicht zur Türe raus, ist mir auch nicht geholfen.

Ja, weiß schon … Menschen wie ich benötigen klare Strukturen.
Und – seien wir doch ehrlich! – gegebenenfalls ein bißchen Druck dahinter.
Die Tagesklinik war da ein schönes Beispiel: Nachdem meine morgendlichen Startschwierigkeiten aufgefallen waren, weil ich ein paar Mal nach Beginn des Frühstückes in den Raum gehuscht war, wurde ein Punktekonto für mich eingerichtet. Mit ziemlich wenigen Punkten drauf und einem derben Punktabzug für morgendliches Zuspätkommen. Verbrauch sämtlicher Punkte gleich Rausschmiß aus der Klinik. So leicht geht das!

(Zumindest in der Klinik: Mein Therapieplatz dort war mir ganz außerordentlich wichtig (a.), die schlichte Teilnahme an einem als sowieso kaum erträglich empfundenen Alltag ist das in aller Regel nicht. Und es gab (b.) natürlich keinerlei persönliche Beziehung zwischen mir und denjenigen, die den Druck ausübten. Angehörigen möchte ich von dem Versuch, es mal mit Druck zu versuchen, ganz dringend abraten!)

Nur, dass hier niemand Zeit und Lust hat, mich zu kontrollieren. Hier muß ich mir meine Struktur schon selber basteln und alleine gucken, dass ich auch hinein finde.

Frühstück als Startpunkt ist für mich nicht sooo glücklich: Selbst an meinen allerbesten Tagen mag ich gleich nach dem Aufstehen noch nichts essen. Und die Gesellschaft irgendwelcher wohlgelaunter Frühaufsteher, die am Frühstückstisch heiter plaudern, kann ich ganz schlecht ertragen. Die mich wahrscheinlich auch nicht.

Für mich zählt eher der Arbeitsbeginn: Wenn ich den pünktlich schaffe, fängt der Tag schonmal gut an.
Im Sommer besteht das Starter-Kit zum Beispiel aus „Jungpflanzen gießen und Erdbeeren durchernten, bevor die Sonne draufscheint!“. Im Herbst immer mal wieder aus „Zäune ablaufen und gegebenenfalls reparieren bevor die Schafe abhauen!“.
Einmal in Gang gesetzt, gelingt es mir meist, für den Rest des Tages aktiv zu bleiben.
Ein komplett durchgetakteter Tag wäre mir zuviel, denke ich. Angesichts einer To Do Liste, die die Zeit bis zum Abend füllt, bliebe ich wohl lieber gleich im Bett.

Neben dem Starter-Kit gibt es einen Zielpunkt: Für das Abendessen bzw. seine Zubereitung bin ich verantwortlich.
Das fällt mir nicht schwer. Der späte Nachmittag ist sowieso meine beste Zeit: Der Tag ist mal wieder überstanden, die Angst vor der Nacht hat noch nicht begonnen – es gibt nur wenig, das mich bremst.
Und ich fühle mich sicher in „meiner“ Küche: Da ich nicht nur gerne, sondern auch ziemlich gut koche (und das ist jetzt mal richtig schwergefallen: Natürlich bin ich auch mit meinem Essen nie wirklich zufrieden), werden gewisse Köchinnen- (auch Hausdrachen-) Allüren diskussionslos akzeptiert: In der Küche gilt mein Regiment, ich brauche keine Hilfe (sofern ich nicht ausdrücklich etwas anderes sage) und ich will beim Kochen meine Ruhe haben!
Ein 1-A-Rückzugsort!

Und eine prima Möglichkeit, mir meine Arbeit so zu gestalten, wie ich sie gerade brauche.
Aber Obacht … Vorsicht mit Rückschlüssen: Wenn ich Gemüse „julienne“ schneide, kann das bedeuten, dass ich die Schnibbelei zur Beruhigung brauche, aber durchaus auch, dass ich einen kreativen Schub in Richtung thailändischer Küche habe.
„Schnell und einfach“ kann darauf hindeuten, dass ich mir heute nix zugetraut habe, aber auch auf das Gegenteil, dann war halt keine Zeit, auch noch aufwendig zu kochen.
So oder so ist das Abendessen ein Punkt, den ich den Tag über ansteuern kann.

Wichtig scheint mir zu sein, dass der Zielpunkt auch dann noch erreichbar ist, wenn ich den „Einstieg“ in die Struktur verpasse.
Als Angestellte war der Tag „gelaufen“ sobald ich mich arbeitsunfähig gemeldet hatte.
Als Selbständige, sowie meine Termine abgesagt waren.
Hier kann ich jederzeit in die Struktur einsteigen.

Es gibt immer Aufgaben, die klein, aber dennoch wichtig sind. Das Zählen der Schafe und Ziegen zum Beispiel. Herausforderungslevel genau null, aber es muß erledigt werden. Und man kann in noch so elendem Zustand zu ihnen hinwanken (sofern man es immerhin geschafft hat, ihre Futterdose mitzunehmen): Sind sie vollzählig und wohlauf, ist das schonmal erledigt.

Nebeneffekte:
Fehlen Tiere, müssen diese natürlich gesucht werden.
Meistens finde ich dann, dass „wenn ich bis hierhin schon gekommen bin“ ich auch die Suche noch irgendwie schaffe. Und die Sorge um die Tiere sticht die eigene Befindlichkeit.
Sind alle „an Bord“ genieße ich mein „Schafbad“: Sie sind sehr unterschiedlich zutraulich – manche klettern an mir hoch und verlangen nach Handfütterung, andere drängen sich zwischen meinen Beinen durch, so dass ich plötzlich rittlings auf ihnen sitze. Selten verlasse ich sie ohne ein Lachen.

***

Fehlt mir der Start oder Einstieg, oder kann ich nicht tun, was ich mir vorgenommen habe, weil zum Beispiel das Wetter nicht mitspielt, gerate ich schnell in eine Stimmung, in der ich gar nichts mehr beginnen mag.

Dann hilft nur noch das Hunde–Reset.
Habe ich schlechte Tage, ist es (gefühlt) immer zuerst der Hund, der zurückstecken muß. Und mein schlechtes Gewissen angesichts vernachlässigter Pflichten schlägt immer zuerst für ihn.
Folgerichtig beginnt der Wiedereintritt ins Leben in aller Regel mit einem Hundegang.