Das Yoga Projekt V

Wagnis Workshop

Wer sich erinnert, mit welchen Ängsten und Nöten ich vor knapp zwei Jahren zu meiner ersten Yogastunde aufgebrochen bin, kann vielleicht ermessen, was für ein Abenteuer ein ganzes Yoga-Seminar war.
Fünf Tage lang, jeweils vier Stunden, in französischer Sprache.

Okay, es fand an vertrautem Ort und mit der vertrauten Trainerin statt, aber natürlich mit sehr viel mehr TeilnehmerInnen als der normale Kurs. Ich kann nicht gut mit vielen Menschen in einem Raum sein. Das fällt mir manchmal schon mit solchen Menschen schwer, die ich kenne, und hier war klar, dass die meisten mir fremd sein würden. Sein und wohl auch bleiben: Mein Französisch ist mittlerweile zwar gut genug, um Nathalies Anweisungen zu folgen (bzw. nachzufragen, wenn ich nicht mehr folgen kann), aber für die Sorte Smalltalk, die hier von Nöten wäre, um rasch ein paar Worte von Yogamatte zu Yogamatte zu wechseln, reicht es nicht ansatzweise. Zumal ich dazu auch in meiner Muttersprache nicht recht in der Lage bin – Smalltalk ist mir ein Greuel.

Vier Stunden sind verdammt lang. An schlechten Tagen fällt es mir ja schon schwer, die normale Kursdauer von 90 Minuten durchzuhalten.

Und dann fängt das auch noch um neun Uhr morgens an! Da bin ich normalerweise noch schwer mit der Frage beschäftigt, ob es wohl möglich sei, mich im Bett aufzusetzen! Last not least: Wenn ich etwas Anstrengendes oder Aufregendes erlebt habe, muss ich, auch wenn es etwas Schönes war, damit rechnen, am nächsten Tag auf der Nase zu liegen. Wie ich fünf Tage am Stück durchhalten soll, ist mir ein Rätsel. Und nein: Ich habe keine Ahnung, welcher Teufel mich geritten hat, mich dafür anzumelden!

img_16215-q-web

Am ersten Tag bin ich so frühzeitig da, dass ich sicher sein kann, meine Matte am gewohnten Platz auszurollen. Das kann man albern finden, aber mir gibt es Sicherheit: Hier kann ich Nathalie gut sehen und hören, bin aber nicht so dichtauf, dass es aufdringlich wirken könnte. Ich bin relativ nah an der Tür und vor allen Dingen habe ich eine Wand im Rücken! Die halbe Stunde bis zum Kursbeginn wird anschließend allerdings lang und immer länger: Immer mehr Leute kommen in den Raum, begrüßen einander, gehen umher, suchen sich einen Platz … Das ist alles viel zu viel! Ich lege mich mit geschlossenen Augen auf meine Matte und gebe mir alle Mühe, meine Umgebung auszublenden.

Das Training selbst klappt prima. Jedenfalls bis zu dem Moment, als wir uns zu Paaren zusammentun sollen: Ich liege genau in der Mitte der Reihe mit der ungeraden TeilnehmerInnenzahl und „bleibe übrig“. Vielleicht war ich auch einfach zu defensiv. Jedenfalls liegt es nicht daran, dass niemand mit mir üben will – daran bemühe ich mich, ganz fest zu denken. Außerdem bleibe ich nicht allein: Nathalies Co-Trainerin gesellt sich zu mir und ich soll in Fetus-Haltung gegen ihre Hände atmen. Kein Problem – diese Art körperlicher Nähe bin ich vom Tanzen gewohnt und sie macht mir nichts aus. Allerdings haben wir so ein bisschen später angefangen als die anderen und während ich mit der Stirn auf dem Boden auf den Knien liege und jemand hinter mir hockt, die Hände auf meinem Rücken, entsteht im Raum plötzlich Unruhe, Bewegung, Gespräche werden begonnen. Und ich kauere auf dem Boden. Ich seh nicht, was um mich herum, ja, über mir passiert! Das ist zu viel! Ich fahre hoch, schnappe nach Luft, die Tränen kommen. Immerhin gelingt es mir, meiner bestürzten Trainingspartnerin – auf Französisch! – zu sagen, dass ich eine Panikattacke habe. Sie reagiert gelassen und kurz darauf üben wir auch schon weiter. Später wird Nathalie erklären, dass es ganz normal ist, wenn beim Yoga Emotionen „hochkommen“: Trauer, Wut, Heiterkeit, Angst. Das hilft mir, meine Reaktion weniger peinlich zu finden.
Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden mit meinem ersten Tag. Und verschlafe den kompletten Nachmittag.

Ein Teil der Übungen wird täglich wiederholt: Die Demi-Pont zum Beispiel, bei der ich mich fast umbringe, weil mir schlicht die Kraft fehlt. Alle anderen, Senioren und Übergewichtige inklusive, so kommt es mir jedenfalls vor, halten die ganz problemlos. Nur ich renne auf den letzten Reserven, um, nachdem ich gerade erst den Rücken durchgebogen habe, wenigstens Wirbel für Wirbel wieder abzurollen und nicht einfach wie ein nasser Sack auf meine Matte zu klatschen.
Und ausgerechnet diejenige Torsion, die mir, als ich sie vor einiger Zeit zum ersten Mal versucht habe, zu einer Panikattacke verholfen hat … Das wiederholt sich glücklicherweise nicht, aber ein paar Tränchen fließen schon. Ich beschließe, sie fürderhin die „tränenreiche Torsion“ zu nennen.
Als für eine weitere Übung erneut Paare gebildet werden sollen, gelingt mir dieses Kunststück. Und dann gleich noch eines: es handelt sich um eine isolierte Bewegung des Brustkorbes, die durchaus tricky, nach zehn Jahren orientalischen Tanzes aber echt kein Problem ist. Ich bin total stolz auf mich!
Ich fühle mich wohl. Muss nicht mehr alles um mich herum ausblenden, sondern kann die Atmosphäre wahrnehmen: Sie ist entspannt und freundlich.

Am dritten Tag bin ich soweit „angekommen“, dass ich mich in der Pause ins Foyer wage.
Bisher habe ich das vermieden: Es ist zu eng, zu laut und ich habe Angst, dass jemand in bester Absicht ein Gespräch mit mir zu beginnen versucht.
Es wird Tee gereicht. Ich vermute, dass er gratis ist, aber mir ist nicht klar, ob man sich einfach welchen nehmen darf, oder darum bitten muss. Mit ein bisschen Nachdenken reicht mein Französisch, um die entsprechende Frage zu formulieren, aber es würde sehr gestelzt klingen, fürchte ich, und das ist mir unangenehm. Außerdem laufe ich in solchen Momenten immer Gefahr, dass es mir zwar gelingt, eine Frage zu stellen, ich die Antwort aber nicht verstehe.
Und prompt passiert es! Eine Frau mit einem Becher Tee in der Hand schaut mich an und fragt etwas.
Pardon?“
Sie wiederholt die Frage. Ich verstehe kein Wort.
Nachdem ich zwei Stunden lang französischen Anleitungen gefolgt bin, kann ich mich kaum noch konzentrieren. Und: Wenn man weiß, worüber gesprochen wird, kann man Gesprächen in einer Fremdsprache relativ gut folgen. Wenn man aber erst einmal herausfinden muss, was überhaupt das Thema ist, verliert man ratzfatz den Anschluss …
Sie scheint ihren Becher zu heben und vor meinem inneren Auge sehe ich mich erfreut danach greifen, während sie mich lediglich gefragt hat, ob ich wisse, wie spät es ist. Wie peinlich wäre das? Ich bin völlig überfordert.
Tu?“ … Pause … „Vouloir?“ … Pause … „Thé?“
Ob ich Tee möchte! „Du wollen Tee?“ um genau zu sein. Ich lache los. Und komme mir weit weniger blöd vor, als ich befürchtet hätte.
Es wird mir noch häufiger passieren, dass ich im ersten Anlauf nicht verstehe, was jemand zu mir sagt, aber alle sind sehr geduldig, sprechen langsam und deutlich, wiederholen das Gesagte und werden dabei – ganz anders, als man es zum Beispiel den Deutschen nachsagt – auch nicht lauter.
Ich fange an, mich nicht mehr nur als Beobachterin eines netten Seminares zu fühlen, sondern tatsächlich als Teilnehmerin.
Körperlich beginnt die Teilnahme, mir ein wenig schwer zu fallen: Ich habe Schmerzen und bin deutlich steifer als zu Beginn. Meine Laune lasse ich mir davon allerdings nicht vermiesen.

Einen Tag später werden die Schmerzen heftig. Nicht, weil ich Muskelkater hätte, oder die Übungen übertreiben würde … es tut einfach ständig irgendwo etwas weh. Als ich bei der Kerze, die ich bislang immer als sehr angenehm empfunden habe, einen solchen Druck auf dem Brustbein verspüre, dass ich kaum noch atmen kann, bekomme ich einen denkwürdigen Rat: „Dann atme in den Rücken!“. Und tatsächlich: Da ist Platz!
In der Pause breche ich dennoch vollends ein, mir wird schwindelig und ich fühle mich außerordentlich unwohl. Abbrechen möchte ich trotzdem nicht. In der zweiten Hälfte liegt der Schwerpunkt auf Atemübungen – die macht man im Sitzen, dabei werd ich schon nicht umkippen.
Und tatsächlich halte ich – wenn auch mit vielen Pausen – bis zum Ende durch.
Das mag klingen, als würde ich mir zu viel zumuten und vielleicht ist das auch tatsächlich so. Aber Tatsache ist, dass ich immer Schmerzen habe. Auch dann, wenn ich nur versuche, mich mit der linken Hand am rechten Oberarm zu kratzen. Oder flach im Bett liege. Mir wird auch dann schwindelig, wenn ich auf einem Stuhl sitze und mir eigentlich gerade ein Brot schmieren will.
Beim Yoga zu üben, nicht trotz dieser Beschwerden weiterzumachen, sondern mit ihnen; zu erfahren, dass ich atmen und mich entspannen kann und nichts Schlimmes passiert, auch wenn der Schmerz da ist, scheint mir durchaus vernünftig zu sein.

Aber mit 5 Tagen habe ich mich ganz offensichtlich übernommen.
Am letzten Tag weine ich bei der tränenreichen Torsion vor Schmerzen und das, obwohl ich sie nur ansatzweise ausführe. Ich beschließe, mich noch vorsichtiger zu bewegen, als ich das sowieso schon tue. Bei der anschließenden Vorwärtsbeuge im Sitzen, bei der meine Mattennachbarin bäuchlings und augenscheinlich völlig entspannt auf ihren ausgestreckten Beinen liegt, halte ich sofort inne, als mir der Schmerz in den Rücken schießt. Und muss feststellen, dass ich immer noch aufrecht sitze. Ich habe nicht einmal angefangen! Mir schießen die Tränen in die Augen, aber diesmal nicht, weil es wehtut.

Ich gehe nach draußen und heule Rotz und Wasser.
Es ist so unfassbar ungerecht! Ich war so stolz, dass ich mich trotz aller Hürden zu diesem Seminar getraut habe. Es hat mich eine Menge Mut und Überwindung gekostet, aber ich habe es hingekriegt. Nein, ich habe es nicht nur hingekriegt, es hat Spaß gemacht! Und jetzt macht mein Körper mir einen Strich durch die Rechnung! Als ob ich es, verdammt nochmal, nicht auch so schon schwer genug hätte!
Und in diesem Moment wird mir klar, dass ich einen Fehler gemacht habe.
Ich hatte sehr viel Zeit, zu der Erkenntnis zu gelangen, dass meine Depressionen nicht heilbar sind. Und hab dann noch mehr Zeit gebraucht, diesen Umstand auch zu akzeptieren – soweit mir das halt möglich war. Ich lebe mit meiner Erkrankung und das gar nicht mal so schlecht.
Okay, das mit der Makula-Degeneration war jetzt nicht sooo eine gute Nachricht, aber bislang komme ich ganz gut damit zurecht.
„Was soll sein?“, hab ich mir also gedacht, als mit der Borreliose noch eine weitere Erkrankung hinzukam, „Wenn ich sowieso schon dabei bin, nehm‘ ich die in einem Aufwasch mit an!“.
Es war eine ungeheure Erleichterung, eine Diagnose zu haben, aber nachdem es derzeit nicht so aussieht, als sei mit einer kurz- oder auch nur mittelfristigen Linderung der Symptome zu rechnen, muss ich mich mit ganz neuen Beeinträchtigungen arrangieren.
Und dafür sollte und darf ich mir Zeit nehmen. Dazusitzen und zu heulen gehört da durchaus dazu. Das ist okay.

Drinnen kommt Unruhe auf. Vermutlich beginnt die Pause und auf keinen Fall möchte ich weinend vor der Tür angetroffen werden. Nicht einmal auf Deutsch könnte ich in zwei, drei Sätzen erklären, was mit mir los ist – auf Französisch: keine Chance. Besser, ich mogele mich unauffällig in den Raum zurück! Dort jedoch werden soeben wieder Paare gebildet und ich ergreife umgehend die Flucht. Jetzt bloß kein Kontakt zu anderen Menschen! Draußen allerdings packt mich die Wut: Das ist ü!ber!haupt! nicht! einzusehen! Das ist nur Yoga! Ich gehe da jetzt rein, setze mich auf meine Matte, atme und gucke zu!

Kaum habe ich den Raum betreten, spricht meine Mattennachbarin, die ich bisher als äußerst reserviert erlebt habe, mich sehr freundlich an: Gerne könne ich mich ihr und ihrer Trainingspartnerin anschließen! Ich versuche, zu erklären, dass es ganz okay für mich sei, einfach eine Pause zu machen. Aber, nee, gar kein Problem, ich könne ja erst einmal zugucken und dann entscheiden, ob ich es auch versuchen will. Ich wär schon froh, wenn ich die „sitzen – atmen – nicht gleich wieder losheulen – Kombi“ hinkriegen würde, aber diese Zugewandtheit macht mich ganz wehrlos. Ich will nicht rumzicken. Und gucken kann ich ja mal …

Sie leitet die Übung sehr kundig an (später erfahre ich, dass sie selbst Trainerin ist) und ihre Partnerin, die sich augenscheinlich auch nicht völlig problemlos bewegen kann, nimmt die Sache souverän und mit Humor. Ich stimme in ihr Lachen ein. Okay … das traue ich mich auch.
Und die Macht des Yoga ist mit mir: Das kann ich auch! Es ziept ein bisschen, aber es tut nicht weh!

Meine Mattennachbarin kann unmöglich ermessen, was für einen riesigen Gefallen sie mir da getan hat: Sie hat mich in das Seminar zurückgeholt. Dafür bin ich ihr aufrichtig dankbar.
Ich bin aber auch hochzufrieden mit mir selbst.

* Und ich lasse diesen Satz jetzt stehen, auch wenn es schwerfällt! *

Weil ich mal losgelassen habe. Aufgegeben. Hemmungslos geweint. Mir verziehen, dass ich meinen Ansprüchen an mich selbst nicht gerecht werde.
Natürlich auch, weil ich mich getraut habe, anschließend weiterzumachen. Hilfe anzunehmen.

In der Pause muss ich wieder einmal nachfragen, als ich angesprochen werde.
Ob ich einen Keks möchte.
Möchte ich! Den hab ich mir verdient!

Advertisements

Das Yoga Projekt IV

… mit unverhofften Nebenwirkungen …

Ich mag torsions, solche Übungen, bei denen man quasi den Körper verdreht, indem man zum Beispiel auf dem Rücken liegend die angezogenen Beine vorsichtig zur einen Seite Richtung Boden sinken lässt, während man in die entgegengesetzte Richtung schaut. Das zieht zwar manchmal ganz ordentlich, aber ich finde es sehr entspannend und habe das Gefühl, dass es auch meinem Rücken gut tut. Und ich komme mir nicht so schlapp vor, wie bei den Übungen, für die es Kraft braucht.
Heute machen wir eine, die ich noch nicht kenne und ich denke „Wow! Das ist jetzt aber mal richtig angenehm!“. Obwohl ich rücklings auf meiner Matte liege, fühlt die Haltung sich tänzerisch an, offen, dem Himmel zugewandt. Anfangs habe ich ein bisschen Angst, dass es zwicken könnte in den Schultern, aber tatsächlich werde ich mit jedem Atemzug weicher. Ich merke, wie ich zu lächeln beginne.
Am Ende einer solchen torsion wickelt man sich sozusagen Schritt für Schritt wieder auseinander, kehrt in die schlichte Rückenlage zurück und fühlt in sich hinein. Oft habe ich dann das Gefühl, dass ich auf der gedehnten Körperseite größer oder schwerer bin.
Heute fühle ich dort eine Art dicken Strang, der vom Kopf bis in den Fuß reicht. Und sofern ein Gefühl farbig sein kann, ist er pottschwarz. „Schräg!“ denke ich und beschließe, die Erfahrung zuzulassen. Sekunden später laufen die Tränen und ich schnappe nach Luft: Panikattacke!
Keine allzu heftige glücklicherweise, ich bin in erster Linie verdattert, weil ich damit nun überhaupt nicht gerechnet habe. Nathalie nennt mir zwei Atemübungen, die ich machen soll und obwohl ich immer gedacht habe, wenn ich beim Yoga mal aus der Kurve fliege, dann wegen der Atemübungen, komme ich recht schnell wieder zur Ruhe.
Eine Idee, warum mir das passiert ist, habe ich nicht.

img_16215-q-webNathalie hat mir geraten, die Übung, die ich nach der ersten Hälfte abgebrochen habe, zu Hause noch zu beenden. Dazu komme ich am Abend nicht mehr, weswegen ich am Folgetag den kompletten Ablauf wiederhole.
Obwohl ich ein bisschen Muskelkater habe, empfinde ich den ersten Teil, in dem die rechte Körperseite gedehnt wird, erneut als sehr angenehm, es gelingt mir sogar noch besser als gestern, mich zu entspannen.
Aber als ich anschließend in mich hineinfühle, ist der schwarze Strang wieder da und ich breche in Tränen aus. Immerhin bleibt die Panik aus, wenn ich auch keine Ahnung habe, warum ich eigentlich weine.
Links, stelle ich verblüfft fest, bin ich sehr viel unbeweglicher. Dass nicht beide Körperhälften gleich geschmeidig sind, ist zwar normal, aber hier ist der Unterschied extrem und ich bin sehr vorsichtig, damit ich mir nicht womöglich weh tue.
Anschließend fühlt es sich an, als sei ich links in die Länge gezogen worden (wurde ich ja auch!), aber auch hier kann ich den Strang fühlen. Doch er ist hell! Und er beschreibt einen Bogen, der sich über die rechte Seite wölbt. Diese wird aufs Neue schwarz, fühlt sich ganz kompakt an und bildet dann ebenfalls einen Bogen. Am Ende berühren die beiden Bögen sich an den Spitzen. Das scheint mir richtig zu sein und ich beende die Übung voller Staunen über die eigenartige Erfahrung, aber gelassen.

Nathalie erklärt mir, dass wir während der Asanas, der Haltungen oder postures, zuweilen an alte Erinnerungen rühren, die ontogenetischer (die Entwicklung eines Lebewesens von der Keimzelle bis zu seinem Tod) und sogar phylogenetischer (die stammesgeschichtliche Entwicklung der Gesamtheit aller Lebewesen betreffend) Natur sein können.
Deswegen heißen, so sagt sie, die Asanas „Fötus“ oder „Kind“, aber auch „Kobra“, „Frosch“ oder „Schlange“.
Berühren wir eine solche Erinnerung, werden die dazugehörigen Emotionen offenbart und freigesetzt.
Augenscheinlich sei gerade diese Haltung interessant für mich (den Eindruck habe ich allerdings auch!) und wenn es mir möglich sei, solle ich die Tränen nicht zurückhalten, sondern sie ebenso willkommen heißen, wie alles andere, das ich empfinde, mit Aufmerksamkeit und Empathie.
Und dann loslassen …

Zwischen Weinen und Lachen

Die erste Kontrolluntersuchung meiner Augen liegt hinter mir: die Degeneration der Netzhaut schreitet nicht – oder jedenfalls nur sehr langsam – voran. Zukünftig werde ich das alle 6 Monate überprüfen lassen müssen. Und mich auch selbst beobachten: Es kommt vor, dass Blutgefäße in die Netzhaut einwachsen und deren Zustand dramatisch verschlechtern. Das immerhin kann man behandeln. Muss man dann auch. Über die Frage nachzudenken, wie das vonstatten geht, verkneife ich mir so gut es geht: Friemeln die sich dann mit irgendwelchen Gerätschaften um den Augapfel herum??? Ich will’s gar nicht wissen …
Für’s erste jedoch ist alles in Ordnung und ich habe den Klinikbesuch als sehr viel weniger aufregend empfunden, als bei den letzten Malen. Als die Krankenschwester mich auf Englisch anspricht – weil man ja nun weiß, dass ich nicht gut Französisch spreche – bin ich so perplex, dass ich im ersten Moment gar nicht antworten kann, obwohl mein Englisch tatsächlich sehr viel besser ist. Am besten komme ich mit einer der älteren Schwestern zurecht: Ich hab ihr eingangs gesagt, dass ich sie verstehe, wenn sie einfach langsam mit mir spricht. Und tatsächlich klappt das sehr gut.
Beim nächsten Mal, nehme ich mir vor, stecke ich meine Sonnenbrille ein: die Wirkung des Mittels, das für die Untersuchung die Pupillen vergrößert, hält eine ganze Weile an und jedes bisschen Licht blendet. Die Sicht verschwimmt dann auch ein wenig, aber ich bin guter Dinge, mich am anschließenden Einkauf dennoch beteiligen zu können.

Wir brauchen Waschmittel und nachdem ich ein Regal mit großen, bauchigen Kunststoffflaschen in Bonbonfarben geortet habe, bei denen es sich nur um Weichspüler handeln kann, gehe ich ganz zuversichtlich davon aus, dass das Waschmittel dann wohl in der Nähe stehen wird. Es ist jedoch ein Regal mit Sonderangeboten, das einfach freischwebend im Eingangsbereich steht. In der Nähe könnte das Waschmittel trotzdem zu finden sein, denke ich und mache mich auf den Weg. Ich muss dicht an die Regale heran, um erkennen zu können, was sie enthalten: Blumendünger, Batterien, Klebstoff …
Ich bin hier völlig falsch, weiß nicht, in welche Richtung ich mich nun wenden soll und fühle mich einen Moment lang so hilflos, so nutzlos, dass mir die Tränen kommen. Da stehe ich nun und weine auf irgendeine Tiefkühltruhe, die hier (vermutlich weil sie auch im Angebot ist) blöd im Weg herumsteht. So wie ich.

Als ich mich ein wenig gefasst habe, versuche ich mein Glück bei den Lebensmitteln: Gläser sind recht gut an ihrem Glanz zu erkennen. Ob sich in ihnen saure Gurken, Marmelade oder Prinzessböhnchen verbergen, kann ich zwar auch nur feststellen, indem ich ganz dicht herangehe, aber immerhin stehen die Regale nebeneinander. Hier hilft Geduld. Die Tiefkühlabteilung dagegen ist ein ganz großer Wurf: Im Gegensatz zum Rest des Supermarktes, der regelmäßig komplett umgeräumt wird, stehen die großen, schweren Truhen stets ganz verlässlich am selben Ort.

IMG_15367-web

Das nächste Mal stehen mir die Tränen beim Yoga in den Augen.
Weil es so weh tut. Und das tut es ganz sicher nicht, weil ich zu ehrgeizig wäre und die Übungen übertreiben würde. Selbst beim Shavasana, der „Todesstellung“, bei der man sich nicht etwa umbringen, sondern einfach ganz entspannt auf dem Rücken liegen soll, habe ich heftige Schmerzen.
Und weil es so frustrierend ist. Es ist ein Anfängerkurs, bei dem ich eher zu den jüngeren TeilnehmerInnen gehöre. Von den anmutigen Haltungen, die man regelmäßig auf Fotos zum Thema Yoga sieht, sind wir sehr sehr weit entfernt. Es geht erst einmal darum, überhaupt ein bisschen beweglicher zu werden. Ein Teil der Übungen ist mir aus dem Tanzsport vertraut: Da haben wir das zum Aufwärmen gemacht …
Und heute liege ich da und habe Angst, dass mir womöglich jemand wird aufhelfen müssen, weil in meinem Rücken mal wieder etwas einrastet.
Jetzt sollen wir uns vom Rücken auf den Bauch drehen. „Prima!“, denke ich … „nur wie?“. So müssen sich Schildkröten fühlen.

Letztlich reisst meine Nebenfrau es raus.
Nathalie erklärt uns Schritt für Schritt, wie wir uns in eine Posture hinein bewegen, erläutert – während wir diese halten – ihren Nutzen und nennt, kurz bevor die Übung aufgelöst wird, oft noch ein Tüpfelchen auf dem I, das sie, wenn der Rest gut klappt, vervollkommnet.
In diesem Falle befinden wir uns im Vierfüßlerstand und haben ein Bein sowie den entgegengesetzten Arm in die Horizontale gehoben. Das ist anstrengend, vor allem aber seeehr wackelig. Als Nathalie ihre Erläuterungen zu besagtem I-Tüpfelchen mit den Worten „si ça va bien …“ beginnt, verliert die Frau neben mir die Fassung und beginnt, haltlos zu kichern. Es ist ungeheuer ansteckend! Zwar gelingt es mir, die Posture ohne Würdeverlust zu verlassen, aber ich gluckse noch, als ich schon wohlbehalten in Garbhasana, der „Stellung des Kindes“, in der wir uns nun entspannen sollen, angekommen bin. Für den Moment ist der Schmerz weg.

Das Yoga Projekt III

Mein erster Yogakurs ist zu Ende und rückblickend staune ich, dass ich mich das tatsächlich getraut habe: Einfach mal darauf zu vertrauen, dass ich schon klarkommen, schon irgendwie begreifen werde, was ich tun soll, auch wenn ich die Anleitung nicht verstehe.
Das hat lustigerweise auch damit zu tun, dass ich jetzt sehr viel mehr verstehe. Mir wird ganz allmählich klar, was ich anfangs alles nicht mitbekommen habe.

Was mir nach wie vor schwer fällt, ist, Dinge für mich zu übersetzen und sie mir gleichzeitig zu merken: Wenn ich verstanden habe, dass ich die Knie anziehen und wieder locker lassen und dabei jeweils ein- und ausatmen soll, dann habe ich garantiert hinterher nicht parat, wann was ist …
Andererseits beginne ich, einzelne Wörter im Redefluß zu identifizieren und plötzlich wird aus „kaschtorassiek“ „cage thoracique“ (Brustkorb). Ganz einfach macht es einem die französische Sprache allerdings nicht: „oh de fess“ zum Beispiel ist der obere Teil des Gesäßes – „oh dü doh“ jedoch nicht der obere Rücken, sondern die Knochen desselben …
Unbekannte Wörter versuche ich mir zu merken, um sie später nachzuschlagen und auch hier ringe ich regelmäßig mit den Tücken der Aussprache: Dass Nathalie immer wieder über Engel (ange) spricht, vermag ich mir nicht vorzustellen … und tatsächlich meint sie hanche (Hüfte).
Englisch spricht sie nur noch selten mit mir: Wenn ich etwas nicht mitbekommen habe, wiederholt sie es einfach noch einmal langsam, das klappt auch.

Bei einer Gelegenheit allerdings bin ich mir ganz sicher, dass sie unmöglich gemeint haben kann, was ich gerade verstanden habe. Ich soll jetzt auch noch die Hand hoch … ??? Ich soll! Und plumpse bei dem Versuch kichernd aus der posture

***

Als Victor im Sterben liegt, habe ich Sorge, sofort in Tränen auszubrechen, wenn ich mich entspanne. Stattdessen weine ich schon, bevor ich auch nur einen Fuß in die Halle gesetzt habe.
Ich erzähle Nathalie, warum ich so traurig bin und sie erklärt mir, ich würde während der Übungen durch die Energie und die Liebe mit ihm verbunden sein. Überflüssig zu sagen, dass ich daraufhin vollends die Fassung verliere.
Ich liege rücklings auf der Matte, schenke mir die Atemübungen und versuche einfach nur, nicht allzu laut zu schluchzen, während mir die Tränen in die Haare laufen. Im Laufe des Trainings beruhige ich mich dann allmählich, und am Ende verkneife ich mir das Weinen nicht mehr, sondern empfinde Gelassenheit. Dass wir die „Bienenatmung“, deren Summen Stress reduzieren soll, heute ganz besonders gründlich üben, mag Zufall sein, ich traue Nathalie jedoch durchaus zu, dass sie mich zu stabilisieren versucht.

Victor stirbt wenige Minuten nach meiner Heimkehr und ich kann in seinen letzten Momenten bei ihm sein. Ich würde sehr gerne glauben, dass es diese Verbundenheit gab und sie den Abschied auch für ihn leichter gemacht hat.

***

img_16215-q-webAnlässlich des Journée Mondiale du Yoga sollen sich die TeilnehmerInnen aller Kurse zu einem gemeinsamen Training in St Étienne treffen. Anschließend wird dann zusammen gegessen.
Innerlich winke ich sofort ab: Ich sehe zu viele Menschen in einem Raum. In einem unvertrauten Raum in einem Dorf, von dem ich nur eine ganz vage Vorstellung habe, wo es zu finden ist. Und dann auch noch zusammen essen! Und sich unterhalten womöglich …
Nee, besten Dank!
Und dann lass ich mich doch von Nathalie breitschlagen: Ich könne mich ja in die Nähe der Tür legen, meint sie, und jederzeit gehen, wenn es mir zuviel werde. Und natürlich müsse ich nicht am Essen teilnehmen. Wenn ich mich nicht unterhalten wolle, sei das gar kein Problem – Yogis würden akzeptieren, wenn jemand schweigen wolle …

Lustigerweise gilt am Tag X meine größte Sorge meiner Yogamatte. Wer eine eigene besitzt, ist gebeten, diese mitzubringen … Was gar kein Problem wäre, hätte ich mir nicht ein extradickes, überbreites Luxusteil geleistet, auf dem man auch bequem mal eine Nacht schlafen könnte. Peinlich, peinlich … Ich kann nur hoffen, dass das olle Badelaken, das ich benutze, weil ich keine Decke habe, für das ortsübliche Understatement sorgt … Zwischendurch überlege ich, ob ich die alte Isomatte ausgraben soll, die noch in irgendeiner staubigen Ecke liegt. Aber diese kleine Extravaganz nur heimlich auszuleben, wäre irgendwie noch peinlicher …

Getragen von einer Welle des Wagemutes fahre ich ohne Navi los: Da ich nur einmal rechts abbiegen und anschließend mehr oder weniger geradeaus fahren muss, sollte es ohne gehen! Okay, eine einzige Weggabelung gibt es, an dieser soll ich mich Richtung Serres halten.
Links geht es nach Serres, rechts nach Le Serre … Jetzt bloß nicht zu viel nachdenken, Serres war das Stichwort!
An den nächsten Gabelungen, die aus welchem Grund auch immer nicht in meiner Wegbeschreibung auftauchen, halte ich mich an das, was mir mehr wie eine Straße auszusehen scheint … ein Sträßchen eher, einspurig und nur nachlässig asphaltiert, das in Serpentinen die cevenolen Hügel durchquert.
Die angepeilte Fahrzeit ist unterdessen überschritten und ich befinde mich mitten in der Wildnis. Okay, da ich die Straße nicht kenne, bin ich langsam gefahren. Und so richtig verfahren kann man sich hier nicht – dazu gibt es schlicht nicht genug Straßen. Aber wenn ich zurückfahren muss, werde ich zu spät kommen! Dann platze ich entweder mitten ins Training, oder ich muss bis zum Essen warten. Und wenn ich einfach wieder fahre, was wird dann aus dem Salat, den ich vorbereitet habe?
Ich bekomme Magenschmerzen.

Als ich die Betonbrücke sehe, die mir als weiterer Orientierungspunkt genannt worden ist, geht (Hurra, eine Betonbrücke!) sozusagen die Sonne auf. Der Ortseingang von St Étienne! Jetzt muss ich nur noch die Mairie finden, neben dieser liegt la grande salle polyvalente. „Am Ende des Ortes rechts von der Durchgangsstraße“ sollte jetzt keine große Herausforderung mehr sein, aber richtig beruhigt bin ich erst, als ich auf dem Parkplatz stehe. Nein: Als neben mir zwei Gestalten mit Yogamatten aus ihrem Auto steigen! Unauffällig hefte ich mich an ihre Fersen …

In der Halle angekommen, zögere ich zu lange, mir einen Platz zu suchen und lande schließlich in größtmöglicher Entfernung zur Tür. Nathalie allerdings kann ich von hier aus gut sehen und hören, das macht die Sache leichter. Die Übungen sind unkompliziert, die Stimmung entspannt und gegen Ende bin ich wider Erwarten völlig gelöst. Vorher hatte ich noch herumgeflachst, es mache nichts, wenn es kein oder nur wenig vegetarisches Essen gebe, ich würde vor lauter Stress sowieso nichts hinunterbringen – jetzt merke ich, dass ich einen Bärenhunger habe.

Um nicht dumm herumzustehen, helfe ich, die Tische für das gemeinsame Essen aufzubauen. Meine Befürchtung, ich könne angesprochen werden, erfüllt sich natürlich, aber obwohl sich keine wirklichen Gespräche entwickeln, empfinde ich die Situation nicht als unangenehm. Für meine pomfortionöse Yogamatte interessiert sich kein Mensch, aber meine Zehenschuhe lösen allgemeine Heiterkeit aus. Das kenne ich schon und habe so immerhin die nötigen Vokabeln für zwei, drei Sätze parat. Es ist okay. Dass ich mir fremd vorkomme und keinen Zugang zum allgemeinen Smalltalk finde, ist nicht neu für mich. Hier bin ich tatsächlich fremd und kann mich nicht am Gespräch beteiligen, weil meine Sprachkenntnisse das nicht hergeben, dennoch empfinde ich die Menschen als zugewandt und freundlich. Verstehen würde ich schon eine Menge, nur das Sprechen falle noch schwer, soviel kann ich erklären. Und so höre ich eben zu.
Und esse. Essen ist ein sensibles Thema für mich: Sobald ich Stress habe oder unglücklich bin, bringe ich nichts mehr hinunter. Wenn ich mich früher genötigt sah, auf mein Gewicht zu achten, galt das immer meinem Untergewicht …
Jetzt habe ich mich einmal quer durch das Buffet schnabuliert und – eigentlich schon pappsatt – ein angebotenes Stück Pfirsichtarte angenommen. Es abzulehnen und dann die Charlotte zu probieren, wäre unhöflich gewesen … Mit etwas gutem Willen geht beides. Und hej: Es lohnt sich!

Auf dem Heimweg habe ich dann auch meine helle Freude an dem einspurigen Sträßchen: Mit höchst verwegenen 50 km/h jage ich den Caddy durch die Dämmerung und fühle mich großartig.

Ich bin ungeheuer froh, dass ich mich das getraut habe!

Der 5tägige Workshop im Juli, der das Ganze womöglich noch getoppt hätte, ist seit Januar ausgebucht …

Also freue ich mich auf den nächsten Kurs im September. Und ich freu mich wirklich!

Das Yoga Projekt II

An einem Nachmittag im Oktober habe ich meine zweite Yogastunde und mir wird schon bei dem Versuch, am Morgen aufzustehen klar, dass mir bei der Planung dieses Tages ein gravierender Fehler unterlaufen ist.
Da wir am nächsten Tag Gäste erwarten, habe ich mir vorgenommen, Seitangulasch zu machen, was – wenn es denn was werden soll – eine Menge Arbeit ist. Eigentlich tut mir das gut: kochen. In Krisenfällen bin ich manchmal eigens einkaufen gefahren, um dann stundenlang in der Küche irgendetwas zu schnibbeln und zu köcheln. Wenn ich das anschließend alles einfrieren musste, weil grad gar keiner da war, um diese ganzen Mengen zu vertilgen, war’s auch recht. Ich hab dabei zu meiner Ruhe zurückgefunden. Aber erstens entspricht „Yogakurs“ nicht einmal in meiner Welt einem Krisenfall und zweitens setzt er mir einen Termin, zu dem ich mit der Kocherei fertig sein muss. Fertig gekocht, geduscht und umgezogen. Das kann auf keinen Fall klappen. Ich erwäge kurzfristig, gleich im Bett zu bleiben.
Konzentrieren muss man sich außerdem (beim Kochen, nicht beim „im Bett bleiben“). Und es ist nicht nur die mentale Vorbereitung auf das Abenteuer Yoga, die mich dafür viel zu sehr in Anspruch nimmt. Ich habe mir außerdem vorgenommen, Nathalie, der Kursleiterin, zu sagen, dass ich an Depressionen und Panikattacken leide. Dass sich eine Panikattacke soundso äußern werde, falls ich denn eine hätte, man sich aber keine Sorgen machen und mir auch nicht helfen müsse. Natürlich kann man mir in solchen Momenten durchaus helfen: Man kann mich an diese Sache mit dem Atmen, vor allem mit dem Ausatmen erinnern (meine Mutter hat das, als sie zum ersten Mal eine meiner Attacken miterlebt hat, ganz formidabel hingekriegt: „Du mußt atmen, Mädchen!“, hat sie gesagt, „Guck mal: Einatmen … ausatmen … einatmen … ausatmen …“). Ein Glas Wasser hilft auch – warum auch immer. Vor allem anderen hilft es mir, gesagt zu haben, dass da was kommen kann: Wenn ich erste Paniksymptome einfach „kommen“ lassen kann und nicht versuche, mich zusammenzureißen und „normal“ zu wirken, stauen sie sich gar nicht erst zu eine Woge auf. Aber wenn ich mich darauf hätte vorbereiten wollen, das alles auf Französisch zu erklären, gäb’s morgen trocken Brot und klares Wasser.
Natürlich hätte ich auch jemanden bitten können, zu dolmetschen, aber ehrlich gesagt bin ich es leid: Ich möchte selber für mich sprechen!
Das Gulasch zu streichen, wäre so oder so eine Möglichkeit gewesen.
Aber ich bin hier unter anderem angetreten, um zu erklären, dass für jemanden wie mich „Gulasch kochen“ (oookay, wir kochen das Zeug ein, es waren also schon ein paar mehr Mahlzeiten, die ich da heute vorbereitet habe) und „Yogakurs“ an ein und demselben Tag eine echte Herausforderung sind. In einer Welt, in der „normale“ Menschen Yoga nach einem kompletten Arbeitstag zu ihrer Entspannung einplanen.
Jetzt mal ehrlich, schon das ist schräg, oder?
Ich mag nicht die sein, die sich tatsächlich einen ganzen Tag lang ausschließlich auf die ungeheure Herausforderung der Teilnahme an einem Yogakurs vorbereiten muss.

Und tatsächlich renne ich zwar (unterbrochen von gelegentlicher Schockstarre) wie ein aufgescheuchtes Huhn in der Küche herum, aber soweit ich sagen kann, gelingt das Gulasch und ich bin auch pünktlich (nunja … auf den allerletzten Drücker) fertig.
Die Paniksymptome übrigens halten sich in Grenzen, es fühlt sich eher an wie sehr heftiges Lampenfieber. Und ich heiße nicht Streisand … ich hab’s bisher noch immer auf die Bühne geschafft …
Dünnpfiff sollte nach reichlichem Konsum von Flohsamenschalen physikalisch eigentlich unmöglich sein … schon erstaunlich, was Streß dennoch zu bewirken vermag …

Gleichwohl: Ich stehe pünktlich und in Sportklamotten auf der (Yoga)matte!
Nathalie ist gut vorbereitet und streut ganz en passant den einen oder anderen englischen Satz in ihre Erläuterungen ein. Die meisten benötige ich jedoch nur zur Bestätigung, dass ich sie vorher einigermaßen richtig verstanden habe: Wenn ich nicht gar so gestresst bin, verstehe ich eine Menge. Das Heraussuchen erster Vokabeln hat natürlich auch geholfen …
Ich habe das Gefühl, klarzukommen. Es macht Spaß! Und während einiger Momente fühle ich mich tatsächlich entspannt und bei mir.
Das anschließende Gespräch geht gut über die Bühne und ich muss nur für einen einzigen Satz ins Englische ausweichen.

Daheim angekommen bin ich immer noch so beschwingt, dass ich mich an der Unterhaltung mit einem französischen Essensgast beteilige. Nicht alle Sätze, die ich da beginne, kann ich auch beenden … aber hej, ich hab einen Anfang gemacht!

***

Am schönsten ist es, wenn Nathalie die Übungen auf Französisch erklärt und dann nur „yes!“ sagt – dann weiß ich, dass ich alles richtig verstanden habe.

***

img_16215-q-webEin paar Unterrichtsstunden später fahre ich schon fast entspannt zum Training.
Bis eines Abends plötzlich sehr viel mehr Leute da sind, als sonst: Offenbar ist ein anderer Kurs ausgefallen …
Also, genau genommen sind mit mir nur 13 Menschen im (gar nicht mal so kleinen) Raum, Matten sind auch genug da, eigentlich alles gar kein Problem …
Trotzdem ist es mir zu voll. Zu laut auch … Wohlgemerkt: Geschätzt die Hälfte der Teilnehmer hat bereits das Rentenalter erreicht, die benehmen sich objektiv ganz und gar ruhig und gesittet. Dennoch, zu viele Schritte, zu viel Geraschel, zu viel …
Zum ersten Mal fällt mir auf, dass in solchen Momenten sofort mein Sehvermögen nachlässt: Trotz Brille habe ich plötzlich Schwierigkeiten, die Gesichter der Menschen auf der anderen Seite des Raumes zu erkennen.
Und obwohl das in den letzten Wochen schon prima geklappt hat, verstehe ich jetzt die Anleitungen nicht mehr.
Zu allem Überfluß liege ich ungünstig: Ich achte immer darauf, nicht am Rand zu liegen – so kann ich jederzeit nach rechts und links spingsen, ob die anderen Teilnehmer auch das tun, was ich gerade verstanden habe.
Heute liege ich zwischen einer alten Dame, die sich nur unter Schwierigkeiten überhaupt bewegen kann und einem auch nicht eben jungen Herrn, der sich bezüglich der Details ebenso unsicher zu sein scheint, wie ich …
Ich ziehe in Erwägung, das Training abzubrechen, beschließe dann aber, es einfach als Erfahrung zu nehmen – zu beobachten, was passiert, auch wenn vielleicht kein Yoga draus wird.
Nach ca. 20 Minuten habe ich mich tatsächlich beruhigt. Alle liegen ruhig auf ihren Matten, wie gut ich sehen kann, spielt keine Rolle, weil ich eh die Augen zu habe, aber ich nehme zur Kenntnis, dass Nathalie nicht mehr kommt, um mir auf Englisch zu erklären, was ich tun soll. Ich komme auch so klar.

***

Beim letzten Tief habe ich den Kurs ausfallen lassen – ich hätte sofort losgeheult.
Ich bin jedoch nicht bereit, das „einreißen“ zu lassen und mobilisiere beim nächsten Mal die letzten Reserven, um am Training teilzunehmen.
Angenehm ist das nicht. Damit, dass ich unter Stress kein Französisch mehr verstehe, hatte ich gerechnet. Aber ich begreife auch die englischen Anweisungen nur unter Mühen. Und selbst wenn ich kapiere, dass ich den linken Fuß bewegen soll, weiß ich nicht, welcher von den beiden gemeint ist.
Alter Tanzlehrerspruch: „Die Herren beginnen mit dem rechten Fuß. Mit dem anderen rechten!“ …
Mein Problem war das nie, aber heute muß ich lange überlegen, bis ich mich in „posture“ gebracht habe.
Alles ist wahnsinnig anstrengend und teils auch schmerzhaft.
Bei den Atemübungen habe ich die allergrößte Mühe, nicht in Tränen auszubrechen.
Ich bemühe mich sehr, alles einfach geschehen zu lassen und nur zu beobachten.

***

Schon mittags stehe ich weinend in der Küche.
Ich habe Angst, dass ich wieder nix verstehe und alle mich für blöd halten. Ich habe Angst, mir wehzutun (nach dem letzten Training hatte ich eine Blockade in der Halswirbelsäule, dabei hab ich doch immer geglaubt, Yoga sei auch gut für meinen Rücken), ich habe Angst vor den Atemübungen, weil ich oft nicht genau verstehe, was ich tun soll und mir besonders eine sehr unangenehm ist.
Ich habe Angst, dass ich mitten im Training losheule. Ich könnte dann ja nicht einmal erklären, was mit mir los ist.
Zu Beginn des Trainings kommt Nathalie zu mir und fragt mich ganz selbstverständlich „which language will you understand today?“ und ich entscheide mich für „I’ll try French!“ …
Und es klappt!
Okay, es kommt vor, dass ich weisungsgemäß die Hände an den Körper nehme, den Hinweis „auf Schulterhöhe“ (was immer das auch auf Französisch heißen mag) jedoch nicht mitbekomme.
Andererseits sehe ich mit Erleichterung, dass auch andere TeilehmerInnen manchmal auf dem Rücken liegen, statt auf dem Bauch, weil ihnen schlicht ein Detail entgangen ist.
Die Übungen fühlen sich wieder angenehm an, ich habe nicht mehr solche Angst, mir wehzutun. Der Schwerpunkt liegt darauf, sich beim Ausatmen zu entspannen – so nimmt man die Positionen nicht ein, sondern gleitet hinein, das gefällt mir sehr.
Mitten im Training flattert plötzlich eine Fledermaus durch den Raum.
Nathalie packt ihr langes Haar unter eine Mütze (jeder kennt Geschichten von Fledermäusen, die sich in langen Haaren verfangen – dabei weiß gleichzeitig auch jeder, dass sie sich mittels Ultraschall orientieren und gar nicht in die Nähe von Hindernissen kommen. Ich habe auch noch nie von jemandem gehört, dem das tatsächlich passiert wäre …) und dann geht das Training mit Fledermaus weiter, bis das Tierchen irgendwo landet. Behutsam wird es von einer Teilnehmerin aufgenommen und in den unbeleuchteten Nebenraum gebracht: Dort haben sie ihr Winterquartier …

***

Nach gut vier Monaten fühlen sich „Yoga-Tage“ beinahe normal an …
Den gewohnten Ablauf wirbeln sie zwar immer noch ein wenig durcheinander, weil dann mittags warm gegessen wird und nicht wie sonst am Abend, aber ich muß mich – sofern ich eingermaßen stabil bin – nicht mehr ab dem Morgen mental darauf vorbereiten.
„Den Müll mitnehmen“, was naheliegend ist, wenn man schon mit dem Auto losfährt, klappt noch nicht. Einmal im „Zielanflug“ weiß ich Sportsachenanziehentaschentucheinsteckenwasserflaschedeckeundtaschenlampemitnehmen. Was sonst noch sinnvoll gewesen wäre, fällt mir immer erst ein, wenn ich gerade losgefahren bin.
Ich liege immer noch „mittig“, immer so, dass ich rechts und links spingsen kann. Teils entlastet mich das, teils funktioniert es wie ein phantomimisches Übersetzungsprogramm.
Nur die Atemübungen waren immer ein Wermutstropfen.
Um nicht zu sagen, ich hatte Angst davor …
Vor einer insbesondere, bei der der Atem in kurzen Abständen heftig ausgestoßen wird. Ich hätte (und einmal wäre mir das tatsächlich um ein Haar passiert) schon heulen mögen, wenn Nathalie uns zum Atralalaprana (so, oder ähnlich, ich kann mir nicht einmal die Bezeichnung merken!) eingeladen hat.
Die anderen Teilnehmer machen das dreißig, vierzig mal … Mir rät Nathalie zu zehn bis fünfzehn. Fünf. Drei sind auch prima …
Mich erinnert das fatal an diesen Spruch, dass ich heute Bäume ausreißen könnte. Na gut, Zweige … Grashalme. Grashalme sind okay!
Ich kapiere einfach nicht, was ich tun soll.
Und das liegt nicht an der Sprache. Ich höre die Worte, aber ich kann und kann sie nicht umsetzen.
Das ist, wie wenn man kein Rad schlagen kann und einem jemand erklärt, man solle einfach die Arme ausstrecken, Schwung holen und eine Hand nach der anderen auf den Boden setzen … Das ist leicht zu begreifen, aber der Körper weigert sich schlicht, es auch umzusetzen.
Mich erinnert die Übung an meine Panikattacken. Was objektiv unzutreffend ist: Das Problem bei Panikattacken, bzw. beim Hyperventilieren, besteht ja darin, dass man nicht ausatmet. Dennoch empfinde ich die Übung als quälend und würde mir wünschen, Nathalie würde sich nicht so sehr bemühen, mir dabei behilflich zu sein. Ihre Aufmerksamkeit macht alles noch schlimmer.
Nach vier Monaten nun habe ich plötzlich den Eindruck, zu spüren, was ich tun soll …
Den Bauch loslassen und die Luft hineinfallen lassen! Vorher hab ich immer versucht, bewußt einzuatmen …
Und dann mit dem Bauch wieder rausdrücken. Das geht dann auch mit Schmackes und fühlt sich lange nicht so anstrengend und verkrampft an, wie meine bisherigen Versuche, das mit dem Brustkorb zu bewerkstelligen.
Ich habe keine Ahnung, ob das jetzt so richtig ist, aber es funktioniert und es fühlt sich sehr viel besser an!
Danach bin ich so euphorisch, dass ich mich bei der nächsten Übung, bei der mit einem lauten Summen ausgeatmet wird, nicht mehr an den anderen orientiere – damit man mich nicht womöglich alleine summen hört – sondern tatsächlich meinem eigenen Rhythmus folge. Das ist toll!

Wellness mit Schattenseiten

„Wenn das Leben Dir Zitronen gibt, mach Limonade!“ hab ich mir gesagt und nach Kräften versucht, einer an sich unerfreulichen Situation möglichst viel Positives abzugewinnen.
Im Nachhinein scheint mir „denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“ das passendere Motto für das „Experiment Wellness“ zu sein …

Eigentlich halte ich nicht viel vom Fasten.
Unter anderem, weil es bisher nicht gelungen ist, im menschlichen Körper Schlacken zu entdecken, derer man sich auf diesem Wege entledigen müsste. Auch, weil es mich merkwürdig und teilweise unangenehm berührt, wenn Menschen, die sich ansonsten in einer Überflussgesellschaft pudelwohl fühlen, plötzlich den kurzfristigen Verzicht auf einen winzigen Bruchteil davon zum Weg des Heils erklären. Vor allem aber, weil ich zu denjenigen Menschen gehöre, die, wenn sie unter Druck geraten, nicht mehr essen können.
Das mag im ersten Wurf erstrebenswert klingen, wenn man zum Beispiel gegenteilig veranlagt ist und zum Frustfressen neigt. Ist es aber nicht.
Irgendwie ist es mir zwar immer gelungen, nicht in den Bereich zu geraten, in dem Untergewicht gefährlich wird, aber ein Vergnügen war auch das nicht.
Nicht zu essen, obwohl ich es will und kann, wäre mir nicht in den Sinn gekommen.

Jetzt allerdings muss ich zwecks Ausschluss einer Lebensmittelunverträglichkeit eine Zeitlang Diät halten (auch das ist eine Premiere) und habe mich entschlossen, zu Beginn 2 Tage lang nichts zu essen. Einfach, um einen deutlichen Break zu haben.
Allzu schwer wird mir das nicht fallen, denke ich: Auch wenn ich mittlerweile regelmäßig und mit dem größten Vergnügen esse, macht es mir nach wie vor nicht viel aus, auch mal Kohldampf zu schieben. Aber es widerstrebt mir. Und also beschließe ich, meine Fastentage in ein Wellness-Wochenende umzuwidmen und mir neben Tee und Gemüsebrühe Yoga, Meditation und reichlich Freizeit zu gönnen.

img_16941-q-web

Ich beginne meinen Tag mit einem Bodyscan.
Von den Achtsamkeitsübungen ist diese mir eine der liebsten: Idealerweise praktiziert man sie morgens oder abends und zwar im Liegen. Das passt mir gut.
Oookay, eigentlich auf dem Bett (Sofa, oder Fußboden), aber so groß wird der Unterschied schon nicht sein und ich kann auf diese Weise die Zeit, während derer es mir morgens nicht gelingt, das Bett zu verlassen, wenigstens sinnvoll nutzen.
Interessanterweise bin ich danach meistens so munter, dass ich problemlos aufstehen kann.

Die Idee des Bodyscans ist es, nach und nach jedem einzelnen Körperteil kurz seine Aufmerksamkeit zu schenken, wahrzunehmen, was man dort empfindet und dann weiterzugehen.
Eine Absicht, oder ein Ziel gibt es hierbei nicht: Man kann sich dabei entspannen oder auch nicht, etwas, etwas anderes, oder auch mal gar nichts empfinden und wenn man zwischendurch abgelenkt ist, weil man doch über etwas nachdenkt oder ins Träumen gerät, dann ist auch das kein Fehler, sondern man nimmt es wahr und übt dann weiter.
Gar nicht mal so einfach übrigens!
Es fällt mir nicht leicht, meine Konzentration auf meinen Fuß zu fokussieren während sie nach dem Motto „ich weiß schon, wie das geht!“ schon mit meinem Unterschenkel beschäftigt ist. Unwillkürlich habe ich das Bild einer wuseligen Spinne vor Augen, die zwei, drei mal um meinen Fuß herumrennt und dann an meinem Bein hochflitzen will. Es ist eine drollige, plüschige Spinne, die mich an meinem Bein trotz Phobie nicht weiter stört, ob sie aber auch dann noch zur Visualisierung taugt, wenn sie mir am Rücken hochkrabbelt, wage ich zu bezweifeln. Ich lasse das Tierchen also davonkrabbeln und wende mich wieder meinem Fuß zu.
Die Übungs-CD, die ich mir gekauft habe, um sicherzugehen, dass ich alles richtig mache, nervt leider nach kurzer Zeit mehr, als sie nutzt:
Die Erläuterungen am Rande, die in regelmäßigen Abständen darauf hinweisen, daß man nichts bestimmtes fühlen muss und, falls man zwischendurch abschweift, seine Aufmerksamkeit einfach freundlich und ohne Ärger dorthin zurücklenken soll, wo man sie haben möchte, reißen mich beim wiederholten Anhören eher aus meiner Konzentration, als dass sie noch hilfreich währen.
Vor allem aber macht mich das Timing wahnsinnig!
Auf der linken Seite, mit der man beginnt, habe ich ewig Zeit, in jeden einzelnen Zeh hineinzufühlen, bekomme alle Teile meines Fußes benannt und dann geht es unter wortreichen Erläuterungen langsam am Bein hoch bis zum Oberschenkel.
Dann soll ich das ganze Bein fühlen. Und während ich mich noch bemühe, meinen Fokus auszudehnen – so ein Bein ist schließlich lang! – steuert die CD schon zügig meinen rechten Fuß an.
Die ganzen Erläuterungen brauche ich jetzt natürlich nicht nochmal und so habe ich für das komplette rechte Bein gefühlt in etwa soviel Zeit, wie links für die Zehen.
Ganz besonders fuchst mich der Teil, in dem ich mich meinen Armen widmen soll: Nachdem bis dahin jede Körperregion in einzelnen Teilen erfühlt worden ist, arbeiten wir die Arme mal eben komplett ab. Beide gleichzeitig.
So kann ich nicht meditieren!
Und natürlich lässt einem eine CD nicht die Zeit, zu tun, wozu im Text geraten wird und zum Beispiel wahrzunehmen, ob und wie ein Gedanke die Empfindungen des Körpers verändert.
Eine Schlußformel, wie ich sie vom autogenen Training kenne, vermisse ich ebenfalls.
Irgendwann ertönt ein Gong und man weiß, daß man jetzt auf „stop“ drücken muss, wenn man nicht gleich in die nächste Übung stolpern will.
Immerhin jedoch habe ich nun eine Idee vom genauen Ablauf der Übung und kann sie zukünftig ungestört und mit meinem eigenen Timing praktizieren.
Was genau sie eigentlich bewirkt, vermag ich nicht zu sagen.
Die Empfindungen sind – weder in den einzelnen Körperteilen, noch insgesamt – nicht immer gleich. Oft bin ich anschließend sehr entspannt, manchmal aber auch so unzufrieden und gereizt, daß ich kaum stilliegen kann.
Aber ich bin in letzter Zeit sehr viel ausgeglichener als sonst und hoffe sehr, dass dies kein Zufall ist.

Für meine Yoga-Übungen rolle ich eine alte Isomatte und ein Badelaken auf der Terrasse der Fermette aus: Eine Art Dachterasse mit Holzboden, die um die Mittagszeit in der Sonne liegt.
Ein Plätzchen in der freien Natur wäre sicherlich noch schöner, aber dort wird der „herabschauende Hund“ ganz sicher in anderer Form auftauchen, als ich das brauchen kann.
Der Himmel ist postkartenblau mit Wattewölkchen, die von der Sonne aufgezehrt werden. Ganz hoch oben schwebt ein Raubvogel.
Vermutlich würde man sich schon wunderbar fühlen wenn man einfach nur hier liegt und in den Himmel schaut …

Da ich irgendwo mal gelesen habe, dass beim Heilfasten auch gewandert wird, runde ich den Tag noch mit einem ausgiebigen Hundespaziergang ab.

Der Krimi allerdings, den ich mir am Abend anschaue, bringt ungeahnte Schwierigkeiten mit sich: Ein Teil der Handlung spielt in einem italienischen Restaurant und es werden jede Menge Pizzen verspeist.
Ich merke, dass ich dann doch ziemlichen Hunger habe.

***

Am zweiten Tag wird deutlich, warum es schick ist, zum Fasten eine Kurklinik aufzusuchen. Nicht, dass ich ärztliche Hilfe nötig hätte: Mich holt schlicht und einfach der Alltag ein. Und so ersetze ich meine zweite Fastenwanderung durch eine Suche nach einigen ausgebüxten Schafen. Aus dem gleichen Grund entfällt auch Yoga.
Eine Kur würde mich außerdem der Notwendigkeit entheben, mir meinen eigenen Diätplan auszudenken. Stattdessen erstelle ich Listen erlaubter Lebensmittel und sinniere über entsprechende Rezepte, was meinen Magen in lautstarke Empörung verfallen läßt. Ich beschließe, dann doch lieber zu meditieren und probiere eine der anderen Übungen auf meiner CD aus. Mein Magen beruhigt sich und ich finde, dass zwei Tage ohne Essen sich eigentlich ziemlich gut aushalten lassen.
Wenn ich nachts nur nicht so frieren würde … aber es ist ja so gut wie geschafft!

***

Von einem feierlichen Fastenbrechen kann man vermutlich nicht reden, so nach zwei Tagen. Sagen wir stattdessen, ich hab mich wie Bolle auf meine erste Mahlzeit gefreut, „Diätfraß“ hin oder her!
Dann jedoch gibt es einen Streit und vielleicht bin ich dann doch so ein kleines bißchen angeschlagen. Vermutlich hätte ich mir den normalerweise nicht ganz so sehr zu Herzen genommen. Jetzt aber scheint es mir unmöglich, in dieser Stimmung meine erste Mahlzeit einzunehmen.
Das ist schlimm für mich. Sehr schlimm.
„Ich lasse mich nicht vom Essen abhalten!“ war in den letzten Jahren ein ganz wichtiges Motto für mich: Selbst wenn ich mein Essen unter Tränen heruntergewürgt habe, ich habe gegessen.
Das mag ernährungsphysiologisch, psychologisch und überhaupt fragwürdig sein, aber ich wollte nie wieder auf die Schiene geraten, unter Druck das Essen einzustellen. Nicht mit einer einzigen Mahlzeit! Und hastdunichtgesehen bin ich wieder da …
Das macht mir eine Scheißangst. Ich mache mir eine Scheißangst!
Selbstverständlich ist mir klar, dass ich jederzeit in die Küche gehen und mir etwas zu essen machen kann. Ich kann die komplette Speisekammer plündern. Ich kann meine Fastentage in Schall und Rauch aufgehen lassen! Diät? Andermal …
Ganz genau so, wie Raucher und Trinker jederzeit aufhören können …
„Morgen. Morgen hör ich auf!“
„Heute faste ich noch, ein dritter Tag wird nicht schaden. Morgen ess ich dann wieder was!“
Es gelingt mir, noch am selben Abend etwas zu essen, aber es dauert mehrere Tage, bis ich wieder das Gefühl habe, selbstverständlich an den Mahlzeiten teilnehmen zu können. Mit Hunger und Spaß – ohne mich zu zwingen.
Allmählich lässt auch das Tief wieder nach, in welches ich zwischenzeitlich abgeschmiert bin. Eines der übelsten seit Monaten.

Mittlerweile juckt es mir in den Fingern, das Limonaden-Motto auf meine Ausschlußdiät anzuwenden: Wär doch gelacht, wenn man damit nicht richtig lecker kochen könnte! Anscheinend finde ich zu meiner alten Form zurück …
Ob man Wellnesstage (zumal hier auf dem Land) tatsächlich planen kann, bin ich mir nicht sicher. Vielleicht muß man sie stehlen. Dem lieben Gott die Zeit stehlen …
Ich beschließe, eine trickreiche Diebin zu sein.
Aber nie, niemals wieder will ich fasten!

1 Jahr Tauchfahrt

Was kam ich mir originell vor, als ich mich entschieden habe, über meine Depressionen zu bloggen!
Mutig auch, keine Frage! Ich war ziemlich stolz auf mich.

Es hat nicht lange gedauert, bis mir klar wurde, wie viele von uns das tun – nicht nur über Depressionen, sondern über die unterschiedlichsten psychischen Erkrankungen und Besonderheiten …
Aber wenn man so will, ist jeder dieser Blogs tatsächlich eigenartig, ungewöhnlich, schöpferisch und neu. Und jede einzelne dieser Entscheidungen war mutig. Wir können und dürfen ruhig alle stolz auf uns sein.

img_13234-q-web
Um über meine Depressionen zu bloggen, muss ich nicht nur akzeptieren, dass ich krank bin, sondern auch, dass das für eine längere Zeit und vielleicht für immer der Fall sein wird: Der eine oder die andere Bloggerin kühmt vielleicht mal über Grippe oder Hexenschuss, aber kein Mensch widmet dem einen eigenen Blog …
Ich muss mich damit auseinandersetzen, sonst habe ich außer „mir geht’s sooo scheiße!“ nix zu sagen.
Und ich muss dazu stehen. Selbst diejenigen von uns, die es vorziehen, anonym zu bleiben (wofür es, je nach Lebenssituation, leider immer noch gute Gründe gibt) teilen mit jedem Beitrag der Welt mit: „Ja. Ich auch. Wir sind viele.“.

Anfangs gibt es ungeheuer viel, über das man schreiben kann, will und muss: Da hat man ja schon eine (Kranken)geschichte hinter sich, die erzählt werden will.
Man schreibt weniger darüber, was Depressionen sind, als man zu erklären versucht, was sie nicht sind: Ich bin nicht traurig!
Man wirbt für Verständnis dafür, dass Ausdauersport, Lichttherapie, Johanniskraut und niedliche Kätzchen tatsächlich nicht über depressive Tiefs hinweghelfen. Oder man erstellt Listen von guten Ratschlägen, die man echt nie wieder hören möchte.
Man versucht, in Worte zu fassen, wie man sich fühlt.
Erzählt von Erfahrungen mit TherapeutInnen, Klinikaufenthalten und Medikamenten. Kleinen Fortschritten und vernichtenden Rückschlägen.

Und irgendwann kommt man im „heute“ an: Die ganze Vorgeschichte ist erzählt.
Dann wird es schwierig, finde ich. Das Bloggen.
Ich habe immer noch Depressionen. Es gibt immer noch Tiefs. Absolute Tiefpunkte. Allmähliches Bekrabbeln und Phasen der Stabilität und Zuversicht. Auf. Ab.
Damit könnte ich vielleicht meine größten Fans beschäftigen, wenn ich ein Promi wäre und das Ganze nicht via Text > 140 Zeichen, sondern mittels einer lesefreundlichen Skala von 1-10 veröffentlichte.

Als ich mit der „Taucherin“ begonnen habe, habe ich Texte „auf Halde“ produziert und nach und nach veröffentlicht. Es gab ja schon so viel zu erzählen und von der Seele zu schreiben, um überhaupt einmal zu erklären, was ich jetzt vorhatte. Und warum.
Ein neues Leben anfangen. Ohne Therapie und vor allem ohne Medikamente.
Dann habe ich über die erste Zeit auf dem Hof geschrieben: Es gab so viel Neues!
Und jetzt, nach einem Jahr „Schattentaucherin“ leide ich immer noch an Depressionen.
Auf. Ab. Auf. Ab. Nichts, was sich noch zu erzählen lohnt.

Ich hab viel Herzblut an dieses Projekt verschmiert und möchte es nicht einfach im Sande verlaufen lassen. Und in diesem Moment zeigt die Taucherin sich auf eine Art und Weise hilfreich, mit der ich nicht gerechnet hätte: Sie fragt mich wieder und wieder „Wirklich nichts Neues?“.
Meinen Kunden im Hundetraining habe ich regelmäßig gepredigt, sie möchten sich doch bitte nicht auf das konzentrieren, was noch nicht klappt, sondern sich in Erinnerung rufen, an welchem Punkt sie begonnen haben und wie weit sie schon gekommen sind.
„Schau hin!“, flüstert sie. „Und?“

Und sie hat recht.
Mich in die Einsamkeit der Cevennen zurückzuziehen, war – auch wenn das nach außen romantisch, abenteuerlich oder mutig aussehen mag – schlicht das Eingeständnis, dass ich keine andere Wahl mehr hatte, als mir meine Welt so passend (will sagen: klein) zu machen, dass ich darin zurechtkommen kann. Ich habe hier einen Ort gefunden, der eine heilsame Wirkung hat und mir viel Zeit genommen (nehmen müssen), einfach nur hier zu sein.
Irgendwann habe ich begonnen, mich wieder was zu trauen. Lächerlich kleine Dinge, objektiv betrachtet: Den Markt in einem Nachbardorf besuchen, die Verantwortung für einen Einkauf übernehmen, alleine zum Tierarzt fahren und den Hund impfen lassen …
Für mich waren das große und spannende Unternehmnungen.
Seit Kurzem nun ist etwas ganz Neues hinzugekommen.
Natürlich ist an Achtsamkeitsübungen und Yoga genau nichts originell. Lebt man in einer deutschen Großstadt, scheinen sie dazuzugehören wie green Smoothies und vegane Eiscreme. Für mich sind sie deswegen etwas Besonderes, weil sie den ersten Versuch seit langem darstellen, mit meiner Erkrankung umzugehen. Die Antidepressiva sollten mich „nicht depressiv“ machen, die Therapien mir helfen, nicht mehr depressiv zu sein. Bis ich nach über 10 Jahren irgendwie die Lust verloren habe …

img_14378-q-webVielleicht ist es jetzt an der Zeit, einen Weg zu finden, mit meinen Depressionen zu leben.

Das Schreiben ist schwieriger geworden, teils auch schmerzhafter, weil die Distanz so viel geringer ist. Spannender allerdings auch!

Weiterschreiben also. Tauchen, paddeln, Wellenreiten, kieloben treiben, auf Grundeis gehen …
Ich glaube und hoffe, wir haben noch ein bißchen was vor (vor uns) – die Taucherin und ich …