Distanz und Nähe

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immer noch der Frage auf der Spur, warum es mir hier so viel leichter fällt, in die Gänge zu kommen …

Bei umfangreichen Aktivitäten werde ich häufig gar nicht erst eingeplant: Man weiß ja nie, ob ich am nächsten Tag tatsächlich einsatzfähig sein werde, ich halte nicht immer mehrere Stunden lang durch und für viele der anfallenden Tätigkeiten fehlt es mir an den nötigen handwerklichen Fähigkeiten, oder schlicht an Körperkraft. Klingt frustrierend und ist es auch.
Aber let’s face it: allein der Gedanke an eine größere „Baustelle“ kann mich morgens so dermaßen überfordern, dass ich gar nicht erst aus dem Bett komme.

Ich zeichne also eher für das Kleinklein verantwortlich.
Nicht, dass das nicht ebenso existenziell wäre …
Das scheint mir ein ganz deutlicher Unterschied zu meinem bisherigen Leben zu sein – da gab es deutlich mehr Dinge, die ich nach dem Motto „kommste heut nicht, kommste morgen“ angehen konnte.
Im Winter zum Beispiel ist es nicht wirklich eine gute Idee, den Küchenofen ausgehen zu lassen. Klar kann man ihn jederzeit wieder einheizen, aber das ist viel mehr Arbeit und in der Zwischenzeit kühlt das ganze Haus aus. Gerade an Tagen, an denen es mir schwerfällt, den Weg nach draußen zu finden und körperlich zu arbeiten, bin ich aber die erste, die friert …
Oooookay, niemand wird erfrieren, wenn ich das nicht auf die Reihe kriege, aber mir ist es wichtig. Also raus aus dem Bett!
Da der Weg in die Küche über den Hof führt, ist Anziehen unabdingbar – das wäre also auch erledigt.
Sollte ich widrigerweise die Asche wegbringen, oder neues Holz holen müssen, komme ich geradewegs auf dem Hofgelände herum. Und stolpere spätestens dann über ein Hundekind, das sich nicht nur bannig freut, mich nach der nächtlichen Trennung endlich wiederzusehen, sondern auch ganz dringend sein Frühstück haben möchte.
Aus dem Augenwinkel sehe ich die Tomatenpflänzchen dastehen … die müssen tagsüber nach draußen …
Und so reiht sich eine Kleinigkeit an die andere.
All diese Aktivitäten sind lächerlich geringfügig – die Konsequenzen, wenn sie unerledigt bleiben, sind es jedoch nicht.
Oft genug nehme ich mir vor, nur schnell Holz in den Ofen zu legen und vielleicht eine Tasse Tee zu trinken und dann SOFORT zurück ins Bett zu flüchten.
Und dann regnet es und das Hundekind mag nicht alleine draußen bleiben, alleine in der Küche kann ich sie aber auch nicht lassen, also mach ich mehr Tee, lese schonmal meine Mails, räume, weil ich sowieso in der Küche bin, die Spülmaschine aus undsoweiterundsoweiterundsoweiter …
Und wupp! ist Mittag!

Die anschließende Siesta kann ich dann zwar durchaus brauchen, sie bringt aber auch eine Hürde mit sich: Aufstehen die Zwote …
Andererseits beginnt hier der Zielanflug auf das Abendessen: Idealerweise soll um 19:00 Uhr gegessen werden, also muß ich spätestens um 18:00 Uhr in der Küche sein und sollte vorher nach den Schafen und Ziegen geschaut, den Hund bespaßt, die Tomatenpflanzen reingeholt, die Wäsche abgehängt haben undsoweiterundsoweiterundsoweiter …
Der Hund mag ein „tut mir leid, wir holen das morgen nach, versprochen!“ noch gelten lassen, ein Schaf, das eine Nacht lang im Zaun oder in den Brombeeren festhängt, leidet Qualen, die Tomatenpflanzen werden sich von einer kalten Nacht womöglich nie wieder erholen und Wäsche, auf die es nachts geregnet hat, duftet zwar wunderbar, braucht aber ewig, bis sie dann trocken ist.

Was mir die Sache sehr erleichtert ist die Tatsache, dass der ganze Hof quasi erweiterte Wohnung ist. Das Verlassen der Wohnung, die „Gefahr“, auf andere Menschen zu treffen, der Druck, dann normal wirken zu müssen, war immer eine große Hürde. Die fällt hier weitgehend weg.
Schwierig wird es, wenn ich versuche, einzelne Arbeiten ganz geschickt miteinander zu verbinden: Da ich dann Entscheidungen treffen muss, passiert es mir schnell, dass ich mehr Zeit mit dem Ersinnen total effizienter Abläufe verbringe, als mit deren tatsächlicher Erledigung.
Aber auch hierfür gibt es einfache Lösungen: Wenn ich nicht so sehr nachdenke, was ich alles erledigen muß, sondern einfach meine Augen offen halte, kann ich lauter klitzekleinen Tätigkeiten folgen wie einer Krümelspur. Ich erledige einfach das Nächstliegende.
Vieles wird auch gar nicht entschieden, sondern ist gesetzt: Etliche Arbeiten fallen zu bestimmten Jahreszeiten an, werden vom Mondkalender empfohlen, gehen mit den Bedürfnissen der Tiere und Pflanzen einher. Häufig hängt die Entscheidung, was nun sinnvollerweise zu tun ist, ganz platt vom Wetter ab.
Mein persönliches Motto ist darüber hinaus „immer erst die Lebenden!“.
Heißt, ich kümmere mich im Zweifel zuerst um die Tiere, dann um die Pflanzen und anschließend um alles weitere.
Ich habe Sorge, an dieser Stelle ins Schwärmen und Romantisieren zu verfallen, aber es ist tatsächlich ein Leben und Arbeiten, das sich sehr am Rhythmus der Natur orientiert. Am Puls des Lebens sozusagen.

Zu begreifen und zu akzeptieren, dass hierzu auch das Sterben auf eine ganz andere Art und Weise gehört, als ich das bisher gewohnt war, ist mir sehr viel schwerer gefallen.
Ich meine das Sterben unserer Tiere.
Bis vor kurzem kannte ich Haustiere, die innig geliebt und im Todesfalle aufrichtig betrauert werden. Und anonyme Nutztiere, deren Tötung wie selbstverständlich zu ihrer Nutzung gehört.
Unsere Weidetiere sind Nutztiere: Sie halten das Gelände frei. Aber obwohl die wenigsten von ihnen einen Namen haben, sind sie nicht anonym. Anhand ihres Aussehens, ihres Charakters und ihrer Fähigkeiten kann man sie sehr wohl voneinander unterscheiden. Und wir töten sie nicht: Unsere Tiere dürfen eines natürlichen Todes sterben.
Das allerdings tun sie schneller und häufiger, als ich das naiverweise erwartet hatte.
Lämmer, die in ihrer ersten Nacht der Fuchs holt, Zicklein, die zu früh und zu schwach geboren werden, Schafe, die chronischen Organ-Erkrankungen erliegen …
Für mich ist das die Kehrseite des aufrichtigen Vergnügens, das mir der Umgang mit unseren Schafen und Ziegen macht: In aller Regel bin ich es, die sich um sie kümmert, auch dann, wenn es schwierig und traurig wird.
Besonders getroffen hat mich das Schicksal einer unserer Ziegen, einer erfahrenen Mutter, die ich sehr mochte, weil sie so freundlich, zutraulich und unkompliziert war. Ich konnte meine Sorge gar nicht begründen, hatte nur die vage Idee „irgendwie gefällt die mir nicht so recht …“ und habe gemutmaßt, dass sie vielleicht um eine ihrer Töchter trauert, die kürzlich bei einer Zwillingsgeburt verstorben war.
Ein paar Tage später hab ich sie im Stall gefunden: Sie hatte ebenfalls Zwillinge geboren und diese auch versorgt, muß dann aber gestorben sein. Und mit ihr die Zicklein.
Es hat sich angefühlt, als würde etwas in mir in sich zusammensacken. „Da kann man gar nichts mehr machen“ hab ich gedacht – von jetzt auf gleich war dieses Leben ganz unabänderlich zu Ende, ohne dass ich auch nur eine Chance gehabt hätte, irgendetwas zu unternehmen. Natürlich hätte ich auch nicht viel tun können, wenn ich das Problem rechtzeitig erkannt hätte, aber ich hätte es wenigstens versuchen können. Ich hätte alles versucht!
So bleibt mir nur, das naheliegende zu tun: um die Ziege und ihre Kinder weinen, sie noch einmal streicheln … und dann die toten Körper wegbringen, damit sie keine Raubtiere zu den Lebenden locken.
Meiner Krümelspur weiter zu folgen.

Nur ein Tier, nur eine Ziege …
aber der Rhythmus der Natur, der Puls des Lebens würde auch in jedem anderen Falle weiter schlagen. Nicht mehr ganz so idyllisch anmutend, sondern eher unbarmherzig, aber weiter, immer weiter …
Vielleicht aber auch tröstlich: es geht trotz allem weiter
Und ich mit.

To be continued …

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