Ein Glückskind unter den Angstneurotikern

Häufig gehen Depressionen mit Ängsten einher.

Obwohl eine Freundin das einmal vollkommen anders und gleichwohl ganz unnachahmlich in Worte gefasst hat: „Ich habe vor gar nichts Angst. Ich stehe einfach nicht auf!“ …

IMG_12115-q-webObwohl es ungefähr 15 Jahre her ist, kann ich mich noch genau an meine erste Panikattacke erinnern. Ich stand (es war garantiert ein Freitagnachmittag) in der Warteschlange bei real und dachte mir „Du bist keine Asthmatikerin. Und das ist auch kein Herzinfarkt, der würde wehtun. Das muß eine Panikattacke sein …“.

Diese spontane Einsicht hat mir die Odyssee etlicher meiner Leidensgenossinnen und -genossen erspart, die verzweifelt von Arzt zu Arzt ziehen, immer auf der Suche nach dem, der endlich ihre körperliche Erkrankung diagnostiziert. Sie hat mir auch geholfen, in solchen Momenten nicht auch noch um mein Leben zu fürchten: Ich bin voller Vertrauen, dass ich nicht ersticken werde und mein Herz zuverlässig (wenn auch gerade extrem eilig) weiterschlagen wird.

Sonderlich angenehm ist die ganze Sache dennoch nicht: Pulsfrequenz und Blutdruck schnellen innerhalb von Sekundenbruchteilen in erstaunliche Höhen. Man beginnt zu zittern und bekommt kaum noch Luft. Oder zuviel davon, weil man das Ausatmen vergisst. Ehe man sich’s versieht, bricht man in Tränen aus, was zwar harmlos, aber auch irgendwie doof ist. Oder friert fest, was einen obendrein noch daran hindert, sich aus der Situation rauszuretten. Schluß ist mit „den Anschein wahren“.

Panikattacken behindern.

Bei vielen Menschen mit Angststörung sind es dieselben Situationen, die die Attacken auslösen: Supermärkte und öffentliche Verkehrsmittel, vollkommen alltägliche Ereignisse also, liegen ganz weit vorne. Dicht gefolgt von Menschenmengen. Zumal in geschlossenen Räumen. Wenn es ganz dicke kommt, erfüllt schon der Geburtstagskaffee im Familienkreis die nötigen Voraussetzungen. Natürlich hab ich am Kaffeetisch nicht „oh, jetzt hab ich aber Angst!“ gedacht – ich musste einfach nur SOFORT an die frische Luft. Und ich hab auch nie befürchtet, dass mir beim Einkaufen was zustößt. Ich hab bloß angefangen zu bibbern und zu japsen.

Ich erinnere mich lebhaft an einen sehr netten türkischen Supermarkt, in dem orientalische Musik lief, die ich gerne höre. Es war nicht einmal voll. Und ich mittendrin: Am Einkaufswagen festgeklammert, „ich muss hier raus, ich muss hier raus“ murmelnd und unfähig, mich zu bewegen.

Man kriegt die einfachsten Dinge nicht mehr hin.

Mir schien es nach mehreren Jahrzehnten Fahrpraxis nicht mehr möglich, bei Autobahnfahrten Position und Geschwindigkeit der anderen Fahrer einzuschätzen. Ich hab mir nicht mehr zugetraut, da mitzutun und bin nur noch – äußerst vorsichtig! – in der Stadt herumgefahren.

Aber es gab ja auch nicht mehr sooo viele Orte, zu denen ich noch hin gewollt hätte.

Es dauert nicht lange, bis schon die Angst vor der nächsten Attacke die ersten Symptome auslöst. Und es ist so verdammt verführerisch, einfach die Auslöser zu meiden.

IMG_7577-q-webVolksfeste und Multiplexe sind problemlos verzichtbar, keine Frage. Man muß auch nicht unbedingt in großen Supermärkten einkaufen. Der kleine fußläufige Laden um die Ecke kann sicher Unterstützung brauchen. Konzert und Theater werden stark überschätzt und daheim schmeckt’s eh besser, als im Restaurant. Die Stulle am Schreibtisch ist auch viel geruhsamer als das Mittagessen in der Firmenkantine. Und Treppensteigen ist gesünder als Aufzugfahren. Das mit Tantchens 80stem Geburtstag war dann schon blöd, aber das kann halt passieren, dass man mal krank wird. Der Radius wird immer kleiner und kleiner.

Wer bis dahin noch keine Depressionen hatte, bekommt sie vermutlich spätestens dann …

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