Flöhe hüten

Die letzten Tage waren alles andere als einfach.
Die Ataxie nach einer entzückenden Romanfigur „Laufente Lisbeth“ zu nennen, kommt meiner Neigung, die Dinge möglichst von der heiteren Seite zu nehmen, entgegen, aber ganz so lustig, wie es klingt, ist es nicht, wenn man tatsächlich Bewegungs- und Koordinationsstörungen hat.
Ich muss höllisch aufpassen, nicht zu stürzen, hebe Tassen und Gläser vorsichtshalber mit beiden Händen zum Mund und übe mich in Gelassenheit, wenn mir der Käse zum dritten Mal vom Brot fällt.

Meine Anteile beginnen sich zu zeigen – nicht nur, wenn sie in der Meditation dazu eingeladen sind, sondern bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit.
Natürlich materialisieren die sich nicht einfach. Und ich höre auch keine Stimmen … jedenfalls nicht wirklich.
Eigentlich – vermute ich jedenfalls – wissen wir alle, wie das ist : „Ich habe auch eine sehr fürsorgliche Seite“, „ich habe eine kreative Ader“ und ähnliche Beschreibungen klingen ja – ebenso wie die „zwei Seelen, ach!“ – nicht unvertraut. Und wir erinnern uns manchmal so lebhaft an die Worte einer Lehrerin oder unseres Großvaters, dass wir sie regelrecht hören können.
Wer alt genug ist, sich noch an das „Lenor-Gewissen“ zu erinnern, weiß, mit welcher Selbstverständlichkeit dieses Bild verstanden wurde und wird.
Meine Anteile scheinen halt … sagen wir … besonders eigenständig unterwegs zu sein.

Nachdem ich bereits verstanden habe, dass, wenn „produktiv“ und „kreativ“ sich verabredet haben, die Ärmel hochzukrempeln und gemeinsam ein Chaos in der Küche zu veranstalten, jemand, dem genau das nicht geheuer ist, sich nicht anders zu helfen weiß, als meinen Blutdruck in die Höhe zu jagen, bemühe ich mich, Ausgleich zu schaffen.
Wir nehmen mal eines der fünf Projekte in Angriff, wir machen das ganz in Ruhe und wir hören dabei einen Krimi (etwas vorgelesen bekommen mögen alle, Krimis die meisten und „das Kind in mir will achtsam morden“ passt einfach wie die Faust auf’s Auge). Das funktioniert.

Aber es ist auch wahnsinnig anstrengend!
Ich kann schließlich nicht jedes Mal, wenn jemandem – Entschuldigung! – ein Pups quer sitzt, eine halbe Stunde lang meditieren, ich muss das irgendwie on the fly koordiniert kriegen.
Und es sind ja nicht nur diese drei: Nach dem Motto „Wehe wenn sie losgelassen“ machen sich potentielle Anteile, Erinnerungen und Glaubenssätze in einem kunterbunten Durcheinander bemerkbar. Zuweilen ist es, als wären die Teile mehrerer Puzzles in eine Schachtel geraten.
Kein Wunder eigentlich, dass in solchen Momenten die (Fein)motorik leidet – das stockt und ruckelt dann wie bei einem Fuhrwerk, in dem jedes Pferd in eine andere Richtung losrennen will.

Immerhin: Es geht voran!
Mit dem Stichwort „Glaubenssatz“ ging es mir sehr ähnlich, wie mit „Dissoziation“ auch: Die Botschaft hörte ich wohl, allein sie kam nicht an … Da musste erst der erwähnte Krimi kommen, der die Information quasi nebenbei einsickern ließ:
Glaubenssätze entwickeln wir in der frühen Kindheit, wenn wir noch ganz und gar abhängig von unseren Eltern sind. Sie erklären uns entweder, warum unsere Bedürfnisse nicht erfüllt wurden („ich bin schlecht, ich habe das nicht verdient“), oder aber, was wir tun müssen, um vor den Augen unserer Eltern zu bestehen.
Da wir diese Sätze tief verinnerlicht haben, handeln wir danach, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Neulich hab ich beim Anblick der Wasserflasche auf dem Küchentisch bemerkt, wie durstig ich bin, gleichzeitig aber gesehen, dass die Spülmaschine zu Ende gelaufen war. Und wie selbstverständlich wollte ich diese erst einmal ausräumen, bevor ich etwas trinke.
„Was zur Hölle? Ich hab Durst! Was macht es schon, wenn ich zuerst etwas trinke?“

Ab diesem Moment habe ich angefangen, darauf zu achten, wie ich mit meinen eigenen Bedürfnissen umgehe. Und tatsächlich: Bevor ich mir eines erfülle, erledige ich stets erst irgend etwas anderes.
Kurz darauf hab ich die Worte dann auch klar und deutlich hören können: „Nicht immer alles sofort!“.
Wieder in einer Situation, in der ich Durst hatte. Diesmal allerdings angesichts einer gut gekühlten Flasche köstlichen Wasserkefirs.
Der musste – zugegeben – sehr vorsichtig geöffnet werden, ergo „Nicht immer alles sofort – du kannst Wasser trinken, wenn du jetzt Durst hast!“.
Ich war so empört, dass ich laut geantwortet habe: „Lass das doch mal! Wenn ich verdammt nochmal jetzt Wasserkefir trinken will, dann darf ich das auch!“.

Gesagt, getan.
Okay … die Flasche zu öffnen, war ein riskantes Unterfangen und ist schiefgegangen – gegen Wasserkefir ist selbst gut geschüttelter Champagner ein Niemand. Was sich nicht in der Küche verteilt hat, war dann aber wirklich lecker!
Explosiver noch war die Reaktion meines Körpers: Ich hatte das Gefühl darin regelrecht umhergeschleudert zu werden. Konfrontationskurs scheint als Taktik nur semi-geeignet zu sein …

Also hab ich zu überlegen begonnen, wann dieser Satz hilfreich für mich ist.
Er macht es mir leicht, zwischen den Mahlzeiten nicht zu naschen – darum mag der eine oder die andere mich durchaus beneiden.
Er bewahrt mich vor Spontankäufen: Bei teuren Wünschen kriege ich es mitunter fertig, über Jahre abzuwarten, ob ich etwas wirklich haben möchte. Manche Begehrlichkeit gerät darüber sicher in Vergessenheit, aber mit den Dingen, die ich letztlich tatsächlich kaufe, bin ich dann meist auch hochzufrieden.
Hier habe ich sozusagen Verhandlungsspielraum: Grundbedürfnisse werden zukünftig unverzüglich erfüllt, bei kostspieligen Wünschen soll und darf der Satz geschätzter Ratgeber bleiben.

Was ich gegen das innerliche Zittern, das Gefühl des umhergeschleudert Werdens tun kann, lehrt mich die weise Meditierende: Körperübungen wie Schütteln oder Klopfen geben mir das Gefühl zurück, in meine Haut hineinzupassen.

Dann allerdings, als ich gerade zu hoffen beginne, mit meinen Bemühungen auf einem richtig guten Weg zu sein, meldet sich ein Teil von mir zu Wort, den ich zwar nur zu gut kenne, aber so wenig leiden kann, dass ich ihn beim Einrichten meines Gasthauses sogar dann noch ignoriert habe, als er höchstpersönlich erschienen ist. Soviel zum Thema „ich mag meine Anteile willkommen heißen“ …

Es ist der Teil, der mich undiszipliniert und faul findet. Schon immer fand. Der den ganzen Quatsch mit Depression und Angststörung nie geglaubt hat. Der sich ganz sicher ist, dass ich mir meine Schmerzen lediglich einbilde, die neurologischen Erscheinungen simuliere. Und jetzt auch noch Persönlichkeitsanteile: Is klar!
Dieser Teil findet mich nicht undiszipliniert und faul, er weiß das! Und brüllt mit diesem Wissen alles nieder, bis ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann.


Bei meinem nächsten Gespräch mit der weisen Hebamme breche ich in Tränen aus, kaum dass ich „Bonjour“ gesagt habe.
Ich bemühe mich, hervorzuwürgen, was mir widerfahren ist. Es ist mühselig und frustrierend, das nicht in meiner Muttersprache tun zu können – stattdessen wechseln wir ständig zwischen Französisch und Englisch, je nachdem, wo wir uns gerade beide des Vokabulars sicher sind – aber es verschafft mir auch ein wenig Distanz, so dass es mir leichter fällt, mich zu beruhigen.
Auch der Umstand, dass sie mir ganz und gar unaufgeregt und entspannt zuhört, tut mir gut.

Dafür, dass ich in der Meditation Dinge sehe, meint sie, seien zwei Gründe denkbar: Es könne sich um Erinnerungen aus meiner Familiengeschichte handeln, oder aber – ähnlich wie in Träumen – um Botschaften meines Unterbewusstseins.
Bezüglich der Stimme, die mir erklärt, undiszipliniert und faul zu sein, schlägt sie vor, diese nicht als Teil meiner selbst zu sehen, sondern als Teil meiner Erkrankung, eine Energie, die – einstmals überlebensnotwendig – aus der Vergangenheit bis in meine Gegenwart hinein gewirkt hat, und nun ihre eigene Daseinsberechtigung, ihr eigenes Überleben gefährdet sieht. Und deswegen mit aller Gewalt um sich schlägt.

Auch dieser Teil ist zu jemandes Schutz entstanden, denke ich mir, wenn auch nicht zu meinem: Scheint, ich habe ihn geerbt …
Und ich bin mir durchaus nicht sicher, ob dieses Erbe mir ausschließlich zum Nachteil gereicht: Es könnte ja durchaus dieser Anteil sein, der mich in Krisensituationen völlig gelassen bleiben lässt, der mich befähigt, durchzuziehen, was ich einmal angefangen habe. Der Teil von mir, den andere „mutig“ finden, wenn ich nur tue, was mir unvermeidbar scheint.

Ich sollte ihm danken, finde ich.
Ich erweitere mein Gasthaus um eine Veranda, auf welcher eine alte Dame auf einem Schaukelstuhl sitzend und Erbsen pulend die Abendsonne genießen kann – yup! Rita Mae Brown lässt grüßen! „Jacke wie Hose“ um genau zu sein …
Vielleicht kann dieser Teil von mir sich nach und nach mit der Idee anfreunden, in den Ruhestand zu gehen. Im Fall der Fälle kann er ja immer noch die Ritterrüstung aus dem Schrank holen.

Versuch’s doch mal mit Yoga!

Dieser Text ist einer lieben Freundin gewidmet, der Yoga schon so oft empfohlen wurde, dass sich ihr Nackenfell bereits bei „Yo …“ zu sträuben beginnt.

„Versuch’s doch mal mit Yoga!“ kommt gleich nach „Ausdauersport ist gut gegen Depressionen!“ und „sorg mal ein bisschen für dich, sei nett zu dir selbst: wie wäre es mit einem schönen, duftenden Schaumbad?“ …
Ausdauersport, vulgo „Joggen“ – das habe ich bestimmt mal erzählt – ist bei mir schon daran gescheitert, dass ich beim Anziehen der Socken in ein Dimensionstor geraten bin: Eine halbe Stunde nach dem Entschluss, mich anzuziehen, war Socke Nummer eins immer noch nicht am Fuß. Das Schicksal von Socke Nummer zwei liegt bis heute im Dunklen …

Aber die Nummer mit dem Schaumbad hab ich ausprobiert!
Das volle Programm: Brühheißes Wasser, reichlich duftender Schaum, Kerzen auf dem Wannenrand, eine Handvoll auf Vorrat gedrehter Zigaretten (da hab ich noch geraucht), ein heiterer Roman (Bridget Jones – damals bin ich wirklich vor nichts zurückgeschreckt) und – aber echt nur ganz ausnahmsweise! – ein Fingerbreit Whisky (Sekt war aus).
Hat’s nicht gebracht.

In die Sonne, oder eben in die Badewanne gehen, Sport treiben etc. ist natürlich auch für solche Menschen gut, die zu Depressionen und Ängsten neigen. Mit der Betonung auf neigen: Während einer Depression kann es schon eine erhebliche sportliche Herausforderung sein, das Bett zu verlassen, sich anzuziehen und sich einigermaßen regelmäßig zu waschen. Und tatsächlich gibt es Formen der Depression, bei denen all das nicht hilft. Wirklich nicht. Überhaupt gar kein Bisschen. Trotzdem ständig dazu aufgefordert zu werden, womöglich mit vorwurfsvollem Unterton („wenn du das nicht machen willst, bist du ja schon irgendwie selbst schuld …“) macht es nicht besser.


Warum ich dennoch Yoga praktiziere

Vor einigen Jahren habe ich begonnen, mich mit dem Thema „Achtsamkeit“ bzw. „MBCT – Mindfulness Based Cognitive Therapy (achtsamkeitsbasierte Verhaltenstherapie) zu befassen, wozu ein allmorgendlicher Bodyscan gehörte.

Rückblickend denke ich, zumindest für den Bodyscan war es noch zu früh: Ich habe die lebhafte Reaktion meines Körpers auf meine Versuche, seiner gewahr zu sein, zwar zur Kenntnis genommen, konnte aber nichts damit anfangen.
Zur Unterstützung der Übungen wurde Yoga empfohlen, genau gesagt: bestimmte Yoga Übungen.

Als kurz darauf im Dorf ein Yoga-Kurs angeboten wurde, hab ich nicht lange gefackelt.
Nicht, weil ich das unbedingt gewollt hätte. Ich fand, das sei Kismet: Der maximal unwahrscheinliche Umstand, dass irgendwo im Nirgendwo just dann ein Yogakurs angeboten wurde, als ich darüber nachdachte, einen zu besuchen. Sowas verpflichtet …
Und das Universum war mit mir: Wie der Zufall es wollte – aber das ist mir erst sehr viel später klargeworden – wurden dort genau die Übungen unterrichtet, die ich brauchte.
Heute weiß ich, dass es sich bei dem, was ich gelernt habe und immer noch lerne, um traditionelles und sehr kleinschrittig aufgebautes Hatha-Yoga handelt, damals war mir das – ehrlich gesagt – vollkommen schnuppe, da hatte ich ganz andere Sorgen.

Den Hof zu verlassen um ganz allein unter lauter fremden Menschen, deren Sprache ich nicht beherrschte, an ganz egal was teilzunehmen, hat mir anfangs solche Angst eingejagt, dass ich mit nichts anderem beschäftigt war. Trotzdem war es nicht einfach Erleichterung, was ich empfunden habe, wenn ich das Training wieder einmal überstanden hatte, sondern ich habe mich leicht und fröhlich gefühlt. Irgendetwas hat Yoga bewirkt, soviel war klar.
Und irgendetwas ist auch passiert, wenn ich das Training – zum Beispiel während der Schulferien, wenn der Kurs nicht stattfand – „geschlabbert“ habe. Dann bin ich regelmäßig in die Depression abgerutscht.
Gleichwohl war nicht alles eitel Sonnenschein, nicht alle Erfahrungen leicht und fröhlich: Yoga kann alte Emotionen berühren und aktivieren, die wir zwar aus unserem Bewusstsein eliminiert haben, die der Körper aber dennoch in Erinnerung behält. Die Tränenausbrüche und Panikattacken, die das Training auf diese Weise auszulösen vermag, fühlen sich höchst gegenwärtig an – ganz egal, wie alt die Erinnerungen auch sein mögen.
Bei mir war es insbesondere eine bestimmte Übung, die aus just diesem Grunde bis heute die „tränenreiche Torsion“ heißt – auch wenn sie unterdessen zu meinen liebsten Routinen zählt.

Anfangs also war Yoga ein Mittel im Kampf gegen meine Angst, später dann gegen die Depression. Als ich zunehmend unter Schmerzen zu leiden begann, habe ich die Übungen genutzt, um diese ertragen zu lernen: Selbst wenn es mir die Tränen in die Augen getrieben hat – es war immer noch möglich, zu atmen und mich zu entspannen, es gab immer noch etwas jenseits der Schmerzen.
Mittlerweile sind die Übungen fester Bestandteil meines Alltags und seit ich die passenden Medikamente bekomme, mache ich tatsächlich auch Fortschritte.

Mit den anmutigen Flows, die ich – zugegeben – hin und wieder selbst gerne bei Youtube bestaune, hat mein Tun dennoch nicht mehr gemeinsam, als dass beides auf einer Matte stattfindet.
Die Arbeit – die weise Yogini spricht tatsächlich von travail – findet in der Haupsache im Körper statt, mit viel hinein atmen, sich Millimeter für Millimeter in eine Haltung hinein entspannen, in sich hinein fühlen. Wenn die angestrebte posture dabei zunächst nur angedeutet wird, ist auch das in Ordnung und falls selbst das nicht möglich sein sollte, kann die Übung immer noch mental ausgeführt werden.
Gelegentlich ist mir schon der Verdacht gekommen, dass das der Grund ist, warum beim Training die Augen geschlossen werden: Damit ich nicht sehen muss, dass die Kniekehlen meiner gefühlt durchgestreckten Beine immer noch eine Handbreit vom Boden entfernt sind …
Andererseits schaffe ich es mittlerweile, Positionen zu halten, aus denen ich anfangs wie ein nasser Sack herausgeplumpst bin.

Als ich nun erfahre, dass Hatha-Yoga insbesondere in der Trauma-Therapie empfohlen wird, bitte ich die weise Yogini, mich bei meinen Bemühungen diesbezüglich zu unterstützen.
Außerdem hat mich dann doch ein gewisser Ehrgeiz gepackt: Ich hab versucht, mir selbst ein paar weitere Asanas beizubringen und möchte, dass sie draufschaut, ob ich alles richtig mache.

Ihr Gesichtsausdruck, als ich erzähle, dass ich Youtube-Videos anschaue, um mehr über Yoga zu lernen, ist schwer zu deuten, entspannt sich aber, bilde ich mir ein, als ich versichere, die Flows wirklich nur anzugucken
Sie hört sich geduldig an, was ich an Anregungen im Internet und in meinem dicken Yoga-Buch gefunden habe und lässt mich mehr als einmal wissen „Wenn du das Prinzip verstanden hast, kannst du das so machen! Dann kannst du alles so machen, wie du möchtest!“ …
Dann fragt sie, wo genau ich eigentlich die meisten Schmerzen habe und bittet mich, ihr zwei ganz unspektakuläre Übungen, die zu den absoluten Basics gehören, einmal vorzuführen.
Was es bedeutet, Wirbel für Wirbel abzurollen, habe ich schon im Schulsport gelernt – heute lerne ich, wie es ist, wenn jemand guckt, ob wirklich jeder einzelne Wirbel tut, was er soll …
Und siehe da: Das sind nicht nur die Stellen, die wehtun, sondern auch die, die ich beim Bodyscan nicht erreichen kann. Die Platte an der Stelle, wo mein Dekolletee sein sollte zum Beispiel.
Da rollt genau gar nix …

Während ich mich mit vor Anstrengung zitternden Muskeln bemühe, meine Rückenwirbel durchzuzählen, lösen sich meine Ambitionen, grazile Asanas einzunehmen, dezent in Luft auf: Ich möchte, dass die weise Yogini nach und nach alles, was ich bereits zu können geglaubt habe, noch einmal genau in Augenschein nimmt.

Der Moment der Wahrheit kommt, als sie mich fragt, ob ich auch Pranayama, die Atemübungen, praktiziere.
Ähm … ja … also … theoretisch schon! Ich nehme mir täglich vor, sie regelmäßig zu üben! Also: Ab morgen …
Tatsache ist: Ich hab enorme innere Widerstände!
Was die weise Yogini nicht überrascht: Traumata manifestieren sich im Körper und können daher die Atemübungen extrem erschweren.
Aber, sagt sie: Ohne Pranayama ist es kein Yoga!
Wir einigen uns darauf, dass ich in winzig kleinen Schritten noch einmal ganz von vorn beginnen werde.
Ich komme dieser Verpflichtung nach, weil ich weiß, sie wird fragen beim nächsten Mal … aber rechte Begeisterung will sich nicht einstellen. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass es „Übung“ heißt, weil man es üben soll – nicht weil man es gleich kann.

Außerdem, bringt sie mir schonend bei, sind auch Asanas und Pranayama lediglich ein kleiner Teil dessen, was Yoga umfasst. Ich bin fasziniert – auch und vor allem, weil sie zu leben scheint, wovon sie da erzählt – und mag mehr darüber lernen.
Ganz gleich, wie weit ich auf diesem Weg kommen mag: Ich bin sicher, ich gehe in die richtige Richtung!

Also doch „versuch’s mal mit Yoga!“?

Ich muss zugeben, dass ich an diesem Punkt wirklich an mich halten muss!
Mittlerweile nutze ich Yoga weniger, um Schmerzen ertragen zu lernen, sondern um sie zu lindern. Ich kann beginnende Depressionen einfangen, mich selbst zur Ruhe bringen und beginne, mich in meinem Körper mehr und mehr zu Hause zu fühlen.
Natürlich gönne und wünsche ich das auch anderen!

Ich glaube außerdem fest, dass, wer bereits über eine gewisse Routine verfügt, es schafft, sich zur Not vom Sofa auf die Matte plumpsen zu lassen, um da wenigstens den „toten Mann“ zu machen. Wenn’s gut läuft vielleicht auch noch ein, zwei andere Übungen, bei denen man bloß daliegt und atmet. Und ja: Schon das hilft!

Ich muss allerdings auch einräumen, dass ich erst einmal für geraume Zeit eine Art Eremitinnen-Dasein führen musste, bevor an „Yoga-Kurs“ überhaupt zu denken war.
Und ja: Ich hab ein Riesenglück gehabt, genau diesen Kurs bei genau dieser Lehrerin zu finden! Trotzdem musste ich mehrere Jahre daran teilnehmen, bevor ich die Wirkung so recht genießen konnte.

Jahaha, es fällt mir schwer! Es fällt mir schwer, weil ich ja helfen will!
Aber Tatsache ist, dass ich nicht nur den richtigen Yoga-Kurs gebraucht habe, nicht nur die richtige Yoga-Lehrerin, sondern auch den richtigen Moment. Den Moment, in welchem ich bereit war!

Diesen Moment kann ich jedem anderen Menschen nur wünschen!
Verordnen kann ich ihn nicht …

Zauberlehrling

Diesmal beginnt der Achtsamkeitsworkshop mit einer kurzen Übung, die uns helfen soll, erst einmal dort „anzukommen“. Das passt mit gut: Ich hab heute wieder einmal viel Zeit verloren und würde jetzt gerne wirklich dabei sein.
Als das „Ankommen“ allerdings beginnt, mir ungewöhnlich lang vorzukommen, muss ich feststellen, dass ich keineswegs dabei bin. Das Internet hat wieder mal den Löffel rübergereicht …
Also aus der Kuscheldecke pellen, von der Yogamatte aufrappeln, den Küchenstuhl erklimmen und die Technik erneut in Betrieb nehmen.
Auf dieser Übung wird für mich heute der Schwerpunkt des Workshops liegen.

Danach ist eine Meditation geplant, die das, was wir bisher geübt haben, kombiniert … spannende Sache!
Der Satz, den ich mir für Mettā, die liebende Güte, ausgesucht habe, lautet „Mögest Du leicht und freudig durchs Leben gehen!“.
Das innere Bild dazu ist der Moment, wenn ich, nachdem wir Holz gemacht haben, zum Haus zurückgehe: Holz machen wir nur bei gutem Wetter, also scheint die Sonne. Holz machen ist Knochenarbeit: Ich bin rechtschaffen müde, Arme und Rücken tun mir weh. Ich freu mich auf ein kaltes Bier und eine heiße Dusche! Aber zunächst sieht der Hund seinen Moment gekommen! Er hat uns selbstverständlich begleitet, musste aber Abstand halten und warten, bis wir mit der Arbeit fertig waren. Jetzt will er mit mir toben! Dieser riesige, furchteinflößende Hund hüpft fiepsend um mich herum, hascht nach meinen Händen und möchte Fangen spielen. Ich kann nicht anders: Ich muss lachen! Und ganz egal, wie müde ich bin: Natürlich mache ich mit!
Es sind Momente vollkommener Leichtigkeit und Freude.
Ich bin außerordentlich dankbar dafür, dass meine inneren Bilder mir häufig schlicht das Leben zeigen, welches ich sowieso führe …

Um die liebende Güte einem Menschen zu senden, dem ich neutral gegenüberstehe, vergegenwärtige ich mir den Physiotherapeuten des Nachbardorfes. Ich schätze seine Fähigkeiten, finde ihn aber auch sehr sympathisch. Das ist vielleicht nicht so wirklich neutral, aber er kann seit einem Unfall nicht mehr normal gehen und insofern scheint mir mein Wunsch für ihn gut geeignet zu sein.
Als ich jedoch eingeladen bin, mir sein Lächeln vorzustellen, wenn mein Wunsch ihn erreicht, verwandelt er sich in einen Schemen, eine männliche Silhouette, die sich mir bedrohlich nähert.
„Ganz schlechte Idee!“ denke ich noch „Ich hätte keinen Mann wählen dürfen!“ und schiele dann zu meinem Rechner. Ich bin offline …

Nach dieser kurzen Pause versuche ich, bei der Atembetrachtung wieder einzusteigen …
Es wird dunkel und ich habe einen Moment lang Angst, dass die Schwärze wiederkommt. Aber ich fühle mich sicher, kann den Boden unter mir, die Kuscheldecke über mir deutlich spüren.
Ich entscheide, dass die Schwärze sein darf.
Eines der Bilder, die uns zur Meditation vorgeschlagen werden, ist das einer Sonne in unserem Herzen, deren Strahlen wir unseren ganzen Körper erfüllen lassen können.
„Okay!“, denke ich mir, „Dann wollen wir mal Licht ins Dunkel bringen!“.
Es wird tatsächlich heller: Die Dunkelheit ist jetzt eher graubraun, nicht mehr tiefschwarz – so ist das, glaube ich, ganz normal mit geschlossenen Augen.
Ich beginne schemenhafte Gesichter zu sehen. Das ist ein bisschen so, wie wenn man eine Lichtquelle angeschaut hat und dann die Augen schließt: dann sieht man eine Art Negativ. Ich seh in dem Moment halt nicht nur eine Glühbirne, sondern Gesichtszüge. Das passiert mir nicht zum ersten Mal, weswegen es mich nicht weiter wundert oder gar beunruhigt.

Jetzt allerdings sehe ich plötzlich klar, als würde ich Fotos anschauen, deren Farben ein wenig verblichen sind.
Ich sehe einen Mann in einem hellblauen Oberhemd, der auf einem Gartenstuhl sitzt, eine alte Frau in einem gepunkteten Kleid (es scheint mir pinkfarben zu sein, aber kann das sein in ihrem Alter?). Die Farben der Bilder und der Stil der Kleidung lassen mich vermuten, dass diese aus den 60er, 70er Jahren stammen – dabei weiß ich nicht einmal, seit wann es Farbfilme gibt.
Ein Bild zeigt mir ein Mädchen mit großen, traurigen Augen. Frisur und Kleid wirken sehr viel altmodischer und das Bild ist schwarz-weiß – es wirkt fast wie eine Zeichnung.

Die Bilder drehen sich – wie die Figürchen in alten Spieluhren.

Das nächste Bild ist in dunklen Brauntönen gehalten, ein großer, aber nur spärlich beleuchteter Raum. Ich sehe den nackten Rücken eines Mannes, sein Kopf ist gesenkt, aber ich kann erkennen dass er langes Haar hat.
Plötzlich wird mir klar, warum er sich dreht: Er steht nicht auf einem sich drehenden Podest, er hängt! Er ist erhängt worden.

Bevor er sich so weit drehen kann, dass er mir das Gesicht zuwenden würde, beginnt „der Film zu brennen“.
Das hab ich als Teenager mal im Kino erlebt: Mitten auf der Leinwand sieht man plötzlich einen winzigen Punkt, der sich rasend schnell ausbreitet und nur eine weiße Fläche hinterlässt – wer sich noch an Bonanza erinnert, kennt den Effekt.
In meinem Fall breitet sich die Dunkelheit aus – ich sehe nichts mehr.
„Ich habe etwas gesehen, das ich nicht hätte sehen sollen!“, denke ich.
Und beginne zu schluchzen. Versuche, auch das zuzulassen, weiter zu atmen, und spüre, wie mir die Tränen in die Haare laufen.
Grad ist es eine Erleichterung, dass ich schon wieder offline bin.

Eigentlich mag ich den Workshop für heute beenden – andererseits möchte ich nichts verpassen. Und eigentlich fühle ich mich auch schon wieder ganz gut! Ich kann es ja wenigstens mal versuchen …

Jetzt soll es darum gehen, uns mit den Elementen – Erde, Wasser, Luft, Feuer – zu verbinden.
Ich weiß gar nicht, was gerade im OFF war, die Internet-Verbindung oder meine Konzentration, aber ich habe eine vage Idee, was der Plan ist. Und ich tue, was ich kann.
Normalerweise komme ich gut klar mit Bildern, kann mich gut auf Geschichten einlassen …
Und so kann ich wirklich fühlen, wie meine Schultern vom Wasser getragen werden (ich schwimme leidenschaftlich gern!), aber eine krakeelende Stimme, die all das zu einem großen Blödsinn erklärt, ist beim besten Willen nicht zu überhören …
Mit solchem Quatsch kann ich wirklich nichts anfangen!
So kenn ich mich gar nicht …

Ich versuche, mich trotz der Widerworte mit den Elementen zu verbinden.
„Zeitverschwendung!“, höre ich im nächsten Moment. „Da kommt eh nix bei raus, in der Zeit kannst du auch Brotaufstrich machen!“
Und „Ich muss Pipi!“.
Mir bleibt wirklich nichts erspart …
Ich schleiche mich aus dem Meeting und verbinde mich anders als geplant, aber höchst lebensnah mit Wasser und Erde.

In der Abschlussrunde sind wir eingeladen, ein Wort für das Gefühl zu nennen, mit dem wir heute aus dem Workshop gehen. Bei mir sind es zwei und sie benennen gar keine Gefühle, aber sei’s drum: Ich empfinde Hilfsbereitschaft und Schutz.
Meine Anteile sind bereit, mir Dinge zu zeigen, die bislang in der Dunkelheit verborgen waren. Und sie beschützen mich, wenn alles zu viel wird.
Das Internet streicht endgültig die Segel.


Es dauert einen Moment, bis ich realisiere, wie erschüttert ich bin.
Weder bin ich eingeschlafen, noch habe ich halluziniert – aber was um alles in der Welt habe ich da gesehen?
Es gibt tatsächlich Anteile, las ich, die sich schützend vor oder zwischen andere stellen. In einer Traumatherapie werden sie gebeten, einen Moment lang beiseite zu treten und zu zeigen, was oder wer sich hinter ihnen verbirgt. Aber selbst wenn ich annehme, dass sie mich – als ich Licht ins Dunkel bringen wollte – etwas haben sehen lassen …
Das war ganz sicher keine Erinnerung! Oder jedenfalls nicht meine …

Offenbar habe ich auch solche Anteile, die „was ich anfange, bringe ich auch zu Ende!“ nicht auf ihre Fahnen geschrieben haben, auch wenn ich mein Leben lang auf Gedeih und Verderb danach verfahren bin.
Die fanden, für heute sei genug meditiert.

Das Bild von den Geistern, die ich rief, hab ich ja bereits bemüht und es war gut gewählt, wie mir scheint: Meine Anteile beginnen, sich zu zeigen. Zuweilen kann ich sie fast diskutieren hören:
„Nur weil wir uns beim Meditieren irgendwas eingebildet haben, stellen wir uns jetzt nicht an!“
„Wir haben etwas Schlimmes gesehen und mussten weinen! Wir wollen nicht mehr!“
„Wenn wir uns nicht um den Brotaufstrich kümmern, werden die Zutaten schlecht. Gespült ist auch noch nicht! Das Abendessen muss fertig werden!“
„Mit den Elementen verbinden … Schwachsinn!“
„Ich muss Pipi!“

Überflüssig zu erwähnen, dass ich Angst habe, verrückt zu werden, oder?
Ich mag sie! Ihre Existenz erklärt so vieles, was bisher völlig rätselhaft war!
Und ich kann erkennen, dass sie alles versuchen, um gut für mich und füreinander zu sorgen.
Ich mag sie sehr gerne in meinem /unserem Leben willkommen heißen!

Und habe furchtbare Angst, dass ich mir all das nur einrede. Schön rede.
Mir etwas ausdenke, obwohl ich eigentlich nur … ja was eigentlich? … bin.
Witzig … als ob es wichtig wäre, ob ich die Latten längs oder quer nicht alle am Zaun habe …

Für’s Erste hat mein Körper die Notbremse gezogen.
Schluss mit den Gedankenspielchen: Ich benötige meine volle Konzentration, um nicht über meine eigenen Füße zu stolpern. Nichts fallen zu lassen.
Neulich hab ich mit dem Gedanken gespielt, meinen Anteilen Indianer-Namen zu geben …
Grad hat Laufente Lisbeth das Zepter in der Ha … unter dem Flügel.

Das Gasthaus

Ganz genau genommen gibt es nicht nur die weisen Frauen, sondern auch einen weisen Mann, dessen Buch ich zur Zeit lese (auf dem Klo, wie alles, was Fach- oder schwierige Literatur ist – häppchenweise. Wenn ich damit fertig bin, mag ich mich an eine Rezension wagen).
Gerade lerne ich, dass auch „ganz normale“ Menschen nicht aus einem einzigen „Selbst“ bestehen, sondern aus unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen, die einander ignorieren und durchaus auch die Kooperation verweigern können.
Das hat – wenn man so will – schon der alte Goethe gewusst: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ …

Bei traumatisierten Menschen kann diese Aufteilung in verschiedene Anteile sehr ausgeprägt sein, ohne dass man schon von einer Persönlichkeitsstörung sprechen würde.
Wenn ich das für mich einmal so annehme, werden Phänomene nachvollziehbar, die bislang unerklärlich waren. Warum ich zum Beispiel immer wieder „Zeit verliere“: Ich gehe in die Küche um etwa Nudeln zu kochen und Bolognese-Sauce aufzuwärmen, ein Vorhaben, welches objektiv und großzügig geschätzt maximal 30 Minuten in Anspruch nimmt, bin zwei Stunden später fertig und kann mir nicht erklären, wie das passieren konnte.
Oder warum mein Blutdruck innerhalb von Sekundenbruchteilen extrem in die Höhe schnellt, als hätte ich eine Panikattacke, obwohl ich ganz entspannt bin und lediglich darüber nachdenke, was ich als nächstes tun möchte.

Ohne Frage verfüge ich über einen Anteil (oder er über mich?), der hochproduktiv ist und ständig Pläne schmiedet, was ich alles rasch mal erledigen, oder wenigstens gelegentlich in Angriff nehmen könnte.
Und einen kreativen, der sich Rezepte sehr viel lieber ausdenkt, als sie zu befolgen, Experimente liebt und sehr gerne bastelt und malt.
Wenn ich mir anschaue, was ich in der Küche so veranstalte, befeuern diese beiden sich vermutlich gegenseitig.

Es gibt aber auch einen, der sich angesichts solcher Pläne schnell verzagt und überfordert fühlt, dem dann alles zu viel ist und der sich wünscht, entlastet zu werden, der über Freiräume zur Erholung verfügen möchte.
Was, wenn es dieser Anteil ist, der Panik bekommt, sobald die anderen beiden sich anschicken, mal wieder Vollgas zu geben und ihn kurzerhand zu überrollen?

Weil mir die Geschichte vom Gasthaus so gut gefallen hat, beschließe ich, mich an einer Meditation zu diesem Thema zu versuchen und anstelle von Gedanken oder Emotionen Persönlichkeitsanteile einzuladen.
Ich vergegenwärtige mir den Schankraum, öffne die Türen … und weiß nicht recht, wie weiter …
„Aglaia?“, frage ich und spüre einen ganz leichten Druck auf meiner linken Schulter. Sie ist da, äußert sich aber nicht.

Wie kann ich meine Anteile einladen?
Der Ruhebedürftige möchte vielleicht ein Sofa … und der Kreative Bastelmaterial?
Ich stelle mir mein Wirtshaus mit Biertischen ergänzt um ein Sofa und eine Art Spielecke vor und stelle fest: Das passt so nicht, wir müssen anbauen!

Das weltbeste Schlafsofa steht im Wohnzimmer eines Hauses, in welchem ich unzählige Male meinen Urlaub verbracht habe und das mir seit vielen Jahren als innerer Ruheraum dient.
Hier wird het Kleintje sich wohlfühlen, denke ich, und habe damit womöglich diesen Anteil als jung, kindlich identifiziert.

Für den kreativen Anteil lasse ich den Bastelkeller meiner Mutter neu erstehen: Einen kleinen, körmeligen Raum, in welchem ich auch selbst viele Stunden verbracht habe. Mit Töpferbedarf, Effektglasuren, Öl- und Seidenmalfarben, Stoffen, Garnen, Perlen, Schmucksteinen, Strickmustern, Heißklebepistolen … was immer das Künstlerinnenherz begehrt!

Eine leichte Berührung am linken Unterschenkel lässt mich plötzlich Oskar als sehr präsent empfinden. Und warum nicht? Er hat für immer einen Platz in meinem Herzen, warum nicht auch in meinem Gasthaus?

Hin und wieder schleichen sich störende Gedanken ein.
Eine große Kommode mit vielen Schubladen und Platz für Schachteln und Schächtelchen macht sich gut im Schankraum! Hier ist Platz für die Gedanken, bis ich Zeit habe, mich ihnen zu widmen.

Wo würde sich mein produktiver Anteil wohlfühlen?
Die Küche in der Tagesklinik fällt mir ein, die hatte zwei Herde! Wenn das nicht produktiv ist, weiß ich auch nicht! Es gab außerdem eine Tür zum Garten und der Werkraum war nicht weit entfernt. Das passt!

Sowieso gefällt mir das Bild von der Tagesklinik!

Das war ein sehr schönes altes Haus, in dem ich eine wirklich gute Zeit verbracht habe.
Ich beschließe, den Schankraum meines Gasthauses durch den dortigen Gemeinschaftsraum zu ersetzen.
Hier können – stelle ich mir vor – meine Anteile einander begegnen und sich austauschen.
Aus dem OFF kommt der Einwand „Du hast den Kritiker vergessen!“.

In der Tat … und im selben Moment sehe ich Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel mit dem erhobenen Zeigefinger vor mir. Und nicht nur das: Ich spüre ihn schmerzhaft in meinem Nacken! Der bekommt das Turmzimmer, von dem aus er auf alle anderen herabschauen kann. Und ein Schreibpult, um ihre Verfehlungen zu notieren.

Zurück im Gemeinschaftsraum stelle ich die Stühle in einem großen Kreis auf. So haben wir das in der Tagesklinik auch regelmäßig gemacht: Eine große Runde, um sich auszutauschen, Kritik loszuwerden und Vorschläge zu machen.
Ich erkläre – zumal ich ja gar nicht weiß, wer alles da ist – dass wir es für heute dabei belassen wollen, einander zur Kenntnis zu nehmen, als urplötzlich eine Frau hereingepoltert kommt. Sie ist Mitte dreißig, korpulent, mit Pagenschnitt und Brille. Und sie motzt lauthals los, was denn dieser Quatsch hier solle!?!
Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung, wer das ist …

Ich vertage die Diskussion über Sinn und Unsinn der Veranstaltung auf das nächste Mal, vergegenwärtige mir den Boden unter meinem Körper, die Kuscheldecke über mir, den bullernden Küchenofen, meinen Atem … und kehre ins Hier und Jetzt zurück.

Später fällt mir auf, dass wir natürlich auch eine Schreibstube brauchen!
Ich hab schon so oft erzählt, dass mein Gehirn Texte formuliert, während ich spazieren gehe oder unter der Dusche stehe. Und dass ich wenig Einfluss auf die Auswahl des Themas habe …
Im Wintergarten, denke ich, mit Blick sowohl nach draußen, als auch nach drinnen.

Womöglich auch einen großen alten Holzschrank, in dem sich Platz für eine Ritterrüstung findet.

Und einen Platz für ein Alien!
Spontan denke ich an Walter Moers‘ schneeweiße Witwe, aber mein Alien ist nur für einen einzigen Menschen betörend schön und auf gar keinen Fall ist es tödlich! Außerdem will ich es ja auch gar nicht einsperren, sondern ihm Raum geben.
Vielleicht im Garten … ich glaube, es mag Blumen pflanzen.

Als ich die nächste Blutdruckspitze spüre, vermute ich, dass dies der ideale Zeitpunkt für einen Moment der Achtsamkeit sein müsste, in welchem ich mich meinem überforderten Anteil liebevoll zuwende. Andererseits stehe ich – schon halb ausgezogen, weil ich duschen möchte – im unbeheizten Badezimmer. Da muss ich gar nicht lange meditieren: Die Mehrheit will, dass jetzt! sofort! das heiße Wasser aufgedreht wird.
Kann ich Momente der Achtsamkeit vertagen?
Ich notiere „Kummerkasten für den Gemeinschaftsraum besorgen“.
Wir werden sehen …

***

Kafkas „Steuermann“ wird, soweit ich weiß, normalerweise anders interpretiert, dennoch hat mich diese Kurzgeschichte schon immer sehr berührt und ist mir anlässlich der Erfahrungen der letzten Tage wieder eingefallen.

Der Steuermann

»Bin ich nicht Steuermann?« rief ich.
»Du?« fragte ein dunkler hoch gewachsener Mann und strich sich mit der Hand über die Augen, als verscheuche er einen Traum. Ich war am Steuer gestanden in der dunklen Nacht, die schwachbrennende Laterne über meinem Kopf, und nun war dieser Mann gekommen und wollte mich beiseiteschieben.
Und da ich nicht wich, setzte er mir den Fuß auf die Brust und trat mich langsam nieder, während ich noch immer an den Stäben des Steuerrades hing und beim Niederfallen es ganz herumriss.
Da aber fasste es der Mann, brachte es in Ordnung, mich aber stieß er weg.
Doch ich besann mich bald, lief zu der Luke, die in den Mannschaftsraum führte und rief: »Mannschaft! Kameraden! Kommt schnell! Ein Fremder hat mich vom Steuer vertrieben!« Langsam kamen sie, stiegen auf aus der Schiffstreppe, schwankende müde mächtige Gestalten. »Bin ich der Steuermann?« fragte ich. Sie nickten, aber Blicke hatten sie nur für den Fremden, im Halbkreis standen sie um ihn herum und, als er befehlend sagte: »Stört mich nicht«, sammelten sie sich, nickten mir zu und zogen wieder die Schiffstreppe hinab.
Was ist das für Volk! Denken sie auch oder schlurfen sie nur sinnlos über die Erde?

Franz Kafka

Drei weise Frauen

Mit Achtsamkeitsübungen habe ich mich vor einigen Jahren schon einmal zu beschäftigen begonnen, mich dann aber mit Yoga – das unterstützend empfohlen wurde – wohler gefühlt. Das mag, obwohl der Yoga-Kurs mir anfangs furchtbare Angst gemacht hat, daran gelegen haben, dass die Anleitung dort nicht von einer CD kam, sondern von der Frau, die nun die Yogini unter „meinen“ weisen Frauen ist. Womöglich war es auch wichtig für mich, zunächst einmal in meinem Körper anzukommen, bevor ich meinem Geist die Zügel schießen lasse.

Als ich nun eingeladen werde, zum Jahresbeginn an einem Workshop zur Achtsamkeits- und Meditationspraxis teilzunehmen, scheint mir der geeignete Zeitpunkt gekommen.

Da der Workshop als Zoom-Konferenz stattfindet und ich die Dozentin seit vielen Jahren kenne, darf er, beschließe ich, als „im richtigen Leben“ gelten. Außerdem finde ich das Bild von den drei weisen Frauen unwiderstehlich.

Zum Auftakt machen wir eine kleine Phantasie-Reise, die mir sehr leichtfüßig und idyllisch erscheint bis ich einen Blick nach innen werfe und „die schwarze Säule“ sehe – einen tief-, ja lackschwarzen Streifen entlang meiner Wirbelsäule, ungefähr halb so breit, wie mein Brustkorb. Das passiert mir nicht zum ersten Mal und so bin ich zwar unangenehm überrascht, werde aber nicht panisch. Während der nächsten Etappe der Reise geht es um’s Loslassen, geschehen lassen und ich stelle mir vor, wie die Schwärze ohne mein Zutun von mir weicht. Das funktioniert recht gut.

Bei der anschließenden Feedback-Runde allerdings verliere ich die Fassung und beginne zu weinen.
Ich weiß, dass meine Reaktion nicht ungewöhnlich ist und mir nicht peinlich sein muss, aber ich möcht leiden, ich würde mal zu denjenigen gehören, die in solchen Momenten lächelnd darüber sprechen können, wie angenehm die Übung für sie war.
Stattdessen business as usual: Alle ganz entspannt im Hier und Jetzt – eine weint.

Als wir zu Beginn der zweiten Stunde eingeladen sind, zu berichten, wie es uns ergangen ist, kratze ich all meinen Mut zusammen und erzähle, dass ich mir blöd vorgekommen bin, weil ich geweint habe (oder eher, weil ich wieder einmal anders war), dann aber entschieden habe, dass das sein darf. Dass ich so sein darf.
Ein kleiner Schritt für die Menschheit, eine Mondlandung für mich.

Zunächst meditieren wir über die Frage, welche Qualitäten wir mit Hilfe der Achtsamkeitspraxis in unser Leben einladen möchten. Ich habe mir im Laufe der Woche eine Menge Gedanken darüber gemacht, welche Intention ich habe, was ich erreichen möchte. Was ich mir wünsche habe ich noch gar nicht bedacht …
Als die weise Meditierende vorschlägt, „Freude“ könne eine solche Qualität sein, denke ich mir „Freude! Ja klar! Nehmen wir doch Freude!“.
Ein Gefühl von Leichtigkeit stellt sich ein, ich spüre, dass ich zu lächeln beginne, und vor meinem inneren Auge sehe ich die Ponies, wie sie in der Sonne mit mir und dem Hund zum Haus laufen, um dort ihre Pony-Kekse in Empfang zu nehmen.
Stimmt … es gibt schon Freude in meinem Leben!

Rücklings auf meiner Yogamatte liegend beobachte ich bei einer weiteren Übung meinen Atem, als ich urplötzlich höllische Schmerzen bekomme. Meine linke Schulter steckt in einem Schraubstock und der Schmerz zieht sich bis zum Knöchel, auf dem überdies jemand zu sitzen scheint. Die Nackenmuskulatur wird knallhart, sogar mein Gesicht tut weh.

Kurz vorher haben wir gelernt, dass wir „störende“ Gedanken während der Übungen „etikettieren“ können: Sie kurz wahrnehmen und dann sozusagen in einer Schublade ablegen, um uns später damit zu befassen, weil wir in diesem Moment ja mit etwas anderem beschäftigt sind.
Die Idee gefällt mir sehr – wie ich störende Gedanken einfach „vorüber ziehen“ lassen soll, war mir immer rätselhaft.

Ob das wohl auch gegen störende Schmerzen hilft?
Im ersten Wurf etikettiere ich mit „Trauma“, stutze dann jedoch: Wozu hat das Kind einen Namen?
Stattdessen begrüße ich Aglaia und lade sie ein, sich zu mir zu legen.

Am Ende der Übung, bei dem wir spontane Bewegungen machen, die uns gerade gut tun, umarme ich mich. Uns. Die Schmerzen sind weg.

To be continued …

Was bisher geschah:

Weise Frauen

Achtsamkeit:
Jetzt ist jetzt
Wellness mit Schattenseiten
Übungssache

Das Yoga Projekt:
I: Kismet
II: Yoga, Gulasch und Fledermäuse
III: Energie und Liebe
IV: Die schwarze Säule
V: Wagnis Workshop

Aglaia

Die Taucherin will den Freischwimmer machen

Ich erinnere mich, dass meine langjährige Therapeutin in Deutschland mir einmal gesagt hat, irgendetwas in mir sauge meine Energie ab, aber sie könne mir beim besten Willen nicht sagen, was das sei.
Und ich selbst habe ja oft genug herumgeblödelt, ich sei so ein optimistischer und positiver Mensch, ich würde überhaupt nicht kapieren, warum ausgerechnet ich Depressionen habe.

Es ist tröstlich, jetzt mit „Trauma“ eine Erklärung zu haben. Ein schwacher Trost andererseits … es wird ja nichts besser davon. Aber die Frage, was um alles in der Welt eigentlich mit mir nicht stimmt, stellt sich jetzt immerhin anders.
Eine neue Fragestellung, leider, mit der ich ins Leere renne.

Ich zähle mich zu den sogenannten KriegsenkelInnen – meine Eltern haben einen Weltkrieg miterlebt, meine Großeltern zwei. Kriegstraumata, das weiß man heute, werden auf vielen verschiedenen Wegen an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. Wer hierüber mehr erfahren möchte, dem empfehle ich „Kriegsenkel“ von Sabine Bode.
Ich fand das Buch interessant, habe hier und da Parallelen zu meinem eigenen Leben erkannt, mich aber nicht wirklich wiedergefunden … bis zu dem Kapitel, das mir kurzerhand den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Das mir meine Erinnerungen plötzlich in einem vollkommen anderen Licht zeigte.

Ich bin außerdem ein „Verschickungskind“, eines der Kinder, denen in den 60er und 70er Jahren mehrwöchige Kuraufenthalte zur Stärkung und Förderung ihrer Gesundheit verordnet wurden.
Das Ausmaß der Demütigungen und Misshandlungen, denen die Verschickungskinder in diesen Kurheimen ausgesetzt waren, wird erst jetzt allmählich aufgedeckt (mehr Informationen dazu hier, hier und hier).
Ich selbst habe so gut wie keine Erinnerungen daran – ich war noch zu klein.

In solchen Fällen wird dazu geraten, Angehörige zu fragen, die damals bereits erwachsen waren, die sich erinnern können: Was geschehen ist, was sie beobachtet, vielleicht auch nur gemutmaßt haben …
Aber solche Menschen gibt es in meinem Falle nicht. Da ist niemand, den ich fragen könnte.

Kein Wunder also, dass Gesprächs- und Verhaltenstherapien mir nur begrenzt haben helfen können: Wie hätte ich über Dinge sprechen sollen, von denen ich entweder nicht wusste, dass sie bedeutsam sein könnten (siehe Dissoziation), oder an die ich mich gar nicht erst erinnere?

Ein Online-Kurs, über den ich mehr oder weniger zufällig stolpere (es gibt Momente, da mag ich nicht an Zufälle glauben – aber dazu ein andermal mehr), scheint mir hier eine gute Lösung zu sein, verspricht er doch, Erkenntnisse und Techniken zu vermitteln, die es möglich machen, mit Trauma zu leben, ohne dieses konkret zu thematisieren.

Näher werde ich einer Traumatherapie in der nächsten Zeit nicht kommen: Das Leben im Süden hat viele Vorteile, aber eine hohe Dichte psychotherapeutischer Angebote gehört nicht dazu.
Und wie gesagt: Eine Gesprächstherapie findet ihre natürliche Grenze dort, wo es nichts zu sagen gibt.

Nach den … sagen wir … bemerkenswerten Erfahrungen mit dem letzten (allerdings vorgeblich kostenlosen) Online-Angebot, schaue ich mir den Kurs gründlich an: Die Bedingungen scheinen mir seriös, der Preis angemessen und in diesem Falle gefällt mir auch die Dozentin: Sie erinnert mich sowohl an meine Therapeutin, als auch an meine Yoga-Lehrerin. Beste Voraussetzungen!

Und tatsächlich finde ich an den ersten Lektionen nichts auszusetzen, sie sind informativ und durchaus hilfreich.
So hatte ich mir das vorgestellt: Ich arbeite diese Lektionen durch und am Ende komme ich – ganz flauschig! – mit mir, meiner Familien- und Vorgeschichte, mit all dem Unaussprechlichen, Undenkbaren, der ganzen psychischen Sonderausstattung, einfach besser klar.
Mit der Betonung auf einfach.

Stattdessen schaltet sich mein Gehirn ein.
„Wir machen Traumatherapie? Da simmer dabei! Dat is pri-hi-ma!“*
* Ich kann nicht leugnen, in Sichtweite des Kölner Doms aufgewachsen zu sein …
Und wenn der Kurs noch so sorgsam darauf angelegt ist, nicht zu triggern, mein Gehirn fördert unermüdlich Erinnerungen zu Tage, richtet Scheinwerfer aus, um diese ganz neu zu beleuchten, und kreiert nächtens symbolträchtige Träume.

Zunehmend habe ich den Eindruck, mit der Entscheidung, dieses Thema endlich in Angriff zu nehmen, hab ich es Goethes Zauberlehrling gleichgetan: Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los!
Sehr im Gegensatz zu den rennenden Besen, die der Zauberlehrling nicht mehr zu stoppen vermag, kann ich meine Online-Lektionen allerdings dosieren, das Tempo rausnehmen.

Was sagt eine Schnecke, die auf dem Rücken einer Schildkröte sitzt?
„Huiiiiiiiiiii!“ …

Mir wird klar, dass ich Hilfe benötigen werde … im richtigen Leben!

Und so wende ich mich an die „weisen Frauen“: Die Hebamme eines der Nachbardörfer, die außerdem Psychotherapeutin ist (das gefällt mir sehr: Sie hilft – so oder so – Menschen auf die Welt!) und meine Yoga-Lehrerin. Diese beiden, so hoffe ich, werden mich darin unterstützen, die Wogen, welche mein Selbstversuch in seelischer und körperlicher Hinsicht auslöst, wieder zu glätten.

Psychische Phänomene verstehen mit Douglas Adams: Dissoziation

Douglas Adams (* 11. März 1952, † 11. Mai 2001) hat der Nachwelt neben etlichen wunderbaren Zitaten, wie zum Beispiel Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau herausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch etwas noch Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. – Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist.“ mit „42“ auch die finale Antwort auf alle – ja wirklich alle! – Fragen hinterlassen.

Einer meiner persönlichen Favoriten ist, wie kürzlich erwähnt, das PAL:
„Das PAL-Feld (Problem-anderer-Leute-Feld, engl. Somebody Else’s Problem (SEP)-field) dient zur Tarnung von Raumschiffen oder Ähnlichem. Es ist viel einfacher und wirkungsvoller als ein normales Unsichtbarkeitsfeld (und kann obendrein über hundert Jahre lang mit einer einfachen Taschenlampen-Batterie betrieben werden).
Seine Funktion beruht auf der angeborenen Neigung der Leute, nicht zu sehen, was sie nicht sehen wollen, nicht erwartet haben oder nicht erklären können. Sie erklären es einfach zum Problem anderer Leute und nehmen es deshalb schlicht nicht wahr.“
(Quelle: Wikipedia)

Was das mit Aglaia und mir zu tun hat?
Traumata, habe ich gelernt (und mich sehr zu begreifen bemüht) gehen mit einem Phänomen namens Dissoziation einher. Dissoziation ist das Gegenteil von Assoziation. Assoziation verknüpft Dinge miteinander, Dissoziation trennt sie. In traumatischen Situationen werden Emotionen, die das Individuum zu überwältigen drohen, abgespalten, um das Überleben zu gewährleisten. Die betreffenden Emotionen verschwinden zwar nicht, werden aber nicht mehr wahrgenommen, sind nicht mehr erreichbar.
So weit, so klar.

Nur ging es mir mit meinen Erkenntnissen zur Dissoziation genau wie mit denen aus dem Mathematik-Nachhilfeunterricht in der Oberstufe: Soeben erklärt, erschien noch alles logisch und einen Moment später … PUFF! … weg …
Ganz ähnlich verhielt es sich mit der Lektüre bezüglich schwarzer Pädagogik (mehr dazu hier) – es war, als würde mein Gehirn höflich, aber entschieden „nein, danke!“ sagen …

„Danke, wir sterben nicht!“ – das ist jetzt, sofern ich mich recht erinnere, nicht aus „Hitchhiker’s guide to galaxy“, sondern aus „Kentucky fried movie“ oder von Monty Python …
Aber danke: Ich dissoziiere nicht!
Und wenn es noch so naheliegend ist, wenn noch so viele Indizien dafür sprechen: Ich fühl das nicht! Für mein Empfinden empfinde ich vollkommen normal.

Andererseits weiß ich das schon seit vielen Jahren: Lange bevor von Depression auch nur die Rede war, habe ich in einer sehr belastenden Situation festgestellt „In mir ist so viel Weinen – wenn ich damit einmal anfange, kann ich nie wieder aufhören.“.
Und trotz all meiner Bemühungen hat dieses ganze Weinen sich einen Weg gesucht, mich immer wieder unverhofft von der Seite angesprungen (Heulsuse). Irgendwann hab ich sogar dann zu weinen begonnen, wenn ich eigentlich gelacht hab.

Dann sind da diese Kindheitserinnerungen, die neuerdings ganz plötzlich hochpoppen.
Nichts, was tatsächlich gänzlich neu wäre … ich kenn die alle.
Aber zum ersten Mal fällt mir auf, dass keine Emotion damit verbunden ist. Ich sehe dieses Kind und denke mir „Oje, dieses Kind muss völlig überfordert gewesen sein! Bestimmt hat es Angst gehabt, hat sich alleingelassen gefühlt! Vielleicht war es auch wütend …“
Fühlen kann ich nichts davon – vermutlich würde ich angesichts eines fremden Kindes in ähnlicher Situation mehr (Mit)gefühl aufbringen …

Ich habe keine Ahnung, wann genau ich „per Anhalter durch die Galaxis“ zum ersten Mal gelesen habe – es dürfte eher 40 als 30 Jahre her sein. Seitdem begleiten mich vogonische Dichtkunst, Raumschiffe, die am Himmel hängen, wie Ziegelsteine es nicht tun, sowie pangalaktische Donnergurgler.
Das mag der Grund sein, warum ein PAL-Feld, unter welchem die Emotionen meiner Kindheit vor mir verborgen liegen, für mich (be)greifbarer ist, als ein psychologisches Phänomen und sei es noch so gut dokumentiert.

Und das ist okay so.

Aglaia

Ich habe mich entschieden, meinem Trauma einen Namen zu geben.
Also … nicht dem Trauma selbst – jedenfalls nicht nur – sondern der Summe der Phänomene, die damit einhergehen.
Schließlich leben wir zusammen.

Die Idee kam mir ganz spontan. Dicht gefolgt vom Namen selbst.
In der Erwartung, meine Intuition sei da zweifellos nach dem Motto „nomen est omen“ verfahren und habe mir die Schutzheilige der Angeschlagenen oder Ähnliches zugeflüstert, habe ich dessen Bedeutung sogleich nachgeschlagen:
Altgriechisch und Mythologie klang schonmal nicht schlecht …
Aglaia kommt von aglaós (glänzend, prächtig) und ist die Göttin der Anmut. Sie gehört neben Thalia und Euphrosyne zu den drei Grazien.
Was mich vermuten lässt, dass meine Intuition zwar kein Latein versteht, dafür aber ein großes Faible für Ironie hat.

Wozu überhaupt ein Name?
Neulich las ich, es sei wichtig, die diversen Reaktionen von Menschen auf Traumata nicht ausschließlich als behandlungsbedürftige Störungen anzusehen, sondern sich bewusst zu machen, dass es sich dabei um Mechanismen handelt, die ein Weiter- bzw. Überleben ermöglicht haben.
Wenn ich versuche, meine Depression, die Ängste, den Rattenschwanz an unerklärlichen körperlichen Symptomen einmal nicht nur als etwas wahrzunehmen, das es zu bekämpfen, auszumerzen, oder doch wenigstens zu lindern gilt, sondern als schützende Macht, die mich in der Vergangenheit vor einer existenziellen Bedrohung bewahrt hat, dann tun meine Schmerzen davon natürlich keinen Fatz weniger weh. Und an einem schlechten Tag hat mein Gang in etwa die Anmut eines Nilpferdes im Tütü – Göttin hin oder her.
Aber es macht einen Unterschied, ob ich eine Gefängnismauer sehe, oder einen Schutzwall, der – so hoffe ich! – allmählich nicht mehr benötigt wird und Stück für Stück abgebaut werden kann.


Mein Schutzwall bekommt Risse, durch die ich in die Vergangenheit schauen kann.
Das ist in meinem Falle sehr viel weniger spektakulär, als man meinen könnte: Da kommen keine lange verdrängten Erinnerungen ans Licht. Stattdessen kann ich hin und wieder Dinge, von denen ich schon immer wusste, ganz plötzlich als das erkennen, was sie sind. Und schon immer waren.
Das ist ein bisschen so, wie wenn man weiß, dass im Flur ein Paar Schuhe steht. Ein Paar genau gleicher Schuhe. Ganz genau gleich. Und plötzlich guckt man hin und … das sind zwei Rechte!
Kein Wunder, dass man in denen nie vernünftig gehen konnte!
Das ist kein bisschen spektakulär: Ein Paar oller Schuhe, die schon immer da gestanden haben.
Und dann wieder doch: Wie hat man jahrelang, ein Leben lang nicht bemerken können, dass es nicht an den eigenen Füßen liegt, wenn man darin nur schmerzhaft hinken kann?
Das ist befreiend und zutiefst erschütternd zugleich.

Eine kluge Frau – bemerkenswerterweise Psychotherapeutin und Hebamme in einer Person – hat mir auf die Frage, warum um alles in der Welt ich jahrzehntelang nicht begriffen habe, was schon immer offen vor meinen Augen lag, schon vor geraumer Zeit geantwortet, es handele sich dabei um einen Schutzmechanismus: Wir sind erst dann in der Lage, bestimmte Dinge zu erkennen, wenn wir die Erkenntnis auch ertragen können.

Demnach ist ein solcher psychischer Schutzwall keine Betonmauer, sondern kann Filter, Membran, Fenster sein
(oder Gummizelle. Entschuldigung! Der musste raus …).
Ein Medium, mit dem ich arbeiten kann.

Und dennoch gleichzeitig eine Vorrichtung, die mich vor einem Übermaß an Erkenntnis zu schützen bemüht ist.
Anders jedenfalls kann ich mir kaum erklären, warum ausgerechnet jetzt, wo ich endlich das Gefühl habe, da löst sich was, es geht voran! – die Schmerzen, die ich schon medikamentös gebändigt sah, mit Macht zurückgekehrt sind.
Eine solche Zusammenarbeit bedarf – bis sie mal ohne Verwerfungen läuft – ganz offensichtlich der Übung.
Wenn wir jetzt also nicht nur Wohngemeinschaft, sondern auch Arbeitskolleginnen sind, ein Team werden wollen, sollten wir einander beim Namen nennen.

Welcome Aglaia!

Montagsmodell IV: Nix Neues. Oder?

„Warum schreibst du darüber, als wäre es etwas ganz Neues für dich? Du bist doch schon seit Jahren chronisch krank …“
Hätte ich meinen Text zu Papier gebracht, wäre das jetzt der Moment, mit einer Hand die Blätter zusammenzuknüllen … Stimmt! Warum eigentlich?
Seit fast 20 Jahren lebe ich mit einer rezidivierenden (sprich: chronischen) Depression, da sollte man annehmen, ich sei (sofern das überhaupt möglich ist) daran gewöhnt. Und tatsächlich habe ich im ersten Moment selber gedacht, das, was ich jetzt erlebe, sei einfach eine Variante dessen, was ich bereits kenne und ich könne es problemlos in die Ablage „chronische Erkrankungen – Komma – akzeptierte“ verräumen. „Kenn‘ ich!“, hab ich gedacht und damit nichts anderes getan, als all die Menschen, die hin und wieder traurig und niedergeschlagen sind und deswegen glauben, sich gut vorstellen zu können, wie es ist, an Depressionen zu leiden.
Meine Vorstellung vom Leben mit einer chronischen Erkrankung des Körpers war dann auch ungefähr so realistisch, als würde ich über das Sterben nachdenken und dabei Winnetou, Mr. Spock und Dr. Schiwago vor Augen haben.
Zum Beispiel hatte ich ganz selbstverständlich angenommen, dass am Anfang eine Diagnose steht (und mich selbst mit der Feststellung, dass ich mich irgendwann einmal mit Borreliose infiziert habe, fälschlicherweise bereits am Ziel gewähnt). Dass es Menschen gibt, die eine ganze Odyssee hinter sich bringen müssen, bis es soweit ist, hatte ich zwar schon gehört, aber das war etwas, das anderen passiert. Für mich selbst habe ich das nie in Betracht gezogen. Diagnose also und dann Behandlung.
An der Stelle muss ich einräumen, dass ich, was meine psychische Erkrankung betraf, zu den Glückskindern gezählt habe, denen man mit einem milden Antidepressivum wieder auf die Beine helfen konnte. Und ich hatte eine Therapeutin, die mir über Jahre hinweg geholfen hat, mit meiner Erkrankung, wenn sie schon nicht zu überwinden war, doch wenigstens zurechtzukommen.
Eigentlich hätte ich jetzt sehr gerne meine Therapeutin zurück, damit sie mir hilft, damit klarzukommen, dass es bislang keine abschließende Diagnose gibt. Und deswegen auch nur „Versuche“, was die Behandlung betrifft.
Gleich darauf schäme ich mich, weil es ja Menschen gibt, bei denen jahrelang niemand weiß, was sie leiden macht. Und ich heul schon nach ein paar Monaten rum …

IMG_14069-webDarüber, dass Depressionen wenigstens nicht weh tun, hab ich ja schon mehr als einmal herumgeblödelt – jetzt stelle ich fest, wie zermürbend anhaltende Schmerzen wirken, auch wenn sie gar nicht einmal besonders heftig sind. Ich finde keinen Weg, für mich zu sorgen.
In ganz schlimmen depressiven Phasen, habe ich mit Müh und Not den Weg vom Bett bis zum Sofa geschafft. Da lag ich dann und habe ferngesehen. Ich wusste sehr genau, wann auf welchem Sender welche Zoosendung läuft, Lücken ließen sich zur Not mit „Unsere kleine Farm“ überbrücken, dann gab es Vorabendserien und in der Nacht Pathologenkrimis. Die halbe Zeit habe ich sowieso gedöst, oder bin in einem „Zeitloch“ versunken: Man sitzt oder liegt einfach da, denkt und tut nichts und plötzlich ist der Tag vorbei. Depression ist dumpf. Man kann zwar nichts tun, leidet darunter aber nicht allzu sehr, weil man sowieso nichts tun will. Es fällt einem gar nicht erst etwas ein, was man wollen könnte.
Gegen Ängste lassen sich Strategien finden: Vor dem Kino warten zum Beispiel, während jemand anders die Karten besorgt. Sich einen Platz gleich am Gang freihalten lassen, damit man wieder nach draußen kann, falls man es doch nicht aushält. Und dann reingehen, wenn das Gedränge vorbei ist. Und wenn trotzdem alles zuviel ist, lässt man es halt! Das ist dann doof. Enttäuschend. Frustrierend. Aber die Angst ist weg.
Jetzt hilft kein Rückzug, kein Vermeiden. Wenn ich mich im Bett verkrieche und mir die Decke über den Kopf ziehe, tut es trotzdem weh. Der Tag vergeht in normaler Geschwindigkeit. Und ich will ja was! Ich hab Ideen, was ich tun möchte und dann kann ich nicht.

Was sehr vertraut ist, die Lage aber keineswegs verbessert, ist die Angst, nicht ernst genommen zu werden. Mich selbst doch wieder zu fragen, ob es wohl sein könne, dass ich mich anstelle.

Neulich hab ich es tatsächlich noch einmal getan. Als ich zum Yoga wollte, von dem ich ja weiß, dass es zu den wenigen Dingen gehört, die helfen, und feststellen musste, dass ich den Weg vom Haus zum Auto nicht schaffe. Erst hab ich vor Verzweiflung Rotz und Wasser geheult, dann bin ich auf die Suche nach Trost gegangen. Es gibt zwar keinen Fernseher mehr, vor dem ich liegen könnte, aber in der Mediathek findet man Zoosendungen …

Drei Jahre Schattentaucherin: Kurswechsel

Fünf Jahre ist es nun her, dass ich – nach über zehn Jahren mit Psychopharmaka und therapeutischer Unterstützung – begonnen habe, mich zu fragen, ob es richtig sein könne, immer weiter mich für das Leben „passend machen“ zu wollen, oder ob es nicht vielmehr an der Zeit sei, mein Leben an mich, meine Bedürfnisse und meine Möglichkeiten anzupassen.
In der Verfassung, tatsächlich aktiv zu werden, mein Leben neu zu gestalten, war ich damals freilich nicht. Ich hatte schlicht Glück: Ohne dass ich danach gesucht hätte, fand sich ein Platz für mich, an dem ich ein anderes Leben ausprobieren konnte. Mir blieb nur, mich auf den Weg zu machen und das fand ich schwierig und schmerzhaft genug.

Seit vier Jahren lebe ich auf einem Bauernhof in den Cevennen, einer nur spärlich besiedelten Gegend im Süden Frankreichs, von der ich vorher noch nie gehört hatte. Hügelig sind die Cevennen. Und grün. Aber karg, felsig und unwirtlich ebenso. Eine Gegend, in der schon früher Menschen Schutz gesucht haben.
Der Hof ist einsam gelegen, Nachbarn gibt es nicht. Meist ist es so ruhig, dass einem die Stille in den Ohren klingt. Soweit es mir möglich war, hab ich mich an der Hofarbeit beteiligt. Die Strukturen, die das Leben auf dem Land kurzerhand „setzt“, haben mir gutgetan, ebenso wie die Fürsorge für unsere Tiere. Nicht zu vergessen: Die Hofküche! Die ist mir Arbeitsplatz, Ergotherapie und Kreativlabor in einem!
Wer nun aber meint, dass damit, hopp!, mein Leben in Ordnung war, den muss ich enttäuschen. Ich war dieselbe, wie vorher: Immer noch depressiv, immer noch gelegentlich von Panikattacken heimgesucht. Aber immerhin: Eigenständig unterwegs, ohne medikamentöse Unterstützung.

Vor drei Jahren nun, habe ich mich entschieden, mich als Mensch mit einer psychischen Erkrankung zu outen und vom weiteren Verlauf meines Weges zu berichten: Die Schattentaucherin war geboren.

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Während der ersten beiden Jahre auf dem Hof war ich vollauf damit beschäftigt, den Kopf über Wasser zu halten: Am Leben teilzunehmen sofern möglich, Tiefs und Rückschläge durchzustehen, auf baldige Besserung zu hoffen und irgendwann auch zu vertrauen. Bis heute fällt es mir schwer zu unterscheiden, ob es tatsächlich meine Lebenssituation ist, die unerträglich scheint, oder „nur“ die Depression mir wieder einmal einflüstert, dass alles sinnlos sei. „Wenn’s nach zwei, drei Tagen wieder okay ist, war’s nur die Depresse!“, aber das weiß ich dann: An Tag eins möchte ich sterben. Immerhin war irgendwann nur noch von Tagen die Rede – nicht mehr von Wochen und Monaten. Und ganz allmählich hat sich Vertrauen entwickelt: Darauf, dass heute halt mal ein schlechter Tag ist. Mit der Betonung auf „heute“ und „mal“ …

Erst dann war Platz für die Idee, es könne noch „Luft nach oben“ geben und ich aktiv etwas dafür tun, mein Befinden weiter zu stabilisieren. Angefangen habe ich ganz klein: Mit Achtsamkeitsübungen, die ich morgens im Bett absolvieren konnte. Ein Yogakurs, der wundersamerweise just in dem Moment im Dorf angeboten wurde, als ich soeben erfahren hatte, dass Yoga meine Achtsamkeitsbemühungen wirksam unterstützen könne, dagegen, schien mir ein außerordentlich ehrgeiziges Projekt zu sein. Es dennoch in Angriff zu nehmen, hat mich eine Menge Mut und Zähigkeit gekostet – aber es hat sich gelohnt!

Heute denke ich, dass – obwohl auch CBD durchaus hilfreich ist – es vor allem anderen die Yoga-Übungen sind, die mir gut tun. Es hat, zugegeben, eine Weile gedauert – aber es ist ja auch wichtig, auszuprobieren, ob ein Fehler reproduzierbar ist – bis ich eingesehen habe, dass Rückfälle bevorzugt mit dem Ende der Schulferien einhergingen, also immer dann eintraten, wenn das Yoga-Training ein paar Wochen lang ausgefallen war. Seitdem suche ich regelmäßig meine Matte auf.

Im Großen und Ganzen ist meine Stimmung (der Franzose spricht hier drolligerweise von „humeur“) stabil. Wenn ich arg gestresst bin, habe ich hin und wieder immer noch Panikschübe, aber – ganz ehrlich? – das sind Fürze im Orkan. Unangenehm, ja, peinlich auch – aber nicht wirklich ein Problem. Das Weinen bin ich nicht losgeworden: Wenn mich etwas berührt – ganz egal, in welcher Weise – weine ich. Zuweilen weine ich sogar dann, wenn mich etwas zum Lachen bringt. Das finde ich befremdlich und durchaus auch hinderlich. Aber es gibt ganz sicher Schlimmeres.

Viel wichtiger finde ich, dass ich kürzlich ganz allein im großen Supermarkt in der Stadt war!
Okay, es war kein großer Einkauf, aber ich bin da einfach reinmarschiert und hab erst hinterher begriffen, dass da eine Premiere stattgefunden hatte. Das erste Mal seit 5 Jahren und ich hab nicht einmal darüber nachgedacht!

Demnach könnte die Tauchfahrt jetzt und hier enden: Es hat geklappt. Ich habe eine Lebensweise für mich gefunden, bei der es zum Thema Depression nur noch selten etwas zu berichten gibt.
Stattdessen ist ein Schatten ganz anderer Art auf mein Leben gefallen.
Eine chronische Erkrankung des Körpers, das zumindest steht momentan zu befürchten, die mich mindestens ebenso wirksam daran hindert, am Leben teilzunehmen.
Früher habe ich hin und wieder geflachst, ein Vorteil an Depressionen sei, dass sie immerhin nicht weh täten … Das jetzt tut weh. Unter anderem.
Und derzeit scheint es, als hätte ich noch einen langen Weg vor mir: Bislang gibt es keine brauchbare Diagnose, eine Behandlung, die über ein Stochern im Nebel hinausgeht, ist nicht in Sicht. Das ist beängstigend, empörend, frustrierend und – ooops! – deprimierend. Dafür ist mein humeur nach wie vor erfreulich stabil!

Die Taucherin war mir eine gute Begleiterin auf dem Weg aus der Depression. Sie soll mich auch auf dem Weg durch diesen Schatten begleiten.