„Du kriegst das, wenn es Dir in den Kram passt!“

IMG_11653-b-web

Autsch! Das saß …

Neben den üblichen Auslösern kann es natürlich auch schlichte Aufregung sein, die mich plötzlich bibbern und nach Luft schnappen läßt.
Bei Meinungsverschiedenheiten zum Beispiel, wenn ich mich mißverstanden, geringschätzt, ungerecht behandelt fühle.

Was – zugegeben – schnell gehen kann.

Wenn mir eine Stunde vor der Party, auf die ich mich seit Tagen gefreut habe, klar wird, dass da viele Menschen in einem Raum sein werden. Richtig viele. Dass da Musik laufen wird und zwar LAUT.
Wenn mir also eine Stunde vorher klar wird, dass ich es wieder mal nicht schaffen werde.
Wenn das mal wieder soweit ist, dann ziehen
„Reißdichmalzusammenversuchswenigstensdubistunzuverlässigundversaustallendenabend“ Diskussionen mir ratzfatz den Boden unter den Füßen weg.

Es geht mir nicht darum, in solchen Momenten meinen Willen durchzusetzen!
Ich will das doch gar nicht!

Natürlich ist es schwierig, mit einem zitternden und weinenden Bündel Diskussionen zu führen. Nein, es ist unmöglich. Man muß mindestens warten, bis das Bündel sich beruhigt hat, besser noch trösten und es dann gaaanz vorsichtig nochmal versuchen.

Dass man das unfair und manipulativ finden mag, leuchtet ein.

Aber mal ehrlich: Ich kann mich artikulieren. In guten Momenten bin ich geradewegs eloquent. Ich kann argumentieren. Und ich lass mir die Butter nicht vom Brot nehmen.

Ich habe es überhaupt nicht nötig, eine tränenreiche Show zu inszenieren, um meinen Willen durchzusetzen!

Und ich hasse es, wenn ich merke, wie mein Brustkorb enger wird, wie meine Hände Halt suchen bevor das Zittern beginnt.

Ganz ehrlich: In solchen Momenten wünsche ich mir Diskussionen, Wortgefechte, wegen meiner zünftige Kräche!

Aber nicht diesen erbärmlichen Zustand.

Und vor allem würde ich lieber einfach auf Parties gehen!

Advertisements

Aus Tugend Not machen

Was ich einmal angefangen habe, ziehe ich auch durch!

An sich eine löbliche Einstellung, die mich – weil mir das mit dem Durchziehen echt ernst ist! – allerdings mehr als einmal daran gehindert hat, Fehlentscheidungen zu korrigieren.

Nach dem Abitur eine kaufmännische Ausbildung zu beginnen, schien vernünftig: versprach sie (damals) doch ein gutes Einkommen und einen sicheren Arbeitsplatz.
Ich hatte durchaus andere Ideen, wollte aber vernünftig sein und das Richtige tun.
Die Ausbildung zu beenden, obwohl nach allerkürzester Zeit klar war, dass das – sagen wir – nicht so ganz das Richtige für mich war, war sicher kein gravierender Fehler. Schadt ja nicht, sowas in der Tasche zu haben.

Im Anschluß daran zwar zu studieren, mich aber ausgerechnet für BWL zu entscheiden, war ganz deutlich einer: Es fehlte mir definitiv sowohl an Talent als auch an Neigung. Aber es schien wiederum vernünftig …
Und selbstverständlich habe ich auch das zuende gebracht.

Insgesamt habe ich ca. 20 Jahre lang nach Kräften versucht, eine gute Angestellte zu sein, die das Beste aus ihrer Qualifikation macht. Und mich dabei allmählich vollkommen aufgerieben.

IMG_6065-q-webAnfangs hatte ich nur Schwierigkeiten in besonders stressigen Phasen, oder wenn es Konflikte gab.
Später kamen mir schon während der Fahrt zur Arbeit regelmäßig die Tränen und ich mußte mich in der Tiefgarage erst einmal sammeln, bevor ich den Weg an meinen Schreibtisch in Angriff nehmen konnte.
Irgendwann nach dem Jahrtausendwechsel saß ich morgens da, hatte es zwar geschafft, meine Mails zu lesen, war aber nicht in der Lage, zum Telefon zu greifen und einen Rückruf zu machen. Oder sonst etwas zu beginnen.
Da bin ich dann nach Hause gegangen.

Aufgegeben habe ich deswegen noch lange nicht: Ich hab noch gute drei Jahre (anderthalb davon war ich arbeitsunfähig) gezappelt und gekämpft, bevor ich resigniert und gekündigt habe.

Ein Glückskind unter den Angstneurotikern

Häufig gehen Depressionen mit Ängsten einher.

Obwohl eine Freundin das einmal vollkommen anders und gleichwohl ganz unnachahmlich in Worte gefasst hat: „Ich habe vor gar nichts Angst. Ich stehe einfach nicht auf!“ …

IMG_12115-q-webObwohl es ungefähr 15 Jahre her ist, kann ich mich noch genau an meine erste Panikattacke erinnern. Ich stand (es war garantiert ein Freitagnachmittag) in der Warteschlange bei real und dachte mir „Du bist keine Asthmatikerin. Und das ist auch kein Herzinfarkt, der würde wehtun. Das muß eine Panikattacke sein …“.

Diese spontane Einsicht hat mir die Odyssee etlicher meiner Leidensgenossinnen und -genossen erspart, die verzweifelt von Arzt zu Arzt ziehen, immer auf der Suche nach dem, der endlich ihre körperliche Erkrankung diagnostiziert. Sie hat mir auch geholfen, in solchen Momenten nicht auch noch um mein Leben zu fürchten: Ich bin voller Vertrauen, dass ich nicht ersticken werde und mein Herz zuverlässig (wenn auch gerade extrem eilig) weiterschlagen wird.

Sonderlich angenehm ist die ganze Sache dennoch nicht: Pulsfrequenz und Blutdruck schnellen innerhalb von Sekundenbruchteilen in erstaunliche Höhen. Man beginnt zu zittern und bekommt kaum noch Luft. Oder zuviel davon, weil man das Ausatmen vergisst. Ehe man sich’s versieht, bricht man in Tränen aus, was zwar harmlos, aber auch irgendwie doof ist. Oder friert fest, was einen obendrein noch daran hindert, sich aus der Situation rauszuretten. Schluß ist mit „den Anschein wahren“.

Panikattacken behindern.

Bei vielen Menschen mit Angststörung sind es dieselben Situationen, die die Attacken auslösen: Supermärkte und öffentliche Verkehrsmittel, vollkommen alltägliche Ereignisse also, liegen ganz weit vorne. Dicht gefolgt von Menschenmengen. Zumal in geschlossenen Räumen. Wenn es ganz dicke kommt, erfüllt schon der Geburtstagskaffee im Familienkreis die nötigen Voraussetzungen. Natürlich hab ich am Kaffeetisch nicht „oh, jetzt hab ich aber Angst!“ gedacht – ich musste einfach nur SOFORT an die frische Luft. Und ich hab auch nie befürchtet, dass mir beim Einkaufen was zustößt. Ich hab bloß angefangen zu bibbern und zu japsen.

Ich erinnere mich lebhaft an einen sehr netten türkischen Supermarkt, in dem orientalische Musik lief, die ich gerne höre. Es war nicht einmal voll. Und ich mittendrin: Am Einkaufswagen festgeklammert, „ich muss hier raus, ich muss hier raus“ murmelnd und unfähig, mich zu bewegen.

Man kriegt die einfachsten Dinge nicht mehr hin.

Mir schien es nach mehreren Jahrzehnten Fahrpraxis nicht mehr möglich, bei Autobahnfahrten Position und Geschwindigkeit der anderen Fahrer einzuschätzen. Ich hab mir nicht mehr zugetraut, da mitzutun und bin nur noch – äußerst vorsichtig! – in der Stadt herumgefahren.

Aber es gab ja auch nicht mehr sooo viele Orte, zu denen ich noch hin gewollt hätte.

Es dauert nicht lange, bis schon die Angst vor der nächsten Attacke die ersten Symptome auslöst. Und es ist so verdammt verführerisch, einfach die Auslöser zu meiden.

IMG_7577-q-webVolksfeste und Multiplexe sind problemlos verzichtbar, keine Frage. Man muß auch nicht unbedingt in großen Supermärkten einkaufen. Der kleine fußläufige Laden um die Ecke kann sicher Unterstützung brauchen. Konzert und Theater werden stark überschätzt und daheim schmeckt’s eh besser, als im Restaurant. Die Stulle am Schreibtisch ist auch viel geruhsamer als das Mittagessen in der Firmenkantine. Und Treppensteigen ist gesünder als Aufzugfahren. Das mit Tantchens 80stem Geburtstag war dann schon blöd, aber das kann halt passieren, dass man mal krank wird. Der Radius wird immer kleiner und kleiner.

Wer bis dahin noch keine Depressionen hatte, bekommt sie vermutlich spätestens dann …

Wie fühlt sich „depressiv sein“ an?

IMG_11134-h-webJeder Mensch fühlt sich manchmal deprimiert, niedergeschlagen oder trauert. Meistens weiß man dann aber, warum.

Eine Depression dagegen kommt ohne Grund. Es kann Ereignisse geben, die sie auslösen, aber notwendig ist das nicht. Mir passiert es, dass ich morgens aufwache und merke, „es ist wieder soweit“.

Das fühlt sich für mich dann nicht traurig, sondern vielmehr hohl und leer an. Grau. Still. Einsam. Es gibt nichts, das jetzt trösten oder gar helfen könnte. Absoluter Stillstand.

Wenn man traurig ist, hilft weinen: Es erleichtert. Während einer Depression weine ich am ehesten, wenn ich in Kontakt zu meiner Umwelt treten (mich krank melden oder einen Termin absagen) muss. Oder wenn ich merke, dass ich mich nicht verständlich machen kann. Ich weine dann aus Überforderung und Verzweiflung und es erleichtert mich kein bißchen.

Die Begleiterscheinungen ähneln sich allerdings.

IMG_11418-kl-webWer trauert, hat das Gefühl, nie wieder über etwas lachen, oder sich über etwas aufregen zu können. Man kann sich nicht zu alltäglichen Aktivitäten aufraffen, weil sie so unwichtig und belanglos erscheinen. Bei einer Depression ist das genauso, nur dass an Stelle der Trauer nichts ist.

Richtig klar geworden ist mir der Unterschied zwischen Trauer und Depression, als meine Mutter im Sterben lag.

Zunächst hatte ich beschlossen, meine Medikamente auf die Maximaldosis zu erhöhen um mich so möglichst stabil durch diese schwere Zeit zu manövrieren.

Aber ich habe schnell gemerkt, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat. Trauer mag scharf und schmerzhaft sein, sie mag einen schier zerreißen, aber sie ist letztlich ein hilfreiches Gefühl. Trauer braucht ihre Zeit, aber sie ist ein Prozess. Depression ist ein Zustand.