Mir ist vollkommen egal, wie ich aussehe …

Der entzückte Kommentar der kleinen Inderin zu diesem Thema ist mir unvergessen: „Da haben wir ja tatsächlich mal ein Problem gefunden, das Sie nicht haben!
Nichtsdestotrotz geht der legendäre Ausspruch eines meiner liebsten Freunde noch weiter :
… Hauptsache, ich sehe gut aus!

***

Als Teenie habe ich natürlich unter meiner unreinen Haut gelitten. Unter Pickeln, die mich just dann in „das letzte Einhorn“ verwandelten, wenn ich am Wochenende auf die Piste wollte. Wie verstopfungs- und entzündungsgeneigte Poren wissen können, wann Feten geplant sind, ist mir bis heute ein Rätsel …
Im Freibad habe ich vorzugsweise T-Shirts getragen oder auf dem Bauch gelegen – ehrlich, mein Brausebauch wäre echt niemandem aufgefallen, wenn ich nur ein bißchen mehr Busen gehabt hätte!

In meinen 20er- und 30er- Jahren habe ich mich gleichwohl schön gefunden. War ich schön.
Ich erinnere mich noch, wie meine Herzensfreundin und ich damals beschlossen haben, dass man an Falten wohl nichts ändern, wohl aber beeinflussen könne, in welche Richtung sie verliefen.
„Immer lächeln!“, so haben wir beschlossen, würde die entsprechenden Lachfalten ausbilden. Wir würden also schön altern.
Damit, dass das Leben uns das Lächeln schwermachen könnte, haben wir nicht gerechnet.

Wenn ich heute in den Spiegel schaue, sehe ich ein gezeichnetes Gesicht: Harte Zeiten, Trauer, Schuldgefühle und Depressionen haben ihre Spuren hinterlassen. Es wäre schön, hier ein Heldinnengesicht zu sehen – gereift, abgeklärt, gestärkt … bei mir sehe ich eher Gebrauchsspuren: Lackschäden, Fettflecke und Eselsohren …
Gut, dass ich nicht so oft an einem Spiegel vorbeikomme!

Besser noch: Ich erschrecke zwar, habe den Moment aber auch gleich wieder vergessen.
In meiner Vorstellung sehe ich immer noch aus wie mit Mitte, Ende zwanzig – da habe ich mir, zumindest was mein Aussehen betraf, am besten gefallen. Diesen „Look“, halt nur dezent knittriger (so wie bei dem berühmt berüchtigten edel knitternden Leinen) hätte ich mir für 40, 50 auch gut vorstellen können …

IMG_9267-webStattdessen: Unverhofft, so ganz ohne „sich sammeln und innerlich wappnen“ in einen Spiegel hineinzurennen, führt – zumal morgens – zu einer Art „HUH!“ – Erlebnis …
Nun ist es wichtig, keinen Fehler zu machen: Falten,Tränensäcke, Schlupflider und Doppelkinne werden immer zahlreicher, tiefer, dicker, abscheulicher, je länger man sie anstiert. Natürlich verschwinden sie nicht, wenn man einfach woanders hinguckt. Aber man grämt sich sehr viel weniger …

Meine Hausärztin hat mich einmal gefragt, ob die – zugegeben nicht sonderlich dezent geratene – Narbe meiner Schilddrüsen-OP mich eigentlich nicht stören würde.
Ich: „Nö, ich seh die doch nicht …“.
Darüber, dass sie gesehen wird, habe ich mir nie Gedanken gemacht, keinen Grund gesehen, plötzlich im Sommer duftige Schals zu tragen.
Ich hatte auch nie den Eindruck, dass tatsächlich jemand hinguckt.

Natürlich vergesse ich nicht, dass meine Haare grau werden. Ich vergesse, wie dünn sie geworden sind und wie doof es aussieht, wenn sie sich um das Gestell der Brille kringeln, die ich neuerdings tragen muss. Wenn der Wind nur etwas stärker weht, zieht er mir die Haare aus Zopf bzw. Dutt und die Bügel der Brille lassen sie waagerecht von meinem Kopf abstehen. Dann sehe ich nicht wie früher liebenswert zerzaust aus, sondern wie die seltsame Alte, die ich genau genommen mittlerweile ja auch bin …

Ich hatte immer meinen Spaß daran, mich „aufzubrezeln“, wenn es auf die Piste ging.
Make-up für die Arbeit aufzulegen, war eher eine Pflichtübung – eigentlich fand ich, für den Alltag sei ich auch so schön genug.
Als Hundetrainerin war’s grad egal … Irgendwann, als ich nach der Arbeit noch rasch was einkaufen war, hab ich an der Kasse kurz mal an mir heruntergeschaut: Durchaus okaye Outdoorjacke, die lediglich durch mehrere Lagen Fleece darunter zur Wurst in der Pelle aufpoppte. Schlammbespritzte Waldarbeiterhosen, dreckstarrende Bergstiefel. Wie ich mit meiner Mütze aussah, konnte ich nicht überprüfen, aber ich weiß, ich bin kein „Mützentyp“ …

Heute sind es eher die Kassiererinnen im Supermarkt, die mich „aufgehübscht“ zu sehen kriegen:
Vor dem Einkaufen wird geduscht und die „stadtfeinen“ Klamotten angezogen.
Auf den letzten Drücker wohlgemerkt: Eine einzige Begegnung mit einem erfreuten Hofhund oder womöglich einem zugewandten Schaf und „stadtfein“ ist Geschichte …

Shopping-webMeine letzten Shopping-Highlights bestanden aus einem Paar Schnittschutzhosen (weil ich sehr gerne lernen möchte, mit einer Motorsäge umzugehen) sowie aus Sicherheitsschuhen (seit mir eine Schieferplatte beim Hochheben zerbrochen und auf meinem Fuß gelandet ist, hat meine Begeisterung für leichtes Schuhwerk einen buchstäblich schweren Dämpfer erhalten).

Ich mag es so. Es fühlt sich versöhnlich an.
Obwohl ich nie das Gefühl hatte, unbedingt einem Schönheitsideal genügen zu müssen … oder eben in der glücklichen Lage war, mich einfach als genügend zu empfinden
Es ist entspannter so. Und es scheint mir so viel angemessener:
Wenn meine Haare derangiert und voller Zweige sind, meine Klamotten dreckig und zerrissen, und ich selber gezeichnet von Schrammen und blauen Flecken, dann bin ich entweder im unwegsamen Gelände tierisch auf die Fresse gefallen, oder ich bin einer höchst befriedigenden Tätigkeit wie „Zäune reparieren“ nachgegangen. Oder beides …
Dann sehe ich gut aus, weil es stimmig ist. Ich sehe nach dem aus, was ich bin und was ich tue. Und das ist gut so.

Ich betrachte mein Spiegelbild weniger in beschichtetem Glas, als vielmehr in den Augen unserer Tiere: Ihr Blick ist voller Vertrauen – in ihren Augen bin ich schön.

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