gereizt!

Als ich meine allerersten Hitzewallungen hatte, dachte ich „Aha! Die Wechseljahre!“.
Und habe amüsiert vermerkt, wie oft ich morgens im T-Shirt aus dem Haus gestürmt bin, um ein bis zwei Stunden später zu realisieren, dass ich für Temperaturen nahe null Grad nicht passend angezogen war.


In diesen Phasen habe ich mir abends zwei bis drei frische T-Shirts neben’s Bett gelegt, um ein nassgeschwitztes ohne großen Aufwand austauschen zu können. Das schien mir damals am schwierigsten: Aus der Feststellung „mir ist kalt!“ im Halbschlaf die richtigen Schlüsse zu ziehen – „ich bin klatschnass!“ – und dann auch noch das Richtige zu tun: „umziehen!“.
Weiter habe ich mir über das Phänomen keine Gedanken gemacht.

Meine „Wechseljahre“ kamen und gingen.
Die finale Bestätigung, das endgültige Ausbleiben der Menstruation, konnte ich nicht zu Rate ziehen: Seit meine Gebärmutter wegen schwerer Endometriose entfernt wurde, blute ich nicht mehr.
Und unter uns: Ich habe jahrzehntelang versucht, meinen Körper mit all seinen Funktionen anzunehmen, Mein Frau-Sein zu akzeptieren!
Die Entfernung meiner Gebärmutter hatte – wegen Zysten und Myomen – schon lange zur Debatte gestanden. Ich hab das – auch ohne ausgeprägten Kinderwunsch – immer abgelehnt.
Meine Gebärmutter war schließlich ein Teil von mir! Mein Zyklus war Teil meines Lebens!
Trotzdem ist mir der Abschied letztendlich leicht gefallen: Aus dem „gebärfähigen Alter“ war ich deutlich raus, ich hatte alles getan, mich mit meiner „Weiblichkeit“ zu arrangieren …
Es war okay, ab jetzt getrennte Wege zu gehen!
Und so habe ich Abschied genommen: Meiner Gebärmutter erklärt, dass ich sie sehr zu schätzen gewusst, mich aufrichtig bemüht habe, mit ihr und ihren Funktionen zu leben, dass es nun aber an der Zeit sei, sich zu trennen.
Und tatsächlich: Ich habe diesen Aspekt meines Frau-Seins keine Sekunde lang vermisst!

Aber ich benötige nun Blutuntersuchungen, um zu wissen, ob „es“ soweit ist.
Der aktuelle Stand: Mein Körper, der in so vieler Hinsicht nicht so funktioniert, wie er soll, kriegt das immer noch hin!
Der letzte Scan meines Unterleibes zeigt einen Eisprung.
Dennoch: Es wird passieren!
Und mir ist durchaus bewusst, wie erschreckend wenig ich über diesen Lebensabschnitt weiß.

Hitzewallungen, ja. Depressionen auch – aber warum eigentlich?
Ich habe keine Lust, mich damit zu beschäftigen, merke aber auf, als ich über „die gereizte Frau“ stolpere.
Ein Buch, welches mir nicht dabei helfen möchte, diesen Lebensabschnitt zu ertragen, sondern mich ermutigt, gereizt zu sein. Definitiv: Mein’s!

Gereizt zu sein, gehört nämlich ohne Wenn und Aber ebenfalls zur Perimenopause dazu, der Übergangszeit zwischen … ja, was eigentlich? Fruchtbarkeit und … was?
Definiert Weiblichkeit sich über Fruchtbarkeit und der Vorstellung jugendlicher Schönheit?
Und wenn nicht … worüber dann?

Ich erfahre, dass viele Symptome, die ich bisher meiner Erkrankung zugeordnet habe, auch dem Umstand geschuldet sein können, dass ich „in den Wechseljahren“ bin. Und, dass der Ausdruck Wechseljahre tatsächlich bedeuten kann, dass die Symptome 10 bis 15 Jahre lang andauern.
Bei mit passt alles: Was ich erlebe, könnten Begleiterscheinungen der Perimenopause sein, Symptome meiner chronischen Erkrankung, oder aber Nebenwirkungen der Medikamente, die ich nehme. Oder alles zusammen.
So weit, so nice … aber warum hat mir das nie jemand gesagt?
Konkrete Tips kann ich dem Buch daher nicht entnehmen: Zu viele Unbekannte.
Aber ich habe einen Riesenspaß beim Lesen!

Miriam Stein schreibt nicht einfach einen Ratgeber, sie erzählt, wie sie selbst die „Wechseljahre“ erlebt. Und sie tut das mit einem Ausmaß an Selbstironie und Humor, dass ich mich stellenweise vor Vergnügen nass machen möchte. Apropos Inkontinenz …
Ansonsten listet sie auf, was alles Frauen tun können, um diesen Lebensabschnitt nicht einfach zu ertragen, sondern zu gestalten.
Manches davon befremdet mich.
Ich habe „vulvovaginale Atrophie“ so lange langsam auszusprechen geübt, bis es mir halbwegs geschmeidig über die Lippen kommt. Aber ich glaube nicht, dass ich mir in diesem Leben die Vagina werde lasern lassen. Gleiches gilt für Facelifting und Fettabsaugung.
Und warum um alles in der Welt hätte ich meine Eizellen einfrieren lassen sollen, um wirklich jederzeit schwanger werden zu können? Jederzeit schwanger werden zu können war schlimm genug, als es noch ohne technologische Unterstützung möglich war …
Die Hitzewallungen – erwähnte ich die Hitzewallungen? – könnte ich durchaus missen, aber ansonsten bin ich bereit, einfach alt zu werden – mit allem was dazugehört.

Die Autorin selbst ist „gut situiert“, erfolgreich im Beruf.
Ich rechne ihr an, dass sie gelegentlich anmerkt, arme Frauen, Frauen in armen Ländern, hätten zu dem Großteil der Möglichkeiten, die sie beschreibt, keinen Zugang.
Dennoch möchte ich ihr hin und wieder zurufen „Gute Frau, in dieser Situation sind Klimakteriumsbeschwerden wirklich das kleinste aller Probleme!“.
Aber gut: Sie erzählt ihre Geschichte. Und sie listet auf, was geht. Wenn es denn geht.
Nicht ihre Schuld, dass meine Welt(sicht) eine ganz andere ist.

Gegen Ende des Buches sammelt Miriam Stein mich denn auch wieder ein:
Sie guckt auf ganz andere Weise über den Tellerrand, als ich das erwartet hätte, und erzählt zum Beispiel von Sheela- na-gig, einer Figur, die sich an den Fassaden mittelalterlicher Kirchen in Großbritannien und Irland findet. Die kleine, haarlose (gealterte?) Frau präsentiert ihre weit geöffnete Vulva und gilt heute als Schutzheilige irischer Feministinnen. Sie könnte eine kulturelle Bedeutung der Vulva transportieren, die nichts mit Sex oder Fruchtbarkeit zu tun hat, sondern – ähnlich wie der Phallus – eine Machtposition symbolisiert.
Weiter richtet sie ihren Blick nach Asien und berichtet von einem buddhistischen Ritual, welches Frauen den Übergang in die Menopause erleichtern soll, und sie gleichzeitig in der religiösen Gesellschaftsordnung aufsteigen lässt. Sie werden in die Schwesternschaft „Peng“ aufgenommen, deren Angehörige tief miteinander verbunden sind, sich austauschen und in der Gemeinschaft Halt finden.

Miriam Stein nimmt Sheela-na-gig und die Schwesternschaft Peng zum Anlass, eine feministische Utopie zu skizzieren, eine ganz eigene Vorstellung davon, wie eine Welt aussehen könnte, in der Frauen heranreifen, statt lediglich zu altern. In der sie in Verbindung gehen und sich ihrer Kraft bewusst werden.

Das klingt nach Aufbruch. Meins!

Mir ist vollkommen egal, wie ich aussehe …

Der entzückte Kommentar der kleinen Inderin zu diesem Thema ist mir unvergessen: „Da haben wir ja tatsächlich mal ein Problem gefunden, das Sie nicht haben!
Nichtsdestotrotz geht der legendäre Ausspruch eines meiner liebsten Freunde noch weiter :
… Hauptsache, ich sehe gut aus!

***

Als Teenie habe ich natürlich unter meiner unreinen Haut gelitten. Unter Pickeln, die mich just dann in „das letzte Einhorn“ verwandelten, wenn ich am Wochenende auf die Piste wollte. Wie verstopfungs- und entzündungsgeneigte Poren wissen können, wann Feten geplant sind, ist mir bis heute ein Rätsel …
Im Freibad habe ich vorzugsweise T-Shirts getragen oder auf dem Bauch gelegen – ehrlich, mein Brausebauch wäre echt niemandem aufgefallen, wenn ich nur ein bißchen mehr Busen gehabt hätte!

In meinen 20er- und 30er- Jahren habe ich mich gleichwohl schön gefunden. War ich schön.
Ich erinnere mich noch, wie meine Herzensfreundin und ich damals beschlossen haben, dass man an Falten wohl nichts ändern, wohl aber beeinflussen könne, in welche Richtung sie verliefen.
„Immer lächeln!“, so haben wir beschlossen, würde die entsprechenden Lachfalten ausbilden. Wir würden also schön altern.
Damit, dass das Leben uns das Lächeln schwermachen könnte, haben wir nicht gerechnet.

Wenn ich heute in den Spiegel schaue, sehe ich ein gezeichnetes Gesicht: Harte Zeiten, Trauer, Schuldgefühle und Depressionen haben ihre Spuren hinterlassen. Es wäre schön, hier ein Heldinnengesicht zu sehen – gereift, abgeklärt, gestärkt … bei mir sehe ich eher Gebrauchsspuren: Lackschäden, Fettflecke und Eselsohren …
Gut, dass ich nicht so oft an einem Spiegel vorbeikomme!

Besser noch: Ich erschrecke zwar, habe den Moment aber auch gleich wieder vergessen.
In meiner Vorstellung sehe ich immer noch aus wie mit Mitte, Ende zwanzig – da habe ich mir, zumindest was mein Aussehen betraf, am besten gefallen. Diesen „Look“, halt nur dezent knittriger (so wie bei dem berühmt berüchtigten edel knitternden Leinen) hätte ich mir für 40, 50 auch gut vorstellen können …

IMG_9267-webStattdessen: Unverhofft, so ganz ohne „sich sammeln und innerlich wappnen“ in einen Spiegel hineinzurennen, führt – zumal morgens – zu einer Art „HUH!“ – Erlebnis …
Nun ist es wichtig, keinen Fehler zu machen: Falten,Tränensäcke, Schlupflider und Doppelkinne werden immer zahlreicher, tiefer, dicker, abscheulicher, je länger man sie anstiert. Natürlich verschwinden sie nicht, wenn man einfach woanders hinguckt. Aber man grämt sich sehr viel weniger …

Meine Hausärztin hat mich einmal gefragt, ob die – zugegeben nicht sonderlich dezent geratene – Narbe meiner Schilddrüsen-OP mich eigentlich nicht stören würde.
Ich: „Nö, ich seh die doch nicht …“.
Darüber, dass sie gesehen wird, habe ich mir nie Gedanken gemacht, keinen Grund gesehen, plötzlich im Sommer duftige Schals zu tragen.
Ich hatte auch nie den Eindruck, dass tatsächlich jemand hinguckt.

Natürlich vergesse ich nicht, dass meine Haare grau werden. Ich vergesse, wie dünn sie geworden sind und wie doof es aussieht, wenn sie sich um das Gestell der Brille kringeln, die ich neuerdings tragen muss. Wenn der Wind nur etwas stärker weht, zieht er mir die Haare aus Zopf bzw. Dutt und die Bügel der Brille lassen sie waagerecht von meinem Kopf abstehen. Dann sehe ich nicht wie früher liebenswert zerzaust aus, sondern wie die seltsame Alte, die ich genau genommen mittlerweile ja auch bin …

Ich hatte immer meinen Spaß daran, mich „aufzubrezeln“, wenn es auf die Piste ging.
Make-up für die Arbeit aufzulegen, war eher eine Pflichtübung – eigentlich fand ich, für den Alltag sei ich auch so schön genug.
Als Hundetrainerin war’s grad egal … Irgendwann, als ich nach der Arbeit noch rasch was einkaufen war, hab ich an der Kasse kurz mal an mir heruntergeschaut: Durchaus okaye Outdoorjacke, die lediglich durch mehrere Lagen Fleece darunter zur Wurst in der Pelle aufpoppte. Schlammbespritzte Waldarbeiterhosen, dreckstarrende Bergstiefel. Wie ich mit meiner Mütze aussah, konnte ich nicht überprüfen, aber ich weiß, ich bin kein „Mützentyp“ …

Heute sind es eher die Kassiererinnen im Supermarkt, die mich „aufgehübscht“ zu sehen kriegen:
Vor dem Einkaufen wird geduscht und die „stadtfeinen“ Klamotten angezogen.
Auf den letzten Drücker wohlgemerkt: Eine einzige Begegnung mit einem erfreuten Hofhund oder womöglich einem zugewandten Schaf und „stadtfein“ ist Geschichte …

Shopping-webMeine letzten Shopping-Highlights bestanden aus einem Paar Schnittschutzhosen (weil ich sehr gerne lernen möchte, mit einer Motorsäge umzugehen) sowie aus Sicherheitsschuhen (seit mir eine Schieferplatte beim Hochheben zerbrochen und auf meinem Fuß gelandet ist, hat meine Begeisterung für leichtes Schuhwerk einen buchstäblich schweren Dämpfer erhalten).

Ich mag es so. Es fühlt sich versöhnlich an.
Obwohl ich nie das Gefühl hatte, unbedingt einem Schönheitsideal genügen zu müssen … oder eben in der glücklichen Lage war, mich einfach als genügend zu empfinden
Es ist entspannter so. Und es scheint mir so viel angemessener:
Wenn meine Haare derangiert und voller Zweige sind, meine Klamotten dreckig und zerrissen, und ich selber gezeichnet von Schrammen und blauen Flecken, dann bin ich entweder im unwegsamen Gelände tierisch auf die Fresse gefallen, oder ich bin einer höchst befriedigenden Tätigkeit wie „Zäune reparieren“ nachgegangen. Oder beides …
Dann sehe ich gut aus, weil es stimmig ist. Ich sehe nach dem aus, was ich bin und was ich tue. Und das ist gut so.

Ich betrachte mein Spiegelbild weniger in beschichtetem Glas, als vielmehr in den Augen unserer Tiere: Ihr Blick ist voller Vertrauen – in ihren Augen bin ich schön.