1 Jahr Tauchfahrt

Was kam ich mir originell vor, als ich mich entschieden habe, über meine Depressionen zu bloggen!
Mutig auch, keine Frage! Ich war ziemlich stolz auf mich.

Es hat nicht lange gedauert, bis mir klar wurde, wie viele von uns das tun – nicht nur über Depressionen, sondern über die unterschiedlichsten psychischen Erkrankungen und Besonderheiten …
Aber wenn man so will, ist jeder dieser Blogs tatsächlich eigenartig, ungewöhnlich, schöpferisch und neu. Und jede einzelne dieser Entscheidungen war mutig. Wir können und dürfen ruhig alle stolz auf uns sein.

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Um über meine Depressionen zu bloggen, muss ich nicht nur akzeptieren, dass ich krank bin, sondern auch, dass das für eine längere Zeit und vielleicht für immer der Fall sein wird: Der eine oder die andere Bloggerin kühmt vielleicht mal über Grippe oder Hexenschuss, aber kein Mensch widmet dem einen eigenen Blog …
Ich muss mich damit auseinandersetzen, sonst habe ich außer „mir geht’s sooo scheiße!“ nix zu sagen.
Und ich muss dazu stehen. Selbst diejenigen von uns, die es vorziehen, anonym zu bleiben (wofür es, je nach Lebenssituation, leider immer noch gute Gründe gibt) teilen mit jedem Beitrag der Welt mit: „Ja. Ich auch. Wir sind viele.“.

Anfangs gibt es ungeheuer viel, über das man schreiben kann, will und muss: Da hat man ja schon eine (Kranken)geschichte hinter sich, die erzählt werden will.
Man schreibt weniger darüber, was Depressionen sind, als man zu erklären versucht, was sie nicht sind: Ich bin nicht traurig!
Man wirbt für Verständnis dafür, dass Ausdauersport, Lichttherapie, Johanniskraut und niedliche Kätzchen tatsächlich nicht über depressive Tiefs hinweghelfen. Oder man erstellt Listen von guten Ratschlägen, die man echt nie wieder hören möchte.
Man versucht, in Worte zu fassen, wie man sich fühlt.
Erzählt von Erfahrungen mit TherapeutInnen, Klinikaufenthalten und Medikamenten. Kleinen Fortschritten und vernichtenden Rückschlägen.

Und irgendwann kommt man im „heute“ an: Die ganze Vorgeschichte ist erzählt.
Dann wird es schwierig, finde ich. Das Bloggen.
Ich habe immer noch Depressionen. Es gibt immer noch Tiefs. Absolute Tiefpunkte. Allmähliches Bekrabbeln und Phasen der Stabilität und Zuversicht. Auf. Ab.
Damit könnte ich vielleicht meine größten Fans beschäftigen, wenn ich ein Promi wäre und das Ganze nicht via Text > 140 Zeichen, sondern mittels einer lesefreundlichen Skala von 1-10 veröffentlichte.

Als ich mit der „Taucherin“ begonnen habe, habe ich Texte „auf Halde“ produziert und nach und nach veröffentlicht. Es gab ja schon so viel zu erzählen und von der Seele zu schreiben, um überhaupt einmal zu erklären, was ich jetzt vorhatte. Und warum.
Ein neues Leben anfangen. Ohne Therapie und vor allem ohne Medikamente.
Dann habe ich über die erste Zeit auf dem Hof geschrieben: Es gab so viel Neues!
Und jetzt, nach einem Jahr „Schattentaucherin“ leide ich immer noch an Depressionen.
Auf. Ab. Auf. Ab. Nichts, was sich noch zu erzählen lohnt.

Ich hab viel Herzblut an dieses Projekt verschmiert und möchte es nicht einfach im Sande verlaufen lassen. Und in diesem Moment zeigt die Taucherin sich auf eine Art und Weise hilfreich, mit der ich nicht gerechnet hätte: Sie fragt mich wieder und wieder „Wirklich nichts Neues?“.
Meinen Kunden im Hundetraining habe ich regelmäßig gepredigt, sie möchten sich doch bitte nicht auf das konzentrieren, was noch nicht klappt, sondern sich in Erinnerung rufen, an welchem Punkt sie begonnen haben und wie weit sie schon gekommen sind.
„Schau hin!“, flüstert sie. „Und?“

Und sie hat recht.
Mich in die Einsamkeit der Cevennen zurückzuziehen, war – auch wenn das nach außen romantisch, abenteuerlich oder mutig aussehen mag – schlicht das Eingeständnis, dass ich keine andere Wahl mehr hatte, als mir meine Welt so passend (will sagen: klein) zu machen, dass ich darin zurechtkommen kann. Ich habe hier einen Ort gefunden, der eine heilsame Wirkung hat und mir viel Zeit genommen (nehmen müssen), einfach nur hier zu sein.
Irgendwann habe ich begonnen, mich wieder was zu trauen. Lächerlich kleine Dinge, objektiv betrachtet: Den Markt in einem Nachbardorf besuchen, die Verantwortung für einen Einkauf übernehmen, alleine zum Tierarzt fahren und den Hund impfen lassen …
Für mich waren das große und spannende Unternehmnungen.
Seit Kurzem nun ist etwas ganz Neues hinzugekommen.
Natürlich ist an Achtsamkeitsübungen und Yoga genau nichts originell. Lebt man in einer deutschen Großstadt, scheinen sie dazuzugehören wie green Smoothies und vegane Eiscreme. Für mich sind sie deswegen etwas Besonderes, weil sie den ersten Versuch seit langem darstellen, mit meiner Erkrankung umzugehen. Die Antidepressiva sollten mich „nicht depressiv“ machen, die Therapien mir helfen, nicht mehr depressiv zu sein. Bis ich nach über 10 Jahren irgendwie die Lust verloren habe …

img_14378-q-webVielleicht ist es jetzt an der Zeit, einen Weg zu finden, mit meinen Depressionen zu leben.

Das Schreiben ist schwieriger geworden, teils auch schmerzhafter, weil die Distanz so viel geringer ist. Spannender allerdings auch!

Weiterschreiben also. Tauchen, paddeln, Wellenreiten, kieloben treiben, auf Grundeis gehen …
Ich glaube und hoffe, wir haben noch ein bißchen was vor (vor uns) – die Taucherin und ich …

3 Jahre ohne

Es ist jetzt gut drei Jahre her, dass ich mir die Frage gestellt habe, ob es nicht vielleicht doch möglich sein müsse, ein Leben ohne Psychopharmaka zu führen.
Bis zu diesem Moment hatte ich etliche Jahre lang ununterbrochen Antidepressiva genommen.
Zu Beginn meiner „Depri-Karriere“ hab ich sie noch abgesetzt, sobald ich Grund zu der Hoffnung hatte, es werde mir nun dauerhaft besser gehen. Aber jedes Mal, wenn diese Hoffnung wieder trog, hat es auch wieder 6 Wochen gedauert, bis das Medikament Wirkung zeigte. Und jedes Mal wieder habe ich mich mit den anfänglichen Nebenwirkungen herumgeschlagen: Die Mundtrockenheit ist leicht zu handeln, man geht einfach nie wieder ohne eine Flasche Wasser aus dem Haus und tröstet sich damit, dass es ja wichtig ist, viel zu trinken. Das unkontrollierte Muskelzucken kann man mit einem Scherz überspielen und es stört eigentlich kaum, wenn man nicht gerade Auto fährt. Und am Straßenverkehr sollte man ja sowieso nicht teilnehmen, wenn einem ständig schwindelig ist. Die bleierne Müdigkeit nervt zwar, unterscheidet sich aber nicht allzu sehr von der depressiven Bleischwere …
img_20289-q-webNach drei, vier Versuchen fand ich es sehr viel komfortabler, auch in guten Phasen eine minimale Dosis meiner Medikamente zu nehmen. So konnte ich beim nächsten Tief schnell und ohne große Nebenwirkungen gegensteuern. Ich habe über die Zeit tatsächlich ein recht gutes Gefühl dafür entwickelt, wieviel ich brauchte, bin also nicht ständig unter maximaler Dröhnung unterwegs gewesen. Aber eben auch nicht ohne.

Bis ich – eher zufällig – einen Schritt aus meinem bisherigen Leben hinaus getan habe. Zufällig und nur für einen Besuch – aber plötzlich schien alles möglich.
Ich habe voller Zuversicht meine Medikamente abgesetzt, bin in mein altes Leben zurückgekehrt … und fürchterlich auf die Fresse gefallen. In diesem Leben ging es nicht, soviel war sehr schnell klar.
Gar nichts ging mehr. Zu meinen demütigendsten Erinnerungen aus dieser Zeit gehört eine Radfahrt zum Freibad: Ich hatte versäumt, frühzeitig zu sagen, dass ich keinesfalls die Hauptstraße entlang fahren könne (zu viel Verkehr, zu nah, zu laut), sondern den Umweg über die kleinen Seitenstraßen nehmen müsse. Bin durch mein verängstigtes Zögern zurückgefallen, wollte aber auch nicht allein eine andere Strecke nehmen und anschließend die anderen im Freibad suchen müssen. Also bin ich ihnen zitternd und weinend hinterhergestrampelt. Ich bin tatsächlich angekommen und ja, ich bin auch geschwommen. Aber stellt Euch eine erwachsene, eine alte Frau vor, die, Badelaken und -anzug auf dem Gepäckträger, tränenblind quer durch die Stadt radelt. Klingt das irgendwie erstrebenswert?

Da es vorkommt, dass es psychisch Kranken an Einsicht fehlt und ich nach all den Jahren großes Vertrauen zu meiner Psychiaterin hatte, habe ich sie vorsichtshalber gefragt, ob ich ihrer Ansicht nach denn überhaupt in der Lage sei, selbst über meinen Medikamentenkonsum zu entscheiden …
Man hört und liest immer wieder von ÄrztInnen, die leichtfertig, ja fahrlässig ihre PatientInnen mit Psychopharmaka abspeisen – die meine hat das Gegenteil getan.
Sie hat mich von meinen Zweifeln und Sorgen erzählen lassen und mich dann gefragt „Möchten Sie Antidepressiva nehmen?“ Um mir dann zurückzugeben, meine verbale Antwort, vor allem aber meine Körpersprache sei ein klares und eindeutiges „Nein!“. Ich dürfe mich ruhig trauen, auf meine innere Stimme zu hören. Offenbar hätte ich einen Weg für mich gefunden, dem dürfe ich dann auch folgen.
Für mich hieß das: Meine Finger von Psychopharmaka lassen und die Brocken hinschmeißen.

Und da bin ich nun. Mit hingeschmissenen Brocken, einem neuen Leben … und einer Vorratspackung Antidepris für alle Fälle.
Ich könnte, sollte es nötig werden …
Aber es sind gar nicht die Tiefs, nicht die bleiernen Tage, die mich in Versuchung führen.
Ganz allmählich habe ich ein bißchen Vertrauen darein entwickelt, dass sie lange vor eventuellen Nebenwirkungen oder gar Wirkungen enden werden.

In Versuchung gerate ich, wenn ich einen dieser Wutanfälle habe, bei denen ich mich mit aller Macht zusammenreißen muss, um nicht alles kurz und klein zu schlagen, oder mit dem Kopf vor die Wand zu rennen.
Oder einen dieser Zusammenbrüche, wenn ich mir wieder einmal sicher bin, dass ich selbst hier niemals klarkommen werde. Wenn ich weinend auf dem Boden zusammensacke und nach meiner Mutter schreien möchte. Wenn ich nur noch nach Hause will – wissend, dass es in Deutschland kein Zuhause mehr für mich gibt.
Dann möchte ich tot sein, bis es mir wieder besser geht. Oder wenigstens im Koma liegen.
Eine Tageshöchstdosis meines gewohnten Medikamentes, von jetzt auf gleich verabreicht, würde das vermutlich leisten.

Bisher ist die Packung jedoch unangetastet und wenn es nach mir geht, bleibt sie das auch.

Hartgummi

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Als ich zu mir komme („aufwachen“ trifft das, was mir da passiert nicht wirklich), scheint mir mein Kopf mit einer kompakten, dumpfgrauen Masse gefüllt zu sein. Darin: Nix. Keinerlei Bewegung. In meinem Körper dagegen scheint etwas zu schwanken, so als wäre ich ein Behälter, in dem eine Flüssigkeit träge schwappt.
Ich habe Schmerzen. Meine Hände und Unterarme fühlen sich an, als würde jemand darauf sitzen. Ich kann das Gewicht spüren. Bei den Unterschenkeln ist es ähnlich. Ich kann mich nicht bewegen.
An guten Tagen fällt mir irgendwann ein, dass ich am Vortag vielleicht eine Schieferplatte gestemmt habe, die so ein klitzekleines bißchen zu schwer war. Oder ein Schaf über einen Zaun gehoben. Dann lohnt sich der Versuch, sich zu bewegen: Es kann zwar sein, dass ich die ersten Meter laut jaulend hinke, aber erfahrungsgemäß hilft die Bewegung.
Erfahrungsgemäß habe ich dann aber auch kein Hartgummi zwischen den Ohren, sondern einzelne Gehirnzellen, auch wenn sie müde und verzagt sein mögen.
Heute ist eindeutig Hartgummi

Und gestern war Einkaufstag. Eine Stunde Autofahrt in die nächste größere Stadt, Abklappern sämtlicher Läden, aus denen für die nächsten 14 Tage etwas benötigt wird, Rückfahrt.
Der große Supermarkt, der regelmäßiger Bestandteil dieser Tour ist, wurde vor einiger Zeit vergrößert und umgebaut – nichts ist mehr da, wo es vorher war. Innerhalb von Sekunden verliere ich die Orientierung. Eigentlich müsste ich jetzt ruhig und strategisch den kompletten Laden ablaufen, mir einmal den Überblick verschaffen, was jetzt wo zu finden ist. Keine Zeit dafür. Unter Mühen finde ich das Regal, an dem meine Entscheidung gefordert ist: Meine alte Haarbürste ist zerbrochen, ich benötige eine neue.
Es scheint ein paar Dinge zu geben, die dem Deutschen selbstverständlich, dem Franzosen jedoch völlig unbekannt sind: Dazu gehören Sauerrahm, Amarettini und Sauerkirschen im Glas. Und – wie sich zeigt – stinknormale Skelettbürsten. Fassungslos stehe ich in einer Abteilung mit geschätzt 35 Sorten Shampoo und 3 verschiedenen Haarbürsten. Für mich ist keine dabei.
Ich verlasse den Supermarkt geschlagen: Zum eigentlichen Einkauf habe ich nichts beigetragen und den einen Punkt, den ich auf meinem Zettel hatte, habe ich nicht erledigen können. Stattdessen habe ich eine Menge Kraft darein verballert, den Ausgang zu finden und nicht zu weinen. Ich hätte keine Panikattacke bekommen so mit Zittern und Hyperventilieren. Ich hätte einfach nur leise geweint. Mich hingehockt, den Rücken irgendwo angelehnt und geweint. Spätestens seit „Streets of London“ gibt es das Bild der alten Frau, die einen Einkaufswagen mit ihrer Habe vor sich herschiebt. Ich habe ein Bild einer alten Frau, die in einem Supermarkt hockt und weint. Und ich will nicht diese Frau sein.
Eines ist seltsam in solchen Momenten, das ist mir auch in Deutschland schon aufgefallen, aber ich kann es mir bis heute nicht erklären: Wildfremde Menschen schauen mich an und lächeln.
Sie haben nicht den irritierten, leicht abgestoßenen Blick von Menschen, die etwas sehr Absonderliches beobachten, sie wirken auch überhaupt nicht befangen oder mitleidig. Sie lächeln ganz offen und freundlich. Ich habe keine Ahnung, womit ich das verdient habe. Ich erwidere es, so gut ich kann. Den Rest heimse ich ein.

Den restlichen Einkauf erledigt mein Autopilot.
(So kommt es mir dann jedenfalls vor. Tatsächlich – habe ich mir kürzlich sagen lassen – bleibe ich zwischendurch immer wieder ohne ersichtlichen Grund stehen. Vor Regalen fällt das nicht weiter auf, solange man nicht bemerkt, dass ich nur dastehe, aber nichts aussuche. Aber offenbar stehe ich manchmal auch mitten im Gang. Irgendwann setze ich mich dann wieder in Bewegung. Seit ich das weiß, frage ich mich, was ich gruseliger finden soll: Die Tatsache, dass ich selbst nichts davon bemerke, oder die Vorstellung, wie ich mich fühlen würde, wenn es mir auffiele …)
Ich bin ja nicht wirklich verantwortlich, sondern laufe nur mit. Ebenso gut könnte ich im Auto sitzen bleiben. Würde ich. Aber es ist zu heiß.
Und wer weiß? Vielleicht wird Tapferkeit doch belohnt?
Vielleicht nimmt mich – über das Lächeln von Fremden hinaus – irgendwann jemand in den Arm und lobt mich dafür, dass ich mich so tapfer schlage? Oder es wenigstens versuche?
Nichts dergleichen. Ich verballere einfach nur meine letzten Reserven.

Und deswegen erwache ich mit Hartgummi im Kopf und Blei in den Gliedmaßen. Ich habe mich vollkommen verausgabt. Bei einer spektakulären Unternehmung, die andere Menschen für ihren Alltag halten.

Hartgummi hat immerhin den Vorteil, dass ich nicht grübeln kann. Ich denke gar nicht erst darüber nach, dass ich nicht kann, obwohl ich doch müsste. Ich denke gar nicht. Stattdessen bin ich sehr damit beschäftigt, mich ab und zu vom Rücken auf die Seite zu drehen. Und wieder zurück. Immerhin.
Es geht mir nicht besser, wenn ich aufstehe, auch wenn das ganz offensichtlich scheint. Ich stehe auf, sobald es mir besser geht. Die Distanz zwischen der Idee, dass ich mich jetzt wohl mal aufrecht hinsetzen könnte und deren Umsetzung ist auch dann noch lang und anstrengend genug. Das Gehen fällt schwer. Da, wo eigentlich mein Herz sein sollte, füllt sich eine große Blase mit Luft. Mir ist schwindelig und es fühlt sich an, als würden meine Arme haltsuchend herumrudern – obwohl sie das nicht tun, ich halte mich nur hie und da ein bißchen an der Wand fest. Nach kurzer Zeit bin ich so erschossen, dass ich zurück ins Bett muss. Ich fühle mich kein bisschen deprimiert. Nur müde. Sehr müde.

Kelch … vorüber!

Warum ich mich entschieden habe, keine Highly Sensitive Person zu sein.

In letzter Zeit stolpere ich ständig über Artikel und Blogposts zum Thema Hochsensibilität. Frequenz steigend.
Ob mir das wohl etwas sagen will? Ich glaube: Nein.
Und falls doch, dann bestenfalls, dass das Thema derzeit einen Hype erfährt – HSP ist das neue Burnout, wenn man so will.
Nur viel schicker!

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Früher seien Hochsensible als Berater, Weise und Zauberer in Erscheinung getreten, lese ich. Das will zwar nicht so recht zu der Vermutung passen, dass 15 bis 20 Prozent aller Menschen hochsensibel seien – da wäre ja mal richtig was los gewesen in der Zaubererwelt! – klingt aber gut. Klingt richtig gut!
Überhaupt (und wissenschaftlich betrachtet, auch wenn sie sich bislang neurophysiologisch nicht nachweisen lässt) scheinen die Attribute der Hochsensibilität auf den ersten Blick attraktiv:
Hochsensible nehmen Reize jeder Art tiefer, intensiver und detaillierter wahr als andere (sogenannte normalsensible Menschen). Sie verfügen über eine vielschichtige Fantasie, eine ausgeprägte Intuition, sind begeisterungsfähig und vielseitig interessiert. Sie können die Stimmungen und Emotionen anderer Menschen leicht und detailliert erkennen und sind in der Lage, in großen Zusammenhängen zu denken.
Holla die Waldfee, wenn das nicht nach einer Gabe klingt!
Aber schon von den Weisen und Zauberern wissen wir, dass Segnungen dieser Art immer auch Fluch sind.
Diese umfassende, intensive und nachhaltige Wahrnehmung lässt sich nicht nach Bedarf ein- und ausschalten, der Mensch ist seinen Eindrücken geradezu ausgeliefert. Deswegen ermüden hochsensible Menschen rasch, sie sind schnell überfordert, müssen sich vor Reizüberflutung schützen und sorgsam darauf achten, sich Pausen und Rückzugsmöglichkeiten zu organisieren.
Was ich bei Betroffenen über ihr Leben mit der Hochsensibilität gelesen habe, klang dann auch oft eher anstrengend und kompliziert.
Und dennoch: Sensibilität, Empathie, Intuition, Tiefe, Intensität, Kreativität … sind so verdammt positiv belegt!
Damit nehmen sie unter den Menschen mit (psychischen, neurophysiologischen) „Besonderheiten“ eine Sonderstellung ein.
Die Maßnahmen (Auszeiten, Rückzugsmöglichkeiten, Wunsch nach Rücksichtnahme), die sie ergreifen möchten und müssen, um mit ihrer speziellen Besonderheit leben zu können, unterscheiden sich gar nicht mal so sehr von denen, die auch uns anderen nützlich sind oder wären. Aber sie stehen in einem ganz anderen Licht da, sorgen sie doch dafür, dass eine GABE sich entfalten kann.
Für Menschen mit Asperger Autismus gilt das durchaus auch, nur denkt bei denen niemand an Zauberer, sondern alle an Rainman.
Alle anderen – also die Depris, Paniker, Borderliner, PTBSler und wie sie alle heißen – haben zwar ganz ähnliche Bedürfnisse, allein es fehlen die Sympathiewerte.

Aus schierer Neugierde hab ich mal einen der einschlägigen Tests absolviert und „Sapperlot!“:
„Sie sind mit an Gewissheit grenzender Sicherheit eine HSP. … Sie werden sicher noch glücklicher und leistungsfähiger sein, wenn Sie nicht versuchen zu leben wie ein nicht-HSP. Arbeiten Sie daran Wege und Möglichkeiten zu finden, um in einer Ihnen angenehmen Weise Kontakt mit der Welt zu halten. Die Welt braucht Sie und Ihre Empfindsamkeit. Sie sind eine Bereicherung.“

Das Gefühl der starken Erleichterung, von dem Betroffene häufig berichten, weil sie sich endlich nicht mehr „wie vom anderen Stern“ fühlen, wollte sich allerdings nicht einstellen. Mein Gefühl sagte eher etwas wie „Och nö … !“.
Nur um sicher zu gehen, habe ich danach noch ungefähr 10 weitere Tests ausprobiert, so wie Google sie zu Tage förderte.
Half nix: Ich bin hochsensibel. Auffällig fand ich zwar, dass die Mehrzahl der Anbieter mir gerne auch gleich das passende Coaching und / oder ihr Buch zum Thema verkaufen wollten … aber Honi soit qui mal y pense
Lustiger war schon die (natürlich nicht als repräsentativ zu wertende!) Bitte an einige Menschen aus meinem Bekanntenkreis, den Test ebenfalls zu machen:
Ich bin nicht nur selbst eine HSP, ich bin auch von ihnen umgeben!

Ein Ergebnis, das sich vielleicht durch einen Blick auf die Fragen erklären läßt …
Der Test von „zartbesaitet“ zum Beispiel umfasst 29 Aussagen, die mit
1 = nein, überhaupt nicht
2 = nein
3 = eher nein
4 = halb und halb / weiß nicht
5 = eher ja
6 = ja
7 = ja, sehr!
mehr oder weniger zu bestätigen sind.

Spaßeshalber beantworte ich alle mit „weiß nicht“ und „knacke“ schon damit die magische Punktzahl: Hochsensibilität beginnt bei 163 Punkten, ich hab 168 …
Aber Spaß beiseite.
Gehen wir mal einige der Aussagen durch:

Ich habe ein reiches und vielschichtiges Innenleben.
Jetzt mal alle die Hand hoch, deren Innenleben vollkommen hohl und flach ist!
Oookay … jetzt die mit der akuten Depresse die Hände runter …
Na?

Ich bin ein guter Zuhörer.
Ich bin gewissenhaft.
Ich strenge mich an, keine Fehler zu machen und nichts zu vergessen.
Bildende Kunst / Musik / Naturstimmungen bewegen mich tief.
Ich bemerke und genieße zarte oder feine Gerüche, Geschmäcker, Klänge oder Kunstwerke.
Wer soll sich denn da zu einem glasklaren „nein“ durchringen, oder auch nur zu einer Antwort unterhalb des „weiß auch nich“ Durchschnittes?

Lärm ist mir unangenehm.
Wem nicht?
Die Frage ist ja genau nicht, ob er in Wacken okay wäre und nur nervt, wenn er von der Baustelle nebenan kommt.

Es ist mir lästig, wenn gleichzeitig verschiedenste Dinge von mir verlangt werden.
Klingt das wirklich irgendwie ungewöhnlich?

In Wettbewerbssituationen oder unter Beobachtung werde ich so nervös oder unsicher, dass ich schlechtere Leistungen bringe, als ohne diesen Streßfaktor.
Yup. Lampenfieber heißt das Wort. Alternativ: Prüfungsangst.

Natürlich ist der Test anonym! Aber selbst wenn wir ganz allein Kreuzchen auf einer Website hinterlassen, haben wir ein Bild von uns selbst. Und wir möchten nicht von uns sagen, dass wir hohl, leer und ignorant sind, dass wir zu denen gehören, die nix merken. Wir wissen ja, dass es um Sensibilität geht und möchten am Ende nicht als grobe Klötze dastehen. Und dann ist es schwierig, nicht mit dem Ergebnis „hochsensibel“ aus der Nummer rauszukommen.

Letztlich, lese ich (mit sich nun doch einstellender Erleichterung und durchaus erheitert) müsse und könne man aber nur selbst für sich entscheiden, ob man hochsensibel sei.
Das ist ja grade nochmal gutgegangen!

Im Großen und Ganzen bin ich nämlich der festen Überzeugung, dass ich deswegen so hohe Punktwerte erreiche, weil für Menschen mit Depressionen und Angststörungen dieselben Strategien eine Rolle spielen.
Natürlich fühle ich mich schnell überfordert – manchmal ja schon damit, morgens aus dem Bett zu kommen.
Und natürlich machen Trubel und Aktivität, wenn man selbst gerade mal wieder mit einem Heulanfall zu kämpfen hat, die Sache nicht besser.
Wenn ich mich mit zu vielen Menschen in einem geschlossenen Raum aufhalten muss und womöglich noch Lärm hinzukommt, verspüre ich mit einiger Sicherheit Paniksymptome.
Lärm ist mir fast immer unerträglich. Es sei denn, ich mach ihn selber: Wenn ich so richtig schlechte Laune habe, höre ich Hardrock, dass die Wände wackeln und habe überhaupt kein Problem damit.
Das, was für normalgestimmte Menschen (um mal nicht „gesund“ zu sagen) normaler Alltag und Zusammenleben mit anderen Menschen ist, empfinde ich als extrem anstrengend. Ich ermüde rasch, möchte mich häufig zurückziehen und versuche selbstverständlich, mir meine Tage, mein Leben entsprechend einzurichten.
Im zwischenmenschlichen Bereich kriege ich tatsächlich mehr mit, als mir oft lieb ist. Vor allem Wut, Angst und Verzweiflung meiner Mitmenschen prasseln geradezu auf mich ein. Das kann außerordentlich hilfreich sein, wenn es mir gelingt, zu handeln und zum Beispiel dafür zu sorgen, dass ein Konfliktgespräch stattfinden kann, ist aber auch sehr anstrengend – danach bin ich völlig ausgelaugt. Kann ich weder handeln, noch mich abgrenzen, besorgt letzteres relativ schnell die Depression für mich: Sie schubst mich kurzerhand ins Bett.
Hier bin ich noch auf der Suche nach Strategien und schon deswegen werde ich das Thema Hochsensibilität weiter verfolgen, auch wenn dieser Kelch an mir vorübergegangen ist. Außerdem interessieren mich Menschen mit Besonderheiten (ooops … nö … ich bin eher nicht vielseitig interessiert!) – vor allem mit Blick auf unsere Gemeinsamkeiten, nicht so sehr auf das, was uns trennt.

Aus manchen Texten lese ich ein gewisses Maß an Selbstverliebtheit heraus, das ich eher nervig finde … aber okay, der Reiz der Stichworte „tief“, „intensiv“, „reich“ ist vermutlich ganz enorm.
Und eine Tendenz, alles aber auch wirklich alles für die eigene Besonderheit zurechtzuschneidern.
So las ich neulich wahrhaftig, für Hochsensible sei es wichtig, auf Reisen bequeme Kleidung zu tragen. Vermutlich, weil Normalsensible eine kneifende Hose weder bemerken, noch auf einem Langstreckenflug irgendwie als Beeinträchtigung empfinden würden …

Ich glaube, es sind diese Eindrücke, die mich so unwillig machen, mir den Schuh HSP anzuziehen.
Ich lebe seit Jahren mit einer … sagen wir … originellen Gehirnchemie, aber meine Besonderheit ist eine Krankheit. Ein Makel. Ich will gerne glauben, dass hochsensible Menschen sich gut überlegen, wann, mit wem und wie sie über ihre Besonderheit sprechen. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass die diesbezügliche Latte für andere Menschen sehr viel höher liegt. Für Borderliner zum Beispiel …
Wenn ich heute feststellen könnte: Ich habe Depressionen und Panikattacken, weil ich hochsensibel bin (was ich zwar grundsätzlich gar nicht unlogisch finde, worauf meine Psychiaterin und Therapeutin aber vermutlich auch gekommen wären), dann würde sich im Ergebnis genau nichts ändern. Mein Leben wäre exakt dasselbe.
Zugegeben, mir gewisse Zeitgenossen vorzustellen, wie sie sich vor den Kopf schlagen und ausrufen „Ach so! Hochsensibel bist Du! Ja dann …!“ ist unterhaltsam. Es ist jedoch wie mit der Fantasie von der eigenen Beerdigung, auf der dann allen alles ganz schrecklich leid tut. Ist nett, bringt aber nix.
Ich habe (so gut das ging) gelernt, mit einer Krankheit zu leben. Ich habe zu ihr gestanden und offen über sie gesprochen. Jetzt will ich sie auch behalten.

Richtige Depressionen. Nicht so wie Du.

Es war ausgerechnet ein Familienmitglied, das mir eines Tages erklärt hat: „Ein Kumpel von mir hat auch Depressionen. Aber richtige Depressionen. Nicht so wie Du.“
Richtige Depressionen. Nicht so wie ich …
Überflüssig zu erwähnen, dass diese Bemerkung bis heute nachhallt und schmerzt, oder?

Mit Aussprüchen à la „wenn es mir so geht, nehme ich ein schönes Schaumbad bei Kerzenlicht“, „da hilft Ausdauersport / Johanniskraut / Lichttherapie / Vitamin Schlagmichtot“ oder meinethalben auch „da muss man sich halt mal zusammenreißen!“ komme ich halbwegs entspannt klar.
„Ich kenne mich aus und Du bist gar nicht richtig depressiv“ dagegen hat mich umgehauen.

Vermutlich war das nicht einmal böse gemeint …
Ich meine, ich hätte mich ja auch darüber freuen können, bedeutete es doch, daß ich halbwegs stabil war, im Allgemeinen nicht suizidgefährdet, zufriedenstellend auf meine vergleichsweise harmlosen Medikamente eingestellt und an guten Tagen tatsächlich in der Lage, an Familienfeiern teilzunehmen.
Dann hätte man aber auch sagen können „Schön, daß Du einigermaßen klarkommst ohne starke Medikamente zu nehmen. Schön, daß Du es heute hergeschafft hast!“.
Stattdessen: „Du bist gar nicht richtig krank“ …
Wie bitteschön ist man denn richtig depressiv?
Gibt es eine Skala, einen Depr-O-Mat, auf dem man eine gewisse Punktzahl erreichen muss?
Und wer entscheidet darüber? Die Leute mit den richtig depressiven Kumpels?

Warum das auch nach Jahren immer noch wehtut?
Weil es eben nicht nur bedeutet, nicht ernst genommen zu werden.
Stellt Euch mal vor, Ihr wäret über Wochen und Monate arbeitsunfähig geschrieben weil Ihr zum Beispiel unerträgliche Schmerzen habt. Halt nur keinen Knochenbruch, den man auf Röntgenbildern sehen könnte, nichts, was sich via Ultraschall, CT oder was auch immer beweisen ließe …
Und dann käme jemand daher und nennt Euch Simulant … Drückeberger … Betrüger …
denn nichts anderes steht hinter der Aussage „Du bist ja gar nicht richtig depressiv“ …
Wenn das die Reaktion der eigenen Familienmitglieder ist, der Menschen also, auf deren Wohlwollen man sich vor allen anderen verlassen können sollte, haut es allerdings noch mal extra rein, finde ich.

Das ist jetzt Jahre her und es tut trotzdem immer noch weh.
Szenen wie diese vergällen mir die Rückschau auf mein Leben.
Gerade, wenn ich versuche, dann doch eine versöhnliche Bilanz zu ziehen, drängeln sie sich in den Vordergrund und verpesten alles andere.
Typisch Depri, natürlich, das Augenmerk stets in erster Linie auf alles Negative zu richten …

Der durchaus wohlmeinende Rat „Vergiss das doch einfach! Zieh dir den Schuh nicht an, so ein Ausspruch sagt doch mehr über dein Gegenüber, als über dich!“ hilft mir ungefähr so viel weiter, wie das besagte Schaumbad bei Kerzenschein.
Wenn es darum ginge, jemand anderem zu raten, ich wäre wohl eine der ersten, die „Jaja sagen und A****loch denken!“ empfiehlt, oder aber auf die deutsche Eiche und die Sau verweist.
Ich selber kann es nicht.
Noch nach Jahrzehnten können mir solche Begebenheiten ganz taufrisch vor Augen stehen bzw. in den Ohren klingen. Und ich bin immer wieder gleich fassungslos, gleich verletzt.
Die Betreffenden mögen das längst vergessen haben – ich erlebe es immer wieder auf’s Neue.
In solchen Momenten bleibt mir nur, mich sozusagen selber zur Ordnung zu rufen: „Themenwechsel! Tu das weg! Konzentrier‘ dich auf etwas anderes!“!
Das funktioniert, aber es braucht tatsächlich Konzentration. Und es kostet mich eine Menge Kraft. Gerade in ganz entspannten Situationen, beim Dösen und Einschlafen zum Beispiel, wenn die Wachsamkeit nachlässt, poppt dann doch wieder irgendwas hoch. Und je müder ich bin, desto schwieriger ist es, mich zur Wehr zu setzen. Das ist der Grund, warum ich oft Angst vor dem Schlafengehen habe.

Darüber zu schreiben, mir diese Erinnerungen von der Seele zu schreiben, würde womöglich helfen, hab ich gehofft. Wirklich zuversichtlich bin ich da allerdings nicht…
Aber mir gefällt die Idee, sie hier ein für allemal auf Tauchgang zu schicken: Sie zu schildern, ihnen die Füße (sofern Begebenheiten Füße haben) in Beton zu gießen und sie dann im Meer zu versenken. Da, wo es schön tief ist.

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Gerade muss ich an den Ort denken, den inneren Ort, an den man sich zurückziehen können sollte, um Sicherheit, Ruhe und Entspannung zu finden.
Vielleicht gucke ich wirklich zu viele schlechte Filme, aber soeben ersteht vor meinem inneren Auge eine Hafenszenerie. Nächtlich, versteht sich. Ein hölzerner Steg. Wir hören die Wellen leise schlurpsen. Und eine Betonmischmaschine, die ganz ähnliche Geräusche macht. Kunststoffwannen stehen bereit. Und ein Liegestuhl.
Der ist für mich.

Komfortzone verlassen? Oder lieber doch nicht?!

Blogs zum Thema Depression haben auf Blogparaden nicht wirklich was zu suchen, oder! Wenn ich „Parade“ höre, krieg ich Kopfkino in Richtung brasilianischer Karneval in Textform. Und ich mittendrin … brrrrrr … besten Dank“!
Aber irgendwie bin ich über „Komfortzone verlassen? Oder lieber doch nicht?!“ von Christine Winter auf Stille-Stärken.de im wahrsten Sinne des Wortes gestolpert – Stolpern im Sinne von „aus dem Tritt geraten, aufgehalten werden“. Das Wörtchen „Komfortzone“ war’s, das mir ein Bein gestellt hat …

Man hört das ja immer mal wieder, aber ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, ob es da eine allgemeine Definition gibt. Klingt irgendwie nach „den A**** nicht vom Sofa hochkriegen“ … sich arrangiert haben, bei Altbewährtem bleiben, nix Neues ausprobieren wollen. Sich nicht bewegen wollen.

Gestolpert bin ich über den Gedanken, dass ich mein ganzes Leben erst einmal komplett umkrempeln musste, um meine persönliche Komfortzone überhaupt zu erreichen.
Wenn Komfortzone das Umfeld ist, in dem ich mich wohl fühle, das mir Sicherheit vermittelt und wo ich klarkommen kann, dann ist das eindeutig der Fall.

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Eigentlich, vermute ich, bedeutet „Komfortzone verlassen“ mal etwas Neues auszuprobieren, das Abenteuer zu suchen. Oder auch „sich anstrengen“, „kämpfen“.
Mich angestrengt und gekämpft habe ich vorher:
Ich habe mir jahrzehntelang durchaus Mühe gegeben, mich in einer Welt komfortabel einzurichten, in die ich nicht gepasst habe. Ein dauerhaftes Wohlgefühl wollte sich trotzdem nicht einstellen, im Gegenteil. Und in den letzten Jahren halfen nur noch Psychopharmaka.
Der Gedanke, auf- oder auszubrechen, ist mir dennoch nicht gekommen: Veränderungen machen mir Angst und meine Abenteuerlust hält sich in äußerst engen Grenzen.
Für mich war schon die Idee, für ein paar Tage allein nach Südfrankreich zu fahren ziemlich ungewöhnlich: Dafür, dass meine Energie meist kaum dafür gereicht hat, das Haus zu verlassen, und schon eine Fahrt in die (Klein)stadt regelmäßig Angstschübe auslöste, war dieser Kurztrip ein ziemlich verwegenes Unterfangen. Hin hab ich’s geschafft, zurück nicht …
Auf einem abgelegenen Bauernhof in einer sowieso eher menschenleeren Gegend hatte ich plötzlich das deutliche Gefühl, es müsse möglich sein, ohne Antidepressiva zu existieren.
Sagen wir, zumindest die medikamentöse Komfortzone war mir schlagartig zu eng. Da wollte ich raus!
Und hab’s in Deutschland nicht mehr ausgehalten.
Nein, ich bin nicht nach einer Art Befreiungsschlag strahlend aufgebrochen, eher hab ich mit letzter Kraft die Flucht ergriffen.
Aber angekommen bin ich: In einer Welt, in die ich ohne allzuviel Reibung hineinpasse.

Und so habe ich absolut keinen Grund, diese meine neu eroberte Komfortzone gleich wieder verlassen zu wollen!
Ich darf sie genießen und Kräfte sammeln.
Nicht, dass sie mich nicht auch Kräfte kosten würde; ein Bauernhof ist schließlich kein Sanatorium, aber das „Oh bitte, ich will da nicht hin!“ Gefühl, das sich einzustellen pflegte, wenn ich zur Arbeit musste, ist weg. „Ich kann nicht da raus gehen!“ meldet sich an schlechten Tagen ab und zu, lässt aber mit sich verhandeln.
Ich fülle eine Art „Tagekonto“: Tage, die okay waren, an denen ich es geschafft habe, morgens aufzustehen, an denen ich produktiv war, an denen ich nicht geweint habe, die frei von Ängsten waren, an denen ich fröhlich war und bei der Arbeit gesungen habe.
Noch viel zu tun in der Komfortzone …

Größer wird sie von selber.
Bei aller Affinität zum Landleben bin ich doch ein Stadtkind und deutlich mehr Betriebs- als Landwirtin. Manchmal habe ich jetzt noch das Gefühl, ich kann und weiß gar nix …
Aber es mehren sich die Momente, in denen ich denke, „das schaff ich jetzt auch alleine“, „das entscheid ich jetzt einfach“ …
Und so hab ich irgendwann entschieden „den Einkauf in der Stadt schaff ich jetzt“ – obwohl eigentlich alles daran mir Angst macht. Oder „Ich komme mal zu dieser und jener Veranstaltung mit“ – obwohl eine Gruppe von Menschen in einem geschlossenen Raum der blanke Horror für mich sein kann.
Ich hab mir nicht vorgenommen, meinen Radius zu vergrößern, ich hatte einfach das Gefühl „das geht jetzt!“ …

Gesund werde ich auch hier nicht. Ich bin im Gegenteil ohne Wenn und Aber verrentet.
An den Gedanken, daß meine Depression mich für den Rest meines Lebens immer mal wieder aufsuchen wird, habe ich mich noch nicht recht gewöhnen können, ein wenig „gönne“ ich mir das „Aufgeben“ aber auch: Ich verkneife mir viel weniger – wenn ich weinen oder zittern muß, dann ist das eben so. Und merke, dass das angestrengte Verkneifen mich viel mehr behindert, als das Loslassen. Nach einem Abenteuer wie einem Einkauf einen Ruhetag zu benötigen, ist zwar lästig, aber insgesamt vergrößert sich mein Bewegungsspielraum. Ich finde das sehr komfortabel!

 

Small world

IMG_17836-q-webManchmal, wenn ich von meinem Leben auf dem Hof erzähle, habe ich Sorge, missverstanden zu werden.
Von solchen Menschen, die gerne lesen möchten, daß „es“ geht. Dass man sich einfach nur zusammenreißen muss.
Stimmt ja auch: Wenn die Schafe in meinem in liebevoller Kleinarbeit angelegten Blumenbeet stehen, dann reiße ich mich zusammen!
Und wenn das Hundekind Hilfe benötigt, kann ich mein Krankenlager tatsächlich in ganz erstaunlicher Geschwindigkeit verlassen.
Wer Antriebslosigkeit für ein Symptom der Depression hält, hat mich noch nicht in Pantoffeln und ohne Brille über den Hof flitzen sehen …
Geht doch!
Klar geht das.
Aber es geht tatsächlich nur so: Wenn es nottut, mobilisiere ich die letzten Reserven.
Dabei muss ich allerdings keinerlei Kapazitäten für etwaige Gesellschaftsfähigkeit vergeuden – wenn ich barfuß und im Nachthemd losmarschiere, ist das im Zweifel auch recht.
Und wenn ich mich bei einer solchen Aktion so sehr verausgabe, daß ich für den Rest des Tages in einen Status mentaler Beschäftigung (ich denke intensiv darüber nach, was ich alles erledigen könnte) verfalle, dann ist das so.

Ich freue mich, wenn wir Gäste haben. Es ist schön, mal andere Gesichter zu sehen, sich über andere Dinge zu unterhalten. Es stresst mich auch nicht, für viele Leute zu kochen – im Gegenteil, mir macht das Spaß. Aber ich kann nicht wie gewohnt meine Kreise ziehen. Ich beteilige mich am Gespräch (oder bemühe mich jedenfalls), versuche, möglichst „normal“ zu wirken und reiße mich zusammen, wenn was ist, weil ich weder Lust noch die Kraft habe, mich ständig zu erklären. Und weil es doof ist, beim Essen in Tränen auszubrechen … da kann man noch so selbstbewußt zu seiner wackligen Psyche stehen.
„Besuch“ bringt mich ganz schnell an meine Grenzen. Und dann empfinde ich jeden Schritt auf mich zu als unerträgliche Grenzüberschreitung. Gegen die ich mich nicht verwahren kann, weil meine Kapazitäten ja sowieso und so weiter …
„Gäste haben“ kostet mich Kraft, die dann anderswo fehlt und es kann mir passieren, daß ich anschließend komplett auf der Nase liege.
Ich nehme das gerne in Kauf. Wie gesagt: Ich habe gerne Gäste!
Wer in seiner Freizeit Marathon läuft, nimmt ja auch in Kauf, daß er am nächsten Tag arg müde ist (jedenfalls stelle ich mir das so vor). Bei mir liegt die Marathon Marke halt eher bei der Sprintdistanz …

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wieviel ich tatsächlich arbeite.
Ich kümmere mich.
Ich bereite Essen zu. Ich denke mir Rezepte aus, experimentiere herum und gebe mir alle Mühe, aus dem. was der Hof gerade bietet, das Beste und Leckerste zu machen.
Das mag so aussehen, als würde ich stundenlang einfach leise singend in der Küche stehen. Und vielleicht ist es ja auch so. Objektiv gesehen.
Ich versorge Tiere. Ich suche verloren gegangene Schafe und verarzte verletzte Hunde.
Das mag so aussehen, als würde ich stundenlang leise vor mich hin plappernd einen Hund kraulen …
Die Messlatte für mein Tun hängt denkbar niedrig.

Ja, es stimmt, ich muss mich einfach nur aufraffen, mich lediglich zusammenreißen, aber was die Höhe der Latte betrifft, ist jeder Limbo-Tänzer ein Niemand gegen mich!
Ja, ich fasse jeden Tag auf’s Neue den Mut, der Welt ins Auge zu sehen. Ich erhebe mich aus meinem Bett und trete ihr entgegen.
Ich musste nur die Welt auf Erbsengröße schrumpfen lassen und schon war alles gut.

Ich will das nicht noch kleiner reden, als es sowieso schon ist.
Schließlich habe ich es über Jahrzehnte trotz aller Bemühungen nicht geschafft, mich der Welt anzupassen.
Nun habe ich das Glück, mir eine Welt maßschneidern zu können, in der ich leidlich normal funktionieren kann.
Wer nun also einem depressiven Menschen „Erhebe Dich!“, „Nimm Dir ein Beispiel, raffe Dich auf!“ zurufen möchte, der biete bitteschön auch die entsprechende erbsgroße Welt an. Alles andere ist unfair.

warum?

Ob ich wohl eines schönen Tages damit werde aufhören können, mir über das „warum“ den Kopf zu zerbrechen?
Ich habe Tiefs, wenn ich überfordert bin und nicht schnell genug einen Ausweg finde. Oder wenn meine Grenzen längerfristig (also geringfügig länger als ganz kurzfristig) übertreten werden.
Das ist nicht schön und ich sollte bitte! dringend! endlich mal! einen Weg finden, besser auf mich acht zu geben.
Ich habe Tiefs, wenn etwas Trauriges passiert ist. Wenn ich einen Wutanfall hatte. Oder nach einem Streit.
Alles nicht schön. Aber immerhin erklärlich.

IMG_10784-q-webBleiben die Tage, an denen ich morgens wach(?) werde und mir nicht erklären kann, was ich verbrochen habe, dass ich mich so fühle …
In einem meiner Vorleben eine größere Stadt angezündet und auf der Leier dazu gespielt?
Nicht, daß ich wüßte … und nein, ich glaube nicht an Reinkarnation …
Ja, es liegt womöglich in der Familie. Und ja, ich bin Kind eines Kriegs(traumatisierten)kindes, auch da kann man irgendwann sicherlich mal ein Äugelein drauf werfen.
Hin und wieder riskiere ich tatsächlich einen Blick …

Aber für’s Erste wüßte ich manchmal einfach gern „warum?“!
Also: „warum“ heute?
Jahreszeiten sind ja durchaus verdächtig, Depressionen auszulösen oder zu verstärken … also habe ich geguckt, ob auch das Wetter eine Rolle spielt.
Nun ja, ich bin bei Sonnenschein tendenziell besser drauf als bei Starkregen, vermute aber, dass ich dabei schlicht dem Bevölkerungsdurchschnitt entspreche …
Ich hab nach meinem Zyklus geguckt und nach den Mondphasen …
Nickes …

Warum mir das wichtig ist?
Weil ich mir Berechenbarkeit wünsche! Vorhersehbarkeit!
Ich hab mir mit dem Hammer auf den Daumen gehauen: Er ist blau und tut weh. Ich hab zu viel getrunken: Ich hab Kopfweh und mir ist schlecht. Es ist Vollmond: Ich kann nicht schlafen. Der Feuermann tanzt über die Felder …
Aber nicht dieses wach(?) werden und mich fragen, was ich jetzt wieder verbrochen habe.
Und Endlichkeit: Blaue Flecken heilen, Kater lassen nach, der Mond nimmt ab und Dürre vergeht. Danach ist Ruhe. Erst einmal.

Vielleicht ist das genau der Gefallen, den ich mir noch tun muss: einfach akzeptieren, dass diese Tage kommen. Einfach so, ohne Grund. Dass der nächste Tag wieder besser ist. Oder der übernächste. Oder einer in der Woche drauf. Und das dann ein paar gute Tage kommen. Mal mehr, mal weniger.

Aber eigentlich finde ich, daß ich in den letzten 10, 15 Jahren genug akzeptiert, genug losgelassen habe!
Ich habe mir alle erdenkliche Mühe gegeben und allmählich fände ich es einfach fair, wenn ich diese Drecksdepressionen endlich los wäre!

Gift

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Gerade eben erst bin ich gefragt worden, ob es mir hilft, die Texte anderer BloggerInnen mit … sagen wir … psychischen Besonderheiten zu lesen …
Doch! Ja! Tut es!
Es tut allein schon gut, zu sehen, wie viele wir sind.
Manchmal macht es mich hadern, zugegeben: Bei meiner vergleichsweise unauffälligen Vorgeschichte und Familienkonstellation hätte ich doch bitteschön auch ganz normal werden können!
Manchmal schäme ich mich auch ein wenig: Wenn ich lese, was man sonst noch so kriegen kann, sollte ich mich mit meiner Standardnormaldepresse vielleicht einfach nicht so anstellen …
Meistens aber gibt es mir Kraft, von Menschen zu lesen, die entschlossen sind, nicht nur trotz ihrer Besonderheiten klarzukommen, sondern auch mit ihnen.
Mich zum Beispiel haben sie gelehrt, nicht immer nur „Erkrankung“, sondern tatsächlich „Besonderheit“ zu denken: Ich habe PTBSler, Borderliner, Hochsensible, Asperger und etliche andere „kennen gelernt“ und die wollen sich einfach nicht unter dem Stichwort „krank“ zusammenfassen lassen. „Anders“, „schräg“, „besonders“, „vom zweiten Planeten links“, wie auch immer, aber nicht einfach nur alle „krank“. Wenn ich nun aber die nicht als krank ansehe, dann gelingt mir vielleicht auch ein etwas liebevollerer Blick auf mich selbst …
Ansonsten finde ich hochspannend, wie viele Gemeinsamkeiten wir trotz allem haben!
Dass Hochsensible und Asperger überhaupt Gemeinsamkeiten haben, sollte ein Widerspruch in sich und deswegen lustig sein – ist aber nicht der Fall, da bin ich mir ganz sicher! Wir haben viele Stränge, an denen wir gemeinsam ziehen können.

Und manchmal ist jemand bei einem ganz bestimmten Thema einfach schon einen Schritt weiter, als man selbst …
Ich erinnere mich, dass meine Therapeutin mich einmal darauf hingewiesen hat, ich möge im Gespräch doch bitte nicht ständig die Luft anhalten und auch nicht die ganze Zeit meine Schultern hochziehen. Sie hat mich auch gefragt, wer in mir das ist, der jetzt weint – oder weinen würde, wenn ich nicht krampfhaft die Luft anhielte …
Wut, rasende, brüllende, kreischende Wut war in all den Jahren nie Gegenstand der Therapie. Wie auch? Die meiste Zeit habe ich Psychopharmaka genommen und gar nicht bemerkt, dass unter dieser künstlichen Gelassenheit und Friedfertigkeit noch ein „Thema“ lauerte, das zu besprechen gewesen wäre …

Ich merke es jetzt. Den entsprechenden Auslöser vorausgesetzt, möchte ich mir nicht nur den Kopf blutig schlagen, sondern gleich den ganzen Hof in Schutt und Asche legen.
Und das ist der Grund, warum der Text meiner Bloggerkollegin Nintschgo mich so sehr berührt hat:
„ … ich bin weit entfernt von all dem Schreien und Brüllen und Kreischen, das ich aufholen muss.“
„Ich wünsche mir fast, dass mich jemand provoziert, bis ich anfange, zu kreischen und zu schreien und zu brüllen bis die letzte dieser Erinnerungen ihren Schrecken verliert. Ich wünsche mir auch, dass dieser jemand mich festhält, wenn die Tränen dann kommen.“

Distanz und Nähe

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immer noch der Frage auf der Spur, warum es mir hier so viel leichter fällt, in die Gänge zu kommen …

Bei umfangreichen Aktivitäten werde ich häufig gar nicht erst eingeplant: Man weiß ja nie, ob ich am nächsten Tag tatsächlich einsatzfähig sein werde, ich halte nicht immer mehrere Stunden lang durch und für viele der anfallenden Tätigkeiten fehlt es mir an den nötigen handwerklichen Fähigkeiten, oder schlicht an Körperkraft. Klingt frustrierend und ist es auch.
Aber let’s face it: allein der Gedanke an eine größere „Baustelle“ kann mich morgens so dermaßen überfordern, dass ich gar nicht erst aus dem Bett komme.

Ich zeichne also eher für das Kleinklein verantwortlich.
Nicht, dass das nicht ebenso existenziell wäre …
Das scheint mir ein ganz deutlicher Unterschied zu meinem bisherigen Leben zu sein – da gab es deutlich mehr Dinge, die ich nach dem Motto „kommste heut nicht, kommste morgen“ angehen konnte.
Im Winter zum Beispiel ist es nicht wirklich eine gute Idee, den Küchenofen ausgehen zu lassen. Klar kann man ihn jederzeit wieder einheizen, aber das ist viel mehr Arbeit und in der Zwischenzeit kühlt das ganze Haus aus. Gerade an Tagen, an denen es mir schwerfällt, den Weg nach draußen zu finden und körperlich zu arbeiten, bin ich aber die erste, die friert …
Oooookay, niemand wird erfrieren, wenn ich das nicht auf die Reihe kriege, aber mir ist es wichtig. Also raus aus dem Bett!
Da der Weg in die Küche über den Hof führt, ist Anziehen unabdingbar – das wäre also auch erledigt.
Sollte ich widrigerweise die Asche wegbringen, oder neues Holz holen müssen, komme ich geradewegs auf dem Hofgelände herum. Und stolpere spätestens dann über ein Hundekind, das sich nicht nur bannig freut, mich nach der nächtlichen Trennung endlich wiederzusehen, sondern auch ganz dringend sein Frühstück haben möchte.
Aus dem Augenwinkel sehe ich die Tomatenpflänzchen dastehen … die müssen tagsüber nach draußen …
Und so reiht sich eine Kleinigkeit an die andere.
All diese Aktivitäten sind lächerlich geringfügig – die Konsequenzen, wenn sie unerledigt bleiben, sind es jedoch nicht.
Oft genug nehme ich mir vor, nur schnell Holz in den Ofen zu legen und vielleicht eine Tasse Tee zu trinken und dann SOFORT zurück ins Bett zu flüchten.
Und dann regnet es und das Hundekind mag nicht alleine draußen bleiben, alleine in der Küche kann ich sie aber auch nicht lassen, also mach ich mehr Tee, lese schonmal meine Mails, räume, weil ich sowieso in der Küche bin, die Spülmaschine aus undsoweiterundsoweiterundsoweiter …
Und wupp! ist Mittag!

Die anschließende Siesta kann ich dann zwar durchaus brauchen, sie bringt aber auch eine Hürde mit sich: Aufstehen die Zwote …
Andererseits beginnt hier der Zielanflug auf das Abendessen: Idealerweise soll um 19:00 Uhr gegessen werden, also muß ich spätestens um 18:00 Uhr in der Küche sein und sollte vorher nach den Schafen und Ziegen geschaut, den Hund bespaßt, die Tomatenpflanzen reingeholt, die Wäsche abgehängt haben undsoweiterundsoweiterundsoweiter …
Der Hund mag ein „tut mir leid, wir holen das morgen nach, versprochen!“ noch gelten lassen, ein Schaf, das eine Nacht lang im Zaun oder in den Brombeeren festhängt, leidet Qualen, die Tomatenpflanzen werden sich von einer kalten Nacht womöglich nie wieder erholen und Wäsche, auf die es nachts geregnet hat, duftet zwar wunderbar, braucht aber ewig, bis sie dann trocken ist.

Was mir die Sache sehr erleichtert ist die Tatsache, dass der ganze Hof quasi erweiterte Wohnung ist. Das Verlassen der Wohnung, die „Gefahr“, auf andere Menschen zu treffen, der Druck, dann normal wirken zu müssen, war immer eine große Hürde. Die fällt hier weitgehend weg.
Schwierig wird es, wenn ich versuche, einzelne Arbeiten ganz geschickt miteinander zu verbinden: Da ich dann Entscheidungen treffen muss, passiert es mir schnell, dass ich mehr Zeit mit dem Ersinnen total effizienter Abläufe verbringe, als mit deren tatsächlicher Erledigung.
Aber auch hierfür gibt es einfache Lösungen: Wenn ich nicht so sehr nachdenke, was ich alles erledigen muß, sondern einfach meine Augen offen halte, kann ich lauter klitzekleinen Tätigkeiten folgen wie einer Krümelspur. Ich erledige einfach das Nächstliegende.
Vieles wird auch gar nicht entschieden, sondern ist gesetzt: Etliche Arbeiten fallen zu bestimmten Jahreszeiten an, werden vom Mondkalender empfohlen, gehen mit den Bedürfnissen der Tiere und Pflanzen einher. Häufig hängt die Entscheidung, was nun sinnvollerweise zu tun ist, ganz platt vom Wetter ab.
Mein persönliches Motto ist darüber hinaus „immer erst die Lebenden!“.
Heißt, ich kümmere mich im Zweifel zuerst um die Tiere, dann um die Pflanzen und anschließend um alles weitere.
Ich habe Sorge, an dieser Stelle ins Schwärmen und Romantisieren zu verfallen, aber es ist tatsächlich ein Leben und Arbeiten, das sich sehr am Rhythmus der Natur orientiert. Am Puls des Lebens sozusagen.

Zu begreifen und zu akzeptieren, dass hierzu auch das Sterben auf eine ganz andere Art und Weise gehört, als ich das bisher gewohnt war, ist mir sehr viel schwerer gefallen.
Ich meine das Sterben unserer Tiere.
Bis vor kurzem kannte ich Haustiere, die innig geliebt und im Todesfalle aufrichtig betrauert werden. Und anonyme Nutztiere, deren Tötung wie selbstverständlich zu ihrer Nutzung gehört.
Unsere Weidetiere sind Nutztiere: Sie halten das Gelände frei. Aber obwohl die wenigsten von ihnen einen Namen haben, sind sie nicht anonym. Anhand ihres Aussehens, ihres Charakters und ihrer Fähigkeiten kann man sie sehr wohl voneinander unterscheiden. Und wir töten sie nicht: Unsere Tiere dürfen eines natürlichen Todes sterben.
Das allerdings tun sie schneller und häufiger, als ich das naiverweise erwartet hatte.
Lämmer, die in ihrer ersten Nacht der Fuchs holt, Zicklein, die zu früh und zu schwach geboren werden, Schafe, die chronischen Organ-Erkrankungen erliegen …
Für mich ist das die Kehrseite des aufrichtigen Vergnügens, das mir der Umgang mit unseren Schafen und Ziegen macht: In aller Regel bin ich es, die sich um sie kümmert, auch dann, wenn es schwierig und traurig wird.
Besonders getroffen hat mich das Schicksal einer unserer Ziegen, einer erfahrenen Mutter, die ich sehr mochte, weil sie so freundlich, zutraulich und unkompliziert war. Ich konnte meine Sorge gar nicht begründen, hatte nur die vage Idee „irgendwie gefällt die mir nicht so recht …“ und habe gemutmaßt, dass sie vielleicht um eine ihrer Töchter trauert, die kürzlich bei einer Zwillingsgeburt verstorben war.
Ein paar Tage später hab ich sie im Stall gefunden: Sie hatte ebenfalls Zwillinge geboren und diese auch versorgt, muß dann aber gestorben sein. Und mit ihr die Zicklein.
Es hat sich angefühlt, als würde etwas in mir in sich zusammensacken. „Da kann man gar nichts mehr machen“ hab ich gedacht – von jetzt auf gleich war dieses Leben ganz unabänderlich zu Ende, ohne dass ich auch nur eine Chance gehabt hätte, irgendetwas zu unternehmen. Natürlich hätte ich auch nicht viel tun können, wenn ich das Problem rechtzeitig erkannt hätte, aber ich hätte es wenigstens versuchen können. Ich hätte alles versucht!
So bleibt mir nur, das naheliegende zu tun: um die Ziege und ihre Kinder weinen, sie noch einmal streicheln … und dann die toten Körper wegbringen, damit sie keine Raubtiere zu den Lebenden locken.
Meiner Krümelspur weiter zu folgen.

Nur ein Tier, nur eine Ziege …
aber der Rhythmus der Natur, der Puls des Lebens würde auch in jedem anderen Falle weiter schlagen. Nicht mehr ganz so idyllisch anmutend, sondern eher unbarmherzig, aber weiter, immer weiter …
Vielleicht aber auch tröstlich: es geht trotz allem weiter
Und ich mit.

To be continued …