Ich hätt‘ getanzt …

Bei der Lektüre eines Beitrages auf Meine Drogenpolitik hab ich mich erinnert, wann und unter welchen Umständen ich zuletzt getanzt habe …
Eigentlich ging es um bei dem Text um Erfahrungen mit dem Konsum von Ecstasy – ein Thema das mich lediglich in Hinblick darauf interessiert, was Menschen sich alles trauen, mit sich anzustellen. Ich hab ja so schon meine liebe Not damit, mit einer etwas „strubbeligen“ Gehirnchemie klarzukommen …
Aber am Rande ging es eben auch ums Tanzen.

img_8243-q-webIch habe immer wahnsinnig gerne getanzt. Standard und Latein (da steh ich zu: ich liebe Wiener Walzer!), Rock’n‘ Roll, Improvisationstanz, Flamenco und viel viel orientalischer Tanz. Oder einfach abzappeln …
In meinem jetzigen Leben weiß ich gar nicht, wie viele Autostunden die nächste Diskothek weg wäre. Und ob es dort Ü50 Parties gibt. So oder so trifft man Bauern recht selten des nachts beim Abfeiern an …
Vor allem aber würde mich vermutlich schon eine kleine Schlange am Eingang wirksam in die Flucht schlagen. Ich kann Menschenansammlungen nicht gut ertragen. Schon gar nicht in geschlossenen Räumen.
Im Allgemeinen vermiss ich nix. Wenn ich Lust hab, tanz ich in der Küche.

Keine Ahnung, was mich geritten hat, als mir auf dem Plakat für eine Feier im Nachbardorf das Stichwort „Batucada“ ins Auge sprang …
Batucada ist Samba. Die Sorte, bei der ganze Truppen von MusikerInnen und TänzerInnen durch die Straßen ziehen. Wenn eine richtig gute Sambatruppe Vollgas gibt, dann ist das, wie wenn ein großer Chor das tut: Da macht man sich fast in die Hose.

Die Menschenmengen, in die man auf den hiesigen Dorffesten geraten könnte, sind – nun ja – überschaubar … am meisten knubbelt es sich bei den Petanque Turnieren … Dennoch sind solche Veranstaltungen für mich sehr anstrengend. Man wird gesehen, beobachtet, eingeschätzt. Womöglich muss man Smalltalk halten, was ich schon furchtbar finde, wenn ich die Sprache beherrsche. Mein Französisch ist immer noch auf einem Niveau, das Gesprächsversuche schnell versanden lässt – dann hab ich sie zwar hinter mir, aber es ist peinlich. Ich muss schon einen ziemlich guten Tag haben, um mir das anzutun.

Aber ich wollte diese Batucada-Truppe sehen!
Wie sich zeigte, wurde das Musikprogramm von der dörflichen Musikschule organisiert und auch dargeboten und so haben wir zunächst einigen angehenden Gitarristen und Pianisten im Teenager-Alter sowie einem Laienchor gelauscht. Auch die ersehnte Batucada-Truppe hatte deutlich Anfänger-Niveau. Aber Spaß! Und im Finale haben die Leute Gas gegeben, so gut das eben ging! Das reicht, damit die Füße ein Eigenleben entwickeln und man auf den Oberschenkeln trommeln muss.
Und was ich eigentlich erhofft hatte, ist geschehen: Eine kleine Handvoll von Frauen ist aufgestanden und hat getanzt. Keinen brasilianischen Samba, einfach so …
Und ich hab mich einfach so dazugesellt – auf meinem Stuhl hätte man mich anbinden müssen.
Ich kann auch keinen Samba, aber die Bewegungen sind denen des orientalischen Tanzes recht ähnlich, alles ist sehr vertraut. Und der Rhythmus ist zwingend. Man muss nichts tun, einfach nur die Kontrolle vom Kopf an die Füße übergeben.
Es war ein kurzer, aber wunderbarer Moment: Wenn ich tanze, ist alles richtig! Es stört mich nicht, unter Menschen zu sein, auch wenn es vielleicht zu laut und zu voll ist. Ich muss mich nicht bemühen, normal zu wirken, ich bin richtig.

Wenn ich tanze, bin ich ganz und gar bei mir. Kein Grund, vor irgendetwas Angst zu haben.
Vielleicht sollte ich doch häufiger auf Dorffeste gehen …

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Selbstversuche

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Ich hab mir immer große Mühe gegeben, mich nicht ganz und gar von meinen Ängsten beherrschen zu lassen.

Und hab mir nur zu gerne sagen lassen, es sei wichtig, sich zu „konfrontieren“.

Als ich begonnen habe, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, war es augenscheinlich gerade hip genug, dass es Fernsehdokus darüber gab. Da konnte man kopfschüttelnd und sich wohlig gruselnd anderen Leuten dabei zuschauen, wie sie versuchten, ihre Ängste zu überwinden. Und nein – ich meine nicht das Dschungelcamp.
Da ging es um Phobiker und Zwangsneurotiker wie dich und mich – nur schlimmer, weswegen das Anschauen irgendwie tröstlich war.

Diejenige meiner Ängste, gegen die ich mit der größten Ausdauer angerannt bin, ist meine Höhenangst.

Eigentlich eine, deren Auslöser sich im Alltag recht gut meiden lassen. Aber ich bin als Kind gern in den Bergen herumgekraxelt, ich hatte mal ein Leben ohne Angst! Und ich habe es überhaupt nicht eingesehen, mir von dieser schittigen Höhenangst den Bergurlaub versauen zu lassen.

Wenn man so will war das auch eine ganz gute Versuchsanordnung:
Berge, Höhe, Weitblick, Ausgesetztheit waren immer zuverlässig vor Ort, die einzige Variable war ich selbst.
Ich habe auf Hängen, über die Familien mit kleinen Kindern singend gezogen sind, weinend am Boden gesessen und mich an Grassoden festgeklammert. Ich bin diverse Male festgefroren, gekrochen, auf dem Allerwertesten gerutscht oder an der Hand geführt worden.
Bei Gruppentouren bin ich im Zweifel irgendwo geparkt worden. Und in einem Falle fast gegrillt: Die Sonne kam raus, aber ich konnte die Hände nicht vom Boden nehmen, um die Jacke auszuziehen.
Ich hab in Klettergärten vor Angst in den Wald gekotzt.

Klettersteige – falls sich jemand nicht mit der Materie auskennt – sind Einbahnstraßen: Man steigt an einer Stelle ein, klettert bis zum Ziel und steigt dann über einen sogenannten Normalweg wieder ab.
Ich war die, die von ihrem Bergführer angeseilt und unter beruhigendem Zureden gegen Fahrtrichtung geführt werden musste, da ich unterwegs beschlossen hatte, mit fest geschlossenen Augen einen Felsen liebzuhalten und diesen nicht mehr loszulassen. Mein ganz besonderer Dank gilt dem anonymen Kletterer unter mir, der ganz behutsam meine Füße genommen und sie an die richtigen Stellen gesetzt hat – ich selber hätte sie ganz bestimmt auf keinen Fall bewegt.
Ich habe allen zu danken, die ich an diesem Tag aufgehalten und damit auch gefährdet habe. Obwohl ein kräftiger Anschiss ob dieses Unfuges durchaus verdient gewesen wäre, waren alle sehr geduldig und verständnisvoll.

Eine Panikattacke dauert – wenn man in der Situation verbleibt – maximal 45 Minuten. Danach hat das Gehirn sich so sehr verausgabt, dass es ganz ruhig wird.

Anläßlich einer Kammwanderung hatte ich Gelegenheit, das auszuprobieren: Nach ca. 45 Minuten, die ich, die Augen fest auf den Weg gerichtet, unaufhörlich „weitergehenweitergehenblossnichtstehenbleiben“ murmelnd, mit pfeifendem Atem und beeindruckendem Blutdruck vor mich hingestapft war, war der Spuk vorbei. Die Angst war weg.

Richtig genießen habe ich das nicht können: Wenn das Gehirn fix und fertig ist, ist der Rest des Körpers es auch.
Und auch, wenn man in Fernsehdokus spektakulären Therapieerfolgen beiwohnen kann: Bei mir war der Erfolg genau von so langer Dauer, wie mein Gehirn brauchte, neue Kräfte zu schöpfen.

Als ich meiner Therapeutin von meinen Bemühungen berichtet habe, hat sie mich gefragt, wie ich denn vorgehen würde, wenn es um einen anderen Menschen ginge, eine Freundin mit Höhenangst zum Beispiel.
Meine Antwort war ganz spontan: „Das würde ich meinem ärgsten Feind nicht zumuten!“.
Wir haben das Thema dann nicht weiter verfolgt.

IMG_7333-q-webSeitdem gehe ich achtsamer mit mir und meinen Ängsten um.
Es zieht mich immer noch in die Berge, aber ich kehre jetzt um, wenn ich anfange, mich unwohl zu fühlen. Nicht erst dann, wenn es nicht mehr zu leugnen ist. Das erspart mir nicht nur dramatische Niederlagen. Ich mache wieder und wieder die Erfahrung, dass ich alleine zurechtkomme, dass ich, wo ich hochgekraxelt bin, auch ohne Hilfe wieder runterkomme. An guten Tagen sogar aufrechten Ganges.

Albern, das mühselig lernen und immer wieder üben zu müssen?
Willkommen in meiner Welt …