Achtsamkeit mit Hindern … Aglaia

Wir beginnen mit der Geschichte vom Gasthaus, als das wir eingeladen sind, uns unser Dasein vorzustellen: Jeden Tag stehen neue Gäste vor der Tür, die wir einlassen, willkommen heißen und liebevoll bewirten. Diese Gäste können Freude, Momente der Achtsamkeit, aber auch Ärger, Missgunst und unangenehme Erlebnisse sein – wir behandeln alle gleich, lassen niemanden vor der Türe stehen. Denn sie alle wurden aus einem bestimmten Grund aus einer anderen Welt zu uns geschickt.

In der darauf folgenden Meditation haben wir Gelegenheit, diese Form des „Annehmens“ unangenehmer Gedanken und Erfahrungen zu üben – idealerweise zunächst an einem einfachen Beispiel, einem lediglich geringfügigen Ärgernis, oder einem Konflikt, der bereits bereinigt ist, uns aber noch beschäftigt.

Mein Gasthaus stelle ich mit als eine Mischung aus dem Wirtshaus in „Tiger and Dragon“ und der Küche einer Alpe vor, auf der ich selbst gerne zu Gast bin. Und als Übungsobjekt – eingedenk meiner ersten Erfahrung mit einer Meditation über einen schmerzvollen Gedanken – eine kleine Verstimmung, die längst bereinigt ist.
Aber ich liege noch nicht ganz auf meiner Yoga-Matte, da springen auch schon die Schmerzen ein: Aglaia begehrt Einlass!
Nun gut … ich biete ihr gar nicht erst einen Tisch, sondern gleich einen Platz an meiner Seite an. Und spüre im nächsten Moment ihr Gewicht: Von der linken Schulter bis zum Knöchel, als würde jemand auf mir liegen.

Das Gasthaus

Dieses menschliche Dasein ist ein Gasthaus.
Jeden Morgen ein neuer Gast.
Freude, Depression und Niedertracht – auch ein kurzer Moment von Achtsamkeit kommt unverhofft als Besucher.
Begrüße und bewirte sie alle!

Selbst wenn es eine Schar Sorgen ist, die gewaltsam dein Haus seiner Möbel entledigt, selbst dann behandle jeden Gast ehrenvoll.
Vielleicht reinigt er dich ja für neue Wonnen.
Den dunklen Gedanken der Scham und Bosheit – begegne ihnen lachend an der Tür und lade sie zu dir ein.

Sei dankbar für jeden, der kommt, denn alle sind zu deiner Führung geschickt worden aus einer andern Welt.

Rumi, Sufi-Dichter aus dem 13. Jahrhundert

Anschließend lernen wir Mettā kennen, die liebende Güte – eine Form der Achtsamkeit, die ihre Aufmerksamkeit nicht frei von Wertung, sondern explizit freundlich-wohlwollend auf alles Leben richtet.
Geübt wird – wie immer – vom Einfachen zum Schwierigen:
Im ersten Schritt sind wir eingeladen, Sätze der liebenden Güte an uns selbst zu senden, später dann an nahestehende Personen, an solche, denen wir neutral gegenüberstehen und zu guter Letzt auch an die, die uns Schwierigkeiten bereiten.

Sätze der liebenden Güte können zum Beispiel folgende sein:
Möge ich frei sein von Gefahr.
Möge ich glücklich sein.
Möge ich körperlich gesund sein.
Möge ich leicht durchs Leben gehen.

Ich lerne, dass es keine Rolle spielt, ob ich die „ich“, oder die „du“ Form verwende: Ich kann direkt zu mir selbst sprechen, oder aber mir vorstellen, ich spräche zu einer lieben Freundin. Häufig sind wir im Umgang mit FreundInnen sehr viel nachsichtiger und liebevoller, als mit uns selbst …

Ich spreche mit Aglaia. Und ihr Satz der liebenden Güte scheint mir „mögest du dich geborgen fühlen!“ zu lauten. Aber ich mag nicht einfach Formeln wiederholen! Stattdessen verspreche ich ihr, sie zu halten. Immer. Ich gelobe, sie niemals allein zu lassen!
Nie wieder soll sie sich in der Dunkelheit fürchten müssen.

Zum Abschluss versuchen wir uns an einem wohlwollenden Bodyscan, richten unsere Aufmerksamkeit Schritt für Schritt auf unseren Körper, nehmen wahr und liebevoll an.
Aglaia liegt immer noch schwer auf meiner linken Seite. Den Weg auf die Yoga-Matte hat sie gefunden, aber sie kommt nicht gut mit den Unterbrechungen klar, während derer ich weiter am Workshop teilnehmen möchte.

Schon zu Beginn habe ich mich dabei erwischt, dass ich Aglaia mit den Worten „Komm, Mäuschen, leg dich zu mir!“ eingeladen habe …
„Mäuschen“, „Hase“, „Haselmaus“ … so spreche ich sonst die mir anvertrauten Tiere an.
Jetzt, wo wir so Schritt für Schritt meinen Körper erkunden, mag ich sie weiter ermutigen.
Der Bodyscan erfragt, wie mein Gesicht sich gerade anfühlt … und ich frage Aglaia „Hast du schonmal gelächelt? Komm! Probier mal!“.

Gleichzeitig habe ich furchtbare Angst. Was, wenn nicht Aglaia meinen Körper für sich entdeckt, sondern die Schwärze ihn ganz und gar flutet? Was, wenn alles zu viel ist?

Dennoch lade ich sie weiter ein: „Du musst dich nicht an meiner linken Körperseite festkrallen! Rutsch mal rüber nach rechts!
Dieser Körper ist auch deiner!“
„Guck! Dein Lächeln! Deine Arme! Deine Beine!“ …

Am Ende habe ich Schwierigkeiten, von der Yogamatte zurück auf den Stuhl zu klettern, muss mich dazu an Lehne und Tischkante festhalten. Auch das Gehen fällt mir in der nächsten halben Stunde schwer und zum ersten Mal seit Langem komme ich mir wieder wie Laufente Lisbeth vor.
„Logisch!“ denke ich mir dann: „Sie versucht das ja zum ersten Mal …“

NACHTRAG

Ich habe nicht bedacht, dass Aglaia gewohnt ist, sich in Form von Schmerzen mitzuteilen. Darüber wird noch zu reden sein in meinem Gasthaus …

Drei weise Frauen

Mit Achtsamkeitsübungen habe ich mich vor einigen Jahren schon einmal zu beschäftigen begonnen, mich dann aber mit Yoga – das unterstützend empfohlen wurde – wohler gefühlt. Das mag, obwohl der Yoga-Kurs mir anfangs furchtbare Angst gemacht hat, daran gelegen haben, dass die Anleitung dort nicht von einer CD kam, sondern von der Frau, die nun die Yogini unter „meinen“ weisen Frauen ist. Womöglich war es auch wichtig für mich, zunächst einmal in meinem Körper anzukommen, bevor ich meinem Geist die Zügel schießen lasse.

Als ich nun eingeladen werde, zum Jahresbeginn an einem Workshop zur Achtsamkeits- und Meditationspraxis teilzunehmen, scheint mir der geeignete Zeitpunkt gekommen.

Da der Workshop als Zoom-Konferenz stattfindet und ich die Dozentin seit vielen Jahren kenne, darf er, beschließe ich, als „im richtigen Leben“ gelten. Außerdem finde ich das Bild von den drei weisen Frauen unwiderstehlich.

Zum Auftakt machen wir eine kleine Phantasie-Reise, die mir sehr leichtfüßig und idyllisch erscheint bis ich einen Blick nach innen werfe und „die schwarze Säule“ sehe – einen tief-, ja lackschwarzen Streifen entlang meiner Wirbelsäule, ungefähr halb so breit, wie mein Brustkorb. Das passiert mir nicht zum ersten Mal und so bin ich zwar unangenehm überrascht, werde aber nicht panisch. Während der nächsten Etappe der Reise geht es um’s Loslassen, geschehen lassen und ich stelle mir vor, wie die Schwärze ohne mein Zutun von mir weicht. Das funktioniert recht gut.

Bei der anschließenden Feedback-Runde allerdings verliere ich die Fassung und beginne zu weinen.
Ich weiß, dass meine Reaktion nicht ungewöhnlich ist und mir nicht peinlich sein muss, aber ich möcht leiden, ich würde mal zu denjenigen gehören, die in solchen Momenten lächelnd darüber sprechen können, wie angenehm die Übung für sie war.
Stattdessen business as usual: Alle ganz entspannt im Hier und Jetzt – eine weint.

Als wir zu Beginn der zweiten Stunde eingeladen sind, zu berichten, wie es uns ergangen ist, kratze ich all meinen Mut zusammen und erzähle, dass ich mir blöd vorgekommen bin, weil ich geweint habe (oder eher, weil ich wieder einmal anders war), dann aber entschieden habe, dass das sein darf. Dass ich so sein darf.
Ein kleiner Schritt für die Menschheit, eine Mondlandung für mich.

Zunächst meditieren wir über die Frage, welche Qualitäten wir mit Hilfe der Achtsamkeitspraxis in unser Leben einladen möchten. Ich habe mir im Laufe der Woche eine Menge Gedanken darüber gemacht, welche Intention ich habe, was ich erreichen möchte. Was ich mir wünsche habe ich noch gar nicht bedacht …
Als die weise Meditierende vorschlägt, „Freude“ könne eine solche Qualität sein, denke ich mir „Freude! Ja klar! Nehmen wir doch Freude!“.
Ein Gefühl von Leichtigkeit stellt sich ein, ich spüre, dass ich zu lächeln beginne, und vor meinem inneren Auge sehe ich die Ponies, wie sie in der Sonne mit mir und dem Hund zum Haus laufen, um dort ihre Pony-Kekse in Empfang zu nehmen.
Stimmt … es gibt schon Freude in meinem Leben!

Rücklings auf meiner Yogamatte liegend beobachte ich bei einer weiteren Übung meinen Atem, als ich urplötzlich höllische Schmerzen bekomme. Meine linke Schulter steckt in einem Schraubstock und der Schmerz zieht sich bis zum Knöchel, auf dem überdies jemand zu sitzen scheint. Die Nackenmuskulatur wird knallhart, sogar mein Gesicht tut weh.

Kurz vorher haben wir gelernt, dass wir „störende“ Gedanken während der Übungen „etikettieren“ können: Sie kurz wahrnehmen und dann sozusagen in einer Schublade ablegen, um uns später damit zu befassen, weil wir in diesem Moment ja mit etwas anderem beschäftigt sind.
Die Idee gefällt mir sehr – wie ich störende Gedanken einfach „vorüber ziehen“ lassen soll, war mir immer rätselhaft.

Ob das wohl auch gegen störende Schmerzen hilft?
Im ersten Wurf etikettiere ich mit „Trauma“, stutze dann jedoch: Wozu hat das Kind einen Namen?
Stattdessen begrüße ich Aglaia und lade sie ein, sich zu mir zu legen.

Am Ende der Übung, bei dem wir spontane Bewegungen machen, die uns gerade gut tun, umarme ich mich. Uns. Die Schmerzen sind weg.

To be continued …

Was bisher geschah:

Weise Frauen

Achtsamkeit:
Jetzt ist jetzt
Wellness mit Schattenseiten
Übungssache

Das Yoga Projekt:
I: Kismet
II: Yoga, Gulasch und Fledermäuse
III: Energie und Liebe
IV: Die schwarze Säule
V: Wagnis Workshop

Aglaia

Die Taucherin will den Freischwimmer machen

Ich erinnere mich, dass meine langjährige Therapeutin in Deutschland mir einmal gesagt hat, irgendetwas in mir sauge meine Energie ab, aber sie könne mir beim besten Willen nicht sagen, was das sei.
Und ich selbst habe ja oft genug herumgeblödelt, ich sei so ein optimistischer und positiver Mensch, ich würde überhaupt nicht kapieren, warum ausgerechnet ich Depressionen habe.

Es ist tröstlich, jetzt mit „Trauma“ eine Erklärung zu haben. Ein schwacher Trost andererseits … es wird ja nichts besser davon. Aber die Frage, was um alles in der Welt eigentlich mit mir nicht stimmt, stellt sich jetzt immerhin anders.
Eine neue Fragestellung, leider, mit der ich ins Leere renne.

Ich zähle mich zu den sogenannten KriegsenkelInnen – meine Eltern haben einen Weltkrieg miterlebt, meine Großeltern zwei. Kriegstraumata, das weiß man heute, werden auf vielen verschiedenen Wegen an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. Wer hierüber mehr erfahren möchte, dem empfehle ich „Kriegsenkel“ von Sabine Bode.
Ich fand das Buch interessant, habe hier und da Parallelen zu meinem eigenen Leben erkannt, mich aber nicht wirklich wiedergefunden … bis zu dem Kapitel, das mir kurzerhand den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Das mir meine Erinnerungen plötzlich in einem vollkommen anderen Licht zeigte.

Ich bin außerdem ein „Verschickungskind“, eines der Kinder, denen in den 60er und 70er Jahren mehrwöchige Kuraufenthalte zur Stärkung und Förderung ihrer Gesundheit verordnet wurden.
Das Ausmaß der Demütigungen und Misshandlungen, denen die Verschickungskinder in diesen Kurheimen ausgesetzt waren, wird erst jetzt allmählich aufgedeckt (mehr Informationen dazu hier, hier und hier).
Ich selbst habe so gut wie keine Erinnerungen daran – ich war noch zu klein.

In solchen Fällen wird dazu geraten, Angehörige zu fragen, die damals bereits erwachsen waren, die sich erinnern können: Was geschehen ist, was sie beobachtet, vielleicht auch nur gemutmaßt haben …
Aber solche Menschen gibt es in meinem Falle nicht. Da ist niemand, den ich fragen könnte.

Kein Wunder also, dass Gesprächs- und Verhaltenstherapien mir nur begrenzt haben helfen können: Wie hätte ich über Dinge sprechen sollen, von denen ich entweder nicht wusste, dass sie bedeutsam sein könnten (siehe Dissoziation), oder an die ich mich gar nicht erst erinnere?

Ein Online-Kurs, über den ich mehr oder weniger zufällig stolpere (es gibt Momente, da mag ich nicht an Zufälle glauben – aber dazu ein andermal mehr), scheint mir hier eine gute Lösung zu sein, verspricht er doch, Erkenntnisse und Techniken zu vermitteln, die es möglich machen, mit Trauma zu leben, ohne dieses konkret zu thematisieren.

Näher werde ich einer Traumatherapie in der nächsten Zeit nicht kommen: Das Leben im Süden hat viele Vorteile, aber eine hohe Dichte psychotherapeutischer Angebote gehört nicht dazu.
Und wie gesagt: Eine Gesprächstherapie findet ihre natürliche Grenze dort, wo es nichts zu sagen gibt.

Nach den … sagen wir … bemerkenswerten Erfahrungen mit dem letzten (allerdings vorgeblich kostenlosen) Online-Angebot, schaue ich mir den Kurs gründlich an: Die Bedingungen scheinen mir seriös, der Preis angemessen und in diesem Falle gefällt mir auch die Dozentin: Sie erinnert mich sowohl an meine Therapeutin, als auch an meine Yoga-Lehrerin. Beste Voraussetzungen!

Und tatsächlich finde ich an den ersten Lektionen nichts auszusetzen, sie sind informativ und durchaus hilfreich.
So hatte ich mir das vorgestellt: Ich arbeite diese Lektionen durch und am Ende komme ich – ganz flauschig! – mit mir, meiner Familien- und Vorgeschichte, mit all dem Unaussprechlichen, Undenkbaren, der ganzen psychischen Sonderausstattung, einfach besser klar.
Mit der Betonung auf einfach.

Stattdessen schaltet sich mein Gehirn ein.
„Wir machen Traumatherapie? Da simmer dabei! Dat is pri-hi-ma!“*
* Ich kann nicht leugnen, in Sichtweite des Kölner Doms aufgewachsen zu sein …
Und wenn der Kurs noch so sorgsam darauf angelegt ist, nicht zu triggern, mein Gehirn fördert unermüdlich Erinnerungen zu Tage, richtet Scheinwerfer aus, um diese ganz neu zu beleuchten, und kreiert nächtens symbolträchtige Träume.

Zunehmend habe ich den Eindruck, mit der Entscheidung, dieses Thema endlich in Angriff zu nehmen, hab ich es Goethes Zauberlehrling gleichgetan: Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los!
Sehr im Gegensatz zu den rennenden Besen, die der Zauberlehrling nicht mehr zu stoppen vermag, kann ich meine Online-Lektionen allerdings dosieren, das Tempo rausnehmen.

Was sagt eine Schnecke, die auf dem Rücken einer Schildkröte sitzt?
„Huiiiiiiiiiii!“ …

Mir wird klar, dass ich Hilfe benötigen werde … im richtigen Leben!

Und so wende ich mich an die „weisen Frauen“: Die Hebamme eines der Nachbardörfer, die außerdem Psychotherapeutin ist (das gefällt mir sehr: Sie hilft – so oder so – Menschen auf die Welt!) und meine Yoga-Lehrerin. Diese beiden, so hoffe ich, werden mich darin unterstützen, die Wogen, welche mein Selbstversuch in seelischer und körperlicher Hinsicht auslöst, wieder zu glätten.

Psychische Phänomene verstehen mit Douglas Adams: Dissoziation

Douglas Adams (* 11. März 1952, † 11. Mai 2001) hat der Nachwelt neben etlichen wunderbaren Zitaten, wie zum Beispiel Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau herausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch etwas noch Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. – Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist.“ mit „42“ auch die finale Antwort auf alle – ja wirklich alle! – Fragen hinterlassen.

Einer meiner persönlichen Favoriten ist, wie kürzlich erwähnt, das PAL:
„Das PAL-Feld (Problem-anderer-Leute-Feld, engl. Somebody Else’s Problem (SEP)-field) dient zur Tarnung von Raumschiffen oder Ähnlichem. Es ist viel einfacher und wirkungsvoller als ein normales Unsichtbarkeitsfeld (und kann obendrein über hundert Jahre lang mit einer einfachen Taschenlampen-Batterie betrieben werden).
Seine Funktion beruht auf der angeborenen Neigung der Leute, nicht zu sehen, was sie nicht sehen wollen, nicht erwartet haben oder nicht erklären können. Sie erklären es einfach zum Problem anderer Leute und nehmen es deshalb schlicht nicht wahr.“
(Quelle: Wikipedia)

Was das mit Aglaia und mir zu tun hat?
Traumata, habe ich gelernt (und mich sehr zu begreifen bemüht) gehen mit einem Phänomen namens Dissoziation einher. Dissoziation ist das Gegenteil von Assoziation. Assoziation verknüpft Dinge miteinander, Dissoziation trennt sie. In traumatischen Situationen werden Emotionen, die das Individuum zu überwältigen drohen, abgespalten, um das Überleben zu gewährleisten. Die betreffenden Emotionen verschwinden zwar nicht, werden aber nicht mehr wahrgenommen, sind nicht mehr erreichbar.
So weit, so klar.

Nur ging es mir mit meinen Erkenntnissen zur Dissoziation genau wie mit denen aus dem Mathematik-Nachhilfeunterricht in der Oberstufe: Soeben erklärt, erschien noch alles logisch und einen Moment später … PUFF! … weg …
Ganz ähnlich verhielt es sich mit der Lektüre bezüglich schwarzer Pädagogik (mehr dazu hier) – es war, als würde mein Gehirn höflich, aber entschieden „nein, danke!“ sagen …

„Danke, wir sterben nicht!“ – das ist jetzt, sofern ich mich recht erinnere, nicht aus „Hitchhiker’s guide to galaxy“, sondern aus „Kentucky fried movie“ oder von Monty Python …
Aber danke: Ich dissoziiere nicht!
Und wenn es noch so naheliegend ist, wenn noch so viele Indizien dafür sprechen: Ich fühl das nicht! Für mein Empfinden empfinde ich vollkommen normal.

Andererseits weiß ich das schon seit vielen Jahren: Lange bevor von Depression auch nur die Rede war, habe ich in einer sehr belastenden Situation festgestellt „In mir ist so viel Weinen – wenn ich damit einmal anfange, kann ich nie wieder aufhören.“.
Und trotz all meiner Bemühungen hat dieses ganze Weinen sich einen Weg gesucht, mich immer wieder unverhofft von der Seite angesprungen (Heulsuse). Irgendwann hab ich sogar dann zu weinen begonnen, wenn ich eigentlich gelacht hab.

Dann sind da diese Kindheitserinnerungen, die neuerdings ganz plötzlich hochpoppen.
Nichts, was tatsächlich gänzlich neu wäre … ich kenn die alle.
Aber zum ersten Mal fällt mir auf, dass keine Emotion damit verbunden ist. Ich sehe dieses Kind und denke mir „Oje, dieses Kind muss völlig überfordert gewesen sein! Bestimmt hat es Angst gehabt, hat sich alleingelassen gefühlt! Vielleicht war es auch wütend …“
Fühlen kann ich nichts davon – vermutlich würde ich angesichts eines fremden Kindes in ähnlicher Situation mehr (Mit)gefühl aufbringen …

Ich habe keine Ahnung, wann genau ich „per Anhalter durch die Galaxis“ zum ersten Mal gelesen habe – es dürfte eher 40 als 30 Jahre her sein. Seitdem begleiten mich vogonische Dichtkunst, Raumschiffe, die am Himmel hängen, wie Ziegelsteine es nicht tun, sowie pangalaktische Donnergurgler.
Das mag der Grund sein, warum ein PAL-Feld, unter welchem die Emotionen meiner Kindheit vor mir verborgen liegen, für mich (be)greifbarer ist, als ein psychologisches Phänomen und sei es noch so gut dokumentiert.

Und das ist okay so.

Nachträge

29. September 2020

Heute war es soweit: Der Termin in der Universitätsklinik in Montpellier, Abteilung für seltene Erkrankungen!
Auf den ich seit einem halben Jahr gewartet habe.
Ich hatte bis zum Schluss Sorge, dass er wegen der Pandemie abgesagt wird.

Angst hatte ich auch: Dass ich ohne Begleitung kommen muss, mich nicht zurechtfinde, Verständigungsprobleme habe, Panik bekomme und zusammenbreche …
Die Aufnahmeformalitäten musste ich tatsächlich alleine über die Bühne bringen, davor hatte ich mich ganz besonders gefürchtet. Aber ich hab’s hingekriegt und mich auch anschließend nicht verlaufen.

Ich wusste gar nicht, wovor ich außerdem mehr Angst haben sollte: Ein weiteres Mal schulterzuckend ohne Befund weggeschickt zu werden, oder eine Diagnose mit den bedauernden Worten „da können wir nichts machen“ zu bekommen …
Und gleichzeitig hab ich mir so einen TADAAAAH!!! Moment vorgestellt, in dem ich endlich erfahre, was mir eigentlich fehlt.

Aber nichts dergleichen.
Ich werde demnächst stationär aufgenommen, um noch ein paar Untersuchungen zu machen.
Allein in Montpellier.
Immerhin geht’s jetzt mal weiter!

03. November 2020

Zurück vom HOUSEflug nach Montpellier.

Die Klinik wird gerade umgebaut und im Laufe des Tages habe ich mitbekommen, dass selbst die MitarbeiterInnen Schwierigkeiten haben, sich in dem Gebäude noch zurechtzufinden – man steht plötzlich in Fluren voller abgedeckter Möbel, leeren Gängen mit nackten Betonwänden … oder gleich ganz auf dem Hof.

Ich hab eine gute halbe Stunde gebraucht, um mich zum Hôpital de jour durchzufragen.
Und bei der anschließenden Blutdruckmessung gleich mal den Alarm aktiviert.
Bis auf weiteres ist mein Pipi radioaktiv und ich habe eine blutige Unterlippe.
Letztere hatte durchaus Unterhaltungswert:
Um der Ärztin – links neben dem Bett – einen guten Blick auf das mit einem Skalpell zu biopsierende Gewebe zu gewähren, sollte ich an der ihr zugewandten Bettkante liegen, was dazu führte, dass die Schwester rechts neben dem Bett sich quasi zu mir legen musste, um mit beiden Händen meine Unterlippe nach außen zu stülpen.

Mit dergestalt fixierter Unterlippe auch nur die Frage „ça va?“ zu beantworten, ist schwierig bis unmöglich.
Iffifil e pa rir“ (c’est difficile de ne pas rire) scheint dennoch angekommen zu sein: Bei der Vorstellung, wie unser Anblick wohl gewirkt haben mag, bin ich fast geplatzt vor Lachen.

Unter Strom gesetzt und mit Nadeln gepiekt hat man mich auch.
Jetzt bin ich gespannt auf die Ergebnisse.

22. Januar 2021

Ich hab ja gedacht, noch schlimmer als mit der verzweifelten Suche nach der Tagesklinik könne es mich in Montpellier kaum erwischen, aber diesmal ist meine größte Angst wahr geworden: Ich musste unbegleitet zum Gespräch antreten.

Auf meinen schüchternen Einwand hin, mein Französisch sei nicht sonderlich gut, meinte der freundliche Herr im weißen Kittel, das sei nicht schlimm. Seines auch nicht!
Voller Hoffnung, seine Muttersprache sei Englisch oder womöglich Deutsch, hab ich gefragt, was er denn sonst noch spreche …
Okzitanisch.

Prima, hab ich gesagt, da kann ich drei Worte! In Wirklichkeit ist es nur eines …
Dem Sekretariat, welches meldete, meine Begleitung sei nun da, teilte er mit, die werde nicht benötigt, er spreche sehr gut Deutsch.
Tat. Er. Nicht.

Er interessierte sich auch gar nicht für meine Schmerzen, sondern umso mehr für mein Verhältnis zu meinen Eltern, was mich zunächst sehr gewundert hat, glaubte ich doch, einen Termin beim Schmerzspezialisten zu haben. Tatsächlich saß ich dem Neurologen gegenüber.

Davon einmal abgesehen, war es ein wirklich gutes Gespräch!
Ich meine das absolut ernst: Ich hab lachen müssen, als ich mir vorgestellt habe, dass mein einziger Beitrag zu einem Gespräch auf Okzitanisch „Seidenraupe!“ lauten würde, hab mich über die Absurdität der ganzen Situation amüsiert und darüber meine Angst vergessen.

Er hat ruhig und langsam gesprochen und sich regelmäßig versichert, dass ich ihn wirklich verstehe. Für meine radebrechenden und gestikulierenden Bemühungen, ihm zu antworten, hat er viel Geduld aufgebracht.

Um mir schließlich zu erklären, dass ich zum Einen an Fibromyalgie leide, zum Anderen an einem ererbten Leiden aus meiner Kindheit und einer komplexen Abstammung (souffrance hérité de l’enfance et de parent complexe) sowie einer reaktiven Depression.

Fibromyalgie sagte mir was: Das war der erste Treffer, den ich ergoogelt habe, als ich meine Symptome eingegeben habe.

Was nicht bedeutet, dass ich genial und alle beteiligten ÄrztInnen unfähig wäre(n): Es handelt sich um eine Ausschlussdiagnose – wenn es drölfzig andere Erkrankungen definitiv nicht sind, dann ist es diese.
Oder anders und gallig formuliert: Wenn einem sonst nix mehr einfällt, ist es Fibromyalgie.

Das ererbte Leiden aus der Kindheit habe ich mir mit ererbtem Trauma / Bindungstrauma übersetzt.
Was die reaktive Depression betrifft, hat er sehr gezielt nach einem Ereignis vor einer ganz bestimmten Anzahl von Jahren gefragt: Und tatsächlich war da was.
Soweit ich verstanden habe, ist mir zu diesem Zeitpunkt etwas ähnliches passiert, wie eine Impfung, die aufgefrischt wird. Wenn ich das als „Retraumatisierung“ lese, dann passt das.
Ich frage mich, wie das Gespräch verlaufen wäre, wenn der Arzt nicht sozusagen offene Türen eingerannt hätte. Wenn all das neu für mich gewesen wäre.
Vermutlich hätte es mich umgehauen.

Umgehauen haben mich dann zunächst einmal die verordneten Medikamente.
Der Arzt hatte die ganze Zeit von „Gouttes“ (Tropfen) gesprochen … für mich klang das nach einem homöopatischen Mittel, obwohl mich schon überrascht hat, dass dergleichen an Universitätskliniken verordnet wird …

Homéopathie très forte“ meinte der Apotheker und war sichtlich erheitert: Hinter den Gouttes verbargen sich Benzodiazepine.

„Forte“ war die Wirkung tatsächlich: Nach einigen grenzkomatösen, ansonsten aber wenig hilfreichen Wochen hab ich die blauen Tropfen mit Pfirsichgeschmack wieder abgesetzt.

Antidepressiva zu nehmen, habe ich lange Zeit überhaupt nicht eingesehen, hatte ich doch mein ganzes Leben umgekrempelt, um keine mehr nehmen zu müssen.
Mittlerweile muss ich einräumen, dass es auch hochwirksame Schmerzmittel sind.
Oder besser: Ich kann es jetzt einräumen.
Weil es jetzt nicht mehr wie „keine Ahnung, was mit ihnen los ist, versuchen sie’s doch mal mit Antidepressiva!“ klingt.

In Kombination mit ein paar weiteren Präparaten geht es mir im Großen und Ganzen prächtig.

29. September 2021

Wir waren mal wieder in Montpellier …
Den Spezialisten für seltene Erkrankungen werde ich nicht wiedersehen: Ich hab keine.
Für eine Autoimmunerkrankung spricht auch nix.

Abgesehen von ein paar Phänomenen, wie zum Beispiel meinem immensen Verbrauch an Vitamin B12 und L-Carnitin, die sich niemand erklären kann, alles tippi toppi.

Damit bleibt es dann wohl bei Fibromyalgie

Fun fact: Meine Blutwerte sprechen dafür, dass ich mich tatsächlich sehr ausgewogen ernähre.

Aglaia

Ich habe mich entschieden, meinem Trauma einen Namen zu geben.
Also … nicht dem Trauma selbst – jedenfalls nicht nur – sondern der Summe der Phänomene, die damit einhergehen.
Schließlich leben wir zusammen.

Die Idee kam mir ganz spontan. Dicht gefolgt vom Namen selbst.
In der Erwartung, meine Intuition sei da zweifellos nach dem Motto „nomen est omen“ verfahren und habe mir die Schutzheilige der Angeschlagenen oder Ähnliches zugeflüstert, habe ich dessen Bedeutung sogleich nachgeschlagen:
Altgriechisch und Mythologie klang schonmal nicht schlecht …
Aglaia kommt von aglaós (glänzend, prächtig) und ist die Göttin der Anmut. Sie gehört neben Thalia und Euphrosyne zu den drei Grazien.
Was mich vermuten lässt, dass meine Intuition zwar kein Latein versteht, dafür aber ein großes Faible für Ironie hat.

Wozu überhaupt ein Name?
Neulich las ich, es sei wichtig, die diversen Reaktionen von Menschen auf Traumata nicht ausschließlich als behandlungsbedürftige Störungen anzusehen, sondern sich bewusst zu machen, dass es sich dabei um Mechanismen handelt, die ein Weiter- bzw. Überleben ermöglicht haben.
Wenn ich versuche, meine Depression, die Ängste, den Rattenschwanz an unerklärlichen körperlichen Symptomen einmal nicht nur als etwas wahrzunehmen, das es zu bekämpfen, auszumerzen, oder doch wenigstens zu lindern gilt, sondern als schützende Macht, die mich in der Vergangenheit vor einer existenziellen Bedrohung bewahrt hat, dann tun meine Schmerzen davon natürlich keinen Fatz weniger weh. Und an einem schlechten Tag hat mein Gang in etwa die Anmut eines Nilpferdes im Tütü – Göttin hin oder her.
Aber es macht einen Unterschied, ob ich eine Gefängnismauer sehe, oder einen Schutzwall, der – so hoffe ich! – allmählich nicht mehr benötigt wird und Stück für Stück abgebaut werden kann.


Mein Schutzwall bekommt Risse, durch die ich in die Vergangenheit schauen kann.
Das ist in meinem Falle sehr viel weniger spektakulär, als man meinen könnte: Da kommen keine lange verdrängten Erinnerungen ans Licht. Stattdessen kann ich hin und wieder Dinge, von denen ich schon immer wusste, ganz plötzlich als das erkennen, was sie sind. Und schon immer waren.
Das ist ein bisschen so, wie wenn man weiß, dass im Flur ein Paar Schuhe steht. Ein Paar genau gleicher Schuhe. Ganz genau gleich. Und plötzlich guckt man hin und … das sind zwei Rechte!
Kein Wunder, dass man in denen nie vernünftig gehen konnte!
Das ist kein bisschen spektakulär: Ein Paar oller Schuhe, die schon immer da gestanden haben.
Und dann wieder doch: Wie hat man jahrelang, ein Leben lang nicht bemerken können, dass es nicht an den eigenen Füßen liegt, wenn man darin nur schmerzhaft hinken kann?
Das ist befreiend und zutiefst erschütternd zugleich.

Eine kluge Frau – bemerkenswerterweise Psychotherapeutin und Hebamme in einer Person – hat mir auf die Frage, warum um alles in der Welt ich jahrzehntelang nicht begriffen habe, was schon immer offen vor meinen Augen lag, schon vor geraumer Zeit geantwortet, es handele sich dabei um einen Schutzmechanismus: Wir sind erst dann in der Lage, bestimmte Dinge zu erkennen, wenn wir die Erkenntnis auch ertragen können.

Demnach ist ein solcher psychischer Schutzwall keine Betonmauer, sondern kann Filter, Membran, Fenster sein
(oder Gummizelle. Entschuldigung! Der musste raus …).
Ein Medium, mit dem ich arbeiten kann.

Und dennoch gleichzeitig eine Vorrichtung, die mich vor einem Übermaß an Erkenntnis zu schützen bemüht ist.
Anders jedenfalls kann ich mir kaum erklären, warum ausgerechnet jetzt, wo ich endlich das Gefühl habe, da löst sich was, es geht voran! – die Schmerzen, die ich schon medikamentös gebändigt sah, mit Macht zurückgekehrt sind.
Eine solche Zusammenarbeit bedarf – bis sie mal ohne Verwerfungen läuft – ganz offensichtlich der Übung.
Wenn wir jetzt also nicht nur Wohngemeinschaft, sondern auch Arbeitskolleginnen sind, ein Team werden wollen, sollten wir einander beim Namen nennen.

Welcome Aglaia!