Therapiehund

Oskar wurde nicht „angeschafft, weil Hunde depressiven Menschen gut tun“ .
Dennoch hat er sich den Job ganz eigenständig an Land gezogen und macht ihn ausgesprochen gut – wenn auch nicht ganz so, wie der gängige Ratschlag es vorsieht …

Ob ich einen richtig schlechten Tag habe, scheint er noch vor mir zu wissen: Wenn ich es schaffe, ein Auge aufzumachen, liegt er schon dicht neben meinem Bett (wozu er sonst eher nicht neigt) und mag auch dann dort bleiben, wenn er Gelegenheit hätte, nach draußen zu gehen. Er schläft.
Es ist genau dieses völlig entspannte Bei-mir und Für-mich-da sein, das mir gut tut: Kein besorgter Blick, kein „Es ist 9:00 (11:00, 15:00) Uhr! Willst Du nicht doch mal versuchen, ob Du aufstehen kannst?“.
„Du bleibst liegen? Dann schlaf ich noch ne Runde!“ …

Auch wenn es mir irgendwann gelingt, aufzustehen, bleibt er stets in meiner Nähe.
Dass die Gassigänge an solchen Tagen ultrakurz sind, scheint den bewegungsfreudigen Workaholic nicht weiter zu stören.
Bei einem Seminar zum Thema „Depressionen beim Hund“ (auch die gibt’s) hab ich vorsichtshalber den Dozenten gefragt, ob ich meinem Hund möglicherweise Schaden zufüge, ob der vielleicht einfach resigniert.
Ein zugewandter, initiativer Charakter wie Oskar, meinte er, ließe sich von meiner Stimmung nicht anstecken – der würde die aussitzen. Nun: Ausliegen …

Meine erste Amtshandlung wenn dann wieder irgendwas geht, ist natürlich eine gemeinsame Unternehmung!
Hundebegegnungen, die immer ein wenig heikel sind, werden schwieriger, wenn es mir nicht gut geht. Da ich in diesen Phasen aber sowieso in möglichst einsame Gegenden ausweiche, fällt das nicht allzu sehr ins Gewicht.
Seine Jagdpassion dagegen, die sonst meine ungeteilte Aufmerksamkeit oder aber eine Leine erfordert, läßt extrem nach: Offenbar hat er nicht den Eindruck, er könne mich grade mal für ein paar Minuten allein lassen …

Sofern es ihm irgend möglich ist, übernimmt er die Führung, wenn er merkt, dass ich Angst habe. Am deutlichsten sieht man das in den Bergen: Normalerweise ist er ein großer Stöberer und Jeden-Meter-drei-Mal-Raser, wenn sich aber meine Höhenangst „meldet“, ist er plötzlich ganz bei mir. Dann läuft er ein paar Meter, schaut sich nach mir um und wartet, dass ich nachkomme. Gegebenenfalls kommt er zu mir zurück und „holt“ mich.
Und tatsächlich habe ich mit seiner Hilfe schon mehr als eine Passage bewältigt, während derer ich ansonsten in bewährter Manier festgefroren wäre.
Ist die Wackelpartie überstanden, ist mein Hund wieder auf und davon …

Panikattacken überfordern ihn. Er hat jedoch beobachten können, dass es Menschen gibt, die mir in solchen Momenten helfen können. Also wendet er sich an sie: Stupst sie an und fordert Hilfe ein.

Am meisten beeindruckt mich jedoch, dass sein Verhalten beim gemeinsamen Spiel sich verändert.

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„Angeberball“ ist ein Spiel, das Oskar mir beigebracht hat: Monatelang hab ich mich darüber geärgert, dass er ein bestimmtes Spielzeug (einen Ball an einer Schnur) einfach nicht apportieren wollte. Stattdessen ist er laut knurrend damit im Kreis herumgerannt, hat es sich um die Ohren geschlagen, oder mit herausforderndem Blick darüber gestanden (also damit angegeben wie eine Tüte Mücken), um bei meiner Annäherung gleich wieder wegzuspringen. Da konnte ich schimpfen oder locken soviel ich nur wollte, ihn mit der Schleppleine zu mir dirigieren oder völlig frustriert davonstapfen. Nichts half.
Bis ich endlich begriffen habe, dass er mir ein Spiel angeboten hat: Ich sollte mit ihm rennen und ihm den Ball abjagen!

Natürlich hatte ich keine Chance! Er hat dann auch nur kurze Sprints eingelegt und ist anschließend wieder in meine Richtung gelaufen um mir die Chance zu geben, ihm – ebenso erfolglos – den Weg abzuscheiden. Immer ganz knapp außerhalb meiner Reichweite.
Hat er sich zwischendurch, den Ball zwischen den Vorderpfoten, hingelegt, habe ich versucht, mich rücklings anzupirschen, bin unter wüsten Drohgebärden auf ihn zu gestampft, in Vorderkörper-Tiefstellung gekrochen oder johlend und winkend losgerannt. Immer wenn ich den Ball beinahe hatte, war mein Hund wieder auf und davon. Zufällige Beobachter mögen sich ihren Teil gedacht haben …
Ich kann das Spiel beenden, indem ich ihm ein „Sitz“-Signal gebe, aber meist toben wir herum bis er beschließt, ich dürfe den Ball jetzt zur Abwechslung auch mal werfen.
Die pädagogische Sinnhaftigkeit mag diskutieren, wer will: Wir haben einen Mordsspaß dabei!

Das Spielen mit meinem Hund hilft mir besonders an solchen Tagen, an denen ich mich mit diffusen Ängsten herumschlage. Zwar bewege ich mich langsam und kann nur sehr begrenzt den Kasper machen, aber ich merke, dass es mir gut tut. Und ich erwische den Ball!

IMG_1141-q-webAn richtig miesen Tagen lässt mein Hund mich gewinnen!
Ich bin schon lange überzeugt, dass Hunde „Erfolg“ kennen, dass sie stolz sind und sich freuen, wenn sie etwas richtig gut hingekriegt haben – auch ohne Rückmeldung durch Lob oder Belohnung.
Dass Oskar augenscheinlich zu der Annahme in der Lage ist, auch ich werde mich freuen, wenn es mir denn ausnahmsweise einmal gelänge, ihm den Ball abzuluchsen, und dass er mir die Freude tatsächlich macht, haut mich – ehrlich gesagt – um.

Mir tut mein Hund gut!
Aber nicht, weil seine hundlichen Bedürfnisse mich aus dem Haus zwingen (im Gegenteil, er stellt sie ja für mich zurück), sondern weil er tatsächlich in der Lage ist, meine Bedürfnisse zu erspüren. Und sie erfüllt, so gut er kann.
Dafür bin ich dankbar. Sehr dankbar.

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