4 Dinge, die Du im Umgang mit depressiven Menschen gleich wieder vergessen kannst

Menschen, die an Depressionen leiden, fühlen sich häufig (und häufig vollkommen zu Recht) unverstanden, nicht ernst genommen. Und ja: Es ist schwierig bis unmöglich, sich in einen depressiven Menschen hineinzufühlen, wenn man selbst nie unter Depressionen gelitten hat. Deswegen ist es gut und richtig, dass in den letzten Jahren zunehmend über diese und andere psychische Erkrankungen informiert wird, um Vorurteile abzubauen und Hilfestellung im Umgang mit psychisch kranken Menschen zu geben. Meineeine gibt sich da ja auch durchaus Mühe.

Und so ist es vermutlich keine Überraschung, dass es auch zu diesem Thema unterdessen einige dieser inflationär verbreiteten Kurzratgeber gibt, die in aller Regel mit „X Dinge, die Du …“ betitelt sind – und was anderswo ausführlich erläutert wird auf ein paar wenige, leicht verdauliche Stichpunkte eindampfen –, so dass man sich informiert fühlen kann, ohne eine Aufmerksamkeitsspanne von mehr als 3 Minuten zu benötigen.
Ich persönlich mag die nicht leiden und hab in aller Regel schon angesichts der suchmaschinenoptimierten Überschrift keine Lust mehr. Aber sei’s drum: Vielleicht muss man in schnelllebigen Zeiten auch schnelllebig erklären.

Neulich nun stolperte ich über einen, der versprach, zu verraten, was man wissen muss, wenn man einen depressiven Menschen liebt.
Oh! Liebe
Texte, die sich aus diesem Blickwinkel mit dem Thema Depression befassen, hatte ich bisher nicht gesehen. Das hat meine Aufmerksamkeit erregt, mein Interesse geweckt. Tut das Stichwort Liebe das nicht immer?

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Die Illustration stand dem Titel in nichts nach: Ein Portrait einer rothaarigen Schönheit, die – die Frisur leicht zerzaust – mit kokettem Blick und leicht geöffneten Lippen den Betrachter anschaut. Wow! Den Prototyp einer depressiven Frau hätte ich mir so jetzt nicht vorgestellt. Oder sehen so Frauen aus, die depressive Männer lieben? Aber gut: Das ist natürlich ein sehr viel wirksamerer Eyecatcher als irgend so ein Schwarzweißfoto mit See und Bäumen im Nebel …

Leider war das dann aber auch schon alles, was diesen Text zu etwas Außergewöhnlichem machte.
Der Inhalt war der sattsam bekannte und hätte ebenso gut unter der Überschrift „Was Sie tun können, wenn ein Arbeitskollege an Depressionen erkrankt“ stehen können. Vielleicht mit einem Foto einer grauen, zerknitterten Gestalt, die an einem Schreibtisch sitzt.

Clickbaiting“ hätte ich mir gedacht und das ganze Ding rasch vergessen, wären da nicht ein paar wirklich ärgerliche Details gewesen.

„Depressionen gelten als Geisteskrankheit“ lese ich und tatsächlich findet dieser Begriff in der juristischen Diktion und in der forensischen Psychiatrie bis heute Verwendung (wenn auch nicht für Depressionen, sondern für „psychische Störungen von erheblichem Ausmaß wie Schizophrenie oder auch für geistige Behinderung“, Quelle: Wikipedia). Aus dem alltäglichen Sprachgebrauch ist er aus guten Gründen längst verschwunden, stigmatisiert er doch die Betroffenen.
Wenn man einmal die Stichwörter „Depression“ und „Geisteskrankheit“ zusammen bei Google eingibt, erhält man einen ganzen Rattenschwanz von Artikeln, in denen nachzulesen ist, dass und warum Depression keine Geisteskrankheit ist. Aber offenbar ist schon das für „X Dinge, die Du …“ AutorInnen zu viel der Recherche.
Haarspalterei? Ganz ehrlich: Das Etikett „geisteskrank“ empfinde ich als beleidigend. Ich habe schließlich auch, als es mir richtig schlecht ging, eine Klinik aufgesucht und war nicht im Irrenhaus.
Da gibt also jemand hochwichtige Tips, wie mit Menschen wie mir umzugehen sei, und macht sich dabei nicht einmal die Mühe, mich auch nur angemessen anzusprechen.
Da wird mir doch gleich ganz warm ums Herz von dem ganzen Verständnis für meine Erkrankung!
Vielleicht geh ich mal zu meinem schwarzafrikanischen Nachbarn und drücke ihm mein Mitgefühl dafür aus, dass die Neger immer diskriminiert werden …

Die gute Nachricht: Es sei möglich, dass die Depression einen Menschen kreativer, leistungsfähiger und empathischer mache. Untersuchungen hätten außerdem gezeigt, dass depressive Menschen ein besseres Urteilsvermögen und eine schärfere Wahrnehmung hätten. Das mit der Leistungsfähigkeit kann ich nun nicht bestätigen, zumal „Antriebslosigkeit“ ja eines der klassischen Symptome einer Depression ist, und auch das Urteilsvermögen lässt vermutlich eher zu wünschen übrig, wenn man – wie viele depressive Menschen – mit Konzentrationsschwierigkeiten zu kämpfen hat.
Aber „kreativ und empathisch“, „schärfere Wahrnehmung“! Das klingt gut!

Nur … warum muss man das wissen, wenn man mich liebt?
Entweder ich bin kreativ und empathisch, dann sollte ein liebender Mensch das – Depresse hin oder her – irgendwann mal mitgekriegt haben.
Oder ich bin es eben nicht. Dann würde ich mir doch aber trotzdem Verständnis für meine Erkrankung erhoffen, oder?
Oder soll das ein Kriterium für die Partnerwahl sein – so nach dem Motto „okay, sie ist geisteskrank, aber mit ein bisschen Glück ist sie kreativ!“?

Aber es klingt erst einmal so nett: Endlich sagt mal jemand etwas Wertschätzendes über Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Also: Über mich.
Und tatsächlich dauert es eine ganze Weile, bis mit klar wird, warum mir das solches Unbehagen bereitet.
Man ersetze einmal „Depression“ durch eine andere Erkrankung:
„Es ist möglich dass eine Krebserkrankung einen Menschen kreativer, leistungsfähiger und empathischer macht.“,
„Untersuchungen haben gezeigt, dass Diabetiker ein besseres Urteilsvermögen und eine schärfere Wahrnehmung haben.“ …
Klingt komisch, oder? Irgendwie unangemessen.
Schließlich sind das ernsthafte Erkrank … „ooops!“ …

Depression ist eine ernsthafte Erkrankung und wenn man im Umgang mit depressiven Menschen irgend etwas dringend wissen sollte, dann DAS!

Immerhin bringt mich das auf einen Tip, den man gut brauchen kann, wenn man einen depressiven Menschen liebt (oder mag, oder schätzt, oder einfach irgendwie mit ihm klarkommen muss):
Bevor Du etwas sagst, ersetze „Depression“ durch „Krebs“, oder – wenn Dir das zu hart erscheint – durch Oberschenkelhalsbruch oder Fischvergiftung. Wenn es sich dann blöd anhört, behalt es einfach für Dich.

Menschen mit einer psychischen Erkrankung möchten ernst genommen werden!
Und das bringt mich doch wahrhaftig zu einem weiteren ärgerlichen Detail:
Es sei wichtig, werde ich belehrt, zu verstehen, dass der Gemütszustand eines depressiven Menschen nichts mit dessen Partner zu tun habe, sondern nur mit ihm selbst.
Spontan fällt mir dazu ein steinalter Paranoikerwitz ein: „Dass ich Paranoia habe, bedeutet nicht, dass ich nicht verfolgt werde!“. Frauen, die, wenn sie sich über etwas ärgern, darauf reduziert werden, sie hätten wohl ihre Tage, werden das Gefühl ebenfalls kennen.
Wenn ich mich in der Beziehung zu meinem Partner unglücklich fühle, dann könnte das verdammt nochmal durchaus bedeuten, dass dort etwas im Argen liegt! Einen Partner, der dann findet, das habe nichts mit ihm zu tun, brauche ich ungefähr so dringend, wie ein Loch im Kopf.

Das Beste kommt zum Schluss:
Einen Menschen zu lieben, der unter Depressionen leidet, sei eine Herausforderung.
Die Niagarafälle in einer Zinkbadewanne zu befahren, das ist eine Herausforderung! Eine Herausforderung nimmt man an, wenn einen das reizt, weil man (sich) etwas beweisen will. Oder lässt es eben bleiben. Das hat durchaus sportlichen Charakter.
Ich für mein Teil möchte einfach geliebt werden. Weil ich ein liebenswerter Mensch bin. Und nicht, weil oder obwohl das angeblich eine Herausforderung ist.

Warum mich ein paar Zeilen lieblos zusammengenagelter Pseudo-Ratschläge überhaupt so ärgern?
Weil sie tatsächlich verbreitet werden. Und zwar nicht einmal von solchen Menschen, die’s betrifft (den PartnerInnen, FreundInnen, KollegInnen depressiver Menschen), sondern von denen, über die gesprochen wird.
Da vertritt jemand unsere Interessen, wirbt um Verständnis und sagt sogar etwas Nettes über uns!
Jo. Aber mal ernsthaft: meint Ihr nicht, wir hätten was Besseres verdient?
Gründlich recherchiert zum Beispiel? Frei von Vorurteilen? Zusammenhängend womöglich, anstelle von Telegrammstil?
Warum sind wir mit so wenig zufrieden? Weil wir schon selbst verinnerlicht haben, dass wir nur Mühe machen, ihrer aber nicht wert sind?

Ersetzen wir doch noch einmal was und denken uns neue Überschriften aus:
„X Dinge, die Du wissen musst, wenn Du
einen Holländer
eine Hundehalterin
einen Veganer
eine Blondine
liebst.
Keine Frage: das Ergebnis wird satirischer, wenn nicht anzüglich / platter Natur sein.
Dem angesprochenen Personenkreis und den Besonderheiten, die sich in einer solchen Beziehung ergeben mögen, kann es gar nicht gerecht werden. Soll es in diesem Fall auch nicht: Es ist einfach lustig.
Was um alles in der Welt aber lässt uns der Sache mehr Sinngehalt beimessen, wenn es um Menschen mit Depressionen geht?

Ich würde mir von einem Menschen, der mich liebt, ehrlich gesagt ein bisschen mehr wünschen, als dass er sich nach der Lektüre weniger Zeilen der „Herausforderung“ gewachsen fühlt.
Nö, er muss keine einschlägigen Artikel und Bücher lesen. Es wäre toll, ja! Aber der Fairness halber muss ich gestehen, dass ich mich mit Fachliteratur über Dinge, die meinen Partner interessieren, auch nicht zwingend beschäftige.
Ich würde mir wünschen, dass er sich mit mir auseinandersetzt. Ich bin da, ich kann sprechen. Ich kann schildern, wo Schwierigkeiten liegen, ich kann formulieren, was meine Bedürfnisse sind.
Wir können unseren Weg finden, wie alle anderen Paare auch.

Es sei denn, er findet, er habe mit der Lektüre von „X Dinge, die Du …“ sein Teil getan. Dann wird das nix.

P.S.: Ich verlinke den Text, über den ich mich so geärgert habe, hier ganz bewusst nicht. Der ist keinen weiteren Click wert.

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Montagsmodell III: „Z“ wie Zauberwort

Das ist ein ganz seltsamer Moment, wenn man plötzlich in den Stand eines Menschen erhoben wird, der an einer „richtigen“ Erkrankung leidet.
Gerade eben hat man noch zu denjenigen gehört, die regelmäßig ihrem Arzt mit unerklärlichen Symptomen auf die Nerven gehen und die auf die Frage „Wie geht’s dir so?“ entweder lügen, oder sich auf längere Gespräche des Inhaltes, ob sie denn dieses schon in Betracht gezogen und jenes schon probiert hätten, gefasst machen müssen.
„Was sagt denn dein Arzt?“
„Der meint, das sei psychosomatisch.“
„Ja … nee … der muss doch … da musst du doch …!“
Gar nix muss der. Ich kann meinen Arzt nicht zwingen, sich für mich in eine Ein-Mann-Forschungsstation zu verwandeln. Zumal ich meine Symptome selber ziemlich merkwürdig finde – ich kann ja nicht einmal lokalisieren, wo ich nun eigentlich Schmerzen habe.
Und dass ein Arzt angesichts eines Menschen, für den es eine Diagnose klipp und klar gibt, nämlich die, dass er psychisch krank ist, irgendwie auf den Gedanken verfällt, dessen Beschwerden könnten daher rühren, kann man ihm auch nicht wirklich vorwerfen.
Und ich muss auch nix. Ich mag auch nicht mehr. Schon wenn ich mir selber zuhöre, wie ich das Sammelsurium meiner Symptome zu schildern versuche, komme ich mir blöd vor – vor einem Arzt tu ich mir das nur an, wenn es gar nicht mehr auszuhalten ist.
Und dann sag ich „Also ich habe seit Monaten solche Schmerzen, dass ich mich kaum noch bewegen kann.“ und frage mich, ob er sich fragt, warum ich – wenn es doch angeblich so schlimm ist – monatelang gezögert habe, ihn aufzusuchen …

Und von jetzt auf gleich gibt es ein Zauberwort, das alles erklärt. Plötzlich passen die Puzzleteilchen zusammen. Keine Rede mehr von Angst oder Depression, ich hab eine richtig handfeste Erkrankung von der Sorte, die man am Blutbild ablesen kann.
Ich würde nicht soweit gehen wollen, von Triumph zu sprechen, aber so ein kleines „Ich hab’s euch doch gesagt!“-Gefühl meldet sich schon. Und eine sehr sehr große Erleichterung.

IMG_15126-webIn meinem Fall lautet das Zauberwort „Borreliose“.
Es ist eine alte Infektion, die nicht behandelt wurde, weil ich sie gar nicht bemerkt hatte. Ich habe bei Zeckenbissen immer sorgsam auf eventuelle Rötungen und anschließende fiebrige Infekte geachtet – dass diese zwar auf eine Infektion hinweisen, ihr Fehlen jedoch nicht garantiert, dass keine stattgefunden hat, habe ich nicht gewusst.
Und bislang gibt es in Südfrankreich so gut wie keine Fälle von Borreliose, deswegen hat auch sonst lange niemand daran gedacht.
Ob sie sich heilen lässt oder einen chronischen Verlauf nehmen wird, kann niemand sagen. Aber so oder so kann man sie behandeln!

Und – und das erscheint mir momentan noch viel gewichtiger – ich werde mich nie wieder fragen müssen, ob ich mich nicht vielleicht doch nur anstelle. Ob ich nicht doch einfach undiszipliniert und faul bin. Mir Schmerzen einbilde, um mich vor dem Leben zu drücken.
Nie! Wieder!

Jetzt erst wird mir klar, wie sehr diese Ungewissheit mich belastet hat: Noch bevor die Behandlung überhaupt begonnen hat, finde ich die Schmerzen sehr viel besser auszuhalten und das, obwohl ich die Schmerzmittel drastisch reduziert habe. Ich schaffe es, morgens aufzustehen – ein Unterfangen, das ich gerade dabei war, aufzugeben: Die ganze Kämpferei schien mir allmählich sinnlos.

Seltsam, nicht wahr? Dass man sich über eine – let’s face it! – ziemlich unangenehme und langwierige Erkrankung so freuen kann. Gut möglich, dass ich das im Laufe der Zeit auch wieder anders sehen werde. Für den Moment sehe ich einen Weg, der sich plötzlich vor mir öffnet. Und bin einfach froh darüber.

Hilft Hanf?

„Hundemenschen …“, denke ich, als ich beginne, mich mit dem Thema CBD-Öl zu beschäftigen. Gehört hatte ich schon davon, aber den Ausschlag hat ein Post in einem Hundeforum gegeben, wo eine Halterin begeistert schreibt, sie habe es am Silvesterabend erfolgreich gegen die Angst ihres Hundes eingesetzt. Sie selbst nehme es auch, um die Symptome ihrer multiplen Sklerose zu lindern. Das erwähnt sie nur am Rande. Aber ist das nicht klasse? Es hilft Hunden!
Hundemenschen halt …

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Cannabidiol gehört zu den Wirkstoffen der Cannabispflanze (sogenannte Cannabinoide), erzeugt jedoch keinen Rausch – dafür ist Tetrahydrocannabinol (kurz: THC) zuständig, welches in CBD-Öl jedoch nur in Spuren enthalten ist. Beide docken an Rezeptoren im menschlichen Körper an, die sich unter anderem im zentralen Nervensystem, im Nervensystem des Darmes und im Immunsystem befinden, und haben so zum Beispiel Einfluss auf das Schmerzempfinden, aber auch auf Depressionen und Ängste.
Mein Ehrgeiz, wirklich zu verstehen, wie das Endocannabinoidsystem (also die Gruppe von Rezeptoren, die nicht nur auf körpereigene Botenstoffe wie zum Beispiel Serotonin, sondern eben auch auf die Cannabinoide reagiert) funktioniert, verpufft – muss ich gestehen – relativ schnell: Ich finde eine ganze Reihe eher hilfloser Erklärungen von Laien für Laien (manche sind ganz offensichtlich automatisch ins Deutsche übersetzt) und ein paar wenige von Fachleuten, die mir zwar seriös erscheinen, für die ich aber meinerseits ein paar Nachhilfestunden bräuchte. Ich beschließe, es damit gut sein zu lassen, dass die Wirkung von Cannabidiol nicht bestritten wird, und es einfach einmal auszuprobieren.

Das Angebot an CBD-Ölen erscheint mir recht unübersichtlich. Es gibt zwar Websites, die Qualitätsvergleiche versprechen, aber wie der Zufall es will, vertreiben sie ihren Testsieger auch gleich selbst. Honi soit qui mal y pense …
Schließlich entscheide ich mich für ein Öl mit Bio-Zertifikat.

Die Bandbreite der Dosierungsempfehlungen entspricht in etwa der Menge der Anbieter: Das Öl soll tropfenweise eingenommen werden – wie oft und wie viel, ob bei Bedarf, kurweise oder dauerhaft, muss jeder für sich selbst herausfinden. Fest steht nur die Tageshöchstdosis. Die allerdings – je nach Anbieter – bei gleichem CBD-Gehalt zwischen 5 und 30 Tropfen pro Tag schwanken kann.
In meinem Fall sind es 5 Tropfen täglich.
Nur interessehalber erkundige ich mich, was eigentlich bei einer Überdosierung passiert: In diesem Fall kann Cannabidiol müde und benommen machen, ohne dass sich dabei die erhoffte Wirkung, wie zum Beispiel Schmerzlinderung, weiter vergrößern ließe.

Auch bei korrekter Einnahme kann es zu Nebenwirkungen kommen.
Mundtrockenheit zum Beispiel … und erst in dem Moment, als ich das lese, fällt mir auf, dass ich wieder begonnen habe, immer und überall eine Wasserflasche dabei zu haben, ganz wie zu den Zeiten, als ich Serotonin-Wiederaufnahmehemmer genommen habe. Das Gefühl war so vertraut, dass ich es tatsächlich nicht bemerkt habe.
Cannabidiol kann außerdem die Wirkunsweise anderer Medikamente beeinflussen, weswegen man gegebenenfalls ärztlichen Rat einholen sollte, wenn man es benutzen möchte.

Das Öl soll sublingual verabreicht, sprich: unter die Zunge getropft werden, was mich vor gewisse Schwierigkeiten stellt: Ich muss den Weg vom Bett bis zum Spiegel schaffen, die Brille anziehen und das Licht anmachen. Treffen würde ich auch so, aber Tropfen zählen kann ich ohne Brille nicht. Und das, wo mein Hauptproblem morgens darin besteht, mich überhaupt zu bewegen …
Alternativ kann man das Öl auch vom Handrücken lecken, wobei man gleich die Erfahrung macht, dass die Geschmacksknospen tatsächlich auf der Zunge sitzen und nicht darunter.
Es schmeckt, wie es in meiner Jugend bei Parties roch … Gar nicht mal unangenehm, finde ich, aber das Öl brennt im Mund. Unter der Zunge macht sich das weit weniger bemerkbar.

Was mich tatsächlich ärgert, ist die fippsige Pipette, mit der das Ölfläschchen verschlossen ist. Wenn man dieses nämlich gemäß der Anweisung vor Gebrauch kräftig schüttelt, quackt das Öl oben aus der Pipette heraus. Abgesehen davon, dass ich nur ungern mit ölverschmierten Gerätschaften hantiere und es auf der Zunge brennt, wenn man das Öl gleich von der Flasche leckt, finde ich das Ganze dafür einfach zu kostspielig.
Ein Fläschchen mit 10 Millilitern kostet knapp 30 Euro, was, finde ich, gar nicht mal sooo teuer ist: Laut Hersteller sind das 200 Tropfen, man kommt also – wenn man es täglich und in der Maximaldosierung von 5 Tropfen einnimmt – 40 Tage lang damit aus. Aber eben nur, wenn es nicht an der Flasche runter kleckert …

Nun robbe ich mich an meine individuelle Dosierung heran …
Da ich vor allem morgens Schmerzen habe, beginne ich mit einem Tropfen am Morgen. Zunächst habe ich den Eindruck, dass das Öl doch „knallt“: Ich habe immer noch Schmerzen, aber sie stören mich nicht mehr so. Und ich bin auffallend guter Dinge.
Nach zwei Tagen lassen die Schmerzen merklich nach. „Placebo-Effekt“ unke ich herum und schelte mich gleich darauf selber: Hätte ich ein Schmerzmittel vom Arzt bekommen, würde ich hierüber überhaupt nicht nachdenken! Is’n Schmerzmittel – wirkt – fertig!
Weil ich trotzdem mit Schmerzen aufwache, nehme ich auch am Abend einen Tropfen in der Hoffnung, dass der bis zum Morgen „vorhält“. Das funktioniert nun nicht ganz wie erhofft, aber ich schlafe besser. Allerdings verschlafe ich, sofern ich das Öl unmittelbar vor dem Schlafengehen nehme. Das ist zwar sehr viel angenehmer, als wie sonst bleiern herumzuliegen und mich nicht bewegen zu können, weil ich nämlich tatsächlich fest schlafe, aber schöner fände ich noch, ich hätte mehr vom Vormittag. Nehme ich es gleich nach dem Abendessen, führt es leider nicht dazu, dass ich mal zu einer vernünftigen Zeit den Weg ins Bett finden würde, aber ich bin ruhiger und habe weniger Angst vor der Nacht. Das macht es mit der Zeit vermutlich auch leichter, zu Bett zu gehen.

Und dann kommt doch wieder ein Tag, an dem ich mit richtig schlimmen Schmerzen aufwache und mich nicht ohne Hilfe im Bett aufsetzen kann. Es ist deprimierend: Ich hatte so sehr gehofft, es werde mir nun besser gehen!
Später fällt mir wieder ein, dass auch Mittel wie Aspirin nicht gegen jeden Schmerz helfen. Manchmal benötigt man halt entweder ein anderes Medikament, oder man muss die Zähne zusammenbeißen – das bedeutet nicht, dass man sich die bisherige Wirkung nur eingebildet hätte.

Mittlerweile halte ich es so, dass ich an Tagen mit heftigen Schmerzen morgens bis zu 4 Tropfen Öl nehme und dann noch einen Moment liegen bleibe. Danach sind die Beschwerden in aller Regel auszuhalten.

Meine Stimmung ist – toi! toi! toi! – durchgängig besser. Das könnte zwar auch an der Jahreszeit liegen, aber ich finde es schon auffällig. Curcuma habe ich während dieser Testphase übrigens weggelassen, um (so weit das möglich ist) zu sehen, ob es wirklich das CBD-Öl ist, das eine Veränderung bewirkt.

Hin und wieder hatte ich den Eindruck, dass das Öl auch positiven Einfluss auf meine „Leichenfinger“ hat – ich leide am Raynaud-Syndrom, welches dazu führt, dass sich durch Kälteeinwirkung die Blutgefäße in meinen Fingern (wenn’s arg kalt ist auch in den Zehen) verkrampfen, wobei die Finger von den Spitzen her weiß werden und absterben. Das ist in aller Regel ungefährlich und läßt nach einger Zeit von selbst wieder nach. Aber es fühlt sich ziemlich blöd an und natürlich kann man mit „Leichenfingern“ nichts greifen …
In letzter Zeit nun werden meine Hände eher rot und bei großer Kälte blau – halt so, wie sich das gehört. Aber auch das kann natürlich an der Jahreszeit liegen.

Sicher allerdings bin ich mir beim Reizdarmsyndrom: Da haben die Symptome definitiv nachgelassen.

Insgesamt bin ich zufrieden: Nicht schmerzfrei zwar, aber meine Lebensqualität hat sich merklich verbessert.
Und nachdem das geklärt ist, kann ich im Bedarfsfall auch die Hunde damit behandeln.

Eight shades of grey

… oder das Geheimnis des Morgentiefs

„Guck mal an!“ hab ich gedacht, als ich bei Bloggerkollegin Annie über einen sogenannten Mood-Tracker gestolpert bin … das ist wie die Spalte mit den Farbmarkierungen in meiner Stimmungstabelle – aber sehr viel detaillierter.
Und fand das zwar ein bisschen aufwendig, aber spontan einleuchtend: In meiner Tabelle sind solche Tage grün (für „okay“), an denen es mir schon am Morgen einigermaßen gut geht. Tage, an denen ich mich morgens elend, verzagt oder jämmerlich fühle, sind grau (für „depressiv“), obwohl es mir am Nachmittag fast immer besser geht.

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An diesem Punkt stutze ich und beginne zu überlegen, ob es anderen Depris eigentlich genauso geht. Ich stelle die Frage in einer einschlägigen Facebook-Gruppe und abgesehen von ein paar wenigen, die ihr Tagewerk gleich nach dem Aufwachen erledigen und anschließend einbrechen, berichten die meisten von ganz ähnlichen Erfahrungen: Morgens kommt man beim besten Willen nicht hoch, alles erscheint absolut sinnlos … und nachmittags ist es plötzlich, als würde ein Schalter umgelegt. Die Antriebslosigkeit ist wie weggeblasen und man schmiedet womöglich Pläne für den nächsten Tag. Um dann erneut in grauem Sumpf zu erwachen. Jemand erwähnt das Stichwort „Morgentief“, aber niemand kann mir sagen, was dieses Phänomen eigentlich auslöst …
Ich bin neugierig geworden und beginne, im Internet zu stöbern: Das Morgentief gilt als eines der typischen Symptome für eine Depression.
Warum das so ist, vermag ich bei meiner bescheidenen Recherche zunächst nicht herauszufinden.
Depressive Menschen schliefen schlecht, weil sie so viel grübeln, lautet eine Vermutung. Das kann ich zwar bestätigen, aber nach einer Nacht (oder auch mehreren) mit schlechtem Schlaf sind „normale“ Menschen müde. Übermüdet, todmüde … allerdings – auch wenn es schwerfällt – immer noch in der Lage, aufzustehen. Ich erinnere mich zahlreicher Morgen, an denen ich nach viel zu wenig Schlaf die allergrößte Mühe hatte, nicht beim Frühstück im Sitzen wieder einzuschlafen. An Schulstunden und Vorlesungen, während derer wir einander gegenseitig gepiekt haben, wenn wieder mal die Augen zufielen. Trotzdem war es möglich, sich irgendwie aufzurappeln. Das war nicht dasselbe!
An anderer Stelle lese ich, dass, wer beim zu Bett gehen bedrückt ist und sich einsam fühlt, am nächsten Tag erhöhte Werte des Stresshormons Cortisol hat …
Cortisol schüttet der Körper insbesondere bei Langzeitstress aus, es aktiviert Stoffwechselvorgänge, stellt also sozusagen dem Körper Energie zur Verfügung. Gleichzeitig unterdrückt es das Immunsystem, weswegen ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel krank macht.
Ich googele „Depression und Cortisol“ und stoße in einer Doktorarbeit auf den Hinweis, dass bei einer typischen Depression der morgendliche Peak der Cortisolsekretion ausbleibe. Der was???
Also erst noch einmal „Cortisol“ nachschlagen und siehe da: Der höchste Wert (Peak) wird morgens kurz nach dem Aufwachen erreicht (Cortisol Awakening Response, CAR). Man nimmt an, dass auf diese Weise die Energiereserven des Körpers mobilisiert werden, um diesen auf den bevorstehenden Tag vorzubereiten.
Das scheint sich mir auf den ersten Blick zu widersprechen: Wenn Gefühle von Trauer und Einsamkeit bewirken, dass am nächsten Tag ein ausgeprägter Cortisolschub den Körper in Schwung bringt, dann müssten doch gerade Depressive wie Raketen aus ihren Betten schießen?
In der US National Library of Medicine werde ich – wenn auch unter Mühen (wissenschaftliche Texte in einer Fremdsprache zu lesen, ist dann doch recht anstrengend) – fündig.
Bei gesunden Menschen ist das so. Haben sie einen stressigen Tag oder ein belastendes Ereignis hinter sich, erwachen sie mit einer ausgeprägten Cortisolausschüttung, die ihnen hilft, den nächsten Tag zu bewältigen. Ebenso, wenn sie einen stressigen Tag vor sich haben: Ihre CAR ist flexibel und fällt zum Beispiel je nach Wochentag unterschiedlich aus – so kommen sie am Wochendenende weit gemächlicher in die Gänge, als während einer Arbeitswoche.
Bei depressiven Menschen dagegen ist die CAR häufig unflexibel und/oder wenig ausgeprägt.
Allerdings liefern verschiedene Studien einander widersprechende Ergebnisse und bislang scheint mir das Fazit darin zu bestehen, dass es irgendeinen Zusammenhang zwischen CAR und Depression gibt, auch wenn man noch nicht verstanden hat, welchen genau.

„Die bisherigen Ergebnisse weisen darauf hin, dass in gesunden Populationen ein Anstieg der CAR die Fähigkeit, den Erfordernissen des kommenden Tages gerecht zu werden, besonders begünstigt (zum Beispiel an Arbeitstagen im Gegensatz zu Wochenenden), Stress an diesem bestimmten Tag vermindert und so mit der Bewältigung desselben zusammenhängt. Es ließe sich spekulieren, dass es zu einer Dysregulation (Fehlregulierung) dieses Zusammenhanges kommen könnte, sobald Stressgefühle über längere Zeit nicht mehr effizient bewältigt werden. In diesem Fall könnte eine erhöhte (und möglicherweise unflexible oder steife) CAR sich von einem Signal für Stressbewältigung in eines für Stresserwartung verwandeln. Wie bereits angedeutet ist es wahrscheinlich, dass ab einer gewissen Schwelle eine andauernd erhöhte CAR heruntergeregelt und gedämpft wird. Das könnte erklären, warum einige Studien erhöhte und andere gedämpfte CAR in Zusammenhang mit einer schlechten psychischen Verfassung in Bezug auf Depression beobachten.
Beide Hypothesen müssen in weiteren Studien untersucht werden. Insgesamt offenbaren die Studien eine komplexe und wichtige Verbindung zwischen CAR und der Anfälligkeit für Depressionen.“

Ob eine gedämpfte Cortisolausschüttung die Erklärung für eine bleierne Bettdecke ist? Und was löst dann das „Umlegen des Schalters“ am Nachmittag bzw. Abend aus? Müssten Hormone wie Serotonin und Melatonin nicht ebenfalls eine Rolle spielen? Fragen über Fragen …

Einstweilen tröste ich mich damit, dass mir die Themen für die Schattentaucherin so schnell wohl nicht ausgehen werden und wende mich wieder meinem Mood-Tracker zu.
MoodtrackerIch beschließe, die Tage fortan in Morgen, Vormittag, Nachmittag, Abend und Nacht zu unterteilen und erstelle eine Liste mit verschiedenen Befindlichkeiten und den dazu passenden Farben bzw. Schattierungen.
Eigentlich brauche ich keine 8 Graustufen für depressive Phasen, aber die ganz dunklen Töne sollen mich daran erinnern, dass es mir schon sehr viel schlechter gegangen ist, als das in der letzten Zeit der Fall ist – auch wenn die Tage grau sind, ist es tröstlich, dass es immerhin hellgrau ist.
Und auch keine 5 Grüntöne für „okay“, da müsste mir bei dunkelgrün ja geradewegs die Sonne aus dem Allerwertesten scheinen. Aber noch weniger grün als grau zur Verfügung zu haben, fand ich auch keine schöne Vorstellung. Wenn ich davon ausgehe, dass die Energie der Aufmerksamkeit folgt, dann sollte ich mich der Frage, ob’s heute nicht noch ein bißchen grüner sein darf, sehr aufmerksam widmen.
Weiße Kästchen nach dem Motto „ich hab grad keine Meinung“ wollte ich nicht mehr – so ist, als das dann aber doch einmal der Fall war, „indifferent“ entstanden.
Ruhig und entschlossen rangieren zwar im grünen Bereich, sind aber nicht wirklich positiv: „Ruhig“ bin ich unter anderem, wenn ich nach einem Wein- oder Wutanfall schlicht erschöpft bin. „Entschlossen“, wenn ich vorher sehr wütend war und einen Weg gefunden habe, mich auf konstruktive Weise auszutoben.
„Geschlafen“ steht für solche Momente, in denen ich mich in den Schlaf geflüchtet habe. Dann weiß ich nicht, wie ich mich fühle – genau das ist der Sinn der Sache.
Instabil fühle ich mich, wenn ich merke, dass meine Stimmung zu kippen beginnt, aber selbst nicht weiß, ob ich gereizt oder jämmerlich bin.
Den Rest finde ich mehr oder weniger selbsterklärend: Resignation hat zwar noch einen Blauton wie Trauer und Verzweiflung, mutet aber nicht ohne Grund eher grau an. Aufregung kann auch positiv sein und hat deswegen ein helles Magenta.

Natürlich frage ich mich ab und an, ob ich dem nicht zu viel Aufmerksamkeit widme – man kann es ja auch übertreiben mit der Nabelschau …
Aber schon nach relativ kurzer Zeit fällt mir auf, dass, auch wenn ich ingesamt den Eindruck habe, dass es mir nicht allzu gut geht, das Bild lichter wirkt, als ich vermutet hätte: Auch wenn die dunklen Töne besser in Erinnerung bleiben, die Felder, die ich mal als „nur ein bisschen depressiv“ oder ganz vorsichtig als „vielleicht ganz okay“ markiert habe, läppern sich dann doch.
Und so stelle ich mir vor, dass, sollte ich eines Tages ein paar Jahre nebeneinander legen, eine pointillistische Frühlingslandschaft entsteht …

Der Sommer ist vorbei

Es war ein guter Sommer! Man kann es an meiner Stimmungstabelle ablesen: Erfreulich viele weiße Kästchen (für schlicht und einfach ganz normale Tage) und auch etliche zart- oder gar sattgrüne (für richtig gute).
Ich bin morgens einfach so aufgewacht, oder weil der Wecker klingelte – nicht, weil ich Schmerzen hatte.
Und ich hab tatsächlich angefangen, mich ein wenig in diesem angenehmen Zustand einzurichten.
Ich hab mich sogar getraut, zu einem Fest auf dem Hof einzuladen!

IMG_14101-q-webUnd dann hat ein einziger Rückschlag ausgereicht, all das zunichte zu machen.
Nichts Existenzielles glücklicherweise, einfach nur ein Projekt, eine gute Sache, an die ich mein Herz gehängt hatte.
Die mir das Gefühl gegeben hat, ein Teil von etwas zu sein, etwas zu bewegen, auch dann noch etwas Sinnvolles tun zu können, wenn ich objektiv nicht so fürchterlich viel hingekriegt habe.
Vermutlich kennen wir das alle: Sich voller Engagement und Euphorie in eine Unternehmung stürzen und nach einiger Zeit bemerken, dass man da eigentlich sehr alleine unterwegs ist. Dass man gar nicht wirklich etwas bewegt. Und auch gar niemand da ist, der die eigenen Bemühungen so recht zu schätzen weiß.
Ernüchterung, Enttäuschung, Trauer … womöglich auch Verletztheit, Verbitterung. Aber letztlich gehören solche Erfahrungen zu Leben: Wir lassen los und wenden uns anderen Dingen zu.
Womöglich, um diese Erfahrung ein ums andere Mal zu wiederholen, aber darum geht es mir hier nicht.

Ich bin einfach erschrocken über die Konsequenzen, die diese eine „Pleite“ nach sich zieht.
Nicht nur, dass ich traurig bin. Enttäuscht, verletzt. Im Verlauf weniger Tage rutsche ich in ein depressives Tief ab, liege morgens weinend im Bett, quäle mich durch bleierne Tage. Als wir Gäste zum Mittagessen haben, gelingt es mir nicht, die Mahlzeit bis zum Ende durchzustehen: Ich bekomme keine Luft mehr und befürchte, jeden Moment in Tränen auszubrechen.
Die Schmerzen sind wieder da. Und mein Sehvermögen ist schlechter als je zuvor.

Ich komme mir vor, wie eine dieser Reihen von Dominosteinen: Kippt einer um, fallen alle.
Nur, dass die Steine in meinem Falle nicht auf kleinen Wippen stehen und auch sonst keine lustigen Effekte auslösen. Es entstehen auch keine Muster, wenn sie fallen. Nur ein großer Haufen Elend.

Startschwierigkeiten

Und dann denk‘ ich wieder, ich habe überhaupt keine Depressionen. Ich bin einfach nur undiszipliniert, faul und scheiße. Lahmarschig nicht zu vergessen.
Dass solche Gedanken nicht förderlich sind, ist mir bewußt. Bei anderen jedenfalls. Aber vielleicht sind sie bei mir nur unangenehme Wahrheiten?

Ich liege morgens im Bett und bin durchaus wach. Nicht so zerschlagen und bleiern wie an manchen Tagen. Wach. Vor mir liegt ein ganz normaler Tag, nichts Beängstigendes. Okay, die Aussicht „ein Tag wie alle anderen“ kann unter Umständen hinreichend beängstigend sein, aber so empfinde ich meine Tage auf dem Hof nicht. Ich liege im Bett, starre die Decke an und denke an die Dinge, die ich mir für heute zu tun vorgenommen habe. Meist sind es solche, die ich tatsächlich tun möchte. Irgendwann beginne ich, diejenigen auszusortieren, die ich vor dem Mittagessen sowieso nicht mehr schaffen werde. Später werde ich meine Planung auf die wenigen Dinge eindampfen, die ich tatsächlich erledigen muss. Für „möchte“ ist dann keine Zeit mehr.
Objektiv hindert mich nichts daran, einfach aufzustehen. Ich bleibe liegen. Ich liege da und verachte mich für meine Disziplinlosigkeit. Denn was sonst sollte mich hindern?
Jetzt nochmal einschlafen wäre schön! Wenn ich nochmal aufwache, den Tag noch einmal beginne, dann hab ich zwar TOTAL verpennt, aber das passiert anderen Leuten auch und vielleicht klappt der zweite Anlauf dann besser. Ich starre die Decke an.
Ein Bodyscan trägt häufig dazu bei, dass es mir besser geht, selbst an solchen Tagen, an denen ich mich tatsächlich depressiv fühle oder starke Schmerzen habe. Aber da geht dann noch eine halbe Stunde bei drauf und ich wollte doch längst aufgestanden sein! Stattdessen liege ich da und tue gar nichts.
Bis es mir irgendwann im Laufe des Vormittages doch noch gelingt, mich aufzurappeln. Aber auch dann bin ich immer noch extrem langsam, verbringe mehr Zeit damit, zu überlegen, wie ich das jetzt sinnvollerweise anfange, als ich brauche, um es tatsächlich zu tun. Um rückblickend festzustellen, dass es mir heute doch wahrhaftig gelungen ist, noch vor dem Mittagessen den Tisch zu decken! In solchen Momenten könnte man dann wirklich Depressionen kriegen …

Ein süßes Getränk und ein paar bittere Worte

Schon vor geraumer Zeit habe ich auf der Suche nach dem „warum?“ solcher Tage, an denen ich mich morgens unter einer bleiernen Bettdecke wiederfinde, eine Tabelle angelegt, in der ich neben meiner Stimmung an dem betreffenden Tag alles notiere, was diese beeinflusst haben könnte.
Besondere Vorkommnisse, Konflikte, Schmerzen, aber auch die Mondphasen (man weiß ja nie …).
Gleichzeitig dient sie als Traum-Tagebuch.
Ich bin zwar keine große Traumdeuterin, aber ich glaube schon, dass sich wiederholende Motive eine Bedeutung haben (hierzu ein andermal mehr). An bleiernen Tagen wache ich meist aus zutiefst bedrückenden Träumen auf – wobei ich natürlich nicht wissen kann, ob die Träume das Tief aulösen, oder das Tief die Träume …

Als ich im letzten Herbst eine Ausschlussdiät begonnen habe, bot es sich an, das, was ich gegessen und getrunken hatte, auch gleich hier einzutragen. Eine Angewohnheit, die ich beibehalten habe, da ich zwar unterdessen weiss, dass es ein paar Dinge gibt, die ich nicht oder nur in Maßen essen sollte, aber nicht „sauber“ genug ausgeschlossen habe, um ganz sicher zu sein.

Weil es so praktisch ist (und ich – falls das bisher nicht aufgefallen sein sollte – echt einen Spleen mit Tabellen habe), trage ich mittlerweile auch Geburten und Todesfälle der Weidetiere hier ein.
Aber das nur am Rande …

Als die Tabelle immer größer und unübersichtlicher wurde, kam die Idee auf, Farbmarkierungen zu nutzen. Okay … ich hab nen Knall mit Tabellen …
Depressive Tage erkennt man – wenig originell – an verschiedenen Grauschattierungen. Wut ist rot, Angst violett. Große Weinerlichkeit blau – des Wassers wegen. Instabilität und Reizbarkeit sind gelb bis orange. Und *Tusch!* grün steht für „okay“!
Spannend ist das im Rück- und Überblick: Wenn es mir schlecht geht, kommt es mir immer gleich vor, als sei das der Dauerzustand – ich habe bis heute nicht wirklich gelernt, mir zu sagen „okay, das ist jetzt mal ein blöder Tag …“. Früher war das auch nicht so, da hatte ich graue Phasen, keine Tage. Und so fühlt es sich häufig immer noch an. An der Tabelle kann ich jedoch ablesen, dass es häufig tatsächlich nur einzelne Tage sind.
Rückblickend fällt mir dann auch auf, dass ich manchmal tage- und wochenlang „keine Meinung“ hatte, da waren meine Tage dann weder bemerkenswert gut, noch sonderlich schlecht, sondern einfach normal. So normal, dass ich mich glatt mal nicht mit meiner Befindlichkeit beschäftigt habe. Auch schön!

Dass es einen Zusammenhang zwischen einer längeren „normalen“ Phase und einem Getränk geben könnte, ist mir eher zufällig aufgefallen. Und nein: Damit meine ich kein Pils!
Während meiner Ausschlußdiät, obwohl diese ja recht turbulent begonnen hatte, war ich offenbar recht stabil und guter Dinge: Wenige Kommentare, viele ungefärbte Tabellenkästchen …
In dieser Zeit hatte ich, da es gut für die Verdauung sein soll (und – um ehrlich zu sein – weil das Rezept so lecker klang!) auch eine Kur mit Curcuma in Form von so genannter „goldener Milch“ begonnen. Nach deren Ende mehrten sich die farbigen Kästchen wieder. Grün waren sie eher selten …
Natürlich könnte es auch an der Diät gelegen haben!
Vor die Wahl gestellt, ob ich jetzt entweder wieder jeden Tag einen Becher leckere heiße Milch trinke, oder erneut mit dem Verzicht auf Lebensmittel beginne, die ich gerne esse, hab ich mir halt die Freiheit genommen, mit der lustvolleren Variante anzufangen.
Sollte diese sich als wirkungslos erweisen, kann ich die Diät ja immer noch wieder aufnehmen.
Das scheint aber gar nicht nötig zu sein:
Wenn meine Tabelle nicht lügt und die Götter des Placebo mir kein Bein gestellt haben, trägt Curcuma bei mir zu einer Stabilisierung meiner Stimmung bei.
Eine bahnbrechende Entdeckung ist das nicht: Man sagt Curcuma nach, dass es unter anderem gegen Depressionen helfen soll. Allerdings ist das auf den selben Websites nachzulesen, nach denen auch Achtzigjährige ihren Krebs mit Kokosöl besiegen. Und alle Speckröllchen sich in Wohlgefallen auflösen, wenn man folgende 5 Lebensmittel meidet …
Kurz: Ich bin da eine große Skeptikerin. Und bei Ratschlägen des Tenors „Ach, du hast Depressionen? Da musst du doch nur …!“ prinzipiell bockig.
Sagen wir, bei mir scheint die „goldene Milch“ in meiner jetzigen Lebenssituation eine positive Wirkung zu haben, obwohl ich sie ja anfangs gar nicht deswegen zu mir genommen habe.
Mich freut das sehr und ich genieße jeden „normalen“ Tag! …

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… Dennoch schreibe ich diesen Text mit einem gewissen Unbehagen. Curcuma scheint mir zu helfen. Mir. Jetzt. Auf keinen Fall möchte ich als Ratgeberin der Kategorie „wie Du mit einem einfachen Hausmittel Deine Depressionen besiegen kannst“ mißverstanden werden.
Und ich möchte alle, die erst seit Kurzem mitlesen, sehr eindringlich um etwas bitten:
Wenn Ihr in nächster Zeit einem depressiven Menschen begegnet, fallt bitte nicht mit der Tür ins Haus und ratet ihm zu Curcuma, weil Ihr gelesen habt, dass es Depressionen zu lindern vermag!
Möglicherweise verbringen depressive Menschen mehr Zeit als Ihr in den Wartezimmern von Ärzten, wo man beim Blättern in den Zeitschriften Ratschläge wie diesen in großer Zahl finden kann. Mit einiger Sicherheit ist ihnen bekannt, dass es neben der Schulmedizin alternative Therapieformen gibt. Sie sind in der Lage, zu recherchieren, wenn sie etwas in Erfahrung bringen möchten. Etliche konsultieren sicher nicht nur ÄrztInnen und TherapeutInnen, sondern ziehen auch HeilpraktikerInnen hinzu. Womöglich studieren sie auch Fachbücher und -artikel, die sich mit ihrer Erkrankung befassen.
Vielleicht auch nicht.
Vielleicht ist ihre Erkrankung noch ganz neu für sie und sie müssen erst einmal mit der Tatsache klarkommen, dass in ihrem Kopf etwas nicht stimmt.
Oder sie gehören zu denjenigen, die mit der Erkenntnis zu leben lernen müssen, dass ihre Form der Depression nicht heilbar ist, sondern für immer ein Teil ihres Lebens sein wird.
Aber ganz egal, welcher Typ Depri gerade vor Euch steht: Was lässt Euch glauben, dass Ihr die ersten seid, die mit genau diesem Tip um die Ecke kommen? Ausdauersporthaustierentspannungstraininglichttherapiejohanniskrautnahrungsergänzungsmittelheißesbadbeikerzenscheincurcuma …
Wir haben das alles schon gehört. Ichzichmal. Versprochen!

Ja, Ihr meint es gut!
Und das wäre vollkommen in Ordnung, wenn wir über eine Erkältung oder Dünnpfiff reden würden. Da rät man reflexhaft zu Dampfbädern, Pfefferminzöl, Kamillentee, Flohsamenschalen, Coca Cola und Salzstangen und niemand denkt sich etwas dabei.
Würde Euer Gegenüber Euch erzählen, es leide an Diabetes, Multipler Sklerose oder womöglich Krebs, würdet Ihr dagegen den Teufel tun, zu irgendwelchen Hausmitteln zu raten, selbst wenn Ihr gelesen habt, dass Kokosöl gegen Krebs wirkt.
Denn DAS sind ja richtig ernsthafte Erkrankungen! … klingelt’s?
Depressionen sind ernsthafte Erkrankungen. Unbehandelt können sie durchaus tödlich verlaufen.
Wenn Ihr hier mit sorgenvoller Miene feststellt, dass Psychopharmaka ja abhängig machen (was a. durchaus nicht alle tun und b. bei akuter Suizidgefahr auch nicht das dringlichste aller Probleme ist), sondern stattdessen zitiert, was die Zeitschrift im Wartezimmer Eures Arztes für diesen Fall rät, dann sprecht Ihr uns genau das ab: Dass wir an einer ernsthaften Erkrankung leiden.
Und nicht nur das: Ihr sprecht uns auch schuldig.
Solange wir nicht den letzten Schnickschnack abseits der Schulmedizin ausprobiert haben, sind wir doch selber schuld daran, dass es uns immer noch schlecht geht …
Neeschonklar, so ist das nicht gemeint! Aber genau so kommt es an.

Ich bin selbst ein wenig verwundert darüber, wie bitter mich das immer noch werden lässt …
Oder anders: Es macht mich jetzt bitter. Früher hab ich derlei „Hilfe“ einfach abtropfen lassen und so schnell wie möglich zu vergessen versucht. Heute habe ich die Kapazitäten frei, mich darüber zu ärgern.
Da ich sie aber lieber anders nutzen würde:
Wenn Ihr erfahrt, dass ein Mensch in Eurem Freundes- oder Bekanntenkreis an Depressionen leidet, dann klemmt Euch doch einfach sämtliche tollen Ratschläge und fragt stattdessen, was Ihr tun könnt, wenn es ihm richtig scheiße geht. Und wenn Ihr nichts tun könnt, dann tut halt nichts. Haltet die Normalität aufrecht. Seid da!

Wenn Ihr an die Wirkung von goldener Milch glaubt, dann kocht welche! Trinkt sie gemeinsam!
Aber quatscht keine Opern …