Startschwierigkeiten

Und dann denk‘ ich wieder, ich habe überhaupt keine Depressionen. Ich bin einfach nur undiszipliniert, faul und scheiße. Lahmarschig nicht zu vergessen.
Dass solche Gedanken nicht förderlich sind, ist mir bewußt. Bei anderen jedenfalls. Aber vielleicht sind sie bei mir nur unangenehme Wahrheiten?

Ich liege morgens im Bett und bin durchaus wach. Nicht so zerschlagen und bleiern wie an manchen Tagen. Wach. Vor mir liegt ein ganz normaler Tag, nichts Beängstigendes. Okay, die Aussicht „ein Tag wie alle anderen“ kann unter Umständen hinreichend beängstigend sein, aber so empfinde ich meine Tage auf dem Hof nicht. Ich liege im Bett, starre die Decke an und denke an die Dinge, die ich mir für heute zu tun vorgenommen habe. Meist sind es solche, die ich tatsächlich tun möchte. Irgendwann beginne ich, diejenigen auszusortieren, die ich vor dem Mittagessen sowieso nicht mehr schaffen werde. Später werde ich meine Planung auf die wenigen Dinge eindampfen, die ich tatsächlich erledigen muss. Für „möchte“ ist dann keine Zeit mehr.
Objektiv hindert mich nichts daran, einfach aufzustehen. Ich bleibe liegen. Ich liege da und verachte mich für meine Disziplinlosigkeit. Denn was sonst sollte mich hindern?
Jetzt nochmal einschlafen wäre schön! Wenn ich nochmal aufwache, den Tag noch einmal beginne, dann hab ich zwar TOTAL verpennt, aber das passiert anderen Leuten auch und vielleicht klappt der zweite Anlauf dann besser. Ich starre die Decke an.
Ein Bodyscan trägt häufig dazu bei, dass es mir besser geht, selbst an solchen Tagen, an denen ich mich tatsächlich depressiv fühle oder starke Schmerzen habe. Aber da geht dann noch eine halbe Stunde bei drauf und ich wollte doch längst aufgestanden sein! Stattdessen liege ich da und tue gar nichts.
Bis es mir irgendwann im Laufe des Vormittages doch noch gelingt, mich aufzurappeln. Aber auch dann bin ich immer noch extrem langsam, verbringe mehr Zeit damit, zu überlegen, wie ich das jetzt sinnvollerweise anfange, als ich brauche, um es tatsächlich zu tun. Um rückblickend festzustellen, dass es mir heute doch wahrhaftig gelungen ist, noch vor dem Mittagessen den Tisch zu decken! In solchen Momenten könnte man dann wirklich Depressionen kriegen …

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Shaolin

Als ich ein Kind war, wurde am Samstagnachmittag, wenn nicht „Daktari“ oder „Tarzan“, „Kung Fu“ geguckt – und am Sonntag waren wir dann alle Caine, der tapfere Shaolin-Mönch …
Ich vermute, das Einhorn hat dann auch vor dem Fernseher gesessen – zu meinem Text vom Atmen und vom Weinen bemerkt es jedenfalls folgendes:
„Ich behaupte, das Problem liegt darin, daß wir das Kind immer nur innen lassen sollen. Als Kind hätte ich mir pragmatisch im Wald einen ordentlichen Knüppel gesucht und Shaolin-Mönchsmäßig auf irgendwelche Bäume eingeprügelt. Was ich tatsächlich getan habe als Kind. Das Kind mal nicht innen lassen. Wie immer es heißen mag.“
Ich habe nie auf Bäume eingeprügelt. Caine übrigens auch nicht. Der hat, wenn es gar nicht anders ging (aber es ging nie anders!), die Bösen verdroschen und dem Guten zum Sieg verholfen.
Aber ich verstehe den Gedanken: Es ist sicher besser, Wut, Enttäuschung, Frustration rauszulassen, als mit der Zeit daran zu ersticken. Und wenn dabei nur ein paar Stöcke zu Bruch gehen und Rindenstücke durch die Gegend fliegen, dann scheint mir das grundsätzlich kein schlechter Weg zu sein.
Ich selbst kann mich überhaupt nicht erinnern, als Kind Wutanfälle gehabt zu haben.
Sehr wohl aber daran, dass es meinen Eltern (vor allem meinem Vater, glaube ich) außerordentlich wichtig war, Konflikte ruhig und sachlich zu klären. Im Gespräch. Für kindliches Schreien, mit dem Fuß aufstampfen, oder eben mit Stöcken auf Bäume einprügeln war da vielleicht einfach kein Platz.
Und heute würde es nicht mehr reichen. Wenn mich heute eine Wut überrollt, die womöglich seit Kindertagen darauf gewartet hat, endlich auf etwas einschlagen zu dürfen, dann sind Stöcke und Bäume (sorry!) Kinderkram. Dann will etwas in mir will ich, dass Dinge kaputtgehen, dass es weh tut. Das ist sinnlos und destruktiv und soll (will) es auch sein!

Deswegen hilft zum Beispiel „Holz hacken“ überhaupt nicht (oder mit der Spitzhacke arbeiten): Die körperliche Anstregung tut gut und ja, es macht Spaß, etwas kurz und klein zu schlagen. Ich hacke ausgesprochen gerne Holz! Aber es ist einfach zu konstruktiv, kommt doch etwas Brauchbares, ja Notwendiges dabei heraus …
Und natürlich sollte man seine Finger von der Axt lassen, wenn man nicht gelassen und konzentriert mit ihr zu arbeiten in der Lage ist: Bei aller Zerstörungswut will ich das Ding nicht in meinem Schienbein stecken haben!

In der für mich beeindruckendsten Folge von „Kung Fu“ (jedenfalls ist es die einzige, an die ich mich tatsächlich erinnere) ging es übrigens nicht um Kampfkunst, sondern um den Umgang mit der eigenen Angst: Caine soll in seinem Kloster auf einem schmalen Balken über ein Becken balancieren, das mit Säure gefüllt ist. Auf dessen Boden sieht man die Skelette derer, denen dies mißlungen ist. An sich ist die Aufgabe nicht schwer: Es sind nur wenige Schritte und der Balken bietet genug Platz. Dennoch stürzt er prompt. Und stellt fest, dass es sich bei der vermeintlichen Säure um klares Wasser handelt und die Skelette lediglich Bilder sind, mit weißer Farbe auf schwarze Tücher gemalt, die sein Meister nun milde lächelnd aus dem Wasser zieht. Es war einzig und allein seine Angst, die ihn hat stürzen lassen; die Angst vor einer Gefahr, die lediglich in seiner Vorstellung existierte.
Möglicherweise war ich zu jung, um hieraus eine Erkenntnis zu destillieren, die mich durch mein weiteres Leben zu leiten vermocht hätte. Oder aber die Weisheit der Mönche läßt sich via Fernsehserie dann doch nicht so richtig einprägsam vermitteln. Vielleicht ist genau das aber auch typisch für Angsterkrankungen: Da können noch so viele Mönche bemalte Laken aus klarem Wasser ziehen – für mich bleibt das Säure und ich gerate immer wieder aus dem Gleichgewicht.

Alice Wunder greift den Gedanken des Einhorns auf und fragt
„Warum nicht den Shaolinweg gehen und bewußt die Auseinandersetzung suchen? Die friedvolle, entspannende Meditation scheint ja da an Grenzen zu stoßen, wo die überflutenden dunklen Gedanken als Störung und Fehler wahrgenommen werden. Also warum nicht direkt Kampfkunst, wo die vermutete Angstquelle, das böse, von Beginn an Teil des Systems ist. Da heißt es dann: Selbstverständlich ist die dunkle Gasse bedrohlich und du hast allen Grund mit verkrampften Schultern und krummem Rücken rumzulaufen. Aber wenn du übst, deine Muskeln zu entspannen, kann der gelockerte Körper allem, was da kommen mag, einfach schneller auf die Nase hauen. Und Entspanntheit ist Mittel, damit man die Gefahren besser wahrnimmt. Je nach Vorliebe reichen da die möglichkeiten von engumschlungenem Ringen bis zu freistehenden Schwertübungen ohne jeden Körperkontakt.“

two-on-a-phacelie-q-webEin „Selbstverteidigungskurs!“ hat, als ich noch eine junge Frau war, immer ganz weit oben auf meiner to-do-Liste gestanden – nur gemacht habe ich ihn nie. Dennoch habe ich gelernt, mich zu schützen. Mich nicht wie ein Opfer zu bewegen, zum Beispiel: Mich eben nicht gekrümmt an der Hauswand entlangzudrücken, sondern aufrecht mitten auf dem Bürgersteig zu schreiten. Wenn es mir wirklich unheimlich war, habe ich meinen Schlüsselbund in die Faust genommen, so dass zwischen zwei Fingern jeweils ein Schlüssel hervorstak. Ich kann mich an eine Situation erinnern, wo – bis ich mit dem Arrangieren meiner Schlüssel denn mal fertig war – der entgegenkommende Mann, der mich beunruhigt hatte, die Straßenseite gewechselt hatte …
Statistisch sind, sofern man nicht in einer ganz üblen Gegend unterwegs ist, die dunklen Gassen eh viel weniger gefährlich, als sie erscheinen mögen, dennoch ist die Angst, überfallen zu werden, eine rationale.
Das Nervige an Angsterkrankungen ist eher, dass die Ängste nicht nur irrational sind, sondern man das zu allem Überfluss auch noch weiß … es nützt nur nichts … Selbstverständlich habe ich keine Angst davor, dass ab einer Anzahl von x Menschen in einem geschlossenen Raum diese plötzlich über mich herfallen werden. Ich empfinde in solchen Momenten überhaupt keine Angst. Ich verspüre Paniksymptome und wenn sie zu heftig werden, muss ich raus. Schnell. Deswegen wäre das Bewußtsein, mich im Fall der Fälle wehren zu können, zumindest für mich auch keine Hilfe.
Eher kann ich mir vorstellen, dass das sehr bewusste und konzentrierte körperliche Agieren sich positiv auf die seelische Verfassung auswirkt. In diesem Punkt allerdings ist mir persönlich Yoga lieber, weil es ohne Gegner auskommt.
Aber vielleicht liest jemand mit, der das mal ausprobiert hat und davon berichten mag …?

Hin und wieder habe ich die Auseinandersetzung durchaus gesucht.
Als mir vor einigen Jahren eher zufällig ein Flugblatt in die Hände fiel, das Kletterkurse unter anderem mit dem Argument bewarb, diese würden gegen Höhenangst helfen, habe ich mich kurzerhand zu einem solchen Kurs angemeldet. Und hab schon Schnappatmung bekommen, als mir im Vorgespräch klarwurde, dass geplant war, eine 25 Meter hohe Wand zu erklettern – ich hatte mir so 5 Meter vorgestellt …
Des weiteren hatte ich nicht bedacht, dass es sich bei besagter Wand nicht etwa um glatten Indoor-Beton mit bunten Kunststoff-Nuppies handelte, sondern um einen veritablen Felsen im Westerwald. Für den Fall eines Sturzes ins Seil hab ich mein Kinn schon auf jedem einzelnen Felsklümpchen aufschlagen sehen, das da aus der Wand ragen mochte …
Gemacht hab ich’s trotzdem. Ich hab mich 25 Meter Felswand hochgerauft und bei der Gelegenheit gelernt, dass der Fachmann es „Nähmaschine“ nennt, wenn die Unterschenkel vor Überanstrengung zu zittern beginnen. Hab mir die Knie grün und blau geschlagen, weil ich sie benutzt habe, um mich voller Erleicherung auf die nächste Felsstufe zu rollen anstatt ordentlich zu klettern. Aber ich bin oben angekommen!
Für die Abseilübungen musste ich am Händchen zum Startpunkt geführt werden. Dort habe ich mich mit fest geschlossenen Augen an den Felsen geklammert bis ich eingesichert war. Jetzt nach hinten fallen lassen? Kein Problem: Alles, was mich wieder nach unten brachte, war okay für mich! Nachdem ich mich im ersten Anlauf noch am Seil festgehalten hatte (was a. nichts bringt, denn, wenn der Mensch der einen sichern soll, loslässt, fällt man mitsamt dem Seil, und mir b. den schlimmsten Muskelkater meines Lebens eingetragen hat), habe ich Vertrauen gefaßt und mich freihändig abseilen lassen. Anfangs „geht“ man dabei die Wand hinunter. Später, wenn man den Bogen raushat, stößt man sich davon ab wie die SEKs im Krimi, wenn sie ein Gebäude stürmen. Es war toll!
Der Knoten ist dennoch nicht geplatzt: Höhenangst hatte ich hinterher immer noch.
Mit dem Leiter des Kurses bin ich später auf einen Viertausender gestiegen. Er meinte, ich könne das schaffen und ich hab mich so geehrt gefühlt, dass ich das Wagnis eingegangen bin. Als Teil einer Seilschaft, meinen Eispickel in der Faust, habe ich einen Gletscher überquert und bin über Gletscherspalten gesprungen. Ganz schmale nur, aber wenn man so davorsteht … All das trotz, nein, mit meiner Angst! Und ich glaube nicht, dass ich die einzige war, die auf dem Gipfel heulen musste – nicht vor Erleichterung, sondern schlicht überwältigt.
Damals war ich schon richtig krank (im Sinne von „monatelang krankgeschrieben“), das macht die Erinnerung, einen Berg „bezwungen“ zu haben, für mich zu etwas sehr Besonderem. Auf keinen Fall würde ich diese Tour missen wollen! Aber gesund gemacht hat sie mich nicht.

Bei besagter schwieriger Situation nun, die ich mittels Meditation zu bewältigen versucht habe, ging es nicht um Angst. Vermutlich auch nicht um Wut, sondern eher um Hilflosigkeit, Verletztheit. Um ein Gefühl, das ich vorher nicht einmal hätte benennen können.
Menschen mit einer sehr lebhaften Fantasie, habe ich einmal gelesen, die in der Lage seien, eine verhasste Person in ihrer Vorstellung zum Beispiel umzubringen, zu zerhacken und im Wald zu vergraben, würden im realen Leben nicht zu Gewalttaten neigen. Ich selber morde lieber indirekt: In Fällen echt mörderischer Laune gucke ich gerne Horrorfilme. „From dusk till dawn“ zum Beispiel habe ich zum ersten Mal nach einem echt üblen Tag im Büro gesehen – und bin anschließend sehr heiter und entspannt aus dem Kino gekommen. Wenn ich also wahlweise ein Dutzend Teenager geschlachtet, Aliens und Zombies losgelassen, oder aber die Hölle geöffnet habe, fühle ich mich gleich besser. Kurzfristig jedenfalls.

Ich las andererseits, dass die Energie der Aufmerksamkeit folgt. „Worauf Du Deine Aufmerksamkeit richtest, da geht auch Deine Energie hin!“
Sollte das zutreffen, tue ich mir keinen Gefallen, wenn ich in meiner Fantasie Hindernisse bewältige, Auseinandersetzungen für mich entscheide, Feinde in die Flucht schlage. Oder eben besonders mißliebige Zeitgenossen mit der Axt zu Wildschweinködern verarbeite. Weil ein und dieselben dunklen Gedanken ja immer wieder kommen. Schlag ihnen den Kopf ab und es wachsen zwei neue nach …

Das Achtsamkeitstraining, mit dem ich mich seit einigen Wochen beschäftige, beschreitet einen anderen Weg: Die dunklen, schmerzhaften Gedanken sind Gedanken wie alle anderen auch. Sie kommen und gehen. Sie gehen, sofern man sie nicht festhält. Vor allem aber sind sie Gedanken, keine Tatsachen.
Es geht, auch bei den schwierigen und schmerzhaften Gedanken / Erinnerungen / Situationen, nicht darum, diese zu bekämpfen, sondern mit ihnen zu leben. Mit dem normalen Jucken der Realität, wenn man so will.

Da ich erst kurze Zeit und vor allem fast* ohne Anleitung vor mich hin dilettiere, bin ich guter Dinge, dass bei meinen Meditationsversuchen das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist!
Das Ergebnis meiner Bemühungen ist zwar nicht immer so ganz das erhoffte, aber immerhin gibt es Ergebnisse! Und: Das Gefühl benennen zu können, anstatt einfach nur von ihm überrannt und gebeutelt zu werden, war für mich ein großer Durchbruch, das sieht die Schieferliebe ganz richtig. Ebenso wie die Erkenntnis, dass es nicht jetzt entstanden ist (in diesem Fall würde es wohl eher helfen, auf Bäume einzuschlagen, oder – besser noch – mit der berühmten Faust auf den Tisch zu hauen), sondern schon lange darauf wartet, endlich beachtet zu werden.
Mag sein, dass da noch ein langer Weg vor mir liegt, bis ich mal so friedvoll und gelassen draufkomme, wie man sich das vom Meditieren erhofft …

Als eine liebe Freundin von mir mit ihrer Psychoanalyse begann (wenn ich mich recht erinnere mit drei Terminen pro Woche, immer vor der Arbeit), hab ich sie gefragt, ob da nicht ein bißchen sehr viel Zeit bei draufginge. „Ich war 20 Jahre lang depressiv“, hat sie mir geantwortet „da habe ich Zeit verloren!“.

* MBCT (Mindfulness-Based-Cognitive-Therapy) ist eine Form des Achtsamkeitstrainings, die speziell auf Menschen zugeschnitten ist, die unter Ängsten und Depressionen leiden. Da ich nicht die Möglichkeit habe, an dem dazugehörigen 8-wöchigen Trainingsprogramm teilzunehmen, habe ich mir das entsprechende Buch sowie die CD besorgt.

Übungssache

Es heiße Achtsamkeitsübung, habe ich mir gemerkt, weil ich Achtsamkeit üben soll. Regelmäßig und unverzagt – von „Hinkriegen“ war nie die Rede …

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Ein Bloggerkollege beschreibt sehr schön, dass sein Atem jedes Mal, wenn er diesen beobachten will, ganz tief und gleichmäßig wird – weil er es einfach nicht hinkriegt, zu beobachten ohne zu kontrollieren.
Geht mir genauso.
Es sei denn, ich soll mich eigentlich auf mein linkes Knie konzentrieren – dann bemerke ich gelegentlich, dass mein Atem viel leichter und flacher geht. Und versuche, meine Aufmerksamkeit gelassen und freundlich auf mein Knie zurückzulenken.
Seit der Bodyscan allmählich zur Routine wird, scheint mein Körper eine Art vorauseilenden Gehorsams zu entwickeln: Ich versuche, mich darauf zu konzentrieren, wie ich daliege und *fump* werden meine Gliedmaßen schwer. Sekunden später registriert (obwohl „konzentrieren Sie sich auf ihren Atem“ noch gar nicht dran ist) mein linkes Nasenloch kühlen Luftzug. Fast zeitgleich beginnt mein linker Ballen durch eifriges Kribbeln zu „melden“.
Ich übe mich in Nachsicht und tue mein Bestes, der Routine zu folgen.

Mein Körper dagegen scheint regelmäßig andere Pläne zu haben …
Noch bevor ich selber recht bemerke, dass meine Stimmung instabil ist, stelle ich fest, dass diverse Körperteile sich via Kribbeln, Ziehen, Druck oder auch Schmerz bemerkbar machen, bevor ich eine Chance habe, meine Aufmerksamkeit auf sie zu richten.
Wenn Schultern und Nacken sich verkrampfen und regelrecht von der Matratze abzuheben scheinen, obwohl ich doch weiß, dass ich entspannt auf dem Rücken liege, darf ich davon ausgehen, dass ich einen schwierigen Tag vor mir habe.
Es fühlt sich an, als würden Teile meines Körpers an manchen Tagen nach Aufmerksamkeit schreien und nicht warten können, bis sie nach den Spielregeln des Bodyscans „dran“ sind.
Ulkigerweise hat das nichts mit tatsächlichen körperlichen Beschwerden zu tun.
Lange bevor ich morgens wach genug für einen Bodyscan bin, vollzieht sich ein „Check“ anderer Art: Ich bin nicht mehr die Jüngste und meine Wirbelsäule ist ziemlich im Eimer. Kann ich also den Kopf bewegen? Sind die Hände taub? Schmerzen die Ellbogen? Krämpfe irgendwo? Wo tut es heute am wehesten?
Man sollte meinen, dass eine konzentrierte und kleinteilige Betrachtung noch weit mehr Baustellen und Wehwehchen zutage fördert. Tatsächlich wird – zumindest was mich betrifft – umgekehrt ein Schuh daraus.

Schmerzen, die ich vorher durchaus habe, machen sich während des Bodyscans gar nicht und anschließend weniger bemerkbar. Als sei es nur darum gegangen, meine Aufmerksamkeit zu bekommen …

Ein wenig enttäuschend, vor allem aber lästig finde ich den Umstand, dass, seit meine Gedanken nicht mehr damit befasst sind, den Ablauf der Übung zu rekapitulieren, diese munter Bocksprünge vollführen.
Es sei ganz normal, dass immer mal wieder Gedanken oder auch Tagträume aufkämen, das habe ich verstanden. Momentan kommt es mir allerdings vor, als sei in meinem (Unter)bewußtsein ein verrückt gewordener Hund unterwegs, der wie besessen buddelt und alles, was er findet, wahllos in die Höhe schleudert. Gefühlt verbringe ich drei Viertel des Bodyscans ausschließlich damit, freundlich und ohne Ärger zum eigentlichen Gegenstand meiner Konzentration zurückkehren zu wollen.
Bedeutungslose Erinnerungsfetzen, Momentaufnahmen von Menschen und Situationen, die ich ganz sicher nicht kenne, Kränkungen, die Handlung irgendeines Krimis, Kochrezepte, schmerzliche Erinnerungen undundund wirbeln kunterbunt und absolut sinnfrei durcheinander.
Tage, an denen das in extremer Weise der Fall ist, pflegen ebenfalls keine meiner allerbesten zu sein …

Faszinierend finde ich allerdings, dass ich mitkriege, wie die Gedanken auftauchen. Und spurlos wieder verschwinden, wenn ich mich nicht mit ihnen befasse.
Während meiner schlimmsten depressiven Phasen hatte ich oft das Gefühl, von selbstquälerischen Gedanken geradezu überrannt zu werden und ich habe eine Menge Energie in den Versuch investiert, diese Gedanken abzublocken oder durch andere, angenehmere zu ersetzen.
Jetzt kommt es mir vor, als tauchten sie „unter anderem“ auf: Unter all den anderen Ideen, Erinnerungen, Bildern und gelegentlichen Absurditäten, die beim Buddeln in die Höhe fliegen.
Und wenn es mir gelingt, sie nicht aufzufangen, verschwinden sie ebenso, wie der ganze Rest.

Die eigenen Gedanken zu beobachten, ist ein Übungsziel, von dem mich noch das eine oder andere Lichtjahr entfernt, vermute ich.
Eigentlich bemühe ich mich, meine Aufmerksamkeit konzentriert auf meinen Körper zu richten. Im Hier und Jetzt zu sein und nicht in meinem Kopf …
Aber hej, es war nie die Rede davon, etwas Bestimmtes hinzukriegen! Remember?

Für mich ist die – wenn auch noch recht verschwommene – Erkenntnis, dass ich es bin, die durch ihre Aufmerksamkeit entscheidet, welcher der ausgebuddelten Brocken heute meine Welt darstellt, ein enormer Gewinn!

Vom Atmen und vom Weinen

Eine Weile schleiche ich schon um sie herum … die angeleitete Meditation zum Umgang mit schwierigen Gedanken oder Situationen. Die hat sich quasi eingeschlichen … verborgen auf der CD, die mir lediglich helfen sollte, den Bodyscan richtig zu praktizieren …
Genau das, was ich brauche, eigentlich. Vielleicht traue ich mich deswegen nicht heran …

Einen altbekannten, schmerzhaften Gedanken zum Üben hernehmen?
Nicht doch! Ich werd doch keine schlafenden Hunde wecken!
Da warte ich lieber, bis sich eine schwierige Situation von selbst ergibt und meditiere dann ganz authentisch!

Wen soll ich jetzt zuerst zitieren? Meine Therapeutin, oder gleich mich selbst als Hundetrainerin?
„Wir trainieren immer vom Einfachen zum Schwierigen! Deswegen beginnen wir auch nicht in solchen Situationen, in denen der Hund die Fassung verliert, sondern in den vielen anderen, in denen er eine Chance hat, alles richtig zu machen!“.
Notiz an mich selber: Diesbezügliche Gespräche mit der kleinen Inderin noch einmal rekapitulieren und sich endlich daran halten!

Gleichwohl: Ich bin jetzt verärgert und verletzt! Gucken wir also, was die CD so kann …

Gewahr zu werden, dass ich jetzt hier sitze, mich also ins Hier und Jetzt zu bringen, fühlt sich so oder so hilfreich an. Und das Bemühen, auf meinen Atem zu achten, bremst das Rasen meiner Gedanken. Es lässt mich allerdings auch umso deutlicher spüren, dass ich Schwierigkeiten habe, Luft zu bekommen.
Nun soll ich mir den schwierigen Gedanken / die unangenehme Situation vergegenwärtigen. Kein Problem: Ich stecke mittendrin!
Nein … anders … ich stecke in meinem Körper. Der sitzt und atmet und zumindest ersteres funktioniert ohne größere Beanstandungen. Was ich mir zu vergegenwärtigen versuche, passiert nur in meinen Gedanken.
Nur noch elfundneunzig Stunden der Übung, Meditation und Kontemplation und ich hab das völlig klar!

Für’s Erste vergegenwärtige ich mit äußerster Vorsicht und soll nun erspüren, wo in meinem Körper ich die Schwierigkeit fühlen kann.
Faszinierende Sache das: Bilder wie „im Nacken sitzen“, „auf dem Magen liegen“, „Bauchschmerzen machen“ etc. sind uns sowas von vertraut und natürlich kenne ich meine Stellen. Aber ich bin nie auf die Idee gekommen, mein Augenmerk darauf zu richten – ich habe mich im Gegenteil stets bemüht, solche Symptome zu ignorieren.

Im konkreten Fall ist die Frage schnell beantwortet: Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Auf meinem Brustkorb scheint ein Stein zu liegen. Ich kann nicht sprechen. Ich kann einatmen, aber die Luft geht nicht wieder raus!
An diesem Punkt läßt meine liebe Meditations-CD mich hilflos zurück: Ich soll in jenen Ort meines Körpers hineinatmen, an dem ich die Schwierigkeit spüren kann. Und wieder hinaus.
Was man tun kann, wenn die Schwierigkeit sich genau an dem einen Ort manifestiert, in den (mit dem!) man nicht nur bildlich, sondern tatsächlich atmen kann und muss, verrät sie mir nicht.

Ich entscheide mich für den pragmatischen Ansatz und konzentriere mich darauf, überhaupt zu atmen. Dabei fällt mir auf, dass der obere Brustkorb auch beim Bodyscan eine Region ist, die ich nicht erreichen kann. Andere Körperteile „melden“ Druck, Ziehen, Kribbeln … hier fühle ich immer nur eine Art „Platte“.
Sowie das Atmen in Schluchzen übergehen will, halte ich die Luft an.
Das war auch während meiner Therapie schon ein Thema, erinnere ich mich. Seitdem achte ich darauf, in Gesprächen die Schultern zu entspannen und möglichst gleichmäßig zu atmen. Wie vehement ich immer noch den Atem anhalte, wenn ich eigentlich weinen möchte, war mir nicht bewußt.
„Solange Sie atmen, ist mit Ihnen mehr richtig als falsch!“, habe ich gelesen.
Ich halte alles an, wenn die Verzweiflung zu groß wird …

img_12930-q-webWenn ich die Luft nicht anhalte, schreie ich. Da bricht sich kein erlösendes Weinen Bahn: Ich schreie. Sacke in mich zusammen, stürze zu Boden. Und schreie.
Und ja: Es hilft. Ich beruhige mich sehr viel schneller. Vielleicht, weil ich jegliche Energie verpulvert habe. Vielleicht aber auch, weil ich nicht mehr all meine Kraft in Kontrolle investiere, sondern beginne, den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Falls jetzt jemand das Bedürfnis verspüren sollte, zu sagen, das sei gut so, ich möge mal los- und meine Gefühle rauslassen: Darüber sprechen wir nochmal, nachdem DU Dich aus augenscheinlich geringfügigem Grund auf den Boden geschmissen und wie blöd losgeschrien hast, ja?
Mag sein, dass da eine Menge Wut und Verzweiflung darauf warten (gewartet haben) sich endlich einmal Bahn zu brechen, aber wir reden hier nicht von einem heilsamen Ausbruch innerhalb eines therapeutischen Prozesses, sondern von meinem Alltag. Von an sich nichtigen Ärgernissen oder Auseinandersetzungen, die mir komplett den Boden unter den Füßen wegziehen, weil mir plötzlich alles eins zu sein scheint: Es gibt keine alten Wunden und neuen Kratzer – es gibt nur eine einzige tiefe Verletzung.

Die Unangemessenheit meiner Reaktion beschämt mich.
Ich muss dabei an Szenen wie jene denken, in der sich Hinterbliebene in das offene Grab des verstorbenen Menschen zu stürzen versuchen. Da sind sicher große Gefühle im Spiel. Und dennoch wendet man sich peinlich berührt ab …

Ich nehme mir trotzdem vor, zukünftig die Luft nicht mehr anzuhalten.

Inzwischen habe ich mich einigermaßen beruhigt, atme und frage mich, ob es die sowieso geringe Tiefe meiner Meditation wohl arg beeinträchtigt, wenn ich mir zwischendrin die Nase schnäuze.

Nun soll ich das schwierige Gefühl benennen.
Ich bin wütend. Verletzt. Nein, eigentlich fühle ich mich ungerecht behandelt. Es ist ungerecht. Ich möchte wie ein Kind mit dem Fuß auf den Boden stampfen, so ungerecht ist das!
„Das Kind muß schließlich einen Namen haben!“ … „Was ist mit Ihrem inneren Kind?“
Ich hab Fragen nach meinem inneren Kind immer eher quälend gefunden, konnte nicht viel damit anfangen.
Aber vielleicht hat es sich hier ganz unverhofft einmal zu Wort gemeldet: „Das ist einfach ungerecht!“ …
Ruhe kehrt ein.

Ich lasse mir die Worte auf der Zunge zergehen. Ja, das paßt. „Ungerecht“ paßt. Das macht mich sprachlos, nimmt mir den Atem.
Ich richte meine Aufmerksamkeit zurück auf meinen ganzen Körper und beende die Meditation.

Ob das jetzt so im Sinne des Erfinders war? Ich habe keine Ahnung …
Wohl aber eine Idee, wo das hinführen könnte.

To be continued …