Traumfrau

Die weise Hebamme aka Psychotherapeutin im Nachbarort hat mir vorgeschlagen, über meine Träume zu sprechen.
Zwar glaube ich durchaus, dass manche unserer Träume uns etwas sagen wollen, und ich schreibe sie schon seit vielen Jahren auf, aber jetzt bin ich skeptisch.
Traumdeutung? Ich weiß ja nicht …
Andererseits: Warum nicht? Ein Versuch kann ja nicht schaden!

Ich übersetze einen meiner Träume, der mir interessant erscheint, ins Französische und drucke den Text aus. Um meinen Traum zu erzählen, müsste ich nicht nur die neuen Vokabeln pauken, sondern mir auch diverse grammatische Verwicklungen merken. Ich müsste den Text quasi auswendig lernen.
So geht es schneller.

Das Gespräch führen wir nach wie vor hauptsächlich auf Englisch. Das ist mühsam, weil wir dann beide nicht unsere Muttersprache nutzen und immer wieder durch Rückfragen klären müssen, ob wir einander richtig verstanden haben. Aber ich bin schon froh, dass wir überhaupt eine gemeinsame Sprache sprechen!

Der weitere Verlauf ist völlig anders, als ich mir das vorgestellt hatte.
Ich hatte irgendetwas in Richtung „Wenn Sie von einem weißen Pferd träumen, dann bedeutet das, dass sie ein problematisches Verhältnis zu ihrem Vater haben!“ erwartet; in etwa das, was in Zeitschriften gleich links von den Horoskopen zu lesen ist.
Unterdessen beschämt mich mein mangelndes Zutrauen in ihre Fähigkeiten.

Wir gehen den Traum ganz langsam, Schritt für Schritt durch und sie stellt mir Fragen dazu:
Erkenne ich Personen oder Orte wieder? Kann ich sie beschreiben? Habe ich eine solche Situation schon einmal erlebt? Was fällt mir ein, wenn ich an ein bestimmtes Detail denke?
Es ist sozusagen freies Assoziieren entlang des roten Fadens meines Traumes und ich bin überrascht, wie viele Erinnerungen dabei auftauchen.

Je intensiver ich mich mit meinen Träumen beschäftige, desto detaillierter wird meine Erinnerung daran. Dass ich sich wiederholende Träume habe, weiß ich schon lange, aber erst jetzt fällt mir auf, wie viele Details immer wieder auftauchen. Gleichzeitig beobachte ich, dass die regelmäßig wiederkehrenden Träume jetzt andere Verläufe nehmen – ganz so, als würde mein Handlungsspielraum sich vergrößern.

Unsere Gespräche über diesen Traum, die sich über mehrere Sitzungen hinziehen, sind eher unterhaltsam, als schmerzlich. Oft muss ich selbst im Englischen Hände und Füße zur Hilfe nehmen, um mich verständlich zu machen. Wir lachen viel.
Ich mag die weise Hebamme gut leiden und fühle mich sicher bei ihr.
Dennoch bekomme ich mit der Zeit mehr und mehr Angst vor unseren Treffen.

Bei einem der letzten Termine schaffe ich es gerade so eben, Contenance zu wahren, solange ich im Wartebereich sitze. Kaum schließt sich die Tür hinter mir, bekomme ich eine der heftigsten Panikattacken meines Lebens.
Sie rät mir, loszulassen, der Attacke ihren Lauf zu lassen.
Und ich antworte „Wenn ich das tue, bricht alles auseinander. Dann werde ich verschwinden.“

Nach meinen Treffen mit der weisen Hebamme suche ich stets einen weisen Mann auf: Es ist der Physiotherapeut, dessen Behandlungsräume gleich neben ihrem liegen.
Ich kenne ihn schon seit einigen Jahren. Er spricht ausschließlich Französisch, ist aber in der Lage, meine Beschwerden mit seinen Händen zu orten, selbst wenn ich sie nicht beschreiben, sondern nur mit dem Finger dahin deuten kann, wo es wehtut.
Er ist „eingeweiht“: Er weiß, dass ich gerade aus der Psychotherapie komme und unter Umständen in schlechter Verfassung bin.

Manchmal „berührt“ er das Trauma in meinem Körper, dann bekomme ich Angst, mir wird übel, oder ich beginne zu dissoziieren. Die weise Hebamme hat ihm erklärt, dass das passieren kann.
In solchen Momenten rede ich mir selbst gut zu: Dass wir diesen Mann schon lange kennen. Dass er weiß, was er tut, und wir ihm vertrauen können. Das hilft.

An diesem Tag bitte ich ihn, einfach irgendetwas zu tun, damit ich ruhiger werde.
Er hilft mir, entspannt und tief zu atmen.
An besseren Tagen übt er während der Behandlung Französisch mit mir.

Überflüssig zu erwähnen, dass ich nicht mehr selbst Auto fahre: Ich muss mich fahren lassen.

Über die Zeit lässt die Angst vor den Therapiesitzungen nach und ich sehe meinem nächsten Termin geradewegs gelassen entgegen.
Abgesehen davon allerdings, dass es mir gelingt, mich so geschickt im der genauen Uhrzeit zu irren, dass es mir um ein Haar gelungen wäre, nur zur Physiotherapie zu müssen.

Eine halbe Stunde immerhin haben wir noch!
Die weise Hebamme beginnt, mir ihre Interpretation meines Traumes zu schildern.
Dann geht alles ganz schnell: Tränenausbruch, Schnappatmung, der Tinnitus kreischt in meinen Ohren, so dass ich sie kaum noch hören kann. Ich bekomme einen Tunnelblick, an den Seiten wird es schwarz. Und ich spüre, wie ich neben meinen Körper trete. Ungefähr so, als sei ich mein eigenes Lenorgewissen, allerdings habe ich Sorge, dabei vom Stuhl zu fallen.

„Loslassen“ kann ich das nicht, aber ich bemühe mich, nicht die Luft anzuhalten, sondern wenigstens in Bruchstücken rauszuquetschen, was mir passiert.

Mir kommen in diesem Moment keine Erinnerungen ins Bewusstsein, es überwältigen mich keine Emotionen … ich bin nur Körper. Und – als die Attacke abklingt – absolut ratlos.
Ich begreife überhaupt nicht, was mir da passiert ist!

Traumata vererben sich über mehrere Generationen.
An vieles habe ich keine Erinnerung, aber sie steckt in meinem Körper.
Insofern scheint es mir folgerichtig, dass die „Aufarbeitung“ ebenfalls in meinem Körper vonstatten geht.
Danach fühle ich mich sehr ruhig. Und ich bin unglaublich müde.
So müde, dass ich auf der Liege des Physiotherapeuten beinahe einschlafe.

Das, was wir bis zu diesem Moment besprochen haben, war übrigens lediglich der Beginn eines langen, detailreichen Traumes.
Der Beginn einer Mischung aus Geister- und Achterbahnfahrt.

Spinne, Rabe, Känguru

Mir schwant nichts Gutes, als am Tag des Online-Workshops zur Einführung in die Arbeit mit inneren Anteilen böiger Wind aufkommt …
Unser Tun und Lassen wird weit über landwirtschaftliche Belange hinaus vom Wetter bestimmt: Bei Gewitter ist stets mit Stromausfällen zu rechnen, bei starkem Wind bläst es uns das Internet weg …
In der Küche ist eingeheizt, Yogamatte und Kuscheldecke einerseits, Papier und Stifte andererseits liegen bereit … und ich komme nicht über die Einleitung hinaus, erfahre gerade eben, was ich erfahren würde, wenn ich denn online bliebe
Das erinnert schon ein bisschen an die Zeiten, als Funksprüche auf die Informationen zwischen all dem „rrrrks“ und „knacks“ abgehört wurden …

Gasthaus“ schnappe ich auf, „Anteile treffen“ … „drei auswählen“ …
Bei angeleiteten Meditationen gibt es immer wieder Pausen des Schweigens – die Meditierenden sollen sich ja auf ein Bild, eine Frage oder dergleichen fokussieren und nicht einfach zugeschwallt werden. Ich versuche, die Länge der Pausen einzuschätzen und spinkse hin und wieder zur Kamera und ihrem Lämpchen:
Grün … grün … aus!
Dann wechsle ich von der Yogamatte auf den Küchenstuhl und versuche, die Götter des Internets gnädig zu stimmen. So kann ich nicht meditieren!

Manchmal bleibt die Verbindung zwar erhalten, aber das Bild friert ein und ich höre nichts. Es gelingt mir, Bröckchen des Theorieteils zu erhaschen. Aber den größten Teil der Zeit sitze ich einfach frustriert und gelangweilt vor dem Rechner.

Einem Teil meiner Anteile bin ich ja schon begegnet … zur Not kann ich sicher drei aussuchen, mit denen ich später arbeiten möchte.
„Nicht ausgerechnet gleich die schwierigsten“ … soviel immerhin habe ich mitbekommen. Aber so oft ich im Hundetraining auch gepredigt habe, dass wir immer vom Leichten zum Schwierigen trainieren: Ich konnte mich noch nie an meine eigenen Ratschläge halten.

„Du bist einfach nur faul und undiszipliniert!“ habe ich unterdessen an anderer Stelle gelernt, ist womöglich die Stimme eines täternahen, täterloyalen Anteils, oder ein sogenanntes Täterintrojekt. Das Wort „Täter“ ist, finde ich, an dieser Stelle missverständlich, weil zumindest ich an „Täter“ im Sinne von „Straftäter“, „Gewalttäter“ denken muss, was so aber gar nicht zwingend gemeint ist. „Täter“ können zum Beispiel auch einfach Elternteile sein, die ihrerseits instabil, nicht zuverlässig ansprechbar und schützend sind. „Auslöser“ oder „Verursacher“ wäre vielleicht passender.
Mein allererster Therapeut hat mir mal erklärt, man spreche in der Therapie nicht von Schuld, sondern von ursächlicher Beteiligung. Irgendwie so …

Ein solcher Anteil wertet nicht, sondern hält dem ursächlich beteiligten Menschen die Treue, beschützt ihn und generiert so Nähe und Sicherheit. Täternahe Anteile verzeihen dem Täter – allerdings nicht aus einer friedfertigen, heilenden Haltung heraus:
(„Ein kleiner Klaps hat noch niemandem geschadet!“ wäre ein ganz typischer Ausspruch eines solchen Anteiles).
Es sind außerordentlich starke Anteile, deren Entstehen dem Überleben dient: Sie sind hart gegen „sich“ selbst und verhindern den Zusammenbruch des Systems, indem sie schwächere, verletzbare Anteile beschützen.

Das Thema windet sich wie ein Aal, so richtig bekomme ich es noch nicht zu fassen* – ähnlich wie bei „Dissoziation“ und „Glaubenssatz“, werde ich wohl einfach warten müssen, bis mein Verstand die Information in einer Form vorfindet, die er für „verdaulich“ hält.
Aber gestolpert bin ich nun einmal darüber und das Detail „hat dem Täter verziehen“ hat mich kurzerhand von den Füßen geholt.

* Eine recht gute Erklärung findet sich hier: https://www.youtube.com/watch?v=mhVt3r_7aWc

Im Hier und Jetzt sitze ich immer noch vor dem Rechner. Nichts tut sich.
„Täterintrojekt“ sinniere ich … „TI“ … „T“!
T ist eine von Taras Persönlichkeiten in „Taras Welten“, sie trägt ein „T.“ Tattoo auf dem Po.
Mein Blick fällt auf die bereitgelegten Stifte.
Ich beginne, ein pinkfarbenes T zu zeichnen.
Seit Jahren habe ich nicht zu zeichnen versucht: Durch die Makuladegeneration verschwindet alles, was ich direkt anschaue, hinter einer grauen Fläche und auch mit meiner Feinmotorik steht es grad nicht zum Besten.

Dementsprechend krakelig fällt mein T aus. Trotzdem habe ich Lust, aus dem Punkt ein Herzchen zu machen und das T selbst auch noch mit Lila zu dekorieren.

Mit meiner Angst sollte ich vielleicht auch einmal ein Wörtchen reden …
Es gibt eine Sorte Spinnen, die ich für mich „Eckenspinnen“ nenne, weil sie gern in Ecken sitzen. Sie bestehen fast nur aus Beinen und sind so hauchzart, dass man sie kaum sieht. Erschrecken sie, beginnt der ganze Körper zu beben. Bei Gefahr rennen sie eilig davon.
Beim Staubsaugen achte ich immer sehr darauf, ihnen reichlich Vorsprung zu lassen, damit ich sie nicht versehentlich aufsauge.

Die Eckenspinne gelingt schon besser.

Außerdem, fiel mir auf, weiß ich gar nicht, wer Aglaia eigentlich ist …
Für sie möchte ich einen Raben zeichnen.
Um Raben ranken sich zahlreiche Mythen – sie gelten als Unglücks- oder gar Todesboten, ursprünglich aber auch als Bringer des Lichts.
Der germanische Gott Odin führte stets zwei Raben, Munin und Hugin, mit sich, die er jeden Tag ausschickte, um zu erfahren, was in der Welt Wichtiges geschah.Im Mittelalter galten Raben als Begleiter von Hexen.
Schon als Kind habe ich mir einen zahmen Raben erträumt und der Anblick „unserer Raben“ weckt, wenn sie über dem Hof kreisen, immer mal wieder eine gewisse Begehrlichkeit.
Als ich versuche, einen Raben zu „sehen“ (man kann nicht zeichnen, wovon man keine genaue Vorstellung hat) fällt mir Wilhelm Buschs Hans Huckebein ein, seine Vorliebe für Alkohol und sein unwürdiges Ende …

Zurück zum Bild eines beeindruckenden Rabenvogels!
Leider gelingt mir lediglich eine schwarze Friedenstaube mit großem Schnabel …

Zu meinem Selbst will mir zunächst so gar nichts einfallen, also schreibe ich einfach ein dünnes „Selbst“ auf das entsprechende Blatt.
Wie sich zeigt, habe ich trotz der „Funkstille“ alles richtig gemacht: Wir hätten den Namen oder ein Stichwort für den jeweiligen Anteil auf ein Blatt schreiben sollen, Zeichnungen werden normalerweise später angefertigt.
Die Blätter werden auf dem Fußboden ausgelegt: Auf dem „Selbst“ stehen wir, die Anteile liegen vor uns. Ganz kurz höre ich eine Stimme aus dem OFF, die das extrem albern findet.
In (oder eben auf) unserem Selbst können wir uns verankern: Sollte der Kontakt mit einem der Anteile schwierig werden, können wir zu uns selbst zurückkehren.
Ich stehe stabil, ganz leicht im Knie und erinnere mich an einen Ratschlag, den ich einmal gelesen habe: Stell dir vor, du hättest einen langen, muskulösen Schwanz, mit dem du dich zusätzlich auf dem Boden abstützen kannst.
Und mir wird klar: Ein Känguru!
Das Bild für mein Selbst ist ein Känguru. Und es trägt Boxhandschuhe.

Nun sind wir eingeladen, uns „auf“ den Anteil zu stellen, mit dem wir in Kontakt treten möchten.

Ich hatte mit T beginnen wollen, bekomme aber plötzlich solche Angst, dass ich es sinnvoller finde, mich zuerst auf die Eckenspinne zu stellen. Kaum dort angekommen, beginne ich zu weinen. Es ist ein Weinen, das ich von mir gar nicht kenne: Ich selbst verkrampfe mich dabei, ziehe die Schultern hoch, halte die Luft an – hier weint jemand ganz entspannt.
Und rät mir, einmal zu schauen, ob meine Höhenangst womöglich etwas damit zu tun hat, dass ich nicht „zu hoch hinaus wollen“ darf.

Nach einer Verschnaufpause bei mir selbst, versuche ich, Kontakt zu T aufzunehmen.
Im ersten Moment habe ich das Gefühl, mich übergeben zu müssen.
Dann: Nichts. Keine Reaktion.
Erst als ich zu meinem Selbst zurückkehre, spüre ich einen deutlichen Schub von hinten, als solle ich wieder zu T hin …
Das wird – wenn auch nicht jetzt sofort – mit Sicherheit passieren.
„Vielleicht“, schießt mir durch den Kopf, „freut sie sich für’s Erste einfach, dass ich ihr ein Bild gemalt habe.“.

Nun zu Aglaia.
Ich bekomme sofort heftige Schmerzen in der linken Körperhälfte. Vom Kopf bis zu den Füßen – sogar die Zähne tun weh. Ansonsten schweigt sie.
Der größte Teil der Anleitung zum Umgang mit meinen Anteilen, ist leider an mir vorbeigerauscht – da war was, aber ich erinnere mich nicht …
Nur daran, dass ich meinen Anteilen einen guten Wunsch senden kann.
Aglaia, von der ich glaube, dass mit ihr auch die bleierne Schwere einhergeht, die es mir manchmal unmöglich macht, mich auch nur im Bett aufzusetzen, wünsche ich, dass ihr Flug gelingen möge.

Flöhe hüten

Die letzten Tage waren alles andere als einfach.
Die Ataxie nach einer entzückenden Romanfigur „Laufente Lisbeth“ zu nennen, kommt meiner Neigung, die Dinge möglichst von der heiteren Seite zu nehmen, entgegen, aber ganz so lustig, wie es klingt, ist es nicht, wenn man tatsächlich Bewegungs- und Koordinationsstörungen hat.
Ich muss höllisch aufpassen, nicht zu stürzen, hebe Tassen und Gläser vorsichtshalber mit beiden Händen zum Mund und übe mich in Gelassenheit, wenn mir der Käse zum dritten Mal vom Brot fällt.

Meine Anteile beginnen sich zu zeigen – nicht nur, wenn sie in der Meditation dazu eingeladen sind, sondern bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit.
Natürlich materialisieren die sich nicht einfach. Und ich höre auch keine Stimmen … jedenfalls nicht wirklich.
Eigentlich – vermute ich jedenfalls – wissen wir alle, wie das ist : „Ich habe auch eine sehr fürsorgliche Seite“, „ich habe eine kreative Ader“ und ähnliche Beschreibungen klingen ja – ebenso wie die „zwei Seelen, ach!“ – nicht unvertraut. Und wir erinnern uns manchmal so lebhaft an die Worte einer Lehrerin oder unseres Großvaters, dass wir sie regelrecht hören können.
Wer alt genug ist, sich noch an das „Lenor-Gewissen“ zu erinnern, weiß, mit welcher Selbstverständlichkeit dieses Bild verstanden wurde und wird.
Meine Anteile scheinen halt … sagen wir … besonders eigenständig unterwegs zu sein.

Nachdem ich bereits verstanden habe, dass, wenn „produktiv“ und „kreativ“ sich verabredet haben, die Ärmel hochzukrempeln und gemeinsam ein Chaos in der Küche zu veranstalten, jemand, dem genau das nicht geheuer ist, sich nicht anders zu helfen weiß, als meinen Blutdruck in die Höhe zu jagen, bemühe ich mich, Ausgleich zu schaffen.
Wir nehmen mal eines der fünf Projekte in Angriff, wir machen das ganz in Ruhe und wir hören dabei einen Krimi (etwas vorgelesen bekommen mögen alle, Krimis die meisten und „das Kind in mir will achtsam morden“ passt einfach wie die Faust auf’s Auge). Das funktioniert.

Aber es ist auch wahnsinnig anstrengend!
Ich kann schließlich nicht jedes Mal, wenn jemandem – Entschuldigung! – ein Pups quer sitzt, eine halbe Stunde lang meditieren, ich muss das irgendwie on the fly koordiniert kriegen.
Und es sind ja nicht nur diese drei: Nach dem Motto „Wehe wenn sie losgelassen“ machen sich potentielle Anteile, Erinnerungen und Glaubenssätze in einem kunterbunten Durcheinander bemerkbar. Zuweilen ist es, als wären die Teile mehrerer Puzzles in eine Schachtel geraten.
Kein Wunder eigentlich, dass in solchen Momenten die (Fein)motorik leidet – das stockt und ruckelt dann wie bei einem Fuhrwerk, in dem jedes Pferd in eine andere Richtung losrennen will.

Immerhin: Es geht voran!
Mit dem Stichwort „Glaubenssatz“ ging es mir sehr ähnlich, wie mit „Dissoziation“ auch: Die Botschaft hörte ich wohl, allein sie kam nicht an … Da musste erst der erwähnte Krimi kommen, der die Information quasi nebenbei einsickern ließ:
Glaubenssätze entwickeln wir in der frühen Kindheit, wenn wir noch ganz und gar abhängig von unseren Eltern sind. Sie erklären uns entweder, warum unsere Bedürfnisse nicht erfüllt wurden („ich bin schlecht, ich habe das nicht verdient“), oder aber, was wir tun müssen, um vor den Augen unserer Eltern zu bestehen.
Da wir diese Sätze tief verinnerlicht haben, handeln wir danach, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Neulich hab ich beim Anblick der Wasserflasche auf dem Küchentisch bemerkt, wie durstig ich bin, gleichzeitig aber gesehen, dass die Spülmaschine zu Ende gelaufen war. Und wie selbstverständlich wollte ich diese erst einmal ausräumen, bevor ich etwas trinke.
„Was zur Hölle? Ich hab Durst! Was macht es schon, wenn ich zuerst etwas trinke?“

Ab diesem Moment habe ich angefangen, darauf zu achten, wie ich mit meinen eigenen Bedürfnissen umgehe. Und tatsächlich: Bevor ich mir eines erfülle, erledige ich stets erst irgend etwas anderes.
Kurz darauf hab ich die Worte dann auch klar und deutlich hören können: „Nicht immer alles sofort!“.
Wieder in einer Situation, in der ich Durst hatte. Diesmal allerdings angesichts einer gut gekühlten Flasche köstlichen Wasserkefirs.
Der musste – zugegeben – sehr vorsichtig geöffnet werden, ergo „Nicht immer alles sofort – du kannst Wasser trinken, wenn du jetzt Durst hast!“.
Ich war so empört, dass ich laut geantwortet habe: „Lass das doch mal! Wenn ich verdammt nochmal jetzt Wasserkefir trinken will, dann darf ich das auch!“.

Gesagt, getan.
Okay … die Flasche zu öffnen, war ein riskantes Unterfangen und ist schiefgegangen – gegen Wasserkefir ist selbst gut geschüttelter Champagner ein Niemand. Was sich nicht in der Küche verteilt hat, war dann aber wirklich lecker!
Explosiver noch war die Reaktion meines Körpers: Ich hatte das Gefühl darin regelrecht umhergeschleudert zu werden. Konfrontationskurs scheint als Taktik nur semi-geeignet zu sein …

Also hab ich zu überlegen begonnen, wann dieser Satz hilfreich für mich ist.
Er macht es mir leicht, zwischen den Mahlzeiten nicht zu naschen – darum mag der eine oder die andere mich durchaus beneiden.
Er bewahrt mich vor Spontankäufen: Bei teuren Wünschen kriege ich es mitunter fertig, über Jahre abzuwarten, ob ich etwas wirklich haben möchte. Manche Begehrlichkeit gerät darüber sicher in Vergessenheit, aber mit den Dingen, die ich letztlich tatsächlich kaufe, bin ich dann meist auch hochzufrieden.
Hier habe ich sozusagen Verhandlungsspielraum: Grundbedürfnisse werden zukünftig unverzüglich erfüllt, bei kostspieligen Wünschen soll und darf der Satz geschätzter Ratgeber bleiben.

Was ich gegen das innerliche Zittern, das Gefühl des umhergeschleudert Werdens tun kann, lehrt mich die weise Meditierende: Körperübungen wie Schütteln oder Klopfen geben mir das Gefühl zurück, in meine Haut hineinzupassen.

Dann allerdings, als ich gerade zu hoffen beginne, mit meinen Bemühungen auf einem richtig guten Weg zu sein, meldet sich ein Teil von mir zu Wort, den ich zwar nur zu gut kenne, aber so wenig leiden kann, dass ich ihn beim Einrichten meines Gasthauses sogar dann noch ignoriert habe, als er höchstpersönlich erschienen ist. Soviel zum Thema „ich mag meine Anteile willkommen heißen“ …

Es ist der Teil, der mich undiszipliniert und faul findet. Schon immer fand. Der den ganzen Quatsch mit Depression und Angststörung nie geglaubt hat. Der sich ganz sicher ist, dass ich mir meine Schmerzen lediglich einbilde, die neurologischen Erscheinungen simuliere. Und jetzt auch noch Persönlichkeitsanteile: Is klar!
Dieser Teil findet mich nicht undiszipliniert und faul, er weiß das! Und brüllt mit diesem Wissen alles nieder, bis ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann.


Bei meinem nächsten Gespräch mit der weisen Hebamme breche ich in Tränen aus, kaum dass ich „Bonjour“ gesagt habe.
Ich bemühe mich, hervorzuwürgen, was mir widerfahren ist. Es ist mühselig und frustrierend, das nicht in meiner Muttersprache tun zu können – stattdessen wechseln wir ständig zwischen Französisch und Englisch, je nachdem, wo wir uns gerade beide des Vokabulars sicher sind – aber es verschafft mir auch ein wenig Distanz, so dass es mir leichter fällt, mich zu beruhigen.
Auch der Umstand, dass sie mir ganz und gar unaufgeregt und entspannt zuhört, tut mir gut.

Dafür, dass ich in der Meditation Dinge sehe, meint sie, seien zwei Gründe denkbar: Es könne sich um Erinnerungen aus meiner Familiengeschichte handeln, oder aber – ähnlich wie in Träumen – um Botschaften meines Unterbewusstseins.
Bezüglich der Stimme, die mir erklärt, undiszipliniert und faul zu sein, schlägt sie vor, diese nicht als Teil meiner selbst zu sehen, sondern als Teil meiner Erkrankung, eine Energie, die – einstmals überlebensnotwendig – aus der Vergangenheit bis in meine Gegenwart hinein gewirkt hat, und nun ihre eigene Daseinsberechtigung, ihr eigenes Überleben gefährdet sieht. Und deswegen mit aller Gewalt um sich schlägt.

Auch dieser Teil ist zu jemandes Schutz entstanden, denke ich mir, wenn auch nicht zu meinem: Scheint, ich habe ihn geerbt …
Und ich bin mir durchaus nicht sicher, ob dieses Erbe mir ausschließlich zum Nachteil gereicht: Es könnte ja durchaus dieser Anteil sein, der mich in Krisensituationen völlig gelassen bleiben lässt, der mich befähigt, durchzuziehen, was ich einmal angefangen habe. Der Teil von mir, den andere „mutig“ finden, wenn ich nur tue, was mir unvermeidbar scheint.

Ich sollte ihm danken, finde ich.
Ich erweitere mein Gasthaus um eine Veranda, auf welcher eine alte Dame auf einem Schaukelstuhl sitzend und Erbsen pulend die Abendsonne genießen kann – yup! Rita Mae Brown lässt grüßen! „Jacke wie Hose“ um genau zu sein …
Vielleicht kann dieser Teil von mir sich nach und nach mit der Idee anfreunden, in den Ruhestand zu gehen. Im Fall der Fälle kann er ja immer noch die Ritterrüstung aus dem Schrank holen.

Versuch’s doch mal mit Yoga!

Dieser Text ist einer lieben Freundin gewidmet, der Yoga schon so oft empfohlen wurde, dass sich ihr Nackenfell bereits bei „Yo …“ zu sträuben beginnt.

„Versuch’s doch mal mit Yoga!“ kommt gleich nach „Ausdauersport ist gut gegen Depressionen!“ und „sorg mal ein bisschen für dich, sei nett zu dir selbst: wie wäre es mit einem schönen, duftenden Schaumbad?“ …
Ausdauersport, vulgo „Joggen“ – das habe ich bestimmt mal erzählt – ist bei mir schon daran gescheitert, dass ich beim Anziehen der Socken in ein Dimensionstor geraten bin: Eine halbe Stunde nach dem Entschluss, mich anzuziehen, war Socke Nummer eins immer noch nicht am Fuß. Das Schicksal von Socke Nummer zwei liegt bis heute im Dunklen …

Aber die Nummer mit dem Schaumbad hab ich ausprobiert!
Das volle Programm: Brühheißes Wasser, reichlich duftender Schaum, Kerzen auf dem Wannenrand, eine Handvoll auf Vorrat gedrehter Zigaretten (da hab ich noch geraucht), ein heiterer Roman (Bridget Jones – damals bin ich wirklich vor nichts zurückgeschreckt) und – aber echt nur ganz ausnahmsweise! – ein Fingerbreit Whisky (Sekt war aus).
Hat’s nicht gebracht.

In die Sonne, oder eben in die Badewanne gehen, Sport treiben etc. ist natürlich auch für solche Menschen gut, die zu Depressionen und Ängsten neigen. Mit der Betonung auf neigen: Während einer Depression kann es schon eine erhebliche sportliche Herausforderung sein, das Bett zu verlassen, sich anzuziehen und sich einigermaßen regelmäßig zu waschen. Und tatsächlich gibt es Formen der Depression, bei denen all das nicht hilft. Wirklich nicht. Überhaupt gar kein Bisschen. Trotzdem ständig dazu aufgefordert zu werden, womöglich mit vorwurfsvollem Unterton („wenn du das nicht machen willst, bist du ja schon irgendwie selbst schuld …“) macht es nicht besser.


Warum ich dennoch Yoga praktiziere

Vor einigen Jahren habe ich begonnen, mich mit dem Thema „Achtsamkeit“ bzw. „MBCT – Mindfulness Based Cognitive Therapy (achtsamkeitsbasierte Verhaltenstherapie) zu befassen, wozu ein allmorgendlicher Bodyscan gehörte.

Rückblickend denke ich, zumindest für den Bodyscan war es noch zu früh: Ich habe die lebhafte Reaktion meines Körpers auf meine Versuche, seiner gewahr zu sein, zwar zur Kenntnis genommen, konnte aber nichts damit anfangen.
Zur Unterstützung der Übungen wurde Yoga empfohlen, genau gesagt: bestimmte Yoga Übungen.

Als kurz darauf im Dorf ein Yoga-Kurs angeboten wurde, hab ich nicht lange gefackelt.
Nicht, weil ich das unbedingt gewollt hätte. Ich fand, das sei Kismet: Der maximal unwahrscheinliche Umstand, dass irgendwo im Nirgendwo just dann ein Yogakurs angeboten wurde, als ich darüber nachdachte, einen zu besuchen. Sowas verpflichtet …
Und das Universum war mit mir: Wie der Zufall es wollte – aber das ist mir erst sehr viel später klargeworden – wurden dort genau die Übungen unterrichtet, die ich brauchte.
Heute weiß ich, dass es sich bei dem, was ich gelernt habe und immer noch lerne, um traditionelles und sehr kleinschrittig aufgebautes Hatha-Yoga handelt, damals war mir das – ehrlich gesagt – vollkommen schnuppe, da hatte ich ganz andere Sorgen.

Den Hof zu verlassen um ganz allein unter lauter fremden Menschen, deren Sprache ich nicht beherrschte, an ganz egal was teilzunehmen, hat mir anfangs solche Angst eingejagt, dass ich mit nichts anderem beschäftigt war. Trotzdem war es nicht einfach Erleichterung, was ich empfunden habe, wenn ich das Training wieder einmal überstanden hatte, sondern ich habe mich leicht und fröhlich gefühlt. Irgendetwas hat Yoga bewirkt, soviel war klar.
Und irgendetwas ist auch passiert, wenn ich das Training – zum Beispiel während der Schulferien, wenn der Kurs nicht stattfand – „geschlabbert“ habe. Dann bin ich regelmäßig in die Depression abgerutscht.
Gleichwohl war nicht alles eitel Sonnenschein, nicht alle Erfahrungen leicht und fröhlich: Yoga kann alte Emotionen berühren und aktivieren, die wir zwar aus unserem Bewusstsein eliminiert haben, die der Körper aber dennoch in Erinnerung behält. Die Tränenausbrüche und Panikattacken, die das Training auf diese Weise auszulösen vermag, fühlen sich höchst gegenwärtig an – ganz egal, wie alt die Erinnerungen auch sein mögen.
Bei mir war es insbesondere eine bestimmte Übung, die aus just diesem Grunde bis heute die „tränenreiche Torsion“ heißt – auch wenn sie unterdessen zu meinen liebsten Routinen zählt.

Anfangs also war Yoga ein Mittel im Kampf gegen meine Angst, später dann gegen die Depression. Als ich zunehmend unter Schmerzen zu leiden begann, habe ich die Übungen genutzt, um diese ertragen zu lernen: Selbst wenn es mir die Tränen in die Augen getrieben hat – es war immer noch möglich, zu atmen und mich zu entspannen, es gab immer noch etwas jenseits der Schmerzen.
Mittlerweile sind die Übungen fester Bestandteil meines Alltags und seit ich die passenden Medikamente bekomme, mache ich tatsächlich auch Fortschritte.

Mit den anmutigen Flows, die ich – zugegeben – hin und wieder selbst gerne bei Youtube bestaune, hat mein Tun dennoch nicht mehr gemeinsam, als dass beides auf einer Matte stattfindet.
Die Arbeit – die weise Yogini spricht tatsächlich von travail – findet in der Haupsache im Körper statt, mit viel hinein atmen, sich Millimeter für Millimeter in eine Haltung hinein entspannen, in sich hinein fühlen. Wenn die angestrebte posture dabei zunächst nur angedeutet wird, ist auch das in Ordnung und falls selbst das nicht möglich sein sollte, kann die Übung immer noch mental ausgeführt werden.
Gelegentlich ist mir schon der Verdacht gekommen, dass das der Grund ist, warum beim Training die Augen geschlossen werden: Damit ich nicht sehen muss, dass die Kniekehlen meiner gefühlt durchgestreckten Beine immer noch eine Handbreit vom Boden entfernt sind …
Andererseits schaffe ich es mittlerweile, Positionen zu halten, aus denen ich anfangs wie ein nasser Sack herausgeplumpst bin.

Als ich nun erfahre, dass Hatha-Yoga insbesondere in der Trauma-Therapie empfohlen wird, bitte ich die weise Yogini, mich bei meinen Bemühungen diesbezüglich zu unterstützen.
Außerdem hat mich dann doch ein gewisser Ehrgeiz gepackt: Ich hab versucht, mir selbst ein paar weitere Asanas beizubringen und möchte, dass sie draufschaut, ob ich alles richtig mache.

Ihr Gesichtsausdruck, als ich erzähle, dass ich Youtube-Videos anschaue, um mehr über Yoga zu lernen, ist schwer zu deuten, entspannt sich aber, bilde ich mir ein, als ich versichere, die Flows wirklich nur anzugucken
Sie hört sich geduldig an, was ich an Anregungen im Internet und in meinem dicken Yoga-Buch gefunden habe und lässt mich mehr als einmal wissen „Wenn du das Prinzip verstanden hast, kannst du das so machen! Dann kannst du alles so machen, wie du möchtest!“ …
Dann fragt sie, wo genau ich eigentlich die meisten Schmerzen habe und bittet mich, ihr zwei ganz unspektakuläre Übungen, die zu den absoluten Basics gehören, einmal vorzuführen.
Was es bedeutet, Wirbel für Wirbel abzurollen, habe ich schon im Schulsport gelernt – heute lerne ich, wie es ist, wenn jemand guckt, ob wirklich jeder einzelne Wirbel tut, was er soll …
Und siehe da: Das sind nicht nur die Stellen, die wehtun, sondern auch die, die ich beim Bodyscan nicht erreichen kann. Die Platte an der Stelle, wo mein Dekolletee sein sollte zum Beispiel.
Da rollt genau gar nix …

Während ich mich mit vor Anstrengung zitternden Muskeln bemühe, meine Rückenwirbel durchzuzählen, lösen sich meine Ambitionen, grazile Asanas einzunehmen, dezent in Luft auf: Ich möchte, dass die weise Yogini nach und nach alles, was ich bereits zu können geglaubt habe, noch einmal genau in Augenschein nimmt.

Der Moment der Wahrheit kommt, als sie mich fragt, ob ich auch Pranayama, die Atemübungen, praktiziere.
Ähm … ja … also … theoretisch schon! Ich nehme mir täglich vor, sie regelmäßig zu üben! Also: Ab morgen …
Tatsache ist: Ich hab enorme innere Widerstände!
Was die weise Yogini nicht überrascht: Traumata manifestieren sich im Körper und können daher die Atemübungen extrem erschweren.
Aber, sagt sie: Ohne Pranayama ist es kein Yoga!
Wir einigen uns darauf, dass ich in winzig kleinen Schritten noch einmal ganz von vorn beginnen werde.
Ich komme dieser Verpflichtung nach, weil ich weiß, sie wird fragen beim nächsten Mal … aber rechte Begeisterung will sich nicht einstellen. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass es „Übung“ heißt, weil man es üben soll – nicht weil man es gleich kann.

Außerdem, bringt sie mir schonend bei, sind auch Asanas und Pranayama lediglich ein kleiner Teil dessen, was Yoga umfasst. Ich bin fasziniert – auch und vor allem, weil sie zu leben scheint, wovon sie da erzählt – und mag mehr darüber lernen.
Ganz gleich, wie weit ich auf diesem Weg kommen mag: Ich bin sicher, ich gehe in die richtige Richtung!

Also doch „versuch’s mal mit Yoga!“?

Ich muss zugeben, dass ich an diesem Punkt wirklich an mich halten muss!
Mittlerweile nutze ich Yoga weniger, um Schmerzen ertragen zu lernen, sondern um sie zu lindern. Ich kann beginnende Depressionen einfangen, mich selbst zur Ruhe bringen und beginne, mich in meinem Körper mehr und mehr zu Hause zu fühlen.
Natürlich gönne und wünsche ich das auch anderen!

Ich glaube außerdem fest, dass, wer bereits über eine gewisse Routine verfügt, es schafft, sich zur Not vom Sofa auf die Matte plumpsen zu lassen, um da wenigstens den „toten Mann“ zu machen. Wenn’s gut läuft vielleicht auch noch ein, zwei andere Übungen, bei denen man bloß daliegt und atmet. Und ja: Schon das hilft!

Ich muss allerdings auch einräumen, dass ich erst einmal für geraume Zeit eine Art Eremitinnen-Dasein führen musste, bevor an „Yoga-Kurs“ überhaupt zu denken war.
Und ja: Ich hab ein Riesenglück gehabt, genau diesen Kurs bei genau dieser Lehrerin zu finden! Trotzdem musste ich mehrere Jahre daran teilnehmen, bevor ich die Wirkung so recht genießen konnte.

Jahaha, es fällt mir schwer! Es fällt mir schwer, weil ich ja helfen will!
Aber Tatsache ist, dass ich nicht nur den richtigen Yoga-Kurs gebraucht habe, nicht nur die richtige Yoga-Lehrerin, sondern auch den richtigen Moment. Den Moment, in welchem ich bereit war!

Diesen Moment kann ich jedem anderen Menschen nur wünschen!
Verordnen kann ich ihn nicht …

Achtsamkeit mit Hindern … Aglaia

Wir beginnen mit der Geschichte vom Gasthaus, als das wir eingeladen sind, uns unser Dasein vorzustellen: Jeden Tag stehen neue Gäste vor der Tür, die wir einlassen, willkommen heißen und liebevoll bewirten. Diese Gäste können Freude, Momente der Achtsamkeit, aber auch Ärger, Missgunst und unangenehme Erlebnisse sein – wir behandeln alle gleich, lassen niemanden vor der Türe stehen. Denn sie alle wurden aus einem bestimmten Grund aus einer anderen Welt zu uns geschickt.

In der darauf folgenden Meditation haben wir Gelegenheit, diese Form des „Annehmens“ unangenehmer Gedanken und Erfahrungen zu üben – idealerweise zunächst an einem einfachen Beispiel, einem lediglich geringfügigen Ärgernis, oder einem Konflikt, der bereits bereinigt ist, uns aber noch beschäftigt.

Mein Gasthaus stelle ich mit als eine Mischung aus dem Wirtshaus in „Tiger and Dragon“ und der Küche einer Alpe vor, auf der ich selbst gerne zu Gast bin. Und als Übungsobjekt – eingedenk meiner ersten Erfahrung mit einer Meditation über einen schmerzvollen Gedanken – eine kleine Verstimmung, die längst bereinigt ist.
Aber ich liege noch nicht ganz auf meiner Yoga-Matte, da springen auch schon die Schmerzen ein: Aglaia begehrt Einlass!
Nun gut … ich biete ihr gar nicht erst einen Tisch, sondern gleich einen Platz an meiner Seite an. Und spüre im nächsten Moment ihr Gewicht: Von der linken Schulter bis zum Knöchel, als würde jemand auf mir liegen.

Das Gasthaus

Dieses menschliche Dasein ist ein Gasthaus.
Jeden Morgen ein neuer Gast.
Freude, Depression und Niedertracht – auch ein kurzer Moment von Achtsamkeit kommt unverhofft als Besucher.
Begrüße und bewirte sie alle!

Selbst wenn es eine Schar Sorgen ist, die gewaltsam dein Haus seiner Möbel entledigt, selbst dann behandle jeden Gast ehrenvoll.
Vielleicht reinigt er dich ja für neue Wonnen.
Den dunklen Gedanken der Scham und Bosheit – begegne ihnen lachend an der Tür und lade sie zu dir ein.

Sei dankbar für jeden, der kommt, denn alle sind zu deiner Führung geschickt worden aus einer andern Welt.

Rumi, Sufi-Dichter aus dem 13. Jahrhundert

Anschließend lernen wir Mettā kennen, die liebende Güte – eine Form der Achtsamkeit, die ihre Aufmerksamkeit nicht frei von Wertung, sondern explizit freundlich-wohlwollend auf alles Leben richtet.
Geübt wird – wie immer – vom Einfachen zum Schwierigen:
Im ersten Schritt sind wir eingeladen, Sätze der liebenden Güte an uns selbst zu senden, später dann an nahestehende Personen, an solche, denen wir neutral gegenüberstehen und zu guter Letzt auch an die, die uns Schwierigkeiten bereiten.

Sätze der liebenden Güte können zum Beispiel folgende sein:
Möge ich frei sein von Gefahr.
Möge ich glücklich sein.
Möge ich körperlich gesund sein.
Möge ich leicht durchs Leben gehen.

Ich lerne, dass es keine Rolle spielt, ob ich die „ich“, oder die „du“ Form verwende: Ich kann direkt zu mir selbst sprechen, oder aber mir vorstellen, ich spräche zu einer lieben Freundin. Häufig sind wir im Umgang mit FreundInnen sehr viel nachsichtiger und liebevoller, als mit uns selbst …

Ich spreche mit Aglaia. Und ihr Satz der liebenden Güte scheint mir „mögest du dich geborgen fühlen!“ zu lauten. Aber ich mag nicht einfach Formeln wiederholen! Stattdessen verspreche ich ihr, sie zu halten. Immer. Ich gelobe, sie niemals allein zu lassen!
Nie wieder soll sie sich in der Dunkelheit fürchten müssen.

Zum Abschluss versuchen wir uns an einem wohlwollenden Bodyscan, richten unsere Aufmerksamkeit Schritt für Schritt auf unseren Körper, nehmen wahr und liebevoll an.
Aglaia liegt immer noch schwer auf meiner linken Seite. Den Weg auf die Yoga-Matte hat sie gefunden, aber sie kommt nicht gut mit den Unterbrechungen klar, während derer ich weiter am Workshop teilnehmen möchte.

Schon zu Beginn habe ich mich dabei erwischt, dass ich Aglaia mit den Worten „Komm, Mäuschen, leg dich zu mir!“ eingeladen habe …
„Mäuschen“, „Hase“, „Haselmaus“ … so spreche ich sonst die mir anvertrauten Tiere an.
Jetzt, wo wir so Schritt für Schritt meinen Körper erkunden, mag ich sie weiter ermutigen.
Der Bodyscan erfragt, wie mein Gesicht sich gerade anfühlt … und ich frage Aglaia „Hast du schonmal gelächelt? Komm! Probier mal!“.

Gleichzeitig habe ich furchtbare Angst. Was, wenn nicht Aglaia meinen Körper für sich entdeckt, sondern die Schwärze ihn ganz und gar flutet? Was, wenn alles zu viel ist?

Dennoch lade ich sie weiter ein: „Du musst dich nicht an meiner linken Körperseite festkrallen! Rutsch mal rüber nach rechts!
Dieser Körper ist auch deiner!“
„Guck! Dein Lächeln! Deine Arme! Deine Beine!“ …

Am Ende habe ich Schwierigkeiten, von der Yogamatte zurück auf den Stuhl zu klettern, muss mich dazu an Lehne und Tischkante festhalten. Auch das Gehen fällt mir in der nächsten halben Stunde schwer und zum ersten Mal seit Langem komme ich mir wieder wie Laufente Lisbeth vor.
„Logisch!“ denke ich mir dann: „Sie versucht das ja zum ersten Mal …“

NACHTRAG

Ich habe nicht bedacht, dass Aglaia gewohnt ist, sich in Form von Schmerzen mitzuteilen. Darüber wird noch zu reden sein in meinem Gasthaus …

Drei weise Frauen

Mit Achtsamkeitsübungen habe ich mich vor einigen Jahren schon einmal zu beschäftigen begonnen, mich dann aber mit Yoga – das unterstützend empfohlen wurde – wohler gefühlt. Das mag, obwohl der Yoga-Kurs mir anfangs furchtbare Angst gemacht hat, daran gelegen haben, dass die Anleitung dort nicht von einer CD kam, sondern von der Frau, die nun die Yogini unter „meinen“ weisen Frauen ist. Womöglich war es auch wichtig für mich, zunächst einmal in meinem Körper anzukommen, bevor ich meinem Geist die Zügel schießen lasse.

Als ich nun eingeladen werde, zum Jahresbeginn an einem Workshop zur Achtsamkeits- und Meditationspraxis teilzunehmen, scheint mir der geeignete Zeitpunkt gekommen.

Da der Workshop als Zoom-Konferenz stattfindet und ich die Dozentin seit vielen Jahren kenne, darf er, beschließe ich, als „im richtigen Leben“ gelten. Außerdem finde ich das Bild von den drei weisen Frauen unwiderstehlich.

Zum Auftakt machen wir eine kleine Phantasie-Reise, die mir sehr leichtfüßig und idyllisch erscheint bis ich einen Blick nach innen werfe und „die schwarze Säule“ sehe – einen tief-, ja lackschwarzen Streifen entlang meiner Wirbelsäule, ungefähr halb so breit, wie mein Brustkorb. Das passiert mir nicht zum ersten Mal und so bin ich zwar unangenehm überrascht, werde aber nicht panisch. Während der nächsten Etappe der Reise geht es um’s Loslassen, geschehen lassen und ich stelle mir vor, wie die Schwärze ohne mein Zutun von mir weicht. Das funktioniert recht gut.

Bei der anschließenden Feedback-Runde allerdings verliere ich die Fassung und beginne zu weinen.
Ich weiß, dass meine Reaktion nicht ungewöhnlich ist und mir nicht peinlich sein muss, aber ich möcht leiden, ich würde mal zu denjenigen gehören, die in solchen Momenten lächelnd darüber sprechen können, wie angenehm die Übung für sie war.
Stattdessen business as usual: Alle ganz entspannt im Hier und Jetzt – eine weint.

Als wir zu Beginn der zweiten Stunde eingeladen sind, zu berichten, wie es uns ergangen ist, kratze ich all meinen Mut zusammen und erzähle, dass ich mir blöd vorgekommen bin, weil ich geweint habe (oder eher, weil ich wieder einmal anders war), dann aber entschieden habe, dass das sein darf. Dass ich so sein darf.
Ein kleiner Schritt für die Menschheit, eine Mondlandung für mich.

Zunächst meditieren wir über die Frage, welche Qualitäten wir mit Hilfe der Achtsamkeitspraxis in unser Leben einladen möchten. Ich habe mir im Laufe der Woche eine Menge Gedanken darüber gemacht, welche Intention ich habe, was ich erreichen möchte. Was ich mir wünsche habe ich noch gar nicht bedacht …
Als die weise Meditierende vorschlägt, „Freude“ könne eine solche Qualität sein, denke ich mir „Freude! Ja klar! Nehmen wir doch Freude!“.
Ein Gefühl von Leichtigkeit stellt sich ein, ich spüre, dass ich zu lächeln beginne, und vor meinem inneren Auge sehe ich die Ponies, wie sie in der Sonne mit mir und dem Hund zum Haus laufen, um dort ihre Pony-Kekse in Empfang zu nehmen.
Stimmt … es gibt schon Freude in meinem Leben!

Rücklings auf meiner Yogamatte liegend beobachte ich bei einer weiteren Übung meinen Atem, als ich urplötzlich höllische Schmerzen bekomme. Meine linke Schulter steckt in einem Schraubstock und der Schmerz zieht sich bis zum Knöchel, auf dem überdies jemand zu sitzen scheint. Die Nackenmuskulatur wird knallhart, sogar mein Gesicht tut weh.

Kurz vorher haben wir gelernt, dass wir „störende“ Gedanken während der Übungen „etikettieren“ können: Sie kurz wahrnehmen und dann sozusagen in einer Schublade ablegen, um uns später damit zu befassen, weil wir in diesem Moment ja mit etwas anderem beschäftigt sind.
Die Idee gefällt mir sehr – wie ich störende Gedanken einfach „vorüber ziehen“ lassen soll, war mir immer rätselhaft.

Ob das wohl auch gegen störende Schmerzen hilft?
Im ersten Wurf etikettiere ich mit „Trauma“, stutze dann jedoch: Wozu hat das Kind einen Namen?
Stattdessen begrüße ich Aglaia und lade sie ein, sich zu mir zu legen.

Am Ende der Übung, bei dem wir spontane Bewegungen machen, die uns gerade gut tun, umarme ich mich. Uns. Die Schmerzen sind weg.

To be continued …

Was bisher geschah:

Weise Frauen

Achtsamkeit:
Jetzt ist jetzt
Wellness mit Schattenseiten
Übungssache

Das Yoga Projekt:
I: Kismet
II: Yoga, Gulasch und Fledermäuse
III: Energie und Liebe
IV: Die schwarze Säule
V: Wagnis Workshop

Aglaia

Patricia

… und der Versuch, etwas über meine Erkrankung zu erfahren

Wenn es um die Frage geht, ob ich meine Anliegen medizinischer Natur vertrauensvoll zu ÄrztInnen trage, oder mich doch lieber auf mich selbst und diverse Internet-Recherchen verlasse, bin ich ein ums andere Mal vollkommen hin und hergerissen.

Früher, als noch alles gut und sowieso mehr Lametta war, wäre es mir gar nicht in den Sinn gekommen, meine eigenen Symptome zu recherchieren – auch dann nicht, als das Googeln schon erfunden war. Ich fand, damit mache man sich erstens bestenfalls selbst verrückt, und zweitens sei Medizin ja nicht ohne Grund ein Hochschulstudium.

Und eigentlich finde ich das immer noch. Ich möchte das finden: Ich wünsche mir eine Medizin, die nicht nur auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse arbeitet, sondern außerdem Fach-oder gar Nischen-Expertise mit einem ganzheitlichen Ansatz vereint. Für die interdisziplinäre Arbeit eine Selbstverständlichkeit ist. Die bei aller Wissenschaftlichkeit den Menschen nicht aus dem Auge verliert.
Kurz: Die eierlegende Wollmilchsau.

Solange ich an solchen Beschwerden und Erkrankungen gelitten habe, die unkompliziert zu diagnostizieren und zu behandeln waren, hat mein Bedauern über das offensichtliche Fehlen eines solchen Wundertieres sich in Grenzen gehalten – es handelte sich um ein sogenanntes PAL („Problem anderer Leute“ – Näheres hierzu ist in Douglas Adams‘ „Per Anhalter durch die Galaxis“ nachzulesen). Wenn ich auch einräumen muss, dass die Endometriose, der Glomustumor und die Makuladegeneration geringfügig flotter hätten diagnostiziert werden können (siehe: Blindfisch) …

Sei’s drum … so richtig blöd ist es erst geworden, als die Symptome so gar nicht mehr greifbar waren, als alle Zeichen auf „psychosomatisch!“ zu stehen schienen.
In dieser Phase war schon der „Zwischenstop“ bei Borreliose eine ungeheure Erleichterung: Endlich gab es eine Diagnose, die sich ohne Wenn und Aber an den Blutwerten ablesen ließ!
Und es gab eine Therapie!
Nur: Die Symptome blieben …

Borreliose ist in Frankreich nicht als chronische Erkrankung anerkannt – ob dieses Krankheitsbild überhaupt existiert, ist meines Wissens auch in Deutschland umstritten.
Also war ich, was die heißersehnte Diagnose betraf, einerseits austherapiert, und nahm andererseits wieder an der „Verlosung“ teil.

An diesem Punkt habe ich entschieden, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Ich habe recherchiert, gegoogelt, mich Gruppen und Foren angeschlossen … immer auf der Suche nach Möglichkeiten, mir selbst zu helfen (mehr dazu hier).
Darein habe ich eine Menge Zeit und durchaus auch Geld investiert – leider ohne dass allzu viel dabei herausgekommen wäre.

Es ist, wenn man so will, dem französischen Gesundheitssystem zu verdanken, dass meine Bemühungen, mir selbst zu helfen, nicht ganz und gar ungebremst in Richtung Borreliose davongaloppierten: Die Suche ging ja weiter.
Und führte ins noch unerschlossene Land der Fibromyalgie …

Remember? Fibromyalgie war der erste Treffer meiner ersten Google-Suche bezüglich meiner Symptome …
Weil es sich aber um eine Ausschlussdiagnose handelt, habe ich mich nicht im Detail damit beschäftigt. Ich glaube immer noch, dass die Gefahr, Symptome bei sich selbst zu entdecken, umso höher ist, je mehr man sich mit einzelnen Krankheitsbildern befasst …

Aber hier war sie nun, die Diagnose. Und so war ich ganz entzückt, just in diesem Moment über einen kostenlosen Online-Kongress zum Thema Fibromyalgie zu stolpern!
Kongress klang gut! Wissenschaftlich irgendwie … und seriös … geballte Information aus verschiedenen Fachgebieten. Tolle Sache!
Sogleich habe ich mich dafür angemeldet.
Kaum war das erledigt, erreichte mich auch schon eine Mail, die sich versichern wollte, dass ich mein „Geschenk“ (irgendeine pdf) tatsächlich erhalten hätte.
Jo, hatte ich, also habe ich den Erhalt bestätigt.
Und habe damit sozusagen die Büchse des Kongresses geöffnet.

Umgehend wurde ich von meiner Ansprechpartnerin für den Kongress … nennen wir sie Patricia … überschwänglich begrüßt. Sie ließ mich außerdem wissen, dass ich die Kongressinhalte gerne gegen Entgelt erwerben könne. Was ich … nun ja … ein wenig übereilt fand, hatte der Kongress doch noch gar nicht begonnen. Aber offenbar ist Patricia ein außerordentlich zugewandter und fürsorglicher Mensch: Seitdem vergeht kein Tag mehr ohne sie und ihre Mails.

Mit Beginn des Kongresses entpuppte sich Patricia dann auch als dessen Moderatorin, die die Interviews mit den SpezialistInnen führte. Sie ist selbst Ärztin uuuuuuuund: Betroffene!
Honi soit, wer jetzt an gewisse eierlegende Säugetiere denken muss.

Die Aufnahmen von ihr wirkten, als säße sie an ihrem Schreibtisch, halte ihr Smartphone entspannt in den Händen und plaudere hinein … auf charmante Weise unprofessionell. Und vermutlich ganz professionell genau so gewollt: Denn auch wenn Patricia beständig den Eindruck zu vermitteln bemüht ist, sie habe diesen Kongress ganz allein aus dem Boden gestampft, weil das Thema ihr so sehr am Herzen liegt – dahinter steht ein ganzes Unternehmen.
Wie auch immer … vermutlich lag es an der verzerrten Perspektive, dass ihr breites Dauerlächeln wirkte, als habe sie mindestens 20 Zähne mehr, als andere Menschen. Dazu beseelt strahlende Augen und eine liebevoll-heitere Stimme. Verzückung pur.
„Es ist einfach wundervoll, mit unseren SpezialistInnen für Fibromyalgie sprechen zu dürfen!“ trällerte, ach was, jubilierte dies Gesamtkunstwerk unermüdlich, „sie haben wundervolle Erkenntnisse und noch wundervollere Behandlungsvorschläge!“.
Ich gebe zu: an diesem Punkt bin ich innerlich ausgestiegen.

Ich verstehe die Intention: Menschen, die, ebenso wie ich selbst, eine ganze Odyssee an Arztterminen hinter sich haben, die womöglich als HypochonderInnen belächelt und in die Psycho-Ecke gestellt wurden, die schon gar keine Lust mehr haben, sich noch ein weiteres Mal zu erklären, und die Hoffnung auf Linderung ihrer Symptome schon so gut wie verloren haben … solchen Menschen ist es Balsam auf ihre Seelen, endlich einmal liebevoll und voller Optimismus empfangen zu werden.
Wenn ich es mir so recht überlege, möchte ich das auch. Aber nicht von einem Online-Gesamtkunstwerk.

Zu Beginn des Kongresses habe ich mir einzelne Vorträge herausgepickt, die mir interessant erschienen, aber – sorry, Patricia! – bei den meisten bin ich über die Anmoderation nicht herausgekommen. Kaum begannen Deine Augen vor Begeisterung zu rollen, hab ich schaudernd vorspulen müssen und wusste den folgenden Vortrag gleich nicht mehr so recht zu würdigen.
Dein Hinweis in einem der Videos, der nun folgende Experte betreibe eine eigene Fachklinik, in der man sich (eine private Krankenversicherung vorausgesetzt) auch selbst behandeln lassen könne – Du habest es schon ausprobiert und es sei SO wundervoll gewesen! – hat es ehrlich gesagt auch nicht besser gemacht.
Überhaupt befremdet es mich, wenn der eingeladene Experte das Heilmittel, über welches er referiert, auch gleich selbst vertreibt. Im konkreten Fall hab ich das mir noch unbekannte Produkt aus schierer Neugierde gegoogelt: Ein Mittel gegen Husten – oder war’s Halsweh? – welches ganz hervorragend gegen Fibromyalgie wirkt, wenn diese Wirkung auch – leiderleider – bislang nicht nachzuweisen war.
Und so weiter und so fort …
Dass ich einen Teil der angepriesenen Präparate und Nahrungsergänzungsmittel (ulkig, was nicht alles gegen Fibromyalgie und Borreliose hilft!) gleich auf der Kongress-Website hätte bestellen können, hab ich noch zur Kenntnis genommen – ernsthaft beschäftigt hab ich mich nicht mehr damit.

Unterdessen sandte Patricia mir unverdrossen täglich eine Mail. Mindestens eine.
Stets mit dem Hinweis, ich könne das Kongresspaket käuflich erwerben – jetzt noch für NUR X Euro, danach dann für Y! Jeden Tag auf’s Neue. Falls mir das von gestern auf heute entfallen sein sollte …

Zwar hab ich nicht ein einziges Mal versucht, mir die für jeweils 24 Stunden freigeschalteten Videos alle anzuschauen, aber ich vermute, ein Mensch, der noch in der Lage ist, zu arbeiten, hat so viel Zeit nicht zur Verfügung, wer arbeitsunfähig krank ist, bringt die nötige Konzentration womöglich nicht auf.
Wer alle Videos sehen möchte, kommt also nicht umhin, diese zu kaufen.

Nach Ende des Kongresses, nahm ich an, werde die E-Mail-Flut abnehmen … aber weit gefehlt!
Ein Bonus-Tag jagte den anderen, stets mit dem Hinweis, ich könne das Kongress-Paket jetzt noch zum Preise von …
Mich hat das an den Fischverkauf auf Wochenmärkten erinnert, wenn der Marktschreier gegen Ende des Marktes immer noch und noch einen Fisch drauflegt …
Und es nahm kein Ende!

Patricia hat nämlich – Ihr glaubt es nicht! – ein E-Book zum Thema veröffentlicht!
Mein absolutes Highlight war diejenige ihrer Mails, in welcher ich klipp und klar gefragt wurde, was mich eigentlich noch hindert, dieses ver****** E-Book zu bestellen …
Und es hört nicht auf: Ich kriege immer noch Mails.
Klar, ich könnte die abbestellen. Aber ich wollte mal gucken, wie lange diese virtuelle Kaffeefahrt, die die Verzweiflung chronisch kranker Menschen für ihre Zwecke ausnützt, wohl noch andauert.


Sowohl Fibromyalgie als auch chronische Borreliose zählen zu den sogenannten unsichtbaren Erkrankungen, denen Menschen, die nicht betroffen sind, oft mit einer gehörigen Portion Skepsis gegenüberstehen („Wie, du bist krank? Du siehst total gesund aus! Reiß dich mal zusammen!“). Nach wie vor gibt es auch MedizinerInnen, die ihre Existenz schlichtweg bestreiten. Die Symptome sind vielfältig und schränken die Lebensqualität der Erkrankten extrem ein. Beide sind nicht heilbar und die Symptome lassen sich nur bedingt behandeln. Immerhin verlaufen sie nicht tödlich, was möglicherweise eine Erklärung dafür ist, dass Medizin und Forschung nicht alles unternehmen, um ein Heilmittel dafür zu finden. Medizinische Forschung ist teuer und augenscheinlich gibt es Erkrankungen, deren Erforschung lohnender erscheint. Das hat eine gewisse Logik, ist aber schwer einzusehen, wenn man selbst darunter leidet.

An diesem Punkt – wenn die böse Schulmedizin die Menschen „mal wieder“ im Stich lässt – tritt die gute Alternativmedizin zu deren Rettung an.
Mal abgesehen davon, dass der Begriff „Schulmedizin“ aus dem Nationalsozialismus stammt … wenn ich einmal annehme, dass die Pharmaindustrie ausschließlich an Gewinnen interessiert ist, an Fibromyalgie-Erkrankten jedoch nichts verdient, weil die Krankheit als nicht heilbar gilt, es aber HeilpraktikerInnen gibt, die sie dennoch zumindest zu lindern vermögen, indem sie solche Präparate verkaufen, die die selbe geschmähte Pharmaindustrie produziert … halt nur nicht auf Rezept … merkt Ihr selber, gelle!
All die gepriesenen Diäten, Behandlungen und Präparate haben eines gemeinsam: Ihre Wirksamkeit ist nicht nachgewiesen.
Mit ein paar Ausnahmen: Bleichmittel, Terpentin und Wurmkuren haben natürlich nachgewiesenermaßen eine Wirkung. Hier halt nur nicht die erhoffte.

Bin ich also eine gläubige Jüngerin der Schulmedizin?
Ich würde sagen: Nein.
Eher würde ich mich als Rundum-Agnostikerin bezeichnen.

Soll ich Euch mal ein Geheim verraten?
Wisst Ihr, was prima gegen Insektenstiche und die Quaddeln von Brennnesseln hilft?
Draufpinkeln! Ich schwör!
Das wüsste ich nicht, wenn ich nicht bereit gewesen wäre, es mal auszuprobieren.
Nicht alles, was hilft, muss unbedingt aus einem Medikamentenschächtelchen kommen!
Aber ich lasse mir nicht gerne mit windigen Versprechungen das Geld aus der Tasche ziehen. Schon gar nicht mit einer solchen Penetranz.

Positive vibes only!

Ganz ehrlich?
Ich finde Menschen, die stets und ständig alles positiv sehen, in allererster Linie nervig!
Und ihre Haltung nicht ganz ungefährlich:
An einem Missstand, der nicht klipp und klar als solcher benannt wird, wird sich schwerlich etwas ändern.
Und – let’s face it! – manchmal ist das Leben hart aber ungerecht.
Nützt nix, sich das dann schönreden zu wollen.

Aber ich könnte ja auch klein anfangen und jeden Tag für etwas dankbar sein, für eine Kleinigkeit halt … obwohl Dankbarkeit für mein Gefühl ein ziemlich großes Wort ist.
Den Gegenstand meiner Dankbarkeit auf einen Zettel schreiben, die Zettel in einem Glas sammeln und dann, wenn’s mir mal richtig dreckig geht … Ihr wisst schon …

Und hej, ich hab das versucht!
Ich bin total dankbar für jeden Tag, an dem die Schmerzen auszuhalten sind!
Ich bin dankbar, wenn ich normal gehen kann – womöglich sogar zügig!
Ich bin dankbar für jedes Bisschen Normalität!
Nur wenn ich mir dann die Zettel in meinem Glas vorstelle, dann finde ich das … nun ja … langweilig …
Zumal ich ja mitbekomme, was für eine großartige „OMG was mir heute wieder Wunderbares passiert ist!“ Challenge man daraus machen kann, wenn man denn meint …

Nee. Das ist nicht meins.

Stattdessen hab ich sozusagen aus Versehen angefangen, „positiv zu sehen“ …
Ein Kommentar zum „Schweigen der Taucherin“ lautete „Schreib: wie lebst du?“.
Und so habe ich – wenn auch an ganz anderer Stelle – begonnen, Geschichten aus meinem Alltag auf einem Bauernhof zu erzählen. Weil es mir seinerzeit – zu Beginn der Pandemie – ein Anliegen war, ein Gegengewicht zu all den beunruhigenden, verstörenden Nachrichten zu schaffen, die mich erreichten.
Ich hatte bemerkt, wie gut es mir getan hat, die Berichte anderer Menschen zu verfolgen … von ihren Bemühungen, Sauerteig heranzuzüchten, zum Beispiel, oder Hefe, von ihren Schafen, ihren Blumen …

Also habe ich angefangen, vor meiner Nase nach Dingen Ausschau zu halten, die erzählenswert waren: Originell, erfolgreich, Glück im Unglück, trotz allem witzig, immerhin grandios gescheitert …
Und ich hab meinen Ehrgeiz darein gesetzt, sie so zu erzählen, dass das Lesen Freude machte.
Überflüssig zu erwähnen, dass das Leben auf dem Land nicht immer eitel Sonnenschein ist. Aber es gibt sie, die Momente, in denen kurz mal das Herz aufgeht! Es gibt sie auch.

Mein Blick ist aufmerksamer, aber auch liebevoller geworden: Ausgebüxte Ponies zum Hof zurückzubringen, ist ein zeitraubender Latsch, oder aber ein kontemplativer Spaziergang. Und was für ein Luxus, gemütlich mit ihnen dahinzuzuckeln und zuzuschauen, mit welch heiligem Ernst Pferde sich wälzen und an Bäumen schubbern können!
Jawohl, für diesen Luxus werde ich büßen: es bleibt ja Arbeit liegen, während ich so durch die Gegend schlendere … die werde ich nachholen müssen. Aber in diesem Moment ist die Welt einfach in Ordnung!

„Et kütt wie et kütt“ wie es das rheinische Grundgesetz so weise formuliert, ob ich aber diesen Moment genieße, oder mich schon vorab über den Stress gräme, den er nach sich ziehen wird, ist meine Entscheidung.

Ich bin am Ende des Tages nicht dankbar dafür, dass ich auch heute wieder die Ponies einsammeln durfte (das wär nun wirklich zuviel verlangt!), aber ich kann auf einen schönen Moment zurückblicken.

Und tatsächlich scheint ein solcher Blick mit der Zeit zur Gewohnheit zu werden.
Neulich hörte ich, dass wir uns mindestens 30 Sekunden lang mit einer Sache beschäftigen müssen, damit sie in unserem Gedächtnis gespeichert wird.
Das erklärt einiges, finde ich!
Horizont – traumhafter Himmel, Ponyschnute – samtweich, Hundeblick – herzzerreißend, Kater spielt in der Sonne – entzückend, Sonne auf der Haut – brennt angenehm … und PUFF! … weg!

Mit Dingen, die mich ärgern, beschäftige ich mich sehr viel länger.
Kein Wunder, dass, wenn die Gedanken schweifen, Erinnerungen auftauchen, so viele kränkende und verletzende dabei sind!
Seit ich das verstanden habe, versuche ich, mir die 30 Sekunden Zeit einfach zu nehmen.
Es sind nur! 30! Sekunden!
Und ich spar mir das Papier für die Zettel.


Mit der Zeit bin ich grundsätzlich zufriedener geworden, kann ungute Gefühle etwas besser gehen lassen und bin – damit hatte ich nicht gerechnet – nachsichtiger mit mir selbst.
Klar … was bei mir Tagewerk ist, erledigen andere nebenbei in ihrer Freizeit, aber ich habe ein Tagewerk! Ich wache morgens auf und habe Lust, Dinge zu tun.
Essig ansetzen, Senf herstellen, die erste Tarte tatin meines Lebens backen …
Hin und wieder habe ich mehr Ideen, als ich umsetzen kann, verzettele mich heillos und richte ein großes Chaos in der Küche an.
Ich seh das positiv: mit der zähen Antriebslosigkeit und dem niederschmetternden Eindruck, nichts habe irgendeinen Sinn, die mit Depression einhergehen, hat dieses Tohuwabohu nun gar keine Ähnlichkeit.

***

Den kompletten Kommentar zum Schweigen der Taucherin, für den ich gann uma tatsächlich dankbar bin, möchte ich Euch nicht vorenthalten:

Schreib:
wer bist du?
was willst du?
wie lebst du?
Krankheiten? Einschränkungen? bestimmen dich nicht.

gann uma

Nachträge

29. September 2020

Heute war es soweit: Der Termin in der Universitätsklinik in Montpellier, Abteilung für seltene Erkrankungen!
Auf den ich seit einem halben Jahr gewartet habe.
Ich hatte bis zum Schluss Sorge, dass er wegen der Pandemie abgesagt wird.

Angst hatte ich auch: Dass ich ohne Begleitung kommen muss, mich nicht zurechtfinde, Verständigungsprobleme habe, Panik bekomme und zusammenbreche …
Die Aufnahmeformalitäten musste ich tatsächlich alleine über die Bühne bringen, davor hatte ich mich ganz besonders gefürchtet. Aber ich hab’s hingekriegt und mich auch anschließend nicht verlaufen.

Ich wusste gar nicht, wovor ich außerdem mehr Angst haben sollte: Ein weiteres Mal schulterzuckend ohne Befund weggeschickt zu werden, oder eine Diagnose mit den bedauernden Worten „da können wir nichts machen“ zu bekommen …
Und gleichzeitig hab ich mir so einen TADAAAAH!!! Moment vorgestellt, in dem ich endlich erfahre, was mir eigentlich fehlt.

Aber nichts dergleichen.
Ich werde demnächst stationär aufgenommen, um noch ein paar Untersuchungen zu machen.
Allein in Montpellier.
Immerhin geht’s jetzt mal weiter!

03. November 2020

Zurück vom HOUSEflug nach Montpellier.

Die Klinik wird gerade umgebaut und im Laufe des Tages habe ich mitbekommen, dass selbst die MitarbeiterInnen Schwierigkeiten haben, sich in dem Gebäude noch zurechtzufinden – man steht plötzlich in Fluren voller abgedeckter Möbel, leeren Gängen mit nackten Betonwänden … oder gleich ganz auf dem Hof.

Ich hab eine gute halbe Stunde gebraucht, um mich zum Hôpital de jour durchzufragen.
Und bei der anschließenden Blutdruckmessung gleich mal den Alarm aktiviert.
Bis auf weiteres ist mein Pipi radioaktiv und ich habe eine blutige Unterlippe.
Letztere hatte durchaus Unterhaltungswert:
Um der Ärztin – links neben dem Bett – einen guten Blick auf das mit einem Skalpell zu biopsierende Gewebe zu gewähren, sollte ich an der ihr zugewandten Bettkante liegen, was dazu führte, dass die Schwester rechts neben dem Bett sich quasi zu mir legen musste, um mit beiden Händen meine Unterlippe nach außen zu stülpen.

Mit dergestalt fixierter Unterlippe auch nur die Frage „ça va?“ zu beantworten, ist schwierig bis unmöglich.
Iffifil e pa rir“ (c’est difficile de ne pas rire) scheint dennoch angekommen zu sein: Bei der Vorstellung, wie unser Anblick wohl gewirkt haben mag, bin ich fast geplatzt vor Lachen.

Unter Strom gesetzt und mit Nadeln gepiekt hat man mich auch.
Jetzt bin ich gespannt auf die Ergebnisse.

22. Januar 2021

Ich hab ja gedacht, noch schlimmer als mit der verzweifelten Suche nach der Tagesklinik könne es mich in Montpellier kaum erwischen, aber diesmal ist meine größte Angst wahr geworden: Ich musste unbegleitet zum Gespräch antreten.

Auf meinen schüchternen Einwand hin, mein Französisch sei nicht sonderlich gut, meinte der freundliche Herr im weißen Kittel, das sei nicht schlimm. Seines auch nicht!
Voller Hoffnung, seine Muttersprache sei Englisch oder womöglich Deutsch, hab ich gefragt, was er denn sonst noch spreche …
Okzitanisch.

Prima, hab ich gesagt, da kann ich drei Worte! In Wirklichkeit ist es nur eines …
Dem Sekretariat, welches meldete, meine Begleitung sei nun da, teilte er mit, die werde nicht benötigt, er spreche sehr gut Deutsch.
Tat. Er. Nicht.

Er interessierte sich auch gar nicht für meine Schmerzen, sondern umso mehr für mein Verhältnis zu meinen Eltern, was mich zunächst sehr gewundert hat, glaubte ich doch, einen Termin beim Schmerzspezialisten zu haben. Tatsächlich saß ich dem Neurologen gegenüber.

Davon einmal abgesehen, war es ein wirklich gutes Gespräch!
Ich meine das absolut ernst: Ich hab lachen müssen, als ich mir vorgestellt habe, dass mein einziger Beitrag zu einem Gespräch auf Okzitanisch „Seidenraupe!“ lauten würde, hab mich über die Absurdität der ganzen Situation amüsiert und darüber meine Angst vergessen.

Er hat ruhig und langsam gesprochen und sich regelmäßig versichert, dass ich ihn wirklich verstehe. Für meine radebrechenden und gestikulierenden Bemühungen, ihm zu antworten, hat er viel Geduld aufgebracht.

Um mir schließlich zu erklären, dass ich zum Einen an Fibromyalgie leide, zum Anderen an einem ererbten Leiden aus meiner Kindheit und einer komplexen Abstammung (souffrance hérité de l’enfance et de parent complexe) sowie einer reaktiven Depression.

Fibromyalgie sagte mir was: Das war der erste Treffer, den ich ergoogelt habe, als ich meine Symptome eingegeben habe.

Was nicht bedeutet, dass ich genial und alle beteiligten ÄrztInnen unfähig wäre(n): Es handelt sich um eine Ausschlussdiagnose – wenn es drölfzig andere Erkrankungen definitiv nicht sind, dann ist es diese.
Oder anders und gallig formuliert: Wenn einem sonst nix mehr einfällt, ist es Fibromyalgie.

Das ererbte Leiden aus der Kindheit habe ich mir mit ererbtem Trauma / Bindungstrauma übersetzt.
Was die reaktive Depression betrifft, hat er sehr gezielt nach einem Ereignis vor einer ganz bestimmten Anzahl von Jahren gefragt: Und tatsächlich war da was.
Soweit ich verstanden habe, ist mir zu diesem Zeitpunkt etwas ähnliches passiert, wie eine Impfung, die aufgefrischt wird. Wenn ich das als „Retraumatisierung“ lese, dann passt das.
Ich frage mich, wie das Gespräch verlaufen wäre, wenn der Arzt nicht sozusagen offene Türen eingerannt hätte. Wenn all das neu für mich gewesen wäre.
Vermutlich hätte es mich umgehauen.

Umgehauen haben mich dann zunächst einmal die verordneten Medikamente.
Der Arzt hatte die ganze Zeit von „Gouttes“ (Tropfen) gesprochen … für mich klang das nach einem homöopatischen Mittel, obwohl mich schon überrascht hat, dass dergleichen an Universitätskliniken verordnet wird …

Homéopathie très forte“ meinte der Apotheker und war sichtlich erheitert: Hinter den Gouttes verbargen sich Benzodiazepine.

„Forte“ war die Wirkung tatsächlich: Nach einigen grenzkomatösen, ansonsten aber wenig hilfreichen Wochen hab ich die blauen Tropfen mit Pfirsichgeschmack wieder abgesetzt.

Antidepressiva zu nehmen, habe ich lange Zeit überhaupt nicht eingesehen, hatte ich doch mein ganzes Leben umgekrempelt, um keine mehr nehmen zu müssen.
Mittlerweile muss ich einräumen, dass es auch hochwirksame Schmerzmittel sind.
Oder besser: Ich kann es jetzt einräumen.
Weil es jetzt nicht mehr wie „keine Ahnung, was mit ihnen los ist, versuchen sie’s doch mal mit Antidepressiva!“ klingt.

In Kombination mit ein paar weiteren Präparaten geht es mir im Großen und Ganzen prächtig.

29. September 2021

Wir waren mal wieder in Montpellier …
Den Spezialisten für seltene Erkrankungen werde ich nicht wiedersehen: Ich hab keine.
Für eine Autoimmunerkrankung spricht auch nix.

Abgesehen von ein paar Phänomenen, wie zum Beispiel meinem immensen Verbrauch an Vitamin B12 und L-Carnitin, die sich niemand erklären kann, alles tippi toppi.

Damit bleibt es dann wohl bei Fibromyalgie

Fun fact: Meine Blutwerte sprechen dafür, dass ich mich tatsächlich sehr ausgewogen ernähre.

Kirmes im Kopf

Zu den Nebenwirkungen von Antidepressiva gehören unter anderem Manien. Ich bin geneigt, diesen Umstand für eine Art wohlwollende Ironie des Schicksals zu halten: Wem es so elend geht, dass er Antidepressiva nehmen muss, der hat ein Gottesgeschenk in Form eines Kicks verdient!
sophie_portraitpue_2Denn nichts anderes ist eine Manie: Ein opulenter Kick, ein Hoch, das mit „guter Stimmung“ ungefähr so viel zu tun hat, wie ein Tsunami mit der Brandung an der Nordseeküste.
In aller Regel handelt es sich hier um ganz leichte manische Episoden, die rasch zuende gehen, aber schon eine solche Bonsai-Manie ist eine beeindruckende Erfahrung!
Antriebslosigkeit und Fatigue sind wie weggeblasen, das Schlafbedürfnis lässt so rapide nach, dass man problemlos auch ein, zwei Nächte durchmachen kann. Die Stimmung ist nicht gut, sie ist Groß!Ar!Tig!. Und sehr sehr heiter. Nicht immer vermögen andere Menschen die enorme Witzigkeit des Momentes so recht zu würdigen, aber das stört nicht weiter: Wenn sonst keiner lacht, muss man’s selber machen! Die Kreativität steht dem Humor in nichts nach und das Gehirn sprudelt eine Idee nach der anderen hervor. Da gleichzeitig die Konzentrationsfähigkeit ihren Jahresurlaub in Disney World verbringt und Priorisierung oder auch nur Reihenfolge urplötzlich Fremdworte sind, verzettelt man sich glorios und wird vermutlich 99% dieser fantastischen Einfälle nicht zuende bringen. Was in gewisser Weise ein Segen ist: Die Urlaubsvertretung der Konzentrationsfähigkeit heißt „erhöhte Risikobereitschaft“.

Kurz: Eine Manie zu durchleben, ist nicht ganz ungefährlich!
Menschen, die an schweren Manien leiden schwere Manien haben, ruinieren unter Umständen nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Familien. Sie verjuxen ihr Vermögen wahlweise an der Börse oder im Casino, weil sie eine großartige Idee haben. Oder sie balancieren über Dachfirste, weil sie der Überzeugung sind, das zu können. Wie das für die betreffenden Menschen ist und welche Konsequenzen es nach sich zieht, schildert Leonard in seiner Mind Comedy sehr anrührend.

sophie_wetpueDass es auch beim Ausschleichen eines Antidepressivums – also als Entzugserscheinung – zu Manien kommen kann, war mir neu. Logisch eigentlich: Auf welchem Beipackzettel steht schon, was passiert, wenn man das Medikament nicht nimmt?
Antidepressiva muss man ausschleichen, das weiß ich – die darf man nicht einfach absetzen. Aber dass jetzt Wirkungen eintreten, die ich beim Einschleichen nicht bemerkt habe, überrascht mich schon!
Aber hey! Das hätte echt schlimmer kommen können! Die Kopfschmerzen zum Beispiel, die ebenfalls neu sind, sind echt kacke. Welcome mania!!!

Okay, es ist gewöhnungsbedürftig, wenn mein Körper „oh bitte, ich muss liegen!“ stöhnt und mein Gehirn gleichzeitig „Go! Go! Go!“ (Textentwürfe, Kochrezepte und sonstige Ideen laufen parallel auf anderen Sendern) kräht.
Und ich merke selber, dass es irgendwie nervig sein muss, wenn ich anderen keine 5 Minuten (lustige Zeiteinheit, das wären ja bereits 300 Sekunden, einunzwanzig, zweiundzwanzig …, Anm.d.L.) lang zuhören kann. Ich gebe mir alle Mühe, ehrlich! Aber dann poppt eine weitere großartige Idee hoch und Minuten später merke ich, dass ich irgendwas verpasst habe … Ich selber quassele ohne Punkt und Komma. Von Hölzken auf Stöcksken …

So lange ich noch selber merke, dass ich manisch bin, ist die Welt soweit in Ordnung!
Sollte ich das nicht mehr merken, wird mich jemand notfalls auch gegen meinen Willen zum Arzt bringen, für diesen Moment habe ich vorgesorgt.
Und momentan lasse ich selbst die allerkleinsten meiner Ideen vorsichtshalber abnicken, bevor ich sie in die Tat umsetze.

Bislang sind viele dieser Ideen tatsächlich brauchbar! Ich bin eine Art „One woman brainstorming“!
Nicht alle werde ich selbst realisieren können, dazu bin ich körperlich gar nicht in der Lage.
Aber zur Zeit verfasse ich diverse Texte gleichzeitig und nicht alle haben schon den Weg über die Tastatur gefunden, etliche sind einfach in meinem Kopf gewachsen, während ich eigentlich etwas ganz anderes gemacht habe. Ich bin sehr gespannt, ob ich die wirklich alle zuende bringe!

Für die Bewältigung meines Alltags dagegen, muss ich deutlich mehr Zeit einplanen. Ich verfüge über die Aufmerksamkeitsspanne eines Kolibris und mein Paddelkoeffizient ist enorm:
Ich setze an, die Medikamentenkiste wegzuräumen und denke „Nee. Die wird noch gebraucht, um dem Hund seine Medikamente unter’s Futter zu mischen! Fütter erst den Hund und räum die Kiste danach weg!“. Ich räume die Kiste weg, gehe los, um das Hundefutter zu holen und komme mit den Zutaten für unser Abendessen zurück …Wenn der Himmel bedeckt ist, funzt die Solaranlage nicht, dann mach ich mein „Duschwasser“ hilfsweise auf dem Herd warm.„Du hast den Waschlappen vergessen!“ denke ich auf dem Weg zum Badezimmer, komme aber zu dem Schluss, dass es auch ohne geht. Das Litermaß, mit dem ich mir das Wasser über den Kopf schütte, ist auch nicht mit von der Partie … das ist schon sehr viel ungünstiger. Und JETZT fällt mir auf, dass der Eimer mit heißem Wasser, in dem Waschlappen UND Litermaß schwimmen sollten, auch noch in der Küche steht …

Dankenswerterweise betrachte ich auch das, wenn schon nicht mit Erheiterung, so doch mit Gelassenheit. Ich würde mich schon unter normalen Umständen nicht als pessimistischen Menschen bezeichnen, aber im Moment könnten sich von meiner Weltsicht diverse Dankbarkeits-Apologeten eine Scheibe abschneiden. Wenn einem schubweise nicht nur siedendheiß, sondern auch kotzübel wird, kann man das auch gut brauchen.

sophie_portraitpueSchon seit ein paar Tagen fällt mir auf, dass ich sehr geräuschempfindlich geworden bin und dann hin und wieder auch erschrecke …
Eine Fahrt in die Stadt macht deutlich, wie ausgeprägt diese Sensibilität ist. Normalerweise, bilde ich mir ein, bin ich eine entspannte, pflegeleichte Beifahrerin – jetzt muss ich mich alle paar Meter entschuldigen, weil ich wegen nix und wieder nix eine Art „Oh mein Gott, wir überfahren gerade ein Kind!“ Reaktion produziere. Der Gestank ist unfassbar und ich bekomme eine Ahnung davon, wie sich hypersensible Menschen fühlen müssen. Aber auch die visuellen Reize sind überwältigend: Jeder Mensch, glaube ich, kennt Momente wie den, wenn man zum ersten Mal in eine Kathedrale kommt, nach oben schaut und innerlich „Wow!“ haucht …
Ich habe meinen „Wow!“ Moment mitten in Alès, einer Stadt, deren Architektur sich vor allem anderen durch Mut zur Hässlichkeit auszeichnet. Aber „wow!“, da flattert auf der Baustelle eine Plane im Wind! Vor dem „WOW!“ Himmel! Ich bin „WOW!!!“ völlig geflashed …

Als ob das noch nicht genug wäre, gehen wir zum ersten Mal in das große Kino. Nachmittagsvorstellung – vorsichtshalber – weil ich ja viele Menschen in großen Räumen nicht gut aushalten kann.
Weil wir früh dran sind, sitzen wir ganz allein in einem Saal für 100 Zuschauer. Ich kann die Stille rauschen hören. Und spüre den sanften Druck, den die Leere auf meinen Körper ausübt. Wow!
Und dann darf ich „Alita – Battle angel“ sehen, wie Kinder es tun! Mit offenem Mund, völlig distanzlos, hingerissen …
Es gelingt mir immerhin, nicht lautstark mitzukämpfen und ich springe auch nicht aus meinem Sessel auf. Angesichts der 3D Version, die wir leider verpasst haben, hätte ich mit Sicherheit jede Contenance verloren …
Was für ein Abenteuer! Ich könnte heulen vor Dankbarkeit.
Ich bin ganz und gar gefangen, kann zu meiner allergrößten Überraschung den französischen Dialogen ohne Probleme folgen … und formuliere zeitgleich bereits diesen Text für den Blog. Alles mit ein und demselben Gehirn!

sophie_nacki

 

Die Fotos zu diesem Text sind von Sophie Strodtbeck, an deren Chihuahua-Dame Pü ich beim Stichwort Manie recht schnell denken musste. Warum nur???
Sophie macht nicht nur tolle Bilder, sie schreibt auch wunderbare Bücher über Hunde!
Vielleicht schreibt sie irgendwann einmal ein Buch über das Pü!
Das wäre dann ein Püroman. (Darüber kann sie Stunden später immer noch lachen! Anmerkung des Lektorats … Du sollst keine anderen Lektoren neben mir haben, Anm.d.L.)

Ich biete dem Lektor an, einen Gastbeitrag über das Leben mit einem manischen Menschen zu schreiben. Er winkt müde ab. Ich verstehe überhaupt nicht, warum