Der Sommer ist vorbei

Es war ein guter Sommer! Man kann es an meiner Stimmungstabelle ablesen: Erfreulich viele weiße Kästchen (für schlicht und einfach ganz normale Tage) und auch etliche zart- oder gar sattgrüne (für richtig gute).
Ich bin morgens einfach so aufgewacht, oder weil der Wecker klingelte – nicht, weil ich Schmerzen hatte.
Und ich hab tatsächlich angefangen, mich ein wenig in diesem angenehmen Zustand einzurichten.
Ich hab mich sogar getraut, zu einem Fest auf dem Hof einzuladen!

IMG_14101-q-webUnd dann hat ein einziger Rückschlag ausgereicht, all das zunichte zu machen.
Nichts Existenzielles glücklicherweise, einfach nur ein Projekt, eine gute Sache, an die ich mein Herz gehängt hatte.
Die mir das Gefühl gegeben hat, ein Teil von etwas zu sein, etwas zu bewegen, auch dann noch etwas Sinnvolles tun zu können, wenn ich objektiv nicht so fürchterlich viel hingekriegt habe.
Vermutlich kennen wir das alle: Sich voller Engagement und Euphorie in eine Unternehmung stürzen und nach einiger Zeit bemerken, dass man da eigentlich sehr alleine unterwegs ist. Dass man gar nicht wirklich etwas bewegt. Und auch gar niemand da ist, der die eigenen Bemühungen so recht zu schätzen weiß.
Ernüchterung, Enttäuschung, Trauer … womöglich auch Verletztheit, Verbitterung. Aber letztlich gehören solche Erfahrungen zu Leben: Wir lassen los und wenden uns anderen Dingen zu.
Womöglich, um diese Erfahrung ein ums andere Mal zu wiederholen, aber darum geht es mir hier nicht.

Ich bin einfach erschrocken über die Konsequenzen, die diese eine „Pleite“ nach sich zieht.
Nicht nur, dass ich traurig bin. Enttäuscht, verletzt. Im Verlauf weniger Tage rutsche ich in ein depressives Tief ab, liege morgens weinend im Bett, quäle mich durch bleierne Tage. Als wir Gäste zum Mittagessen haben, gelingt es mir nicht, die Mahlzeit bis zum Ende durchzustehen: Ich bekomme keine Luft mehr und befürchte, jeden Moment in Tränen auszubrechen.
Die Schmerzen sind wieder da. Und mein Sehvermögen ist schlechter als je zuvor.

Ich komme mir vor, wie eine dieser Reihen von Dominosteinen: Kippt einer um, fallen alle.
Nur, dass die Steine in meinem Falle nicht auf kleinen Wippen stehen und auch sonst keine lustigen Effekte auslösen. Es entstehen auch keine Muster, wenn sie fallen. Nur ein großer Haufen Elend.

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Ich und die anderen

Andy Gage wurde 1965 geboren und nicht lange danach von seinem Stiefvater, einem sehr bösen Menschen namens Horace Rollins, ermordet. Es war kein normaler Mord: die Mißhandlungen und Schändungen, die ihn töteten, waren zwar real, sein Tod aber nicht. Tatsächlich starb nur seine Seele, und als sie starb, zersplitterte sie.“

Ich erinnere mich noch lebhaft, wie „Ich und die anderen“ mich gefunden hat: Ich ging die Treppe zum Untergeschoss meiner bevorzugten Buchhandlung hinab, als ich plötzlich einen schreiend bunten Einband genau in Augenhöhe hatte. Der Autor, Matt Ruff, war mir ein Begriff, hatte ich doch „Fool on the hill“ mit großem Vergnügen gelesen. „Das ist schon … also … ziemlich anders …“, wandte die Buchhändlerin ein, aber für mich war – ohne auch nur den Klappentext gelesen zu haben – klar: meins!

Heute gehört eine Buchhandlung, in der ich stöbern und mich finden lassen kann, vor allem aber eine gutsortierte Leihbücherei, die mir das für kleines Geld ermöglicht, zu den wenigen Dingen, die mir ab und zu fehlen. Und so habe ich – wenn die letzte amazon-Bestellung wieder einmal „leergelesen“ war – begonnen, diejenigen Bücher noch einmal zu lesen, die mir hinreichend lieb und wert waren, sie bis in die Cevennen mitzunehmen.
„Ich und die anderen“ ist eines davon. Und über 10 Jahre nach der ersten Lektüre ist mir klargeworden, dass es für mich eines der liebevollsten Bücher ist, die ich je gelesen habe.

Andrew Gage leidet unter einer dissoziativen Identitätsstörung oder multipler Persönlichkeitsstörung – die Splitter seiner ursprünglichen Seele (Matt Ruff spricht hier von Seelen, nicht von Persönlichkeiten) sind zu eigenständigen Seelen geworden. Aber „Ich und die anderen“ ist nicht die Geschichte eines Leidenden, ihr Protagonist ist nicht gestört. Er mag sich zuweilen gestört fühlen, so wie es Menschen halt ergeht, die in einer – sagen wir: sehr buntgemischten – Wohngemeinschaft leben. Denn in dem, was einmal Andy Gages Kopf war, ist mit Hilfe einer Therapeutin ein Haus entstanden, das sich über hundert Seelen teilen. Die wenigsten von ihnen treten in den Vordergrund und das ist kompliziert genug, wenn sie – nachdem jeder seine private Zeit im Badezimmer hatte – sich zum Beispiel bemühen, bei einem einzigen Frühstück sowohl kaffee- oder aber teetrinkenden Erwachsenen, als auch den Fünfjährigen unter ihnen gerecht zu werden.
Es ist kompliziert, aber es liest sich nicht so. Vielmehr bekommt man den Eindruck einer liebevoll gezeichneten Großfamilie – das dazugehörige gelegentliche Chaos inklusive.

Mouse (eigentlich Penny) dagegen leidet. Sie weiß zum Beispiel, dass sie ihren Job ordentlich macht, aber weder, wie sie ihn bekommen hat, noch, was genau sie dort eigentlich tut. Oder warum sie ihn plötzlich doch verliert. Sie erwacht in fremden Betten und fragt sich nicht, was sie am Vorabend gemacht hat, sondern gleich, wieviele Tage oder womöglich Wochen diesmal vergangen sein mögen, ohne dass sie es mitbekommen hätte. Penny hat keine Ahnung, was mit ihr los ist.
Daher erkennt sie, als sie Andrew begegnet, ihre Gemeinsamkeiten nicht. Einige ihrer Seelen jedoch tun das sehr wohl. Und so sind sie es, die hinter Pennys Rücken ebenfalls Kontakt zu ihm aufnehmen. Zu ihm selbst oder einer der Seelen in seinem Körper.
Mit der beginnenden Freundschaft zwischen den beiden (?) wird die Geschichte zunächst tatsächlich ein wenig unübersichtlich, handelt es sich doch um eine Beziehung zwischen sehr vielen und höchst unterschiedlichen Beteiligten. Die durchaus witzige Blüten treibt, wenn zum Beispiel die freundliche Tante Sam und die aggressive und vulgäre Maledicta ihr gemeinsame Vorliebe für Billardspiele und Kuchenorgien entdecken.
Den Roadtrip und Krimi, zu dem sie sich später entwickelt, hätte ich persönlich nicht unbedingt gebraucht, hatte ich doch allein an der Interaktion der verschiedenen Seelen schon meine helle Freude, aber natürlich benötigen diese ein wenig Bewegungsspielraum.
Leserin und Leser wachsen dabei an ihren Aufgaben: Werden die einzelnen Seelen – wobei es sich durchaus auch um zwei Seelen in einer Brust handeln kann, die sich gerade unterhalten – zunächst durch die Gesprächssituation oder bestimmte Attribute (ein großes Interesse an Dinosauriern zum Beispiel weist darauf hin, dass es der kleine Jake ist, der sich gerade zu Wort meldet) kenntlich gemacht, kommt es später auch zu Dialogen, bei denen man plötzlich merkt, dass man auch ganz ohne Erklärung weiß, mit wem man es gerade zu tun hat. Was anfangs befremdlich gewirkt hat, ist ganz unmerklich zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Es ist diese Selbstverständlichkeit, die mich so für „Ich und die anderen“ einnimmt.
Matt Ruff verschweigt keineswegs, dass es sexuelle Gewalt gegen Kinder ist, die Seelen zersplittern lässt. Und so sind die Schilderungen derjenigen Seelen, die sich immerhin an die Begleitumstände, den Machtmißbrauch, die Hilflosigkeit erinnern können, anrührend und verstörend, selbst wenn sie den sexuellen Akt als solchen mit keinem Wort erwähnen.
Wie schmerzhaft die Erkenntnis ist, wie schwierig, eine geeignete Therapeutin / einen geeigneten Therapeuten zu finden, wie grauenvoll, sich zu erinnern … all das findet Erwähnung.
Aber der Fokus liegt im Jetzt. Jetzt ist es so. Jetzt sind sie da, die Seelen. Und müssen einen Weg finden, irgendwie miteinander klarzukommen.
Es geht nicht um Ursprung, Diagnose und Behandlung einer Störung, sondern um einen Haufen sehr unterschiedlicher Leute, die sich unfreiwillig einen Lebensraum teilen und mit so liebevollem Blick gezeichnet sind, dass man nicht einmal die unsympathischen und nervigen unter ihnen wirklich missen möchte.
„Ich und die anderen“ ist auch ein Buch über den liebevollen Umgang mit sich selbst. Eine Geschichte über das Klarkommen.
Schön, dass es mich gefunden hat!

Startschwierigkeiten

Und dann denk‘ ich wieder, ich habe überhaupt keine Depressionen. Ich bin einfach nur undiszipliniert, faul und scheiße. Lahmarschig nicht zu vergessen.
Dass solche Gedanken nicht förderlich sind, ist mir bewußt. Bei anderen jedenfalls. Aber vielleicht sind sie bei mir nur unangenehme Wahrheiten?

Ich liege morgens im Bett und bin durchaus wach. Nicht so zerschlagen und bleiern wie an manchen Tagen. Wach. Vor mir liegt ein ganz normaler Tag, nichts Beängstigendes. Okay, die Aussicht „ein Tag wie alle anderen“ kann unter Umständen hinreichend beängstigend sein, aber so empfinde ich meine Tage auf dem Hof nicht. Ich liege im Bett, starre die Decke an und denke an die Dinge, die ich mir für heute zu tun vorgenommen habe. Meist sind es solche, die ich tatsächlich tun möchte. Irgendwann beginne ich, diejenigen auszusortieren, die ich vor dem Mittagessen sowieso nicht mehr schaffen werde. Später werde ich meine Planung auf die wenigen Dinge eindampfen, die ich tatsächlich erledigen muss. Für „möchte“ ist dann keine Zeit mehr.
Objektiv hindert mich nichts daran, einfach aufzustehen. Ich bleibe liegen. Ich liege da und verachte mich für meine Disziplinlosigkeit. Denn was sonst sollte mich hindern?
Jetzt nochmal einschlafen wäre schön! Wenn ich nochmal aufwache, den Tag noch einmal beginne, dann hab ich zwar TOTAL verpennt, aber das passiert anderen Leuten auch und vielleicht klappt der zweite Anlauf dann besser. Ich starre die Decke an.
Ein Bodyscan trägt häufig dazu bei, dass es mir besser geht, selbst an solchen Tagen, an denen ich mich tatsächlich depressiv fühle oder starke Schmerzen habe. Aber da geht dann noch eine halbe Stunde bei drauf und ich wollte doch längst aufgestanden sein! Stattdessen liege ich da und tue gar nichts.
Bis es mir irgendwann im Laufe des Vormittages doch noch gelingt, mich aufzurappeln. Aber auch dann bin ich immer noch extrem langsam, verbringe mehr Zeit damit, zu überlegen, wie ich das jetzt sinnvollerweise anfange, als ich brauche, um es tatsächlich zu tun. Um rückblickend festzustellen, dass es mir heute doch wahrhaftig gelungen ist, noch vor dem Mittagessen den Tisch zu decken! In solchen Momenten könnte man dann wirklich Depressionen kriegen …

Shaolin

Als ich ein Kind war, wurde am Samstagnachmittag, wenn nicht „Daktari“ oder „Tarzan“, „Kung Fu“ geguckt – und am Sonntag waren wir dann alle Caine, der tapfere Shaolin-Mönch …
Ich vermute, das Einhorn hat dann auch vor dem Fernseher gesessen – zu meinem Text vom Atmen und vom Weinen bemerkt es jedenfalls folgendes:
„Ich behaupte, das Problem liegt darin, daß wir das Kind immer nur innen lassen sollen. Als Kind hätte ich mir pragmatisch im Wald einen ordentlichen Knüppel gesucht und Shaolin-Mönchsmäßig auf irgendwelche Bäume eingeprügelt. Was ich tatsächlich getan habe als Kind. Das Kind mal nicht innen lassen. Wie immer es heißen mag.“
Ich habe nie auf Bäume eingeprügelt. Caine übrigens auch nicht. Der hat, wenn es gar nicht anders ging (aber es ging nie anders!), die Bösen verdroschen und dem Guten zum Sieg verholfen.
Aber ich verstehe den Gedanken: Es ist sicher besser, Wut, Enttäuschung, Frustration rauszulassen, als mit der Zeit daran zu ersticken. Und wenn dabei nur ein paar Stöcke zu Bruch gehen und Rindenstücke durch die Gegend fliegen, dann scheint mir das grundsätzlich kein schlechter Weg zu sein.
Ich selbst kann mich überhaupt nicht erinnern, als Kind Wutanfälle gehabt zu haben.
Sehr wohl aber daran, dass es meinen Eltern (vor allem meinem Vater, glaube ich) außerordentlich wichtig war, Konflikte ruhig und sachlich zu klären. Im Gespräch. Für kindliches Schreien, mit dem Fuß aufstampfen, oder eben mit Stöcken auf Bäume einprügeln war da vielleicht einfach kein Platz.
Und heute würde es nicht mehr reichen. Wenn mich heute eine Wut überrollt, die womöglich seit Kindertagen darauf gewartet hat, endlich auf etwas einschlagen zu dürfen, dann sind Stöcke und Bäume (sorry!) Kinderkram. Dann will etwas in mir will ich, dass Dinge kaputtgehen, dass es weh tut. Das ist sinnlos und destruktiv und soll (will) es auch sein!

Deswegen hilft zum Beispiel „Holz hacken“ überhaupt nicht (oder mit der Spitzhacke arbeiten): Die körperliche Anstregung tut gut und ja, es macht Spaß, etwas kurz und klein zu schlagen. Ich hacke ausgesprochen gerne Holz! Aber es ist einfach zu konstruktiv, kommt doch etwas Brauchbares, ja Notwendiges dabei heraus …
Und natürlich sollte man seine Finger von der Axt lassen, wenn man nicht gelassen und konzentriert mit ihr zu arbeiten in der Lage ist: Bei aller Zerstörungswut will ich das Ding nicht in meinem Schienbein stecken haben!

In der für mich beeindruckendsten Folge von „Kung Fu“ (jedenfalls ist es die einzige, an die ich mich tatsächlich erinnere) ging es übrigens nicht um Kampfkunst, sondern um den Umgang mit der eigenen Angst: Caine soll in seinem Kloster auf einem schmalen Balken über ein Becken balancieren, das mit Säure gefüllt ist. Auf dessen Boden sieht man die Skelette derer, denen dies mißlungen ist. An sich ist die Aufgabe nicht schwer: Es sind nur wenige Schritte und der Balken bietet genug Platz. Dennoch stürzt er prompt. Und stellt fest, dass es sich bei der vermeintlichen Säure um klares Wasser handelt und die Skelette lediglich Bilder sind, mit weißer Farbe auf schwarze Tücher gemalt, die sein Meister nun milde lächelnd aus dem Wasser zieht. Es war einzig und allein seine Angst, die ihn hat stürzen lassen; die Angst vor einer Gefahr, die lediglich in seiner Vorstellung existierte.
Möglicherweise war ich zu jung, um hieraus eine Erkenntnis zu destillieren, die mich durch mein weiteres Leben zu leiten vermocht hätte. Oder aber die Weisheit der Mönche läßt sich via Fernsehserie dann doch nicht so richtig einprägsam vermitteln. Vielleicht ist genau das aber auch typisch für Angsterkrankungen: Da können noch so viele Mönche bemalte Laken aus klarem Wasser ziehen – für mich bleibt das Säure und ich gerate immer wieder aus dem Gleichgewicht.

Alice Wunder greift den Gedanken des Einhorns auf und fragt
„Warum nicht den Shaolinweg gehen und bewußt die Auseinandersetzung suchen? Die friedvolle, entspannende Meditation scheint ja da an Grenzen zu stoßen, wo die überflutenden dunklen Gedanken als Störung und Fehler wahrgenommen werden. Also warum nicht direkt Kampfkunst, wo die vermutete Angstquelle, das böse, von Beginn an Teil des Systems ist. Da heißt es dann: Selbstverständlich ist die dunkle Gasse bedrohlich und du hast allen Grund mit verkrampften Schultern und krummem Rücken rumzulaufen. Aber wenn du übst, deine Muskeln zu entspannen, kann der gelockerte Körper allem, was da kommen mag, einfach schneller auf die Nase hauen. Und Entspanntheit ist Mittel, damit man die Gefahren besser wahrnimmt. Je nach Vorliebe reichen da die möglichkeiten von engumschlungenem Ringen bis zu freistehenden Schwertübungen ohne jeden Körperkontakt.“

two-on-a-phacelie-q-webEin „Selbstverteidigungskurs!“ hat, als ich noch eine junge Frau war, immer ganz weit oben auf meiner to-do-Liste gestanden – nur gemacht habe ich ihn nie. Dennoch habe ich gelernt, mich zu schützen. Mich nicht wie ein Opfer zu bewegen, zum Beispiel: Mich eben nicht gekrümmt an der Hauswand entlangzudrücken, sondern aufrecht mitten auf dem Bürgersteig zu schreiten. Wenn es mir wirklich unheimlich war, habe ich meinen Schlüsselbund in die Faust genommen, so dass zwischen zwei Fingern jeweils ein Schlüssel hervorstak. Ich kann mich an eine Situation erinnern, wo – bis ich mit dem Arrangieren meiner Schlüssel denn mal fertig war – der entgegenkommende Mann, der mich beunruhigt hatte, die Straßenseite gewechselt hatte …
Statistisch sind, sofern man nicht in einer ganz üblen Gegend unterwegs ist, die dunklen Gassen eh viel weniger gefährlich, als sie erscheinen mögen, dennoch ist die Angst, überfallen zu werden, eine rationale.
Das Nervige an Angsterkrankungen ist eher, dass die Ängste nicht nur irrational sind, sondern man das zu allem Überfluss auch noch weiß … es nützt nur nichts … Selbstverständlich habe ich keine Angst davor, dass ab einer Anzahl von x Menschen in einem geschlossenen Raum diese plötzlich über mich herfallen werden. Ich empfinde in solchen Momenten überhaupt keine Angst. Ich verspüre Paniksymptome und wenn sie zu heftig werden, muss ich raus. Schnell. Deswegen wäre das Bewußtsein, mich im Fall der Fälle wehren zu können, zumindest für mich auch keine Hilfe.
Eher kann ich mir vorstellen, dass das sehr bewusste und konzentrierte körperliche Agieren sich positiv auf die seelische Verfassung auswirkt. In diesem Punkt allerdings ist mir persönlich Yoga lieber, weil es ohne Gegner auskommt.
Aber vielleicht liest jemand mit, der das mal ausprobiert hat und davon berichten mag …?

Hin und wieder habe ich die Auseinandersetzung durchaus gesucht.
Als mir vor einigen Jahren eher zufällig ein Flugblatt in die Hände fiel, das Kletterkurse unter anderem mit dem Argument bewarb, diese würden gegen Höhenangst helfen, habe ich mich kurzerhand zu einem solchen Kurs angemeldet. Und hab schon Schnappatmung bekommen, als mir im Vorgespräch klarwurde, dass geplant war, eine 25 Meter hohe Wand zu erklettern – ich hatte mir so 5 Meter vorgestellt …
Des weiteren hatte ich nicht bedacht, dass es sich bei besagter Wand nicht etwa um glatten Indoor-Beton mit bunten Kunststoff-Nuppies handelte, sondern um einen veritablen Felsen im Westerwald. Für den Fall eines Sturzes ins Seil hab ich mein Kinn schon auf jedem einzelnen Felsklümpchen aufschlagen sehen, das da aus der Wand ragen mochte …
Gemacht hab ich’s trotzdem. Ich hab mich 25 Meter Felswand hochgerauft und bei der Gelegenheit gelernt, dass der Fachmann es „Nähmaschine“ nennt, wenn die Unterschenkel vor Überanstrengung zu zittern beginnen. Hab mir die Knie grün und blau geschlagen, weil ich sie benutzt habe, um mich voller Erleicherung auf die nächste Felsstufe zu rollen anstatt ordentlich zu klettern. Aber ich bin oben angekommen!
Für die Abseilübungen musste ich am Händchen zum Startpunkt geführt werden. Dort habe ich mich mit fest geschlossenen Augen an den Felsen geklammert bis ich eingesichert war. Jetzt nach hinten fallen lassen? Kein Problem: Alles, was mich wieder nach unten brachte, war okay für mich! Nachdem ich mich im ersten Anlauf noch am Seil festgehalten hatte (was a. nichts bringt, denn, wenn der Mensch der einen sichern soll, loslässt, fällt man mitsamt dem Seil, und mir b. den schlimmsten Muskelkater meines Lebens eingetragen hat), habe ich Vertrauen gefaßt und mich freihändig abseilen lassen. Anfangs „geht“ man dabei die Wand hinunter. Später, wenn man den Bogen raushat, stößt man sich davon ab wie die SEKs im Krimi, wenn sie ein Gebäude stürmen. Es war toll!
Der Knoten ist dennoch nicht geplatzt: Höhenangst hatte ich hinterher immer noch.
Mit dem Leiter des Kurses bin ich später auf einen Viertausender gestiegen. Er meinte, ich könne das schaffen und ich hab mich so geehrt gefühlt, dass ich das Wagnis eingegangen bin. Als Teil einer Seilschaft, meinen Eispickel in der Faust, habe ich einen Gletscher überquert und bin über Gletscherspalten gesprungen. Ganz schmale nur, aber wenn man so davorsteht … All das trotz, nein, mit meiner Angst! Und ich glaube nicht, dass ich die einzige war, die auf dem Gipfel heulen musste – nicht vor Erleichterung, sondern schlicht überwältigt.
Damals war ich schon richtig krank (im Sinne von „monatelang krankgeschrieben“), das macht die Erinnerung, einen Berg „bezwungen“ zu haben, für mich zu etwas sehr Besonderem. Auf keinen Fall würde ich diese Tour missen wollen! Aber gesund gemacht hat sie mich nicht.

Bei besagter schwieriger Situation nun, die ich mittels Meditation zu bewältigen versucht habe, ging es nicht um Angst. Vermutlich auch nicht um Wut, sondern eher um Hilflosigkeit, Verletztheit. Um ein Gefühl, das ich vorher nicht einmal hätte benennen können.
Menschen mit einer sehr lebhaften Fantasie, habe ich einmal gelesen, die in der Lage seien, eine verhasste Person in ihrer Vorstellung zum Beispiel umzubringen, zu zerhacken und im Wald zu vergraben, würden im realen Leben nicht zu Gewalttaten neigen. Ich selber morde lieber indirekt: In Fällen echt mörderischer Laune gucke ich gerne Horrorfilme. „From dusk till dawn“ zum Beispiel habe ich zum ersten Mal nach einem echt üblen Tag im Büro gesehen – und bin anschließend sehr heiter und entspannt aus dem Kino gekommen. Wenn ich also wahlweise ein Dutzend Teenager geschlachtet, Aliens und Zombies losgelassen, oder aber die Hölle geöffnet habe, fühle ich mich gleich besser. Kurzfristig jedenfalls.

Ich las andererseits, dass die Energie der Aufmerksamkeit folgt. „Worauf Du Deine Aufmerksamkeit richtest, da geht auch Deine Energie hin!“
Sollte das zutreffen, tue ich mir keinen Gefallen, wenn ich in meiner Fantasie Hindernisse bewältige, Auseinandersetzungen für mich entscheide, Feinde in die Flucht schlage. Oder eben besonders mißliebige Zeitgenossen mit der Axt zu Wildschweinködern verarbeite. Weil ein und dieselben dunklen Gedanken ja immer wieder kommen. Schlag ihnen den Kopf ab und es wachsen zwei neue nach …

Das Achtsamkeitstraining, mit dem ich mich seit einigen Wochen beschäftige, beschreitet einen anderen Weg: Die dunklen, schmerzhaften Gedanken sind Gedanken wie alle anderen auch. Sie kommen und gehen. Sie gehen, sofern man sie nicht festhält. Vor allem aber sind sie Gedanken, keine Tatsachen.
Es geht, auch bei den schwierigen und schmerzhaften Gedanken / Erinnerungen / Situationen, nicht darum, diese zu bekämpfen, sondern mit ihnen zu leben. Mit dem normalen Jucken der Realität, wenn man so will.

Da ich erst kurze Zeit und vor allem fast* ohne Anleitung vor mich hin dilettiere, bin ich guter Dinge, dass bei meinen Meditationsversuchen das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist!
Das Ergebnis meiner Bemühungen ist zwar nicht immer so ganz das erhoffte, aber immerhin gibt es Ergebnisse! Und: Das Gefühl benennen zu können, anstatt einfach nur von ihm überrannt und gebeutelt zu werden, war für mich ein großer Durchbruch, das sieht die Schieferliebe ganz richtig. Ebenso wie die Erkenntnis, dass es nicht jetzt entstanden ist (in diesem Fall würde es wohl eher helfen, auf Bäume einzuschlagen, oder – besser noch – mit der berühmten Faust auf den Tisch zu hauen), sondern schon lange darauf wartet, endlich beachtet zu werden.
Mag sein, dass da noch ein langer Weg vor mir liegt, bis ich mal so friedvoll und gelassen draufkomme, wie man sich das vom Meditieren erhofft …

Als eine liebe Freundin von mir mit ihrer Psychoanalyse begann (wenn ich mich recht erinnere mit drei Terminen pro Woche, immer vor der Arbeit), hab ich sie gefragt, ob da nicht ein bißchen sehr viel Zeit bei draufginge. „Ich war 20 Jahre lang depressiv“, hat sie mir geantwortet „da habe ich Zeit verloren!“.

* MBCT (Mindfulness-Based-Cognitive-Therapy) ist eine Form des Achtsamkeitstrainings, die speziell auf Menschen zugeschnitten ist, die unter Ängsten und Depressionen leiden. Da ich nicht die Möglichkeit habe, an dem dazugehörigen 8-wöchigen Trainingsprogramm teilzunehmen, habe ich mir das entsprechende Buch sowie die CD besorgt.

1 Jahr Tauchfahrt

Was kam ich mir originell vor, als ich mich entschieden habe, über meine Depressionen zu bloggen!
Mutig auch, keine Frage! Ich war ziemlich stolz auf mich.

Es hat nicht lange gedauert, bis mir klar wurde, wie viele von uns das tun – nicht nur über Depressionen, sondern über die unterschiedlichsten psychischen Erkrankungen und Besonderheiten …
Aber wenn man so will, ist jeder dieser Blogs tatsächlich eigenartig, ungewöhnlich, schöpferisch und neu. Und jede einzelne dieser Entscheidungen war mutig. Wir können und dürfen ruhig alle stolz auf uns sein.

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Um über meine Depressionen zu bloggen, muss ich nicht nur akzeptieren, dass ich krank bin, sondern auch, dass das für eine längere Zeit und vielleicht für immer der Fall sein wird: Der eine oder die andere Bloggerin kühmt vielleicht mal über Grippe oder Hexenschuss, aber kein Mensch widmet dem einen eigenen Blog …
Ich muss mich damit auseinandersetzen, sonst habe ich außer „mir geht’s sooo scheiße!“ nix zu sagen.
Und ich muss dazu stehen. Selbst diejenigen von uns, die es vorziehen, anonym zu bleiben (wofür es, je nach Lebenssituation, leider immer noch gute Gründe gibt) teilen mit jedem Beitrag der Welt mit: „Ja. Ich auch. Wir sind viele.“.

Anfangs gibt es ungeheuer viel, über das man schreiben kann, will und muss: Da hat man ja schon eine (Kranken)geschichte hinter sich, die erzählt werden will.
Man schreibt weniger darüber, was Depressionen sind, als man zu erklären versucht, was sie nicht sind: Ich bin nicht traurig!
Man wirbt für Verständnis dafür, dass Ausdauersport, Lichttherapie, Johanniskraut und niedliche Kätzchen tatsächlich nicht über depressive Tiefs hinweghelfen. Oder man erstellt Listen von guten Ratschlägen, die man echt nie wieder hören möchte.
Man versucht, in Worte zu fassen, wie man sich fühlt.
Erzählt von Erfahrungen mit TherapeutInnen, Klinikaufenthalten und Medikamenten. Kleinen Fortschritten und vernichtenden Rückschlägen.

Und irgendwann kommt man im „heute“ an: Die ganze Vorgeschichte ist erzählt.
Dann wird es schwierig, finde ich. Das Bloggen.
Ich habe immer noch Depressionen. Es gibt immer noch Tiefs. Absolute Tiefpunkte. Allmähliches Bekrabbeln und Phasen der Stabilität und Zuversicht. Auf. Ab.
Damit könnte ich vielleicht meine größten Fans beschäftigen, wenn ich ein Promi wäre und das Ganze nicht via Text > 140 Zeichen, sondern mittels einer lesefreundlichen Skala von 1-10 veröffentlichte.

Als ich mit der „Taucherin“ begonnen habe, habe ich Texte „auf Halde“ produziert und nach und nach veröffentlicht. Es gab ja schon so viel zu erzählen und von der Seele zu schreiben, um überhaupt einmal zu erklären, was ich jetzt vorhatte. Und warum.
Ein neues Leben anfangen. Ohne Therapie und vor allem ohne Medikamente.
Dann habe ich über die erste Zeit auf dem Hof geschrieben: Es gab so viel Neues!
Und jetzt, nach einem Jahr „Schattentaucherin“ leide ich immer noch an Depressionen.
Auf. Ab. Auf. Ab. Nichts, was sich noch zu erzählen lohnt.

Ich hab viel Herzblut an dieses Projekt verschmiert und möchte es nicht einfach im Sande verlaufen lassen. Und in diesem Moment zeigt die Taucherin sich auf eine Art und Weise hilfreich, mit der ich nicht gerechnet hätte: Sie fragt mich wieder und wieder „Wirklich nichts Neues?“.
Meinen Kunden im Hundetraining habe ich regelmäßig gepredigt, sie möchten sich doch bitte nicht auf das konzentrieren, was noch nicht klappt, sondern sich in Erinnerung rufen, an welchem Punkt sie begonnen haben und wie weit sie schon gekommen sind.
„Schau hin!“, flüstert sie. „Und?“

Und sie hat recht.
Mich in die Einsamkeit der Cevennen zurückzuziehen, war – auch wenn das nach außen romantisch, abenteuerlich oder mutig aussehen mag – schlicht das Eingeständnis, dass ich keine andere Wahl mehr hatte, als mir meine Welt so passend (will sagen: klein) zu machen, dass ich darin zurechtkommen kann. Ich habe hier einen Ort gefunden, der eine heilsame Wirkung hat und mir viel Zeit genommen (nehmen müssen), einfach nur hier zu sein.
Irgendwann habe ich begonnen, mich wieder was zu trauen. Lächerlich kleine Dinge, objektiv betrachtet: Den Markt in einem Nachbardorf besuchen, die Verantwortung für einen Einkauf übernehmen, alleine zum Tierarzt fahren und den Hund impfen lassen …
Für mich waren das große und spannende Unternehmnungen.
Seit Kurzem nun ist etwas ganz Neues hinzugekommen.
Natürlich ist an Achtsamkeitsübungen und Yoga genau nichts originell. Lebt man in einer deutschen Großstadt, scheinen sie dazuzugehören wie green Smoothies und vegane Eiscreme. Für mich sind sie deswegen etwas Besonderes, weil sie den ersten Versuch seit langem darstellen, mit meiner Erkrankung umzugehen. Die Antidepressiva sollten mich „nicht depressiv“ machen, die Therapien mir helfen, nicht mehr depressiv zu sein. Bis ich nach über 10 Jahren irgendwie die Lust verloren habe …

img_14378-q-webVielleicht ist es jetzt an der Zeit, einen Weg zu finden, mit meinen Depressionen zu leben.

Das Schreiben ist schwieriger geworden, teils auch schmerzhafter, weil die Distanz so viel geringer ist. Spannender allerdings auch!

Weiterschreiben also. Tauchen, paddeln, Wellenreiten, kieloben treiben, auf Grundeis gehen …
Ich glaube und hoffe, wir haben noch ein bißchen was vor (vor uns) – die Taucherin und ich …

3 Jahre ohne

Es ist jetzt gut drei Jahre her, dass ich mir die Frage gestellt habe, ob es nicht vielleicht doch möglich sein müsse, ein Leben ohne Psychopharmaka zu führen.
Bis zu diesem Moment hatte ich etliche Jahre lang ununterbrochen Antidepressiva genommen.
Zu Beginn meiner „Depri-Karriere“ hab ich sie noch abgesetzt, sobald ich Grund zu der Hoffnung hatte, es werde mir nun dauerhaft besser gehen. Aber jedes Mal, wenn diese Hoffnung wieder trog, hat es auch wieder 6 Wochen gedauert, bis das Medikament Wirkung zeigte. Und jedes Mal wieder habe ich mich mit den anfänglichen Nebenwirkungen herumgeschlagen: Die Mundtrockenheit ist leicht zu handeln, man geht einfach nie wieder ohne eine Flasche Wasser aus dem Haus und tröstet sich damit, dass es ja wichtig ist, viel zu trinken. Das unkontrollierte Muskelzucken kann man mit einem Scherz überspielen und es stört eigentlich kaum, wenn man nicht gerade Auto fährt. Und am Straßenverkehr sollte man ja sowieso nicht teilnehmen, wenn einem ständig schwindelig ist. Die bleierne Müdigkeit nervt zwar, unterscheidet sich aber nicht allzu sehr von der depressiven Bleischwere …
img_20289-q-webNach drei, vier Versuchen fand ich es sehr viel komfortabler, auch in guten Phasen eine minimale Dosis meiner Medikamente zu nehmen. So konnte ich beim nächsten Tief schnell und ohne große Nebenwirkungen gegensteuern. Ich habe über die Zeit tatsächlich ein recht gutes Gefühl dafür entwickelt, wieviel ich brauchte, bin also nicht ständig unter maximaler Dröhnung unterwegs gewesen. Aber eben auch nicht ohne.

Bis ich – eher zufällig – einen Schritt aus meinem bisherigen Leben hinaus getan habe. Zufällig und nur für einen Besuch – aber plötzlich schien alles möglich.
Ich habe voller Zuversicht meine Medikamente abgesetzt, bin in mein altes Leben zurückgekehrt … und fürchterlich auf die Fresse gefallen. In diesem Leben ging es nicht, soviel war sehr schnell klar.
Gar nichts ging mehr. Zu meinen demütigendsten Erinnerungen aus dieser Zeit gehört eine Radfahrt zum Freibad: Ich hatte versäumt, frühzeitig zu sagen, dass ich keinesfalls die Hauptstraße entlang fahren könne (zu viel Verkehr, zu nah, zu laut), sondern den Umweg über die kleinen Seitenstraßen nehmen müsse. Bin durch mein verängstigtes Zögern zurückgefallen, wollte aber auch nicht allein eine andere Strecke nehmen und anschließend die anderen im Freibad suchen müssen. Also bin ich ihnen zitternd und weinend hinterhergestrampelt. Ich bin tatsächlich angekommen und ja, ich bin auch geschwommen. Aber stellt Euch eine erwachsene, eine alte Frau vor, die, Badelaken und -anzug auf dem Gepäckträger, tränenblind quer durch die Stadt radelt. Klingt das irgendwie erstrebenswert?

Da es vorkommt, dass es psychisch Kranken an Einsicht fehlt und ich nach all den Jahren großes Vertrauen zu meiner Psychiaterin hatte, habe ich sie vorsichtshalber gefragt, ob ich ihrer Ansicht nach denn überhaupt in der Lage sei, selbst über meinen Medikamentenkonsum zu entscheiden …
Man hört und liest immer wieder von ÄrztInnen, die leichtfertig, ja fahrlässig ihre PatientInnen mit Psychopharmaka abspeisen – die meine hat das Gegenteil getan.
Sie hat mich von meinen Zweifeln und Sorgen erzählen lassen und mich dann gefragt „Möchten Sie Antidepressiva nehmen?“ Um mir dann zurückzugeben, meine verbale Antwort, vor allem aber meine Körpersprache sei ein klares und eindeutiges „Nein!“. Ich dürfe mich ruhig trauen, auf meine innere Stimme zu hören. Offenbar hätte ich einen Weg für mich gefunden, dem dürfe ich dann auch folgen.
Für mich hieß das: Meine Finger von Psychopharmaka lassen und die Brocken hinschmeißen.

Und da bin ich nun. Mit hingeschmissenen Brocken, einem neuen Leben … und einer Vorratspackung Antidepris für alle Fälle.
Ich könnte, sollte es nötig werden …
Aber es sind gar nicht die Tiefs, nicht die bleiernen Tage, die mich in Versuchung führen.
Ganz allmählich habe ich ein bißchen Vertrauen darein entwickelt, dass sie lange vor eventuellen Nebenwirkungen oder gar Wirkungen enden werden.

In Versuchung gerate ich, wenn ich einen dieser Wutanfälle habe, bei denen ich mich mit aller Macht zusammenreißen muss, um nicht alles kurz und klein zu schlagen, oder mit dem Kopf vor die Wand zu rennen.
Oder einen dieser Zusammenbrüche, wenn ich mir wieder einmal sicher bin, dass ich selbst hier niemals klarkommen werde. Wenn ich weinend auf dem Boden zusammensacke und nach meiner Mutter schreien möchte. Wenn ich nur noch nach Hause will – wissend, dass es in Deutschland kein Zuhause mehr für mich gibt.
Dann möchte ich tot sein, bis es mir wieder besser geht. Oder wenigstens im Koma liegen.
Eine Tageshöchstdosis meines gewohnten Medikamentes, von jetzt auf gleich verabreicht, würde das vermutlich leisten.

Bisher ist die Packung jedoch unangetastet und wenn es nach mir geht, bleibt sie das auch.

Hartgummi

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Als ich zu mir komme („aufwachen“ trifft das, was mir da passiert nicht wirklich), scheint mir mein Kopf mit einer kompakten, dumpfgrauen Masse gefüllt zu sein. Darin: Nix. Keinerlei Bewegung. In meinem Körper dagegen scheint etwas zu schwanken, so als wäre ich ein Behälter, in dem eine Flüssigkeit träge schwappt.
Ich habe Schmerzen. Meine Hände und Unterarme fühlen sich an, als würde jemand darauf sitzen. Ich kann das Gewicht spüren. Bei den Unterschenkeln ist es ähnlich. Ich kann mich nicht bewegen.
An guten Tagen fällt mir irgendwann ein, dass ich am Vortag vielleicht eine Schieferplatte gestemmt habe, die so ein klitzekleines bißchen zu schwer war. Oder ein Schaf über einen Zaun gehoben. Dann lohnt sich der Versuch, sich zu bewegen: Es kann zwar sein, dass ich die ersten Meter laut jaulend hinke, aber erfahrungsgemäß hilft die Bewegung.
Erfahrungsgemäß habe ich dann aber auch kein Hartgummi zwischen den Ohren, sondern einzelne Gehirnzellen, auch wenn sie müde und verzagt sein mögen.
Heute ist eindeutig Hartgummi

Und gestern war Einkaufstag. Eine Stunde Autofahrt in die nächste größere Stadt, Abklappern sämtlicher Läden, aus denen für die nächsten 14 Tage etwas benötigt wird, Rückfahrt.
Der große Supermarkt, der regelmäßiger Bestandteil dieser Tour ist, wurde vor einiger Zeit vergrößert und umgebaut – nichts ist mehr da, wo es vorher war. Innerhalb von Sekunden verliere ich die Orientierung. Eigentlich müsste ich jetzt ruhig und strategisch den kompletten Laden ablaufen, mir einmal den Überblick verschaffen, was jetzt wo zu finden ist. Keine Zeit dafür. Unter Mühen finde ich das Regal, an dem meine Entscheidung gefordert ist: Meine alte Haarbürste ist zerbrochen, ich benötige eine neue.
Es scheint ein paar Dinge zu geben, die dem Deutschen selbstverständlich, dem Franzosen jedoch völlig unbekannt sind: Dazu gehören Sauerrahm, Amarettini und Sauerkirschen im Glas. Und – wie sich zeigt – stinknormale Skelettbürsten. Fassungslos stehe ich in einer Abteilung mit geschätzt 35 Sorten Shampoo und 3 verschiedenen Haarbürsten. Für mich ist keine dabei.
Ich verlasse den Supermarkt geschlagen: Zum eigentlichen Einkauf habe ich nichts beigetragen und den einen Punkt, den ich auf meinem Zettel hatte, habe ich nicht erledigen können. Stattdessen habe ich eine Menge Kraft darein verballert, den Ausgang zu finden und nicht zu weinen. Ich hätte keine Panikattacke bekommen so mit Zittern und Hyperventilieren. Ich hätte einfach nur leise geweint. Mich hingehockt, den Rücken irgendwo angelehnt und geweint. Spätestens seit „Streets of London“ gibt es das Bild der alten Frau, die einen Einkaufswagen mit ihrer Habe vor sich herschiebt. Ich habe ein Bild einer alten Frau, die in einem Supermarkt hockt und weint. Und ich will nicht diese Frau sein.
Eines ist seltsam in solchen Momenten, das ist mir auch in Deutschland schon aufgefallen, aber ich kann es mir bis heute nicht erklären: Wildfremde Menschen schauen mich an und lächeln.
Sie haben nicht den irritierten, leicht abgestoßenen Blick von Menschen, die etwas sehr Absonderliches beobachten, sie wirken auch überhaupt nicht befangen oder mitleidig. Sie lächeln ganz offen und freundlich. Ich habe keine Ahnung, womit ich das verdient habe. Ich erwidere es, so gut ich kann. Den Rest heimse ich ein.

Den restlichen Einkauf erledigt mein Autopilot.
(So kommt es mir dann jedenfalls vor. Tatsächlich – habe ich mir kürzlich sagen lassen – bleibe ich zwischendurch immer wieder ohne ersichtlichen Grund stehen. Vor Regalen fällt das nicht weiter auf, solange man nicht bemerkt, dass ich nur dastehe, aber nichts aussuche. Aber offenbar stehe ich manchmal auch mitten im Gang. Irgendwann setze ich mich dann wieder in Bewegung. Seit ich das weiß, frage ich mich, was ich gruseliger finden soll: Die Tatsache, dass ich selbst nichts davon bemerke, oder die Vorstellung, wie ich mich fühlen würde, wenn es mir auffiele …)
Ich bin ja nicht wirklich verantwortlich, sondern laufe nur mit. Ebenso gut könnte ich im Auto sitzen bleiben. Würde ich. Aber es ist zu heiß.
Und wer weiß? Vielleicht wird Tapferkeit doch belohnt?
Vielleicht nimmt mich – über das Lächeln von Fremden hinaus – irgendwann jemand in den Arm und lobt mich dafür, dass ich mich so tapfer schlage? Oder es wenigstens versuche?
Nichts dergleichen. Ich verballere einfach nur meine letzten Reserven.

Und deswegen erwache ich mit Hartgummi im Kopf und Blei in den Gliedmaßen. Ich habe mich vollkommen verausgabt. Bei einer spektakulären Unternehmung, die andere Menschen für ihren Alltag halten.

Hartgummi hat immerhin den Vorteil, dass ich nicht grübeln kann. Ich denke gar nicht erst darüber nach, dass ich nicht kann, obwohl ich doch müsste. Ich denke gar nicht. Stattdessen bin ich sehr damit beschäftigt, mich ab und zu vom Rücken auf die Seite zu drehen. Und wieder zurück. Immerhin.
Es geht mir nicht besser, wenn ich aufstehe, auch wenn das ganz offensichtlich scheint. Ich stehe auf, sobald es mir besser geht. Die Distanz zwischen der Idee, dass ich mich jetzt wohl mal aufrecht hinsetzen könnte und deren Umsetzung ist auch dann noch lang und anstrengend genug. Das Gehen fällt schwer. Da, wo eigentlich mein Herz sein sollte, füllt sich eine große Blase mit Luft. Mir ist schwindelig und es fühlt sich an, als würden meine Arme haltsuchend herumrudern – obwohl sie das nicht tun, ich halte mich nur hie und da ein bißchen an der Wand fest. Nach kurzer Zeit bin ich so erschossen, dass ich zurück ins Bett muss. Ich fühle mich kein bisschen deprimiert. Nur müde. Sehr müde.