Hartgummi

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Als ich zu mir komme („aufwachen“ trifft das, was mir da passiert nicht wirklich), scheint mir mein Kopf mit einer kompakten, dumpfgrauen Masse gefüllt zu sein. Darin: Nix. Keinerlei Bewegung. In meinem Körper dagegen scheint etwas zu schwanken, so als wäre ich ein Behälter, in dem eine Flüssigkeit träge schwappt.
Ich habe Schmerzen. Meine Hände und Unterarme fühlen sich an, als würde jemand darauf sitzen. Ich kann das Gewicht spüren. Bei den Unterschenkeln ist es ähnlich. Ich kann mich nicht bewegen.
An guten Tagen fällt mir irgendwann ein, dass ich am Vortag vielleicht eine Schieferplatte gestemmt habe, die so ein klitzekleines bißchen zu schwer war. Oder ein Schaf über einen Zaun gehoben. Dann lohnt sich der Versuch, sich zu bewegen: Es kann zwar sein, dass ich die ersten Meter laut jaulend hinke, aber erfahrungsgemäß hilft die Bewegung.
Erfahrungsgemäß habe ich dann aber auch kein Hartgummi zwischen den Ohren, sondern einzelne Gehirnzellen, auch wenn sie müde und verzagt sein mögen.
Heute ist eindeutig Hartgummi

Und gestern war Einkaufstag. Eine Stunde Autofahrt in die nächste größere Stadt, Abklappern sämtlicher Läden, aus denen für die nächsten 14 Tage etwas benötigt wird, Rückfahrt.
Der große Supermarkt, der regelmäßiger Bestandteil dieser Tour ist, wurde vor einiger Zeit vergrößert und umgebaut – nichts ist mehr da, wo es vorher war. Innerhalb von Sekunden verliere ich die Orientierung. Eigentlich müsste ich jetzt ruhig und strategisch den kompletten Laden ablaufen, mir einmal den Überblick verschaffen, was jetzt wo zu finden ist. Keine Zeit dafür. Unter Mühen finde ich das Regal, an dem meine Entscheidung gefordert ist: Meine alte Haarbürste ist zerbrochen, ich benötige eine neue.
Es scheint ein paar Dinge zu geben, die dem Deutschen selbstverständlich, dem Franzosen jedoch völlig unbekannt sind: Dazu gehören Sauerrahm, Amarettini und Sauerkirschen im Glas. Und – wie sich zeigt – stinknormale Skelettbürsten. Fassungslos stehe ich in einer Abteilung mit geschätzt 35 Sorten Shampoo und 3 verschiedenen Haarbürsten. Für mich ist keine dabei.
Ich verlasse den Supermarkt geschlagen: Zum eigentlichen Einkauf habe ich nichts beigetragen und den einen Punkt, den ich auf meinem Zettel hatte, habe ich nicht erledigen können. Stattdessen habe ich eine Menge Kraft darein verballert, den Ausgang zu finden und nicht zu weinen. Ich hätte keine Panikattacke bekommen so mit Zittern und Hyperventilieren. Ich hätte einfach nur leise geweint. Mich hingehockt, den Rücken irgendwo angelehnt und geweint. Spätestens seit „Streets of London“ gibt es das Bild der alten Frau, die einen Einkaufswagen mit ihrer Habe vor sich herschiebt. Ich habe ein Bild einer alten Frau, die in einem Supermarkt hockt und weint. Und ich will nicht diese Frau sein.
Eines ist seltsam in solchen Momenten, das ist mir auch in Deutschland schon aufgefallen, aber ich kann es mir bis heute nicht erklären: Wildfremde Menschen schauen mich an und lächeln.
Sie haben nicht den irritierten, leicht abgestoßenen Blick von Menschen, die etwas sehr Absonderliches beobachten, sie wirken auch überhaupt nicht befangen oder mitleidig. Sie lächeln ganz offen und freundlich. Ich habe keine Ahnung, womit ich das verdient habe. Ich erwidere es, so gut ich kann. Den Rest heimse ich ein.

Den restlichen Einkauf erledigt mein Autopilot.
(So kommt es mir dann jedenfalls vor. Tatsächlich – habe ich mir kürzlich sagen lassen – bleibe ich zwischendurch immer wieder ohne ersichtlichen Grund stehen. Vor Regalen fällt das nicht weiter auf, solange man nicht bemerkt, dass ich nur dastehe, aber nichts aussuche. Aber offenbar stehe ich manchmal auch mitten im Gang. Irgendwann setze ich mich dann wieder in Bewegung. Seit ich das weiß, frage ich mich, was ich gruseliger finden soll: Die Tatsache, dass ich selbst nichts davon bemerke, oder die Vorstellung, wie ich mich fühlen würde, wenn es mir auffiele …)
Ich bin ja nicht wirklich verantwortlich, sondern laufe nur mit. Ebenso gut könnte ich im Auto sitzen bleiben. Würde ich. Aber es ist zu heiß.
Und wer weiß? Vielleicht wird Tapferkeit doch belohnt?
Vielleicht nimmt mich – über das Lächeln von Fremden hinaus – irgendwann jemand in den Arm und lobt mich dafür, dass ich mich so tapfer schlage? Oder es wenigstens versuche?
Nichts dergleichen. Ich verballere einfach nur meine letzten Reserven.

Und deswegen erwache ich mit Hartgummi im Kopf und Blei in den Gliedmaßen. Ich habe mich vollkommen verausgabt. Bei einer spektakulären Unternehmung, die andere Menschen für ihren Alltag halten.

Hartgummi hat immerhin den Vorteil, dass ich nicht grübeln kann. Ich denke gar nicht erst darüber nach, dass ich nicht kann, obwohl ich doch müsste. Ich denke gar nicht. Stattdessen bin ich sehr damit beschäftigt, mich ab und zu vom Rücken auf die Seite zu drehen. Und wieder zurück. Immerhin.
Es geht mir nicht besser, wenn ich aufstehe, auch wenn das ganz offensichtlich scheint. Ich stehe auf, sobald es mir besser geht. Die Distanz zwischen der Idee, dass ich mich jetzt wohl mal aufrecht hinsetzen könnte und deren Umsetzung ist auch dann noch lang und anstrengend genug. Das Gehen fällt schwer. Da, wo eigentlich mein Herz sein sollte, füllt sich eine große Blase mit Luft. Mir ist schwindelig und es fühlt sich an, als würden meine Arme haltsuchend herumrudern – obwohl sie das nicht tun, ich halte mich nur hie und da ein bißchen an der Wand fest. Nach kurzer Zeit bin ich so erschossen, dass ich zurück ins Bett muss. Ich fühle mich kein bisschen deprimiert. Nur müde. Sehr müde.

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Status panicus

… ist die Bezeichnung, die ich mir für einen ziemlich unangenehmen Zustand ausgedacht habe, mit dem ich mich zuweilen herumschlage.

Auf die Idee, das mal zu googeln, hat mich erst eine Bloggerkollegin gebracht und in der Tat fand ich in einem medizinischen Wörterbuch folgendes:
„Eine Panikattacke, die nicht abklingt, sondern über viele Stunden, Tage oder Wochen anhält, ohne sich zurückzubilden.“

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Dass es sich hier um eine richtig ausgeprägte Panikattacke handelt, nehme ich mal nicht an – zumindest würde ich das echt niemandem wünschen.
Es sind sind einfach einzelne Symptome, die leicht bis mittelschwer ständig da sind: Druck auf dem Brustkorb, Schwierigkeiten beim Atmen, Zittern und das Gefühl, jederzeit in Tränen ausbrechen zu müssen. Ohne dass sich ohne weiteres ein Auslöser identifizieren ließe.
Wie, wenn man niesen muss und nicht kann – nur sehr viel unangenehmer. Außerdem wirkt ein kräftiger Nieser, wenn er denn kommt, befreiend, was ich von einer Panikattacke nicht behaupten kann. Trotzdem sehne ich sie irgendwann geradezu herbei.

Das Gefühl, dass meine Grenzen überschritten werden, scheint mir dazu beizutragen. Ich finde das Verhalten anderer Menschen schnell auf eine Art und Weise übergriffig, die ich ganz schlecht ertragen kann.

Nur …, was tun?
Ich käme mir blöd vor, jeden Menschen, den ich kennenlerne als erstes über meine „no-go-area“ zu informieren. Es ist auch nicht immer Zeit und Gelegenheit dafür. Und wenn „es“ erst einmal passiert ist, bin ich viel zu aufgeregt.
Ich fühle mich dann vollkommen wehrlos, zu Unrecht angegriffen, befürchte weitere Übergriffe und gerate in eine Spirale, aus der ich so ohne Weiteres nicht mehr herauskomme.
Ein hilfsbereiter Mensch, der dann statt meiner erklärt, wo meine Grenzen sind, löst dieses Problem zwar, aber dann komme ich mir endgültig lächerlich vor.

Einmal in der Spirale, können schon ganz geringfügige Vorfälle mich weiter in die Höhe treiben: Eine doofe Diskussion bei facebook und der Tag ist gelaufen …
Zumindest was facebook betrifft, weiß ich, was ich tun kann: Großzügiger Einsatz des Scroll-Balkens und ggf. ein Tag Abstinenz – danach wird dort eh eine andere Sau durchs Dorf gejagt.
Der Rest der Welt macht mich bislang etwas ratlos …

Entspannungstraining wirkt geradezu kontraproduktiv. Mich Einigeln und in den Schlaf flüchten will ich eigentlich nicht mehr.
Irgendwann, meist nach einigen Tagen, verschwindet der Spuk von selbst ohne zwingend mit einer Attacke zu enden. Die habe ich glücklicherweise eher selten.
Vielleicht wüsste ich besser, was diesen Zustand zu beenden hilft, wenn ich ihn genauer beobachten würde. Andererseits habe ich den Eindruck, dass wenn ich auch noch anfange, meinem Zittern und der Atemnot große Aufmerksamkeit zu widmen, statt mich zu bemühen, sie so weit als möglich zu ignorieren, ich um so schneller um die Lampe tobe.

Eigentlich habe ich auch gar nicht den Ehrgeiz, dass alles zu erkennen und zu verstehen: ein Knopf zum Abschalten würde mir vollkommen genügen.

Therapiehund

Oskar wurde nicht „angeschafft, weil Hunde depressiven Menschen gut tun“ .
Dennoch hat er sich den Job ganz eigenständig an Land gezogen und macht ihn ausgesprochen gut – wenn auch nicht ganz so, wie der gängige Ratschlag es vorsieht …

Ob ich einen richtig schlechten Tag habe, scheint er noch vor mir zu wissen: Wenn ich es schaffe, ein Auge aufzumachen, liegt er schon dicht neben meinem Bett (wozu er sonst eher nicht neigt) und mag auch dann dort bleiben, wenn er Gelegenheit hätte, nach draußen zu gehen. Er schläft.
Es ist genau dieses völlig entspannte Bei-mir und Für-mich-da sein, das mir gut tut: Kein besorgter Blick, kein „Es ist 9:00 (11:00, 15:00) Uhr! Willst Du nicht doch mal versuchen, ob Du aufstehen kannst?“.
„Du bleibst liegen? Dann schlaf ich noch ne Runde!“ …

Auch wenn es mir irgendwann gelingt, aufzustehen, bleibt er stets in meiner Nähe.
Dass die Gassigänge an solchen Tagen ultrakurz sind, scheint den bewegungsfreudigen Workaholic nicht weiter zu stören.
Bei einem Seminar zum Thema „Depressionen beim Hund“ (auch die gibt’s) hab ich vorsichtshalber den Dozenten gefragt, ob ich meinem Hund möglicherweise Schaden zufüge, ob der vielleicht einfach resigniert.
Ein zugewandter, initiativer Charakter wie Oskar, meinte er, ließe sich von meiner Stimmung nicht anstecken – der würde die aussitzen. Nun: Ausliegen …

Meine erste Amtshandlung wenn dann wieder irgendwas geht, ist natürlich eine gemeinsame Unternehmung!
Hundebegegnungen, die immer ein wenig heikel sind, werden schwieriger, wenn es mir nicht gut geht. Da ich in diesen Phasen aber sowieso in möglichst einsame Gegenden ausweiche, fällt das nicht allzu sehr ins Gewicht.
Seine Jagdpassion dagegen, die sonst meine ungeteilte Aufmerksamkeit oder aber eine Leine erfordert, läßt extrem nach: Offenbar hat er nicht den Eindruck, er könne mich grade mal für ein paar Minuten allein lassen …

Sofern es ihm irgend möglich ist, übernimmt er die Führung, wenn er merkt, dass ich Angst habe. Am deutlichsten sieht man das in den Bergen: Normalerweise ist er ein großer Stöberer und Jeden-Meter-drei-Mal-Raser, wenn sich aber meine Höhenangst „meldet“, ist er plötzlich ganz bei mir. Dann läuft er ein paar Meter, schaut sich nach mir um und wartet, dass ich nachkomme. Gegebenenfalls kommt er zu mir zurück und „holt“ mich.
Und tatsächlich habe ich mit seiner Hilfe schon mehr als eine Passage bewältigt, während derer ich ansonsten in bewährter Manier festgefroren wäre.
Ist die Wackelpartie überstanden, ist mein Hund wieder auf und davon …

Panikattacken überfordern ihn. Er hat jedoch beobachten können, dass es Menschen gibt, die mir in solchen Momenten helfen können. Also wendet er sich an sie: Stupst sie an und fordert Hilfe ein.

Am meisten beeindruckt mich jedoch, dass sein Verhalten beim gemeinsamen Spiel sich verändert.

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„Angeberball“ ist ein Spiel, das Oskar mir beigebracht hat: Monatelang hab ich mich darüber geärgert, dass er ein bestimmtes Spielzeug (einen Ball an einer Schnur) einfach nicht apportieren wollte. Stattdessen ist er laut knurrend damit im Kreis herumgerannt, hat es sich um die Ohren geschlagen, oder mit herausforderndem Blick darüber gestanden (also damit angegeben wie eine Tüte Mücken), um bei meiner Annäherung gleich wieder wegzuspringen. Da konnte ich schimpfen oder locken soviel ich nur wollte, ihn mit der Schleppleine zu mir dirigieren oder völlig frustriert davonstapfen. Nichts half.
Bis ich endlich begriffen habe, dass er mir ein Spiel angeboten hat: Ich sollte mit ihm rennen und ihm den Ball abjagen!

Natürlich hatte ich keine Chance! Er hat dann auch nur kurze Sprints eingelegt und ist anschließend wieder in meine Richtung gelaufen um mir die Chance zu geben, ihm – ebenso erfolglos – den Weg abzuscheiden. Immer ganz knapp außerhalb meiner Reichweite.
Hat er sich zwischendurch, den Ball zwischen den Vorderpfoten, hingelegt, habe ich versucht, mich rücklings anzupirschen, bin unter wüsten Drohgebärden auf ihn zu gestampft, in Vorderkörper-Tiefstellung gekrochen oder johlend und winkend losgerannt. Immer wenn ich den Ball beinahe hatte, war mein Hund wieder auf und davon. Zufällige Beobachter mögen sich ihren Teil gedacht haben …
Ich kann das Spiel beenden, indem ich ihm ein „Sitz“-Signal gebe, aber meist toben wir herum bis er beschließt, ich dürfe den Ball jetzt zur Abwechslung auch mal werfen.
Die pädagogische Sinnhaftigkeit mag diskutieren, wer will: Wir haben einen Mordsspaß dabei!

Das Spielen mit meinem Hund hilft mir besonders an solchen Tagen, an denen ich mich mit diffusen Ängsten herumschlage. Zwar bewege ich mich langsam und kann nur sehr begrenzt den Kasper machen, aber ich merke, dass es mir gut tut. Und ich erwische den Ball!

IMG_1141-q-webAn richtig miesen Tagen lässt mein Hund mich gewinnen!
Ich bin schon lange überzeugt, dass Hunde „Erfolg“ kennen, dass sie stolz sind und sich freuen, wenn sie etwas richtig gut hingekriegt haben – auch ohne Rückmeldung durch Lob oder Belohnung.
Dass Oskar augenscheinlich zu der Annahme in der Lage ist, auch ich werde mich freuen, wenn es mir denn ausnahmsweise einmal gelänge, ihm den Ball abzuluchsen, und dass er mir die Freude tatsächlich macht, haut mich – ehrlich gesagt – um.

Mir tut mein Hund gut!
Aber nicht, weil seine hundlichen Bedürfnisse mich aus dem Haus zwingen (im Gegenteil, er stellt sie ja für mich zurück), sondern weil er tatsächlich in der Lage ist, meine Bedürfnisse zu erspüren. Und sie erfüllt, so gut er kann.
Dafür bin ich dankbar. Sehr dankbar.

„Du kriegst das, wenn es Dir in den Kram passt!“

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Autsch! Das saß …

Neben den üblichen Auslösern kann es natürlich auch schlichte Aufregung sein, die mich plötzlich bibbern und nach Luft schnappen läßt.
Bei Meinungsverschiedenheiten zum Beispiel, wenn ich mich mißverstanden, geringschätzt, ungerecht behandelt fühle.

Was – zugegeben – schnell gehen kann.

Wenn mir eine Stunde vor der Party, auf die ich mich seit Tagen gefreut habe, klar wird, dass da viele Menschen in einem Raum sein werden. Richtig viele. Dass da Musik laufen wird und zwar LAUT.
Wenn mir also eine Stunde vorher klar wird, dass ich es wieder mal nicht schaffen werde.
Wenn das mal wieder soweit ist, dann ziehen
„Reißdichmalzusammenversuchswenigstensdubistunzuverlässigundversaustallendenabend“ Diskussionen mir ratzfatz den Boden unter den Füßen weg.

Es geht mir nicht darum, in solchen Momenten meinen Willen durchzusetzen!
Ich will das doch gar nicht!

Natürlich ist es schwierig, mit einem zitternden und weinenden Bündel Diskussionen zu führen. Nein, es ist unmöglich. Man muß mindestens warten, bis das Bündel sich beruhigt hat, besser noch trösten und es dann gaaanz vorsichtig nochmal versuchen.

Dass man das unfair und manipulativ finden mag, leuchtet ein.

Aber mal ehrlich: Ich kann mich artikulieren. In guten Momenten bin ich geradewegs eloquent. Ich kann argumentieren. Und ich lass mir die Butter nicht vom Brot nehmen.

Ich habe es überhaupt nicht nötig, eine tränenreiche Show zu inszenieren, um meinen Willen durchzusetzen!

Und ich hasse es, wenn ich merke, wie mein Brustkorb enger wird, wie meine Hände Halt suchen bevor das Zittern beginnt.

Ganz ehrlich: In solchen Momenten wünsche ich mir Diskussionen, Wortgefechte, wegen meiner zünftige Kräche!

Aber nicht diesen erbärmlichen Zustand.

Und vor allem würde ich lieber einfach auf Parties gehen!

Selbstversuche

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Ich hab mir immer große Mühe gegeben, mich nicht ganz und gar von meinen Ängsten beherrschen zu lassen.

Und hab mir nur zu gerne sagen lassen, es sei wichtig, sich zu „konfrontieren“.

Als ich begonnen habe, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, war es augenscheinlich gerade hip genug, dass es Fernsehdokus darüber gab. Da konnte man kopfschüttelnd und sich wohlig gruselnd anderen Leuten dabei zuschauen, wie sie versuchten, ihre Ängste zu überwinden. Und nein – ich meine nicht das Dschungelcamp.
Da ging es um Phobiker und Zwangsneurotiker wie dich und mich – nur schlimmer, weswegen das Anschauen irgendwie tröstlich war.

Diejenige meiner Ängste, gegen die ich mit der größten Ausdauer angerannt bin, ist meine Höhenangst.

Eigentlich eine, deren Auslöser sich im Alltag recht gut meiden lassen. Aber ich bin als Kind gern in den Bergen herumgekraxelt, ich hatte mal ein Leben ohne Angst! Und ich habe es überhaupt nicht eingesehen, mir von dieser schittigen Höhenangst den Bergurlaub versauen zu lassen.

Wenn man so will war das auch eine ganz gute Versuchsanordnung:
Berge, Höhe, Weitblick, Ausgesetztheit waren immer zuverlässig vor Ort, die einzige Variable war ich selbst.
Ich habe auf Hängen, über die Familien mit kleinen Kindern singend gezogen sind, weinend am Boden gesessen und mich an Grassoden festgeklammert. Ich bin diverse Male festgefroren, gekrochen, auf dem Allerwertesten gerutscht oder an der Hand geführt worden.
Bei Gruppentouren bin ich im Zweifel irgendwo geparkt worden. Und in einem Falle fast gegrillt: Die Sonne kam raus, aber ich konnte die Hände nicht vom Boden nehmen, um die Jacke auszuziehen.
Ich hab in Klettergärten vor Angst in den Wald gekotzt.

Klettersteige – falls sich jemand nicht mit der Materie auskennt – sind Einbahnstraßen: Man steigt an einer Stelle ein, klettert bis zum Ziel und steigt dann über einen sogenannten Normalweg wieder ab.
Ich war die, die von ihrem Bergführer angeseilt und unter beruhigendem Zureden gegen Fahrtrichtung geführt werden musste, da ich unterwegs beschlossen hatte, mit fest geschlossenen Augen einen Felsen liebzuhalten und diesen nicht mehr loszulassen. Mein ganz besonderer Dank gilt dem anonymen Kletterer unter mir, der ganz behutsam meine Füße genommen und sie an die richtigen Stellen gesetzt hat – ich selber hätte sie ganz bestimmt auf keinen Fall bewegt.
Ich habe allen zu danken, die ich an diesem Tag aufgehalten und damit auch gefährdet habe. Obwohl ein kräftiger Anschiss ob dieses Unfuges durchaus verdient gewesen wäre, waren alle sehr geduldig und verständnisvoll.

Eine Panikattacke dauert – wenn man in der Situation verbleibt – maximal 45 Minuten. Danach hat das Gehirn sich so sehr verausgabt, dass es ganz ruhig wird.

Anläßlich einer Kammwanderung hatte ich Gelegenheit, das auszuprobieren: Nach ca. 45 Minuten, die ich, die Augen fest auf den Weg gerichtet, unaufhörlich „weitergehenweitergehenblossnichtstehenbleiben“ murmelnd, mit pfeifendem Atem und beeindruckendem Blutdruck vor mich hingestapft war, war der Spuk vorbei. Die Angst war weg.

Richtig genießen habe ich das nicht können: Wenn das Gehirn fix und fertig ist, ist der Rest des Körpers es auch.
Und auch, wenn man in Fernsehdokus spektakulären Therapieerfolgen beiwohnen kann: Bei mir war der Erfolg genau von so langer Dauer, wie mein Gehirn brauchte, neue Kräfte zu schöpfen.

Als ich meiner Therapeutin von meinen Bemühungen berichtet habe, hat sie mich gefragt, wie ich denn vorgehen würde, wenn es um einen anderen Menschen ginge, eine Freundin mit Höhenangst zum Beispiel.
Meine Antwort war ganz spontan: „Das würde ich meinem ärgsten Feind nicht zumuten!“.
Wir haben das Thema dann nicht weiter verfolgt.

IMG_7333-q-webSeitdem gehe ich achtsamer mit mir und meinen Ängsten um.
Es zieht mich immer noch in die Berge, aber ich kehre jetzt um, wenn ich anfange, mich unwohl zu fühlen. Nicht erst dann, wenn es nicht mehr zu leugnen ist. Das erspart mir nicht nur dramatische Niederlagen. Ich mache wieder und wieder die Erfahrung, dass ich alleine zurechtkomme, dass ich, wo ich hochgekraxelt bin, auch ohne Hilfe wieder runterkomme. An guten Tagen sogar aufrechten Ganges.

Albern, das mühselig lernen und immer wieder üben zu müssen?
Willkommen in meiner Welt …

Angst ist eine Diva

IMG_10340-h-webIch habe es fast immer geschafft, ins Kino zu gehen, wenn ich das wollte.

Es ist eigentlich ganz leicht: Ich bleibe einfach draußen stehen bis die Karten gekauft sind und ein gut erreichbarer Sitzplatz direkt am Gang für mich gefunden ist. Da kann man mich dann hinführen.

Anders geht es nicht: Ich kriege schon Schnappatmung, wenn ich sehe, wie die Menschen sich am Eingang „knubbeln“. Klar kann ich mich da aus therapeutischen Gründen mal 5 Minuten lang mitten rein stellen. Aber danach ist der Abend für mich gelaufen – Panik ist wahnsinnig anstrengend. Wenn ich durch ein volles Foyer laufen muss, brauche ich meine ganze Konzentration, um ruhig zu bleiben. Für Kleinkram wie „Orientierung“ habe ich nicht wirklich Kapazitäten frei.

Und in einem Raum voller Menschen brauche ich die Gewissheit, im Fall der Fälle ruckizucki und im Blindflug nach draußen zu kommen.

Heil bei meinem Sitzplatz angekommen, japse und pfeife ich vielleicht ein bißchen vor mich hin, aber hey: Ich bin im Kino!

Das Problem liegt eher darin, Freunden und Bekannten, der Familie, dem eigenen Partner zu erklären, dass man diesen ganzen Aufriss tatsächlich braucht. Und dass man sonst „echt jetzt!“ nicht mit ins Kino kommen wird.

Jahaha – ich komme mir blöd vor dabei. Exzentrisch, divenhaft, unmöglich, knallneurotisch … was immer einem an fiesen Beschreibungen einfallen mag.

Aber ich bin draußen im Leben und nicht daheim vor der Glotze, nachdem ich Magen/Darm oder Migräne vorgeschützt habe.

Lala-Farm

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Monate, vielleicht ein Jahr später zeichnete sich ab, dass Medikamente allein mir nicht würden helfen können.
Ich war einer Psychotherapie auch durchaus nicht abgeneigt – hatte ich doch schon während meines Studiums eine sehr belastende Lebenssituation mit therapeutischer Hilfe überstanden …
Aber ich hatte schlicht keine Lust, monatelang ein bis zweimal wöchentlich zur Therapie zu latschen. Ich wollte endlich wieder am Leben teilnehmen!

Also habe ich mich auf eigenen Wunsch (teilstationär) einweisen lassen – in der Hoffnung, sozusagen im Kurzwaschgang wieder auf die Beine gestellt zu werden.

Was ich stattdessen bekam, war eine Atempause.

Einmal eingewiesen musste ich nicht mehr regelmäßig glaubhaft machen, dass ich „bittebitteschickmichnichtdahin!“ arbeitsunfähig sei. Nicht, dass das mehr als eine Formalität gewesen wäre, aber ich hatte jedes Mal wieder entsetzliche Angst.
Eingewiesen ist man, bis man wieder Boden unter den Füßen hat. Wenn es soweit ist, wird man gesundgeschrieben.

Unter lauter mehr oder weniger ausgeprägt psychisch Kranken spielt der Anschein von Normalität keine große Rolle mehr. Und man spart eine Unmenge von Energie, wenn man nicht mehr versucht, gegen „Ausrutscher“ wie panisches Hyperventilieren anzukämpfen.
Es macht ja auch sonst niemand viel Aufhebens darum:
„Holmaeinernglaswasserunnenblutdruckmesser“!

Komischerweise hab ich nie hinterfragt, wozu das Wasser eigentlich gut sein soll …
Weil die Zufuhr von Flüssigkeit den Kreislauf stabilisiert? Weil man beim Trinken nicht hyperventilieren kann?
Das Blutdruckmessen als solches bewirkt natürlich nix – aber man weiß hinterher, wieviel „Umdrehungen“ man gehabt hat …

Bis dahin hatte ich mein Wissen über die Psychiatrie vorwiegend aus „Einer flog über’s Kuckucksnest“ und „Durchgeknallt“ bezogen. Und natürlich hatte ich eine Menge furchtbarer Geschichten mit dem Tenor „Hilflosausgeliefertunterdrogengesetztundniewiederrausgelassen“ gehört. Andererseits kannte ich eine Reihe von Leuten, die ihren Zivildienst im Landeskrankenhaus absolviert hatten oder als PflegerInnen dort arbeiteten, und die mir keine Unmenschen zu sein schienen.

Angst hatte ich keine. Aber beim abendlichen Zähneputzen in den Spiegel zu schauen und „morgen komm ich in die Klapsmühle“ zu denken, war deutlich keine meiner Sternstunden.

Der Großteil des Zusammenlebens in der „Klapsmühle“ spielte sich in einem großen Aufenthaltsraum ab, in dem ca. 20 Menschen die Zeit zwischen den verschiedenen Aktivitäten und Therapien herumbrachten. In meiner Erinnerung haben wir uns über lange Phasen hinweg einfach unglaublich gelangweilt. Beisammen gesessen, geplaudert, uns gegenseitig Handarbeiten oder Kartenspiele beigebracht und oft erstaunlich viel Spaß gehabt. Während eines Gruppengespräches hat der Klinikleiter einmal erklärt, auch wenn man das nicht meinen solle, wären Depressionen tatsächlich nicht ansteckend. Und so war es: In diesem geschützten Rahmen haben wir einander eher gegenseitig stabilisiert.

Und natürlich haben wir uns nicht andauernd gegenseitig die Ohren vollgeheult, wie schlecht es uns ginge! Eigentlich haben wir nur sehr wenig darüber gesprochen, warum genau jede/r einzelne da war, den „Jagdschein“ hatten wir schließlich alle.

Es gab Gruppentherapie, Ergotherapie, Ausdauersport, Entspannungstraining und Massage für die, die wollten, eine freiwillige Gartengruppe und – für mich ein großes Faszinosum: Die Kochgruppe.
Jeweils vier oder fünf PatientInnen waren eine Woche lang für die Zubereitung der Mahlzeiten (Frühstück und Mittagessen für ca. 25 Personen*) verantwortlich. Wozu neben der Planung natürlich auch der Großeinkauf im Supermarkt gehörte. In Begleitung eines Pflegers, versteht sich.

IMG_10108-q-webWas ich viel faszinierender fand, war allerdings die Tatsache, dass es jeden Mittag pünktlich genießbares bis richtig leckeres Essen gab. Nach dem Motto: Man spanne fünf nahezu Handlungsunfähige zusammen, setze sie auf eine Herausforderung an und voilà: Mittagessen!

* In den sogenannten Tageskliniken sind die PatientInnen von morgens bis nachmittags untergebracht, weswegen ein Abendessen nicht benötigt wird.
Folgerichtig trifft man hier solche Menschen, die noch in der Lage sind, sich morgens auf den Weg in die Klinik zu machen und auch die Zeit vom „Feierabend“ bis zum nächsten Morgen überstehen.

Lebenslange Freundschaften sind mir aus dem Aufenthalt in der Klinik nicht erwachsen (im „richtigen“ Leben gehen die Gemeinsamkeiten dann doch schnell verloren), aber ich habe einige der Menschen, die ich dort kennengelernt habe, sehr gemocht.

Und ich habe den Blick gemocht, mit dem wir uns selbst betrachtet haben.
Unter den PatientInnen war es üblich, die Klinik als Lala–Farm zu bezeichnen. Und sich selber als die Lalas.
Als komische, unangepasste Menschen, die merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag legen. Und das auch dürfen! Weil sie die Lalas sind …

Gemeinsam haben wir es immer mal wieder hinbekommen, über uns und unsere Schwierigkeiten zu lachen. Manchmal denke ich, dass es nicht so sehr das Therapieangebot, sondern vielmehr dieses Lachen war, das mir seitdem durch’s Leben hilft.

***

Was eine Tagesklinik nicht leisten kann: Einen Menschen heilen.

Der Aufenthalt ist auf drei Monate begrenzt, während derer eine begrenzte Zahl von TherapeutInnen und PflegerInnen sich um ca. 20 Menschen mit ganz unterschiedlichen Problemen kümmert.
Aber wenn alles gut läuft, traut man sich am Ende wieder zu, dem eigenen Alltag ohne Hilfe in die Augen zu schauen.

Die Probleme, die man dort zurückgelassen hat, erwidern den Blick gelassen.